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Donnerstag, 31. August 2023

Sich zum Affen machen muss nicht schaden

Ein Zitat

Eine Schimpansenmutter mit Kind im Walter Zoo in Gossau.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch kommt unter allen Tieren in der Welt dem Affen am nächsten." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Ein Bibelvers - Prediger 1,12+13

"Ich, Kohelet, war König von Israel in der Stadt Jerusalem. Eines Tages nahm ich mir vor, allen Dingen auf den Grund zu gehen. Ja, ich wollte mit Weisheit erforschen, was unter dem Himmel getan wird: Was ist das nur für ein vergebliches Tun?"

Eine Anregung

In der Sonntagszeitung vom 27. August 2023 wird der Primatenforscher Cyril Grüter interviewt. Hier ein Zitat aus dem Gespräch: "Wenn ein Schimpanse es schafft, ein Problem zu lösen, ist er schnell mit dem Ergebnis zufrieden. Oft versucht er danach nicht mehr, die Technik noch zu verfeinern und effizienter zu machen. Das ist ein grosser Unterschied zur Kultur der Menschen und hat unseren Fortschritt erst ermöglicht. Finanzmärkte, Sinfonieorchester oder Raumfähren sind allesamt das kumulative Produkt von unzähligen Individuen über viele Generationen."

Nun haben Primaten aber auch keine atomar bestückte ballistische Interkontinentalraketen zu verantworten. Die Gewalt von Schimpansen kann zwar beachtlich sein, aber sie bleibt begrenzt. Vor Bankencrashs sind sie ebenfalls gefeit. Den Klimawandel müssen Affen auch nicht verantworten. Anders wir Menschen: Hätten wir nicht diesen Ehrgeiz, eine Technik zu verfeinern und effizienter zu gestalten, wäre den Geschöpfen der Erde wohl viel Leid erspart geblieben.

Vielleicht ist das ja der eigentliche Sündenfall, dieses von uns angestrebte Schneller, Besser, Effizienter, Wirkungsvoller. Wir sind nie zufrieden. Wir wollen immer noch mehr und noch weiter und noch besser. Nur schneller zufrieden wollen wir partout nicht sein.

Vielleicht hätten wir Probleme besser weniger effizient gelöst. Dann gäbe es wohl auch weniger neue Schwierigkeiten. Denn das wissen wir ja auch: Eine beantwortete Frage führt meist zu zwei weiteren neuen Fragen und aus einem gelösten Problem entstehen vier neue ungelöste Probleme.

Vielleicht sollten wir Menschen einfach etwas mehr wie Schimpansen werden, oder wie Gorillas, oder wie Bonobos, oder wie Orang-Utans. Vielleicht entsprächen wir dann sogar noch etwas mehr Gottes Ebenbild.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 4. Januar 2023

Die Schuld der Radieschen

Ein Zitat

Wurzelgeflecht auf einem Waldweg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Sie heute Radieschen säen, können Sie morgen keine Ananas ernten." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,2+3

"Die Frau erwiderte der Schlange: 'Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten. Er hat gesagt: Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'"

Eine Anregung

Wurzel. Lateinisch: Radix. Im Wort "Radischen" steckt die Wortwurzel "Radix". Radieschen sind in der Tat Wurzeln. Im Schweizer Dialekt werden sie auch "Radisli" genannt. Dazu eine kleine Variation, niedergeschrieben irgendeinmal so um 1990. 

Paradies – Paradiesli – ein paar Radisli
und die Menschin nahm davon
und der Mensch ass davon
und das Paradies war vorbei
nicht einmal ein Paradisli blieb übrig
nur ein paar Radisli und ein Paar

Wer jetzt behauptet, der Sündenfall sei durch den Verzehr eines Apfel erfolgt, ist einem Gerücht aufgesessen. An keinem Ort in der Bibel wird die Frucht genauer bestimmt, welche verbotener Weise von Adam und Eva gegessen worden war. Es könnten also auch Radieschen gewesen sein, welche damals noch am Baum wuchsen, doch wegen der Beteiligung an einer fundamental verbotenen Aktion von Gott zu Wurzeln degradiert wurde. (Auch die Schlange, diese Versucherin, wurde beim Sündenfall zur Strafe der Beine und Füsse beraubt und zum Kriechen im Dreck bei den Radieschen verurteilt.) Darum sagt man bis heute: Bei "der Wurzel auf den Grund gehen." ;-)

Übrigens: Als im Paradies die Radieschen noch an den Bäumen hingen, bedeutete die Redensart "Die Radieschen von unten sehen" noch nicht Tod, sondern Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde