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Dienstag, 8. Juli 2025

Politik und Kirche

Ein Zitat

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter im eifrigen Gespräch beim Warten auf den Beginn des Weihegottesdienstes für den neuen Bischof Beat Grögli.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Glaube ist privat, gleichzeitig hilft er mir, auch im Amt zu meinen Überzeugungen zu stehen." Karin Keller-Sutter (*1963)

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 2,2

"Betet auch für die Könige und alle übrigen Machthaber. Denn wir wollen ein ruhiges und stilles Leben führen – in ungehinderter Ausübung unseres Glaubens und in Würde."

Eine Anregung

Es ist schon bemerkenswert, wie viele Politiker:innen am vergangenen Samstag anlässlich der Bischofsweihe von Beat Grögli den Weg in den Dom St. Gallen gefunden haben. Da war Krethi und Plethi versammelt, auch Persönlichkeiten, welche es wohl lieber sähen, wenn Kirche und Staat noch deutlicher getrennt wären. Wie die FDP-Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter zu Letzterem steht, weiss ich nicht.

Ich frage mich, ob eine Vertretung des Bundesrats jeweils bei allen katholischen Bischofweihen dabei ist. Und dann wären da ja auch noch die anderen öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaften, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Christkatholische Kirche und die Jüdische Religionsgemeinschaft. Gibt es eine politische Gleichbehandlung? Oder ist dies abhängig von anderen, zufälligeren Rahmenbedingungen, wie der Herkunft des Bischofs und der Bundespräsidentin, der Öffentlichkeitswirksamkeit des Anlasses, der Cleverness der Organisator:innen?

Wie auch immer: Was sicher nicht schaden kann; wenn wir für die Menschen immer wieder Beten, welche Verantwortung in Kirche und Staat übernehmen. Man muss das politische Heu ja nicht auf der selben Bühne haben, um Gott um Führung für Bundesrat, Nationalrat, Ständerat usw. zu bitten. Bereits bald, am 1. August werden wir mit ihnen vermutlich wieder einstimmen in dieses Nationalhymne gewordene Gebet an den "Hocherhabenen", an den "Gott im hehren Vaterland". Dem sagt man dann wohl Patriotismus, aber auch Bekenntnis.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 10. Januar 2025

Freiheit. Solidarität. Verantwortung. - Echt jetzt?

Ein Zitat

Schlagzeile von 20 Minuten am 9. Januar 2025.
Foto © Jörg Niederer
"In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt; es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!" Papst Franziskus am 8. Juli 2013 auf Lampedusa

Ein Bibelvers - Lukas 6,35

Jesus: "Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen."

Eine Anregung

Bei der SVP ist es ja klar, genauso wie auch bei der FDP. Aber dass "Die Mitte" auch mitmacht bei der fortlaufenden Entmündigung und Abschreckung von Asylsuchenden, das verstehe ich nicht.

Gestern titelte 20 Minuten auf der Frontseite: "Auch die Mitte will kein Bares mehr für Asylbewerber". Es geht darum, dass Asylsuchende ihre finanzielle Unterstützung nur noch per Debitkarte erhalten. Diese kann nur im Inland genutzt werden und mit ihr kann kein Bargeld bezogen werden. Das soll die Asylsuchenden daran hindern, Geld zu ihren Familien ins Ausland zu überweisen und die Attraktivität als Asylland senken. In Deutschland, wo es schon länger diese Zahlkarten statt Bargeld gibt, wirkt die Abschreckung. Es gäbe freiwillige Ausreisen und Arbeitsmarkteintritte.

Einmal mehr ist die Asylpolitik eigentlich eine Asylverhinderungspolitik. Und "Die Mitte", die sich "Freiheit. Solidarität. Verantwortung." auf die Fahnen geschrieben hat, macht bei diesem unmenschlichen Spiel mit. Es war wohl schon folgerichtig, dass man bei der Namensänderung von der CVP zur Mitte das C für Christlich weggelassen hat. Wer mündige Menschen auf solche Weise bevormunden will, handelt mit Sicherheit nicht im Sinn der christlichen Sozialethik, der die Partei laut Eigenaussagen immer noch verpflichtet sei.

Mir scheint, dass wir heute mit Asylsuchenden auf ähnlich unmenschliche Weise umgehen, wie man vor der Änderung der Bundesverfassung im Jahr 1966 mit der jüdischen Wohnbevölkerung umgegangen ist. Die Politik erfindet immer wieder neue diskriminierende Asylrichtlinien, und immer geht es um Abschreckung und um den Versuch, die Asylströme in andere Teile der Welt zu lenken. Diskutiert wird nicht, wie Flüchtenden geholfen werden kann, sondern wie sie davon abgehalten werden können, zu flüchten, und schon gar nicht hierher in die Schweiz. Der humanitäre Gedanke spielt keine Rolle mehr. Auch die Entwicklungshilfe wird zusammengestrichen und soll nicht an Ländern gehen, die in der Asylpolitik nicht kooperieren. Gemeint ist, dass finanzielle Hilfe nur die Staaten erhalten, welche abgewiesene Asylsuchende zurücknehmen. Ob es Länder sind welche die Menschenrechte mit Füssen treten, spielt bei der Beurteilung keine Rolle.

Wer nun aber die Asylsuchenden gegen die einheimischen Armutsbetroffenen ausspielt, muss wissen, dass die, welche sich diese Unmenschlichkeiten gegen Asylsuchende ausdenken, auch die sind, welche die Sozialhilfe zusammenstreichen, oder wie in der Stadt St. Gallen die 50 Franken Weihnachtsgeld an Sozialhilfeempfangende streichen, und zugleich den Beamten ein Lohnerhöhung gewähren. 

"Die Schweiz kann doch nicht allen helfen", heisst es dann schnell. Das mag stimmen. Aber aktuell geht der Trend in die andere Richtung. Es soll so wenigen Bedürftigen geholfen werden müssen wie nur möglich. Darum versucht man abgewiesene Asylsuchende durch Entzug des Lebensnotwendigen aus dem Land zu treiben. Darum wollte man den Familiennachzug für aufgenommene Asylsuchende verhindern. Darum steckt man Flüchtende weit ab vom Schuss in Heime. Darum werden Menschen inhaftiert, deren einzige Schuld es ist, dass sie hier in der Schweiz um Asyl ersucht haben. Darum überlegen sich westliche Staaten, Asylzentren im Ausland einzurichten.

Zurück zum C und der christlichen Soziallehre. Wie sagte doch Jesus: "Behandelt andere Menschen genau so, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Matthäus 7,12) In der Asyl- und Sozialpolitik sind wir auch in der Schweiz weit von dieser Minimalethik entfernt. Es braucht eine Abkehr vom entmündigenden Umgang mit Hilfesuchenden. Ohne diese Umkehr mag die Schweiz eine christliche Tradition haben, aber um ein christliches Land handelt es sich heute nicht mehr. Dazu fehlt der aktuellen Politik das Wesentlichste: Die Nächstenliebe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. Januar 2024

Das Fundament im Leben

Ein Zitat

Beim Bundeshaus in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Ich würde jetzt heute sagen, diese befreiende Dimension habe ich viel stärker in der Methodistenkirche erlebt..." Eric Nussbaumer, Nationalratspräsident

Ein Bibelvers - Galater 5,13

"Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe."

Eine Anregung

Das Bundeshaus ist seit gut 16 Jahren Wirkort von Eric Nussbaumer. In den Perspektiven von Radio SRF 2 Kultur hat nun der aktuelle Nationalratspräsident sich auch zu seinem Glauben und seiner Zugehörigkeit zur Methodistenkirche geäussert. Dabei wird deutlich, wie stark geprägt der SP-Mann von einer christlichen Grundhaltung her politisiert. Pointiert äussert er sich: "Kirche muss uns helfen, das Leben gemeinsam zu meistern. Sonst hat sie keine Berechtigung." Über den Glauben selbst meint er: "Der christliche Glaube hat eine persönliche Dimension. Er hat aber immer auch eine zwischenmenschliche, gesellschaftliche Dimension. Und das versuche ich auch heute noch immer so zu praktizieren."

Auch interessant ist, wie wohlwollend der Sender im Zusammenhang mit dem Interview den Methodismus beschreibt.

Mir hat dieses Gespräch mit Eric Nussbaumer Mut gemacht. Mut, politisch aus dem Glauben heraus die Gesellschaft und die Schweiz mitzugestalten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 20. November 2023

Umkehrbotschaft und Letzte Generation

Ein Zitat

Im Forenbachtobel hat ein durch Sturmtief Frederico umgeworfener Baum eine Fussgängerbrücke beinahe unpassierbar gemacht.
Foto © Sabine Möckli
"Der gefährlichsten Eingriff in den Strassenverkehr ist der motorisierte Strassenverkehr selbst."

Ein Bibelvers - Markus 1,14+15

"Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, ging Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Botschaft Gottes. Er sagte: 'Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!'"

Eine Anregung

Aktuell bemüht sich die Weltgemeinschaft, der sogenannten "Letzten Generation" recht zu geben. Je stärker sich Verantwortliche echauffieren über deren illegalen Protestaktionen und je mehrheitlich sich diese Gesellschaft nur mit Lippenbekenntnissen von den fossile Brennstoffen verabschiedet, desto klarer wird, dass der Moment einer echten Umkehr und damit einer Abkehr von einem global lebensbedrohlichen Zustand zu spät erfolgen könnte.

Als meine Frau dieses Wochenende im Forenbachtobel an diese Brücke (siehe Foto!) kam, welche von einem durch Sturmtief Frederico umgeworfenen massiven Baum schwer beschädigt worden war, dachte ich bei mir: Genauso sieht es im Moment aus. Der Steg ist gerade noch passierbar, wenn man sich den dünn macht oder kriecht. Aber wer will sich schon Einschränken oder gar den Realitäten beugen?

Was die Letzte Generation tut, ist in Wirklichkeit das, was die politischen Verantwortungsträgerinnen und -träger tun sollten. Die Umkehr mit aller Kraft anstreben und diesen unattraktiven Weg aus der Misere dem Stimmvolk plausibel machen. Doch kein Politiker und keine Politikerin kann es sich leisten, der Gesellschaft reinen Wein einzuschenken, wenn dieser sauer und unbekömmlich schmeckt. Schnell würde er oder sie ersetzt durch jene, welche opportunistisch ihr Fähnlein nach dem Wind hängen. Darum malt die Politik den durch fossile Energieträger menschgemachten Klimawandel schön, oder sucht die Sündenböcke bei der Opposition. Echte Umkehr sieht anders aus.

Dabei ist der Moment der Umkehr besonders herausfordernd, um nicht zu sagen: gefährlich. Wie ein riesiger Supertankern ist die Weltgemeinschaft auf dem Weg in eine Richtung. Sie abzubremsen, oder in eine andere Richtung zu bewegen ist nur mit viel Kraft und Willen möglich. Wenn nun aber der Raum, den es für dieses Wendemanöver braucht, schon unterschritten wurde, dann reicht weder Wille noch Kraft aus, und wir enden auf den Klippen, die wir vor 150 Jahren anvisiert haben. Das gilt umso mehr, als der aktuelle Wille moderat und die Kraft bescheiden ist.

"Kehrt um!" das war die entscheidende Botschaft von Jesus Christus. Umkehren bedeutet, sich auf die "Frohe Botschaft", auf eine erfreuliche Zukunft auszurichten. Im Umkehren, in einem totalen Sinnes- und Lebenswandel liegt begründete Hoffnung für diese Welt, in der wir gerade leben. Wer aber nur zögerlich und halbherzig umkehrt, wird der "Letzten Generation" und deren apokalyptischen Befürchtungen recht geben.

Darum: "Kehrt um!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 27. Januar 2022

'Kindersicherung' für Peking

Ein Zitat

Wintersport am Schweizer Fernsehen
Foto © Jörg Niederer
"China hat die Heuchelei und Untätigkeit des Westens in Menschenrechtsfragen gesehen, deshalb sind sie noch kühner, skrupelloser und rücksichtsloser geworden." Ai Weiwei, Chinesischer Künstler

Ein Bibelvers - Amos 5,23+24

Gott spricht: "Lasst mich in Ruhe mit dem Lärm eurer Lieder! Auch euer Harfenspiel mag ich nicht hören! Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt."

Ein Anregung

Ich wünsche mir so etwas wie eine "Kindersicherung" für die Olympischen Spiele in Peking. Also ein Filter, der verhindert, dass ich diesen Sportanlass beim Fernsehen, im Internet und in den Medien finde. 

Es gibt mehrere Gründe, warum ich das möchte. Der Entscheidende ist, dass es mich anwidert, dass solche Spiele in einem Land ausgetragen werden, in dem Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Natürlich, Unrecht kommt in jedem Land vor, auch im eigenen. Aber in China werden tausende Menschen "umerzogen", weil sie als Uiguren geboren sind. Das Tian'anmen-Massaker wird bis heute geleugnet, die Demokratie in Hongkong zum Verschwinden gebracht, eine kolonialistische Aussenpolitik verfolgt, mit Säbeln gerasselt gegenüber Taiwan und noch viel mehr. All das ist mit meinen christlichen Moralvorstellungen unvereinbar.

Wenn dann eine Schweizer Delegation all dies in den Wind schlägt, weil es ihr Ziel ist, 15 metallene Medaillen bei Sportwettkämpfen zu gewinnen, dann ist das aus meiner Sicht obszön. Um im Jargon des Sports zu bleiben: Das ist unsportlich und menschenverachtend. So gerne ich Wintersport schaue, das will ich nicht auch noch durch meinen Konsum unterstützen.

Und da diese Doppelmoral der Verbände weitergeht mit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar, lechze ich nach diesem Filter, mit dem ich mich nicht weiter besudeln lassen muss von Aussagen wie der, Sport habe nichts mit Politik zu tun.

Strahlt von mir aus in dieser Zeit alle Sandmännchen-Sendungen der Fernsehgeschichte aus. Da wissen wir wenigsten von Anfang an, dass man uns Sand in die Augen streuen will.

So, das musste ich einfach einmal loswerden. Und ich verspreche: Morgen gibt es wieder etwas Auferbauenderes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde