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Freitag, 11. April 2025

Flirtfaktor Kirchenpersonal

Ein Zitat

Die Kanzel in der Kirche der Propstei Wislikofen.
Foto © Jörg Niederer
"Freunde gewinnen und Freunde erhalten, die neuen sind Silber, doch Gold sind die alten." Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Könige 1,6

"Sein ganzes Leben lang hatte ihn sein Vater nicht zurechtgewiesen. Nie hatte er gefragt: 'Warum handelst du so?' Adonija war außerdem ein schöner Mann und war als nächster Sohn nach Abschalom geboren."

Eine Anregung

Vor Jahren hörte ich am Radio ein Lied, in dem ein Mann die Gottesdienste in einer evangelischen Kirche besuchte, weil ihm die schöne Pfarrerin so gut gefiel. Dabei gelang es ihm bei ihrem Anblick nicht, sich auf den Inhalt der Predigt zu konzentrieren. Dieses Lied ist wohl heute nicht mehr opportun, und so konnte ich es auch nicht in den Weiten des Internets finden.

Damals stellte ich mir die Frage, was das Aussehen einer Pfarrperson bedeutet für den missionarischen Erfolg der Kirche. In der Wirtschaft gibt es ja dieses Bild eines erfolgreichen Managers. Zwar ist kein Sixpack verlangt, aber zumindest schlank und drahtig sollte er sein. Auch weiss man, dass übergewichtige Menschen es oft schwerer haben im sozialen und beruflichen Umfeld.

Sollte man also in der Kirche nur landläufig als schön geltendes Personal einstellen? Daran wurde ich wieder erinnert, als ich in einem Buch der britischen Autorin Barbara Pym mit dem Titel: "Vortreffliche Frauen" lass. Das Buch spielt im England der Nachkriegszeit. Im Abschnitt, den ich meine, wird in der anglikanischen High-Church-Gemeinde gerade ein Flohmarkt durchgeführt. Dabei unterhalten sich zwei unverheiratete, schon etwas ältere Frauen: 

"Schwester Blatt musste wider Willen lachen. 'Die Frau traut sich was, alles was recht ist. Lädt mich zu ihrem Flohmarkt nächste Woche ein und erzählt mir, welch reizender Mann ihr neuer Priester ist, Father Bogart! Als ob mich das locken könnte.'

'Oh, unterschätzen Sie nicht, welche Rolle so etwas spielt und schon immer gespielt hat. Wo stünde die Kirche heute ohne einen `reizenden Mann` hier oder da?'"

Soweit dieser kurze Dialog. Einige Seiten weiter sinniert die Titelheldin über Glanz und Romantik nach und stellte fest:

"In meinem Umfeld gab es herzlich wenige, die als glanzvoll und romantisch durchgehen konnten. Geistliche konnten und mussten gleich ganz aus dem Spiel gelassen werden, beschloss ich, und damit blieben nicht viele übrig."

Schon damals also wurde das Aussehen und der Flirtfaktor der Pfarrpersonen beachtet. Brauchen wir also in der Kirche so etwas wie Supermodels auf den Kanzeln, damit die Bänke und Stühle darunter sich wieder füllen? Aber vielleicht reicht dazu ja auch die Familie der Pfarrperson. Wie heisst es doch in einem sehr bekannten, von Sina gecoverter Song: "Där einzigä wa mich het chännu värfiäru, isch där Sohn vom ä Pfarrär gsi".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 19. Februar 2025

Themenweg für Pfarrersleute

Ein Zitat

Wegweiser zu wichtigen Zielen und auf bedeutende Wege beim Bahnhof Flawil.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin nicht gescheitert - ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben." Thomas Alva Edison (1847-1931)

Ein Bibelvers - Römer 16,1+2

"Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe. Sie ist Diakonin der Gemeinde in Kenchreä. Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es sich für Heilige gehört. Und gebt ihr alle Unterstützung, die sie braucht. Denn sie hat sich ihrerseits für viele Menschen eingesetzt, so auch für mich."

Eine Anregung

Der in Flawil ausgeschilderte Grenzweg führe auf meist bestehenden Wanderwegen über 22 Kilometer möglichst nahe der Gemeindegrenze entlang. Der Schoggiweg wiederum verbindet als Themenweg den Bahnhof Flawil mit der Schokoladenfabrik Maestrani. Zum dazugehörigen Chocolarium kann man aber auch mit dem Postauto gelangen. Der Lindensaal wird als "repräsentatives Gebäude an zentraler Lage" beschrieben, was man vom Friedhof Flawil eher nicht sagen kann. Es bleibt noch der "Buureweg" (Bauernweg). Er wurde als Themenweg 2013 eröffnet. Davon gibt es auch einen kleinen Film von der Einweihung. Es sei eine leichte Wanderung im Voralpengebiet. 

Da frage ich mich, wo der Themenweg für meine Berufsgruppe bleibt. Als Strassenbezeichnung gibt es den Pfarrweg an etlichen Orten. Aber ein Weg, der das Berufsumfeld von Pfarrpersonen aufzeigt, ist mir noch nicht bekannt. Ein solcher Weg könnte an sozialen Einrichtungen wie Notschlafstellen, Altersheimen, Spitäler sowie an Kirchen und Kirchgemeindehäusern vorbeiführen. Natürlich müsste dieser Weg kupiert sein, Höhepunkte und tiefe Täler aufweisen, in die Studierstuben führen und dahin, wo man im Sommer schon einmal Alpgottesdienste im Freien abhält. Auch müsste dieser Weg irgendwie in sich führen. Falls es da dann auch noch eine theologische Hochschule hätte, wäre das gar nicht schlecht und die Bibliothek dürfte auch nicht fehlen.

Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es noch keinen Themenweg für Pfarrpersonen gibt. Oft orientieren sich solche Weg an Dingen, die am Verschwinden sind, oder mit denen wir nostalgische Erinnerungen verbinden. Davon ist der Pfarrberuf ja noch weit entfernt. Oder?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 16. August 2024

Tief schürfen

Ein Zitat

Sascha Schmiedl spricht an der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Rothrist.
Foto © Jörg Niederer
"Es war eine sehr schreckliche Zeit für mich, als mir mein überlieferter Kindheitsglauben plötzlich weggebrochen ist und ich zwei Jahre durch eine sehr schwierige Zeit ging, bis ich dann in der Tiefe dem sehr robusten Kern vom christlichen Glauben begegnet bin, der sich als sehr stabil durch die Zeit bis heute erwiesen hat." Sascha Schmiedl, Methodistenpfarrer in Klingenberg und Weinfelden

Ein Bibelvers - Galater 5,16

"Damit will ich sagen: Lasst euer Leben vom Geist Gottes bestimmt sein und richtet es danach aus. Dann werdet ihr nicht euren selbstsüchtigen Wünschen nachgeben."

Eine Anregung

Es sind keine kurzen Beiträge und auch kein rhetorisches Feuerwerk. Sperrig sind sie. Etwas für Menschen, die nicht gleich wieder wegklicken. Es braucht Zeit, um Sascha Schmiedl zu folgen. Da ist dieses Bemühen, dem Leben von heute auf der Basis des christlichen Glaubens Sinn zu geben.

"Tief graben" will der Methodistenpfarrer, und einige der gefunden Schätze auf dem YouTube-Kanal teilen. Es geht ihm nicht darum, Menschen vom eigenen Glauben zu überzeugen. Er will sich mit dem, was er aus christlicher Perspektive erlebt hat, einbringen in einer Weise, die vielleicht "für alle, die zuhören" eine Bereicherung sein können. Dabei orientiert er sich an drei Leitlinien: 1. Biblischer Bezug, 2. relevant für die heutige Zeit, und 3. Die Theorie Praxis werden lassen.

Ich habe mir den YouTube-Kanal abonniert, und das nicht nur, weil ich seit mehreren Jahren mit Sascha Schmiedl in der Methodistenkirche Weinfelden zusammenarbeite, sondern weil ich ihn so noch einmal anders, ernsthafter und vertiefter erleben darf. Das tut mir gut.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. Juli 2024

Kirchenwildnis

Ein Zitat

Werbung für den Quereinstieg in den Pfarrberuf in einem Zugabteil.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere theologische Arbeit ist biblisch fundiert... wissenschaftlich qualifiziert... praxisorientiert... persönlichkeitsbildend... gesellschaftlich relevant... international geprägt... evangelisch-methodistisch inspiriert... ökumenisch offen..." Webseite der Theologischen Hochschule Reutlingen

Ein Bibelvers - Lukas 10,2

"Jesus sagte zu ihnen: 'Hier ist eine große Ernte, aber es gibt nur wenige Erntearbeiter. Bittet also den Herrn dieser Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt.'"

Eine Anregung

"Auf in den Wildnis" steht da. Aber es könnte auch "Zusammenbauen!" stehen oder "Mittendrin!" oder "Den Takt aufnehmen". Mit solchen Titelzeilen wirbt die Reformierte Kirche per Aushang z.B. in der Bahn für den Pfarrer:innenberuf. Das sei ein Beruf "Nah am Leben. Sinnstiftend. Am Puls der Zeit." Es geht um den Quereinstieg für Akademiker.

Dass überhaupt dafür geworben wird, zeigt ein aktuelles Problem auf. Es gibt viel zu wenig Menschen, die sich aktuell für einen Pfarrberuf entscheiden. Überall herrscht Pfarrer:innenmangel.

So ist es auch bei den Methodist:innen. Die Zeiten sind vorbei, als Pfarrpersonen etwa aus Regionen in Deutschland, wo es noch zu viele Pfarrpersonen gab, in die Schweiz kamen und sich hier anstellen liessen. Also wird versucht, durch Werbung Personen zum Umstieg in den kirchlichen Dienst zu bewegen.

In der Methodistenkirche gibt es auch immer wieder Personen, welche sich über die Dynamo-Schiene eine nichtakademische Kenntnis über die Theologie erarbeiten und sich so als Laienprediger:in ausbilden lassen. Einer Laienpredigerin oder einem Laienprediger kann durch den Bischof eine örtlich begrenzte Dienstzuweisung erteilt werden. Damit ist man dann wirklich in der Wildnis der pastoralen Arbeit angekommen.

Und logisch gibt es auch das reguläre Theologiestudium an der Theologischen Hochschule Reutlingen. Wer sich für eine solche Ausbildung interessiert, kann sich an jede Pfarrperson wenden [also auch an mich :-) ]. 

Wer das ganz sicher nicht möchte, kann zumindest für die Berufung von Menschen beten, die, wie es bei den Reformierten heisst "Menschen lieben, Gott vertrauen und an die Zukunft der Kirche glauben".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. November 2023

Hirtenhandwerk

Ein Zitat

Hirtin und Hirte, unterstützt von zwei Hunden, führen eine Schafherde bei der Pferdereitbahn Frauenfeld auf eine neue Weide.
Foto © Jörg Niederer
"Alles übrige Hirtenamt in der Kirche Jesu Christi setzt nicht neben den guten Hirten einen zweiten und dritten, sondern lässt allein Jesus den guten Hirten der Gemeinde sein. Er ist der 'Erzhirte' (1 Petrus 5, 4), es ist sein Hirtenamt, an dem die 'Pastoren' teilnehmen, oder sie verderben das Amt und die Herde." Dietrich Bonhoeffer

Ein Bibelvers - Johannes 10,11

Jesus: "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe."

Eine Anregung

Das Bild vom guten Hirten ist eines der eingängigsten der Bibel, und das, obwohl Schafhirtin oder Schafhirte in der Schweiz ein sehr seltener Beruf ist, der meist durch Expads ausgeübt wird, also Fachkräfte aus dem Ausland. Auch die Schäferhunde und die Herdenschutzhunde sind meist fremdländische Errungenschaften. Wenigsten die Schafe sind mehrheitlich einheimische Zuchten.

So kommt es bei Schafherden zu einer Analogie mit der Wirtschaft. Ein einheimischer Wirtschaftszweig wird durch ausländische Chefs geleitet. Der Verdienst mag im Schafbusiness allerdings eher bescheidener ausfallen als bei einer Grossbank oder im Rohstoffhandeln.

Wo verorte ich mich im Bild von der Schäferei? Gehöre ich zu den Tieren, welche die Stimme des Hirten kennen und ihr vertrauen? Als Pfarrer werde ich oft auch in der Rolle eines Hirten (lat. Pastor = Seelenhirt) gedrängt, der sich aufopfernd um seine "Gemeindeschäfchen" kümmert. Da aber Jesus selbst sich nach dem Evangelium des Johannes als der gute Hirte bezeichnet, fällt mir wohl eher die Rolle des Hirtenhundes zu. Solche Hütehunde bei ihrer Arbeit zu beobachten ist überaus faszinierend. Kaum wahrnehmbare Signale des Hirten lassen sie komplexe Aufgaben erledigen. Sie halten die Herde unermüdlich zusammen, sorgen für ein kompaktes und geordnetes Vorangehen, und auf Wunsch nehmen sie sich schon auch einmal einzelner Tiere an. Geht es mit der Herde über eine Strasse, sichern sie den Weg, indem sie so lange dort stehenbleiben, bis auch das letzte Schaf aus der Gefahrenzone ist. Zudem sind sie treu der Hirtin oder dem Hirten ergeben und lieben ihre Arbeit. Müssiggang kennen sie nicht.

Ein Schatten jedoch fällt auf diesen Vergleich zwischen Hirtenhunden und Pfarrpersonen. Als Papst Gregor in den Jahren 1231-1233 den Dominikanerorden beauftragte, die Häresien zu bekämpfen, waren diese als Inquisitoren überaus erfolgreich (wenn man dem so sagen will). Auch stammt das im Mittelalter am weitesten verbreitete antijüdische Werk aus der Feder eines Dominikaners. Diese Verwicklungen in die Verfolgung religiöser Minderheiten brachten den Dominikaner den Titel "Domini canes" ein, "Gottes Hunde". Hinter dieser Verfolgung von Glaubensabtrünnigen steht der Versuch, eine reine christliche Herde zu bewahren oder zu schaffen. Die Abweichler galt es zurückzuholen in den Schoss von Mutter Kirche, was sie oft nicht vor dem Scheiterhaufen bewahrte, wohl aber, nach der Lehre der Kirche, vor der Ewigen Verdammnis.

In dieser Tradition sehe ich mich gar nicht. Mein Ziel ist nicht dir reine Gemeinde. Schwarze Schafe gilt es zu integrieren und nicht auszusondern. Verlorene Schafe verdienen laut Gleichnis von Jesus (Lukas 15) gar eine Vorzugsbehandlung.

Vielleicht bin ich in diesem Bild einer idyllischen Pastorale ein Leithammel. Johann Christoph Adelung schreibt in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart vom 1811 zum Leithammel: "...in der Landwirthschaft, ein abgerichteter, gemeiniglich mit einer Glocke versehener Hammel, welcher vor der ganzen Herde hergehet, dem Schäfer oder dessen Hunde auf den ersten Wink folget, und dadurch die ganze Herde leitet". Darin finde ich mich als Pfarrer nun auch wieder nicht so recht, vor allem wegen der Glocke um den Hals!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 21. Juni 2023

Ordinati-was?

Ein Zitat

Über Matthias Gertsch wird das Ordinationsgebet gesprochen, während ihm dabei die Hände aufgelegt werden.
Foto © Jörg Niederer
"Wir danken dir, Herr und Gott, dass du unter uns treue Diener und Dienerinnen für das Ältestenamt in deiner Kirche erweckt hast. Bekleide sie mit deiner Gerechtigkeit, und gewähre, dass wir mit ihnen dich verherrlichen mögen in der Hingabe unserer selbst an andere, durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir lebt und regiert in der Einheit des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar. Amen." Aus der Ordinationsliturgie der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Ezechiel 33,7a

"Und dich, du Mensch, habe ich für das Haus Israel als Wächter eingesetzt."

Eine Anregung

In einer Wiener Gasse entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift "Ordination". Das verwirrte mich als Schweizer etwas, war mir das Wort doch nur im kirchlichen Zusammenhang geläufig. Bei besagtem Schild war aber weit und breit keine Kirche zu entdecken. Das habe ich dort in der Gasse gelernt: Was in Österreich "Ordination" heissen kann, nennen wir in der Schweiz "Arztpraxis"

Die kirchliche Ordination ist etwas ganz anderes. Sie ist Amtseinsetzung, aber auch Eingliederung in eine jahrhundertelange Tradition. Weiter kann sie als Aufnahmeritual verstanden werden.

Der besondere Moment wird durch die besondere Szenerie auf der Bühne beton. Personen, die ordiniert werden, knien sich nieder. Das ist schon einmal bei den meisten Menschen eine eher selten eingenommene Körperhaltung. Dann wird jeder und jedem einzeln vom Bischof oder der Bischöfin die Hand aufgelegt. Assistiert wird er oder sie dabei vom zuständigen Distriktsvorsteher oder der Distriktsvorsteherin, von der Vorsitzenden des Bundes der Ordinierten und von einer weiteren Pfarrperson des Vertrauens.

Am vergangenen Sonntag liess sich an der Lenk im Konferenzgottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika nebst Cyriane Rohner-Ouvry (Siehe Blogbeitrag vom 17. Juni) auch Matthias Gertsch feierlich in das Amt eines Ältesten und aufsichtsführenden Pfarrers einsetzen. Ein besonderer Moment, der bei der Handauflegung mit folgenden Worten begleitet wird: "Matthias Gertsch, empfange die Vollmacht, als ein Ältester/eine Älteste in der Kirche das Wort Gottes zu predigen und die heiligen Sakramente zu verwalten."

Zuvor haben die Pfarrpersonen, welche ordiniert wurden, sich öffentlich zu Christus bekannt, zur Heiligen Schrift und zu einer sorgsamen Begleitung aller Menschen in der kirchlichen Gemeinde, der sie zugewiesen sind. Zugleich werden auch alle Gemeindeglieder angehalten, für diese Pfarrpersonen zu beten.

Da die meisten Pfarrpersonen schon vor der Ordination in einem Gottesdienst eine Bibel erhalten haben, wird ihnen in dieser Feier ein Reise-Abendmahlsgeschirr überreicht.

Die Ordination kann auf Video angeschaut werden. Dieser besondere geistliche Moment beginnt im Video nach etwa einer Stunde und 45 Minuten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 10. März 2023

Vikariatsknechtschaft

Ein Zitat

Vom Alters- und Pflegeheim Abendfrieden in Kreuzlingen sind es nur gerade 300 Meter zu Fuss bis zur Stählistrasse 4, wo einst der Dichter Eduard Mörike für kurze Zeit wohnte.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist die große Stille, die über Stürmen siegt, dass eines Menschen Wille in Gottes Willen liegt." Eduard Mörike (1804-1875)

Ein Bibelvers - Römer 8,15

"Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht. Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben. Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht."

Eine Anregung

In der Zeit, als Eduard Mörike den Weg zum evangelischen Pfarrer einschlug, war das Theologiestudium der kostengünstigste Weg einer akademischen Ausbildung. So war dieser Beruf für den schwäbischen Dichterfürst eine Verlegenheitslösung. Mit dem Ende seines mehr schlecht als recht abgeschlossenen Studiums war die Zeit des Knauserns und Sparens aber noch nicht vorbei. Die festen Anstellungen für Pfarrer waren allesamt vergeben. Die frisch gebackenen Theologen wurden als Vikare für Hilfsdienste eingesetzt, oft nur für kurze Zeit. So zogen sie von Ort zu Ort, immer in der Hoffnung, an einem dieser Vikariatsstellen dann doch noch eine Festanstellung zu bekommen. Eduard Mörike nannte diese Praxis treffend "Vikariatsknechtschaft"

Heute in Zeiten des Pfarrmangels hätte man Mörike wohl an vielen Orten mit Handkuss genommen, auch wenn er sich nicht als besonders fleissiger Seelsorger herausstellen sollte. Damals ging es ihm und den anderen jungen Pfarrpersonen wie so mancher angehenden Kleinkindererzieherinnen heute: Diese werden oft als Praktikantinnen für 3 Monate auf Probe angestellt, verbunden mit dem leeren Versprechen einer Festanstellung in Kombination mit der Ausbildung, jedoch mit dem Ziel, sie als billige Arbeitskräfte auszubeuten.

Nun, mit 39 Jahren liess Mörike sich von König Willhelm I. aufgrund von gesundheitlichen Problemen pensionieren. In diese Zeit fielen erste literarisch lukrative Erfolge und er lernte seine zukünftige Frau, die 14 Jahre jüngere Offizierstochter Margaretha von Speeth kennen. Obwohl über beide Ohren verliebt zögerte er die Heirat mit ihr über länger Zeit hinaus, wohl, um erst ein sicheres Einkommen zu finden, aber wohl auch, weil er und seine Schwester Klara immer noch zusammen zur Miete im Haus ihres Vaters wohnten.

Schwester und Dichter reisten 1851 ins Dorf Egelshofen, heute ein Stadtteil von Kreuzlingen. Dabei erkundete Mörike die Möglichkeiten, in Konstanz ein Pensionat für sechs- bis vierzehnjährige Mädchen zu gründen: Ein wie sich herausstellen sollte unrealistischer Plan. In der Kreuzlinger Zeit vom 19. April bis 12 Juni stiegen die beiden in einem Zimmer an der Stählistrasse 4 ab. Das Haus steht immer noch und ist mit einem Durchgang im ersten Stock mit dem heutigen Restaurant Paprika verbunden.

Da komme ich nun zu einer kleinen Randnotiz: Nicht weit vom Ort entfernt, wo einst der Dichterfürst nächtigte, 300 Meter zu Fuss (Luftlinie 120 Meter) über den "Steinbruch"-Graben hinweg, steht seit 1954 das Alters- und Pflegeheim Abendfrieden. Dieses Haus ist in methodistischen Kreise gut bekannt, entstand es doch als eine diakonische Arbeit der Kirche und wird bis heute in Form der "Stiftung Abendfrieden, Wohnen & Pflege" als selbständiges Sozialwerk der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) der Schweiz geführt.

Für die Kindererziehung konnte Mörike in Kreuzlingen nichts erreichen. Die Methodisten aber hatten später mit einem Haus für älteren Menschen mehr Glück.

Zu Eduard Mörike siehe auch den Beitrag vom 9. März 2023!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 14. September 2022

Pastorin, Priester, Gemeindeleiterin oder Pfarrer?

Ein Zitat

Christliche Vertreterinnen und Vertreter am interreligiösen Bettag 2021 in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Titel sind nur Zierden für Alberne; große Männer brauchen nur ihre Namen." Friedrich II. (1712-1786), preußischer König

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 3,1b

"Wer Gemeindeleiter werden will, der strebt nach einer großen und schönen Aufgabe."

Ein Anregung

Vor Anlässen der Evangelischen Allianz und der Ökumene sind es wiederkehrende Diskussionen; die Frage nach kirchlichen Gewändern und den Titeln der geistlichen Frauen und Männern.

Die Kleidung unterscheidet sich dabei markant und reicht von Alltagsjeans über Businessanzug zu Talar, Soutane, Chorhemd und Stola. Bei den Titeln gibt es auch eine beachtliche Vielfalt. Prediger und Predigerin, Prädikant und Prädikantin, Pastorin und Pastor, Pfarrerin und Pfarrer, Priester und Priesterin (Ja, letztere gibt es, wenn auch nicht in der Römisch-katholischen Kirche), Gemeindeleiterin und Gemeindeleiter, Diakonin und Diakon, usw.

In Freikirchen grenzt man sich vom Titel "Pfarrer" ab, indem man sich des englischen Begriffs "Pastor" bedient. In einer kleinen Runde meinte dann auch ein Kollege spasseshalber: "Dass sich die Geistlichen der Methodistenkirche 'Pfarrer' nennen, kommt in unseren Freikirchenkreisen gar nicht gut an." Ich dagegen bin immer wieder irritiert, dass manche Freikirchler die Amtsbezeichnung "Pastor" auch bei uns in der Schweiz englisch, also als "Pääster" aussprechen. 

Letztlich sind diese Titel ja gar nicht mehr so wichtig. Und doch kann man ganz schön ins Fettnäpfchen treten, wenn man einer Person die falsche geistliche Berufs- oder Ehrbezeichnung gibt.

Mir gefällt die formlose Art, den Dienst als Pfarrperson zu tun, wie das bei den Methodistinnen und Methodisten in der Schweiz oft geschieht. Nur ab und zu denke ich, dass zu einer guten Öffentlichkeitsarbeit auch gehört, dass man einer Pfarrperson ihr Pfarrpersonensein von weitem schon ansieht. Oder wie siehst du das?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 17. Februar 2022

Tanzen, meditieren, glauben - Begegnung mit einem unkonventionellen Pfarrer

Ein Zitat

Pfarrer Hansrudi Felix von St. Gallen an einem 'Kreuzweg der Gegenwart'
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin jemand, der immer versucht hat das, was mir im Glauben wichtig ist, auch anderen Menschen zugänglich zu machen, in der ganzen Offenheit; aber auch von anderen Menschen zu lernen. Ich bin Pfarrer..." Hansruedi Felix im Talk von DIE OSTSCHWEIZ

Ein Bibelvers - Römer 13,8

"Bleibt niemandem etwas schuldig, außer einander zu lieben! Denn wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz schon erfüllt."

Ein Anregung

DIE OSTSCHWEIZ ist ein Magazin und ein Online Portal. In diesen Tagen ist dort ein Interview von Andreas Müller mit dem bald scheidenden Pfarrer Hansruedi Felix von der Kirchgemeinde St. Gallen Centrum erschienen. Im Gespräch, unter der Überschrift "Rock'n'Roll trifft auf christlichen Glauben" erlebt man den Pfarrer der Kirche St. Laurenzen wie er leibt und lebt. So erfährt man über den Werdegang und die christliche Sozialisation des leidenschaftlichen "Tänzers", über seine seelsorgliche Tätigkeit, über die Familie, und auch wie es nach der Pensionierung weitergehen soll.

Die 25 Minuten Talk sind eine gut investierte Zeit. Mir haben die Aussagen von Hansruedi Felix Mut gemacht und gut getan.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 14. Juli 2021

John Wesleys Burnout- und Gesundheitsregeln

Ein Gedanke

Wandern für ein gesünderes Leben
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch ist nicht frei von seinen Bedingungen, aber frei zu seinen Bedingungen Stellung zu nehmen." Viktor Frankl

Ein Bibelvers - Hiob 3,20

"Warum lässt er [Gott] die Sonne scheinen für den, der vom Leid geplagt ist? Warum schenkt er Leben den Menschen, die im Herzen völlig verzweifelt sind?"

Eine Anregung

Helfen Anregungen von John Wesley (1703-1791), Gründergestalt der methodistischen Bewegung, gegen Burnout? Dem ging ein kirchlicher Beitrag nach. 

Rae Jean Proeschold-Bell, Forschungsleiterin eines Gesundheitsprogramms der Duke Divinity School für methodistische Pfarrpersonen in North Carolina sagt: "Pfarrpersonen sind Generalisten. Sie sind in ihrem Beruf für 50 verschiedene Aufgaben verantwortlich, die wiederum 50 verschiedene Fähigkeiten erfordern. Das kann zu Burnout und Überlastung führen."

Für Wesley gehörten körperliche, geistige und spirituelle Gesundheit zusammen. Er achtete bei sich auf nahrhaftes Essen, Sport und einen strukturierten Tagesablauf mit zeitigem Aufstehen. Damit beugte er Krankheit vor und stärkte zugleich die spirituelle Vitalität.

In "Primitive Physic", Wesleys Gesundheitsbuch für die breite Masse, schriebt er: "Verzichte auf stark gewürzte oder scharfe Speisen. Verwende einfache, leicht verdauliche Kost... Trinke nur Wasser, wenn dein Magen es erträgt [Anm. des Übersetzers: Sauberes Wasser war in Wesleys Zeit nicht überall erhältlich]; wenn nicht, dann trinke gutes klares [Anm. des Übersetzers: und durch den geringen Alkoholgehalt von unter 3% keimfreies] Schwachbier. Bewege dich täglich so viel du kannst an der frischen Luft, aber nicht bis zur Erschöpfung. Iss am Abend um 18.00 oder 19.00 Uhr nur noch leichtesten Kost. Gehe früh zu Bett und stehe zeitig auf." Für Menschen, welche sich stetig an diese Regeln halten würden sei das schon die halbe Miete zu mehr Gesundheit, so Wesley.

Bei heutigen Burnout-Behandlungen werden Massnahmen zur Stressverringerung kombiniert mit Methoden der Entspannung. Sportliche Betätigung und Ernährung spielen auch eine Rolle, aber es kommen weitere Massnahmen dazu, je nach Ursache des Burnouts.

Auch wenn es vermutlich auch heute oft regnet: Es lohnt sich dennoch, sich an diesem Tag an der frischen Luft aus eigener Kraft zu bewegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Dienstag, 15. Juni 2021

Niggidei, Sibirie und Heilige Zwölfpotten?

Ein Gedanke

Beim Bahnhof in Lyss. Rund um Lyss gibt es amüsante Lokalnamen
Foto © Jörg Niederer
"Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch" lautet der Name einer etwa 3.000 Seelengemeinde im Nordwesten von Wales. Mehr!  

Ein Bibelvers - Hosea 1,6

"Danach wurde Gomer wieder schwanger. Diesmal brachte sie eine Tochter zur Welt. Der Herr sprach zu Hosea: Gib ihr den Namen Lo-Ruhama, 'Kein Erbarmen'! Denn ich will kein Erbarmen mehr haben mit dem Haus Israel."

Eine Anregung

Niggidei, Sibirie, Hosebändelrider, Bagguul, das sind Ortsbezeichnungen, die mir auf https://map.schweizmobil.ch/ rund um Lyss aufgefallen sind. "Sibirien" gibt es auch noch bei Rothrist. Und "Moskau" bekanntlich bei Ramsen. 

Auch amüsant finde ich die Dialektbezeichnung "Sankt Ueli"; ein Lokalname bei Strengelbach. Religiöse Bezüge bei den Lokalnamen gibt es in grösserer Zahl, wobei manche auch eher selten auftauchen. "Heiland" findet sich in https://search.ortsnamen.ch/de/ nur gerade einmal, und bezeichnet eine Christusstatue bei Meggen am Vierwaldstättersee. "Jesu(s)" taucht in den Namen einer Kapelle bei Riddes im Wallis, einer Kirche bei Laufen und dem Kapuzinerinnenkloster in Solothurn auf. Mehr nicht. Paradiese dagegen gibt es vielerorts. Mindestens 44 Flure, Dorfteile, Gebäude und Siedlungen sind so bezeichnet, wobei es eine Häufung in der Region St. Gallen und Basel gibt. Die Suche nach "Sankt", "St.", "Maria", "Blut" oder "Kreuz" ergibt unterschiedliche Ergebnisse an Zahl und Bedeutung.

Es kommt darauf an, ob man z.B. nach "Pfarr" oder "Pfarrer" sucht. Nur ersteres ergibt nennenswerte Trefferzahlen. Die haben oft mit dem landwirtschaftlichen Teil früherer Pfarrhäuser zu tun, etwa dem Pfarrgarten oder Pfarrbungert (= Pfarr-Baumgarten), der Pfarr-Reben oder dem Pfarr-Weiher. Besonders häufig taucht die "Pfarr-Pfrund" oder auch nur "Pfrund" auf. Der Ertrag der so benannten Äcker, Weiden und Wälder stand dem Pfarrer und seinem Hausstand zu.

Wer bei dieser Suche nun in Bülach auf den "Heiligen Zwölfpotten Altar Pfrund" stösst und sich fragt, was denn bitte damit gemeint sei, der oder dem kann geholfen werden. Der "Heilige Zwölfpotten Tag" ist eine alte Bezeichnung für den 15. Juli. Dann wird der Zwölfbotentag begannen, der Tag aller Apostel. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde