Freitag, 31. März 2023

Seilziehen

Ein Zitat

Banner über eine Tauzieh-Meisterschaft in der Nähe von Freiburg im Breisgau.
Foto © Jörg Niederer
"Tauziehen ist die abwechslungsreichste Art, mit anderen an einem Strang zu ziehen." Wolfram Weidner

Ein Bibelvers - 2. Samuel 22,6+7

"Mit Stricken der Unterwelt war ich gefesselt. In Fangnetze des Todes war ich geraten. In meiner höchsten Not rief ich den Herrn."

Eine Anregung

Es war vor etwa fünf Jahren, da ruhte ich mich nach einer 20-Kilometer-Wanderung in extremer Sommerhitze auf einem Parkplatz aus. Gegenüber hing ein Banner, das für einen Seilziehanlass unweit von Freiburg in Breisgau warb. Tauziehen nennt man diese Sportart in Deutschland.

Gestern habe ich gelesen, dass in etwa 5 Jahren die Seilzieh-Weltmeisterschaften 2028 in St. Gallen stattfinden werden. Eine Woche lang werden die Wettkämpfe dauern auf der Sportanlage Gründenmoos.

Seilziehen: Mir kommt der Schulsport in den Sinn, aber auch das Militär. Gezogen habe ich am Seil in Ferienlagern, und im übertragenen Sinn auch schon einmal in der Kirche.

Sehr gut kann ich mich an den Weltrekordversuch von 1984 in Lenzburg erinnern. Damals zogen 880 Personen an einem Strick. Dem hielt das Seil nicht stand, riss mit grossem Knall. Die freigewordene Energie tötete einen Menschen, weitere 24 wurden schwer verletzt und etliche hatten massive Schürfbrandwunden an den Händen oder verloren Finger. 

1995 wiederholte sich bei einem anderen Tauzieh-Rekordversuch in Deutschland die Katastrophe. Dort starben zwei Kinder. 

Diese Beispiele demonstrieren, welche Kräfte freigesetzt werden, wenn Menschen zusammen an einem Strick ziehen. Miteinander entwickelt man eine unglaubliche Power. Das gilt aber nur, wenn die Beteiligten gemeinsam in die gleiche Richtung zieht. Oft aber neutralisieren sich Menschen mit ihren entgegengesetzten Anliegen. Dann heisst es: Das Seilziehen um dies oder das geht weiter...

In der Bibel findet sich das Bild vom Tod, der uns wie an einem Strick ins Verderben, in die Unterwelt zieht. Doch im Hohelied heisst es auch: "Denn die Liebe ist stark wie der Tod, unersättlich wie das Totenreich ist die Leidenschaft." (Hohelied 8,6) Es ist folglich die Liebe, die der Zugkraft des Todes widerstehen kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 30. März 2023

Nomen est Omen

Ein Zitat

Mulde des Recycling-Unternehmens Wiederkehr.
Foto © Jörg Niederer
"Anonymus: der in der gesamten Literatur am häufigsten vorkommende Autor." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 1. Mose 17,4+5

"Da sagte Gott zu ihm: 'Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst der Stammvater vieler Völker sein. Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern dein Name soll Abraham sein.'"

Eine Anregung

"Nomen est Omen", sagt man. Etwa wenn eine Recycling-Firma treffen "Wiederkehr" heisst. Beim Recyceln geht es doch darum, alte Dinge auf andere Weise wieder zu verwendet, sozusagen in ein neues Leben zurückführen.

Andere Beispiele: Ein langjähriger Mitarbeiter im Installationsgeschäft meines Vater hiess mit Nachnamen "von Rohr". Passender hätte er, der viel mit Rohren zu tun hatte, doch gar nicht heissen können. Ob es auch so gut passt mit dem Namen bei der "Schreinerei & Bestattungen Matthias Teufel"? Will man wirklich vom Herr Teufel beigesetzt werden? Auch lustig ist die Verbindung von Namen und Berufszweig bei der "Vinothek Bittermann".

Wie möchten wir aber heissen, wenn es darum geht, damit die eigene Lebens-Leidenschaft zu benennen. Auszeichnungen könnten Namen sein wie Gutmann, Gütig, Fromm, Langmut, Hoffnung, Gutmensch, Beistand, Fröhlich und viele mehr.

Für alle, deren Namen so gar nicht zur Person passt, sei gesagt: Gott sieht das Herz an, wenn er dich beim Namen ruft. Gott kennt und anerkennt dich im Guten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 29. März 2023

Totenvogel und Intelligenzbestie

Ein Zitat

Martin Schilt, er führte Regie beim Film Crows-Krähen, beantwortet anschliessend an die Vorführung im Schlosskino Frauenfeld Fragen aus dem Publikum.
Foto © Jörg Niederer
"Krähen und Raben haben mich durch dieses Jahr begleitet, von den Wäldern Maines bis an die Wiener Autobahnbrücke. Sie werden mich etwa am Polarkreis, in Neukaledonien und Japan auch weiter noch eine ganze Weile begleiten - und sie werden mir ihre Geschichten erzählen. Geschichten, die im Grunde zugleich auch jene der Menschen sind." Attila Boa, Kameramann (1966-2023)

Ein Bibelvers - Psalm 147,7+9

"Singt dem Herrn beim Dankopfer ein Lied! Musiziert für unseren Gott mit der Leier!... Den Tieren gibt er genug zu fressen. Krächzen die jungen Raben, füttert er sie."

Eine Anregung

Irgendwo hat es immer eine Krähe. Wenn ich aus dem Fenster blicke, wenn ich durch die Stadt schlendere, irgendwo sitzt oder fliegt eine von ihnen. Da wo die Menschen leben, sind auch die Krähen und Raben.

Am Montag haben wir den Film "Crows-Krähen" von Regisseur Martin Schilt angeschaut. Faszinierend, was da über den Bildschirm flatterte und hüpfte. Und wirklich: Irgendwo hat es immer eine Krähe. Sie begleiten uns Menschen, sie wohnen, wo wir leben, sie beobachten uns und wahrscheinlich reden sie miteinander in einer komplexen Sprache auch über uns. Sie unterscheiden Freund und Feind, sie finden sich zusammen zu grossen Schwärmen, sie nutzen geschickt die Aufmerksamkeit oder auch Unaufmerksamkeit von uns Menschen zu ihrem Vorteil. Ihre Nester bauen sie auch einmal aus stibitzten Drahtkleiderbügel. Selbst Werkzeuge stellen sie her und fischen damit nach Futtertieren.

Krähen sind wie ein Spiegel der Menschen. Vielleicht darum werden sie geliebt und gehasst.

Ich war fasziniert von den Bildern, eingefangen vom bekannten Filmemacher Attila Boa, bekannt vom Bienenfilm "More than Honey". Er überlebte die Premiere des Films nur um wenige Tag. Am 7. Februar ist er nach schwerer Krankheit verstorben.

Im vollen Kinosaal war auch Regisseur Martin Schilt und stellte sich den Fragen. Mit neun Jahren habe ihn sein Sohn - damals begeistert von Vögeln - dazu inspiriert, einen Film über Rabenvögel zu drehen. Nun, nach 10 Jahren sei der Film fertig und sein Sohn in einem Alter, da in andere Dinge mehr interessieren würden.

Raben sind in der Bibel wie überall sonst vorurteilsbehaftete Tiere. Sie treiben sich im Müll herum, finden sich auf Ruinen, folgen dem Blut der Kriegsknechte und gesellen sich zu den Hingerichteten auf den Galgen. Folglich gelten sie als unrein. Aber da und dort werden sie auch zu Gottesboten. Elia wird von Raben mit Essen versorgt. Noah sendet den Raben als Boten aus, um zu sehen, ob sich nach der Sintflut Land zeige. Seeleute orientierten sich am Erscheinen dieser Landvögel. All das zeigt: Der Satz "Irgendwo ist immer eine Krähe" stimmte auch schon zu biblischen Zeiten.

Ich kann diesen Film sehr empfehlen. Wer in schauen möchte, vielleicht mit jemandem zusammen, für den oder die hätte ich da noch ein Ticket zu vergeben, bei dem eine von zwei Personen gratis ins Kino kommt. Der ersten Person, die sich bei mir meldet, werde ich diesen Eintrittsschein zustellen. Also bitte melden!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 28. März 2023

Ein Gang über die Farbenbrücke

Ein Zitat

Regenbogen über dem Schulhaus Oberwiesen in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn die Sonne den Regen küsst, lächelt der Himmel in seinen schönsten Farben." Helga Schäferling

Ein Bibelvers - Hesekiel 1,28

"Ringsum glänzte es wie der Bogen, der an Regentagen in den Wolken erscheint. So sah die Herrlichkeit des Herrn aus. Als ich sie sah, warf ich mich nieder, mit dem Gesicht zum Boden."

Eine Anregung

In konservativen christlichen Kreisen habe ich immer wieder einmal gelesen oder gehört, dass die Farben des Regenbogens als Symbol für die Vielfalt von Schwulen und Lesben verkehrt herum dargestellt würden. Also nicht von aussen gesehen Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett, sondern so, dass der Regenbogen aussen mit Violett beginnt und innen mit Rot endet.

Das scheint aber schlichtweg ein Falschbehauptung zu sein, vielleicht, um diese Menschen als "verkehrt" zu desavouieren. Ich habe genau ein Foto gefunden, auf dem die Regenbogenfahne oben mit Violett beginnt, und da hält sie Donald Trump bei einem Wahlkampf in der Hand. Auf der Fahne steht: "LGBTs for TRUMP". Ob er das wohl selbst auf die falsch ausgerichtete Regenbogenfahne geschrieben hat? 

Der Regenbogen ist ein Brückensymbol. Es bringt Gott und Mensch zusammen, Himmel und Erde, Menschen verschiedener Nationen, Kulturen, Ausrichtungen; er steht für Harmonie, Ganzheitlichkeit, für die Erhaltung der Natur oder Schöpfung, für Frieden und noch für einiges mehr. 

Bei uns in der Familie freuen sich immer alle, wenn sie einen Regenbogen sehen. Am vergangenen Samstag war es wieder einmal soweit. 

In diesem Zusammenhang kam mir ein Lied in den Sinn, das ich als Kind sehr gern gesungen habe: "Mini Farb und Dini, das get zäme zweu, währeds drü, vier, füüf, sächs, siebe, wo gärn möchte zämeblibe, gäbs e Rägeboge..." Die Mobbingbeispiele, die in den Strophen anklingen, mögen an Aktualität etwas eingebüsst haben, aber sonst finde ich den Kindersong immer noch ansprechend.

Wem das nicht so gefällt, kann ja zum Klassiker greifen: "Somewhere over the Rainbow", hier in der Version von Israel "IZ" Kamakawiwoʻole.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. März 2023

Atemraum des Lebens

Ein Zitat

Familie Storch vor der Weite des Weltalls.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Seele voller Dankbarkeit ist wie ein Fluss voller Wasser, der nie versiegt." Esther Jonhson (1965-)

Ein Bibelvers - Johannes 1,1-3

"Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. Dieses Wort gehörte von Anfang an zu Gott. Alles wurde durch dieses Wort geschaffen. Und nichts, das geschaffen ist, ist ohne dieses Wort entstanden."

Eine Anregung

Kosmologien gibt es viele. Also Erklärungen, wie die Welt, das Universum und wir Menschen entstanden. Die Gängige ist die über den Urknall. Begründet wird dies mit der vom einem Punkt ausgehenden beständigen und sich gleichzeitig verlangsamenden Ausdehnung des Universums.

Folgendes habe ich gelesen: "Wir sehen sie nicht – aber Mikroorganismen sind überall. Ein Kubikzentimeter Erde enthält etwa eine Milliarde Bakterien, ein Teelöffel Wasser aus einem See eine Million, ein Kubikmeter Luft etwa 1.000 Keime." Was wissen die Mikroben und Bakterien davon, dass sie selbst Teil viel grösserer Organismen sind? Könnte es nicht wiederum sein, dass wir selbst Mikroben gleich Teil eines noch viel grösseren Seins sind ohne dies erkennen zu können. Oder sind wir vielleicht nur Teil der Atemluft einer jenseits unserer Welt lebenden Existenz. Was wäre, wenn unsere Welt genau einen solchen Atemzug lang existieren würde, und das, was wir Ausdehnung des Universums nennen, nichts weiteres ist, als der sich ausweitende Atemraum? In diesem Atem, irgendwo in den dabei entstandenen Verwirbelungen und Bewegungen sind Moleküle, und auf einem dieser Moleküle, der Erde, leben wir, und versuchten die Welt zu verstehen.

Doch dann kommt der Moment, an dem das Ausatmen endet, die Ausdehnung des Universums sein Maximum erreicht, und diese jenseitige Existenz alles Ausgeatmete wieder einatmet. Himmel und Erde vergehen, und ein neues Ausatmen lässt einen neuen Himmel und eine neue Erde entstehen.

Ach ja, und natürlich könnte dieses jenseitige Wesen selbst wieder ein Fäserchen des Atems eines noch viel jenseitigeren Sein sein.

Gut, das alles ist nun nicht mehr als eine Montagmorgenphantasie eines Menschen, der letztlich diese Welt nie ganz verstehen wird. Darum gab es schon immer Schöpfungsgeschichten, welche das Unerklärliche zu erklären versuchen: Dass nämlich irgendeinmal das Bewusstsein über das eigene Sein entstanden, die Verwunderung, dass es Leben gibt und dass da nicht einfach nur Nichts ist. Es ist halt schon ein grosses Wunder, das Leben, und etwas Heiliges, Ehrfurchtgebietendes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 26. März 2023

Loben und Beten

Ein Zitat

Abendmahlsfeier im Jahr 2010 in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Warschau, Polen.
Foto © Jörg Niederer
"Strahlen brechen viele aus einem Licht. Unser Licht heißt Christus. Strahlen brechen viele aus einem Licht – und wir sind eins durch ihn." Lied 411 aus dem methodistischen Gesangbuch

Ein Bibelvers - Kolosser 3,15

"Und der Friede, den Christus schenkt, lenke eure Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Und dafür sollt ihr dankbar sein!"

Eine Anregung

Nebst dem Lobpreis wird heute in der Methodistenkirche St. Gallen für die Menschen in Polen gebetet. Das Hilfswerk Connexio schreibt zur Situation in Polen:

"Über zehn Millionen Menschen aus der Ukraine haben in Polen Schutz vor dem Krieg gefunden. Viele von ihnen sind wieder zurückgereist oder weitergezogen; andere wollen – zumindest vorerst – bleiben und versuchen, sich zu integrieren. In Polen haben viele Menschen Angst, dass auch ihr Land angegriffen werden könnte. In diesen schwierigen und unsicheren Zeiten will die Kirche ein echtes Werkzeug des Friedens sein: Gemeinden und Familien haben ihre Türen und Herzen für Menschen aus der Ukraine geöffnet, sie organisieren Hilfstransporte, helfen bei Alltagsfragen und tragen die Nöte der Geflüchteten mit. Viele beten seit Monaten um Frieden. Die Kirche gibt auch das Evangelium durch Angebote für Kinder und Jugendliche weiter. Wichtig ist ihr zudem die Radio- und Fernseharbeit und dass neue Gemeinden gegründet werden können."

Der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr. Eine Übertragung via Internet findet nicht statt. Alle sind herzlich an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 25. März 2023

Mitmenschen

Ein Zitat

Flüchtige Begegnungen am Hauptbahnhof in Zürich
Foto © Jörg Niederer
"Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen." Albert Schweitzer

Ein Bibelvers - Römer 15,1+2

"Es geht ja nicht darum, was uns gefällt. Vielmehr soll jeder von uns so handeln, wie es seinem Mitmenschen gefällt. Das tut diesem gut und hilft, ihn aufzubauen."

Eine Anregung

Es sind die Begegnungen mit anderen Menschen und mit Gott, die uns zum Segen werden. Dazu ein Gebet von der Methodistenpfarrerin Helen Cameron, die auch Vorsitzende der Freikirchenvereinigung von Grossbritannien ist. 

"Segne alle, denen ich heute begegne, und diejenigen, die mir etwas von sich selbst schenken werden: ihre Liebe, ihr Wissen, ihre Weisheit und ihre Gnade.

Möge ich heute mit Freude die Gaben der anderen annehmen, meine Nächsten in mein Leben einbeziehen und dabei dir, dem Gott aller Gnade, begegnen.

Gestalte mich, heiliger Gott, in und durch meine Nächsten an diesem Tag. Umgib uns mit deiner freien und selbstlosen Liebe.

Amen" 

Ich wünsche uns allen gute Begegnungen an diesem Tag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 24. März 2023

In der Zeit gehalten

Ein Zitat

Die Rückseite der binären Uhr am Bahnhof St. Gallen und die Menschen auf dem Weg.
Foto © Jörg Niederer
"Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will." John Steinbeck (1902-1968)

Ein Bibelvers - Jesaja 38,7+8

"'Daran sollst du erkennen, dass der Herr sein Versprechen hält: Du kennst doch die Treppe, die Ahas gebaut hat. Je nach Sonnenstand fällt Schatten auf ihre Stufen. Den werde ich um zehn Stufen nach oben steigen lassen, obwohl er schon weitergegangen ist.' Da bewegte sich die Sonne zurück, und der Schatten stieg um zehn Stufen nach oben."

Eine Anregung

"Die Uhr, die niemand lesen kann" titelte SRF. Gemeint ist die binäre Uhr am Bahnhof St. Gallen, welche Stunden, Minuten und Sekunden anzeigt. Wenn sie denn nicht durch das Gegenlicht und von der falschen Seite betrachtet unleserlich wird, so wie auf dem Foto. Oder anders: Durch die Anzeige aller Symbole zeigt die Uhr 31 Uhr 63 Minuten und 63 Sekunden an. Das ist natürlich Unsinn. (Hier kannst du die binäre Uhr lesen lernen!)

Einige Zeit ging die binäre Uhr falsch, was bemerkt wurde von Personen, welche sie eben doch lesen können. Diese Kinderkrankheit ist behoben. Am Tag, als das Foto entstand, war sie deutlich genauer als die Domuhr, die morgens um 09.10 Uhr schon den Viertelstundenschlag ertönen liess.

Die Sonne ihrerseits stand so hoch am Himmel, dass jemand, der mit ihr vertraut ist, wenigsten an ihr die ungefähre Zeit hätte ablesen können. Mir fehlt aber diese Fähigkeit. Ich habe das nie gelernt, also musste ich es auch nie verlernen, um es nicht mehr zu können.

Dort, am Morgen am Bahnhof im Gegenlicht wurde die Zeit unbedeutend. Nicht zeitlos. Dazu gibt es an Bahnhöfen genug genau gehende und gut ablesbare Mondaine Bahnhofsuhren von Ingenieur und Gestalter Hans Hilfiker. Auch Züge, die mehr oder weniger pünktlich eintreffen oder losrollen. Auch am nächsten Sonntag werden diese Uhren sommerzeitmässig richtig gehen. 

Aber dass die Sonne die Zeitwahrnehmung für kurze Zeit in andere Bahnen lenkte, während sonst alles seinen gewohnten Gang ging oder nicht ging, das ist wie der Blick in eine Welt, in der wir alle nicht Getriebene sind, sondern Gehaltene.

Also: Für heute sei gehalten, mit oder ohne genaue Uhrzeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 23. März 2023

Wasser der Tiefe

Ein Zitat

Ein Teil der Steinach verschwindet bei der Talstation der Mühleggbahn im Untergrund von St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Dennoch haben auch weiterhin rund zwei Milliarden Menschen weltweit keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. Eine unfassbare Zahl. Etwa 771 Millionen Menschen haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser." unicef zum Weltwassertag 2023

Ein Bibelvers - 1. Mose 7.11

"Es war in Noahs 600. Lebensjahr, am 17. Tag des zweiten Monats. An diesem Tag brachen alle Quellen des Urmeers auf, und die Schleusen des Himmels öffneten sich."

Eine Anregung

Das Foto entstand gestern am "Weltwassertag". Zu sehen ist, wie Wassers der Steinach gleich nördlich der Talstation der Mühleggbahn mit hoher Geschwindigkeit im Untergrund von St. Gallen verschwindet. Durch eine Röhre (oberirdisch sieht es ein wenig wie ein Ziehbrunnen aus) kann man dem Rauschen des Wasser lauschen und beobachten, wie die Steinach mit Drall in die Tiefe stürzt. Erst wieder beim Stadion Espenmoos wird aus dem Untergrundfluss ein Oberflächenwasser. Die goldige Farbe des Wassers ist die Folge der speziellen Belichtung der Kamera und vielleicht auch ein bisschen dem Sonnenlicht zu verdanken.

Goldiges Wasser, das einfach verschwindet. Wasser ist kostbar, besonders sauberes Trinkwasser. Millionen von Menschen steht es nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Auch bei uns hat der Streit um das kostbare Nass schon begonnen. Dabei gibt es unglaubliche Mengen von Wasser auf der Erde und unter der Erde. 

Der Planet auf dem wir leben, ist nicht nur oberflächlich blau. Auch im Erdmantel haben Forschende in Kristall gebundenes Wasser gefunden und sind zum Schluss gekommen, dass in 660 Kilometer Tiefe mindestens die sechsfache Menge an Wasser eingelagert sein muss wie sich an der Erdoberfläche befindet. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten aber auch im festen Erdkern noch weiteres Wasser. 

Da sitzen wir also auf unglaublichen Mengen von Wasser, und kommen nicht ran. Es bleibt folglich wichtig, Sorge zu tragen zum für uns erreichbaren Trinkwasser. Denn Wasser ist Lebensraum, ist Leben in und um uns. Kein Wunder also, dass Jesus seine Sein und seine Botschaft mit lebendigem Wasser vergleich, das den Durst nach Hoffnung und Leben nachhaltig stillt. In Johannes 4,14 sagt er: "Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle werden: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben." 

Wasser ist kostbarer als Gold! Denn mit Gold kann man verdursten. Mit Trinkwasser aber ist Leben weiterhin möglich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 22. März 2023

Fremdkörper

Ein Zitat

Eine kleine Drahtfigur mit Örgeli hockt auf einem Ast über dem Abgrund beim Born Känzeli.
Foto © Jörg Niederer
"Das Schwyzerörgeli ist eine Variante des diatonischen Akkordeons, es wird hauptsächlich in der Schweizer Volksmusik verwendet." Quelle: Educalingo

Ein Bibelvers - Psalm 87,7

"Und sie singen und tanzen im Kreis: 'All meine Quellen entspringen in dir'."

Eine Anregung

Auf dem Born bei Rothrist gibt es so manche Fremdkörper. Zwei sind mir besonders ins Auge gestochen.

Da wären einige Osterglocken oben am Ausstieg des Tusigerstägelis. Das sind keine Blumen, die hier auf natürliche Weise wachsen. Sie wurden gepflanzt, und ich weiss auch von wem. Damals war ich Pfarrer in der Methodistenkirche Rothrist. Bei jedem Gottesdienst gab es die Möglichkeit, Erlebnisse und Gedanken mit der Gemeinde zu teilen. Ein sportliches Ehepaar aus dieser Gemeinde erzählte eines Sonntags, dass sie eben da auf dem Born einige Osterglocken gepflanzt hätten, aber irgendjemand habe sie gleich wieder ausgerissen. Das hätte sie aber nicht davon abgehalten, dort gleich wieder neue Zwiebeln zu pflanzen. Nun ist es zwar nicht sonderlich schlau, ortsfremde Pflanzen auszuwildern, aber als ich die gelben Blüten dort auch nach gut 20 Jahren wieder entdeckte, freute ich mich eben doch auch darüber.

Beim Born Känzeli, ein Aussichtspunkt mit Blick über Rothrist und Zofingen hinweg bis weit zu den Alpen, entdeckte ich den zweiten Fremdkörper. Ein Drahtmännchen mit Schwyzerörgeli sitzt auf einem halb abgestorbenen Föhrenstamm und lässt die Beine über dem garstigen Abgrund baumeln. Das war wohl keine einfache Sache, diese kleine Installation dort anzubringen. Wer dies getan hat und warum, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist es eine Würdigung von Daniel Kissling, der in Rothrist gleich unterhalb des Borns aufgewachsen ist, und der zu den bekannten Örgelern der Schweiz gehört. Vielleicht steckt aber einfach ein Volksmusikfreund, eine Volksmusikfreundin dahinter. Davon gibt es ja einige. Manche davon sind durchaus originell, zum Beispiel auch das Duo "S'Chochä". In einem Video spielen sie das Mythenlied. Dabei geschieht der Musikerin beinahe das, was dem Drahtmännchen auf keinen Fall zu wünschen ist. Sie stürzte fast von ihrem Sitz.

Fremdkörper: Mitunter erzählen sie von Ausdauer, Lebensfreude, Heimat und Vertrauen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 21. März 2023

Aus Vogelschiss wird Perlmutt

Ein Zitat

Der Kleine Perlmutterfalter auf einem sonnigen Stein in Olten Südwest.
Foto © Jörg Niederer
"Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling." Laozi, legendärer chinesischer Gelehrter aus dem 6. Jahrhundert vor Christus

Ein Bibelvers - Philipper 3,7+8

"Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus."

Eine Anregung

Der Kleine Perlmutterfalter liebt trockene Brachen oder Stoppelfelder. Dort wächst das Futter seiner Raupen, dort wachsen die Acker-Stiefmütterchen. Kein Wunder, fand ich den Schmetterling auf der grossen Industriebrache in Olten Südwest. Seinen Namen hat er von der Unterseite seiner Flügel. Dort zeigen sich grössere und kleinere perlmuttfarbige Flecken.

Gelernt habe ich neu, dass sich einige Raupen zu Sturzpuppen entwickeln, und andere zu Gürtelpuppen. Sturzpuppe hängt frei an einem Faden befestigt kopfüber an einer Pflanze. Gürtelpuppen dagegen werden durch einen Faden in der Mitte der Puppe zusätzlich an der Pflanze gesichert. Der Kleine Perlmutterfalter tarnt sich im Puppenstadium zusätzlich als Vogelkot. Damit schützt er sich vor dem Gefressenwerden. Er tut also so, als wäre er besonders hässlich und unappetitlich.

Paulus gebraucht im Philipperbrief das Wort "Scheisse". Es wird aber meist netter übersetzt. Bei Luther steht "Kot", in der BasisBibel "Dreck". Als Studenten nahmen wir das entsprechende bibelgriechische Wort in unseren Wortschatz auf, sagten "σκύβαλα" (Skübala) statt "Scheisse". Das klingt doch gleich viel netter. 

Vom Vogelschiss zum Perlmutterfalter: eine unglaubliche Verwandlung. Genau davon spricht auch Paulus, von einer Verwandlung. Es ist die Verwandlung von dem, was er einst für lebensförderlich hielt, hin zum Glauben an Christus. Durch den Glauben an Christus wird, was Menschen früher gross und wichtig erschien, banal, nichtig und klein.

Im Rückblick nennt Paulus seine Vergangenheit ohne Christus (ich sage es einmal etwas frei) "Vogelschiss". Vom Leben in der Enge der gesellschaftlichen Erwartungen zu wahrer Freiheit und besonderem Glanz durch Christus: Auch das ist eine unglaubliche Verwandlung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 20. März 2023

1000 Stufen und mehr am ersten Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz

Ein Zitat

Das "Tusiger Stägeli" (Tausender-Treppe) in der Südflanke des Born über dem Laufwasserkraftwerk Ruppoldingen.
Foto © Jörg Niederer
"Das 1000er-Stägli in Olten/Aarburg ist auf eine relativ kurze Zeit ein extrem hoher Kraftakt. Genau diese Eigenschaft macht es so besonders." Webseite des 1000er-Stägeli Lauf

Ein Bibelvers - 1. Mose 28,12

"Im Traum sah er [Jakob] eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes hinauf und herunter."

Eine Anregung

Am Samstag besuchte ich den Ort des ersten Pumpspeicherkraftwerks der Schweiz. Dieses stand nicht etwa in den Voralpen oder Alpen. Nein, das erste Pumpspeicherkraftwerk wurde 1904 im Mittelland am Born über dem damaligen Druckwasserkraftwerk Ruppoldingen gebaut und war bis 1960 in Betrieb.

Diese Form der Energiespeicherung ist mit 80% recht effizient. In Zeiten, in denen nicht der ganze produzierte Strom gebraucht wurde, pumpte man Wasser in ein 300 Meter höher gelegenes Speicherbecken. Zu Zeiten hohen Strombedarf wurden mit diesem Wasser Turbinen zur zusätzlichen Stromgewinnung angetrieben. Immer noch gibt es auf dem höchsten Punkt des Borns Reste dieses Speicherbeckens in Form eines Biotops. Von den Druckleitungen sind nur noch Bruchstücke übrig.

Aber was es noch gibt, das ist die Treppe, die entlang des einstigen Druckrohrs schnurgerade auf den bewaldeten Hügel hinauf führt. Freiwillige Helferinnen und Helfer halten sie instand. Und so dient sie Sportlerinnen, Sportler und Spazierenden als Trainings- und Ausflugsstrecke. Das "Tusiger-Stägeli" (Tausender-Treppe) ist weitherum unter diesem Namen bekannt, auch wenn es in Wirklichkeit aus 150 Stufen mehr besteht. Von der letzten Treppenstufe oben geht es noch einmal 50 Höhenmeter hinauf zum einstigen Speicherbecken. Doch das tun sich die Wenigsten an, die dort schweissgebadet "1150" stöhnen.

Mit Ausbruch von Corona hat man die Treppe zu einem Einbahnwanderweg gemacht. Es geht nur noch hinauf, und dann in einer weiten Schlaufe einen anderen Weg wieder hinunter. In diesen Tagen ist in der Bankenwelt die Formulierung "Too big to fail" in aller Munde. Auch bei der Bank "Credit Suisse" hätte es nur immer weiter hoch gehen dürfen, auf keinen Fall wieder runter.

Ist die christliche Religion auch ein System, das zu gross und zu bedeutend geworden ist, und folglich nicht scheitern darf, ohne ein ganzes Lebenssystem in Gefahr zu bringen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 19. März 2023

Der Küchenlöffel Gottes

Ein Zitat

John Wesleys Küche
Graham Portlock and Aisha Al-Sadie,
CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

"Ich liebe meine Küche / Wir sind ein schönes Paar / Ich mag ihre Gerüche / Und ich mag ihr Inventar..."
Aus einem Lied von Reinhard Mey

Ein Bibelvers - 1. Chronik 9,31

"Mattitja war ein Levit und der erstgeborene Sohn von Schallum, dem Korachiter. Ihm war die Zubereitung von Gebäck anvertraut."

Eine Anregung

In der Bibel wird genau eine Küche beschrieben, und die wurde so nie gebaut. Immerhin kennen wir einen Berufskoch; einen Leviten. 

Wir erfahren aus der Bibel also nicht, wie Küchen ausgesehen haben zu jener Zeit. Aber wenigsten wissen wir, wie die Küche von John Wesley (1703-1791) eingerichtet war. John Wesley war einer der ersten und wichtigsten Methodisten. Seine Küche kann besichtig werden in seiner museal erhaltenen Wohnung. Ob sie aber immer so sauber war?

Heute gehen wir im Gottesdienst der Methodistenkirche St. Gallen also in die Küche und zwar mit theologischer Fragestellung. Dahin, wo Reinhard Mey seinen Löffel abgeben möchte. Ich sage nur Speisevorschriften, vegetarisch oder Lammbraten.

Der Anlass findet vor Ort und analog statt. Hier die Angaben: Kapellenstrasse 6, 9000 St. Gallen, 10.15 Uhr. Herzlich Willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 18. März 2023

Der Lenz ist (fast) da!

Ein Zitat

Eine Lenzrose blüht auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist der Weisheit Quintessenz, / die viele zu freien hindert: / Die Schönheit dauert einen Lenz, / die Dummheit überwintert." Rudolf Presber (1868-1935), deutscher Schriftsteller

Ein Bibelvers - Hohelied 2,12

"Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande."

Eine Anregung

Wir stehen ja so kurz davor. Der Lenz ist nicht mehr weit, bald schon da. Genauer: der astronomische Lenz am 20. dieses Monats. Der meteorologische Frühlingsanfang war schon am 1. März. Oder wie man früher sagte, am 1. Lenzing.

Die Lenzrose, eine Verwandte der Christrose, nimmt es da nicht so genau. Sie blüht auch schon im Februar, also bereits im Winter. Kein Problem für sie. Die Pflanze ist winterhart, wie man so sagt. Das sind übrigens auch viele Kulturpflanzen. Jüngst hat man herausgefunden, dass Gemüse und Salat in der Schweiz auch noch bei Minusgraden wachsen können, und weil sie dabei mehr Zucker produzieren (als Frostschutz), sind sie erst noch bekömmlicher und süsser im Geschmack.

Die Lenzrose aber sollte man nicht essen. Sie ist da, um bewundert zu werden.

Übrigens, Schiffe kann man nicht nur im Lenz lenzen, etwas, das auch schon Jugendliche in zartem Alter von wenigen Lenzen tun können. Lenzen, also das Abpumpen von Wasser aus Booten, hat mit der alten Bezeichnung für den Frühling, oder auch für die Lebensjahre gar nichts zu tun. Es ist schlicht und einfach ein fast gleiches Wort für etwas ganz anderes.

Die Lutherbibel von 2017 kennt das Wort Lenz immer noch, wie man aus dem oben abgedruckten Vers aus dem Hohelied ersehen kann. Vom Frühling als Lenz zu sprechen passt gut zur poetischen Liebeslyrik, und hat ihre neuzeitlichere Entsprechung etwa im Lied: "Veronika, der Lenz ist da". Im neusten Gesangbuch der Methodisten von 2002 kommen die Worte "Lenz" oder auch "Märzen" (ein weiteres altes Wort für den aktuellen Monat) nicht mehr vor. Was sind wir Kirchlichen doch modern geworden! Wobei für mich "Frühling" als Wort doch auch irgendwie antiquiert klingt, ganz anders, als das englische Wort "spring". Da möchte man doch gleich "ufgumpe", und die Blumenknospen, sie müssen einfach aufspringen so schnell sie können. Grad wie bei der Lenzrose. Die legt ja, wie wir nun wissen, einen veritablen Fehlstart hin, und erstrahlt schon mitten im Winter. Mir gefällts!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 17. März 2023

Fromme Sätze, vom Winde verweht

Ein Zitat

Ein vom Sturm verwehter Regenschirm auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Es wird schon alles wieder gut." Fromme Floskel, die nur scheinbar tröstet.

Ein Bibelvers - Psalm 34,20

"Der Gerechte muss viel Böses erleiden. Doch der Herr wird ihn von allem Übel befreien."

Eine Anregung

Kaffeepause nennt sich ein Anlass an jedem zweiten Donnerstagmorgen um 9 Uhr in der Methodistenkirche in Weinfelden. Man trifft sich, man bespricht sich, man trinkt Kaffee und geniesst etwas dazu. Eine ungezwungene Sache, die nur einmal für 5 Minuten von frommen Sätzen unterbrochen wird. Etwa, um selbst einmal über fromme Unwahrheiten nachzudenken. Gestern tat dies Theo Hugentobler auf die folgende feine Weise: 

"Brigitte und ich waren vor gut einer Woche an der Gedenkfeier einer jungen Frau. Keine Beerdigung, wie man sie gewohnt ist. Keine Orgelmusik, keine Bibellesung, keine Predigt, kein Gesang. Die Leitung hatte keine Pfarrperson inne, sondern eine sogenannte Ritualbegleiterin. Im Mittelpunkt der Feier stand das Leben der verstorbenen jungen Frau.

In der Rede und den Gedanken der Ritualbegleiterin bin ich an einem Satz hängen geblieben. Sie sagte: 'Es gibt Menschen, die sagen in solchen Situationen: 'Gott füllt die Lücke'. Aber das stimmt nicht. Der Glaube an einen Gott kann Trost und Hilfe sein, aber er kann die entstandene Lücke nicht füllen!'

Mir ist bei dieser Ansprache bewusst geworden, dass wir manchmal fromme Sätze verwenden oder Lieder singen, die so nicht stimmen. Ich denke da an das Sonntagschullied: 

'Lasst die Herzen immer fröhlich / und mit Dank erfüllet sein; / denn der Vater in dem Himmel / nennt uns seine Kinderlein.' Im Refrain heisst es dann: 'Immer fröhlich, immer fröhlich, / alle Tage Sonnenschein'. / Voller Schönheit ist der Weg des Lebens; / fröhlich lasst uns immer sein!'

Oder dann denke ich an ein Lied, das wir in der Jugendgruppe gesungen haben: 

'Wenn du Jesus kennst, bist du nicht einsam mehr, er hält die Wacht auch in der Nacht. Geh mit ihm den Weg, denn Jesus hält dich fest, bist du allein, wird er bei dir sein. Halt einmal still, sprich mit dem Herrn, ruf ihn um Hilfe an, er ist dir nicht fern. Wenn du Jesus kennst, bist du nicht einsam mehr, er ist dir nah, immer für dich da.

In den nächsten Strophen heisst es dann: 'Wenn du Jesus kennst, bist du nicht furchtsam mehr... Wenn du Jesus kennst, bist du nicht traurig mehr... 

Als Jugendlicher habe ich im Stillen gedacht, das stimmt so nicht. Ein Leben mit Jesus ist nicht alle Tage Sonnenschein. Ich kenne Jesus und fühle mich trotzdem immer einmal wieder einsam, furchtsam und traurig. Die Bibel und insbesondere die Psalmen zeigen uns, dass uns mit dem Glauben nicht alle Steine aus dem Weg geräumt werden, dass der Glaube aber eine tragfähige Basis ist um das Leben zu meistern.

Kennst du auch fromme Sätze, die so für dich nicht hilfreich sind?"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 16. März 2023

Einer für alle

Ein Zitat

Star im Prachtkleid auf einem Baum in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Was keiner wagt, das sollt Ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. / Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus! / Wenn keiner Ja sagt, sollt Ihr’s sagen. Wenn keiner Nein sagt, sagt doch Nein! / Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein! / Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht! / Wenn alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht!" Gedicht von Lothar Zenetti, hier vertont von Reinhard Mey

Ein Bibelvers - Psalm 2,2-4

"Die Könige der Welt erheben sich. Und die Fürsten tun sich zusammen gegen den Herrn und seinen Gesalbten: 'Lasst uns ihre Fesseln zerreißen! Lasst uns ihre Stricke durchtrennen, dann können wir das Joch abwerfen!' Doch der im Himmel wohnt, lacht darüber. Der Herr spottet über ihr Tun."

Eine Anregung

Erst meldet sich eine Dohle aus dem Baum. Dann erkennt die App auf dem Mobiltelefon einen Girlitz an seiner Stimme. Weiter geht es, immer aus dem selben Baum, mit der Kohlmeise, der Singdrossel und der Bachstelze. Und nun meldet sich auch der Star. Bei so vielen Vögeln in einem relativ gut einsehbaren, noch blattlosen Baum muss doch etwas von all dem Geflatter zu entdecken sein. Doch erst ist da gar nichts. Ich gehe noch einmal zurück, um den Baum von der andern Seite zu durchsuchen. Nun endlich sehe ich ihn, den einen, einzigen Vogel im Geäst. Unverkennbar sitzt dort der Star und gibt die Stimmen all der anderen Vögel zum Besten. Er "spottet". So wird diese Fähigkeit, andere Stimmen und Geräusche nachzumachen, unter Ornithologinnen und Ornithologen genannt.

In der Welt der Comedians ist das spöttische Nachäffen von Stimme und Gehabe bekannter Personen ein beliebtes Unterhaltungselement. Entsprechende Begabung vorausgesetzt macht es auch Freude. Doch St. Galler kennen es alle. Es klingt einfach nur peinlich, wenn ein unbegabter Berner den St. Galler Dialekt nachäfft und "Hopp San Galle" sagt statt "Hopp Sanggale". Es kommt eben auf die Feinheiten an.

Auch interessant: Sprachlich ist spotten verwandt mit dem Ausspucken (Siehe Post von gestern!). Das Wort bedeutete wohl einst "vor Abscheu ausspucken". Ja, zwischen "spotten" und "speuzen" stehen nur kleine Lautverschiebungen.

Der Star jedenfalls ist ein richtiger Spottvogel. Ich würde mich nicht wundern, wenn es manchem so nachgeahmten Vogel wie mir ergeht. Er wird getäuscht, und statt Seinesgleichen trifft er nur diesen kleinen schwarzen, schillernden und begabt spottenden Vogel an. Auch nicht schlecht, bei dieser Schönheit!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 15. März 2023

Die ganze Welt spuckt auf die Schweiz

Ein Zitat

Spuckaushang im Lift des Altersheims Haus zur Heimat in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das Anspucken einer Person, insbesondere in deren Gesicht, stellt eine auf den Körper gerichtete Aggression dar, die massiven Ekel hervorruft."
Aus einem schweizerischen Bundesgerichtsentscheid

Ein Bibelvers - Johannes 9,6

"Nachdem er [Jesus] das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden. Aus der Erde und dem Speichel machte er eine Paste und strich sie dem Blinden auf die Augen."

Eine Anregung

Ich weiss, Jesus heilte mit Spucke. Und früher putzten Mütter damit  den Kindern Essensreste aus dem Gesicht oder glätteten so deren Haare. Tatsächlich enthält Spucke Substanzen, die gegen Bakterien und Viren wirken, darunter auch Opiorphin, das Schmerzen lindert. Doch Spucke enthält auch rund 800 unterschiedliche Bakterien. Vor 45 Jahren hingen in den Umkleidekabinen meines Arbeitgebers etwas vergilbte Plakate, auf denen vor der Übertragung von Tuberkulose durch Spucke gewarnt wurde. Spätestens seit Corona wissen auch wir wieder, dass durch Spucke so manche Krankheit weitergegeben wird. Wenn also Spucke bei der Wundbehandlung zum Einsatz kommen soll, dann nur die eigene.

Doch das scheint keinen Menschen zu kümmern. Bei jeder Sportübertragung, bei der die Akteure das Gesicht nicht hinter einem Visier oder Helm verstecken und bei dem sie sich im Freien bewegen, wird gespuckt, was das Zeug hält. Da will die Fernsehkamera den Superstar bei den Rennvorbereitungen filmen, doch jedes Mal, wenn er ins Bild kommt, spuckt er auf den Boden. Es vergeht kein Tag, an dem ich auf meinem Arbeitsweg nicht der Spucke anderer ausweiche. Alle spucken sie auf den Boden, bevorzug die Männer, und etwas weniger, wenn sie in Begleitung von Frauen unterwegs sind. Es spucken selbst die Patrioten, die so stolz sind auf die Schweiz, ganz ungeniert auf diese.

Darum sei das einmal gesagt: Ich mag es nicht, wenn man auf das Land spuckt, dem ich so viel zu verdanken habe. Ich mag es nicht, diese Spuckerei, die in unserer Gesellschaft so eingerissen hat. Wer dann auch noch direkt Menschen anspuckt, erfüllt den Straftatbestand einer Tätlichkeit.

Unlängst habe ich in der Zeitung von der Schlottergotte gelesen. Das war bei Kindertaufen die Ersatzpatin, die zum Einsatz kam, wenn aus irgend einem Grund die Taufgotte verhindert war. In manchen Gegenden gehörte die Schlottergotte auch fest zur Taufe dazu und trug jeweils den Täufling. Zusammen mit Gotti und Götti wurde dieses Dreiergespann "Schlotterete" oder "Gschlötter" genannt.

"Schlottrig" steht für wackelig, zittrig, lose herabhängend. Man könnte auch "schlampig" sagen. Und so kommen wir von der Schlottergotte langsam aber sicher wieder zur Spucke, zum Schlämpe, oder Schlämperlig. Oder noch einmal anders: Wer andern einen "Schlötterlig anhängt" bezeichnet diese oder diesen mit einem Schimpfwort oder unerwünschtem Übernamen. Jeder Mensch weiss was eine "Schlampe" ist, und keine Person will so bezeichnet werden. 

So genug des Unappetitlichen! Ich wünsche uns einen Tag ohne angehängte Schlötterlige, ohne Spuckattacken und mit blitzblank gefegten, minen- und stolperfallenfreien Wegen unter den Füssen.

(Wer aber jetzt vom "Speuz" immer noch nicht genug hat, mag bei einem "Bergler auf Abwegen", beim Muger, reinschauen.)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 14. März 2023

Das Skiliftgleichnis und die Kirche der Zukunft

Ein Zitat

Stefan Moll an einer Kirchentagung im Sommer 2021.
Foto © Jörg Niederer
"Manchmal leide ich daran, dass Kirche zu einer Routine wird... Man kommt. Es ist gut. Man geht... In dem Milieu, in dem wir uns hier bewegen, ist das anders. Hier gibt es diese Routine nicht. Sehr viele dieser Leute gehen sonst nicht in die Kirche... Kirche wird anders bedeutungsvoll bei Menschen, die nicht in die Kirche gehen." Stefan Moll über Erfahrungen in seinen beiden Kirchen

Ein Bibelvers - Jeremia 4,3

"So spricht der Herr zu den Männern von Juda und zu Jerusalem: 'Pflügt einen neuen Acker ganz um und sät nicht unter die Dornen!'"

Eine Anregung

In einem 20-minütigen Videobeitrag begegnet man zwei speziellen Gemeinden, die gemeinsam haben, dass sie sich den Pfarrer Stefan Moll teilen: Die interkulturelle Methodistenkirche in Baden und die Schlagerfamilie. Im selben Videobeitrag erklärt Stefan Moll anhand der Erfahrungen aus der aktuellen Wintersaison, worauf es in Zukunft bei der Kirche ankommen wird. Sein "Gleichnis" finde ich sehr treffend. 

Hier die Worte von Stefan Moll: "Die Kirchen sind wie ein Skilift. Der Winter dieses Jahr war für die Skigebiete schwierig. Es gab einfach keinen Schnee. Es zeichnet sich ab, dass gut die Hälfte der Skigebiete schliessen müssen. Denn die Schneefallgrenze steigt. Das ist unausweichlich. Die können machen, was sie wollen. Jetzt versuchen sie mit Kunstschnee, Marketing, familienfreundlichen Angeboten, Rabatten, also mit allen Mitteln, ihre Skianlagen zu erhalten.

Das ist vergleichbar mit der Situation der Kirche. Wir geben uns sehr viel Mühe, sie zu erhalten. Doch die 'Schneefallgrenze' steigt und steigt.

Wie bei den Skiliften werden auch viele Kirchgemeinden schliessen müssen. Der Skilift wird nicht bleiben. Aber der Berg. In den Bergen kann man nicht nur Skifahren: Man kann auch Wandern, Stauseen bauen... was weiss ich. Wir wissen nicht, was in den Skigebieten geschieht, die schliessen müssen – wie in Zukunft dort die Berge den Menschen dienen, wie sie uns gut tun werden. Mit den Kirchen ist es ähnlich. Für mich ist das Evangelium der Berg. Was bleibt, ist das Ja Gottes zu den Menschen. Was bleibt ist Christus unter uns. Das ist unverrückbar. Ob der Skilift noch fahren wird? Ob es Kirchgemeinden im klassischen Sinn an allen Orten geben wird? Da bin ich mir nicht so sicher. Dieser Abschied von Altvertrautem schmerzt. Doch da gibt es auch viele 'Wiesen', auf denen Neues blühen kann."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Montag, 13. März 2023

Singen und orgeln

Ein Zitat

Eine Singdrossel geniesst die letzten Sonnenstrahlen bei Gesang auf einem hohen, ausgetrockneten Baum.
Foto © Jörg Niederer
"Für mich sind Kirchen spannende Räume, vor allem auch in Bezug auf die Akustik. Ich habe mir vorgenommen, möglichst viele Kirchen zu besuchen und deren Klang aufzuzeichnen." Marcel Gschwend aka Bit-Tuner

Ein Bibelvers - Psalm 68,5+6

"Singt ein Lied für Gott, preist seinen Namen! Jubelt über den, der über die Wolken fährt! Herr ist sein Name, empfangt ihn mit Jubel! Ein Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen: Das ist Gott in seiner heiligen Wohnung."

Eine Anregung

So wie sie heisst, so klingt sie: die Singdrossel. Das melodiöse, abwechslungsreiche Jubilieren ist jetzt im Frühling ausgiebig zu hören. Nicht nur am Morgen, auch vor dem Einnachten sucht sich der Vogel auf einer hohen Warte seine Bühne. Dann legt die Drossel los. Vielleicht ist sie damit so etwas wie ein DJ unter den Vögeln. Eine Tonkünstlerin, die mit Musik der Dunkelheit trotzt.

Marcel Gschwend nennt sich in der Musikszene Bit-Tuner, und reichert neuerdings seine Technomusik mit Orgelklängen aus einem Aufenthalt in Rom an. Inspiriert von den 100 Kirchen und ihrem je eigenen Sound, ist etwas Neues entstanden. Wem das nicht so gut gefällt, kann ja einfach der Singdrossel zuhören. Denn wir haben die Wahl und die Möglichkeit, nicht nur bei der Musik.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 12. März 2023

Fritzli

Ein Zitat

Das heute zurechtgemachte markante Mehrfamilienhaus in Olten nannten wir in meiner Kindheit nur "Kaserne". Damals wohnten in dem heruntergekommenen Wohnblock Gastarbeiter unter ärmlichen Bedingungen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Krankheit gehört zu mir – das bin ja ich." Sarah Staub

Ein Bibelvers - Jesaja 53,3

"Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen."

Eine Anregung

Wir nannten das markante und heruntergekommene Haus mit den wohl hundert Kleinstwohnungen "Kaserne". Als Kind dachte ich dabei an Soldaten; mein Vater dagegen dachte an eine Mietskaserne. Dort lebten die Gastarbeiter unter ärmlichen Verhältnissen. Wir wohnten kleinbürgerlich, gut 500 Meter westlich davon. Ging man von der Mietskaserne zu uns hinunter, kam man zuerst in das Gebiet der Kinder, mit denen wir harmlose Strassenschlachten ausfochten. Dann kamen die Kinder, mit denen wir zusammen auf der Strasse vor dem Haus spielten. Und dann kamen die Kinder auf der anderen Seite des Wilerwegs, mit denen wir nur ausnahmsweise zusammen etwas unternahmen. Alle kannten sich, und alle grüssten sich. Darunter war auch einer, den alle nur Fritzli nannten. Fritzli war geistig behindert. Fritzli war für uns tabu. Mit ihm machte man keine Scherze, schon gar nicht auf seine Kosten. Niemand sagte etwa von ihm, er sei ein VEBO (Die Behindertenwerkstätte VEBO von einst nennt sich heute "Unternehmen der beruflichen und sozialen Inklusion für Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung"). Das sagte man nur zu "Gesunden", die man beleidigen wollte. Aber alle sagten im Fritzli. Wenn er vorbei kam, grüssten wir in: "Hallo Fritzli", und wechselten einige belanglose Worte. Das war so, als er 7 Jahre alte war, und es war so, als er 18 Jahre alt war. Er blieb der Fritzli, und wäre es wohl immer noch, wäre nicht eines Tage der Moment gekommen, als ich ihn wieder einmal mit den Worten grüsste: "Halle Fritzli, wie geht es?" Er hielt in seinem Gang inne, blickte mich an, und sagte mit seiner für einen Erwachsenen zu hohen Stimme so ernsthaft er nur konnte: "Ich bin jetzt erwachsen, ich möchte, dass du mich in Zukunft nicht mehr Fritzli sondern Fritz nennst." 

Unlängst bei einem Besuch in meiner Heimatstadt Olten sah ich ihn wieder. Wir beide sind nun 40 Jahre älter. Ich sah ihn, und freute mich. Er ist schon etwas Besonderes. Wohl deshalb habe ich ihn sofort wieder erkannt. Mich dagegen hat er nicht einmal beachtet. Ich war halt einfach nur einer von vielen, die ihm einst ohne böse Absicht "Fritzli" sagten.

Gerade habe ich mir eine Sendung angehört, in der es auch um Behinderung geht; nämlich um die Frage, was sich in unserem Denken und Handeln verändert, wenn wir uns Gott oder Jesus mit Behinderung vorstellen. In dieser Sendung von Radio SRF 2 bin ich auch wieder Sarah Staub begegnet, von der ich schon im gestrigen Beitrag geschrieben habe. Der Moderatorin erzählt sie, wie sie mit ihrer schmerzhaften Erbkrankheit umgeht, und wie sehr ihr dabei ein Buch und das Malen von Bildern geholfen haben. Ich kann diese Sendung nur wärmstens empfehlen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde