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Dienstag, 8. April 2025

Möge der Herr dich plagen! - ein Segen

Ein Zitat

Abgebrochenes Tännchen bei Fischenthal.
Foto © Jörg Niederer
"Vielfalt ist nicht die Würze des Lebens, sondern das Leben selbst." Bischof Woodie White in "Confessions of a prairie pilgrim"

Ein Bibelvers - Psalm 109,28

"Sollen sie nur fluchen, du aber wirst segnen. Als sie mich angriffen, sind sie gescheitert. So hat dein Knecht allen Grund zur Freude."

Eine Anregung

Gestern ist mir der folgende Segen untergekommen. Er wurde von Bischof Woodie White an der evangelisch-methodistischen Generalkonferenz von 1996 in Denver, Colorado den Delegierten weitergegeben.

"Und nun, möge der Herr dich plagen. Möge der Herr dir die Gesichter der Hungrigen, der Einsamen, der Abgelehnten und der Verachteten vor Augen halten.

Möge der Herr dich mit dem Leid der Verletzten, der Verwundeten, der Unterdrückten, der Misshandelten, der Opfer von Gewalt heimsuchen.

Möge Gott dich mit Schmerz und einem brennenden Durst nach Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit beschenken.

Möge der Herr dir Mut und Kraft und Mitgefühl geben, damit unsere Welt besser wird, damit deine Gemeinde eine bessere Gemeinde wird, damit deine Kirche eine bessere Kirche wird.

Und mögest du dein Bestes tun, um dies zu erreichen, und dann möge der Herr dir Frieden schenken."

Was mir an diesem Segen gefällt: Er nimmt die Gesegneten in die Pflicht und übertüncht die Not dieser Welt nicht mit schönen Worten. Denn wie könnten wir in Frieden leben, wenn es uns nicht gelingt, die Not der Anderen zu mildern und zu beseitigen?

Was mir daran nicht gefällt: Dass der Frieden davon abhängig gemacht wird, dass ich zuerst mein Bestes gegeben habe für die Beseitigung der Not in der Welt. Heisst das nicht, dass ich wohl nie ganz in Frieden leben kann?

Wie denkst du über diesen herausfordernden Segen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 20. Februar 2025

Ein dunkles Kapitel mehr

Ein Zitat

Ein Zollbeamter steht an der Landesgrenze bei Laufenburg und kontrolliert im Jahr 1991 die Grenzgänger:innen.
Foto © Jörg Niederer
"Im Winter haben sie mir die Hosensäcke zugenäht. Es hiess: 'Wenn du arbeitest, hast du warm'." Zitat eines Verdingkindes in der Ausstellung "Enfances volées – Verdingkinder erzählen"

Ein Bibelvers - 5. Mose 11,26-28a

"Seht, ich stelle euch heute vor die Wahl zwischen Segen und Fluch: Segen erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, befolgt. Ich habe es euch heute verkündet. Fluch erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, nicht befolgt."

Eine Anregung

Wer zurückschaut auf einige dunkle Kapitel der schweizerischen Geschichte, wundert sich, wie kritiklos durch Behörden und Gesellschaft in der Vergangenheit Menschen Leid angetan wurde. Gerade jetzt wieder zeigt dies eine Ausstellung im Historischen Museum in Bern, welche die führsorglichen Zwangsmassnahmen thematisiert. Mindestens 10'826 Menschen haben bis heute vom Staat Wiedergutmachung angefordert. Es hat lange gedauert, bis 2013 die damalige Bundesrätin Simonetta Sommaruga sich bei den Betroffenen im Namen der Regierung entschuldigte.

Menschen, die wie Carl Lutz unter Lebensgefahr Zehntausende Juden vor dem Tod bewahrten, wurden nicht etwas von den Schweizer Behörden gelobt, sondern im besten Fall nicht beachtet, im schlechtesten Fall für ihr humanitäres Eingreifen bestraft.

Für unzählige in der Schweiz Schutz suchende Juden bedeutete dagegen die Rückweisungspolitik der Schweiz im 2. Weltkrieg den Tod in Konzentrationslagern.

Dann sind da die Kinder der Landstrasse. Bis 1970 wurden Kinder den Fahrenden weggenommen und in Heime und Pflegefamilien gesteckt. Ebenfalls in diese Richtung gehen die Adoptionen von Kindern aus dem Ausland. Oft wurden sie ihren Müttern weggenommen und abgekauft, um den Bedarf im Westen zu decken.

Noch weiter zurück liegen Hexenverbrennungen. Andersgläubige wurden hingerichtet.

In all diesen Fällen kristallisierte sich mit der Zeit heraus, wie absolut falsch und menschenverachtend dieses Vorgehen der Schweiz war, wie sehr dadurch Menschen zu Unrecht und teils wider besseres Wissen entwürdigt wurden. Die Bitten um Entschuldigungen sind gekommen, aber meist Jahre später, mit oft nur bescheidener finanzieller Wiedergutmachung an die Opfer.

Ich bin sicher, dass die Zeit kommen wird, in der sich Schweizerinnen und Schweizer entschuldigen müssen für das, was wir in diesen Tagen den Flüchtenden antun. Ich schäme mich dafür, wie wir in einem der reichsten Länder herziehen über Fremde und Flüchtende, als wären sie an ihrem Leid selbst schuld und nur da, um uns auszunehmen. Das Reden von "Grenzen dichtmachen" und über "Remigration" zeigt, wie eine Gesellschaft nicht davon wegkommt, immer wieder auf die Schwächsten einzuschlagen, unter Verkennung der eigentlichen Probleme unserer Zeit. Über die Hartherzigkeit unserer Tage wird man wohl einmal den Stab brechen und Bücher schreiben darüber, wie dunkel doch der Umgang mit Fremden gewesen ist, wie sehr man den Tod von Tausenden allein schon im Mittelmeer in Kauf genommen hat, wie "selbstlos" man Hilfesuchenden die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Da wünschte ich mir von den Christenmenschen eine deutliche, klare Absage an die Unmenschlichkeit und an die Profitgier auf Kosten der Ärmsten.

Auch wenn es wohl viele heute nicht für möglich halten, aber die Geschichte lehrt uns, dass auch wieder Zeiten kommen werden, in denen der Wind dreht, in denen es unsere Söhne und Töchter sein werden, welche ihrer Heimat beraubt an verschlossenen Grenztoren stehen werden, beraubt durch Regierungen und Schlepper, missbraucht von Kriminellen.

In der Ausgrenzung der Fremden ist der Same gelegt für die Ausgrenzung unserer Kinder. Doch dort, wo wir einander annehmen, ist der Same gelegt für die Fürsorge, die man unseren Kindern entgegenbringen wird. Fluch und Segen werden uns heute vorgelegt. Was wir einander antun, setzt den Massstab.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. Dezember 2023

Verflucht gesegnet

Ein Zitat

Vom Perron auf dem Bahnhof Olten sieht man hinüber zum Restaurant Flügelrad.
Foto © Jörg Niederer
"Leb dein Leben jeden Tag / Lebe so wie du es magst / Leb für jemand, den du liebst / Für den du immer alles gibst / Leb, als wär's dein letzter Tag" - Nino de Angelo im Lied: "Gesegnet und Verflucht"

Ein Bibelvers - 5. Mose 11,26+27

"Seht, ich stelle euch heute vor die Wahl zwischen Segen und Fluch: Segen erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, befolgt. Ich habe es euch heute verkündet."

Eine Anregung

Irgendwo in überfüllten Wagon der Bahn steigt ein etwa 30-jähriger Mann ein. Er bleibt bei den Türen stehen. Nein er bleibt nicht stehen. Er tigert von einer Seite zu anderen. Das Down-Syndrom zeichnet seine Gesichtszüge. Er ist ganz bei sich, beginnt mit rauer, verwaschener Stimme zu singen. Die Artikulation ist wenig präzise. Erst mit der Zeit beginne ich zu verstehen. Er singt, als wäre kein Mensch im Zug. Er sing, und kein Mensch im Zug verlangt von ihm, dass er damit aufhöre. Allmählich verändert sich die Stimmung, entspannt sich, wird heiter. Die Frau mir gegenüber lächelt. Immer wieder hören wir den Refrain, wobei der Mann all seine Emotionen in die Worte legt: "Gesegnet und verflucht" singt er. Immer wieder: "Gesegnet und verflucht / Gefunden und gesucht / In Flammen und erfroren / Gewonnen und verloren". Nicht gerade ein adventliches Lied. Und doch wird es Licht im Abteil, irgendwo im überfüllten Wagon eines Zugs, auf dem Weg von "Gesegnet" nach "Verflucht". In Wirklichkeit waren wir Fahrgäste aber schon einige Zeit in anderer Richtung unterwegs. Wir waren auf dem Weg von "Verflucht" nach "Gesegnet".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 11. November 2023

O Jemine

Ein Zitat

Die Grosselterngeneration hatte ihre eigenen christlichen Modeworte.
Foto © Familie Niederer

"Wer gerne mal angerufen werden möchte, braucht nur in die Badewanne zu gehen."
Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 2. Mose 20,7

"Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen! Denn wer das tut, den wird der Herr bestrafen."

Eine Anregung

O Jemine, heute beginnt wieder das närrische Treiben. "O Jemine" ein Ausruf, der mir nach vielen Jahren wieder einmal begegnet ist, bei der Vorbereitung einer Sonntagschulstunde über biblische Redensarten und Sprichwörter. O Jemine war ein Ausruf meiner Grossmutter. Nebst "Jegerli, Jegerli" hörte ich sie auch gelegentlich "Herrje" sagen. Alle drei Exklamationen vermeiden es, "Gott" oder "Jesus" auszusprechen. Denn der Name Gottes darf gemäss biblischen Texten nicht missbraucht werden. So behalf man sich mit abgewandelten Ausrufen. "Jesus" wurde zu "Jegerli", etwa in der Bemerkung: "Jegerlis, Jegerlis, b'hüet-is Gott". "Herr Jesus" wandelte sich durch Zusammenzug der beiden Worte zu "Herr-je". "O Je-mine" entstand in gleicher Weise aus der Formel "O Jesus Domine".

In diesen Aussagen begegnet mir eine Frömmigkeit, die achtungsvoll und zugleich verspielt mit den Glaubenssätzen der Bibel umgegangen ist. So möchte ich weiter unterwegs sein. Achtungsvoll und zugleich verspielt, selbst beim närrischen Treiben dieser Tage.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen