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Dienstag, 10. Dezember 2024

Stolperstein

Ein Zitat

Der Stolperstein für Arthur B. Vogt an der Kolosseumstrasse 21 in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

Ein Bibelvers - Daniel 9,4+5

"Ich betete zu meinem Gott, dem Herrn, bekannte meine Schuld und sagte: 'Ach Herr, du großer und furchterregender Gott! Du stehst zu deinem Bund und schenkst denen Gnade, die dich lieben und deine Gebote einhalten. Wir haben Sünden begangen und Unrecht getan, wir haben Schuld auf uns geladen und uns aufgelehnt. Von deinen Geboten und Vorschriften sind wir abgewichen.'"

Eine Anregung

Heute, am internationalen Tag der Menschenrechte ist meine Adventsentdeckung der bisher erste und einzige Stolperstein in St. Gallen. Und ausgerechnet heute ist die Webseite zu den Stolpersteinen nicht erreichbar. Vielleicht ändert das ja in Kürze wieder.

Stolpersteine sind kleine Messing-Gedenktafeln, die am Ort des Geschehens in den Boden eingelassen sind. Dahinter steht ein Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig (*1947). Auch in der Stadt St. Gallen sollen weitere solche Stolpersteine im kommenden Jahr gesetzt werden.

Etwas versteckt an der Kolosseumstrasse 21, unweit vom Bahnhof St. Fiden, wohnte einst Arthur Bernhard Vogt als Sohn einer Schweizerin und eines Tschechen. Geboren 1912 in Gossau war sein Verhängnis, dass er nicht die Schweizer Staatsbürgerschaft hatte und homosexuell war in einer Zeit, als die Homosexualität (bis 1942) noch unter Strafe stand und danach noch lange diskriminiert wurde. Zudem war er mit seiner beachtlichen Grösse von fast zwei Metern eine auffällige Gestalt. 

Nachdem er immer wieder aus verschiedenen Kantonen ausgewiesen und auch mehrfach in der Schweiz inhaftiert wurde, wies man den tschechischen Staatsbürger 1937 aus der Schweiz aus. Das war in der Zeit, als die Einverleibung des Tschechischen Staates in das Deutsche Reich begann. Damit wurde aus dem Tschechen Arthur Vogt der Deutsche Staatsbürger Arthur Vogt.

1943 versuchte Vogt zusammen mit dem Polen Zygmunt Bak bei Lustenau aus Deutschland illegal in die Schweiz auszureisen. Der illegale Ausreiseversuch in die deutschlandfeindliche Schweiz wurde den beiden Männern von deutschen Gerichten als Feindbegünstigung ausgelegt ("...weil er durch seine Flucht die eigene Arbeitsleistung dem Reich entziehen würde...") und sie wurden beide zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Das Urteil wurde am 19. September 1944 in München-Stadelheim vollzogen.

Weltweit gibt es heute schon über 100'000 Stolpersteine. Wie wäre es, wenn du an diesem Menschenrechtstag einen Stolperstein in deiner Region besuchst? Wikipedia listet alle bisher gesetzten 37 Stolpersteine in der Schweiz auf.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Freitag, 22. März 2024

Wien und das jüdische Erbe

Ein Zitat

Ein erleuchteter Davidstern auf einem Mast erinnert in Wien an die einstige jüdische Gesellschaft und Kultur.
Foto © Jörg Niederer
"Antisemitismus ist keine Meinung. Er ist eine Perversion. Eine Perversion, die tötet." Jacques Chirac (1932-2019) anlässlich einer Rede zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Paris am 25. Januar 2005

Ein Bibelvers - Esther 3,6

"Man hatte Haman gesagt, zu welchem Volk Mordechai gehörte. Nun wollte Haman alle Juden vernichten, die irgendwo im Reich von König Xerxes wohnten. Denn sie waren das Volk, zu dem Mordechai gehörte."

Eine Anregung

Erst als mich mein Wiener Kollege Stefan Schröckenfuchs auf sie aufmerksam gemacht hatte, sind sie mir aufgefallen. Die Mahnmale bei einstigen jüdischen Einrichtungen. Am Tag und aus seitlicher Distanz sehen sie wie wirre, an verwelkende Blumen erinnernde Stahlrohrrosetten auf einem Mast aus. Erst wenn man darunter steht und nach oben schaut, formt sich aus dem Rohrgewirr ein Davidsstern. In der Nacht leuchtet er wie eine Lampe die Umgebung aus. Jeden Tag bin ich vom Hotel zur Kirche an einem dieser Sterne vorbeigekommen, da wo einst der Storchentempel in die Häuserzeile integriert war. Wie viele andere wurde er 1938 durch die Nationalsozialisten zerstört.

Die Evangelisch-methodistische Kirche Wien Fünfhaus befindet sich in einer einst stark jüdisch geprägten Gegend. Auf dem Weg in die Innenstadt kamen wir auch einmal an der 2011 künstlerisch gestalteten Gedenkstätte für den ebenfalls 1938 mit Handgranaten in Brand gesetzten Turnertempel vorbei, die überhaupt dritte, in Wien gebaute Synagoge. Bei Wikipedia lese ich: "Im Jahr 1935 gab es in Wien 6 Tempel, 89 Bethäuser, 55 zeitweilige Beträume, 55 Sprach- und Bibelschulen, 18 Seelsorger, 73 Religionslehrer und 117 religiöse Vereine... Insgesamt verfügte Wien in den Jahren vor 1938 bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zwei Millionen über einen jüdischen Bevölkerungsanteil von rund 10 % bzw. rund 200.000 Personen. Nach 1945 zählte Wien etwa 5.000 jüdische Einwohner, bei der letzten Volkszählung 2001 waren es rund 7.000, das sind weniger als 0,5 %." 

1938 steht für den Auftakt einer beispiellosen Zerstörung jüdischen Lebens in Europe durch die Nationalsozialisten. In Wien und an vielen Orten ist es augenfällig.

Heute werden die Stimmen wieder lauter, die auf irreale Weise den Juden die Schuld am Elend in der Welt geben. In vielerlei Hinsicht ist dies eine Täter-Opfer-Umkehr. Am selben Tag, an dem wir den Platz beim einstigen Turnertempel passierten, begegneten wir bei der Hofburg einem kleinen, aber lautstarken Umzug von systemkritischen Menschen und Verschwörungsgläubigen. Allen voran drei, vier Freiheitstrychler, die vielleicht extra dafür aus der Schweiz angereist waren. Diese zusammengewürfelten Menschengruppen sind ein fruchtbarer Nährboden für den Antisemitismus.

Als christliche Kirchen ist es gut, wenn wir an den Seiten all der Menschen stehen, die allein ihres Glaubens und ihrer Herkunft wegen verleumdet und verfolgt werden. Dazu gehören nebst den Christinnen und Christen in vielen Ländern bei uns immer auch die jüdischen und muslimischen Menschen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 30. Januar 2024

Falsches Vertrauen

Ein Zitat

Skizze, wohl aus dem Warschauer Ghetto, ausgestellt im Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN in Warschau.
Foto © Jörg Niederer
"Was ist Krieg? Das Schlimmste, dann kommt das ganze Volk ins Elend. Die einen haben Nutzen vom Krieg, und die anderen sterben." Aus dem Bericht von Zanwel Krigman, Bewohner des Warschauer Ghettos

Ein Bibelvers - Esther 3,7

"Es kam das zwölfte Regierungsjahr von König Xerxes. Gleich im ersten Monat, im Nisan, warf man für Haman Lose, die 'Pur' hießen. So wollte er Tag und Monat feststellen, an dem er Mordechai und sein Volk [Israel] vernichten könnte. Das Los fiel auf den 13. Tag im 12. Monat, dem Adar."

Eine Anregung

Vor 91 Jahren, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler Reichskanzler von Deutschland, ganz legal, getragen vom Frust im Land und seiner Propaganda. Vier Wochen später stand das erste Konzentrationslager. Sieben Wochen später war das Parlament entmachtet. Sechs Jahre später begann der 2. Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen. 1942, also 9 Jahre später kam es zu den Deportationen von Juden aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager nach Treblinka. Ein weiteres Jahr später folgte der jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto, der vom 19. April bis 16. Mai 1943 dauerte. Am Ende des ersten Weltkriegs, 12 Jahre später, waren 6 Millionen Juden tot. Der 2. Weltkrieg kostete insgesamt 70 Millionen Menschen das Leben.

Warum konnte dies alles geschehen? Ich glaube, weil viele Menschen sich einen Aufstieg erhofften durch die Versprechungen der neuen Machthaber, ein Leben, in dem sie mächtig, und nicht nur gewöhnlich sind. Sie hofften, dass da einer kommt, der sie wieder gross macht, ihnen wieder Stolz und Selbstachtung zurückgibt. Doch wer viel verspricht und zugleich Menschengruppen ausgrenzt, wie das aktuell besonders im Asylbereich Gang und Gäbe ist, dem sollte mit aller Macht misstraut werden. Nur wer liebevoll mit den Schwächsten der Gesellschaft umgeht, und niemand zum Sündenbock stempelt, verdient Vertrauen und Unterstützung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 25. Juli 2022

Der letzte Jude von Wangen

Ein Zitat

Der jüdische Friedhof von Wangen auf der deutschen Seite des Untersees.
Foto © Jörg Niederer
"Meine Eltern waren eigentlich beiden nicht fromm. Wir haben natürlich als Kinder gebetet, aber das haben uns die Dienstmädchen beigebracht." Hannelore König, Tochter von Nathan Wolf und Auguste Neuhaus

Ein Bibelvers - 1. Mose 23,19

"Anschließend bestattete Abraham seine Frau Sara in der Höhle auf dem Grundstück in Machpela. Das liegt östlich von Mamre bei Hebron im Land Kanaan."

Ein Anregung

Im Ort Wangen auf der deutschen Seite des Untersees lebten seit dem 17. Jahrhundert Juden. Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich die jüdische Gemeinschaft aus einem Drittel der Bevölkerung zusammen. Es gab eine jüdische Schule und auch eine Synagoge. 

1971 starb Selma Wolf, die letzte weibliche Jüdin des Dorfes, ein halbes Jahr nach ihrem berühmteren Bruder Nathan Wolf, dem letzten männlichen Juden.

Gestern standen wir auf unserer Wanderung vor den Mauern des jüdischen Friedhofs von Wangen. Er befindet sich in einem wuchernden Wald, und ist über eine verfallende Forststrasse erschlossen. Mit grossem Respekt haben wir einen Blick auf die Grabstätte geworfen.

Über die Familie Wolf aus Wangen gibt es umfangreiches Material im Internet. Dazu einige Beobachtungen. 

Nebst Selmas und Nathans Grab findet sich auch das von einem weiteren Bruder, von Wilhelm Wolf auf dem besagten Friedhof. Er nahm sich 1920 im Alter von 33 Jahren das Leben. Auf seinem Grabstein steht: "ein herzensguter Sohn und Bruder / ein tapferer Krieger / ruht hier in der geliebten Heimat-Erde". Speziell auf diesem Grabstein ist ein Kreuz, das aber wohl nicht christlich zu verstehen ist. Es hat die Form eines typischen deutschen Verdienstkreuzes.

Die Familie Wolf war sehr patriotisch eingestellt. Nathan kämpfte mit Überzeugung im 1. Weltkrieg. Er war Arzt und mit Auguste Neuhaus, einer Katholikin, verheiratet. Sie hatten zwei Kinder, die während des Nationalsozialismus als Halbjuden und Kinder einer Arierin nichts zu befürchten hatten. Nathan dagegen schon, wurde er doch nach dem Brand der Synagoge in der Reichskristallnacht vorübergehend in Dachau inhaftiert. Während der Kriegsjahre lebte er im Schweizer Exil in Stein am Rhein. Weil er einer Berliner Jüdin bei der Flucht half, wurde er von den Schweizer Behörden zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt – wegen "Emigrantenschlepperei". Nur knapp entging er der Ausweisung aus der Schweiz.

Nach 1945 kehrte er nach Wangen zurück, wo er durch die französische Besatzung vorübergehend als Bürgermeister eingesetzt wurde. Für den Ort blieb er aber vor allem als Arzt von Bedeutung. Abenteuerlustig war er auch in späteren Jahren. Im Februar 1956 fuhr er mit seinem Auto über den zugefrorenen Untersee nach Steckborn. Kurz vor erreichen des Ziel brach das Auto im Eis ein und versank. Es gibt davon Fotos auf der Webseite über die Familie. 1962 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 1970 verstarb er 88-jährig. Auf seinem Grabstein kann man lesen: "Hier ruht der letzte Jude des Dorfes. Bald wird Gebüsch den Stein bedecken. Doch wird sein Grab nicht vergessen werden. Denn mehr als er liegt hier begraben."

Erst 2004, 34 Jahre nach seinem Tod und mehr als 60 Jahre nach dem Strafurteil, hob die Schweiz das besagtes Urteil wegen Fluchthilfe wieder auf.

Vieles mehr kann man von dieser bedeutenden jüdischen Familie auf der Höri, der Halbinsel zwischen Radolfzell und Stein am Rhein erfahren, wenn man sich in die Bilder, Tondokumente und Texte auf der Webseite vertieft, die Anne Overlack verdienstvoller Weise zusammengetragen hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 13. Juli 2022

Schweiz-österreichische Fluchtgeschichten

Ein Zitat

Auch beim alte österreichische Zollamt bei der Schmitterbrücke Diepoldsau gibt es Fluchtgeschichten.
Foto © Jörg Niederer
"Wir haben es geschafft! Hoffe euch alle gesund! Und alles in Ordnung. Nun mein Bericht!" Willy Geber nach seiner Flucht in die Schweiz in einem Brief nach Wien im August 1938

Ein Bibelvers - Jesaja 60,18

"Dann hört man nichts mehr von Gewalt in deinem Land. In deinem Gebiet gibt es weder Verwüstung noch Zerstörung. Deine Mauern nennst du 'Rettung', deine Tore tragen den Namen 'Ruhm'."

Ein Anregung

Seit dem 3. Juli finden sich entlang der Radroute Nr. 1, von Bregenz bis Partenen, und an ausgewählten Orten in der Schweiz und in Liechtenstein 52 symbolische Grenzsteine. Dort befindliche Hörstationen erzählen von Flüchtlingsschicksalen, und laden per QR-Code dazu ein, sich auf die Geschichte des jeweiligen Ortes einzulassen, innezuhalten und die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen. Es geht um die Zeit von 1938-1945.

Zehn der Stationen befinden sich in der Schweiz und Liechtenstein. Da erfährt man vom Protest einer Rorschacher Schulklasse gegen die Flüchtlingspolitik jener Zeit. Es wird von gelungener Flucht erzählt, von Paul Grüninger natürlich und dem Konsul und Methodisten Carl Lutz aus Walzenhausen, aber auch von aufgegriffenen Flüchtenden, deren Leben unter dem nationalsozialistischen Schafott endete.

Hinter diesem Hörweg steht das Jüdische Museum Hohenems. 

Ich finde das eine sehr gute Sache. Und sehr gut ist auch, dass die Hörstationen auch von zu Hause aus angehört und die Dokumente dazu auf der Webseite eingesehen werden können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde