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Donnerstag, 23. September 2021

Das Gebet Jesu und das Gebet Mohammeds

Ein Zitat

Muslime am Interreligiösen Bettag 2021 in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Das Gegenteil von heilig ist kaputt; wenn die Menschen Gott sehen könnten, würden sie versuchen ihn kaputt zu machen; so ähnlich war das ja mit Jesus, oder, ich meine im Glauben der Christen..." Interpretation eines muslimischen Schülers zur Aussage im Vaterunser: "Geheiligt sei Dein Name"

Ein Bibelvers - Matthäus 6,12

"Und vergib uns unsere Schuld – so wie wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind."

Ein Anregung

Es ging ein leises Raunen durch die Reihen der christlichen Vertreterinnen und Vertreter an der Interreligiösen Bettagsfeier in St. Gallen, als die Muslime rezitierten:

"Es wird überliefert, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) folgendes Gebet gelehrt hat:
'Oh unser Herr, der Du bist im Himmel, verherrlicht sei Dein Name. dein Wille geschieht im Himmel und auf Erden. So wie Deine Gnade im Himmel vorherrscht, so lasse sie auch auf der Erde wirken. Vergib uns unsere Sünden sowie unsere Übertretungen. Du bist der Herr der Reinen. Sende Deine Gnade herab aus Deinen mannigfaltigen Gnaden, und sende Deine Heilung aus Deiner Fülle zur Heilung dieser Krankheit.'" 

Unter den anwesenden Christinnen und Christen wurde sofort die Nähe zum Vaterunser wahrgenommen. 

Überliefert wurde diese islamische Gebet von Abu Dawud (817-888). Es findet sich nicht im Koran, sondern gehört zu den Hadithen, den Überlieferungen von Aussprüchen des Propheten Mohammed. Manche Muslime verwerfen dieses Gebet, weil die Überlieferungskette "schwach" sei. 

Unter Christen geht man oft vorschnell davon aus, dass Mohammed dieses Gebet von Jesus übernommen und dann abgewandelt habe. Wahrscheinlicher ist, dass das überlieferte islamische Gebet auf jüdischen Texten (İsrâîliyyât) basiert, die Mohammed selbst als religiöse Quelle empfohlen hat. Auf diese Sammlung bezogen sich auch viele jüdisch-christliche Traditionen. 

Ich kann mir vorstellen, dass sich sowohl die Christen (oder Jesus), wie auch die Muslime (oder Mohammed) auf ein jüdisches Gebet bezogen haben, das dann bei den Christen (bei Jesus) zum "Vaterunser" wurde, und bei den Muslimen zum oben abgedruckten Gebet um Heilung. 

In allen drei Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, sind die Gebet nicht unabänderlich, sondern werden aufgenommen, abgewandelt, den Umständen angepasst und so zu neuen Gebeten. 

Wie würdest du das Vaterunser mit deinen Worten weiterbeten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 20. September 2021

Kreuzschmerzen am Interreligiösen Bettag

Ein Zitat

Stehkreuz am Interreligiösen Bettag auf dem Domplatz St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Der Kopf ist jener Teil des Körpers, der uns am häufigsten im Weg steht." Gabriel Laub (1928-1998)

Ein Bibelvers - Lukas 23,33-34

"Dort kreuzigten sie Jesus und die beiden Verbrecher – den einen rechts, den anderen links von ihm. Aber Jesus sagte: 'Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.'"

Ein Anregung

Man könnte meinen, die versammelten Religionsgemeinschaften hätten am Interreligiösen Bettag auf dem Domplatz St. Gallen allesamt intensivst um Regen gebetet. Zum ersten Mal fand der Anlass unter einem sich teils heftig entleerenden Himmel statt. 

Doch darum geht es mir nicht. Ich will vom abgebildeten Kreuz sprechen, ein schweres Eisenkunstwerk. In Krimis kann es schon einmal vorkommen, dass ein Mensch von einem Kreuz erschlagen wird, oder dass er tot daran hängend aufgefunden wird. So schlimm ist es am Bettag glücklicher Weise nicht gekommen. Doch als ich später das Kreuz für den Fotografen um 180° drehte, verletzte ich mir den Kopf an der scharfen Kreuzeskante. Nichts Schlimmes, nicht der Rede wert, eine leicht Hautabschürfung, eine gerade noch spürbare Beule, ein milder Schmerz, der für einen Augenblick die Kälte und Nässe vergessen machte.

Im Namen des Kreuzes wurde schon deutlich mehr Blut vergossen und mehr sicht- und unsichtbare Wunden geschlagen. 

Dabei steht das christliche Kreuz doch für das Ende aller Verletzung. Es steht für den Moment, an dem Gott selbst den Schlussstrich zog unter den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt. Sichtbar wurde dies, als Jesus am Kreuz für seine Henker Gott um Vergebung bat, als er davon sprach, dass es (das Töten und Sterben) zu Ende gebracht, "vollbracht" sei. Im Namen des Kreuzes kann es seither nur noch um Versöhnung und Neuanfang gehen.

Wer etwas anderes behauptet, sollte sich an einem Kreuz den Kopf stossen. Nicht zu sehr - nur so, dass das Nachdenken über unnötigen, sinnlosen Schmerz aktiviert wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde