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Montag, 24. März 2025

Generationentreffen

Ein Zitat

Ein Postauto-Oldtimer und ein Stadtbus treffen sich in Frauenfeld beim Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jahre lehren viele Dinge, die man von Tagen nicht lernen kann." Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882)

Ein Bibelvers - Josua 13,1

"Josua war sehr alt geworden. Da sagte der Herr zu ihm: 'Du bist nun sehr alt geworden. Aber viele Teile des Landes sind noch nicht erobert.'"

Eine Anregung

Früher wurde das Oldtimer-Postauto wohl als gross empfunden. Heute sieht es klein aus neben dem Stadtbus. So ändern sich die Zeiten. 

Früher, als ich noch jung war, empfand ich mich grösser als heute. Heute fallen mir immer mehr Frauen und Männer auf, die mich überragen. Vermutlich sind die Menschen in der Schweiz zwischenzeitlich durchschnittlich wirklich hochgewachsener als früher. Sicher aber ist auch, dass ich kleiner geworden bin.

Vielleicht gilt das auch in übertragener Weise: Früher empfand ich mich als grossartiger und war vielleicht sogar auch grossmäuliger als heute. Doch mit dem Alter werden die Relationen und Ansichten realistischer. Die Erfahrung lehrt, dass ich mich nicht zu ernst nehmen sollte, dass ich niemandem mehr etwas vorzumachen brauche. Macht mich das allgemeinverträglicher?

Liebt die Welt deshalb die Oldtimer, weil sie nicht mehr über sich hinauswachsen wollen, weil sie abgeschlossen haben mit dem Grösser, Schneller, Besser, weil sie nun auf andere Werte setzen, Werte wie gemütlicher, bescheidener, rücksichtsvoller?

Oldtimer scheinen uns oft auch schöner als heutige Fahrzeuge. Sie sind schön gealtert. Für mich ist es erstrebenswert, statt künstlich jung zu bleiben, natürlich und würdevoll alt zu werden. Mal schauen, wie gut es mir gelingt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. Juli 2024

Alt werden und sein

Ein Zitat

Rollator-Parkplatz beim Mittagessen in einem Altersheim.
Foto © Jörg Niederer
"Die Alten glauben alles. Die Älteren vermuten alles. Die Jungen wissen alles." Oscar Wilde (1854-1900)

Ein Bibelvers - Prediger 12,1

"Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat! Denk an ihn in deiner Jugend, bevor die Tage kommen, die so beschwerlich sind! Denn wenn du alt geworden bist, kommen die Jahre, die dir gar nicht gefallen werden."

Eine Anregung

Es gab in der Schweiz eine Zeit, in der ein Junge hingerichtet wurde, weil er seine Eltern geschlagen hatte. Massstab dazu waren biblischen Aussagen der Mosebüchern. 

Wie umgehen mit älteren Menschen? Darum geht es heute in der Predigt in der Methodistenkirche St. Gallen. Und natürlich fordert in der Kirche niemand mehr aufgrund von Bibelstellen die Todesstrafe für die Misshandlung der Eltern durch Kinder. Aber wie soll unsere Gesellschaft in christlicher Weise mit den Alten umgehen? Zum Gottesdienst und Mitdenken bist du herzlich eingeladen um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in der Stadt St. Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Freitag, 5. Juli 2024

Über die Alten

Ein Zitat

Rüstiger Senior unterwegs am Bahnhof Wil.
Foto © Jörg Niederer
"Das Geheimnis eines schönen Alters ist der würdige Umgang mit der Einsamkeit." Gabriel Garcia Marquez (1927-2014)

Ein Bibelvers - 2. Mose 20,12

"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren und für sie sorgen! Dann wirst du lange leben in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir geben wird."

Eine Anregung

Da ich am Sonntag über das Verhältnis der Generationen predigen möchte, und dabei den Schwerpunkt auf die ältere Bevölkerung legen werde, habe ich mich gefragt, was die neuen Sozialen Grundsätze, welche an der Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche im April/Mai 2024 angenommen wurden, über die älteren Menschen und das Altern sagen. Hier also der Text: 

DIE POLITISCHE GEMEINSCHAFT

C. Ältere Menschen und das Älterwerden 

Ältere Menschen haben viele Gaben. Wir rufen die Kirche, die Regierungen und zivile Einrichtungen auf, ihnen fortlaufend zu ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und zu Gottes Werk in der Welt beizutragen. Ältere Menschen haben ein Recht auf Unterstützung und Schutz vor den Risiken des Älterwerdens, welche sich in wirtschaftlicher Benachteiligung, ungerechten Erbschaftsverfahren, unzureichender öffentlichen Gesundheitsfürsorge sowie systematischer Vernachlässigung aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Behinderungen und weiteren wirtschaftlichen Lebensbedingungen äussern.

Wir fordern die Kirche, die Regierungen und die Zivilgesellschaft auf, sozialpolitische Strategien und Programme zu entwickeln und umzusetzen, die den Bedürfnissen und Rechten älterer Menschen Rechnung tragen. Wir unterstützen eine Sozialpolitik, die ältere Menschen in das gesellschaftliche Leben integriert und Ressourcen für ihr Wohlergehen garantiert, einschließlich diskriminierungsfreier Beschäftigungsmöglichkeiten sowie Bildungs- und Dienstleistungsangebote. Sie sollen Zugang zu medizinischer Versorgung und Wohnraum haben, geschützt werden vor wirtschaftlicher oder psychologischer Ausbeutung sowie auf eine hochwertige, öffentlich unterstützte Seniorenbetreuung bauen können. Wir befürworten die Selbstbestimmung älterer Menschen unabhängig davon, ob sie allein, in Familien oder Institutionen leben. Wir verurteilen die Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität durch unnötige Medikamente oder durch Einschränkungen ihrer sozialen Teilhabe und ihrer Handlungsfähigkeit.

Siehe zu diesem Teil der Sozialen Grundsätze auch die Beiträge vom 11. Mai 2024, vom 20. Mai 2024, vom 22. Mai 2024 und 7. Juni

(Anmerkung: Die Sozialen Grundsätze wurden in der hier verwendeten revidierten Version an der diesjährigen Generalkonferenz in Charlotte angenommen. Die vorläufige deutschsprachige Übersetzung der Sozialen Grundsätze hilft zwar beim Verstehen des englischen Originals, hat aber diverse sprachliche und orthografische Mängel. Diese versuche ich im von mir wiedergegebenen Text zu korrigieren. Es handelt sich also nicht um eine von den deutschsprachigen Zentralkonferenzen autorisierte Version. 

Die Sozialen Grundsätze sind nicht kirchenrechtlich verbindlich, sondern als Anleitung zu einer im Glauben an Christus begründeten Lebensführung zu verstehen. Ihre Geschichte begann vor mehr als 110 Jahren mit dem ersten Sozialen Bekenntnis, das durch die Bischöfliche Methodistenkirche formuliert wurde.)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Donnerstag, 16. November 2023

Alt und fröhlich werden

Ein Zitat

Ein alter Mann geht einige Schritte zu Fuss. Er tut das, was er noch kann. Das zeichnet die weisen alten Menschen aus.
Foto © Jörg Niederer
"Es widerfuhr mir, dass mich ganz unverhofft ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam, so dass ich in keiner Weise bezweifeln konnte, dass Er in meinem Innern weilte oder ich ganz in Ihm versenkt war." Theresa von Avila (1515-1582)

Ein Bibelvers - Hiob 32,9

"Wer viele Jahre vorzuweisen hat, ist noch lange nicht klug. Wer ein ehrwürdiges Alter erreicht hat, ist noch lange nicht im Recht."

Eine Anregung

Beten sei "das Verweilen bei einem Freund". Das sind die Worte der Theresa von Avila, eine in der katholischen Kirche als bedeutende Heilige verehrte Mystikerin und Karmeliterin.

Folgende Anekdote ist von ihr überliefert: Teresa von Avila beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. "So behandle ich meine Freunde", antwortete ihr der Herr. Teresa entgegnete: "Darum hast Du auch nur so wenige."

Die Vollkommenheit schien ihr, wie später dann den ersten methodistischen Christen, am Herzen zu liegen, schrieb sie doch eine Anleitung zur Kontemplation mit dem Titel "Weg der Vollkommenheit". Darin heisst es: "Denn unser Leib hat einmal den Fehler, dass er umso mehr Bedürfnisse entdeckt, je mehr er gepflegt wird."

Über das Älterwerden oder Altsein schreibt sie in ihrem wohl bekanntesten Gebet: 

"O Herr, bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehme zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."

Zu dieser tiefsinnigen und zugleich humorvollen Auseinandersetzung mit dem Altern passt auch die folgende Aussage von ihr: "Gott will, dass der Mensch seinen Spass hat."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 24. August 2023

Schönheitsbedarf

Ein Zitat

Ein schönes Geschenk. Ein Gewinn in Form von Verjüngungsmittel.
Foto © Jörg Niederer
"Albernheit ist eine Erholung von der Umwelt." Curt Emmrich, alias Peter Bamm (1897-1975)

Ein Bibelvers - Sprüche 3,7+8

"Halte dich nicht selbst für klug! Begegne dem Herrn mit Ehrfurcht und meide das Böse! Das hält dich gesund und ist eine Arznei für deinen Körper."

Eine Anregung

Zu meine Sonntagnachmittagsbeschäftigungen gehört es, das Kreuzworträtsel und die Sudokus der Sonntagszeitung zu lösen. So ist es auch schon vorgekommen, dass ich damit das eine oder andere gewonnen habe. Seit etwa eineinhalb Jahren ist das jedoch nicht mehr vorgekommen. Bis auf den Montag nach meinem 64. Geburtstag. Da erhielt ich unverhofft ein Paket, und der beiliegende Brief vermeldete: "Sie haben gewonnen!". Im Karton fand ich Schönheitspräparate. Besonders der Anti Aging Beauty Drink hat es in sich. Er soll Haut, Haare, Nägel und Bindegewebe vor der vorzeitigen Alterung bewahren und enthält Hyaluron. Etwa 60 Franken kostet die Flasche, die ich nun zur eigenen Verjüngung in täglichen 20 Milligramm-Dosen leeren soll. Im Saft auch enthalten sind zusätzliche Stoffe, die noch weit mehr bewirken sollen. Ein Beipackzettel habe ich nicht gefunden, folglich ist es kein Arzneimittel. Vegan ist das Ganze auch noch, was in meinem Fall aber kein Kaufargument wäre.

Was ich mich gefragt habe: Warum erhalte ich diese Anti-Aging-Ware ausgerechnet jetzt, kurz bevor das Pensionsalter droht über mich hereinzubrechen? Ist das ein Fingerzeig des Himmels? Will mich da jemand vor Runzeln und knarzenden Gelenken bewahren? Oder ist es eine Versuchung der dunklen Seite, mich meines Alters zu entfremden mit der Illusion ewiger Jugend?

Einem geschenkten Gaul, schaut man bekanntlicherweise nicht ins Maul, heisst es. Also werde ich nun auch nicht undankbar diesem Geschenk gegenüber sein. Nur wäre mir der Hauptpreis lieber gewesen: Einige Tage in einem Wellness-Hotel.

Noch eine letzte, diesmal ernster gemeinte Frage: Warum gibt es eigentlich keine Wellness-Kirchen? So mit Massagesesseln und gesegneten Fangopackungen, Fusswaschung und Heilsschlaf (Der Herr gibt's den Seinen ja im Schlaf). Das würde das Problem fehlender Pfarrpersonen lösen, könnte man so doch auch Podologinnen und Masseure anstellen!

Doch dann entdecke ich es: Es gab schon einmal einen Wellness-Kirchenanlass. An der BEXPO, durchgeführt von den Kirchen in Belp. Der Erlebnisbericht darüber kann hier nachgelesen werden. Sucht man im englischsprachigen Raum nach Wellness-Church, wird man gleich mehrfach fündig, etwa bei der "church of wellness". Sachen gibt es, da kann man nur staunen. Besonders über die Preise.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 12. August 2023

Oldtimer

Ein Zitat

Ein Fahrer verlässt in seinem Oldtimer Triumph Herald 1200 Cabriolet den Denner-Parkplatz in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Das Greisenalter, das alle zu erreichen wünschen, klagen alle an, wenn sie es erreicht haben." Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.)

Ein Bibelvers - Prediger 12,3

"Wenn der Mensch alt geworden ist, zittern die Wächter des Hauses [die Arme] und krümmen sich die starken Männer [die Beine]. Die Müllerinnen [die Zähne] stellen die Arbeit ein, weil nur noch wenige übrig geblieben sind. Die Frauen [die Augen], die durch die Fenster schauen, erkennen nur noch dunkle Schatten."

Eine Anregung

Ich bin ja nicht gerade ein Autofan, aber so Oldtimer sind halt schon etwas Schönes. Auf dem Foto handelt es sich um einen Triumph Herald 1200 Cabriolet, der wohl seine Jungfernfahrt zwischen 1963 und 1967 erlebte. Das Auto ist also im besten Fall so 60 Jahre alt. In Albinen besuchten wir die dortige "neue" Kirche. Sie ersetzte 1959 die durch ein Erdbeben zerstörte bisherige Kirche. Zwischen den alten, im 15. Jahrhundert gebauten Holzhäusern wirkt diese Kirche geradezu avantgardistisch und modern. Dabei ist sie älter als der Triumph-Oldtimer. Ich teile mit der Kirche Albinen den Jahrgang. Heisst das jetzt, dass ich schon ein Oldtimer bin? Oder bedeutet das, dass ich noch verhältnismässig jung bin?

Alter ist abhängig von der Lebenserwartung. Eine Kirche kann hunderte Jahre alt werden. Also sind 64 Jahre noch keine Zeitspanne. Ein Auto wird dagegen oft schon nach 10 bis 20 Jahren aus dem Verkehr gezogen. Deshalb zählen Autos, die älter als 30 Jahre sind, zu den Oldtimern. Und ich. Ich bin zwar noch an der Arbeit, aber doch schon deutlich näher an einer durchschnittlichen menschlichen Lebenserwartung. Darum werde ich wohl auch eifrig mit Seniorenangeboten eingedeckt.

Für die Menschen der Bibel war ein hohes Alter ein Zeichen dafür, dass sie von Gott gesegnet sind. Doch der Schreiber des Predigerbuchs (etwa im 3.-4. Jahrhundert vor Christus) wusste auch schon von der Mühsal des Alters und beschreibt dies in schönen Allegorien. Nach dem weiter oben schon abgedruckten Vers geht es so weiter:

"Die beiden Türen [die Ohren], die zur Straße führen, werden auch schon geschlossen. Und das Geräusch der Mühle [der Stimme] wird leiser, bis es in Vogelgezwitscher übergeht und der Gesang bald ganz verstummt. Wenn der Weg ansteigt, fürchtet man sich. Jedes Hindernis unterwegs bereitet Schrecken. Wenn schließlich der Mandelbaum blüht [ergraute Haare], die Heuschrecke sich hinschleppt und die Frucht der Kaper aufplatzt: Dann geht der Mensch in sein ewiges Haus, und auf der Straße stimmt man die Totenklage an. Das Ende des Menschen ist der Tod. Denk an deinen Gott, der dich geschaffen hat, bevor die silberne Schnur zerreißt und die goldene Schale zerbricht – bevor der Krug am Brunnen zerschellt und das Schöpfrad in den Schacht stürzt." (Prediger 12,4-6)

Mir tun diese Worte gut, denn sie zeigen mir die Grenzen menschlichen Lebens auf und verweisen darauf, was wirklich zählt: "Denk an deinen Gott...!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 27. August 2022

Ascheblume

Ein Zitat

Der angekohlte Baumstumpf hat seine ganz eigene Ästhetik.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Weihrauch kommt von alten Bäumen." Redensart aus Deutschland

Ein Bibelvers - Jesaja 61,2c+3

"Ich soll alle Trauernden trösten und den Klagenden in Zion Freude bringen. Dann tragen sie einen Kopfschmuck, statt sich Asche aufs Haupt zu streuen. Sie salben sich mit duftenden Ölen, statt Trauergewänder anzulegen. Wo Verzweiflung herrschte, erklingen Loblieder. Dann nennt man sie 'Eichen der Gerechtigkeit', 'Garten des Herrn, der seine Herrlichkeit zeigt'."

Ein Anregung

Ist es Verwitterung oder war es ein Feuer, das den Baumstupf in ein Kunstwerk verwandelte? Die Jahrringe sind zu sehen, unterbrochen von radialen Rissen. Das Zentrum des Baumstumpfs gleicht einer fünfblättrigen Blüte. Die Ascheblume hebt sich ab vom Zerfall, und ist Zerfall.

Die Vergänglichkeit hat ihre Ästhetik. Die Narben loben Gott genauso wie die feinste Säuglingshaut. Die Gesichtsfalten des Alters erzählen Geschichten. Das Leid zeichnet Spuren, aber auch die Freude. Wer kann am Ende schon Lachfalten von Sorgenfalten unterscheiden? Wer Tränen der Freude von Tränen des Leids?

Die Ascheblume richtet sich, wie einst der Baum, dem Himmel entgegen. Immer dem Himmel entgegen möchte ich leben und vergehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde