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Freitag, 17. Februar 2023

Die einzig echte Weltverschwörung

Ein Zitat

Hausspatzen sind überall. Hier in Zürich bewachen sie alle Schlüsselstellen der Macht.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Berufe sind Verschwörungen gegen die Laien." George Bernard Shaw (1856-1950)

Ein Bibelvers - Matthäus 10,29

"Kann man nicht zwei Spatzen für eine Kupfermünze kaufen? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt."

Eine Anregung

Sie passen wunderbar in die Fastnachtszeit. Die Verschwörungsgläubigen, welche vor einigen Tagen in der Stadt St. Gallen auf den Spuren der Echsenmenschen waren.

Verschwörungen gibt es. Der Rütlischwur war zum Beispiel eine Verschwörung. Aber wer denkt, es gäbe Pharaonen-Echsen-Aliens, welche die Welt heimlich beherrschen, hat sich ganz schön verrannt. Solche Gestalten würden ja viel zu sehr auffallen. Nein, es ist viel perfider. Die Weltbeherrscher, das sind ganz unscheinbare Wesen, solche, die wir nie in Verdacht hätten. Ich weiss es, weil ich sie kenne. Es sind die Spatzen. Genauer: Die Haussperlinge. Sie sind überall und sie beobachten uns. Wir sind vor ihnen nicht sicher. Und wir entkommen ihnen bestimmt nicht. In ihren Knopfaugen sind kleine Videokameras versteckt. Alles, was wir tun, wird aufgezeichnet, und dann durch die Luft übertragen zu einem Heer von Weltraumspatzen, welche die Aufnahmen ausgewertet. Dann irgendeinmal wird es soweit sein. Dann zeigen diese vermeintlichen Vögelchen ihre wahre Fratze, dann werden sie die Weltherrschaft antreten, uns Menschen aus den Häusern vertreiben und in der Küche alles versch... – nein, nicht das was du jetzt denkst, im meinte "verschmutzen". Es ist übrigens noch schlimmer. Zwischenzeitlich haben diese Weltherrschaftsspatzen die Tauben zu ferngesteuerten Zombies gemacht. Darum sind immer auch Spatzen in der Nähe der Stadttauben.

Wir haben keine Chance mehr. Wir Menschen gehen unter, weil es die Spatzen so wollen. Du glaubst das alles nicht? Typisch. Die Wirklichkeit ist immer so unglaublich, dass man sie nicht wahrhaben will.

Tatsächlich ist das mit der Weltherrschaft der Spatzen natürlich totaler Unsinn. Und wäre es anders, wir würden dennoch die Ansicht vertreten, dass die Weltherrschaft der Spatzen totaler Unsinn sei. Also bitte das alles nicht weitererzählen. Ich wollte nur auch einmal eine Verschwörungstheorie aufstellen. (Das würde ich jetzt natürlich auch sagen, wenn ich mit den Weltherrschafts-Spatzen unter einer Decke stecken würde, was ich aber nicht tue, GANZ SICHER!)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 16. Juni 2022

Apokalyptisch hoffen und glauben

Ein Zitat

Das Gemälde von Maurice Barraud zum Kampf der Frau mit dem Drachen (aus Offenbarung 12) in der Universitätskapelle Miséricorde in Fribourg
Foto © Jörg Niederer
"Dass dereinst eine Sintflut war, scheint mir kein so großes Wunder wie dies, dass nicht immer eine ist." Thomas Browne (1605-1682), englischer Philosoph

Ein Bibelvers - Offenbarung 12,4

"Der Drache stand vor der Frau, die gerade ihr Kind zur Welt brachte. Denn er wollte das Kind verschlingen, sobald sie es geboren hatte."

Ein Anregung

Die Kapelle Miséricorde ist Teil der Universität in Fribourg. Sie wurde von den Architekten Fernand Dumas und Denis Honegger als typischer Bau der Zwischenkriegsjahre im Stil der "nouvelle tradition" gebaut. Die Kapelle ist ein Beispiel für die von der 1927 entstandenen Lukasgesellschaft geprägten Idee eines Gesamtkunstwerkes mit einheitlichem Konzept, an dem mehrere Künstler beteiligt sind. 

Am 7. Mai 1944 wurde die Kapelle eingeweiht, damals noch ohne die apokalyptischen Bilder des Genfer Künstlers Maurice Barraud (1889-1954). Diese folgten erst 1946.

An der einen Wand ist der Kampf zwischen Frau und Drache dargestellt, wie er in Offenbarung 12 beschrieben wird. Der Seher Johannes sitzt mitten in der Vision und sieht, nicht ohne Furcht: Noch ist der siebenköpfige Drache nicht besiegt. Doch die Frau hat das Kind (Christus) geboren. In der Folge wird es aus Todestiefen in den Himmel entrückt. Die Frau (die Kirche) aber überlebt weitere Angriffe der Schlange.

Es ist ein passendes Bild für die Nachkriegszeit. Das Weltkriegs-Morden ist vorüber, die Welt hat überlebt, die Kirche ebenso. Doch nach wie vor sind beide bedroht. Die Geschichte vom Kampf der Frau mit dem Drachen endet in der Bibel denn auch mit dem unheilschwangeren Satz: "Der Drache trat an den Strand des Meeres".

Was mir am Bild auffällt: Wie gelassen die Frau wirkt; wie das Kind nicht von dem Drachen zurückweicht. In aller Bedrohung ist da eine grosse Sorglosigkeit. Hoffnung, die nicht zerstört werden kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 28. August 2021

Wenn der Baumschatten dem Weltuntergang widersteht

Ein Zitat

Die Linde von Linn hat einen mächtigen Stamm
Foto © Jörg Niederer
"Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigegeben auf den Himmel." Viktor Frankl (1905-1997)

Ein Bibelvers - Josua 10,12-14

"Damals betete Josua zum Herrn. Es war an dem Tag, an dem der Herr die Amoriter den Israeliten preisgab. Vor den Augen der Israeliten sprach er: 'Sonne, steh still über Gibeon, und du, Mond, über dem Tal von Ajalon. Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis das Volk Rache genommen hatte an seinen Feinden. Und so ist es aufgeschrieben im Liederbuch der Helden. Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und bewegte sich nicht von der Stelle. Das dauerte fast einen vollen Tag. Nie wieder gab es einen solchen Tag wie diesen, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Der Herr hörte auf die Stimme eines Menschen. Ja, der Herr selbst kämpfte für Israel."

Ein Anregung

Die Linde von Linn ist ein mächtiger Baum. Entgegen der Sage ist es keine Pestlinde. Die verheerenden Pestzüge hat sie alle überstanden, ist der 25 Meter hohe Baum doch rund 800 Jahre alt. Der Stammumfang ist mit 11 Metern bemerkenswert. 

Eine Geschichte macht das Ausbleiben des Weltuntergangs davon abhängig, dass mindestens einmal pro Jahr der Schatten der Linner Linde auf das Schloss Habsburg fällt: "Leit d linde nüm ihres chöpfli ufs Ruedelis hus, so eschs met allne wälte us." Mit "Ruedelis Hus" ist die Habsburg gemeint, der Stammsitz von Rudolf von Habsburg.

Zweimal im Jahr ist es soweit, dass das Schloss von der Linde beschattet wird. Am 26. August und am 17. April stehen die Sonne, die Linde und die Burg auf einer Linie. 

Solche Phänomene gibt es noch einige. Am 30. September und 1. Oktober wirft die Sonne ihr Licht durchs Martinsloch auf die Elmer Kirche. Und die Majas in Mittelamerika richteten Pyramiden so aus, dass durch den Schattenwurf der Sonne steinerne Schlangen lebendig wirken.

All diese Beobachtungen helfen den Menschen, sich im Leben und der Zeit zu orientieren. Sie geben Sicherheit.

Umso eindrücklicher ist es, wenn das Erwartete nicht eintrifft. Da soll nach der Bibel zur Zeit Josuas ein Tag lang die Sonne stillgestanden sein. Eine solcher Einbruch in jahrtausendelang währende Ordnungen muss erschreckend sein. Vielleicht ist dies vergleichbar mit dem, was wir im Kleinen erleben, wenn das veränderte Klima heute den gewohnten Gang der Jahreszeiten durcheinander wirft.

Ich jedenfalls frage mich an diesem Tag: Was gibt mir Sicherheit und Struktur in meinem Leben? Vermutlich nicht der Schattenwurf eines Baums...

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde