Samstag, 20. Mai 2023

Tulpen

Ein Zitat

Tulpen im Religionsgarten im Alten Friedhof Aarburg.
Foto © Jörg Niederer
"Das Wunder der Schöpfung Natur und die Schönheit der Blumen regen uns an, mit der Umwelt sorgsam umzugehen, so dass wir uns auch in Zukunft daran freuen können." Webseite des Religionsgartens Aarburg

Ein Bibelvers - Jakobus 1,10+11

"Aber die Reichen sollen daran denken, dass sie vor Gott arm und unbedeutend sind. Denn sie vergehen wie eine Wiesenblume. Wenn die Sonne emporsteigt, kommt mit ihr die Hitze und lässt das Gras verdorren. Dann fällt die Blüte ab und von ihrer Schönheit bleibt nichts übrig."

Eine Anregung

Der jüdische Monat Nissan ist schon vorbei, und so sehen auch die (Berg-)Tulpen im Religionsgarten Aarburg aus. Sie sind auch schon "vorbei" wie man so sagt. Das hebräische Wort nitzanim und der arabische Begriff nizzam bezeichnen rote Frühlingsblumen. Dazu gehören Kronenanemone, Bergtulpe, Klatschmohn sowie scharlachroter Hahnenfuss. Rot blüht es also im Frühling. Und selbst im Prozess des Vergehens leuchten die Tulpen weiter.

Über die Zierpflanzen gibt die Webseite des Religionsgartens Auskunft. Die Schönheit und Vergänglichkeit der Blumen wird zu einem Gleichnis für das Leben.

Eine Entdeckung für Christen sind die Bezüge des Korans, die zu den Pflanzen hergestellt werden. Da steht etwa in Sure 27,60: "Oder wer hat die Himmel und die Erde erschaffen und euch vom Himmel Wasser herabkommen lassen? Dadurch haben Wir Gärten wachsen lassen, die Freude bereiten. Ihr hättet unmöglich deren Bäume wachsen lassen können. Gibt es einen Gott neben Gott? Nein, sie sind ein Volk, das abgewichen ist."

Zurück zu den Tulpen. Deren Blüten kann man essen. Alles andere sollte man sein lassen, besonders die Zwiebeln, denn die sind am Giftigsten. Der enthaltene Giftstoff übrigens wird Tulipanin genannt.

Die Ausnahme sind also die Tulpenblüten. Sie sind für Augen und Gaumen eine Offenbarung.

Morgen im Gottesdienst um 10.15 Uhr in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 geht es auch um Pflanzen und besonders um den Garten als Ort der Gotteserfahrung. Herzlich Willkommen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 19. Mai 2023

Ein Garten dreier Weltreligionen

Ein Zitat

Garten der Religionen im Alten Friedhof Aarburg
Foto © Jörg Niederer
"Die Pracht der Gärten hat stets die Liebe zur Natur zur Voraussetzung." Anne Louise Germaine de Staël, Baronin von Staël-Holstein (1766-1817)

Ein Bibelvers - 2. Könige 21,18

"Dann starb Manasse und wurde begraben im Garten seines Palastes, dem Garten von Usa. Sein Sohn Amon wurde König an seiner Stelle."

Eine Anregung

Dabei sein konnte ich nicht, als der Religionsgarten im Alten Friedhof Aarburg (Siehe Blogbeitrag vom 22. Februar 2022) am vergangenen Muttertags-Sonntag eröffnet wurde. Inspiriert ist er von den Bibelgärten. Ganz besonders der Bibelgarten in Gossau hatte es dem Initiator Markus Bill angetan. Selbst Christ und Methodist, lebte er einige Jahre lang in direkter Nachbarschaft zum alten Friedhof in Aarburg. Nun hat er mit vielen Freiwilligen und der Stadtverwaltung an diesem passenden Ort ein Kleinod geschaffen, das ich am Himmelfahrtstag gerne besucht habe.

Ein Girlitz sang sein Lied über den Beeten, und liess sich auch nicht durch unsere Anwesenheit im Religionsgarten davon abbringen. Im rechteckigen, von den alten Friedhofsmauern begrenzten Park war sonst kein Mensch. Friedlich war es. Noch sind in einigen Beeten lediglich die ersten Keimblätter der Pflanzen zu entdecken. Wieder andere blühen bereits in voller Pracht. Für jede Pflanze gibt es auf einem kleinen Merkzettel Hinweise, wo sie in Bibel und Koran zu finden sind. Unaufdringlich kommt die Religion ins Spiel. Die Neue Oltner Zeitung schrieb im Vorfeld von einem "Garten, der verbindet". Und auf der Webseite zum Religionsgarten wird von einem "kleinen Paradies auf Erden" gesprochen. Genau das ist es auch. Da ist ein Garten entstanden und wird noch, der Lust macht zu verweilen.

Mir wurde er auch zu einer Inspiration für meine theologischen Gedanken über den Garten als Teil unseres Wohnraums. Davon hören kann man am kommenden Sonntag um 10.15 Uhr in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 18. Mai 2023

Ein 70 Jahre altes Liebeszeichen

Ein Zitat

Ein getrocknetes Edelweiss, Zeichen bleibender Liebe.
Foto © Jörg Niederer
"Im Etschthale wird eine zwischen 4 Finger genommene Prise des getrockneten Krautes zur Hälfte in Wasser eingesotten, gegen Diarrhoe getrunken und erweist sich als sehr wirksam." Karl Wilhelm von Dalla Torre (1850-1928) über das auch "Bauchwehblüml" genannte Edelweiss

Ein Bibelvers - Hohelied 2,10-12

"Mein Liebster redet mir zu: 'Schnell, meine Freundin, meine Schöne, komm doch heraus! Denn der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, er hat sich verzogen. Blumen sprießen schon aus dem Boden, die Zeit des Frühlings ist gekommen. Turteltauben hört man in unserem Land.'"

Eine Anregung

Die Blüte sieht schon ein wenig wie ein Löwenfüsschen aus mit seinen haarigen Blättern. So wurde das Edelweiss nach seinem lateinischen Namen "Leontopodium" einst benannt. Erstmals tat dies der Botaniker Matthiolus (1501-1577). Weitere Namen sind "Gnaphalium" (Lateinisch für "Filz"), Wollblume, Katzedälpli, Strohblume (wegen der lange Haltbarkeit in getrocknetem Zustand), Jagerbloama und Hanetabbe. Es war Karl Erenbert Ritter von Moll (1760-1838), der im Zillertal erstmals den Namen Edelweiss für diesen kleinen "Stern der Alpen" hörte. Die Pflanze wurde dort zur Geisteraustreibung verwendet. Dass heute fast alle Menschen dieses Blümchen "Edelweiss" nennen, haben wir also den Tirolern zu verdanken.

In diesen Tagen ist mir wieder einmal das getrocknete Edelweiss in die Hände gekommen, das einst mein Vater meiner Mutter aus den Alpen mit nach Hause gebracht hatte. Das muss schon lange zurückliegen, vielleicht 70 Jahre, und noch immer ist das Blümchen nicht zerfallen. Ich kann also dessen lange Haltbarkeit in getrocknetem Zustand bestätigen. Warum ich dieses Zeichen ewiger Zuwendung besitze, liegt wohl daran, dass es mit der Briefmarkensammlung meiner Mutter aus Versehen bei mir in einer Schublade gelandet ist.

Das Edelweiss ist ein Zeuge einer Liebesgeschichte, die schliesslich auch dazu führte, dass ich heute da bin, und über diese botanische Rarität sinnieren kann. Denn in der Schweiz ist das Edelweiss, je nach Kanton, teilweise oder vollständig geschützt.

Es mag also geboten sein, die bösen Geister auf andere Weise als mit einem Edelweiss auszutreiben. Auch für die Liebe braucht es heute weniger sensible Symbole. Zum Beispiel ein Vorhängeschloss an einem Brückengeländer, oder ein Tattoo.

Wie zeigst du deine Liebe zu anderen Menschen? Was ist dein modernes Edelweiss? Und wie bleibt es dir präsent?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 17. Mai 2023

Dark, dunkel, böse

Ein Zitat

Alien von Hans Rudolf Giger vor dem Museum in Gruyères.
Foto © Jörg Niederer
"Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein!" Wilhelm Busch (1832-1908)

Ein Bibelvers - Lukas 18,11

"Der Pharisäer stellte sich hin und betete leise: 'Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen – kein Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder Zolleinnehmer wie dieser hier."

Eine Anregung

Wie viel Bosheit steckt in einem Menschen? Intelligenz ist messbar (IQ), auch die emotionale Intelligenz (EQ) und seit einiger Zeit auch das Mass der Rücksichtslosigkeit, der sogenannte Dark-Faktor oder D-Wert. Dieser Wert beschreibt die "Tendenz, den eigenen Nutzen zu maximieren - unter Missachtung, Inkaufnahme oder böswilliger Provokation von Nachteilen für andere, begleitet von Überzeugungen, die als Rechtfertigung dienen. 
Vereinfacht ausgedrückt, beschreibt D die Tendenz, die eigenen Interessen rücksichtslos zu verfolgen, auch wenn dies anderen schadet (oder sogar um der Schädigung anderer willen), und dabei Überzeugungen zu haben, die dieses Verhalten rechtfertigen." 

Nun ist es fraglich, ob ich überhaupt im Vergleich zu anderen Personen wissen will, wie viel Rücksichtslosigkeit in mir drin steckt. Mit dem Ergebnis könnten ja wohl nur die ganz Bösen unter Ihresgleichen bluffen. Oder würdest du gross in der Welt herumposaunen, dass zum Beispiel nur 6 Prozent der Menschen noch weniger rücksichtslos sind als du selbst? Also ich würde das bestimmt nicht tun. Es klänge zu sehr nach Pharisäergebet: "Ach wie gut, dass ich nicht so übel bin wie die meisten anderen."

Nun gehen nicht nur negative Werte einher mit einem hohen Dark-Faktor. Je rücksichtsloser ein Mensch ist, um so eher ist er oder sie auch bereit, unangenehme Entscheide zu treffen und Dinge in die Wege zu leiten, die schlussendlich hilfreiche Weichenstellungen sein können. Doch auf diesen Aspekt der Bosheit gibt der D-Faktor keine klare Antwort. Dieser konzentriert sich auf Eigenschaften wie Gehässigkeit, Egoismus, Machiavellismus, Moralische Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit, Gier und Ansprüchlichkeit. Letzteres, so weiss ich nun, nachdem ich 70 Fragen beantwortet habe, ist bei mir von all den schlechten Eigenschaften am deutlichsten ausgeprägt, gefolgt von der Gier. Dafür steckt in mir nur ein ganz klein wenig Sadismus. 

Hier kannst du dich selbst auf diese interessante Ergründung deiner Rücksichtslosigkeit und Bosheit begeben. Vielleicht korrigiert der Dark-Faktor auch ein wenig deine Selbstwahrnehmung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 16. Mai 2023

Ganz nahe

Ein Zitat

Schnecken, die auf besseres Wetter warten.
Foto © Jörg Niederer
"Nähe bedrängt oder beschwichtigt." Raymond Walden (*1945), Kosmopolit, Pazifist und Autor

Ein Bibelvers - Epheser 2,13

"Aber jetzt gehört ihr zu Christus Jesus. Ihr, die ihr einst fern wart, seid ihm nahe gekommen durch das Blut, das Christus vergossen hat."

Eine Anregung

In einer sehr hohen Vergrösserung sieht man in einem sehenswerten Video bei einer Weinbergschnecke, wie ihre Zähnchen sich in eine Erdbeere schlagen.

Faszinierend, was es alles zu entdecken gibt, wenn wir ganz nahe herangehen. Ganz nahe! Angenommen, so wie ich die Schnecke von ganz nahe betrachte, würde mir Gott ganz nahe kommen. Was gäbe es dann zu sehen?

Mir kommt ein zurecht in Ungnade gefallenes Kinderlied in den Sinn: "Pass auf kleines Auge, was du siehst..., denn der Vater im Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf, kleines Auge was du siehst!" 

Wenn Gott mir ganz nahe kommt, dann nicht von oben herab, auch nicht mit warnendem Zeigefinger, sondern mit der Neugier, in mir das vielleicht auch noch so versteckte Gute zu entdecken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. Mai 2023

Tanzen im Vögeligarten

Ein Zitat

Der Musikautomat bei der Voliere im Vögeligarten in Olten ist wieder in Betrieb.
Foto © Jörg Niederer
"In der Vergangenheit schwelgen bedeutet immer auch ein wenig stehen bleiben." Andreas Marti (*1964), Schweizer Texter und Moderator

Ein Bibelvers - 2. Mose 16,3

"Die Israeliten sagten zu ihnen: 'Hätte der Herr uns doch in Ägypten sterben lassen! Dort saßen wir an den Fleischtöpfen und konnten uns satt essen.'"

Eine Anregung

Er ist wieder da, der "letzte freilebende Musikautomat der Schweiz" (Siehe Blogbeitrag vom 24. September 2022). Nach drei Jahren Abwesenheit tanzen die vier Damen wieder für die Voliere im sogenannten Vögeligarten in Olten. Unlängst habe ich selbst getan, was ich wohl 40 Jahre nicht mehr getan habe. Ich warf den Franken in den Schlitz, und freute mich an einem kurzen Moment nostalgischer Gefühle. Hier meine videographischen Aufzeichnungen dieses denkwürdigen Moments.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. Mai 2023

Geheimnis des Glaubens

Ein Zitat

Einblick durch die spaltweit offen stehende Tür in den Berneggstollen in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Geheimnis des Glaubens ist, dass Gott nicht fern und weltenthoben in seinem Himmel ist, sondern dass er einer von uns Menschen geworden ist – von Geburt bis Tod, mit allen Konsequenzen." Römisch-katholischer Bischof Franz-Josef Bode (*1951)

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 3,9

"Sie [die Diakone] sollen mit reinem Gewissen das Geheimnis des Glaubens bewahren."

Eine Anregung

Die Tür stand offen, Licht brannte in den langen Gängen des Berneggstollens, auch "Herrmann" genannt. Der einst im 2. Weltkrieg in St. Gallen als Zivilschutzzentrale ausgebaute schon vorhandene Tunnel war vorübergehend ein kultureller Ort. Heute ist er meist unzugänglich. Ein Eingang findet sich in der Mülenenschlucht, ein anderer ist erreichbar von der Berneggstrasse über die Stollentreppe. 

Geheimnisvolle St. Galler Unterwelt. Es ist nicht die einzige Katakombe. Da gibt es an der Rosenbergstrasse auf der Höhe der Einfahrt Unterer Graben eine zugedeckte Bahnlinie, die von 1856-1912 genutzt wurde. Das Bahnrelikt ist 134,5 Meter lang. Rohre der Fernwärme führen hindurch.

Zurück in die Gegenwart: Heute Sonntag sind Menschen in meist schöneren, ja manchmal prunkvolleren Räumen auf der Suche nach dem Mysterium fidei, dem "Geheimnis des Glaubens". Mögen die Türen dazu weit offen stehen.

Und dann dürfen heute die Mütter ja auch auf noch geheimnisvolle Überraschungen hoffen. Ich wünsche einen frohen Muttertag!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 13. Mai 2023

Drückeberger

Ein Zitat

Die Betätigung des Knopfs, welche Bahntüren öffnen, geschieht jeden Tag tausendfach.
Foto © Jörg Niederer
"Über die angeblichen Gefahren des Fernsehens kann ich nur lachen. Ein Knopfdruck genügt, und jede Gefahr ist vorüber." Liza Minnelli (*1946)

Ein Bibelvers - Sprüche 16,32

"Geduld haben ist besser als ein Kriegsheld sein. Sich beherrschen ist besser als Städte erobern."

Eine Anregung

Mittlerweile haben fast alle Zugwagons in der Schweiz einen elektronischen Knopf, mit dem die Tür geöffnet werden kann. Dieser eine gleiche Schalter kann jedoch auf recht vielfältige Weise betätigt werden.

Da gibt es die Personen, welche den Knopf erst drücken, wenn der Zug schon zum Stillstand gekommen ist. Andere wiederum drücken ihn minutenlang und Nonstop bereits bei der Einfahrt in den Bahnhof. Wieder andere drücken einmal, zweimal, dreimal, zehnmal, als seien sie sich selbst nicht sicher, ob das auch funktionieren würde. Rhythmischere Menschen drücken den Schalter im Takt der Musik, die sie gerade über Kopfhörer hören. Dann gibt es die, welche regelmässig den falschen Knopf drücken, den, welcher die Türe schliesst oder den, der die Bahnpolizei ruft.

Zu erwähnen wären auch die Wiederdrückerinnen und Wiederdrücker. Selbst wenn der Knopf durch Aufleuchten anzeigt, dass ihn schon  jemand betätigt hat, drücken sie noch einmal zu.

Seit Corona gibt es auch jene, welche mit dem Ellbogen die Tasten betätigen. Wieder andere drücken gar nicht, meinen, die Tür gehe von alleine auf, bis jemand von Hinten genervt und beherzt über den Wartenden hinweg die Taste betätigt. Die Clevereren unter den Drückebolden betätigen den Schalter bei der Tür, welche auf die Schienenseite hinausgeht, wohlwissend, dass dies genauso die Tür auf der Perronseite öffnet.

Besonders hektisch wird es, wenn trotz mehrfacher Betätigung der Taste die Tür sich einfach nicht öffnen will. Da kann es schon vorkommen, dass einigen der Geduldsfaden vollends reisst, und sie zu "Schalterschlägern" werden.

Manche meinen ja, dass Gott wie auf Knopfdruck reagieren sollte, wenn wir ihn um etwas bitten. Ich würde mich dabei nicht wundern, wenn die Art und Weise, wie wir bei im triggern, genau so unterschiedlich ausfällt, wie die Betätigung des Knopfs im Zug. Und Gottes Antwort? Die Tür wird aufgehen, auf die eine oder andere Weise.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 12. Mai 2023

Das Auenland bei Sonnenuntergang

Ein Zitat

Appenzeller Hügel leuchten auf beim letzten Schein der Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Der Boden ist die Grundlage aller unserer Aktivitäten. Wir beobachten Tiere, Pflanzen und die Menschen und finden daraus Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft." Von Webseite des Battenhofs in Niederteufen

Ein Bibelvers - Psalm 103,2

"Lobe den Herrn, meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat!"

Eine Anregung

Die Gaststätten rund um das Auenland heissen bSondrig, Esseria und Steirerwirtin. Bis 2011 wurde hier, nahe an Sitter und Kantonsgrenze zwischen Appenzell Innenroden und Appenzell Ausseroden Kies abgebaut. Dann folgte die Renaturierung zu einem kantonalen Schutzgebiet.

Das einstige Industriegebäude ist heute ein Eventlokal. Dort trafen sich die Mitwirkenden der Reformierten Kirche Teufen zu einem Dankesessen, nachdem sie zuvor die solidarische Landwirtschaft Battenhof unweit vom Kloster Wonnenstein näher kennenlernen konnten. An diesem Abend gab es viel zu sehen: Von ihren Anliegen begeisterte Menschen, die Wöchnerinnenabteilung im Schafstall, nistende Spatzen unter den Vordächern des Appenzeller Bauernhauses, Werkzeuge, fein säuberlich aufgereiht im Eventlokal, Aussicht in die Hügel Appenzells, den Regenbogen zum feinen Essen, Musik, Gesang, Geschichten und ein atemberaubender Sonnenuntergang. Hobbits sah ich keine. Sie brauchte es auch nicht zu diesem perfekten Anlass, der mir in Erinnerung bleiben wird. Gerne denke ich an diesen Abend zurück.

Woran denkst du am heutigen Tag gerne zurück?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. Mai 2023

Nur das Schöne zählt

Ein Zitat

Hundeskulptur im Chorgestühl der Kollegiatskirche Notre-Dame de l'Assomption in Romont.
Foto © Jörg Niederer
"Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitern Stunden nur." Sprichwort

Ein Bibelvers - Psalm 20,5

"Er [Gott] gebe dir, was dein Herz wünscht, und erfülle alles, was du dir vornimmst."

Eine Anregung

Ein bekannter Kamera-Produzent hat einen Fotoapparat mit einem Messgerät für Herzschläge verbunden, und dies einem Hund umgehängt. Immer wenn der Herzschlag des Hundes über einen bestimmten Schwellenwert steigt, wird die Kamera ausgelöst. Mit anderen Worten: Der Hund fotografiert das, was sein Herz höher schlagen lässt. Faszinierend, was den Hund auf seinen Spaziergängen freudig bewegt. In einem kurzen Video kann man einiges davon erfahren. 

Der Hund hält also mit der Kamera speziell das Schöne und Aufregende fest. Wie sähe das in meinem Fall aus? Was würde mein Herzschlag ablichten? Geht mein Puls immer noch hoch, wenn ich meine Frau wiedersehe? Gäbe es von meinem Arbeitsplatz in der Kirche unter Herzschlagumständen Fotos? Würden die Bilder, die ich bewusst und willentlich aufnehme, von den Bildern abweichen, zu denen mich mein Herzschlag drängt? Woran hängt mein Herz? Was würden meine Bilder über mein Innerstes verraten? Das sind viele gute Fragen für einen Tag wie heute.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. Mai 2023

Ein friedliches Dorf

Ein Zitat

Brienz-Brinzauls am Fuss des Piz Linard
Foto © Jörg Niederer
"Die Bergwelt ist ein besonders empfindlicher Lebensraum, in dem Veränderungen besonders schwere Folgen haben. Das gilt auch für die Wirkung des Klimawandels: Die Durchschnittstemperaturen steigen hier doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt." Webseite vom Bund Naturschutz

Ein Bibelvers - 1. Könige 17,6

"Im 9. Regierungsjahr des Hoschea konnte der König von Assyrien Samaria erobern. Er nahm die Bevölkerung Israels gefangen und verschleppte sie nach Assyrien."

Eine Anregung

Das Dorf liegt auf einer kleinen Terrasse, auf drei Seiten umgeben von grünen Matten. Darüber - so sagt man - wacht der Piz Linard und streckt seinen Gipfel in den blauen Himmel. Bewandern lässt er sich nicht. Zu schroff ist der Fels und auch der Wanderweg hinauf an die Baumgrenze ist gesperrt. Wie eine grossflächige Schürfwunde reicht im Norden eine steile Schotterfläche bis an den Dorfrand. Es rumpelt und poltert die ganze Zeit. Das war schon so, als ich vor 12 Jahren von Lenz-Lantsch kommend nach Brienz-Brinzauls wanderte. Die rollenden Steine werden von einem kleinen Wall entlang der Hauptstrasse meist aufgefangen. Einige rollen auch darüber hinaus. 

Nun droht ein Felssturz gewaltigen Ausmasses. Der Berg über dem Dorf und unter dem Dorf ist in Bewegung. Täglich etwa 30 cm bewegen sich 2 Millionen Kubikmeter Gestein. Brinzauls liegt in der Falllinie. Der Felssturz kommt in 1-3 Wochen. Bis Freitag müssen alle Bewohnerinnen und Bewohner das Dorf geräumt haben. Sie verlassen ihr Zuhause mit viel Hoffnung auf eine Rückkehr. Und doch weiss niemand so genau, wann und wie das möglich sein wird. Dass auch das Dorf selbst sich bewegt, das wollen die Ingenieure und Tunnelbauer durch die unterirdische Entwässerung in den Griff bekommen. Doch gegen den Felssturz darüber sind sie machtlos.

Ich stelle es mir nicht einfach vor, den vertrautesten Ort meines Lebens mit unbestimmten Ausgang zurücklassen zu müssen. Da, wo man sich über Jahre sicher fühlte, wo alles vertraut ist, wo die selbst gepflanzten Blumen im Garten gerade blühen als gäbe es noch tausend weitere unbeschwerte Morgen... Könnte ich das? Meine Heimat zurücklassen, aufbrechen mit Hund und Katze und Kaninchen, in eine unsichere Zukunft? Könnte ich diese Zukunft als Chance verstehen, oder würde sie mir alle Kraft und alle Hoffnung rauben?

In diesen Tagen will ich für die Menschen unter dem drohenden Piz Linard beten. Mögen sie Trost und Halt im Vertrauen auf Gott finden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. Mai 2023

Aus der Südsee in die eisigen Weiten Alaskas

Ein Zitat

Eisgebilde an einem Brunnen.
Foto © Jörg Niederer
"Wer die Wildnis liebt, für den ist Alaska eines der schönsten Länder der Welt." John Muir (1838-1914)

Ein Bibelvers - Jesaja 6,8

"Dann hörte ich den Herrn sagen: 'Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?' Ich antwortete: 'Hier bin ich, sende mich!'"

Eine Anregung

Es könnte eine Redensart sein: "Frieren wie ein Südseeinsulaner in Alaska". Zwischen der palmenbestandenen Südseeinseln Samoas und der eisigen Tundra Alaskas liegen Welten. Kaum vorstellbar, dass es einem Menschen aus Samoa in den Sinn kommen könnte, nach Alaska auszuwandern. Und doch gibt es sie. 

Im Jahr 2010 lebten 12'000 pazifische Inselbewohner in Alaska. Die meisten von ihnen sind in Anchorage zuhause. Seit neustem gibt es dort auch eine Samoanische Evangelisch-methodistische Kirche. Die heutige Ola Toe Fuataina United Methodist Church (auf Deutsch: "Evangelisch-methodistische Kirche Neuer Anfang") wirkte aber schon als Gemeinde seit 2010.

Pfarrer Fa’atafa "Tafa" Fulumu’a träumte eins in seiner Südseeheimat, er solle nach Alaska und dort eine Gemeinde gründen. Diesem göttlichen Ruf gehorchte er, auch wenn seine erste Reaktion lautet: "Nein, dort ist es mir viel zu kalt!" Am 7. März predigte er ein letztes Mal in der Samoanischen Gemeinde auf Hawaii. Dann gründete er die neuen Gemeinde in Alaska. Anfänglich hatte sie keinen festen Ort zum Feiern. Dann wurden sie eingeladen, die Räume der East Anchorage United Methodist Church zu benutzen. Doch dann schloss diese Kirche 2016 die Tore, und wieder war die Samoanische Gemeinde heimatlos. 2019 gründete die Jährliche Konferenz der Methodisten in Alaska eine neue Kirche in den Räumen der einstigen East Anchorage United Methodist Church, und die Samoanische Gemeinde bekam wieder Wohnrecht in der Kirche.

Bei einem feierlichen Gottesdienst schenkte die Alaska-Konferenz der Kirche ein Taufbecken sowie einen Kelch und einen Teller für das Abendmahl. Kelch und Teller gehörten einst der East Anchorage United Methodist Church. Der Bischof weihte sie für die neue Samoanische Gemeinde neu ein. 

"Diese Gemeinde hat nicht heute angefangen zu existieren", sagte Bischof Cedrick Bridgeforth in seiner Predigt. "Sie begann nicht, als diese Menschen begannen, sich als Gemeinschaft zu versammeln, und sie begann nicht, als man das Wort Gottes im Südpazifik zu predigen begann. Dieser Gemeinde begann, als Gott Himmel und die Erde schuf. Diese Gemeinde ist schon Teil von Gottes Schöpfungsgeschichte. Seit es die Welt gibt haben wir Befreiung und Leben." 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. Mai 2023

Kronenkult

Ein Zitat

Englische Briefmarke von 1999 mit King James I. (1566-1625) und der nach ihm benannten Bibel von 1611
Foto © Jörg Niederer
"Der Mensch ist die Dornenkrone der Schöpfung." Stanislaw Jerzy Lec (1909-1966)

Ein Bibelvers - 1. Petrus 5,4

"Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den Siegeskranz empfangen, dessen Herrlichkeit unvergänglich ist."

Eine Anregung

So ganz komme ich in diesem Blog an der Krönungsfeier von King Charles nicht vorbei.

Da steht also wieder einmal ein König im Zentrum. Dem Mann wird feierlich eine Kopfbedeckung aus wertvollen Steinen, Gold und Hermelin aufgesetzt. Für mich sieht das so was von aus der modernen Welt gefallen aus. Ein Anachronismus. Eine Show wohl gerade deswegen. Wo sonst sieht man heute vernünftige Menschen in einer goldenen Kutsche durch die Strassen fahren?

Die Krone ist gerade in christlichen Kreisen immer wieder ein beliebtes Thema und Symbol. In Liedern wird Gott als König besungen, Krone inklusive. Dabei kommt sie in der Form und Bedeutung, wie wir sie heute kennen, in der Bibel gar nicht vor. Im Alten Testament wird das Wort für Krone als Kranz übersetzt. Und im Neuen Testament gibt es zwar die Krone als Wort (griechisch: "stephanos") aber es ist eher ein Zeichen des Sieges als ein Zeichen des Königtums. Könige im Altertum trugen nicht Kronen, sondern Diademe. Dieses Wort findet sich auch einmal in der Bibel.

Wie seltsam unklar die Vorstellungen von der Krone sind, zeigt die Luther-2017-Übersetzung der Stelle in 1. Petrus 5,4: Da steht: "So werdet ihr ... die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen." Kronen sind immer unverwelklich. Vielleicht können sie rosten. Das Bild wird erst klar, wenn wir realisieren, dass hier ein Siegeskranz aus Lorbeerblättern gemeint ist.

Es fällt mir schwer, mir Gott oder Jesus Christus wie King Charles im Krönungs-Outfit vorzustellen. Ein Gott, der so daherkommt und am Ende noch in einer goldenen Kutsche vorfährt, könnte ich nicht ernst nehmen. Mein Bild von Gott ist das des Gekreuzigten mit der Dornenkrone. Da ist mir Gott viel näher, als es je ein König wie King Charles sein könnte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. Mai 2023

Geistliches aus der Toilette

Ein Zitat

Historisches Pissoir in der Wesley-Chapel in London.
Foto © Jörg Niederer
Mein Onkel rauchte jeweils Pfeife auf dem Klo. Ich meine, dann darf man doch auf der Toilette auch Beten oder geistliche Bücher lesen.

Ein Bibelvers - 1. Samuel 2,8

"Den Geringen zieht er [Gott] aus dem Staub, den Armen holt er aus dem Kot."

Eine Anregung

Kann ein Toilettenraum Anregung sein fürs Glaubensleben? Oder wird daraus eine etwas gar plumpe Sache?

Im Rahmen eines theologischen Rundgangs durch die Räume einer Wohnung kommen wir im heutigen Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen zu diesem Bereich, den die meisten nur im verschlossenen Zustand benutzen.

Was sagen uns Begriffe wie Notdurft und Stuhlgang über das Leben und den Glauben? Wer mehr erfahren will, kann um 10.15 Uhr an die Kapellenstrasse 6 kommen, oder ab 10.30 Uhr die Predigt von Pfarrer Jörg Niederer auf YouTube miterleben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. Mai 2023

Noch einmal Wiborada

Ein Zitat

Bild der Wiborada des Glasmalers Heinrich Stäubli. Kantonsspital St. Gallen, Haus 21, 1. Stock
Foto © Jörg Niederer
"Wir wollen ausgraben, wir wollen nichts mehr vergraben, wir wollen herausgraben! Wir wollen auch ihr [Wiboradas] Grab ausgraben." Judith Thoma, Historikerin

Ein Bibelvers - Richter 4,4+5

"Debora war eine Prophetin, die mit Lappidot verheiratet war. Sie herrschte damals als Richterin über Israel. Ihren Amtssitz hatte sie unter der Debora-Palme, zwischen Rama und Bet-El auf dem Gebirge Efraim. Dorthin gingen die Israeliten, wenn ein Rechtsfall zu entscheiden war."

Eine Anregung

Bei der Kapelle des Kantonsspitals St. Gallen finden sich auch Bilder vom bekannten Glasmaler Heinrich Stäubli (1926-2016). Er wirkte lange Zeit in der Stadt und entwarf für mehr als 50 Kirchen Werke. Eines der Bilder im Spital stellt Wiborada dar. Und so komme ich noch einmal auf diese bedeutende Heilige zu sprechen.

Wie ich schon im Blogbeitrag vom Dienstag hingewiesen habe, fand eine Kunstperformance von Lika Nüssli zu Wiboradas Ehren statt. Dazu gibt es eindrückliche Filmdokumente.

Lika Nüssli stellte an verschiedenen Orten in der Stadt St. Gallen das nicht sichtbare Grab in der Kirche St. Mangen nach. In ein weisses Leinen gehüllt legte sie sich auf den Boden und liess sich von Passantinnen und Passanten mit rosa Farbe beträufeln. Dieses so entstandene gefärbte Kleid wurde anschliessend auf dem Grabplatz der Wiborada sorgfältig ausgelegt.

Faszinierend sind im Filmbeitrag auch die Ausführungen von Historikerin Judith Thoma zum weiteren Umgang mit Wiborada. Das Video von Andreas Schwendener über diese Kunst- und Glaubensaktion kann ich sehr empfehlen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. Mai 2023

Wonach riecht Gott?

Ein Zitat

Bälauch-Blütenteppich im Allmend-Wald von Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin der Herr; dein Gott: du sollst dir auf Erden von mir keinen Geruch machen." Joachim Frisch in der taz

Ein Bibelvers - 2. Korinther 2,15

"Denn wir sind für Gott wie ein wohlriechender Duft, der von Christus ausgeht. Er kommt zu denen, die gerettet werden. Und er dringt bis zu denen, die verloren gehen."

Eine Anregung

Jedes Jahr warte ich auf den Moment, wenn der Bärlauch flächendecken seine Blüten erstrahlen lässt. Der Anblick dieses Pflanzenteppichs ist spektakulär. Selbst jetzt beim Betrachten des Fotos meine ich den leichten Knoblauchgeruch zu riechen. Anders herum geht es aber auch: Rieche ich den Knoblauchduft, erscheint vor meinem inneren Auge das Bild von den Bärlauchfeldern. Duft und Bild beziehen sich aufeinander. Gemeinsam verweisen sie auf Orte, an denen ich mich wohl gefühlt habe.

Wie riecht Gott? Wie riecht er für mich? Riecht er für alle gleich? Das ist natürlich eine müssige oder unbeantwortbare Frage. Aber wie der Duft und der Anblick des Bärlauchs sich für mich verbinden zu einer Erinnerung, so verbinden sich der Duft von Brot und Traubensaft (dem Abendmahl) mit der Botschaft der Liebe Gottes zu einer lebendigen, wohlriechenden Hoffnung. Oder anders gesagt: Gottes Duftnote heisst "Hoffnung".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. Mai 2023

Zum Kuckuck, wo bleiben die Kinder?

Ein Zitat

Ein Kuckuck in den Wipfeln eines Baums auf der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Der erste Atemzug unseres Kindes hat uns atemlos gemacht." Paul P.

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,27-29

"Nein, was der Welt als dumm erscheint, das hat Gott ausgewählt, um die Weisen zu demütigen. Und was der Welt schwach erscheint, das hat Gott ausgewählt, um ihre Stärke zu beschämen. Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt. Er hat also gerade das ausgewählt, was nichts zählt. So setzt er das außer Kraft, was etwas zählt. Deshalb kann kein Mensch vor Gott stolz sein."

Eine Anregung

Wenn der Kuckuck in diesen Tagen ruft, dann kann es gut sein, dass er damit andere Vögel auf sich aufmerksam machen will. So kann das Weibchen in dieser Zeit still und leise ihre Eier in fremde Nester legen. Rund 18 Eier verteilt Frau Kuckuck. Das ist auch nötig, werden doch gut 60% davon von den Wirtsvögeln entdeckt und aus dem Nest geworfen oder nach dem Schlüpfen nicht weiter versorgt.

Warum der Kuckuck das tut? Es ist halt so eine Sache mit dem Aufziehen von Kindern. Sie machen Arbeit und brauchen viel Nerven. Vielleicht deshalb ist die Kinderzahl in der Schweiz auf den historischen Tiefstwert von durchschnittlich 1,38 Kinder pro Frau gesunken. Für eine stabile Bevölkerung bräuchte es aber 2,1 Kind pro Frau.

Aktivisten und manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen im Kinderhaben angesichts des Klimawandels eine grosse Gefahr für den Lebensraum Erde. Deshalb rufen sie zum Gebärstreik auf. (Nebenbei: Das müsste doch eher "Zeugungsstreik" heissen. Einmal gezeugt und schwanger lässt es sich schlecht bei der Geburt streiken.)

Elon Musk sieht es total anders. Er gehört zu den sogenannten Natalisten. Diese wollen, dass die Gebildetsten mehr Kinder bekommen als die andern. Kinder, die innovativer und intelligenter sind, und darum die Welt durch technologische Erfindungen verbessern oder gar retten. Das Heil kommt nach ihrer Vorstellung also von den Klugen und Weisen. Musk zumindest hat schon einmal 10 Kinder mit drei Frauen auf die Welt gestellt. Doch wir wissen es: Oft sind die im Reichtum aufgewachsenen Kinder wenig hilfreich für eine bessere Welt. Es gibt genug Geschichten von verwöhnten Bengeln reicher Eltern, die sich gegenüber ihren Mitmenschen wie junge Kuckucke verhalten. Junge Kuckucke werfen, kaum geschlüpft, die Eier oder Küken der Wirtseltern einfach aus dem Nest.

Da denke ich an Worte der Bibel (siehe oben!), bei denen die Botschaft eine ganz andere ist. Gott geht seinen Weg nicht mit den Protzern und Zehnmalklugen. Er baut seine Welt der Hoffnung mit ganz einfachen Menschen, welche in aller Bescheidenheit das Ihre tun für eine schönere und liebevollere Welt.


Ausserdem: Wie bekam eigentlich das Pfandsiegel im Volksmund die Bezeichnung "Kuckuck"? Das liegt daran, dass früher auf dem amtlichen Pfandsiegel der preussische Reichsadler abgebildet war. Dieser wurde etwas despektierlich als "Kuckuck" bezeichnet. Heute ist nicht nur der Adler weg, sondern auch das Pfandsiegel ist weitgehend verschwunden. Da geht es dem "Kuckuck" wie dem Kuckuck. Oder hast du ihn in diesem Jahr schon rufen gehört?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. Mai 2023

Oase des Glaubens im Kantonspital St. Gallen

Ein Zitat

Kunstvolle Glasfenster in der Kapelle des Kantonsspitals St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Seelsorge bedeutet für mich: Trotz tiefster Dunkelheit ein Licht zu sehen, das einem Hoffnung gibt und mich bei all meinen Höhen und Tiefen begleitet, mit der Gewissheit, immer jemanden an meiner Seite zu haben." Insasse eines Gefängnisses

Ein Bibelvers - Lukas 13,12+13

"Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte zu ihr: 'Frau, du bist von deiner Krankheit befreit!' Und er legte ihr die Hände auf. Sofort richtete sie sich auf und lobte Gott."

Eine Anregung

Im Kantonsspital St. Gallen bleibt kaum ein Stein auf dem andern. Die Erneuerung und Erweiterung ist in vollem Gang, Baulärm überall zu hören. Auch im Haus 21 im 1. Stock. Dort befindet sich die grosse, geschmackvoll eingerichtet Spitalkapelle. In kaum einem anderen Schweizer Spital findet sich ein ähnlich grosszügiger Raum für die geistlichen Belange. Seit fünf Jahren erst zeigt sich die Kapelle in diesem Kleid. Nischen für die vier Weltreligionen Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus im hinteren Teil; alles weitere orientiert sich an den christlichen Traditionen. Selbst einen Taufstein gibt es. Nottaufen kommen da schon einmal vor. Neun Seelsorgerinnen und Seelsorger kümmern sich um die Menschen im Spital; Kranke und Mitarbeitende. 

Die Kapelle wird ökumenisch genutzt. An jedem Sonntag finden Gottesdienste statt. Einmal katholisch geleitet, dann wieder evangelisch. Früher gab es noch zwei Kapellenräume, und Gottesdienste wurden gleichzeitig konfessionsgetrennt gefeiert. Heute wäre dies undenkbar. In den Nachtstunden steht jeweils nur ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin für Notfälle zur Verfügung. Unter solchen akuten Umständen ist es Menschen nicht mehr so wichtig, ob sie nun von einer evangelischen oder katholischen Pfarrperson begleitet werde. Und so spenden auch die evangelischen Seelsorgenden den katholischen Patientinnen und Patienten die Salbung. Befürchtungen, so die evangelisch-reformierte Spitalpfarrerin Maja Franziska Friedrich, dass dies nicht gewünscht werde, hätten sich als unbegründet erwiesen.

Damit Patientinnen und Patienten den Gottesdienst besuchen können, gehen freiwilligen Mitarbeitende tags zuvor in alle Krankenzimmer, informieren über das Angebot, und sorgen dafür, dass am Sonntagmorgen weitere rund 15 Freiwillige diese Menschen in den Gottesdienstraum begleiten oder transportieren. Einige der Ehrenamtlichen mussten dafür extra noch einen Führerschein machen, um mit einem Zugfahrzeug die Betten aus den Patientenzimmern zur Kapelle und wieder zurück zu befördern. Besonders unter den Männern sie dieser Fahrdienst sehr beliebt, so der römisch-katholische Spitalpfarrer Elmar Tomasi.

Bei der Einweihung der neugestalteten Kapelle betonte der zwischenzeitlich verstorbene jüdische Stadtrabbiner Tovia Ben-Chorin, dass es im ganzen Spital nur einen Raum gäbe, in den Kranke freiwillig gehen können, und dies sei die Spitalkapelle. Doch lange wird sich dieser sakrale Raum nicht mehr in heutiger Gestalt zeigen. Die Spitalkapelle muss einem Neubau weichen. In den neuen Gebäuden ist sie wieder vorgesehen, wieder in gleichen Ausmassen. Das sei unbestritten gewesen, so die beiden Spital-Pfarrpersonen.

Es bleibt also nicht mehr viel Zeit, um sich in diesen Sakralraum zurückzuziehen, aufzuatmen, sich auf einen der Stühle zu setzen, einen Wunsch ins Gebetsbuch zu schreiben, oder an einem der um 10.00 Uhr stattfindenden sonntäglichen Gottesdienste teilzunehmen. Willkommen sind alle, Kranke und Gesunde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 2. Mai 2023

Wiborada ist in der Marktwirtschaft angekommen

Ein Zitat

Die Wiboradatreppe führt etwas versteckt zur Kirche St. Mangen hinauf.
Foto © Jörg Niederer
"'I Adore You' soll feministisches Gedenken und weibliches Vorbild evozieren." "I Adore You" ist eine Performance von Lika Nüssli zu Wiborada in der Stadt St. Gallen.

Ein Bibelvers - Galater 5,13

"Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe."

Eine Anregung

Wiborada, eine Märtyrerin aus St. Gallen, ist in der Marktwirtschaft angekommen. Den Eindruck bekommt man, wenn man über den Dialogtag im Square der Uni St. Gallen liest. Da heisst es: "Wiborada soll so bekannt werden wie Gallus und Otmar". So habe man diskutiert, "...wie man das spirituelle und touristische Potenzial der ersten heilig gesprochenen Frau der Welt besser nutzen könnte".

Am vergangenen Freitag liess sich auch in diesem Jahr wieder ein Mann für eine Woche in die Wiboradazelle hinter der Kirche St. Mangen einschliessen. Weitere Männer werden folgen. Soweit so spirituell.

Am Tag zuvor plädierte Daniel Wirth im St. Galler Tagblatt dafür, dass die geplante neue grosse St. Galler Bibliothek nur nach Wiborada benannt werden könne. Die Bäckerei Gschwend hat ein Wiborada-Dinkelbrot im Verkauf. Es gibt eine Wiboradakapelle, einen Wiboradaplatz mit Wiboradabrunnen, eine Wiboradatreppe. Was soll noch kommen? Der Wiborada-Haarschnitt? Nähen mit Wiborada? Wohnungsräumung nach Wiborada?

Nun habe ich St. Gallen auch schon als Wiboradastadt bezeichnet. Ich finde, diese Frau ist wirklich eine spannende historische Gestalt. Doch es ist schon sehr speziell, wie sie nun vermarktet und von allerlei Seiten in Beschlag genommen wird. Wohlgemerkt eine Frau, die sich freiwillig einschliessen liess in eine Zelle; die sich also aus der Gesellschaft und Wirtschaft weitgehend zurückgezogen hatte. Das ist nicht gerade das Bild einer modernen Frau von heute. Und ausgerechnet diese frühmittelalterliche, verschleierte Frau wird nun zum ökumenischen Symbol für die feministische Befreiung in der Kirche! Ausgerechnet diese Asketin soll die Wirtschaft St. Gallens ankurbeln?

Ich bin realistisch genug, um zu verstehen, dass die Vermarktung von Wiborada tatsächlich dazu beitragen könnte, im religiösen Kontext Frauen (und Männern) eine neue Bedeutung zu geben. Aber vielleicht wird Wiborada gerade dadurch noch einmal zur Märtyrerin; geopfert für die Prosperität einer Stadt. Sie, die Menschen vor dem Tod bewahrte, aber auch den St. Galler Kirchenschatz und die wertvollen Handschriften des Klosters vor dem marodierenden ungarischen Heer rettete.

Wer mehr über Wiborada wissen möchte: In einem in diesem Jahr entstandenen Animationsfilmchen erfährt man das Wesentliche zur Heiligen.

Aus evangelischer Sicht erfährt man in einem Beitrag aus dem Jahr 2021 zusätzliche historische Details.

Und heute am Wiboradatag pilgern wieder Frauen und Männer für das Anliegen einer Kirche mit den Frauen. Auf diesem Weg unter dem Motto aus Galater 5,13: "Zur Freiheit berufen" kann man sich an allen Stationen dem Pilgerzug anschliessen.

Ach ja, und dann ist da noch die Künstlerin Lika Nüssli, welche in der Stadt St. Gallen an verschiedenen Orten das Grab der Wiborada nachstellen wird.

Bei soviel Betriebsamkeit um Wiborada sollte doch wirklich für uns alle etwas Anregendes dabei sein, sei es touristisch, spirituell oder emanzipatorisch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. Mai 2023

Mach's wie Gott...

Ein Zitat

Verblühte Blüten des Huflattichs.
Foto © Jörg Niederer
"Freiheit ohne Selbstbeschränkung zerstört sich selbst." Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002)

Ein Bibelvers - Johannes 1,10+11

"Er, das Wort, war schon immer in der Welt. Die Welt ist ja durch ihn entstanden. Aber sie erkannte ihn nicht. Er kam in die Welt, die ihm gehört. Aber die Menschen dort nahmen ihn nicht auf."

Eine Anregung

"Tzimtzum" ist ein Begriff aus der jüdisch-kabbalistischen Philosophie und bedeutet "Konzentration" oder "Kontraktion" (Zusammenzug). Unter dieser Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert versteht man, dass sich Gott selbst aus seiner Mitte heraus zusammenzieht oder selbstbeschränkt, damit überhaupt Raum da ist für noch etwas, insbesondere für das Universum oder auch die Menschen.

Ich gebe zu, das habe ich nun sehr vereinfacht beschrieben. Doch die Vorstellung gefällt mir, dass Gott sich zurücknimmt, den Gürtel enger schnallt, sich einschränkt, damit ein Gegenüber werden kann, das Universum, die Erde, das Leben, der Mensch.

In diesen Tagen, in denen wir miterleben, wie weltweit zwischen 40-60% aller Lebensformen aussterben und verschwinden, in denen wir uns in einer Biodiversitätskrise nie gekannten Ausmasses wiederfinden, ist es wichtig, darüber nachzudenken, ob nicht nur Gott, sondern auch wir Menschen uns konzentrieren und selbstbeschränken müssen.

"Sein wollen wie Gott", das ist laut den biblischen Urgeschichten die Krux der Menschen, eine masslose Selbstüberschätzung. Sichtbar wird das auch daran, dass wir immer mehr Raum auf Kosten anderer Geschöpfe einnehmen, immer stärker ins Gleichgewicht der Lebensformen eingreifen, immer weniger Platz neben uns für andere lassen.

Ja, vielleicht sollten wir uns tatsächlich Gott zum Vorbild nehmen in seiner Selbstbeschränkung. Ohne eine solche Selbstkonzentration werden nicht nur Tiere und Pflanzen keine Zukunft haben, sondern auch wir Menschen.

Also: Mache es wie Gott; beschränke dich!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen