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Montag, 24. Februar 2025

Streit vom Zaun brechen

Ein Zitat

Eine Holzzaunlatte mit Neuschneehaube.
Foto © Jörg Niederer
"Baue einen Zaun um die Thora. Unterscheide zwischen zeitbedingter und zeitloser Wahrheit; wage es, die eine zu verändern und die andere zu bewahren." Talmud

Ein Bibelvers - Lukas 14,23

"Da sagte der Herr zu ihm: 'Geh hinaus aus der Stadt auf die Landstraßen und an die Zäune. Dränge die Leute dort herzukommen, damit mein Haus voll wird!'"

Eine Anregung

Wenn jemand einen Streit vom Zaun bricht, dann geht es aus heiterem Himmel und ohne grosse Vorbereitungsphase los mit der Auseinandersetzung.

Ursprünglich jedoch wurde die Redensart neutral verwendet. "Etwas vom Zaun brechen" besagte, dass etwas leicht verfügbar sei, so wie die Latten an den Zäunen. Doch bereits Martin Luther verwendete die Aussage vom Streit, der vom Zaun gebrochen wird, in seinen Schriften.

Vermutlich eigneten sich Zaunlatten ausgezeichnet, um aufeinander einzuschlagen. Ähnlich, wie wenn heute Pflastersteine oder Glasflaschen als Wurfgeschosse dienen, waren Zaunlatten überall verfügbar.

Beim Gartenzaun speziell ist, dass aus einer Schutzvorrichtung ein schlagendes Argument werden kann. Wie leicht wird etwas Gutes missbraucht. Wie schnell verwandelt sich der Frieden in Krieg, die Eintracht in Zwietracht, die Liebe in Hass.

Wie wäre es, wenn wir heute und in den folgenden Tagen und Wochen statt Streit vom Zaun zu brechen dem Frieden einen Schutzzaun bauen? Ich meine keine undurchdringbare, intransparente Grenze, sondern ein luftiger, mit Durchlässen versehener, raumgestaltender Gartenzaun, über den die Kinder klettern und die Erwachsenen einander die Hand reichen können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. Mai 2023

Mach's wie Gott...

Ein Zitat

Verblühte Blüten des Huflattichs.
Foto © Jörg Niederer
"Freiheit ohne Selbstbeschränkung zerstört sich selbst." Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002)

Ein Bibelvers - Johannes 1,10+11

"Er, das Wort, war schon immer in der Welt. Die Welt ist ja durch ihn entstanden. Aber sie erkannte ihn nicht. Er kam in die Welt, die ihm gehört. Aber die Menschen dort nahmen ihn nicht auf."

Eine Anregung

"Tzimtzum" ist ein Begriff aus der jüdisch-kabbalistischen Philosophie und bedeutet "Konzentration" oder "Kontraktion" (Zusammenzug). Unter dieser Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert versteht man, dass sich Gott selbst aus seiner Mitte heraus zusammenzieht oder selbstbeschränkt, damit überhaupt Raum da ist für noch etwas, insbesondere für das Universum oder auch die Menschen.

Ich gebe zu, das habe ich nun sehr vereinfacht beschrieben. Doch die Vorstellung gefällt mir, dass Gott sich zurücknimmt, den Gürtel enger schnallt, sich einschränkt, damit ein Gegenüber werden kann, das Universum, die Erde, das Leben, der Mensch.

In diesen Tagen, in denen wir miterleben, wie weltweit zwischen 40-60% aller Lebensformen aussterben und verschwinden, in denen wir uns in einer Biodiversitätskrise nie gekannten Ausmasses wiederfinden, ist es wichtig, darüber nachzudenken, ob nicht nur Gott, sondern auch wir Menschen uns konzentrieren und selbstbeschränken müssen.

"Sein wollen wie Gott", das ist laut den biblischen Urgeschichten die Krux der Menschen, eine masslose Selbstüberschätzung. Sichtbar wird das auch daran, dass wir immer mehr Raum auf Kosten anderer Geschöpfe einnehmen, immer stärker ins Gleichgewicht der Lebensformen eingreifen, immer weniger Platz neben uns für andere lassen.

Ja, vielleicht sollten wir uns tatsächlich Gott zum Vorbild nehmen in seiner Selbstbeschränkung. Ohne eine solche Selbstkonzentration werden nicht nur Tiere und Pflanzen keine Zukunft haben, sondern auch wir Menschen.

Also: Mache es wie Gott; beschränke dich!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. März 2023

Atemraum des Lebens

Ein Zitat

Familie Storch vor der Weite des Weltalls.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Seele voller Dankbarkeit ist wie ein Fluss voller Wasser, der nie versiegt." Esther Jonhson (1965-)

Ein Bibelvers - Johannes 1,1-3

"Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. Dieses Wort gehörte von Anfang an zu Gott. Alles wurde durch dieses Wort geschaffen. Und nichts, das geschaffen ist, ist ohne dieses Wort entstanden."

Eine Anregung

Kosmologien gibt es viele. Also Erklärungen, wie die Welt, das Universum und wir Menschen entstanden. Die Gängige ist die über den Urknall. Begründet wird dies mit der vom einem Punkt ausgehenden beständigen und sich gleichzeitig verlangsamenden Ausdehnung des Universums.

Folgendes habe ich gelesen: "Wir sehen sie nicht – aber Mikroorganismen sind überall. Ein Kubikzentimeter Erde enthält etwa eine Milliarde Bakterien, ein Teelöffel Wasser aus einem See eine Million, ein Kubikmeter Luft etwa 1.000 Keime." Was wissen die Mikroben und Bakterien davon, dass sie selbst Teil viel grösserer Organismen sind? Könnte es nicht wiederum sein, dass wir selbst Mikroben gleich Teil eines noch viel grösseren Seins sind ohne dies erkennen zu können. Oder sind wir vielleicht nur Teil der Atemluft einer jenseits unserer Welt lebenden Existenz. Was wäre, wenn unsere Welt genau einen solchen Atemzug lang existieren würde, und das, was wir Ausdehnung des Universums nennen, nichts weiteres ist, als der sich ausweitende Atemraum? In diesem Atem, irgendwo in den dabei entstandenen Verwirbelungen und Bewegungen sind Moleküle, und auf einem dieser Moleküle, der Erde, leben wir, und versuchten die Welt zu verstehen.

Doch dann kommt der Moment, an dem das Ausatmen endet, die Ausdehnung des Universums sein Maximum erreicht, und diese jenseitige Existenz alles Ausgeatmete wieder einatmet. Himmel und Erde vergehen, und ein neues Ausatmen lässt einen neuen Himmel und eine neue Erde entstehen.

Ach ja, und natürlich könnte dieses jenseitige Wesen selbst wieder ein Fäserchen des Atems eines noch viel jenseitigeren Sein sein.

Gut, das alles ist nun nicht mehr als eine Montagmorgenphantasie eines Menschen, der letztlich diese Welt nie ganz verstehen wird. Darum gab es schon immer Schöpfungsgeschichten, welche das Unerklärliche zu erklären versuchen: Dass nämlich irgendeinmal das Bewusstsein über das eigene Sein entstanden, die Verwunderung, dass es Leben gibt und dass da nicht einfach nur Nichts ist. Es ist halt schon ein grosses Wunder, das Leben, und etwas Heiliges, Ehrfurchtgebietendes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 18. Februar 2023

Alkoholverkauf in Kirche

Ein Zitat

Die einstige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Schmiedrued AG (oben)
Foto © Jörg Niederer
"Allein in den Niederlanden wurden bereits über 2000 Kirchen umgenutzt oder verkauft." Aus einem Beitrag von ref.ch

Ein Bibelvers - Markus 1,21

"Jesus und seine Jünger kamen nach Kapernaum. Gleich am Sabbat ging Jesus in die Synagoge und lehrte."

Eine Anregung

Mit der zunehmenden Mobilität, aber noch mehr durch die zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft werden viele Gotteshäuser unrentabel und stehen zum Verkauf. Es stellt sich die Frage, was aus diesen Gebäuden werden soll. In einem Onlinebeitrag der Reformierten werden einige besonders kuriose oder bemerkenswerte Umnutzungen vorgestellt. Gasthäuser finden sich darunter, aber auch eine Bibliothek, ein Tanzclub oder eine Skateranlage. Ebenfalls erwähnt wird eine einstige Methodistenkirche im südenglischen Westbourne. Eine Supermarktkette führt darin nun ein Verkaufslokal. In der örtlichen Zeitung "Daily Echo" stand dazu: "John Wesley, der Begründer des Abstinenzler-Methodismus, dürfte sich im Grab umdrehen, wenn er bemerkt, dass nun in der ehemaligen methodistischen Kirche Alkohol verkauft wird." 

Zur Umnutzung von Kirchen in der Schweiz gibt es eine Datenbank der UNI Bern. In dieser sind auch zahlreiche methodistische Gotteshäuser aus der Schweiz erfasst. Allerdings sind viele Einträge nicht mehr aktuell und die Auswahl der erfassten Gotteshäuser ist recht lückenhaft.

Einige Beispiele von ungenutzten Kapellen, die nicht in der Datenbank zu finden sind: Es fehlt die Hölzlikapelle Rothrist (AG) (dort haben meine Frau und ich geheiratet). Heute ist sie eine private Loftwohnung. Genauso wurden auch die Kapellen in Teufen (AR), in Gontenschwil (AG) und in Mühlethal (AG) zu Wohnungen umgestaltet. Die methodistische Kapelle in Schmiedrued wurde von einem Harmoniensammler erworben. Eigentlich wollte er nur die 4-5 Harmonien kaufen, die sich dort angesammelt hatten. Doch dann erstand er gleich auch noch die Kapelle dazu, um daraus ein Harmonien-Museum zu machen. Das jedenfalls war die Absicht. Ob etwas daraus geworden ist, weiss ich nicht.

Für die Stadt St. Gallen finden sich fünf Einträge, darunter das Kloster St. Katharina und die Kirchen St. Leonhard und St. Mangen.

Wie ungenau die Daten sind, zeigt etwa der Eintrag zur methodistischen Friedenskirche in Bäretswil. Die Datenbank spricht vom Abriss der Kapelle. Doch genau das ist nicht geschehen. Aus Denkmalschutzgründen und bedingt durch die Statik wurde lediglich eine vorsichtige Umgestaltung der Innenräume verwirklicht,  und ein moderner Anbau dazu realisiert.

Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Einträge dieser Datenbank. Auf diesem Weg erfuhr ich, dass die ehemaligen Neuapostolischen Kirche in St. Gallen heute als Schulhaus der "Freien Stadtschulen AG" genutzt wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde