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Donnerstag, 3. Juli 2025

Schweben

Ein Zitat

Ein Weibchen der Gemeinen Schattenschwebefliege sitzt auf der Blüte eines Storchenschnabels.
Foto © Jörg Niederer
"Zu schweben vor Glück ist die schönste Art der Fortbewegung." Angelika Emmert (*1968), Standesbeamtin

Ein Bibelvers - Hiob 26,6+7

"Nackt liegt die Unterwelt vor Gottes Augen. Keine Decke verbirgt den abgründigen Ort. Er spannt den Himmel aus über dem Nichts, verankert die Erde in vollkommener Leere."

Eine Anregung

Männchen der Gemeinen Schattenschwebefliege können oft schwebend in der Luft an einer Stelle verharren. Weibchen dagegen sind eher flugfaul. Schön sind sie allemal. 7-11 Millimeter kleine Juwelen.

"Kleines und Grosses in Wort und Bild" heisst das Thema im Club 60+ vom 10. Juli in der Evangelisch-methodistischen Kirche Bäretswil. Dann werde ich um 14.30 Uhr so einige Beobachtungen von Kleinem und Grossem präsentieren. Diese Schwebefliege wird auch dazugehören. So etwas Schönes kann man nur bewundernd teilen. 

Die harmlosen Insekten sind nicht nur schön, sondern auch nützlich. Ihre Larven ernähren sich von Blattläusen. Und die Fliegen selbst helfen bei der Bestäubung der Pflanzen, die sie besuchen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 24. März 2025

Generationentreffen

Ein Zitat

Ein Postauto-Oldtimer und ein Stadtbus treffen sich in Frauenfeld beim Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jahre lehren viele Dinge, die man von Tagen nicht lernen kann." Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882)

Ein Bibelvers - Josua 13,1

"Josua war sehr alt geworden. Da sagte der Herr zu ihm: 'Du bist nun sehr alt geworden. Aber viele Teile des Landes sind noch nicht erobert.'"

Eine Anregung

Früher wurde das Oldtimer-Postauto wohl als gross empfunden. Heute sieht es klein aus neben dem Stadtbus. So ändern sich die Zeiten. 

Früher, als ich noch jung war, empfand ich mich grösser als heute. Heute fallen mir immer mehr Frauen und Männer auf, die mich überragen. Vermutlich sind die Menschen in der Schweiz zwischenzeitlich durchschnittlich wirklich hochgewachsener als früher. Sicher aber ist auch, dass ich kleiner geworden bin.

Vielleicht gilt das auch in übertragener Weise: Früher empfand ich mich als grossartiger und war vielleicht sogar auch grossmäuliger als heute. Doch mit dem Alter werden die Relationen und Ansichten realistischer. Die Erfahrung lehrt, dass ich mich nicht zu ernst nehmen sollte, dass ich niemandem mehr etwas vorzumachen brauche. Macht mich das allgemeinverträglicher?

Liebt die Welt deshalb die Oldtimer, weil sie nicht mehr über sich hinauswachsen wollen, weil sie abgeschlossen haben mit dem Grösser, Schneller, Besser, weil sie nun auf andere Werte setzen, Werte wie gemütlicher, bescheidener, rücksichtsvoller?

Oldtimer scheinen uns oft auch schöner als heutige Fahrzeuge. Sie sind schön gealtert. Für mich ist es erstrebenswert, statt künstlich jung zu bleiben, natürlich und würdevoll alt zu werden. Mal schauen, wie gut es mir gelingt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 11. Februar 2025

Aufschauen

Ein Zitat

Unterwegs kommt eine Katze und schaut erwartungsvoll zu mir hoch.
Foto © Jörg Niederer
"Zu Jüngeren aufschauen zu müssen, die einst zu uns aufschauten, ist eine Freude für edle, ein Ärger für kleine Seelen." Peter Sirius (1838-1913)

Ein Bibelvers - Epheser 1,18

"Er [Gottes Geist] öffne euch das innere Auge, damit ihr seht, welche Hoffnung er euch gegeben, zu welch großartigem Ziel er euch berufen hat. Er lasse euch erkennen, wie reich er euch beschenken will und zu welcher Herrlichkeit er euch in der Gemeinschaft der heiligen Engel bestimmt hat."

Eine Anregung

"Aufschauen" ist ein beliebtes, häufig benutztes Wort der Lobpreiskultur. Beim Singen wird dann oft stehend mit erhobenen Händen nach oben geschaut, da, wo man Gott erwartet und vermutet. 

Wer klein ist, muss zu den (zumindest körperlich) Grossen hochschauen. Gelegentlich kommt man sich dann auch wirklich klein und unbedeutend vor. Es kann sein, dass das auch die Absicht der "Grossen" ist, die anderen klein zu machen.

Gott ist nicht so. Er, so glaube ich, schaut nicht von oben auf mich herab. im Gegenteil: Gott sucht den Augenkontakt auf gleicher Höhe. Warum sonst ist er Mensch geworden? Ein Kind so klein, dass es in unsere Menschengesichter hochschauen musste.

Gott, der zu uns hochschaut - ein seltsamer Gedanke. Gott aber, der mir gegenübersteht, in meine Augen schaut - ein schöner Gedanke.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 16. Januar 2023

Hart auf hart

Ein Zitat

Zoff auf der Ziegenkoppel beim Kloster Wurmsbach.
Foto © Jörg Niederer
"Vergleiche ich mich in Interlaken mit der Stadt, dann bin ich ganz klein. Aber sehe ich vom Niesen auf Interlaken herab, dann ist die Stadt ganz klein. Es ist eine Frage der Perspektive." Anna Shammas an der Schulung "Missionaler Lebensstil" in Weinfelden.

Ein Bibelvers - Judas 1,2

"Ich wünsche euch Barmherzigkeit, Frieden und Liebe in immer größerem Mass!"

Eine Anregung

Es ging hoch her in der kleinen Zwergziegenkoppel beim Kloster Wurmsbach. Aus irgendeinem Grund war Zank angesagt. Ziegen versuchten einander auf die Hörner zu nehmen, stiessen einander in die Seiten, knurrten sich auf Ziegenart an und immer wieder ging es hart auf hart, prallten Horn auf Horn.

"Hart auf hart", ist eine Redensart, die aus der Zeit stammt, als harte Stahlklingen sich mit harten Stahlklingen kreuzten. Doch sie passt ganz gut auch zu den Hörnern, die dort im Stall mit dumpfem Knall aufeinander trafen.

Auf einer Webseite erklärt ein Ziegenhalter, wie man mit aggressiven Ziegen umgehen soll. So schreibt er: "Einen Bock bei den Hörnern zu packen macht ihn nur noch wilder und Schläge sind für Ziege Kommunikation und nicht per se eine Bestrafung." Mehr Sinn mache ein anderes Vorgehen: Noch einmal der Ziegenhalter: "Sei beim verteidigen deiner Grenzen immer fair. Eine Ziege zu schlagen macht keinen Sinn. Das ist für sie bloss eine Spielaufforderung. Ein Wasserspray, ein Klopfen mit dem Stock auf die Hörner, anblasen oder auf die Nase / Ohren schnippen sind feine aber effektive Methoden, mit denen du deinen persönlichen Raum abgrenzen kannst."

Nun frage ich mich, was wohl ein kluges Vorgehen ist, wenn es zu Konflikten unter Menschen kommt. Wasserspray hilft wohl wenig. Anblasen kann falsch verstanden werden. Hörner haben wir Menschen nicht, um mit einem Stock darauf zu klopfen. Vermutlich ist es auch sinnvoller, beim Herzen anzuklopfen, an die gute Seele zu appellieren. Und noch vorher kann man sich überlegen, ob die Streitsache wirklich so gross ist, wie sie scheint, oder doch eher so, wie Interlaken vom Niesen herunter aussieht: nämlich klein und kaum der Rede wert.

Wie sang doch schon Reinhard Mey: "Über den Wolken / Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein / Alle Ängste, alle Sorgen / Sagt man / Blieben darunter verborgen / Und dann / Würde was uns gross und wichtig erscheint / Plötzlich nichtig und klein".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 8. Januar 2023

Kein Sonntag für das Leichtgewicht

Ein Zitat

Wintergoldhähnchen am Alten Rhein.
Foto © Jörg Niederer
"Achte auf das Kleine in der Welt, das macht das Leben reicher und zufriedener." Carl Hilty (1833-1909) Politiker und Laientheologe

Ein Bibelvers - Sprüche 30,24-28

"Vier sind die kleinsten Lebewesen auf der Erde und doch die größten im Blick auf ihre Weisheit: Die Ameisen sind ein schwaches Volk, aber sorgen schon im Sommer für ihre Nahrung. Die Klippdachse sind ein schwaches Volk, aber bauen sich sichere Wohnungen in den Felsen. Die Heuschrecken haben keinen König, aber ziehen wie ein geordnetes Heer ins Feld. Die Eidechse kann man mit Händen fangen, aber sogar in Königspalästen geht sie ein und aus."

Eine Anregung

Da haben wir ihn: Den kleinsten Vogel Europas. mit 6-8 Gramm Körpergewicht ist das Wintergoldhähnchen ein wahres Leichtgewicht. Zum Vergleich. Kolibris wiegen zwischen 1,8 und 24 Gramm.

Wie alle kleinen Vögel braucht das Wintergoldhähnchen viel Nahrung. Genauer gesagt muss es in den dunklen Wintermonaten in den sieben Tagesstunden soviel fressen wie es wiegt um die langen und kalten Winternächte zu überstehen. So sucht es jeden Tag unermüdlich die Bäume, Zweige und Gebüsche nach kleinen Spinnen und Insekten ab. 

Da haben wir Menschen es besser. Wir können an Sonntagen auch einmal ausruhen, oder einen Gottesdienst besuchen. Ich werde am Allianzgottesdienst in der Reformierten Kirche Linsebühl in St. Gallen mitwirken. Der Gottesdienst beginnt um 10.00 Uhr. Dann werden die Wintergoldhähnchen schon längst ihrer Arbeit und Bestimmung nachgehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Mittwoch, 26. Januar 2022

Winzling ganz gross

Ein Zitat

Ein Zaunkönig sucht die Bachränder nach Futter ab.
Foto © Jörg Niederer
"Es heißt, dass wir Könige auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht." Friedrich II. der Grosse (1712-1786 König von Preussen und Brandenburg)

Ein Bibelvers - 1. Samuel 15,17

"Und Samuel sprach weiter [zu Saul]: 'Du bist doch der Anführer der Stämme Israels, obwohl du dich für unbedeutend gehalten hast. Der Herr hat dich zum König über Israel gesalbt.'"

Ein Anregung

In Europa ist er die Nummer 3 bei den Miniaturen unter den Vögeln. Die noch kleineren gefiederten Mitbewohner gibt es auch in der Schweiz. Spitzenreiter in Sachen "Winzigkeit" ist das Wintergoldhähnchen, dann das Sommergoldhähnchen und dann kommt auch schon der Zaunkönig. Alle drei sind ungefährdet, wobei man dem Zaunkönig wohl am Öftesten begegnet. 

Wie eine kleine braune Maus wuselt er durchs Unterholz, mit Vorliebe in Bachnähe, wo es mehr Mücken und Larven gibt. Für einen so kleinen Vogel hat er ein recht grosses Maul, kann laut trällern und pfeifen.

Aesop hat von ihm schon eine Fabel gekannt, und die Gebrüder Grimm haben diese Geschichte bekannt gemacht. Sie handelt im Wesentlichen davon, warum ein solcher Winzling "König" genannt wird. 

Das hat mit List zu tun. So soll der Zaunkönig sich beim Wettkampf um den Königstitel, bei dem es darum ging, am höchsten zu fliegen, im Gefieder des Adler verborgen haben, um diesen an dessen höchster Stelle noch zu überflügeln. Doch die anderen Vögel misstrauten dem Winzling zu recht und verlangten nun in einem weiteren Wettkampf, dass Vogelkönig werde, wer am tiefsten in die Erde fallen könne. Nun, da hatte natürlich dieses gefiederte Mäuschen klare Vorteile, und verschwand unter der Erde in einem Mauseloch, aus dem es seinen Sieg mit lauter Stimme kundtat. Doch statt inthronisiert wurde der Zaunkönig dort in diesem Loch nun - von der Eule bewacht - gefangen gehalten, was nichts half, denn natürlich gelang dem Piepmatz in seinem angestammten Territorium die Flucht. Jedoch gilt seine Königswürde unter den Vögeln nur im Unterholz, in den Hecken. Ein Zaunkönig halt, aber einer mit grosser Persönlichkeit.

Ich, für meinen Teil lerne, dass ein jeder König oder Königin sein kann, wenn er da bleibt, wo er hingehört; also nicht nach Höherem strebt, sondern das tut, was er oder sie besonders gut zu tun versteht. Den zutrauen kann man sich da am Meisten, wo man sich auch wohl und sicher fühlt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Freitag, 1. Oktober 2021

Faszinierende Einblicke in den Mikrokosmos

Ein Zitat

Details einer Orchideen-Blüte
Foto © Jörg Niederer
Nichts ist so klein, dass es nicht noch immer schön sein kann.

Ein Bibelvers - Matthäus 13,31+32

"Jesus erzählte der Volksmenge ein weiteres Gleichnis: 'Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn: Ein Mann nahm es und säte es auf seinen Acker. Das Senfkorn ist das kleinste aller Samenkörner. Aber wenn eine Pflanze daraus gewachsen ist, ist sie größer als die anderen Sträucher. Sie wird ein richtiger Baum. Die Vögel kommen und bauen ihr Nest in seinen Zweigen.'"

Ein Anregung

Ein Aminosäuren-Kristall wirbelt im Tanz. Ein Polle kugelt über das Krokus-Blütenblatt. Eier von Fruchtfliegen imitieren Blüten, der Flügel einer Stechmücke schillert in fluoreszierenden Farben, ein endoplasmatisches Retikulum durchzieht eine Zelle wie ein winzig kleines Höhlensystem. Die Kieselalge gleicht einem Mandala und menschliches Dickdarmgewebe dem Muster auf Hunderwasser-Bildern. Aus Wüstensand-Körner werden unter dem Mikroskop Edelsteine und die Eier von Fruchtfliegen umhüllt ein weisser Stachelpanzer. Der Schleimpilz ist ein filigranes Bäumchen. Der Kopf der Zecke dagegen würde in einem Film über Ausserirdische eine gute Figur machen. Faszinierend ist auch der Saugrüssel einer Stubenfliege.

All das und viel mehr kann auf den Fotografien entdeckt werden, die für den "Nikon Small World"-Wettbewerb eingereicht worden sind. 

Im Mikrokosmos versteckt sich eine unglaubliche Welt, ein Universum, das es zu entdecken gilt. Staunen ist erlaubt. Ehrfurcht auch. Verschwenderische Geschöpflichkeit, manches geschaffen nur für den Bruchteil eines Augenblicks und doch schöner als alles, was ein Mensch je zustande bringen könnte.

Schaue es dir selbst an und blättere durch die aussergewöhnlichen Aufnahmen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde