Donnerstag, 8. August 2024

Kalt-Grilliertes

Ein Zitat

Werbung einer Imbisskette beim Bifang in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Ich liege jetzt seit gestern Abend in der Badewanne voll mit Pril [ein Geschirrspülmittel], aber bis jetzt hat sich noch kein Fett gelöst." Werbung ernst genommen

Ein Bibelvers - Matthäus 26,71+72

"Dann ging Petrus in das Torgebäude. Dort sah ihn ein anderes Dienstmädchen. Sie sagte zu denen, die dort standen: 'Der war auch mit diesem Jesus aus Nazaret zusammen.' Aber Petrus stritt es wieder ab und schwor: 'Ich kenne diesen Menschen nicht!'"

Eine Anregung

Werbebotschaften sind ja nicht immer besonders logisch formuliert. Gestern fiel mir eine solche gleich mehrfach auf. Jedes Mal habe ich mich gefragt: Gibt es eigentlich auch "Kalt-Gegrilltes"? Wenn nicht, wozu steht dann da auf der Tafel "heiss-gegrillte Sandwiches", und nicht einfach nur "gegrillte Sandwiches". Welche zusätzliche Information bring mir die Ergänzung "heiss"? Es geht ja nicht darum, zu sagen, in welchem Temperaturzustand mir die Sandwiches beim Kauf übergeben werden. Das Adjektiv "heiss" bezieht sich auf den Produktionsprozess.

Ich habe nachgeschaut. Google bringt mir auf die Frage nach "kalt gegrillt" lediglich eine grosse Auswahl an Gemüsebeilagen zu Gegrilltem. Das Gemüse mag dabei sogar grilliert worden sein, angeboten wird es dann jedoch kalt. Auch "kalte Grillen", also Insekten, kann man sich erstehen, wozu auch immer! Aber einen kalten Grillierprozess habe ich nicht gefunden.

Ich gebe es zu. Diese Sache ist nicht weltbewegend. Und doch: Ich habe wieder etwas gelernt. Grillieren kann man nicht kalt.

Jetzt frage ich mich, ob das bei der Aussage: "Er ist ein bekennender Christ", nicht genauso ist. Kann man Christ oder Christin sein, ohne dazu zu stehen, dass man Christ oder Christin ist?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 7. August 2024

Anprangern und Durchdrehen

Ein Zitat

Die historische Trülle im Weiler Griesenberg ist ein perfider Pranger aus früheren Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Jesus wurde verlacht, angespuckt und selbst als Gotteslästerer zu Tode gebracht. Und er wurde nicht durch aufgebrachte Anhänger:innen, wütende Proteste oder hasserfüllte Gegenschläge ins Recht gesetzt, sondern durch eine Liebe, die den Tod überwindet und den Spöttern und Lästerern den Wind aus den Segeln nimmt." Manuel Schmied: "Mit uns kann man es ja machen..."

Ein Bibelvers - Matthäus 26,66-68

"Der Hohepriester antworteten: 'Er ist schuldig und muss sterben.' Dann spuckten sie ihm ins Gesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige gaben ihm Ohrfeigen. Sie forderten ihn auf: 'Du bist doch ein Prophet, du Christus! Sag uns: Wer hat dich geschlagen?'"

Eine Anregung

Wenn man weiss, wonach man sucht, ist sie gut zu finden. Aber erst konnte ich mir unter einer historischen Trülle nicht viel vorstellen. Es hätte etwas Landwirtschaftliches sein können, eine Obstpresse, ein Dreschplatz, ein mittelalterliches Spiel...

Wir finden die Trülle unscheinbar in die Ecke eines herrschaftlichen Hauses eingebaut. Es handelt sich um eine Version des Prangers, durch den man früher Menschen blossstellte, die irgend etwas verbrochen hatten. Die Trülle ist ein drehbarer, mannshoher und abschliessbarer Käfig.

Ob der Standort der Trülle dort in Griesenberg original ist, ob die Trülle ursprünglich an dieser Stelle stand, an der Handelstreibende durchreisten, vorbei an der heute nicht mehr existierenden Burg, das habe ich nicht herausgefunden. Wohl aber, dass oft Holzfrevler in der Trülle geplagt worden waren. Denn Anrecht auf Holz aus dem Bürgerwald hatten nur die Ortsbürger. Alle anderen mussten das Holz zum Kochen, Heizen und Arbeiten teuer einkaufen, was manchem ärmeren Menschen finanziell nicht möglich war. Es kam zu Holzdiebstahl. Wer erwischt wurde, den oder die sperrte man einige Zeit zur Strafe in die Trülle. Von den Vorbeiziehenden wurden diese armen Leute verspottet und bespuckt. Die Trülle wurde wie ein Karussell in Rotation gebracht, bis es dem bemitleidenswerten Menschen im Käfig speiübel wurde und er sich erbrechen musste. Es war eine demütigende, erniedrigende Erfahrung für die Frau oder den Mann in der Trülle.

Bespucken, verspotten, quälen; das erinnert mich sehr an das, was die römischen Soldaten und das Gefolge des Hohepriesters einst mit Jesus anstellten. Er kannte dieses Gefühl, dem Hohn und Spott der andern ausgesetzt zu sein. Er wusste, was die Menschen in diesem drehbaren Pranger erlebten. So gesehen kann ich mir nicht vorstellen, dass Jesus der spukende, spottende und an der Trülle drehende Passant ist. Jesus ist der Mann in der Trülle. Und ich? Auf welcher Seite des Käfiggitters stehe ich? Aussen bei den Spottenden, oder innen beim Verspotteten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 6. August 2024

Unglaublich schön

Ein Zitat

Ein Tagpfauenauge auf einem Weg an der Glatt bei Bülach.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man vom Teufel spricht, kommt er." Redensart

Ein Bibelvers - Epheser 2,10

"Denn wir sind Gottes Werk. Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun. Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt, damit wir unser Leben entsprechend führen können."

Eine Anregung

In der Primarschule lernten wir anhand von Raupen des Tagpfauenauges, wie die Schmetterlinge sich entwickeln. Irgendeinmal schlüpften dann wohl an die 20-30 Falter aus den Puppen. Ein bemerkenswerter Anblick, wobei mir damals die Schönheit des Tagpfauenauges viel selbstverständlicher war als heute. 

Kürzlich sprach ich mit einem Bekannten auf einem Spaziergang darüber, dass wir beide schon lange kein Tagpfauenauge mehr gesehen hätten. Der eigentlich häufige Edelfalter hatte sich in diesem Jahr bisher rar gemacht. Nur wenige Stunden nach diesem Gespräch entdeckte meine Frau dieses von mir fotografierte schöne Tier auf dem Weg.

Solches erlebe ich immer wieder. Da sprechen wir gerade noch von einer Sache, und schon geschieht sie. "Spricht man vom Teufel, so kommt er!" sagen wir dann scherzhaft. Ich werde diese Redensart für mich anpassen: "Spricht man vom Tagpfauenauge, schon flattert es herbei". Nicht nur klingt diese Redensart viel schöner. Auch der Falter ist um ein Vielfaches attraktiver als der Teufel. Ein zauberhaftes Geschöpf Gottes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 5. August 2024

Brändle und das Holz

Ein Zitat

Beschriftung an der Gartenbank vor der Kapelle "Maria am hohen Weg" bei Leutmerken.
Foto © Jörg Niederer
"Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand." Aus "Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch

Ein Bibelvers - Lukas 12,49

Jesus: "Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer zu entzünden. Und ich wäre froh, wenn es schon brennen würde!"

Eine Anregung

"Nomen est Omen", sagt der Lateiner oder die Lateinerin, wenn der Namen mehr passt als erwartet. Gestern schrieb ich über die Kapelle "Maria am hohen Weg" bei Leutmerken. Dort setzten wir uns auf eine hölzerne Gartenbank. Auf dem Foto von gestern ist sie gut zu sehen. Beim Hinsetzen viel mir die kleine Etikette auf, die daran befestigt ist: "Brändle, ihr Partner für Bäume und Holz". Das hat so etwas vom "Bock als Gärtner", wenn der Holzspezialist "Brändle" heisst. Das in Mettendorf beheimatete Unternehmen bietet soweit ich sehe aber nicht etwa Brennholz an, sondern Baumfällungen, Christbäume, Gartenmöbel, Holzdekorationen und Kastanienholz für Pfosten, etc. Ja und dann gibt es auch noch Weidelammfleisch, von den Schafen, welche zwischen den Christbäumen zuhause sind.

Ein Brändle wird auch nicht gelegt, wenn Unkraut oder Neophyten ökologisch entfernt werden sollen. Dann kommt heisses Wasser zum Einsatz.

Bei diesem Namen ist mir das Wort von Jesus in den Sinn gekommen vom Feuer. Aus dem Kontext dieser Aussage geht hervor, dass Jesus nicht etwas ein Herzensfeuer meint, sondern Streit: "Meint ihr, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Streit." (Lukas 12,51)

Wie schon gestern werde ich im Zusammenhang mit dieser Kapelle wieder auf ein schwieriges theologisches Problem gestossen. Kann es sein, dass Jesus will, dass wir streiten, dass wir uns gegenseitig bekämpfen?

Diese Kapelle gibt mir echt zu denken!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 4. August 2024

Das Chappeli von Leutmerken

Ein Zitat

Die Kapelle "Maria am hohen Weg" zwischen Leutmerken und Griesenberg.
Foto © Jörg Niederer
"Die besonders familiäre Gottesdienst-Atmosphäre an diesem idyllischen Gnadenort lockt immer wieder Pilger und Pilgerinnen von nah und fern zur besinnlichen Einkehr." Webseite des Pastoralraums Nollen-Lauchental-Thur

Ein Bibelvers - Klagelieder 1,12

"Ihr alle, die ihr auf dem Weg vorbeikommt, seht her und schaut es euch an: Gibt es einen größeren Schmerz als meinen, den Schmerz, den ich erleiden musste?"

Eine Anregung

Unweit von Leutmerken im Kanton Thurgau, am Feldweg zum Schloss und Weiler Griesenberg (Über diesen Ort werden ich in einem späteren Beitrag noch mehr erzählen.), steht die Kapelle "Maria am hohen Weg". Sie ist üblicherweise nicht geöffnet. Da nicht weit entfernt davon der Schwabenweg, ein Teilstück des internationalen Jakobswegs vorbeiführt, kann vermutet werden, dass hier seit vielen Jahren auch immer wieder Pilger vorbeikamen.

Nun liegt die Kapelle am Stählibuckweg, ein noch nicht lange ausgeschilderter Wanderweg, den man mit etwas Kondition in einem Stück von Amlikon über den Stählibuck nach Frauenfeld bewältigen kann.

Auf der anderen Seite des Wegs, dem Chappeli, wie das kleine Gotteshaus auch genannt wird, gegenüber und flankiert von zwei Zypressen, steht ein Wegkreuz aus dem Jahr 1886 mit einem vergoldeten Gekreuzigten. Dort lese ich: "O ihr Alle, die ihr am Wege vorbei geht, gebet Acht u. schauet ob ein Schmerz ist gleich meinem Schmerze." Der Text aus Klagelieder 1,12 findet in der Bibel eine Fortsetzung in den Worten: "Der Herr selbst hat ihn [den Schmerz] mir zugefügt am Tag seines unbändigen Zorns." 

Mit diesen Worten wird, was sich anfänglich als Aufforderung zu einer Schmerzensmann-Meditation liest, zu einem komplexen theologischen Problem. Fügt Gott Menschen in seinem Zorn Schmerzen zu? Muss jemand Schmerzen leiden, um Gottes Zorn zu besänftigen? Können diese Worte aus den vorchristlichen, jüdischen Klageliedern auf den gekreuzigten Christus bezogen werden? Denn in den Klageliedern wird anlässlich der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 586 v. Christus das Schicksal des Königreichs Juda (und nicht das Schicksal von Jesus!) von A bis Z durchbuchstabiert. Also eine ganz andere Zeit und eine ganz andere Situation ist mit diesen Worten beschrieben. Letzte Frage: Was hat ein als vor Gott schuldig verstandenes Volk Juda mit dem unschuldig leidenden und sterbenden Christus zu tun?

Viele Fragen sind das. Genug, um einen ganzen Sonntag lang darüber zu sinnen. Am Besten an einem so meditativen Ort wie bei Chappeli, dort auf dem Weg zwischen Griesenberg und Leutmerken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 3. August 2024

Heimat, Kreuz und Abgrund

Ein Zitat

Das nachts beleuchtete Kreuz auf der Geissfluh, von der Frohburg aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Die größte Werbekampagne der Menschheitsgeschichte wurde von Jesus Christus lanciert. Sie lief unter dem universellen Slogan 'Liebe Deinen Nächsten'. Und sie hatte ein bemerkenswertes Logo: das Kreuz." Oliviero Toscani (*1942), italienischer Fotograf

Ein Bibelvers - Römer 6,6

"Wir wissen doch: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Dadurch wurde der Leib vernichtet, der im Dienst der Sünde stand. Jetzt sind wir ihr nicht mehr unterworfen."

Eine Anregung

Wenn ich vom Haus meiner Kindheit und Jugend in Olten in Richtung Norden aus dem obersten Fenster schaute, leuchtete in der Nacht das Kreuz auf der Geissfluh ob Trimbach zu mir herunter. Später dann kamen zwei weitere beleuchtete Landmarken dazu. 1973 im Südosten der Sendeturm auf dem Engelberg und 1976 dann unweit des Kreuzes der zweite auf der Frohburg. Gestern wanderten wir wieder einmal von der Barmelweid kommend an Kreuz und Turm auf der Jurahöhe vorbei.

In der Zeit, als ich in Rothrist wohnte, besuchten wir einmal des Nachts mit unseren Kindern das beleuchtete Kreuz. Es war ein besonderes Erlebnis für uns alle, und eine nervenaufreibende Sache mit den Kindern beim über der Felsklippe stehenden Kreuz zu verbringen. Dessen Licht zog unzählige Insekten an. Spinnen lauerten mit ihren Netzen auf fette Beute, weit unten sah man die beleuchtete Stadt, und auf dem Engelberg blinkte der Sendeturm. Wie die Mücken fühlten wir uns vom Kreuz angezogen und fasziniert, ein Abenteuer. Aber wir alle wollten nicht da oben bleiben, wollten wieder heil nach Hause kommen.

Ganz anders wirkte das Kreuz auf mich in meiner Kindheit. Es war einfach da, wie ein beruhigendes Nachtlicht. Sein Leuchten zeigte mir, dass die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war. Und es bedeutete: Hier am Ort, an dem dieses Kreuz nachts leuchtet, bin ich daheim. Hier fühle ich mich geborgen.

Da wo ich heute wohne, sehe ich kein leuchtendes Kreuz mehr. Und doch würde ich immer noch sagen: Beim Kreuz fühle ich mich daheim. Der christliche Glaube gibt mir Halt. Auch wenn man sich - theologisch gesprochen - beim Kreuz immer nahe am Abgrund bewegt. Der Glaube an Christus, den Gekreuzigten, ist ein Wagnis, kein Spaziergang.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 2. August 2024

Leichte Momente

Ein Zitat

Der Kleine Eisvogel saugt an den Doldenblüten einer Wald-Engelwurz.
Foto © Jörg Niederer
"Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiss wie Wolken schmecken." Novalis (1772–1801)

Ein Bibelvers - Markus 7,14+15

"Dann rief Jesus die ganze Volksmenge wieder zu sich. Er sagte zu ihnen: 'Hört mir alle zu und versteht mich richtig! Nicht das, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen. Vielmehr macht ihn das unrein, was aus dem Menschen herauskommt.'"

Eine Anregung

Seine Unterseite ist schöner als seine Dorsalansicht. Fliegend sieht man ein weisses V auf braunem Grund sich von Flügelende zu Flügelende erstrecken. Der kleine Eisvogel gehört zu den geschützten Schmetterlingsarten. Seine Nahrung findet er meist an feuchten Bodenstellen und im Tierkot. Auch saugt er den Honigtau von Blattläusen auf. Nur selten ernährt er sich von Blütennektar. Das er hier auf einer Wald-Engelwurz sitzt, sieht man nicht so oft.

Wie sagte doch schon Jesus: "Nicht das, was wir in den Mund stecken, macht und schmutzig." Mindestens dieser Teil seiner Aussage trifft aus menschlicher Sicht auf diesen Falter zu.

Dir wünsche ich, dass die Mitmenschen deine verborgenen schönen Seiten sehen können. Weiter wünsche ich dir, dass man dich nicht darauf reduziert, wovon du lebst und wie viel du verdienst. Wertvoll ist jedes Lebewesen, allein schon nur deshalb, weil es da ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 1. August 2024

Ein Nationalfeiertags-Blues

Ein Zitat

Fahnen flattern im Wind am Schiffssteg von Lausanne.
Foto © Jörg Niederer
"Stolz ist die Maske der eigenen Fehler." Aus dem Talmud

Ein Bibelvers - Sprüche 29,23

"Hochmut bringt einen Menschen zu Fall. Durch Demut kommt er zu Ehren."

Eine Anregung

Der 1. August ist Nationalfeiertag in der Schweiz. Ich erinnere mich daran, wie ich fasziniert war von den Höhenfeuern, die in meiner Kindheit an diesem Tag auf den Jurahöhen entzündet wurden. Unsere Eltern kauften uns Papierlampions, die wunderbar leuchteten. Eine Sonne war darunter, und wir Kinder trugen sie ganz vorsichtig zu einem nahen Aussichtspunkt hinauf. Auch Vulkane gab es schon, und von den bengalischen Zündhölzern erhielten wir Brüder je ein ganzes Schächtelchen. Mein Vater startete ein, zwei Raketen aus einer Glasflasche heraus, immer in beachtlichem Sicherheitsabstand zu unserer Position und den nächsten Feiernden. Ich war fasziniert.

Als Teenager besuchte ich dann mit einem Kollegen das offizielle Feuerwerk von Olten. Widerwillig, da ich es für eine grosse Geldverschwendung hielt, angesichts der Not in vielen Teilen der Welt. 

Einmal sass ich am Nationalfeiertag allein im Auto auf der Fahrt über die Autobahn nach irgendwohin, geplagt von trüben Gedanken. Das war kein gutes Gefühl.

Und heute: Ich bin dankbar, in der Schweiz leben zu dürfen. Aber der Nationalfeiertag hat seine Faszination für mich längst verloren. Mit der Knallerei kann ich nicht viel anfangen. Die patriotischen Reden habe ich meines Wissen sowieso noch nie besucht. Am Tag danach jammern mich die Fragmente der Raketen und Vulkane, die abgebrannt im öffentlichen Raum und der Landwirtschaft vor sich hin rotten. Sie bleiben tagelang liegen, bis die Stadtreinigung oder der Bauer sie wegräumt. Hat er sich wieder gewundert über die Unverschämtheit mancher Feiernden? Es ist paradox. Am Tag, an dem wir uns über die Errungenschaften unseres Landes freuen, missachten nicht wenige das Eigentum des andern.

An diesen Tag schliesse ich beim Einnachten die Fenster, weil ich nicht will, dass sich eine der gefährlich nahe abgefeuerten Raketen in meine Wohnung verirrt. Ich schliesse die Schweiz aus meiner Wohnung aus. 

Vielleicht lese ich dann in der Zeitung oder den Sozialen Medien, dass an manchen Orten die Reden ausfallen, oder das amtliche Feiern um einen Tag verschoben wird, weil in der Ferienzeit doch nur wenige Menschen daran teilnehmen würden. Fast ein bisschen so, wie man darüber lamentiert, dass nur noch wenige Leute am Sonntagmorgen den Gottesdienst in der Kirche besuchen würden.

Der Nationalfeiertag zeigt mir, dass die Zeiten sich geändert haben. Oder bin ich es, der sich geändert hat?

Vermutlich werde ich dereinst im Himmel den Nationalfeiertag nicht besonders vermissen. Oder ist dort der Reihenfolge nach an jedem Tag irgend ein Nationalfeiertag? Das wäre noch nicht ganz die Hölle für mich, aber käme ihr doch schon sehr nahe.

Wie hast du es mit den Nationalfeiertag?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 31. Juli 2024

Keine Ferien ohne Mauern

Ein Zitat

Blick von der Hörnlihütte hinunter nach Arosa. Man beachte die feine Linie, die links Unten beginnt und sich über das Bild hinzieht. Dabei handelt es sich um die Hörnlimauer.
Foto © Jörg Niederer
"Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken." Isaak Newton

Ein Bibelvers - Psalm 122,6+7

"Wünscht Frieden der Stadt Jerusalem: 'Alle, die dich lieben, sollen sicher leben! Es herrsche Frieden in deinen Mauern, es herrsche Wohlergehen in deinen Palästen!'"

Eine Anregung

Ich kann in die Ferien gehen, wohin ich will, irgend eine trennende Mauer ist dort zu finden.

In Arosa ist es die Hörnlimauer; kein unüberwindlicher Wall, aber eben doch Ausdruck eine Streits um Grund und Boden. Entstanden ist sie nach 1780. Es handelt sich um eine dieser typischen Trockensteinmauern, welche Weideland etwa auch im Jura begrenzt. Um Weideland ging es auch. So musste Arosa schon sehr früh weite Teile seiner Alpen an Chur verkaufen, um Schulden zu begleichen. Doch immer wieder kam es zu Streitigkeiten über die Nutzung der Schönbodenalp. Um den Streit definitiv beizulegen, wurde eben diese Mauer von einem Davoser Gericht angeordnet. Arosa musste zwei Drittel der Mauer aufrichten, Chur ein Drittel.

Bis heute teilt diese Mauer die zu Chur gehörigen Alpweiden von den Alpweiden, die zu Arosa gehören. Auf dem Foto ist die Mauer als feine Linie zu erkennen, die links unten auf dem Foto beginnt. Anders als die Berliner oder die Chinesische Mauer, oder auch der Hadrianwall ist es also ein Gemeinschaftswerk der Streitparteien. Seit 1984 steht nun auch fest, dass die Instandhaltung je zur Hälfte von Chur und von Arosa getragen werden muss. Zuvor war es allein Sache der Aroser Gemeinde.

Gibt es also auch Mauern, welche Frieden schaffen? Dass diese Mauer noch heute eine Rolle spielt, zeigt, dass wir Menschen wohl ohne Grenzziehungen nicht in Frieden mit- oder nebeneinander leben können. Irgendwie ist das traurig, erzählen doch solche Mauern immer von Streit, Ausgrenzung und Abgrenzung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 30. Juli 2024

Bedauernswertes Christentum

Ein Zitat

Links ein Ausschnitt aus der Eröffnungsfeier von Olympia 2024 in Paris. Rechts findet sich eine Nachstellung aus einer Hexenverbrennung in Schanfigg.
Foto © Jörg Niederer
"Das war absolut respektlos gegenüber Christen. Das Christentum ist zahnlos geworden." Elon Musks

Ein Bibelvers - Lukas 14,23

"Da sagte der Herr zu ihm: 'Geh hinaus aus der Stadt auf die Landstraßen und an die Zäune. Dränge die Leute dort herzukommen, damit mein Haus voll wird!'"

Eine Anregung

Zwei Szenen, und in beiden möchte ich nicht stecken. Das eine ist ein Ausschnitt aus der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris. Das Foto ist aus dem Teil, über den sich gerade viele Christinnen und Christen empören. Manche sehen darin eine Verunglimpfung des letzten Abendmahls, so wie es Leonardo Da Vinci dargestellt hat, sowie eine Herabwürdigung ihres christlichen Glaubens.

Als wir am vergangenen Sonntag zufällig das Heimatmuseum in Arosa offen an unserer Wanderrute in Innerarosa vorfanden, gingen wir hinein. Da wurde ich durch ein anderes Bild wieder an die Szene mit dem nackten Weingott Dionysos aus der Eröffnungsfeier erinnert, der auf einem Tisch davon sang, dass nackt alle Menschen gleich seinen. Er sass dabei in einem bunten Strauss von Blumen, Früchten und Gemüsen. Er sass da, ausgestellt und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Anders auf dem Schwarzweissbild aus dem Dorfmuseum. Darauf wird das Schicksal einer bedauernswerte Frau nachgestellt. So wurde zum letzten Mal eine Frau als Hexe im Schanfigg zur Richtstätte unterhalb der Kirche St. Peter getragen. Dort hat man sie auf ihrem eigenen Brennholz verbrannt. Das war in der Zeit zwischen 1680 und 1690. 

Die sogenannte Abendmahlsszene aus der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele hat meines Wissens bisher keine schwerwiegenden Folgen gehabt. Daran ist niemand gestorben. Niemand wird durch diese Aufführung seinen Glauben aufgeben müssen oder wollen. Man kann sich daran stören, dass dieses aus heidnischen Vorstellungen entlehnte ausgelassene Fest an manchen Stellen wie ein Abendmahl daherkommt. Brot und Wein spielen halt an vielen Orten, an denen gegessen und getrunken wird, eine gewisse Rolle.

Anders dagegen bei der Hexenverbrennung. Was da geschehen ist, auch im Namen der Kirche, ist ein eigentlicher Skandal. Da nimmt man einer unschuldigen Frau das Leben, nachdem man sie gefoltert und gequält hat, indem man sie bei lebendigem Leib auf dem eigenen Holz verbrennt. Zuvor wird sie durchs Dorf getragen, ausgestellt und lächerlich gemacht. Getragen, weil man nicht will, dass sie Boden unter den Füssen bekommt, wieder selbständig stehen und gehen kann. Vielleicht hat man sie so lange gequält, bis sie selbst glaubte, eine Hexe zu sein. Bei diesem Geschehen ist die Wahrheit und mindestens ein von Gott geliebter Mensch auf der Strecke geblieben. Und die Kirche hat mitgemacht, hat sich total verlaufen, ist in die Irre gegangen in ihrem Tun.

Diesen Fehler darf uns Christinnen und Christen nie mehr unterlaufen. Es darf nicht sein, dass wir wieder ins alte Fahrwasser gelangen, in dem wir aus Kränkungen heraus versuchen, das, was uns nicht genehm ist, aus der Welt zu schaffen. Statt wehleidig aufzuschreien wegen einer Parodie einer möglicherweise am letzten Mahl Christi angelehnten Szene sollten wir alles dafür tun, dass nie wieder einem Menschen das Recht auf die Gemeinschaft mit Christus abgesprochen oder genommen wird. Denn am Tisch des Herrn sind alle willkommen. Die Parodierenden und die Parodierten, die Gekränkten und die Kränkenden, die Gewöhnlichen und die Ungewöhnlichen, die Auffälligen und die Unauffälligen. An den Tisch des Herrn sind alle eingeladen, natürlich auch die Frauen, die zu Hexen phantasiert wurden, und wenn es in gäbe, wäre auch Dionysos, der Weingott eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 29. Juli 2024

Wandern Pro oder Kontra?

Ein Zitat

Eine Familie wandert vom Hörnli hinunter nach Arosa.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge... So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt... Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft." Johann Gottfried Seume (1763-1810)

Ein Bibelvers - Amos 3,3

"Gehen etwa zwei miteinander einen Weg, ohne sich vorher begegnet zu sein?"

Eine Anregung

Ich kenne einige Menschen, von denen ich weiss, dass sie die Freude am Wandern in der Kindheit verloren haben. Immer hätten sie mit dem Vater, den Eltern, in den Bergen Ferien verbracht, und immer wollte der Vater, die Eltern, dass sie stundenlang bergauf, bergab durch die Gegend rennen.

Meine Eltern trieb es in den Ferien nicht in die Berge, sondern an die Nordsee. Und mit Wandern hatten sie es auch nicht so. Also blieb ich verschont von negativen, demotivierenden Wandererfahrungen. Vielleicht deshalb liebe ich es schon mein ganzes Leben lang, mich zu Fuss durch die Welt zu bewegen.

In gewisser Weise fühle ich mich dabei Jesus nahe. Er war ein Wanderer, einer, der gelegentlich mal auf einem Esel sass, aber sonst meist auf Sandalen Palästina Hoffnung schenkte.

Hat deine Kindheits- und Familienzeit dich motiviert, eher zu wandern oder eher nicht? Wie beeinflusst das dein Bild von Jesus und dein Verhältnis zu ihm?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 28. Juli 2024

Charakterart

Ein Zitat

Grossblütige Gämswurz bei Arosa.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiss, welcher Art der andere ist." Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.), nach einer Übersetzung von Artur Brückmann

Ein Bibelvers - Jakobus 1,3-4a

"Denn ihr wisst: Wenn euer Glaube geprüft wird, bewirkt das Standhaftigkeit. Diese Standhaftigkeit aber soll euch zu einem Handeln befähigen, das vollkommen ist."

Eine Anregung

Wer Bilder von Alpenblumen zeigt, bevorzugt meist seltene Arten, solche, die sich ähnlich oder gleich nicht im Flachland finden lassen. Also etwa das Edelweiss, der Enzian oder die Alpenrose. Nicht gezeigt werden die üblichen Arten, die Blumen die häufig und immer in gleicher Gesellschaft und Umgebung blühen. Etwa die Grossblütige Gämswurz, eine Blume, die man auf Schotterfeldern und Geröllhalden in grosser Zahl findet. Sie ist so etwas wie das Gänseblümchen der Alpen. Beide Pflanzen sind in ihrem Umfeld Charakterarten. Wer sie sieht, weiss, wo er oder sie ist; auf der gemähten Wiese beim Gänseblümchen, im Geröllfeld bei der Grossblütigen Gämswurz.

Was wäre unter den Menschen eine Charakterart? Interessant ist, dass der Charakter beim Menschen nicht das typische ausdrückt, sondern das "individuelles Gepräge eines Menschen durch ererbte und erworbene Eigenschaften, wie es in seinem Wollen und Handeln zum Ausdruck kommt" (Oxford Language).

Beim Menschen wird mit Charakter das Spezielle betont, bei der Pflanze meint Charakter aber das Typische. Ein Mensch mit Charakter ist eine je individuelle Besonderheit, während Charakterarten bei Pflanzen und Tieren das Normale und Übliche bezeichnen. Wie schön wäre es, wenn man auch beim Menschen von Charakterart sprechen könnte in dieser typischen Weise wie bei den Pflanzen. Dann könnte man etwa sagen: Typisch für den Menschen ist seine Sorgfalt und Liebe zu Mitmenschen und zur Schöpfung. Wo es Menschen gibt, da ist die Welt noch in Ordnung. Stattdessen heisst es: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf." Letzteres jedoch würde ich nicht als Ausdruck von Charakter bezeichnen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 27. Juli 2024

Gendern in Arosa

Ein Zitat

Anschrift an einem Gebäude beim Prätschli-Quartier in Arosa.
Foto © Jörg Niederer
"Durch Wertschätzung wird das Gewöhnliche zu etwas Außergewöhnlichem." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 5,13

"Begegnet ihnen wegen ihres Einsatzes mit größter Achtung und voller Liebe. Lebt in Frieden miteinander."

Eine Anregung

Das mag nun einigen gestandenen Schweizer:innen nicht gefallen. Auf einer Wanderung von der Ochsenalp nach Arosa hinunter bin ich dem Ursprung des Genderns auf die Spur gekommen. Er liegt unweit vom Prätschli-Quartier. Dort hängt an einem unscheinbaren Gebäude ein Schild mit der Aufschrift: "Apparategebäude Genderquellen". Beim weiteren Recherchieren bin ich dann auch noch auf die Genderstrasse gestossen, quasi der Pfad, der zu einer "Gleichbehandlung der Geschlechter in der schriftlichen und gesprochenen Sprache" (Wikipedia) führt. Der eigentlich Ort des Gendern liegt ob Arosa auf etwa 2140 m. ü. M. einige Meter in nordwestlicher Richtung vom Maraner Hauptji entfernt. Allerdings erheben auch noch weitere Orte in der Schweiz den Anspruch, am Ursprung des Genderns zu stehen, so etwas Naters, Ernen, Wiler, und Ferden, allesamt im Wallis gelegen. Diese Lokalitäten lassen vermuten, dass die Bezeichnung Gender etwas mit den Walsern zu tun haben könnte. Haben diese Hochgebirgssiedler:innen also das Gendern in die Welt gebracht. 

Spass beiseite: Natürlich hat das Gendern mit der Flurbezeichnung "Gender" nichts zu tun. Alles was ich über die wahre Bedeutung des Begriffs herausfinden konnte, ist, dass laut Rätischem Namensbuch damit eine Halde oder Alpweide bezeichnet wird. Das bedeutet aber nun auch wieder nicht, dass man das Gendern auf die Halde schmeissen sollte. Gendern hat viel mit gegenseitigem Respekt und Achtung voreinander zu tun. So gesehen ist Gendern eine christliche Tugend, bei der ich eine Person so akzeptiere, wie er oder sie oder es gerne selbst gesehen wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 26. Juli 2024

Werden und Vergehen

Ein Zitat

Unweit der Alteiner Wasserfälle bei Arosa öffnet sich der Blick auf den Zusammenfluss von Welschtobelbach und Alteinbach.
Foto © Jörg Niederer
"Allein beständig ist Gott und die Vergänglichkeit."

Ein Bibelvers - Psalm 90,2

"Die Berge waren noch nicht geboren, die ganze Welt lag in Geburtswehen. Da bist du, Gott, schon da gewesen, vom ersten Anfang bis in alle Zukunft."

Eine Anregung

Der Alteinbach bei Arosa ist gerade einmal 3,3 km lang und eine Sehenswürdigkeit seiner Wasserfälle wegen. Der Welschtobelbach ist da mit 8,7 km deutlich länger und mächtiger. Aber beide sind im Vergleich keine besonders auffälligen Gebirgsfliessgewässer. Eindrücklich sind die breiten Schwemmfächer bei Isel im Plessurtal dennoch. Die wilde Geröll- und Kieslandschaft von mehr als einem Kilometer Länge ist laut Wikipedia im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung verzeichnet.

Während die Alpen von der afrikanischen Platte tektonisch immer noch nach oben gedrückt werden und wachsen, bröckeln gleichzeitig unter dem Einfluss von Kälte und Wärme, von Wasser, Eis und der Schwerkraft die Berge zu Tal. Es entsteht eine wilde Landschaft in steter Veränderung. Beim kleinen Alteiner Wasserfall hat das Geröll Bäume zugeschüttet. Wie Gerippe strecken sie ihre toten Kronen gen Himmel. Dazwischen haben die Alpen-Pestwurz und weitere Rohbodenpioniere damit begonnen, die Geröllfelder für sich und weitere Pflanzen und Tiere zurückzuerobern.

Was im Gebirge deutlich heraussticht: Nichts ist von Dauer. Alles ist im Fluss, in Bewegung, ein Werden und Vergehen. Wir Menschen sind da keine Ausnahme. In der gewaltigen Gebirgslandschaft wird offensichtlich: Wir sind Gäste auf Erden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 25. Juli 2024

Antennen ausfahren

Ein Zitat

Zwei Witwenblumen-Langhornfalter sitzen auf einer Wald-Witwenblume.
Foto © Jörg Niederer
"Das Glück bedarf guter Antennen." Helmut Glaßl (*1950)

Ein Bibelvers - Jesaja 55,3a

"Hört mich an und kommt zu mir! Hört, dann lebt ihr auf!"

Eine Anregung

Die beiden Witwenblumen-Langhornfalter sitzen sinnigerweise auf einer Witwenblume. Ihre Antennen sind bemerkenswert. Beim Männchen entsprechen sie dreimal der Flügellänge. Dass sie damit überhaupt fliegen können!

Stell dir vor, dir sitzen Antennen auf dem Kopf, die dreimal so lang sind wie du gross bist, also so 4-6 Meter. Allein das Gehen stelle ich mir schwierig vor und erst das Schlafen. In übertragener Hinsicht wünsche ich dir aber maximal lange Antennen. Mögen deine Antennen weit ausgefahren sein für den Empfang von dem, was Gott dir im Leben Gutes und Wesentliches geben möchte!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 24. Juli 2024

Bär und Murmeltier

Ein Zitat

Ein junges Murmeltier wagt sich zwei Meter vor uns aus dem Bau.
Foto © Jörg Niederer
"Schlafen wie ein Murmeltier." Redensart

Ein Bibelvers - Psalm 104,18

"Im Hochgebirge hat der Steinbock sein Revier. Der Klippdachs versteckt sich in den Felsen."

Eine Anregung

Herzlichen Dank für all die lieben Wünsche zum 40. Hochzeitstag. Sabine und ich haben uns darüber sehr gefreut.

Unser besonderer Tag begann meteorologisch bewölkt und endete bei schönstem Sonnenschein. So hatten wir viel Zeit, den Morgen bei einem feinen Frühstück geruhsam anzugehen. Dann wanderten wir zur Mittelstation der Arosa-Weisshornbahn hoch, bewunderten die beiden Bären im Bärenland, wunderten uns über die Bären bewundernden Touristen, von denen einige sich doch sehr unpassend verhielten, ein bisschen so wie Zirkusbären (was die richtigen Bären im Bärenland ja einst wahren, bis sie in Arosa ihrer ursprünglichen Bestimmung wieder nahekommen durften), und machten uns dann per Bahn aufs Weisshorn davon. Dort eröffnete sich uns das Bergpanorama von Chur ganz unten bis zu Sandhubel, Schiesshorn, Aroser Rothorn und wie die Berge in Ocker und Grau alle heissen, ganz oben.

Der Abstieg zurück zur Mittelstation beschenkte uns mit einer reichhaltigen Bergblumenschale von kilometerweiter Ausdehnung. Und immer wieder grüssten die Bündner Alpengipfel. Einmal ging es gar drei Schritte über eines der letzten Schneefelder. In der Ferne wurde ein Greifvogel (ein Steinadler?) von einem kleineren Vogel aus dessen Revier vertrieben, die Bergpiper verritten uns, wo sie im Wiesenland ihre Brut versteckt hatten, und als Höhepunkt des Hochzeitstags machten uns Familie Murmeltier ihre Aufwartung. Ein Jungtier streckt unerschrocken gerade einmal zwei Meter von uns weg den Kopf aus dem Loch, begann dann sein Zuhause zu erkunden, besuchte das eine Alttier, um kurz später wohl mit der Mutter ein bisschen zu raufen und zu spielen. Es war zauberhaft.

Zu allem Guten erreichten wir dann auch noch die letzte Talfahrt der Bergbahn und genossen sie mehr oder weniger mit vielen Schulkinder aus der Region, die ein Sommerprogramm besucht hatten.

Um den Tag noch abzuschliessen gab es ein ausgesprochen feines Nachtessen im Hotel und das spendierte Glas Rotwein zuoberst im 5. Stock mit actionreichen Flugeinlagen der Rauchschwalben und Mauersegler.

Also ich finde, so kann es gerne weitergehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 23. Juli 2024

40 Jahre

Ein Zitat

"Zu zweit ist der Weg nicht so weit." Irisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Prediger 4,11-12

Gefleckte Fingerwurz und Bewimperte Alpenrose an ein und demselben Standort.
Foto © Jörg Niederer

"Wenn zwei dicht beieinanderliegen, wird ihnen warm. Wenn aber einer allein ist, wie kann dem warm werden? Einer allein kann überwältigt werden. Zwei miteinander können dem Angriff standhalten, und die dreifache Schnur reißt nicht so schnell!"

Eine Anregung

Das Foto ist eine Auftragsarbeit für meine Frau. Sie will hier nicht im Bild erscheinen, um dann via Internet weltweit angeschaut zu werden. Nach 40 Ehejahren auf den Tag genau respektiere ich natürlich ihren Wunsch. Auch wenn ich schon ein bisschen mit ihr Angeben möchte. 

Wir beide sind verschieden. Und sind zugleich gemeinsam einander vertraut, haben zusammen viel erlebt. Ich möchte die Zeit nicht missen. Damit sind viele gute Erinnerungen verbunden. Wir haben manche Hindernisse überwunden.

Vielleicht sind wir wie die Gefleckte Fingerwurz, eine Orchideenart, und die Bewimperte Alpenrose auf dem Foto. In verschiedener Weise blühen wir am gemeinsamen Standort. Wir gehören zusammen, und respektieren uns doch in unserer Eigenständigkeit. Da sind auch drei Söhne, die ihr Leben leben, an dem wir weiter teilhaben dürfen. Dass es so ist, daran hat Sabine einen sehr grossen Anteil. Ohne sie wäre ich nur ein halber Mensch.

Mal schauen, wohin die gemeinsame Reise noch geht. Heute jedenfalls wollen wir hoch hinaus. Und das, wie wir es uns gewöhnt sind, ganz unaufgeregt, dankbar für die vergangene Zeit und ohne grosses Aufsehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 22. Juli 2024

Opportunismus

Ein Zitat

Ein Tannenhäher auf dem Eichhörnchenweg in Arosa wartet auf fütternde Passanten.
Foto © Jörg Niederer
"Opportunismus verkauft sich, verbal aufgehübscht, gerne auch mal als Flexibilität." Thom Renzie

Ein Bibelvers - Galater 2,12

"Zunächst hatte er [Petrus] nämlich zusammen mit Menschen aus den Völkern gegessen. Aber dann kamen einige Leute aus dem Kreis um Jakobus. Da zog er sich zurück und hielt sich von ihnen fern. Denn er hatte Angst vor den Leuten jüdischer Herkunft."

Eine Anregung

Nachdem ich nun schon viele Male im Gebirge war, habe ich mir diesmal schon erhofft, endlich einmal einem Tannenhäher zu begegnen. Nun sind mir diese Rabenvögel buchstäblich um die Ohren geflattert. Auf dem Eichhörnchenweg in Arosa verfolgen sie die Passanten in der Hoffnung auf eine Baum- oder Haselnuss. Meist lassen sie die Eichhörnchen die Nüsse bei den fütternden Menschen aus der Hand abholen, beobachten dann die Nager, wo sie diese Nüsse verstecken und holen sie dort wieder aus dem Depot. An diesem Touristenort sind beide, Eichhörnchen und Tannenhäher, zu Opportunisten geworden. Sie holen sich das Futter da, wo die Arbeit dafür am geringsten ist. Dazu braucht es aber eine lückenlose Fütterung der Tiere, wofür wohl Tourismus Arosa besorgt ist.

Die Vögel mit dem grossen kräftigen Schnabel und den weissen Punkten auf der braunen oder schwarzen Brust sind die wichtigsten Bergwaldpflegerinnen und -pfleger. Sie haben sich auf Arvennüsschen spezialisiert. Davon sammelt jeder Vogel so 30'000 bis 100'000 pro Jahr und versteckt diese in Vorratsdepots. Ihr Gedächtnis ist hervorragend, finden sie doch 80% dieser Nüsschen über den Winter wieder, teils unter meterhohem Schnee. Aus den anderen Depots entwickeln sich dann neue Arven, und zwar an Orten, an denen kein Mensch und kein anderes Tier und auch der Baum, vom dem sie stammen, sie hätte hinpflanzen können.

Erstaunlich, dass sich lange die Meinung hielt, Tannenhäher würden den Wald schädigen. Darum wurden sie gejagt und geschossen, wie heute noch immer die Eichelhäher. Heute sind es andere Tiere, die aus dem selben Grund auf der Abschussliste stehen. Etwa soll der Bestand der Biber oder Kormoran wieder vermehrt reguliert werden, was nichts anderes bedeutet, als dass sie wieder abgeschossen werden sollen.

Wir Menschen habe eine etwas eingeschränkte Erkenntnis über die Welt. Daraus entsteht ein kurioses gegensätzliches Verhalten. Einerseits füttern wir Wildtiere, weil sie "härzig" sind, andererseits töten wir diese Tiere, weil sie schädlich sein sollen. Es kommt halt darauf an, was wir gerade wollen. Im Zoo soll es Nachwuchs geben, da junge Tiere Besuchende anlocken, zugleich gibt es von vielen Zootieren zu viele Junge, als dass sie alle am Leben gelassen werden könnten. Also werden diese geschlachtet, was bei Bären auch schon nicht gut angekommen ist, als bekannt wurde, dass das Fleisch dann in einem Restaurant auf dem Gourmettisch landete.

Letztlich sind wir Menschen die grössten Opportunisten. In der Religion bedeutet das: Wir glauben, wenn es uns etwas nützt. In der Natur gilt: Wir lassen Schöpfung zu, wenn sie uns etwas bringt. In der Finanzwelt gilt: Wir machen mit, wenn wir dabei reicher werden können. So gesehen hinken wir Menschen selbst den Tannenhähern hinterher.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 21. Juli 2024

Vollmondnacht

Ein Zitat

Der Vollmond erstrahlt über den Bergen bei Arosa.
Foto © Jörg Niederer
"Das ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nutzen." Kurt Tucholsky (1890-1935)

Ein Bibelvers - 1. Mose 37,18+19

"Die Brüder sahen Josef schon von Weitem kommen. Noch bevor er bei ihnen war, beschlossen sie, ihn zu töten. Sie sagten zueinander: »Seht! Da kommt er ja, der Meisterträumer."

Eine Anregung

Erste Nächte an einem fremden Ort sind immer etwas Besonderes. Einerseits ist da die ungewohnte Umgebung, ein anderes Bett und dann die Geräusche der Nacht. Für manche Touristen werden Kuhglocken oder der Schlag der Kirchturmuhr zu nächtlichen Spielverderbern. Auch schlafen manche Menschen in einer Vollmondnacht bestimmt nicht besser als in anderen Nächten. Doch all das war meinem Schlaf in keinster Weise abträglich. Es war eine andere Sache, die sich regelmässig einstellt, wenn man sich an einem Ort mit vielen Touristen eingefunden hat. Nein Partystimmung gehört wohl eher in die Wintersaison von Bergdestinationen. Aber immer gibt es einige wenige Menschen, die lange in die Nacht hinein sich austauschen, endlich Zeit finden, alles zu besprechen was sie schon immer besprechen wollten und sei es noch so belanglos und unbedeutend. Dagegen ist nichts einzuwenden. Jedoch meine ich eine Gesprächskonstellationen, welche sich bis um drei Uhr morgens hinziehen, geführt in leicht angeheiterter und zu lauter Stimmlange, und das auf dem Balkon des Hotels unserer Wahl. Was vom Gespräch bei mir ankam, war unverständlich, und Verständnis hatte ich dafür auch kaum. Entlastend sei gesagt, dass ich dennoch gut geschlafen habe, weil ich irgendeinmal aufhörte, mit meinen Gedanken um die Impertinenz der anderen Hotelgäste zu kreisen.

Zumindest haben mir diese Männerstimmen in der Nacht auch die Gelegenheit eröffnet, einen Blick auf dem Vollmond über den Bergen Arosas zu werfen. "Es hat halt alles auch seine guten Seiten", wie man fälschlicher Weise so sagt. Denn nicht alles hat seine guten Seiten, wie ich aus Erfahrung weiss.

Was ich wieder einmal mehr erfahren habe: Es lohnt sich nicht, mich aufzuregen über das, was andere nicht so tun, wie ich es für richtig halte. Das führt nur dazu, dass zuerst ich selbst keinen Ruhe finde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 20. Juli 2024

Flatternde Überraschung

Ein Zitat

Ein Schwalbenschwanz-Falter labt sich auf der Kartäuser-Nelke.
Foto © Jörg Niederer
"Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben." Hans Christian Andersen (1805-1875) in der Erzählung "Der Schmetterling"

Ein Bibelvers - Sprüche 4,23

"Gib acht auf dein Herz, mehr als auf alles andere! Denn davon hängt dein Leben ab."

Eine Anregung

Seit es mitten in der Stadt St. Gallen vermehrt mit einheimischen Gräsern und Wildblumen bepflanzte kleinere und grössere Brachen gibt, kommt es zu überraschende Begegnungen. So flatterte vor dem Migros-Einkaufszentrum Neumarkt dieser Schwalbenschwanz-Falter von Blüte zu Blüte, von Kartäuser-Nelke zu Malve zu Königskerze und wieder zurück. Neben ihm brummte der Strassenverkehr, eine Frau versuchte, die Blüten in ihr Mobiltelefon zu packen, Menschen eilten zum Mittagessen in irgend eine Bude, zum Einkauf oder wieder an die Arbeit. Auf dem Weg zum Bahnhof und in die Ferienzeit hinein schien es mir, als winkte mir der Falter fröhlich zu. Dann flog er leicht und beschwingt weiter, stehts auf der Suche nach einem nahrhaften Snack.

Schön, wenn der letzte Arbeitstag vor den Ferien so faszinierend mit einem Geschenk des Himmels endet.

Übrigens ist die Erzählung "Der Schmetterling" von Hans Christian Andersen eine schöne Allegorie auf das Leben und die verpassten Gelegenheiten: Ein weiterer Schmetterling, den ich heute entdecken durfte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen