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Montag, 26. August 2024

Lärm und leise

Ein Zitat

Mit Zucker gefüllte Silos erheben sich in Reih und Glied auf dem Gelände der Zuckerfabrik Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Lärm beweist gar nichts. Eine Henne, die ein Ei gelegt hat, gackert, als sei es ein Planet." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - 2. Mose 32,17+18

"Als Josua das Volk schreien hörte, sagte er zu Mose: 'Im Lager ist Kriegslärm!' Doch Mose entgegnete: 'So klingt kein Geschrei von Siegern, auch nicht das Geschrei von Besiegten. Ich höre laute Gesänge.'"

Eine Anregung

In den zwei Tagen des internationalen Motocross-Rennens in Frauenfeld entstand auf dem Zuckerfabrik-Areal ein kunterbuntes Dorf von Motorradbegeisterten. Aus diesem Anlass stand das Gelände der Fabrik ausnahmsweise allen zugänglich offen. Faszinierend, was es da zu sehen gab. Wobei der erste Eindruck akustisch und lärmend laut war. Auf der Industriegleisanlage begegneten uns Fans mit so Dingern in der Hand; Motoren mit Geräuschverstärkern. Diese liessen sie in einer das Gehör verletzenden Wiese aufheulen.

Zur Ehrrettung sei gesagt, dass die meisten anderen Motorradbegeisterten sich deutlich geräuschärmer verhielten. Lediglich die Schafherde, die zwischen den Zuckersilos weidete, gerieten bei meinem Anblick auch in laut blökende Verzückung.

Leiser war es dann in den abgelegeneren Teilen der Zuckerfabrik. Dort konnte man den Eindruck bekommen, man sei allein auf dem Gelände.

Meine Frau begrüsste auch ein ihr gut bekannter Motocross-Europameister. Es war ein kleiner Junge, den sie von ihrer Arbeit als Mitarbeiterin der Tagesschule kennt. Den Titel hatte er früher einmal gewonnen an einem Jugend-Motocross-Rennen. Damals als er seine Medaille in der Tagesschule präsentierten, meinten einige neidische und fussballbegeisterte Kinder, Motocross sei doch gar kein richtiger Sport.

Mir wurde bei dieser Gelegenheit wieder einmal bewusst, wie verschieden Menschen sind. Die einen kicken Bälle, die andern kicken das Gaspedal. Die einen freuen sich an möglichst viel Lärm, andere suchen sich bewusst ruhige Tätigkeiten aus. Was für die einen Erholung, ist für die andern purer Stress.

Was ist dir lieber: Laut oder leise, Action oder Ruhe?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 10. September 2022

Reaktionszeit

Ein Zitat

Warten auf das Startzeichen vor dem Fussgängerstreifen
Foto © Jörg Niederer
"Die meisten großen Taten, die meisten großen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang." Albert Camus

Ein Bibelvers - Matthäus 19,30

Jesus: "Viele, die jetzt zu den Ersten gehören, werden dann die Letzten sein. Und viele, die jetzt zu den Letzten gehören, werden dann die Ersten sein."

Ein Anregung

Am Fussgängerstreifen ist es ein bisschen so, wie am Leichtathletikereignis "Weltklasse Zürich" beim Start vor einem Mittelstreckenlauf. Während der Rotlichtphase treffen Menschen ein und stellen sich entlang des Strassenrandes wie vor dem Rennen auf. Es ist schon auch ein Schaulaufen verschiedenster Charaktere. Die einen wollen nicht nur los, sie wollen sich auch zeigen. Das tun sie neben Handwerkern und Malerinnen in ihren fleckigen Berufskleidern. 

Nach einiger Zeit des Wartens macht sich eine gewisse Unruhe bemerkbar, die Fehlstarts zur Folge habt. Dann rennen die Rastlosen auch schon einmal bei Rot über die Strasse. Nun bringe ich mich für einen optimalen Lauf in Position. Will ich nach links zum Briefkasten, ordne ich mich ganz links ein. Will ich nach rechts zu den Restaurants, nehme ich die Bahn ganz rechts aussen. Gespannt beobachte ich die Ampel auf der anderen Strassenseite. Das Startzeichen kündigt sich durch die Rotphase bei den Autos an. Dann springt (wie man so sagt) die Ampel auf Grün und ich auf die Strasse. Innerhalb von zwei Sekunden lösen sich die Reihen am Strassenrand auf, Menschen eilen oder schlurfen der anderen Strassenseite entgegen. Ich blicke nach links, dann nach rechts. Bin ich der Erste? War ich der Reaktionsschnellste?

Aus der Leichtathletik wissen wir, dass ein guter Start zwar entscheidend für den Sieg sein kann, aber er ist nur ein kleiner Teil des ganzen Rennes. Manch ein Mensch kommt gut aus den Blöcken, und ist am Ende doch der Letzte. Das ist in gewisser Weise auch eine hoffnungsvolle Erkenntnis. Denn auch wer in seinem Leben einen formidablen Fehlstart hingelegt hat kann durchaus noch als Erste oder Erster die Ziellinie überqueren. Abschreiben sollte man - auch aus christlicher Sicht - keine Frau und keinen Mann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde