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Samstag, 16. August 2025

Vorbeigeflitzt

Ein Zitat

Pfarrer Robert Seitz 1988 in rasender Fahrradfahrt hinunter vom Col du petit Ballon.
Foto © Jörg Niederer
"Du hast den Lebensgarten verlassen, doch deine Blumen leben weiter." Worte von Manfred Hoffmann auf der Todesanzeige von Robert Seitz (1940-2025)

Ein Bibelvers - Sprüche 4,23

"Gib acht auf dein Herz, mehr als auf alles andere! Denn davon hängt dein Leben ab."

Eine Anregung

Gestern beim Ausmisten meiner Regale kam es mir wieder in die Hände. Ein kleines Büchlein von meinem am 26. Juni 2025 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Pfarrkollegen Robert Seitz. In einigen verdichteten Gedanke versucht er darin Spuren von Gottes Nähe zu finden.

Im Rückblick verschwimmen viele meiner Erinnerungen an Robert Seitz. Es ist, als seien die gemeinsamen Momente in rasendem Tempo vorbeigegangen. So wie damals im Jahr 1988, als wir von der Pfarrversammlung im elsässischen Landersen per Fahrrad nach Basel zurückfuhren. Roberts Geschwindigkeit vom Col du petit Ballon hinunter überforderte meine fotografischen Fähigkeiten; und doch ist es dieses unscharfe Bild wert, betrachtet zu werden.

Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie Robert Seitz mit mir über das Sterben gesprochen hat. Er war gerne draussen unterwegs, auch in den Bergen. Angesichts des tödlichen Absturzes eines bekannten Bergsteigers meinte er: So zu sterben würde er sich wünschen. Draussen in der Natur, unerwartet und schnell. Es ist anders gekommen.

Für diesen Tag soll ein als Gebet formuliertes Gedicht von Robert Seitz mich durch den Tag begleiten.

Warum sind die Blumen nicht grau? 

Lieber Gott, / erlaube mir die Frage: / Warum hast du / die Blumen geschaffen, /die Farben und die Formen? / Warum sind / nicht alle Blumen grau, / rechteckig und gleich gross?

Weil meine Augen / mich mit deiner Herrlichkeit / erfüllen sollen. 

Lieber Gott, / warum hast du / den Wind geschaffen / und die wärmenden Strahlen / der Sonne? / Warum ist die Welt nicht / ein vollklimatisiertes Büro?

Weil mein Leib / deine Liebkosungen spüren soll.

Lieber Gott, / warum hast du / den Abend geschaffen, / die Dämmerung und die Stille, / das aufgehende Licht des Mondes / und der Sterne? / Warum kennt deine Welt / nicht künstliche Lichter / und keine Diskotheken / oder Nachtsitzungen?

Weil ich im Frieden des Abends / zur Ruhe kommen soll.

Und, lieber Gott, / warum hast du / den Nächsten geschaffen / als Mann und als Frau, / mit einem Herzen / und einer Seele / und einem Leib? / Warum kann er / Freude und Schmerz empfinden? / Warum ist er keine Maschine / und kein Computer?

Weil mein Leben auf Erden / deine Liebe mehren soll.

Lieber Gott, / wie kann ich dich loben? / Weniger mit vielen Worten / und mehr mit / allen meinen Sinnen. 

(aus Robert Seitz: Spuren deiner Nähe finden, Zürich 1991, Seite 14-16)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 11. Juli 2025

Holzschindelgebet

Ein Zitat

Holzschindeln an der Hausfassade der Mediothek Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"O dass doch meine Stimme schallte / bis dahin, wo die Sonne steht; / o dass mein Blut mit Jauchzen wallte, / so lang es noch im Laufe geht; / ach wär ein jeder Puls ein Dank / und jeder Odem ein Gesang!" Johann Mentzer (1658-1734)

Ein Bibelvers - 2. Könige 20,2

"Da drehte Hiskija das Gesicht zur Wand und betete zum Herrn..."

Eine Anregung

Die Mediothek in Bäretswil ist ein modernes Gebäude mit einem Flachdach. Es fällt aber auf, dass sie vollständig mit Holzschindeln eingekleidet ist.

Die Schindeln haben etwas Beruhigendes. Gleichmässig verteilt ergibt sich ein rhythmisches Muster. Keine der Schindeln ist genau gleich, auch sind sie nicht perfekt angeordnet. Die kleinen Abweichungen gehören dazu. Sie sind zu gering, als dass sie stören könnten. Sie sind zu offensichtlich, als dass sie nicht wahrgenommen werden. Eine Litanei aus Holz. Ein sich wiederholendes, Haus gewordenes Gebet. 

Ich stelle mir vor, wie der Schindelmacher eine Schindel nach der anderen ausgesucht und angeordnet hat. Es sind wohl Tausende. Die immer gleichen Bewegungen, Handgriffe, Hammerschläge. Erfüllende Eintönigkeit. Wie beim Stricken hat man Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ein architektonischer Rosenkranz.

Den Perlen gleich folge ich den Schindeln, spreche meinen Dank, meine Bitten, meine Hoffnungen meine Sehnsüchte aus. Jede Schindel, ein Atemhohlen, "... und jeder Odem ein Gesang".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 8. Juli 2025

Politik und Kirche

Ein Zitat

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter im eifrigen Gespräch beim Warten auf den Beginn des Weihegottesdienstes für den neuen Bischof Beat Grögli.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Glaube ist privat, gleichzeitig hilft er mir, auch im Amt zu meinen Überzeugungen zu stehen." Karin Keller-Sutter (*1963)

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 2,2

"Betet auch für die Könige und alle übrigen Machthaber. Denn wir wollen ein ruhiges und stilles Leben führen – in ungehinderter Ausübung unseres Glaubens und in Würde."

Eine Anregung

Es ist schon bemerkenswert, wie viele Politiker:innen am vergangenen Samstag anlässlich der Bischofsweihe von Beat Grögli den Weg in den Dom St. Gallen gefunden haben. Da war Krethi und Plethi versammelt, auch Persönlichkeiten, welche es wohl lieber sähen, wenn Kirche und Staat noch deutlicher getrennt wären. Wie die FDP-Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter zu Letzterem steht, weiss ich nicht.

Ich frage mich, ob eine Vertretung des Bundesrats jeweils bei allen katholischen Bischofweihen dabei ist. Und dann wären da ja auch noch die anderen öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaften, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Christkatholische Kirche und die Jüdische Religionsgemeinschaft. Gibt es eine politische Gleichbehandlung? Oder ist dies abhängig von anderen, zufälligeren Rahmenbedingungen, wie der Herkunft des Bischofs und der Bundespräsidentin, der Öffentlichkeitswirksamkeit des Anlasses, der Cleverness der Organisator:innen?

Wie auch immer: Was sicher nicht schaden kann; wenn wir für die Menschen immer wieder Beten, welche Verantwortung in Kirche und Staat übernehmen. Man muss das politische Heu ja nicht auf der selben Bühne haben, um Gott um Führung für Bundesrat, Nationalrat, Ständerat usw. zu bitten. Bereits bald, am 1. August werden wir mit ihnen vermutlich wieder einstimmen in dieses Nationalhymne gewordene Gebet an den "Hocherhabenen", an den "Gott im hehren Vaterland". Dem sagt man dann wohl Patriotismus, aber auch Bekenntnis.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 26. März 2025

Geburten wie Gebete

Ein Zitat

Zwei Blätter eines Busches schmiegen sich im Entstehen eng aneinander, als würden sie betend geboren werden.
Foto © Jörg Niederer
"Bei Knospen denken wir an Blüten; warum nur und nicht zuerst an die Blätter?"

Ein Bibelvers - 2. Mose 25,31

"Mach einen Leuchter aus reinem Gold. Leuchter, Fuß und Schaft sollen aus einem Stück gearbeitet sein, mit Blüten, Knospen und Blättern."

Eine Anregung

Wie Hände in Gebetsform schmiegen sich zwei junge Blätter eines Busches eng aneinander. Ihr Start ins Leben ist voller Schönheit. Nichts stört die Harmonie. Einander halten sie sich aufrecht. Die samtene Oberfläche - ich möchte sie ertasten.

Es ist ein Wunder, das sich in der Natur jedes Jahre millionenfach von neuem ereignet. Die Geburt der Blätter, wie ein Gebet der Bäume und Büsche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 2. Februar 2025

Beten kann weh tun

Ein Zitat

Ausschnitt aus den Glasfenstern vom Schweizer Künstler Francois de Ribaupierre (1886-1981) in der Reformierten Kirche Pfäffikon ZH. Jesus betet im Garten Gethsemane.
Foto © Jörg Niederer
"Gerade wenn dir das Beten am schwersten fällt, wenn dein Vertrauen in Gott am kleinsten ist, dann halte Gott fest, dann lass nicht los, bis er dich segnet." Aus der Predigt vom 2. Februar 2025 von Jörg Niederer

Ein Bibelvers - 1. Mose 32,27

"Dabei sagte er: 'Lass mich los! Denn der Tag bricht an.' Jakob entgegnete: 'Ich lasse dich erst los, wenn du mich gesegnet hast.'"

Eine Anregung

Heute geht es im Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen um das Gebet. Vorlage dazu ist in der Bibel die Geschichte von Jakobs Kampf am Jabbok, sowie das Charles-Wesley-Lied "Come, O Thou Traveller Unknown" (Siehe Beitrag vom 9. Januar 2025).

Das Thema passt gut zur an den Gottesdienst anschliessenden Gemeindeversammlung, wird doch dann entschieden, ob das Gebetshaus St. Gallen in die Räume der Methodistenkirche wechseln kann. 

Gottesdienst und Sonntagschule beginnen an der Kapellenstrasse 6 um 10.15 Uhr. Alle sind herzlich dazu eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 29. Dezember 2024

Die Heilige Familie und das Bundeserneuerungsgebet

Ein Zitat

Der heilige Josef von Nazareth mit Lilie als Zeichen der Keuschheit hält das Jesuskind auf dem Arm. Jesus seinerseits hat den Reichsapfel bei sich. Die Statue findet sich am ehemaligen Kapuzinerkloster in Bremgarten.
Foto © Jörg Niederer
"Josef von Nazareth, hat es dich nie gestört, dass du in der Geschichte von Jesus nur eine Randerscheinung bist?" Fiktive Frage an Josef, den Ziehvater von Jesus

Ein Bibelvers - Lukas 1,38

"Da sagte Maria: ‘Ich diene dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.’"

Eine Anregung

Könntest du das folgende Gebet mitbeten?

"Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir. Stelle mich, wohin du willst. Geselle mich, zu wem du willst. Lass mich wirken, lass mich dulden. Brauche mich für dich, oder stelle mich für dich beiseite. Erhöhe mich für dich, erniedrige mich für dich. Lass mich erfüllt sein, lass mich leer sein. Lass mich alles haben, lass mich nichts haben.

In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles deinem Willen und Wohlgefallen.

Herrlicher und erhabener Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist: Du bist mein, und ich bin dein. So soll es sein. Bestätige im Himmel den Bund, den ich jetzt auf Erden erneuert habe.

Amen." 

Um dieses Gebet geht es heute im Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen. Dabei schauen wir auch das Beispiel der Heiligen Familie an. Bei jedem Satz aus dem Gebet findet sich eine Parallele entweder im Leben von Jesus, Josef oder Maria.

Nur ein Beispiel: Zum Satz aus dem Gebet: "Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir", passt doch eindrücklich die Aussage von Maria "Ich diene dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du [der Engel, der ihr mitteilt, dass sie Gottes Sohn gebären wird] gesagt hast." 

Mehr dazu heute um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 23. November 2024

Schöne Erinnerungen

Ein Zitat

Die verblühte Gelbe Skabiose im Botanischen Garten Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund." Rudolf Virchow (1821-1902)

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

Nach dem Gespräch mit dem Facharzt im Spital Frauenfeld besuchte ich den Botanischen Garten. Es gab kaum Blüten, und doch viel zu entdecken. So wie auf dem Foto sieht die am Stängel getrocknete Gelbe Skabiose aus. Eine Augenweide mitten im Novemberwind. 

Gerade bin ich wohl wieder im Spital, vielleicht aber auch nicht, je nach dem, wie es gestern gelaufen ist. Danke an dieser Stelle für alle Gebete.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 8. November 2024

Farbverteilung

Ein Zitat

Bildschirmhintergrund auf dem Computer eines Pfarrkollegen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich könnte jemanden mitten auf der 5th Avenue in New York erschiessen und doch keine Wähler verlieren. Ist das nicht unglaublich?" Donald J. Trump

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 2,2

"Betet auch für die Könige und alle übrigen Machthaber. Denn wir wollen ein ruhiges und stilles Leben führen – in ungehinderter Ausübung unseres Glaubens und in Würde."

Eine Anregung

Das Foto zeigt den Bildschirm-Hintergrund eines Kollegen. Immer wieder ist er auf dem Beamer zu sehen, an diesem Tag nach den Wahlen in den USA. Viel Rot, wenig Blau. Unwillkürlich denke ich an die Verteilung der Wahlergebnisse auf die verschiedenen Bundesstaaten der USA: viele rote, republikanische Bundesstaaten, einige blaue, demokratische.

In ungefähr der selben Zeit lese ich das folgende Gebet, geschrieben von der Präsidentin des GBCS (General Board of Church and Society) und Pfarrerin Allison Mark, sowie dem Generalsekretär des GBCS Bischof Julius C. Trimble:

"Geist des lebendigen Gottes, leite uns auf dem Weg des Friedens, halte uns auf dem Pfad der Gerechtigkeit und dem Weg der Liebe für die ganze Menschheitsfamilie.

Wir beten für diejenigen, die heute weinen, da unsere Wahlen Gewinner und Verlierer kennen.

Die Hoffnung auf ein solidarischeres und geeinteres Land bleibt unser Gebet, und dass das Evangelium und die Kirche Heilung und Hilfe für die bringen, die es am Nötigsten haben."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Donnerstag, 7. November 2024

Eine Kerze anzünden

Kerzenbilder am Fenster des Tagungsraums können symbolisch mit Flammenbildern angezündet werden.
Foto © Jörg Niederer
Ein Zitat

"Zwei Kerzen unterhalten sich: 'Ist Wasser eigentlich gefährlich?' 'Davon kannste ausgehen.'"


Ein Bibelvers - 2. Samuel 22,29

"Ja, du selbst, Herr, bringst Licht in mein Leben. Der Herr macht alles Dunkle um mich hell."

Eine Anregung

In einer Kirche eine Kerze anzünden um an einen lieben Menschen zu denken und für ihn zu beten, ist ein schöner Brauch. Pfarrerin Nicole Becher hat am Tagungsort der Pfarrversammlung der Evangelisch-methodistischen Kirche genau das auf originelle Weise umgesetzt.

An den Fenstern wurden Kerzen ohne Flammen aus transparentem Material aufgeklebt. Die Flammen selbst sind ebenfalls aus diesem transparenten Material und liegen in einer Schale bereit. Mit ihnen können nun die Kerzen entzündet werden, indem eine bildliche Flamme an der richtigen Stelle bei einer der Kerzen angebracht wird.

Viele der Pfarrpersonen haben auf diese Weise eine Kerze angezündet und damit Gebetsanliegen sichtbar gemacht. Ich finde, das ist eine sehr schöne Umsetzung dieses alten Brauchs, in einer frischer neuer Weise.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 23. Oktober 2024

Kerzenleuchten

Ein Zitat

Eine junge Frau zündet in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano eine Gebetskerze an.
Foto © Jörg Niederer
"Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft! / So scheint die gute Tat in arger Welt." William Shakespeare (1564–1616)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,3

"Gott sprach: 'Es soll Licht werden!' Und es wurde Licht."

Eine Anregung

Einfache Rituale. Vieles an Kirchen funktioniert nicht mehr. Aber so eine Kerze anzünden, das geht noch. Vielleicht verbunden mit einem Gebet. Vielleicht auch nicht. Ein stilles Tun. Selbst dann, wenn es im Menschen schreien sollte. Wie heissen jene, für die die Kerzen flackern? Was erwarten die, welche so an sie denken? 

Einfache Rituale. Vielleicht verbunden mit einem Versprechen. Vielleicht auch Sinnbild der Leere. Vielleicht ein Dank, der da im Halbdunkel lichtelt.

Ich stelle mir vor: Da kommt einer, und bläst die Kerzen alle aus, als stünden sie auf einer Geburtstagstorte. Sind dann auch die Gebete, Versprechungen und die Leere wie weggeblasen?

Ich stelle mir vor, dass ich sitzen bleibe, bis meine Kerze erlischt. Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? Worauf achte ich? Welche Gefühle und Bilder überfallen mich?

Ich kneife die Augen zusammen. Die Flammen werden zu unsteten Sternen. Ich starre durch sie hindurch, bis jedes Licht zweimal leuchtet. Hindurchsehen durch alle Sorgen. Hindurchsehen, durch das Vordergründige. Den Durchblick bekommen, das möchte ich.

Und wieder tritt jemand hinzu, entfacht eine weitere Kerze. Sie leuchtet. Darauf kommt es an. Dass Licht werde. Wie am jüngsten Tag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 13. Juni 2024

Geschwisterlich beten

Ein Zitat

Die Schwestern Marianne Hasler und Christine Moll leiten das Gebet zum Auftakt der methodistischen Jährlichen Konferenz 2024 in Rothrist.
Foto © Jörg Niederer
"Die Menschen sind da, um einander zu helfen, und wenn man eines Menschen Hilfe in rechten Dingen nötig hat, so muss man ihn dafür ansprechen." Jeremias Gotthelf (1797 - 1854)

Ein Bibelvers - Psalm 3,9

"Beim Herrn findet sich Hilfe. Sprich deinen Segen über dein Volk."

Eine Anregung

Marianne Hasler und Christine Moll sind Schwestern und beide in Rothrist aufgewachsen. Also an dem Ort, an dem die Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika aktuell bis zum kommenden Sonntag stattfindet. Gestern Abend nahmen sie die bereits angereisten Delegierten mit in eine Gebetszeit. Zu Psalmworten zeigte Marianne Hasler Fotos, welche sie in und um Rothrist herum aufgenommen hatte. Passend zum Konferenzthema "Zäme em Läbensdorscht of de Spuur" waren darauf viele Brunnen und Wasserläufe zu sehen. Der Lobpreis mit bekannten Liedern und auch die Gebetszeiten wurden von allen Anwesenden wohltutend und motivierend für die bevorstehenden Geschäftssitzungen erlebt.

Für mich klang der Abend aus an einem Tisch, den ich noch gut kenne aus meiner Zeit als Pfarrperson in Rothrist vor 15 Jahren. Zusammen mit einige weiteren Personen durfte ich die Gastfreundschaft und ein Bier bei Marianne und Daniel Hasler geniessen. Danke ihnen und allen anderen, welche sich vor Ort für eine gelingende Jährliche Konferenz einsetzen. Da geschieht viel Hilfe, um den Lebensdurst zu löschen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 24. Mai 2024

Morgengebet

Ein Zitat

Morgenstimmung im Domviertel von St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Hoffnung des ganzen Jahres – der Frühling. Die Hoffnung des Tages – der Morgen." aus Japan

Ein Bibelvers - Markus 1,35

"Am Morgen, als es noch dunkel war, verließ Jesus die Stadt. Er ging an einen einsamen Ort und betete dort."

Eine Anregung

Morgenstimmungen sind oft voller Poesie. Der passende Moment für ein Morgengebet aus Syrien.

Beim aufgehenden Morgenlicht 

preisen wir dich,

guter Herr.

Du bist der Erlöser der ganzen Schöpfung.

Schenke uns in deiner Barmherzigkeit

einen Tag ganz erfüllt von deinem Frieden.

Vergib uns unsere Schuld.

Lass unsere Hoffnung nicht scheitern.

Erhalte uns in dir.

In deiner fürsorgenden Liebe trägst du uns allezeit

und heilst all unsere Wunden.

Lass nicht ab von uns, und verlass uns nicht,

barmherziger Gott.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 15. Mai 2024

Körperlich beten und entspannen

Ein Zitat

Susanne John entspannt sich in einer Kaffeepause im Teich der Propstei Wislikofen.
Foto © Jörg Niederer
"Man schreit ja nie die Haustiere an. Dann sind es wohl doch eher der Ehemann und die Kinder." Susanne John

Ein Bibelvers - Psalm 23,5b+6

"Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

Eine Anregung

Susanne John hat sich in Körper-Themen weitergebildet, nachdem sie als Musikerin mit allen Facetten von Stress, Druck und Schmerz konfrontiert war und durch eine chronische Krankheit Zeiten grosser Erschöpfung erlebte. Ihr Angebote reicht von Progressiver Muskelentspannung über Autogenem Training nach den Vorgaben der Schulmedizin bis zur Spiraldynamik. Am gestrigen Tag leitete Susanne John in bewusst christlicher Weise die Teilnehmenden an der Pfarrweiterbildung der Evangelisch-methodistischen Kirche an in Progressiver Muskelentspannung. Das Ziel dabei war programmatisch: "Körperglück". So nennt sie ihr Atelier für Entspannung.

Unter dem Thema "Körperlichkeit und Kontemplation" beteten die Teilnehmenden durch den Tag hindurch immer wieder den Psalm 23 in bewusst körperlicher Weise. Auch die Achtsamkeitsmeditation wurde eingeübt und eine Schokoladen-Meditation für alle Sinne.

Einige Zitate aus den theoretischen Blöcken können vielleicht auch andere zu Nachdenken und mehr Körperbewusstsein verhelfen.

"Wir sind oft im Kopf, und versuchen in den Körper zu kommen."

"Ich bin der Tempel Gottes. Gott wohnt in mir."

"Gott wohnt in meinem zerbrechlichen Gefäss. Das ist eine Auszeichnung."

"Wir leben in einer körperhüllenfixierten Gesellschaft. Zugleich ist diese Gesellschaft merkwürdig körperlos."

"Es geht darum, den Körper zu entfalten."

"Das Ziel ist die Kongruenz von Gefühl und Körper."

"Wir lassen das Gebet in den eigenen Körper, die eigenen Zellen fliessen."

"Nutzen wir den vorhandenen Hormoncocktail zur Entspannung."

"Entspannung ist ein angenehmer Zustand, der auch messbar ist. Entspannung muss kultiviert werden. Nur was wir üben, das können wir."

"Ich finde es sehr schwer, nichts erreichen zu wollen."

"Reserviere dir Zeit, ohne Handyklingeln, ohne Optimierung deiner selbst."

"Wenn psychische Anspannung zu körperlicher Anspannung führt, kann körperliche Entspannung auch zu psychischer Entspannung führen."

Nach diesen Aussagen von Susanne John zuletzt noch eine Zitat aus anderer Quelle: "Es gibt vielleicht kein allgemeineres Heilmittel als Ruhe." Edmund Jacobson (1888-1983)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. April 2024

Moos und Sonnenlicht

Ein Zitat

Moos mit gestielten Sporenkapseln an einer Bruchsteinmauer im Sonnenlicht.
Foto © Jörg Niederer
"Moos überwächst sanft jede Grenze und Mauer." Michael Altmoos

Ein Bibelvers - Sprüche 22,1

"Ein guter Name ist kostbarer als großer Reichtum. Anerkennung ist mehr wert als Silber und Gold."

Eine Anregung

Es braucht nur wenig. Eine Bruchsteinmauer, gelbes Moos und Sonnenlicht. Schon erstrahlt alles in einem leuchtenden Goldton. Ein Freudenfest für wache Sinne. Möge der heutige Tag weitere Alltagswunder hervorzaubern und in ein Gebet des Lebens verwandeln.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 31. Januar 2024

Einfach ist nicht einfach

Ein Zitat

Haussperling in einer Hecke.
Foto © Jörg Niederer
"Leicht ist ganz schön schwer." Andrea Schneider in der Zeitschrift Unterwegs 2/2024, Seite 11

Ein Bibelvers - Matthäus 6,7+8

"Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin wie die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen. Macht es nicht so wie sie! Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet."

Eine Anregung

Es ist eher abschätzig gemeint, wenn zu jemandem gesagt wird: Geht das denn nicht in dein Spatzenhirn hinein? Dabei liegt es oft daran, dass selbst einfache Dinge zu kompliziert vermittelt werden. In der Kirche sollen aber alle alles verstehen. Also braucht es eine andere Sprache. Eine einfache Sprache. Eine Sprache, die selbst geistig Behinderte verstehen. Für sie und von ihnen wurde die leichte Sprache erfunden. Das schreibt die Pastorin Andrea Schneider in der neusten Ausgabe der Zeitschrift "Unterwegs". Dabei verwendet sie einfache Sätze. Sie verwendet einfache Worte. Auch Jesus habe einfach gesprochen. Er habe Beispiele verwendet. Er hat Sprachbilder eingesetzt. Er wollte verstanden werden. Gott wollte und will verstanden werden. Von allen Menschen. Nicht nur von den Studierten. Auch von den gewöhnlichen Menschen. Auch von den Spatzen unter den Eulen. Das ist ein Bild. Tiere können das Gesagte nicht wie Menschen verstehen. Spatzen stehen hier für einfache Menschen. Eulen für besonders kluge Menschen. Kannst du das Bild so verstehen?

Wie klingt das bekannteste Gebet der Christenheit in einfacher Sprache? So klingt es: 

"Unser Vater! Du bist im Himmel. / Dein Name soll heilig sein. / Dein Reich soll kommen. / Im Himmel. Und auf der Erde. / Gib uns genug Brot für jeden Tag. / Verzeih uns unsere Schuld. / Andere haben uns Böses getan. / Wir wollen auch verzeihen. / Halt uns fest in deiner Nähe. / Halt uns fern von dem Bösen. / Du allein bist mächtig. / Du allein bewegst. / Du allein bist wunderbar. / Für immer. / Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 27. Januar 2024

Gegen Antisemitismus

Ein Zitat

Auf dem jüdischen Friedhof in Davos.
Foto © Jörg Niederer
"Wer die Geschichte nicht erinnert, ist verurteilt, sie neu zu durchleben." Zitat des spanischen Philosophen George Santayana am Eingang des Blocks 4 im Konzentrationslager Auschwitz

Ein Bibelvers - Sacharia 2,12-14

"So spricht der Herr der himmlischen Heere: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an. Seht, ich schwinge meine Faust gegen die Völker. Dann werden sie selbst ausgeplündert von denen, die ihnen früher dienen mussten. Daran sollt ihr erkennen, dass es der Herr der himmlischen Heere ist, der mich gesandt hat. Juble und freue dich, Tochter Zion! Denn ich komme und werde in deiner Mitte wohnen. – Ausspruch des Herrn –"

Eine Anregung

Heute jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Aus diesem Anlass wird seit einigen Jahren am 27. Januar der Holocaust-Gedenktag begangen. Und deshalb gebe ich hier ein Gebet wider aus einer Liturgie der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. 

"Immer wieder, Gott, immer wieder erschrecken wir: Vor der Gewalt der einen, vor dem Schweigen der anderen.
Damals im November 1938. Und erst recht danach, in Dachau, in Buchenwald, in Ausschwitz.
Immer wieder, Gott, immer wieder erschrecken wir: Vor der Gewalt der einen, vor dem Schweigen der anderen.
Heute im Jahr 2024. Hier in Europa. Hier in der Schweiz.
Wenn es wieder passiert:
Menschen jüdischen Glaubens werden angepöbelt. Sie werden überfallen, manche ermordet.
Synagogen werden angegriffen. Hass bahnt sich – in den Netzwerken, in Parteien, in Schulen.
Jüdinnen und Juden fühlen sich nicht sicher im eigenen Land. Was können wir tun?
Erbarme dich, Gott...

Nimm uns nicht das Erschrecken, Gott.
Aber nimm uns die Angst, die uns lähmt.
Gib uns den Mut, der uns in Bewegung bringt.
Gib uns die Kraft, die uns kämpfen lässt gegen Antisemitismus. Komm, Gott, und wohne in unserer Mitte.
Damit Friede werde.
Heute und immer."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 5. Dezember 2023

Was Gott bäckt, das ist wohlgetan...

Ein Zitat

Schottische Hochlandrinder beim Wiederkäuen in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Jedes Werden in der Natur, im Menschen, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt." Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Ein Bibelvers - Psalm 100,5

"Der Herr ist gut, für immer bleibt seine Güte und seine Treue von Generation zu Generation."

Eine Anregung

Die Geschichte ist von einem gewissen Cory Sayer. Gelesen habe ich sie vor einiger Zeit in einem weitergeleiteten Beitrag eines US-amerikanischen Kollegen. 

"Ein Pfarrer bat einen älteren Bauern in Latzhose, das Morgengebet für das Frühstück zu sprechen. 'Herr, ich hasse Buttermilch', begann der Bauer. Der Pfarrer öffnete ein Auge, um den Bauern anzusehen und sich zu fragen, worauf das hinauslaufen würde.
Der Bauer betete laut weiter: 'Gott, ich verabscheue Schweineschmalz.' Nun wurde der Pfarrer zunehmend besorgter.
Ohne eine Pause zu machen, fuhr der Bauer fort: 'Und guter Gott, du weisst, dass ich mit Weissmehl nicht viel anfangen kann'. Der Pastor schaute sich im Raum um, und sah, dass er nicht der Einzige war, der sich ob diesem Gebet unwohl zu fühlen begann.
Dann fügte der Bauer hinzu: 'Aber Herr, wenn meine Frau Buttermilch, Schweineschmalz und Mehl zusammenmischt und backt, dann liebe ich die warmen, frische Kekse, die sie aus dem Ofen zieht. Also, guter Gott, wenn Dinge auftauchen, die uns nicht gefallen, wenn das Leben schwer wird, wenn wir nicht verstehen, was du uns sagen willst, dann schenke uns Geduld, bis du mit dem Mischen fertig bist. Was dabei für unser Leben durch dich herauskommt, wird mit Sicherheit sogar besser werden als die sonst unübertrefflichen Kekse meiner Frau. Amen.'"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 17. November 2023

Corona-Revival

Ein Zitat

Ein positive Corona-Antigen-Schnelltest.
Foto © Jörg Niederer
"Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen." Slavo Zizek, Philosoph

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

All die drei Corona-Pandemiejahre und sicher an die 15 Coronatests lang erlebte ich nie die eigene Erkrankung. Ich gebe zu, den Schnelltests habe ich dabei immer misstraut und nicht mehr recht geglaubt, dass sie auch wirklich die Krankheit anzeigen können. Doch dann kamen heftige Symptome, Hustenreiz, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen. Innerhalb weniger Minuten war klar: Corona ist auf Besuch bei mir und meinem Sohn und hat uns erst einmal ins Bett verbannt. Es ist auch die Wiedergeburt von Isolation, FFP2-Masken und Desinfektionsmittel. Meine Frau geht mir aus dem Weg, ist sie doch die einzige im Haushalt, welche keine Symptome zeigt. Auch werweise ich, wo die Ansteckung geschehen sein könnte. Es dreht sich also gerade alles um die Krankheit. Termine fallen flach, so flach wie ich selbst.

Da greife ich gerne auf einen Ausschnitt eines Coronagebets von Ursula Schumacher zurück: 

"...unsere Befürchtungen, unsere Hoffnungen, unsere Ängste, tragen wir vor dich. Du hast gesagt, dass du unsere Gebete hörst. Du hast gesagt, dass wir unsere Sorgen auf dich werfen dürfen. Du hast gesagt, dass du bei uns bist alle Tage bis ans Ende der Welt – auch in dunklen Zeiten. Wir vertrauen dir. Wir legen die Menschen, die wir lieben, in deine Hand: Segne sie und behüte sie. Und wir bitten dich, schenke uns Kraft und Zuversicht und beschütze uns in dieser Zeit. Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 


Donnerstag, 16. November 2023

Alt und fröhlich werden

Ein Zitat

Ein alter Mann geht einige Schritte zu Fuss. Er tut das, was er noch kann. Das zeichnet die weisen alten Menschen aus.
Foto © Jörg Niederer
"Es widerfuhr mir, dass mich ganz unverhofft ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam, so dass ich in keiner Weise bezweifeln konnte, dass Er in meinem Innern weilte oder ich ganz in Ihm versenkt war." Theresa von Avila (1515-1582)

Ein Bibelvers - Hiob 32,9

"Wer viele Jahre vorzuweisen hat, ist noch lange nicht klug. Wer ein ehrwürdiges Alter erreicht hat, ist noch lange nicht im Recht."

Eine Anregung

Beten sei "das Verweilen bei einem Freund". Das sind die Worte der Theresa von Avila, eine in der katholischen Kirche als bedeutende Heilige verehrte Mystikerin und Karmeliterin.

Folgende Anekdote ist von ihr überliefert: Teresa von Avila beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. "So behandle ich meine Freunde", antwortete ihr der Herr. Teresa entgegnete: "Darum hast Du auch nur so wenige."

Die Vollkommenheit schien ihr, wie später dann den ersten methodistischen Christen, am Herzen zu liegen, schrieb sie doch eine Anleitung zur Kontemplation mit dem Titel "Weg der Vollkommenheit". Darin heisst es: "Denn unser Leib hat einmal den Fehler, dass er umso mehr Bedürfnisse entdeckt, je mehr er gepflegt wird."

Über das Älterwerden oder Altsein schreibt sie in ihrem wohl bekanntesten Gebet: 

"O Herr, bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehme zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."

Zu dieser tiefsinnigen und zugleich humorvollen Auseinandersetzung mit dem Altern passt auch die folgende Aussage von ihr: "Gott will, dass der Mensch seinen Spass hat."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 15. November 2023

Den Blick nicht abwenden

Ein Zitat

Das Denkmal der Frauen des 2. Weltkriegs in London.
Foto © Jörg Niederer
"Der Segen Gottes-der-Heiligen richte euch auf und mache euch groß. Der Segen Gottes-der-Gerechten mache euer Herz weit, denn ihr seid vor Gott genug." Annette Jantzen

Ein Bibelvers - Jeremia 15,18

"Warum nimmt mein Leiden kein Ende? Warum ist meine Wunde so tief, dass sie nicht heilen kann? Eine Täuschung bist du [Gott] für mich. Du bist wie Wasser, von dem man nicht weiss, ob es da ist oder nicht."

Eine Anregung

Unlängst wurde mir von Maria B. das folgende eindrückliche Gebet der Theologin Dr. Annette Jantzen zugesandt. Dass Gott den Blick nicht abwendet angesichts all des Unrechts und der Gewalt, das lässt hoffen. Möge bald Frieden werden.

Zum Foto: Spät erst wurde den Frauen des 2. Weltkriegs in England ein Erinnerungszeichen gesetzt. Das Denkmal wurde von John W. Mills entworfen und steht in London. Frauen sind immer wieder Leidtragende in Kriegen, dazu viele Kinder. Gott aber war und ist der Gott dieser Frauen. 

"Gott, du meine Gottheit,
wie sollen wir beten?
Du Gottheit Hagars und Saras,
du Gottheit Rebekkas, Leas und Rahels,
wie groß muss deine Trauer sein
deine unendlich große Trauer über das Sterben der Unbewaffneten.
Tut es dir manchmal leid, dass du uns ins Dasein gerufen hast?
Wie kannst du leben mit ihrem Tod?
Wir hingegen, wir können das besser, als uns lieb ist,
der Schmerz ist zu groß für uns.
Aber beim Beten können wir nicht ausweichen,
nicht den Bildern, nicht den Nachrichten deiner vielen Kinder.
Unser Gebet muss sie aushalten können,
doch wie Worte finden für so viel Herzzerreißen?
Wir versuchen, Wort für Wort dir entgegenzubeten,
beten in die Sprachlosigkeit hinein,
Leuchtzeiten der Friedfertigkeit zu entzünden
in den dunklen Ahnungen vor dem, was kommen mag.
Du wachst bei allen, deren Leben so verheert wurde,
du wachst bei den zutiefst Verletzten, du wachst bei den Toten.
Du schläfst nicht, du wendest deinen Blick nicht ab,
und in diesen Blick hinein bekennen wir den Unfrieden unserer Welt,
und bitten dich um Frieden
für heute, für die kommende Nacht und für die Dauer der Tage."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen