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Mittwoch, 26. März 2025

Geburten wie Gebete

Ein Zitat

Zwei Blätter eines Busches schmiegen sich im Entstehen eng aneinander, als würden sie betend geboren werden.
Foto © Jörg Niederer
"Bei Knospen denken wir an Blüten; warum nur und nicht zuerst an die Blätter?"

Ein Bibelvers - 2. Mose 25,31

"Mach einen Leuchter aus reinem Gold. Leuchter, Fuß und Schaft sollen aus einem Stück gearbeitet sein, mit Blüten, Knospen und Blättern."

Eine Anregung

Wie Hände in Gebetsform schmiegen sich zwei junge Blätter eines Busches eng aneinander. Ihr Start ins Leben ist voller Schönheit. Nichts stört die Harmonie. Einander halten sie sich aufrecht. Die samtene Oberfläche - ich möchte sie ertasten.

Es ist ein Wunder, das sich in der Natur jedes Jahre millionenfach von neuem ereignet. Die Geburt der Blätter, wie ein Gebet der Bäume und Büsche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 7. Januar 2025

Die drei Könige und der Gekreuzigte

Ein Zitat

Die drei Königen aus der Weihnachtskrippe vor dem Gekreuzigten in der Wallfahrtskapelle Klingenzell.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kreuzigung Jesu Christi ist der zwingendste Beweis dafür, dass Gottes Liebe allen Zeiten gleich nah und gleich fern ist." Dietrich Bonhoeffer (1906-1946)

Ein Bibelvers - Matthäus 2,1+2

"Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren. Zu dieser Zeit war Herodes König. Da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Sie fragten: 'Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten.'"

Eine Anregung

Nachdem der gestrige Dreikönigstag im Zeichen des Hirtenbriefs der Bischöfinnen und Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche stand, komme ich halt heute erst auf die drei Könige zu sprechen.

Da gibt es ja die Erzählung von einem vierten König, der - von den andern drei abgehängt - erst Jahre später nach Jerusalem fand, just an dem Tag, als Jesus gekreuzigt worden war. 

Nun kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die anderen drei Könige nicht nur dem neugeborenen Heiland begegnet sind, sondern ganz offensichtlich auch dem Gekreuzigten. Das wird uns, wie man auf dem Foto sehen kann, in der Wallfahrtskapelle Klingenzell vor Augen geführt. Was hätte die drei auch daran hindern sollen, Jahre nach Christi Geburt in Jerusalem nachschauen zu gehen, was aus dem Baby von Bethlehem geworden war.

Es wäre interessant, zu sehen, wie sie auf die Kreuzigung von Jesus reagiert hätten. Einfach ist es, die Hoffnung nicht zu verlieren beim Anblick eines neugeborenen Kindes. Viel schwieriger ist es, angesichts des Gekreuzigten die Hoffnung zu behalten. Genau das aber wird uns Christ:innen zugemutet.

Nun, angesichts der vielen aktuell in Spitzenpositionen gewählten Rassisten, Lügnern, und Kriegsgurgeln schein mir der Glaube an einen hingerichteten Heiland gar nicht sonderlich dumm und abwegig.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 13. Oktober 2023

Zwei sehen sich zum ersten Mal

Ein Zitat

Das frisch geborene Wasserbüffelkalb und seine Mutter nehmen voneinander einen Augenschein.
Foto © Jörg Niederer
"Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind." Gertrud von Le Fort (1876-1971)

Ein Bibelvers - Jesaja 42,14

"Lange habe ich [Gott] geschwiegen, ich blieb still und hielt mich zurück. Jetzt aber stöhne ich wie eine Frau bei der Geburt, ich keuche und ringe um Luft."

Eine Anregung

Es sind zauberhafte Momente, wenn sich das frisch geborene Wasserbüffel-Kalb und seine Mutter ein erstes Mal anschauen. Am vergangenen Dienstag durften wir diesen Augenblick miterleben, als das Junge mit weit offenen Augen die Welt um sich herum zum ersten mal mit eigenen Augen sehen konnte.

Mir kommen Bilder in den Sinn, in denen Gott wie eine Mutter beschrieben wird. Aber auch die andere Seite, die des Neugeborenen, kennt Gott. Als Jesus wurde er von einer Frau geboren. In diesem blutigen Geschehen entsteht eine Bindung und Kraft zwischen Mutter und Kind, zwischen Gott und Mensch.

Man verzeihe, dass mir diese Gedanken bei der Geburt eines Wasserbüffels gekommen sind. Doch schaut selbst, wie da etwas Geheimnisvolles, Schönes zwischen Büffelkuh und Kalb geworden ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 21. August 2021

Eine Geburt zum Geburtstag

Ein Zitat

Eine Schottisches Hochlandrind leckt das frischgeborene Kalb einer andern Kuh trocken.
Foto © Jörg Niederer
Das grosse Glück beginnt hilflos und auf wackeligen Beinen.

Ein Bibelvers - Hiob 39,3+4

"Die Hirschkühe kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und sind schnell ihre Geburtsschmerzen los. Ihre Jungen wachsen, werden groß und stark. Sie laufen ins Freie und kommen nicht wieder."

Ein Anregung

Dem Schottischen Hochlandrind schauten zwei Hufe aus dem Hintern. Die Nabelschnur pendelte zwischen den Beinen. Sie ging unruhig hin und her, setzte sich hin, stand wieder auf, legte sich hin, presste, atmete schwer.

In einem Häuschen neben der Weide sagten sie: "Da ist alles in Ordnung. Hochlandrinder muss man allein lassen, die kalben ohne Hilfe." So recht trauten wir der Sache nicht.

Doch dann muhte die Kuh, und erhob sich. Im Dämmerdunkel war im Gras ein Schatten auszumachen. Eine zweite Kuh und das Muttertier begannen, den Knäuel am Boden zu beschnuppern und abzulecken. Dann bewegte sich der Schatten, streckte Hufe empor. Es lebte. Doch nun geschah etwas Eigenartiges. Die zweite Kuh begann das Kalb gegen das Muttertier zu verteidigen. Immer wieder verjagte sie die Mutter, wollte das Kalb für sich allein. Das Muttertier begann nun aus etwa fünf Metern ganz sanft nach dem Kalb zu rufen.

Dann kam der Stier, und mit dem Stier weitere Tiere aus der Herde. Wir aber mussten weiter, der Bus würde nicht warten.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, fragen wir uns, wie der Kampf der Mütter um das Kalb ausgegangen sein mag. Und ich höre noch einmal die Stimme meiner Frau, wie sie beim Anblick des Neugeborenen sagte: "Das Kalb hat am selben Tag Geburtstag wie du". Beschenkt wurde ich, ganz unerwartet, mit der Geburt eins Kalbes. Das Wunder des Lebens vor unsern Augen, hineingeboren in die Welt, auf einer Weide unweit der Kartause Ittingen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde