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Montag, 16. Juni 2025

Thurbo-Katze

Ein Zitat

Eine schwarze Katze treibt sich auf dem Bahnhof Romanshorn herum.
Foto © Jörg Niederer
"Psychologisch betrachtet wirken Katzenfotos oft stressreduzierend und stimmungsaufhellend." Behauptung von der Künstlichen Intelligenz

Ein Bibelvers - Sprüche 3,7

"Halte dich nicht selbst für klug! Begegne dem Herrn mit Ehrfurcht und meide das Böse!"

Eine Anregung

Nein, die Thurbo-Katze ist nicht besonders schnell. Dann hätte ich von der "Turbo-Katze" gesprochen. Auch die Thurbo-Züge sind nicht sonderlich schnell. Überhaupt sind beide, die Katze und der Thurbo-Zug nicht in Bewegung. Vielmehr ist das, was ich da fotografiert habe, ein Stillleben. Der Katze gefällt es auf dem Prellbock. Wozu sich dann regen.

Hat diese Szene irgend einen tieferen Sinn, so dass es sich lohnt, darüber zu schreiben? Ich glaube nicht. Halt ein Katzenbild. 

Bekanntlich gibt es ja nichts Unnötigeres als ein Katzenfoto. Doch manchmal ist Unnötiges nötig, damit wir Menschen uns nicht in zu viel Nötigem unnötigerweise verlieren.

Ich wünsche uns heute einen guten Mix aus Sinnvollem und Sinnlosem. Die Katze kann sowohl für das eine stehen wie auch für das andere.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 29. Januar 2025

Endstation Bahnhof Zürich-Oerlikon

Ein Zitat

Der Bahnhof Zürich-Oerlikon.
Foto © Jörg Niederer
"Die Belohnung für Geduld ist Geduld." Augustinus von Hippo (354-430)

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 5,14

"Ermutigt die Ängstlichen, kümmert euch um die Schwachen, und habt Geduld mit allen."

Eine Anregung

Es gibt Redensarten, die man immer in ganz bestimmten Momenten zitiert. "Es kommt immer alles zusammen!", wäre so eine. Oder "Wenn schlecht, dann aber richtig!" Auch: "Ein Unglück kommt selten allein."

Letzteres führte vor einigen Tagen dazu, dass ich vorerst am Bahnhof Zürich-Oerlikon strandete. An dem Ort, an dem sich eine Mitreisende bitte beklagte: "Also das ist das letzte Mal, dass ich mit der Bahn gefahren bin."

Nun kann man gegen die Schweizerischen Bundesbahnen eigentlich nur wenig sagen. Vielleicht, dass sie beim Ländervergleich nur den dritten Platz in Sachen Pünktlichkeit einnehmen. Wie aber ist es dazu gekommen, dass ich für einmal an einem Ort ausstieg, wo ich gar nicht hinwollte?

Es begannt schon bei der Abfahrt in Frauenfeld. Der Schnellzug hatte wegen eines anderen Zugs zehn Minuten Verspätung. Zuviel, um den Anschlusszug in Zürich zu erreichen. Doch meist holt die Bahn auf den gut 60 Kilometern den Rückstand wieder auf. Diesmal nicht. So entschied ich mich, bereits in Zürich-Flughafen die Bahn zu wechseln. In der sich vor dem Ausstieg bildenden Schlange schnorrte ich mich bis zur Zugstüre durch, nur um beim Einfahren in den Bahnhof zu sehen, wie sich der Anschlusszug ohne mich in Bewegung setzte. Also nach einem kurzen Augenblick auf dem Perron wieder zurück an meinen bisherigen Sitzplatz im gut gefüllten Zug.

"Steige ich halt in Zürich in einen späteren Zug um", dachte ich, und vertiefte mich wieder in mein Buch. Bis Zürich-Oerlikon ging es dann auch leidlich weiter. Doch dort auf dem Bahnhof war Endstation. An Aussteigen war nicht zu denken, blieben die Türen doch verschlossen. Bei der Durchsage meinte der Zugsbegleiter: "Zu all den Problemen die wir sonst schon haben, ist nun noch eine Türstörung hinzugekommen. Wir sind dabei, das Problem zu beheben. Bitte steigen sie aus Sicherheitsgründen nicht aus." Letzteres war eine überflüssige Warnung, was aber Fahrgäste nicht daran hinderte, es dennoch zu versuchen. Durchs Fenster beobachtete ich, wie ein Zug nach dem andern sich Richtung Zürich in Bewegung setzte. Nur wir blieben, wo wir waren. Eine halbe Stunde später dann erneut eine Durchsage: "Das Problem mit der Tür konnte nicht gelöst werden. Der Zug kann nicht mehr weiterfahren. Bitte steigen Sie alle aus. Wir bitten Sie für die Unannehmlichkeiten um Verzeihung."

Was also tun, bis zur Weiterfahrt 40 Minuten später mit einem hoffentlich besser funktionierenden Schienenfahrzeug? "Tee trinken und abwarten", hätte der Brite gesagt. Ich dagegen habe mich für Kaffee entschieden und für neugierige Blicke auf das Treiben am Bahnhof Oerlikon. Dort ist mir noch eine andere Redensart eingefallen: "Es kommt, wies kommt." Dann dachte ich an die Staustunden der Autofahrenden, und übte mich für einmal in bahnverursachter Geduld.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Mittwoch, 8. Januar 2025

Der Regenbogen und der alte Opa

Ein Zitat

Ein Regenbogen, aus dem fahrenden Zug heraus fotografiert zwischen Olten und Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Sache, die dem alten weißen Mann immer zu Grunde liegt, ist, dass das Gegenüber, das ihn als alten weißen Mann bezeichnet, sich nicht wohl fühlt." Sophie Passmann (*1994)

Ein Bibelvers - Matthäus Jesaja 46,3-4

Gott spricht: "Schon im Mutterleib seid ihr mir aufgeladen worden. Von Geburt an habe ich euch getragen. Ich bleibe euch treu, bis ihr alt seid. Ich trage euch, bis ihr graue Haare habt. Das habe ich getan und werde es weiter tun. Ich bin es, der euch trägt und rettet!"

Eine Anregung

Die Mutter und das Kind, so entnahm ich ihrem Gespräch im Abteil hinter mir, waren an diesem 6. Januar auf einer Dreikönigsmission. Sie besuchten die neugeborene Cousine des kleinen Mädchens. Ich schätzte die Kleine so auf drei Jahre. Aufgeweckt wurde von ihr alles kommentiert und die Mutter mit Fragen bombardiert, welche diese geduldig beantwortete. Irgendeinmal meinte die Mutter, dass jetzt doch eine gute Gelegenheit sei, aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, was es da alles zu sehen gäbe. All das hörte ich nur, sehen konnte ich die beiden von meinem Sitzplatz aus nicht. Selbst hatte ich draussen einen Regenbogen entdeckt, aber offensichtlich sahen die beiden ihn noch nicht. So stand ich kurz auf, und informierte die Mutter. Von da weg war der Regenbogen das Thema des Mädchens. Verblüfft stelle es fest, dass dieser mit ihnen mitfuhr, also immer etwa gleichweit entfernt war. Auch die Farben wurden der Reihe nach aufgezählt.

Müde wie ich war, schloss ich die Augen, und begann vor mich hinzudösen, da hörte ich ein leises Drippeln, nur ganz kurz. Neugierig wollte das Kind wohl wissen, wer da den Regenbogen entdeckt hatte. Nur einige Augenbliche später rapportierte es der Mutter: "Da sitzt nur ein alter Opa und schläft", und dann ganz vorwurfsvoll: "Das darf man doch nicht."

So, nun weiss ich es: Ich bin ein alter Mann. Kindermund hat es mir verraten. Bekanntlich sagen Kinder und Narren die Wahrheit. Es muss also war sein. Was dem Kind aber noch entgangen ist; ich bin auch noch von heller Hautfarbe. Also ein alter, weisser Mann. Ich bin für viele zu einem bedauernswerten Feindbild herangealtert. Wie schnell das doch gehen kann. Unglücklicherweise kann ich dagegen aber auch so gar nichts machen. Also füge ich mich in mein Schicksal und schliesse noch dort unter dem Regenbogen Frieden mit meinem Pensionsalter-Ich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 18. Dezember 2024

Lokomotiven im Advent

Ein Zitat

Weihnachtsbeleuchtung in Form von einer Lokomotive.
Foto © Jörg Niederer
"Ich gäbe alle meine Symphonien darum, die Lokomotive erfunden zu haben." Antonín Leopold Dvořák (1841-1904)

Ein Bibelvers - 1. Mose 8,21

"Auch Josef ging von der Stadt Nazaret in Galiläa nach Judäa. Sein Ziel war die Stadt Betlehem, aus der David kam. Denn er stammte von David ab."

Eine Anregung

Ich frage mich gerade, warum es in der Adventszeit so viele Lichtinstallationen in Gestalt von Lokomotiven gibt. Meines Wissens kommen die nicht vor in der Weihnachtsgeschichte. Sie sind zwar weniger kitschig wie Elche und Rehe und die Weihnachtsmänner. Ganz nebenbei: Die kommen auch nicht vor in der Weihnachtsgeschichte. 

Also, warum Lokomotiven in Advent?

Ich habe wieder einmal die Künstliche Intelligenz befragt und folgende Antwort erhalten: "Lokomotiven als Lichterinstallation in der Adventszeit sind eine charmante und nostalgische Tradition. Sie symbolisieren oft die Reise und das Zusammenkommen von Familien während der Feiertage. Die Lokomotive steht für Bewegung, Abenteuer und die Freude am Reisen, was gut zur festlichen Stimmung passt. Außerdem erinnern sie an die historischen Dampflokomotiven, die in vielen Kulturen ein Symbol für Fortschritt und Verbindung sind." 

Mit dieser Antwort bin ich grad so klug wie davor. Zu allem Überfluss fragt mich im Anschluss dieser Antwort die Künstliche Intelligenz: "Hast du eine besondere Erinnerung oder Geschichte, die du mit solchen Lichterinstallationen verbindest?"

Nein, habe ich nicht. Einmal abgesehen davon, dass wir jeweils zu Weihnachten weitere Schienen zur Briobahn erhalten haben. Irgendwo in einer Kiste im Keller könnte dieser Holzeisenbahn-Bausatz vor sich hinschlummern. Vielleicht sollte ich doch wieder einmal eine Weihnachts-Eisenbahn in der Stube aufstellen.

Nachtrag: Gerade sagt mir meine Frau, dass die Briobahn bei einer Cousine gelandet ist, welche diese wiederum an unbekannte Personen weitergegeben hat. Das macht mich jetzt fast ein wenig sentimental und traurig.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 12. März 2024

Wohin geht die Reise?

Ein Zitat

Alle sind ausgestiegen. Nun kann der Zug in Wil weggestellt werden.
Foto © Jörg Niederer
"Bitte alle aussteigen. Dieser Zug endet hier." Zugsdurchsage in der Schweiz

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 9,3

"Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel."

Eine Anregung

Wenn im Zug die Durchsage kommt: "Bitte alle aussteigen. Dieser Zug wird weggestellt", frage ich mich jeweils: Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist. Dann hätte ich Lust, einfach einmal sitzen zu bleiben, oder mich zu verstecken, falls der Zugbegleiter oder die Zugbegleiterin noch einen Kontrollgang macht. Ich stelle mir vor, wie sich der Zug langsam in Bewegung setzt und mit mir eine Reise ins Ungewisse antritt. Besonders abenteuerlich mag das sein, wenn dies spätabends geschieht, im sogenannt letzten Zug des Tages. Dann könnte es ja sein, dass die Komposition noch an den Ausgangsbahnhof gefahren wird, oder zur Reinigung in die Zugwaschstrasse. Dort allerdings würde es für den "blinden Passagier" eine echte Herausforderung, nicht entdeckt zu werden. (Nebenbei, warum heisst das eigentlich "Blinder Passagier"? Müsste es nicht "Unsichtbarer Passagier" heissen?)

Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist? Wir schliessen immer wieder Stationen des Lebens ab. Wohin geht die Reise, wenn die Primarschulzeit zu Ende ist? Wohin, wenn die Matura bestanden ist? Wie geht es weiter, nach dem Berufsabschluss, dem Unistudium, dem Singledasein? Wohin geht die Reise, wenn die Kinder ausgeflogen sind? Wohin nach einer Kündigung?

Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist? Besonders am Ende des Erwerbslebens stellt sich angesichts des Ruhestands diese Frage. Heisst es dann: "Bitte alle aussteigen. Dieser Lebenszug wird weggestellt?" Wenn es soweit sein wird, dann werde ich nicht aussteigen, sondern weiter mitfahren, selbst auf ein Abstellgeleise. Ich will sehen, wohin die Reise geht, wenn die Reise zu Ende ist. Das wird bestimmt noch einmal spannend.

Allen, die in diesen Tagen eine neue Reise antreten, wünsche ich, dass euch Neugier und Hoffnung begleite, und dass ihr getragen seid von Gottes nie endender Zuwendung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe


Montag, 4. Dezember 2023

Verflucht gesegnet

Ein Zitat

Vom Perron auf dem Bahnhof Olten sieht man hinüber zum Restaurant Flügelrad.
Foto © Jörg Niederer
"Leb dein Leben jeden Tag / Lebe so wie du es magst / Leb für jemand, den du liebst / Für den du immer alles gibst / Leb, als wär's dein letzter Tag" - Nino de Angelo im Lied: "Gesegnet und Verflucht"

Ein Bibelvers - 5. Mose 11,26+27

"Seht, ich stelle euch heute vor die Wahl zwischen Segen und Fluch: Segen erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, befolgt. Ich habe es euch heute verkündet."

Eine Anregung

Irgendwo in überfüllten Wagon der Bahn steigt ein etwa 30-jähriger Mann ein. Er bleibt bei den Türen stehen. Nein er bleibt nicht stehen. Er tigert von einer Seite zu anderen. Das Down-Syndrom zeichnet seine Gesichtszüge. Er ist ganz bei sich, beginnt mit rauer, verwaschener Stimme zu singen. Die Artikulation ist wenig präzise. Erst mit der Zeit beginne ich zu verstehen. Er singt, als wäre kein Mensch im Zug. Er sing, und kein Mensch im Zug verlangt von ihm, dass er damit aufhöre. Allmählich verändert sich die Stimmung, entspannt sich, wird heiter. Die Frau mir gegenüber lächelt. Immer wieder hören wir den Refrain, wobei der Mann all seine Emotionen in die Worte legt: "Gesegnet und verflucht" singt er. Immer wieder: "Gesegnet und verflucht / Gefunden und gesucht / In Flammen und erfroren / Gewonnen und verloren". Nicht gerade ein adventliches Lied. Und doch wird es Licht im Abteil, irgendwo im überfüllten Wagon eines Zugs, auf dem Weg von "Gesegnet" nach "Verflucht". In Wirklichkeit waren wir Fahrgäste aber schon einige Zeit in anderer Richtung unterwegs. Wir waren auf dem Weg von "Verflucht" nach "Gesegnet".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen