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Mittwoch, 13. August 2025

Aus den Augen, aus dem Sinn

Ein Zitat

Foto © Jörg Niederer

"Auf den zweiten Blick aber vermitteln die Aufnahmen von Peter Maurer auch ein Unbehagen - ein vages Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt."
Aus dem Vorwort von Peter Pfrunder zum Buch "Terra Deposita" von Peter Maurer

Ein Bibelvers - Sprüche 25,4+5

"Entfernt man die Schlacke aus dem Silber, so gelingt dem Gold- und Silberschmied sein Werk. Entfernt man den Frevler aus der Umgebung des Königs, so wird sein Thron durch Gerechtigkeit gefestigt."

Eine Anregung

Ich habe ein Buch gekauft, das riecht nach dem, was darin auf Fotos dargestellt ist. Es riecht nach Mülldeponie. Ich vermute, das ist so gewollt. Zum Visuellen kommt das Olfaktorische hinzu.

Im Buch "Terra Deposita - Belastetes Land im Zwielicht" von Peter Maurer (ISBN 978-3-03942-269-2) findet man Fotos von Deponien aller Art. Manche sind kaum noch als solche zu erkennen. Andere zeigen auf den ersten Blick ihre belastete Vergangenheit oder Gegenwart. Altlasten werden hier gekonnt ins Bild gesetzt, nach einer ganz besonderen Technik. Die Fotos entstanden bei Dämmerung und in der Nacht mit einer Belichtungszeit von 51 Minuten. Damit erinnert Maurer an die Area 51, ein Sperrgebiet in der Wüste von Nevada. Dort soll es geheime Beweise geben von UFOs. Mülldeponien und Altlasten werden bei uns oft versteckt, geheim gehalten oder deren Gefährlichkeit heruntergespielt.

Heute sind 38'000 Orte in der Schweiz belastet. 4000 sind dringend sanierungsbedürftig. Der Bund will sie allesamt bis ins Jahr 2045 entgiften.

Das Buch enthält wenig Text. Die Fotos sollen für sich sprechen. Wer sich ein eigenes Bild von den Deponien machen möchte, kann diese anhand ihrer geografischen Koordinaten finden. Etwa die Deponie Neudorf, St. Gallen (Auf der linken Seite des Fotos oben): 47°26'34.6"N 9°25'23.5"E (oder: 47.442944°N 9.423189°E). Bei Google ins Suchfeld eingeben, und schon wird Ort und Stelle angezeigt.

Dazu die Beschreibung: "Der Ablagerungsstandort war von 1940-1968 in Betrieb. Der Unterschachenbach wurde in den 1960er Jahren eingedolt, durch die Sanierung hat man ihn wieder freigelegt. Flora und Fauna können sich erneut entfalten, und der Hochwasserschutz wird verstärkt. Für eine Renaturierung war eine temporäre Rodung nötig. Spuren der ehemaligen Deponie sind noch heute gut zu sehen."

Die Sünden von einst sind immer noch zu sehen. So ist das mit Sünden, mit Altlasten. Sie gehen uns Menschen lange nach, manchmal über Generationen hinweg. Eine Sündensanierung ist nicht billig und einfach zu haben. Doch wenn sie gelingt, dann kann nach und nach neues Leben und Frieden entstehen.

Noch besser wäre, gar nicht erst unser Land zu vergiften. Und auch kein anderes Land und auch nicht das eigene oder ein fremdes Leben.

Während ich das schreibe, habe ich den Geruch des Buches in der Nase. Dazu schlage ich ein kleines Experiment vor. Vergrabe einmal in deinem Garten oder an einem anderen Ort eine Baumwollunterhose und eine Kunstfaserunterhose zwei Monate lang im Boden! Danach grabe sie wieder aus, und vergleiche die beiden Kleidungsstücke! Besser für uns ist alles, was stärker und schneller zersetzt wird. Das andere kann zu einer Altlast werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. Januar 2025

Ein wenig Thurgau im Aargau

Ein Zitat

Die Bronzeplastik der römischen Göttin Pomona des Künstlers Eduard Spörri an einer Ecke des Zofinger Stadthauses.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt angesehene Bürger, die niemals auf die Idee kämen, einen Apfel vom Nachbarbaum zu stehlen, aber ihr Geld ins Ausland schaffen, um es vor dem Fiskus zu verstecken." Erwin Huber, deutscher Politiker (*1946)

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,2+3

"Die Frau [Eva] erwiderte der Schlange: 'Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten. Er hat gesagt: Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'"

Eine Anregung

Kennst du Pomona. Bei ihr handelt es sich um die römische Göttin der Baumfrüchte und des Obstes. Also in gewisser Weise eine ideale Göttin für den Apfelkanton Thurgau. Ich bin Pomona in Form einer Skulptur an einem Ort begegnet, an dem ich wohl schon hunderte Male vorbeigegangen bin. Die Bronzeplastik der "Apfelgöttin" vom Wettinger Künstler Eduard Spörri steht auf einem Podest in einer Ecke des Stadthauses von Zofingen. Dort in der Nähe war ich vor einigen Jahren zuhause. Doch erst neulich habe ich mir gesagt: Jetzt schaue ich einmal nach, was diese Bronze darstellen soll.

Sie passt ziemlich gut zu meinem gestrigen Beitrag (Siehe Blog vom 12. Januar 2024!). Denn es geht um Bäume, diesmal speziell um Apfelbäume und deren Früchte. In Ovids nicht jugendfreiem Werk "Metamorphosen" muss Pomona von Vertumnus erst zur Ehe mit ihm überredet werden, was dieser mit dem Verweis auf eine Ulme tut, die mit einer Rebe zusammengewachsen ist.

Die Pomona am Stadthaus Zofingen hält in beiden Händen Äpfel. Sie sind die Merkmale, dass es sich um diese römische Göttin handelt. Mir fällt die Parallele zu den Heiligendarstellungen auf. Auch da gibt es solche Erkennungsmerkmale, die es zulassen, den Heiligen oder die Heilige sicher zu identifizieren. In der Kirchlichen Kunst ist der Apfel eher negativ bewertet. So gehört der Apfel als Attribut zum Heiligen Sabas, der einst trotz bitterem Hunger den saftigen Apfel als Bild der Sünde verschmähte.

Die kirchliche Tradition hat die verbotene Frucht aus der Paradiesgeschichte der Bibel (1. Mose 3) immer als Apfel interpretiert. Er war folglich ein Symbol des Sündenfalls und der Erbsünde. Doch dann gibt es eben auch die Apfelmadonna: Maria mit dem Kind, wobei entweder das Jesuskind oder die Maria einen Apfel in Händen hält.

Mit der Geburt Jesu durch Maria hat diese den Weg zurück ins Paradies vorbereitet. Maria ist die neue Eva, und Jesus der neue Adam. Die Erbschuld ist überwunden. Nun ist der Apfel nicht mehr Zeichen menschlicher Hybris, sondern Ausdruck der Gnade und des Lebens.

Wer mehr über den Apfel und die Apfelmadonna erfahren möchte, findet hier oder da mehr Informationen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 28. November 2024

Die nackte Heilige

Ein Zitat

Ikone der Heiligen Maria von Ägypten.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Heiliger Mann sah jemand sündigen und weinte bitterlich, indem er sagte: 'Jener heute und ich mit Sicherheit morgen.' Deshalb, wann immer du jemanden vor dir sündigen siehst, verurteile ihn nicht, sondern halte dich selbst für sündiger als er." Aus: Das grosse Gerontikon - Die Sprüche der heiligen Wüstenväter

Ein Bibelvers - Matthäus 7,3

"Du siehst den Splitter im Auge deines Gegenübers. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge?"

Eine Anregung

Die rumänisch-orthodoxe Kirche in St. Gallen ist in Räumen eines Gewerbehauses untergebracht. Dort besuchte ich gestern eine Sitzung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Wir tagten umgeben von Heiligenikonen mitten im Kirchenraum. Auf der linken Raumseite fanden sich die weiblichen Heiligen, auf der rechten Seite die männlichen Heiligen.

Maria von Ägypten viel mir auf wegen der aussergewöhnlichen Handhaltung. Sie ist eine der Heiligen, die oft nackt dargestellt wird. 

Die Legende erzählt, dass sie mit 12 Jahren, zur Zeit des römischen Kaisers Konstantin, in Alexandria als Prostituierte zu arbeiten begann. 17 Jahre lang gab sie sich Männern gegen Bezahlung hin. Zu jener Zeit entdeckte die Mutter des Kaisers das heilige Kreuz in Jerusalem. Aus Neugier wollte Maria von Ägypten dieses Kreuz sehen und machte sich auf die Reise. Doch als sie an die heilige Stätte kam, zur zwischenzeitlich über dem Kreuz gebauten Grabeskirche, konnte sie nicht eintreten, obwohl sie es versuchte. Dreimal wurde sie zurückgewiesen, bis sie ihre grosse Schuld erkannte, Busse tat, und so doch noch den Weg zu Christus fand.

Nach diesem Erlebnis zog sie über den Jordan allein in die Wüste, wo sie 47 Jahre lang als Eremitin lebte. Als ihre Kleider nichts mehr taugten, lebte sie nackt weiter, nur von ihrem Haar bedeckt. Da entdeckte sie der Mönch Zosimas, der sich selbst für vollkommen hielt. Doch beim Anblick der ihm spirituell überlegenen nackten Heiligen wurde er sich seiner Sünden wieder bewusst. Statt dass er Maria segnete, bat er nun selbst um ihren Segen. Sie aber wünschte sich, dass er ihr in einem Jahr an Gründonnerstag die heilige Eucharistie austeile. Diese konnte sie jedoch nur empfangen, in dem sie zu Zosimas über das Wasser des Jordans wandelte und danach wieder zurück. Ein weiteres Jahr später lag Maria von Ägypten tot aber unverwest in einem Sarg. Im Sand geschrieben las Zosimas die Bitte, Maria christlich zu bestatten. Während er also noch überlegte, wie er das bewerkstelligen könnte, kam ein Löwe, und erfüllte der heiligen Maria von Ägypten diesen letzten Liebesdienst.

Soweit die Legende. Zweifellos ist die Nacktheit dabei das sich durchziehende Element und Symbol von Sünde und Heiligkeit. Wie sie sich als Prostituierte den Männern hingab, gab sie sich letztlich für Christus hin.

Darauf verweist nun auch die spezielle Geste auf ihrer Ikone. Sie wurde mir gestern von Priester Mihail Adam erklärte. Mit dem Zeigefinger der linken Hand zeigt die Heilige auf die erhobene rechte Handinnenfläche. Das bedeutet: Ich bin bereit, alles wegzugeben, nur nicht den Glauben, das Vertrauen in Christus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 15. September 2024

Geistliches Entsorgen

Ein Zitat

Unrat gehört entsorgt, genauso wie alles, was dich und andere belastet.
Foto © Jörg Niederer
"Busse oder Umkehr ändert nichts bei Gott, aber alles bei dir." Aus der heutigen Predigt!

Ein Bibelvers - Jesaja 55,7

"Der Frevler soll seinen Lebensweg ändern! Wer Böses im Sinn hat, soll seine Pläne ändern und zum Herrn, unserem Gott zurückkehren! Der wird Erbarmen mit ihm haben und ihm reichlich Vergebung schenken."

Eine Anregung

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag: Fürs Danken gibt es viele Gründe. Auch, dass wir nach christlichem Glauben jederzeit und immer wieder zu Gott umkehren können. Gott steht für Vergebung. Jesus Christus, so heisst es in einem Lied, nimmt die Sünder an. Selbst dann, wenn jemand mit der Bezeichnung "Sünder" nicht viel anfangen kann, ist es so. Gott wartet wie ein liebevoller Vater, wie eine sich sorgende Mutter auf alle seine/ihre Kinder. Wie gesagt: Fürs Danken gibt es viele Gründe.

Mehr dazu erfährt man wieder einmal in einer per YouTube übertragenen Predigt aus der Methodistenkirche St. Gallen. Sie ist so ab 10.30 Uhr zu hören.  

Vor Ort in der Kirche an der Kapellenstrasse 6 sind alle darüber hinaus auch zum Abendmahl eingeladen. Der Gottesdienst beginnen um 10.15 Uhr.

Wer am Morgen verhindert ist, kann auch am Abend den Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Kantone Appenzell und St. Gallen in der Evangelischen Kirche Waldstatt besuchen. Er beginnt um 17.00 Uhr. An diesem Gottesdienst bin ich ebenfalls beteiligt.

Wer weiss, vielleicht sehen wir uns heute. Es würde mich freuen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 10. Oktober 2023

Die Schuld vor dem ersten Steinwurf

Ein Zitat

Jurahöhen, gesehen unweit der Hasenmatt.
Foto © Jörg Niederer
"Ich glaube an die Gewaltlosigkeit als einziges Heilmittel." Mahatma Gandhi (1869-1948)

Ein Bibelvers - Johannes 8,7

"Als sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] nicht aufhörten zu fragen, richtete er [Jesus] sich auf und sagte zu ihnen: 'Wer von euch ohne Schuld ist, soll den ersten Stein auf sie [eine Ehebrecherin] werfen!'"

Eine Anregung

Der Jura. Naherholungsgebiet vieler Menschen aus dem Schweizer Mittelland. Ein bisschen Indian Summer geniessen auf den Höhen und über dem Nebel. Doch wer oft im Jura wandert, weiss, dass es dort unzählige Festungsanlagen aus dem 1. und 2. Weltkrieg gibt. Was heute so friedlich aussieht, war einst Ort des Widerstands, aber auch Ort, an dem jüdische Menschen in den sicheren Tod in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zurückgesandt wurden. Damals behaupteten führende Schweizerinnen und Schweizer, das Boot sei schon voll.

Gewalt geht nie nur von einer Seite aus. Aber jede Gewalt ist aufs Schärfste zu Verurteilen. Ganz besonders, wenn sie Menschen trifft, die den Frieden suchen, die sich für ein friedliches Zusammenleben stark machen.

Gewalt und Schuld beginnen nicht erst mit dem ersten Steinwurf. Wer aber den Stein wirft, kann es nie ohne Schuld tun.

Gewalt und Schuld müssen gar nicht mehr beginnen. Sie haben schon vor langer Zeit begonnen, als ein erster Menschen, vielleicht Kain, neidisch wurde auf seinen Bruder Abel und ihn tötete. Seit diesem Urereignis ist Schuld und Gewalt Bestandteil einer Welt, die keinen Frieden findet.

Steinewerfende stehen in einer Tradition, an der kein Mensch wirklich schuldlos vorbeikommt. Weder die, welche in brutaler Weise nach dem Leben eines Andern trachten, noch die, welche auf Kosten anderer Menschen im Wohlstand leben. Weder die, welche Bedürftigen die Hilfe versagen, noch die, welche vollen Booten beim Kentern zuschauen.

Als Jesus eine Frau vor der Hinrichtung durch Steinigung rettete mit den Worten: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein", waren die Richter ehrlich genug, dass sie ihre Steine hinlegten, denn sie waren sich ihrer Schuld bewusst. Wie gut wäre es doch, wenn alle Menschen zu dieser Ehrlichkeit zurückfinden würden. Es wäre der Moment, wo Leben über all die Schützengräben und Heldendenkmäler wachsen könnte. Dann könnte es mit den Jahren so friedlich aussehen wie im Jura, einem Grenzgebirge dessen Grenze aktuell und hoffentlich auf tausende von Jahren offen bleibt.

Ich bete heute für die Opfer des terroristischen Überfalls auf israelische Menschen und deren Angehörigen. Ich bete aber auch für eine wirkliche Lösung für alle Menschen, die im Nahen Osten zuhause sind. Ich bete dafür, dass terroristische Gewalt nicht in gleicher Weise beantwortet wird. Ich bete dafür, dass alle ihr tägliches Brot zu essen bekommen. Ich bete heute: Und bewahre mich vor dem Bösen und vergib mir meine Schuld, so wie ich auch denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 3. März 2023

Der zweite und der dritte Blick

Ein Zitat

Olten bei Nacht
Foto © Jörg Niederer

"Mache ein unterbelichtetes Foto, damit die Highlights gut aussehen, und ein überbelichtetes Foto, damit die Schatten richtig sind. Kombiniere dann die besten Teile jedes Fotos."
Aus der Anleitung zu einer fotografischen Belichtungsreihe

Ein Bibelvers - Matthäus 21+22

"Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: 'Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester mir Unrecht tut, wie oft soll ich ihnen vergeben? Bis zu siebenmal?' Jesus antwortete: 'Nicht nur siebenmal! Ich sage dir: Bis zu siebenundsiebzigmal!'"

Eine Anregung

Die menschliche Wahrnehmung setzt ununterbrochen Bilder der Welt zusammen. So haben wir den Eindruck, dass unsere Augen eine grosse Schärfentiefe und Helligkeitsdifferenz wahrnehmen können. Doch dieser Umfang an Details erfassen wir, weil wir in sehr kurzer Zeit unterschiedliche Bilder zu einer Gesamtsicht zusammenfügen. 

Mein Mobiltelefon kann das auch. Bei Nachtaufnahmen erstellt es eine Folge von unterschiedlich belichteter Bilder und fügt diese dann zu einem Einzelbild zusammen. Dieses Einzelbild ist dann meist heller und detailreicher, als der Blick von blossem Auge. Als ich gestern das Bild von Olten mit der Alten Brücke und dem erneuerten Aare-Fussgängerweg fotografierte, lag die Altstadt im Dunkeln, der Stadtturm etwa wurde an diesem Wochentag nicht beleuchtet. Doch das Städtchen wirkt auf der Fotografie, als würde es von unzähligen Lichtquellen hell erleuchtet.

Auch in übertragener Weise macht es Sinn, wenn wir einen zweiten und dritten Blick auf ein Ereignis, eine Gegebenheit riskieren. "Schau genau hin!" wurde ich immer einmal wieder aufgefordert. Oft ist die Sache nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Gehe ich einen Weg mehrfach, werde ich immer wieder Neues entdecken. Dunkle Stellen der Erkenntnis werde ausgeleuchtet; eine neue Sicht auf die Dinge entsteht. Ich kann das Beste aus verschiedene Sichtweisen kombinieren.

Heute will versuchen, bewusst und genau hinzuschauen, und vor allem Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Ich möchte die Gestalt und Grösse ihres Herzens entdecken, auf die Tiefe und Weite ihres Lebens schauen, das erkennen, was nicht einfach so vor Augen ist. Ich glaube, wir alle verdienen eine zweite und dritte und vierte und fünfte Sichtweise auf unser Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 15. August 2022

Verborgener Schmutz und maximale Reinheit

Ein Zitat

Bei der Handwäsche der Wanderkleider wird das Wasser ziemlich schmutzig.
Foto © Jörg Niederer
"Selig, wer ohne Persilschein auskommt."

Ein Bibelvers - Jesaja 1,18

"'Kommt, lasst uns miteinander vor Gericht ziehen', spricht der Herr. 'Auch wenn eure Sünden scharlachrot sind, können sie weiß werden wie Schnee. Und wenn sie purpurrot sind, können sie weiß werden wie Wolle.'"

Ein Anregung

Jedes Mal bei der Handwäsche meiner Wanderkleider wird das Wasser richtig schmutzig. Es kommt gar nicht darauf an, wie intensiv ich die Kleider genutzt habe, auch nicht, ob ich saubere oder schmutzige Wege gegangen bin. Die Verfärbung des Wassers beweist es: Die Wäsche war schmutzig.

Oder fügen etwa die Waschmittelhersteller ihren Produkten etwas bei, das automatisch das Waschwasser schmutzig erscheinen lässt? Bei Gelegenheit werde ich das einmal mit einem wirklich sauberen, frisch gewaschenen Kleid testen. Aber nicht bevor die aktuelle Trockenheit vorüber ist.

Noch etwas wird mir bei einer Handwäsche bewusst: Was ich als sauber erachte, kann immer noch stark verschmutzt sein. Darum wirbt die Waschmittelwerbung auch mit Slogans wie: "Porentief rein" oder "Reiner als rein". Also sauberer, als ein Mensch es erkennen kann.

Auch die Bibel kennt solche Sauberkeits-Superlativen (Siehe oben!). Sie tauchen in Zusammenhang mit der Sünde auf. Von Sünde spricht die Bibel, wenn ein Mensch meint, er oder sie könne ohne Gott gut leben. Von dieser irrigen Ansicht kann Gottes "Waschkraft" jeden Menschen reinwaschen. Mir gefällt das sehr gut.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 6. Juli 2022

Friedensworte von unerwarteter Seite

Ein Zitat

Die Theologin Prof. Dr. Barbara Hallensleben erklärt rumänisch-orthodoxe Sakralkunst an einem Haus der Universität Freiburg, Schweiz.
Foto © Jörg Niederer
"...das Böse und der Kampf dagegen sollen voneinander vollständig getrennt sein, damit man, während man das Böse bekämpft, nicht selbst ein Teil von ihm wird." Aus der Sozialkonzeption 2000 der Russisch-Orthodoxen Kirche

Ein Bibelvers - Matthäus 26,52

"Da sagte Jesus: 'Steck dein Schwert wieder zurück an seinen Platz. Denn alle, die zum Schwert greifen, werden auch durch das Schwert umkommen.'"

Ein Anregung

Im Jahr 2000 hat die Russisch-Orthodoxe Kirche auf ihrer Moskauer Bischofssynode erstmals in der Geschichte der Orthodoxie eine Sozialkonzeption vorgelegt. Es handelt sich dabei um eine in völliger kirchlicher Souveränität erlassene Lehrmeinung. Darin heisst es:

"VIII.1 Der Krieg ist die physische Erscheinungsform der verborgenen geistigen Krankheit der Menschheit, des brudermordenden Hasses (Gen 4.3-12) [...] Der Krieg ist Böses. Der Grund des Krieges, wie überhaupt des Bösen im Menschen, liegt im sündhaften Missbrauch der gottgegebenen Freiheit [...]."

"VIII.5 [...] Die Russisch-Orthodoxe Kirche strebt danach, ihren Dienst am Frieden sowohl im staatlichen als auch im internationalen Rahmen zu verwirklichen, indem sie ihre Bemühungen der Lösung der verschiedenen Widersprüche sowie der Harmonie unter den Völkern, den ethnischen Gruppen, den Regierungen sowie den politischen Kräften widmet. Zu diesem Zweck richtet sie ihr Wort an die Machthaber und die anderen einflussreichen Kräfte der Gesellschaft und unternimmt Anstrengungen, Verhandlungen zwischen einander bekämpfenden Seiten zu organisieren sowie den Notleidenden Hilfe zu leisten. Die Kirche widersetzt sich der Kriegs- und Gewaltpropaganda und den verschiedenen Erscheinungsformen des Hasses, die in der Lage sind, brudermordende Konflikte zu provozieren." 

Ich finde, da hat die Russisch-Orthodoxe Kirche recht. Krieg ist Sünde. Und die Aufgabe der Kirche und der Christenheit ist es, dem Frieden zu dienen. Wissen würden wir es alle.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde