Mittwoch, 9. November 2022

Sicherheitsübertragung

Ein Zitat

Bergkette zwischen dem Kander und Engstligenthal mit Bunderspitze, Nünihore und Hinterer Lohner.
Foto © Jörg Niederer


"Wenn Berge da sind, weiß ich, dass ich da hinaufgehen kann, um mir von oben eine neue Perspektive vom Leben zu holen." Hubert von Goisern, Musiker

Ein Bibelvers - Psalm 90,2

"Die Berge waren noch nicht geboren, die ganze Welt lag in Geburtswehen. Da bist du, Gott, schon da gewesen, vom ersten Anfang bis in alle Zukunft."

Eine Anregung

Auf dem Foto ist ganz links der Almengrat über den First und die Bunderspitze zu sehen. Leicht zurückversetzt entdeckt man den Chlyne Lohner. Dann folgt der Passübergang über die Bunderchrinda. Es schliessen sich Nünihore und der Hintere Lohner an.

Einst führte meine erste wirkliche Klettertour über den Almengart via First zur Bunderspitze. Ans Seil genommen hatte mich mein einheimischer Pfarrkollege Paul Pieren. Derart gesichert wurde diese Gratkletterei zu einem motivierenden Erlebnis. Paul Pierens souveräne Ruhe und Konzentration übertrug sich auf mich und gab mir damals Sicherheit.

Wer oder was gibt dir in diesen Tagen Sicherheit?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 8. November 2022

Individuelle Besinnungszeit

Ein Zitat

Teilnehmende der Bibelschule Adelboden von 1992 bei gruppendynamischen Spielen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Zeitpunkt ist diejenige Tageszeit, an der Sie am Aufmerksamsten sind und / oder an der Sie sich am Wenigsten von anderen äusseren Einflüssen ablenken lassen." Aus den praktisch Vorschlägen des Alpina-Reiseführers in die Besinnung

Ein Bibelvers - Sprüche 14,8

"Die Weisheit besteht bei einem klugen Menschen darin, über seinen Lebensweg nachzudenken. Die Dummheit aber führt bei dummen Menschen dazu, sich selbst zu belügen."

Eine Anregung

In der schönen Bergwelt von Adelboden erinnere ich mich gerne an die Bibelschule Adelboden, die hier jeweils über acht Wochen im Hotel Alpina durchgeführt wurde. Unterrichtende waren Pfarrpersonen der Evangelisch-methodistischen Kirche, die jeweils für eine Woche Einleitungen in die biblischen Bücher vermittelten. ich war in der 4. Woche dran mit der Weisheitsliteratur. 

Irgendeinmal ebbte das Interesse an dieser Form von Bibelschule ab, und so verschwand die Bibelschule Adelboden von der Bildfläche.

Im Hotel Alpine gibt es aber immer noch Anregungen für ein spirituelles Leben. "Reiseführer in die Besinnung" nennt sich eine kleine Sammlung, die in den Hotelzimmern zusammen mit einer Bibel aufliegen. Unter diesen "Impulsen für die individuelle Besinnungszeit" findet sich auch ein Beitrag vom pensionierten Pfarrer Robert Seitz. Da steht: 

"Wandern sie von der Alpina dem Engstligenbach entlang talaufwärts, kommen sie nach ungefähr einer halben Stunde zu einer schönen Holzbrücke.

Brücken gehören zum Leben. Als Kind liefen wir im Tal dem Bach entlang, der schmalen Brücke entgegen, sprangen und hüpften, den Wind in den Haaren, über den schwankenden Steg ans andere Ufer, Von jenseits riefen wir: Hei, wir sind drüben!

Längst ist das Leben zur Brücke geworden. Immerfort schreite ich weiter über dich und habe das Ufer meiner Herkunft aus den Augen verloren.

Du mein Gott, trägst mich im weiten Bogen einem anderen Ufer entgegen. Wohin wirst du mich tragen, geliebte Brücke des Daseins? Während ich lachend, weinend oder träumend gehe und schwanke und schwebe, trägst du mich zurück in den Anfang. Brücke der Liebe, du trägst mich sicher über die Wasser der Zeit."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 7. November 2022

Rassismusdiskussion trotz inklusiveren Bischofswahlen

Ein Zitat

Screenshot aus der Pressekonferenz der Louisiana Annual Conference mit dem neuen indigenen US-Bischof David Wilson.
Foto © Louisiana Annual Conference
"Wir werden nie die Kirche sein, die wir sein wollen, wenn wir farbige Menschen wie eine Ware behandeln, die man leicht wegwerfen oder benutzen kann, dann wenn wir Fototermine, Führungsqualitäten und die Stimmen der Farbigen brauchen." Pfarrerin Sharon Austin an den Bischofswahlen der Southeastern Jurisdiction

Ein Bibelvers - 1. Mose 9,18+19

"Noahs Söhne Sem, Ham und Jafet hatten zusammen mit ihm die Arche verlassen. Ham war der Vater von Kanaan. Von diesen drei Söhnen Noahs stammen alle Völker der Erde ab."

Eine Anregung

In der vergangenen Woche wurden an den fünf Juristiktionalkonferenzen der Evangelisch-methodistischen Kirche in den USA 13 neue Bischöfinnen und Bischöfe gewählt. Dabei zeigte sich eine grosse Vielfalt unter den Gewählten. Sieben neue Bischöfinnen stehen sechs neuen Bischöfen gegenüber. In der South Central Jurisdiction wurde erstmals ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung zum Bischof gewählt. David Wilson gehört zum Volk der Choctaws von Oklahoma. Die selbe Jurisdiction wählte mit Pfarrerin Delores "Dee" Williamston erstmals eine African American ins Bischofsamt. Die Northeastern Jurisdiction wählte mit Héctor Burgos zum ersten Mal einen Latino zum Bischof. Besonders "divers" wählte die Western Jurisdiction. Mit Carlo A. Rapanut wurde erstmals ein Migrant von den Philippinen als Bischof in den USA gewählt. Weiter wurde die Latina Dottie Escobedo-Frank gewählt. Und als dritten neuen Bischof wählten die Delegierten mit Cedrick D. Bridgeforth zum ersten Mal einen homosexuellen African American ins Bischofsamt. 

Ganz anders in der Southeastern Jurisdiction. Dort traten Personen verschiedenster Volksgruppen und unterschiedlicher Herkunft zur Wahl an. Zuletzt wurden nach zwei Pfarrpersonen aus der "weissen" Bevölkerungsschicht der USA auch noch ein African American zu Bischöfinnen und Bischöfen gewählt. Sowohl in der Southeastern wie auch in der Western Jurisdiction führten rassistische Erfahrungen im Wahlprozess zu Diskussion. In der Western Jurisdiction wurde dies gar hinter verschlossenen Türen in einer sogenannten "Geschlossenen Sitzung" beraten. Verschiedene Frauen und Männer hatten das Wahlverfahren als demütigend und verletzend erlebt. 

Einige erinnerten auch daran, dass das jurisdiktionale System der US-amerikanischen Methodistinnen und Methodisten 1939 eingerichtet wurde, auch um zu verhindern, dass Bischöfe aus dem liberalen Norden Einfluss nehmen könnten auf den segregationistisch geprägte Süden, und anders herum. Damals wurde auch die Central Jurisdiction gebildet, in der alle Kirchgemeinden mit vorwiegend afrikanischstämmigen Gläubigen von den vorwiegend "weissen" Kirchgemeinden separiert wurden. 

Auch wenn es die Central Jurisdiction heute nicht mehr gibt, ist der Rassismus in der Kirche noch nicht überwunden. Insgesamt ist man an diesen Wahlen in den USA aber einen grossen Schritt in Richtung einer inklusiveren und vielfältigeren Kirche gegangen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 6. November 2022

Geheilt durch seine Wunden

Ein Zitat

Das Altarbild, gemalt 1640 vom Rembrandt-Schüler Johannes Will, zeigt eine synoptische Darstellung der Leidensgeschichte Christi, und befindet sich in der Kirche des Kapuzinerklosters Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Nach Leiden und Verlusten werden die Menschen bescheidener und weiser." Benjamin Franklin (1706-1790)

Ein Bibelvers - Jesaja 53,3

"Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen."

Eine Anregung

Wer ist schuld an den Leiden eines Menschen? In antiker Zeit schloss man vom erlittenen Elend auf die Schuld des/der Leidenden. Doch dann veränderte sich diese Sichtweise zusehends. Das Leiden wurde sinnvoll, Ausdruck der Solidarität und Sorge um die Nächsten. 

Ein besonders auffälliges Beispiel dafür ist der Leidende aus den Gottesknechtliedern im biblische Buch Jesaja. Er ist der Gerechte, der für die anderen leidet.

Mehr über dieses spannende Veränderung im Verständnis des Leidens kann man in der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen erfahren. Auf Youtube beginnt es um ca. 10.30 Uhr, vor Ort an der Kapellenstrasse 6 schon um 10.15 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 5. November 2022

Aarau hat den Längeren

Ein Zitat

Die 9 Meter hohe Bahnhofsuhr in Aarau mit dem vielleicht längsten Sekundenzeiger der Welt.
Foto © Jörg Niederer
"Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden." Mark Spitz, mehrfacher Goldmedaillengewinner an Schwimm-Olympiameisterschaften

Ein Bibelvers - Matthäus 20,16

"So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten."

Eine Anregung

Schon gestern dachte ich mir beim Schreiben des Blog-Beitrags, der grösste Sekundenzeiger der Welt könne doch unmöglich nur 2,5 Meter lang sein, auch wenn es so in verschiedenen vertrauenswürdigen Quellen behauptet wird.

Da gibt es doch seit 2010 die Bahnhofsuhr in Aarau mit einem Durchmesser von 9 Metern. Lange galt sie als grösste Uhr Europas, bis sich Frankreich meldete mit einer früher errichteten 10 Meter hohen Uhr. Zwar fand ich nirgends offizielle Angaben über die Länge des Sekundenzeigers von Aarau. So habe ich kurzerhand selbst nachgemessen. Nimmt man lediglich die Sekundenzeigerlänge von der Achse bis zur Spitze, so ist dieser unermüdliche Zeitanzeiger 3,2 Meter lang, und damit 70 Zentimeter länger als "der längste Sekundenzeiger der Welt" der Horloge Fleurie in Genf. Die gesamte Sekundenzeigerlänge in Aarau beträgt übrigens 4,7 Meter, da ein Teil davon über die Achse auf die andere Seite hinausragt.

Also liebe Genfer, vielleicht hattet ihr einmal den längsten Sekundenzeiger der Welt, vielleicht ist er der längste an einer Blumenuhr (Die Überschrift dazu auf swissebook.ch sagt es richtiger), aber seit 2010 gibt es in Aarau einen noch längeren.

Mir gibt diese Rekordjagd die Gelegenheit, um noch einmal auf einen klassischen Song hinzuweisen, bei dem die Zeit eine Rolle spielt: Bob Dylans "The Times They Are A-Changin'". Einige der darin gemachten Aussagen wirken angesichts des Klimawandels geradezu prophetisch. Und da gibt es auch noch einen Bibelvers im Text zu entdecken!

"Kommt versammelt euch Leute, wo immer ihr euch rumtreibt / und gebt zu, dass das Wasser um euch gestiegen ist. / Und akzeptiert, dass ihr bald bis auf die Knochen durchnässt sein werdet. / Wenn euch eure Zeit etwas wert ist, / dann fangt ihr besser an zu schwimmen, / oder ihr werdet wie ein Stein sinken, / denn die Zeiten ändern sich.

...

Kommt Mütter und Väter im ganzen Land / und kritisiert nicht, was ihr nicht verstehen könnt. / Eure Söhne und Töchter sind jenseits eurer Kontrolle. / Eure alte Straße altert rapide. / Bitte geht runter von der neuen, wenn ihr nicht zur Hand gehen könnt, / denn die Zeiten ändern sich.

Die Linie ist gezogen, der Fluch ist gesprochen. / Der jetzt Langsame wird später schnell sein, / wie die Gegenwart später Vergangenheit sein wird. / Die bisherige Ordnung löst sich rasch auf. / Und der Erste jetzt wird später der Letzte sein, / denn die Zeiten ändern sich."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Freitag, 4. November 2022

Das Ticken der Weltzeit

Ein Zitat

Die Horloge Fleurie, die Blumenuhr im Englischen Garten von Genf, mit dem längsten Sekundenzeiger der Welt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Sanduhren erinnern nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit, sondern auch zugleich an den Staub, in welchen wir einst verfallen werden." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) Physiker, Naturforscher, Mathematiker

Ein Bibelvers - Galater 6,10

"Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun – vor allem aber denjenigen, die durch den Glauben mit uns verbunden sind."

Eine Anregung

Es sei die Uhr mit dem längsten Sekundenzeiger, die Horloge Fleurie, die Blumenuhr im Englischen Garten von Genf. Schon lange Zeit dreht dieser 2,5 Meter lange Zeiger seine Runden über den gut 6500 Pflanzen, aus denen das Zifferblatt gebildet ist. Nur 2,5 Meter! Ich hätten einen längeren Sekundenzeiger erwartet. An dieser Uhr lässt sich sehr schön ablesen, wie die Zeit vergeht. Die Spitze des Zeigers bewegt sich nämlich jede Sekunde 26 Zentimeter weiter.

Mir kommen die Vaughan Brothers in den Sinn mit einem Hit aus dem Jahr 1990: In "Tick Tock People" erinnern sie die Menschen daran, dass unsere Zeit begrenzt ist, um eine bessere Welt zu schaffen. Hier eine Übersetzung dieses schönen Songs, den man sich auch auf Youtube anhören kann. 

"Eines Nachts, als ich in meinem Bett schlief, hatte ich den wunderschönen Traum, / dass alle Menschen auf der Welt auf der gleichen Wellenlänge sind / und begannen, sich gegenseitig zu helfen. / In diesem Traum war die universelle Liebe die Schlagzeile, / Frieden und Verständnis wurden Realität.

Kranke und Hungrige hatten ein Lächeln auf ihren Gesichtern. / Die Müden und Obdachlosen waren umgeben von einer Familie. / Strassen und Städte waren schöne Plätze, / und die Trennmauern stürzten ein.

Die Menschen der Welt, hatten alles gemeinsam. / Sie hatten es gemeinsam für die Jungen und die Mädchen. / Und die Kinder der Welt freuen sich auf die Zukunft.

Denkt dran, tick tack, tick tack, tick tack Menschen: / Die Zeit vergeht wie im Flug. / Denkt daran, tick tack, tick tack, tick tack, Menschen: / Die Zeit verrinnt.

Ich hatte die Vision eines blauen Himmels, der sich von einem Meer zum andern strahlenden Meer erstreckt. / Alle Bäume im Wald standen wieder hoch und stark. / Alles war sauber und schön und sicher für dich und mich. / Die schlimmsten Feinde wurden die besten Freunde.

Die Menschen der Welt, hatten alles gemeinsam. / Sie hatten es gemeinsam für die Jungen und die Mädchen. / Und die Kinder der Welt freuen sich auf die Zukunft.

Denkt dran, tick tack, tick tack, tick tack Menschen: / Die Zeit vergeht wie im Flug. / Denkt daran, tick tack, tick tack, tick tack, Menschen: / Die Zeit verrinnt.

Denk daran, ja denk daran! ..."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 3. November 2022

Hoffnung haben ist eine Kunst

Ein Zitat

Der Genfer Mattelin Vuarser schuf 1520 das Chorgestühl in der Stiftskirche Saint-Laurent von Estavayer-le-Lac. Dazu gehören auch diese mythologischen Fabelwesen.
Foto © Jörg Niederer
"Manche meinen, ein Scheitern strafe den Hoffenden Lügen. Wer so urteilt, betrachtet die Dinge vom Ende, vom vermeintlichen Erfolg oder Misserfolg her." Heribert Prantl, Kolumnist und Autor

Ein Bibelvers - Hebräer 11,1

"Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind."

Eine Anregung

Heribert Prantl findet in einem Essay, überschreiben mit "Hoffnung ist der Wille zur Zukunft", eindrückliche Worte über die Zuversicht. Zu finden ist der ganze Text im bref #9/2022, dem Magazin der Reformierten.

Prantl schreibt: "Wir leben in einer Mischung aus Müdigkeit, Gereiztheit, Angst und Ungeduld. Es gibt, wen wundert es, eine Lust am katastrophischen Denken; sie ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krise, die Krisen zu bewältigen. Hoffnung lässt die Welt nicht zum Teufel gehen. In der Hoffnung steckt Kraft zum Handeln; es ist dies die Kraft der Hoffnung. Das ist aber nun kein Plädoyer dafür, Gefahren schönzureden. Die Kraft der Hoffnung steckt nicht in einem blinden Optimismus. die Kraft der Hoffnung sieht die Gefahr; sie verweigert aber Unglück und Unheil den totalen Zugriff.
Hoffnung haben, Hoffnung leben zu können, das ist eine Kunst..."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 2. November 2022

Wehrhafte Pomeranze

Ein Zitat

Frucht einer Pomeranze an einem Bäumchen in Estavayer-le-Lac.
Foto © Jörg Niederer
"Wem es nie richtig gut geht, der verbittert. Wem es nie richtig schlecht geht, der versauert." Hans Krailsheimer (1888-1958) Jurist und Schriftsteller

Ein Bibelvers - Offenbarung 2,7

"Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt: 'Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem gebe ich vom Baum des Lebens zu essen. Das ist der Baum, der in Gottes Paradies steht.'"

Eine Anregung

In diesen Tagen begegnete ich in einer Fernsehreportage erstmals der Pomeranze. Und zwar nicht in redensartlicher Weise sondern als Pflanze. Es ist eine Zitrusfrucht, die gut mit den klimatischen Bedingungen bei uns zurechtkommt. Allerdings sind ihre Früchte säuerlich-bitter, und so ist sie auch als Bitterorange bekannt. In der Reportage wurden die Früchte an den "Stadtbäumchen" mit Handschuhen geerntet, weil sie von bis zu acht Zentimeter langen Dornen geschützt werden.

In der Pomeranze steckt die lateinische Bezeichnung "pomum aurantium", oder auf Deutsch "goldiger Apfel".

Übertragen meint die Bezeichnung "(Land-)Pomeranze" - ähnlich wie "Landei" - ein etwas unbedarftes junge Mädchen vom Land, mit rötlichen Wangen in den Farben der Pomeranzenfrüchte. Später dann wurden mit dem Begriff auch sich plump benehmende Frauen ohne Anstand und Höflichkeit bezeichnet. Ein Schuss herber Unnahbarkeit schwingt dabei auch noch mit. Das ist natürlich eine unangebracht abwertende und sexistische Sprache. Ich habe auch noch nie gehört, dass sich jemand selbst als Pomeranze bezeichnet hätte, wohl aber als Landei.

Ich liebe Pomeranzen in Form von Bitterorangen-Konfitüre. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich diese Konfitüre gegessen hätte, wenn sie als Pomeranzenmarmelade angeboten worden wäre. Es kommt eben darauf an, wie man etwas oder jemanden benennt.

Gelegentlich wird die Pomeranze auch in Bibelgärten als "Baum der Erkenntnis" ausgestellt. Da gäbe es aber auch noch andere Bäume, die in Frage kämen. Und wer weiss, vielleicht waren es ja die Äste des pomum aurantium, die als Dornenkrone in die christliche Überlieferung eingingen. Aber auch das ist, wie beim Paradiesbaum, reine Spekulation.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 1. November 2022

Beten rettet

Ein Zitat

Ein kurzes morgendliches Gespräch vor dem Koster der Dominikanerinnen in Estavayer-le-Lac.
Foto © Jörg Niederer
"Was du jetzt für ein Hindernis hältst, wird dir später ein wirksames Heilmittel sein." Vinzenz Ferrer (1350-1419)

Ein Bibelvers - Jeremia 29,11+12

"Ausspruch des Herrn – Ich habe Pläne des Friedens und nicht des Unheils. Ich will euch Zukunft und Hoffnung schenken. Ihr werdet zu mir rufen. Ihr werdet kommen und zu mir beten, und ich werde euch erhören."

Eine Anregung

In Estavayer-le-Lac besteht seit 706 Jahren ein Dominikanerinnenkloster. Auch in der Zeit der napoleonischen Wirren ging im Städtchen am Neuenburgersee das Klosterleben weiter. Damals fanden geflüchtete Priester, die den Eid auf die Zivilverfassung der Französischen Revolution verweigerten, im Kloster Unterschlupf. frwiki übersetzt die französische Bezeichnung "Prêtre réfractaire" dieser abtrünnigen Priester lustigerweise auch mit "Feuerfeste Priester", wohl in Anspielung auf die Scheiterhaufen, auf denen revolutionsfreundliche Geistliche ihre Priesterdiplome unter den Rufen "Nieder mit dem Andenken an die Priester für immer! Nieder mit dem christlichen Aberglauben! Es lebe die erhabene Religion der Natur!" verbrannten.

Gegründet wurde das Kloster im Jahr 1316 vom Archidiakon von Lincoln (England) Wilhelm von Stäffis. Er entstammte der Gründerfamilie des Städtchens Estavayer. In der Deutschschweiz nannte man den Ort deshalb auch lange Zeit Stäffis am See.

Die heutige Klosteranlage und die Klosterkapelle gehen zurück auf den "Bastarden von Savoyen" (1377-1443), eine Anspielung auf die Herkunft Humberts von Savoyen als illegitimen Sohns von Amadeus VII. und Françoise Arnaud. Humberts sterbliche Überreste liegen in der von ihm finanzierten Klosterkapelle bestattet.

In dieser Kapelle waren die Dominikanerinnen wohl gerade am Beten, als im Jahr 1599 Teile des Klostergebäudes einstürzten. So rettete das Gebet den Ordensschwestern buchstäblich und auf wundersame Weise das Leben.

Heute kann man an diesem geschichtsträchtigen Ort übernachten, an dem einst der heilige Vincent Ferrier und die heilige Colette de Corbie wirkten. Ob wohl am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest im Jahr 2016 auch einige der "Bösen" hinter Klostermauern übernachteten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 31. Oktober 2022

Hundschilen - Was ist das?

Ein Zitat

Künstlich geschaffener, der Natur nachempfundener Wald-Wiesen-Übergang bei Bauma in Tösstal.
Foto © Jörg Niederer
"Vielfalt ist schön: Den meisten Menschen gefällt eine rot, blau, gelb und weiss getupfte Blumenwiese besser als ein endloser Acker, ein artenreicher, gut strukturierter Wald besser als einheitliche Fichtenpflanzungen, und viele freuen sich, wenn sie einen seltenen Vogel beobachten können." Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL

Ein Bibelvers - Psalm 104,10-12

"Quellwasser schickst du [Gott] die Täler hinab. In Bächen fließt es zwischen den Bergen dahin. Alle Tiere auf dem freien Feld trinken daraus, auch die Wildesel löschen dort ihren Durst. Die Vögel des Himmels bauen Nester an ihren Ufern, in den Zweigen trällern sie ihr Lied."

Ein Anregung

Ich habe nicht herausgefunden, woher der Flurname "Hundschilen" kommt. Dabei handelt es sich um Tobel, Wiese und Wald nordwestlich von Bauma im Tösstal. Gab es da einst eine Kirche für Hunde? Oder chillten dort die Hunde von Bauma? Oder lebte da jemand, der wie ein Hund schielen konnte?

Wie auch immer. Aktuell gibt es in der Hunds-Chilen ein BirdLife-Projekt. Ziel ist ein vielfältiger Übergang vom Wald zur Wiese. Dabei wurde der Wald entlang von Seilschneisen abgeholzt. Nun kommt dort wieder Licht auf den Waldboden, es entstehen abwechslungsreicher Übergänge, die ideal sind für selten Vögel, Fledermäuse und für das Wiesel. Als ich am vergangene Samstag durch das Tobel hinunterwanderte und kurz vor Bauma der Wald endete und von einer Wiese abgelöst wurde, fiel mir auf, dass deutlich mehr Vögel zu hören waren als zuvor im Wald. Abe auch Pflanzen profitieren: In den kleinräumigen Rodungen wachsen wieder Eichen, die zuvor von Buchen und Eschen verdrängt worden waren.

Begradigung von Bächen und Feldern war lange Jahre ein unhinterfragtes landschaftsgestalterisches Ziel. Nun wird da und dort versucht, wieder mäanderartige Strukturen in die Landschaft zurückzubringen. Vielleicht hat dies mehr mit "Chilen" bzw. Kirchen zu tun, als es auf den ersten Blick scheint: Eine Kirche für die Biodiversität, für die Vielfalt von Gottes Schöpfung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 30. Oktober 2022

Neue Zuversicht

Ein Zitat

Frisches, gluschtiges Gemüse
Foto © Jörg Niederer
"Möge in deinem Herzen das Licht der Zuversicht und der Liebe leuchten, möge dein Gesicht vor Freude strahlen." Jochen Mariss (*1955), Autor und Fotograf

Ein Bibelvers - 1. Mose 8,22

"Solange die Erde besteht, werden nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

Ein Anregung

Heute ab 10.15 Uhr feiern wir in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 das Erntedankfest. Nach dem Gottesdienst wird eine feiner Suppe aufgetischt. Wie bei jedem Erntedankfest wird die Kirche mit allerlei Früchten, Gemüsen und Blumen geschmückt. Auch in diesem Jahr ist trotz schlechter Weltwirtschaftslage, trotz heissem, trockenem Sommer erstaunlich viel herangereift auf Feldern und in den Baumgärten.

Wie kann uns diese Fülle an Gütern neue Zuversicht geben für ein Leben voller Herausforderungen? Darüber wird die Predigt handeln. Sie kann auf Youtube ab 10.30 Uhr mitangehört werden. Die Geschmacksexplosionen des sich anschliessenden Suppenessens sind leider nicht per Youtube übertragbar. Dafür braucht es deine Präsenz vor Ort. Das gilt auch, um in die Lobpreismusik von Angie und Attila Szilagyi-Cater mit einzustimmen.

Also an alle: Herzlich willkommen! 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 29. Oktober 2022

Ich schaffe es nicht!

Ein Zitat

Milch in einem Tetra Pak mit Drehverschluss.
Foto © Jörg Niederer
"Humor ist der Milchbruder des Glaubens." Martin Buber (1878-1965)

Ein Bibelvers - 3. Mose 20,24

"Das Land soll euch gehören. Ich werde es euch geben, und ihr sollt es in Besitz nehmen. Es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich bin der Herr, euer Gott."

Ein Anregung

Diese Karton-Milchverpackungen gibt es schon lange. Seit einiger Zeit sind sie mit praktischen Kunststoff-Drehverschlüssen versehen. Wenn die Packung nur noch mit 2/3 Milch gefüllt ist, ist das eine äusserst sinnvolles Ding. Einmal abgesehen, dass es halt wieder - nicht sehr umweltfreundlich - aus Kunststoff besteht.

Aber aus einer neuen vollen Verpackung Milch durch diesen Verschluss in eine Glas oder eine Tasse zu giessen, das schaffe ich einfach nicht, ohne dass es spritzt. In dem Moment, in dem beim Ausgiessen Luft angesaugt wird, flutscht die Milch in alle Richtungen. Auch wenn ich versuche, ganz langsam die Milch aus dem Tetra Pak laufen zu lassen, kommt der Moment, bei dem unvermeidlich ein Sprutz daneben geht. Und wenn ich beim Ausgiessen durch Kompression der Packung probiere, gar nicht erst ein Vakuum zu erzeugen, hilft das auch nichts. Bei Absetzen geht garantiert wieder Milch daneben.

Es gibt, so weiss ich, Leute die öffnen die Verpackung so wie früher, als man noch mit der Schere einen sauberen Auslauf in den Karton schneiden konnten. Dann ist die Milchpackung halt nicht mehr verschliessbar, dafür geht jeder kleinste Tropfen dahin, wo er auch soll.

Also, wenn jemand weiss, wie man die Milch durch den Plastikverschluss umfüllt, ohne sie in der ganzen Küche zu verteilen, bitte ich darum, mir diesen Trick zu verraten. Denn bisher schaffe ich es einfach nicht, ohne dabei zu "säuele".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 28. Oktober 2022

Happy Diwali

Ein Zitat

Teil eines Hinduheiligtum auf der indonesischen Insel Lombok.
Foto © Jörg Niederer
"Bäume verweigern niemandem ihren Schatten, nicht einmal dem Holzfäller." Hinduistisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 17,23

Paulus in Athen: "Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: 'Für einen unbekannten Gott'. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch."

Eine Anregung

Den Amtseid als Abgeordneter legte er vor fünf Jahren mit der Hand auf der Bhagavad Gita ab – eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Mit Rishi Sunak ist erstmals ein praktizierender Hindu Prime Minister von Grossbritannien.

Hindus feiern heute den letzten Tag des sich über fünf Tage erstreckenden Fests Diwali. Das ist so etwas wie Weihnachten und Silvester zusammen, wobei es je nach Region unterschiedliche Ausprägungen gibt. Es ist ein fröhliches Fest mit vielen Lichtern. Im Verlauf der Festtage werden Feuerwerke und Knallköper gezündet, wie bei uns an Silvester.

Am 24. Oktober begannen in diesem Jahres die Festivitäten mit dem Tag, an dem das Haus gereinigt und geschmückt wird. Auch neue Gegenstände und Schmuck werden gekauft. Am folgenden Tag, dem Jahrestag, an dem Krishna den Dämon Narakasur besiegte und dabei 10'000 Frauen befreite, wird noch vor Sonnenaufgang ein Bad genommen. Gegenseitige Besuche in neuen Kleidern folgen, es gibt Süssigkeiten und mehr. Der dritte Tag ist der Göttin Lakshmi geweiht. Lichter werden aufgestellt um sie zu begrüssen und zu empfangen. Es ist ein Tag auch der Glückserwartung und der Glücksspiele. Am vierten Tag segnen Frauen ihre Ehemänner mit Lichtern und tupfen ihnen einen Segenspunkt auf die Stirn. Am fünfte Tag segnen dann Schwestern ihre Brüder mit Lichter. Die Geschwister versprechen einander, sich gegenseitig zu beschützen.

Heute ist Diwali wie Advent und Weihnachten ein stark kommerzialisiertes Fest geworden, bei dem die Wohnhäuser, Geschäfte und Strassen durch viele Lichter erleuchtet sind.

Für Christinnen und Christen ist der Hinduismus eine unbekanntere Weltreligion als etwa der Islam oder das Judentum. Die vielen Gottheiten verwirren. Es gibt Vorurteile, stereotype Vorstellungen über heilige Kühe und Reinkarnation.

Einen anderen Zugang suchte einst der US-amerikanische evangelisch-methodistische Theologe Eli Stanley Jones (1884-1973). Er war Missionar in Indien. Er studierte den Hinduismus und versuchte, das Evangelium von Jesus Christus ohne westliche Kultur darzustellen und zu verkünden. Dazu gründete er christliche Ashrams, in denen Menschen gemeinsam eine Auszeit mit Gott erleben konnten. Diese Idee brachte er während des Zweiten Weltkriegs auch in die USA und in andere westliche Länder.

Warum also nicht einmal eine authentische Begegnung mit hinduistischen Gläubigen bei uns erleben? Morgen Samstag, den 29. Oktober 2022 sind alle anlässlich des grössten Lichterfests der Hindus um 18.30 Uhr zu einem "Happy Diwali" in die Kirche Halden an der Oberhaldenstrasse 25 in St. Gallen eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Reisefüdli oder Stubenhocker?

Ein Zitat

Ein Rotmilan stillt den Durst im Restwasser eines ausgelassenen Beckens des Neeracher Rieds.
Foto © Jörg Niederer
"Gott gibt jedem Vogel Nahrung, aber er wirft es ihm nicht ins Nest." Josiah Gilbert Holland (1819-1881)

Ein Bibelvers - Psalm 50,1.10+11

"Gott, Gott, der Herr, begann zu reden und rief die Welt – vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang... Denn mir gehören alle Tiere des Waldes, das Wild auf den Bergen zu Tausenden. Ich kenne alle Vögel in der Höhe. Ebenso ist mir die Grille auf dem Feld vertraut."

Ein Anregung

Der Zaunkönig ist in der Schweiz der drittkleinste einheimische Vogel (Siehe meinen früheren Beitrag dazu!). Der Rotmilan dagegen ist nach Bartgeier und Steinadler der drittgrösste hier lebende Vogel. In der Schweiz hat die Zahl dieser faszinierenden Vögel stark zugenommen. Nur in den Kantonen Genf und Tessin brüten diese Greifvögel noch nicht. In vielen anderen Ländern ist der Trend aber gegenläufig; es werden immer weniger Tiere.

Wenn ich im Büro aus dem Fenster schaue, kann ich von diesem hervorragenden Gleitfliegern manchmal zehn und mehr Tiere über dem Kulturland an der Thur kreisen sehen. Gelegentlich segeln auch einzelne Rotmilan mitten in die Wohnsiedlung hinein.

Nun ist es deutlich ruhiger geworden um die majestätischen Vögel mit ihrer schönen Federzeichnung. Viele sind in den Süden gezogen oder werden es bis Ende November noch tun. Etwa dreitausend der Rotmilane bleiben in der Schweiz. Es sind vor allem die älteren Tiere, welche die beschwerliche und nicht ungefährliche Reise ans Mittelmeer und ins tropische Afrika meiden. Sie haben gelernt, dass ihre Überlebenschancen hier besser sind. Die Jungtiere aber wollen die Welt sehen. Es ist beinahe so, wie bei uns Menschen. "Reisefüdli" oder "Stubenhocker", das ist auch bei vielen Vogelarten die Frage. 

Beim Rotmilan gibt es von beiden Sorten. Ich würde mich wohl als Kurzstreckenzieher bezeichnen. Mein Reiseradius ist eher klein, dafür nehme ich mir viel Zeit, um jeden Winkel von Gottes schöner, naher Welt kennen zu lernen. Da ich nicht so energiesparend fliegen kann wie ein Rotmilan, bleibe ich dafür auf dem sicheren Boden und bewundere die Tieren, die in der Luft zu Hause sind.

Doch selbst dies ist manchmal nicht ungefährlich. So war ich dabei, als ein Mann sosehr nach einem Rotkelchen auf dem Baum schaute, dass er vom Steg fiel und unsanft im Schilf landete.

Darum: Wenn du den Vögeln nachschaust, bleibe stehen! Wenn du vorankommen willst, schaue auf deinen Weg! Beides kann sinnvoll sein, aber besser nicht zur selben Zeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 26. Oktober 2022

Von Kirchenspaltung und der Wahl einer Bischöfin oder eines Bischofs

Ein Zitat

Delegierte an die Zentralkonferenz aus der Schweiz und Frankreich trafen sich am 22. Oktober in Aarau zu einem Informations- und Gedankenaustausch.
Foto © Jörg Niederer
"Die Bischöfe speziell müssen Menschen sein, die geduldig die Schritte Gottes mit seinem Volk unterstützen können, so dass niemand zurückbleibt. Sie müssen die Herde auch begleiten können, die weiß, wie man neue Wege geht." Franziskus

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 3,7

"Auch außerhalb der Gemeinde muss er [der Bischof] einen guten Ruf haben. Sonst besteht die Gefahr, dass er ins Gerede kommt und schließlich dem Teufel in die Falle geht."

Ein Anregung

Vom 15.-20. November 2022 findet in Basel eine ausserordentliche Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Mittel- und Südeuropa statt. Dazu trafen sich am vergangenen Samstag rund 35 Delegierte und Ersatzdelegierte aus der Schweiz und Frankreich zu einem Informations- und Austauschtag in der EMK Aarau. Mit dabei war auch Bischof Patrick Streiff. 

Die Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa (ZKMSE) wird an der Tagung zwei grosse Themen behandeln. Zum einen wird sie die Grundlagen legen, dass es für die meisten EMK-Gemeinden in den Ländern, die zur ZKMSE gehören, möglich sein sollte, trotz unterschiedlicher Überzeugungen bei der menschliche Sexualität und dem Eheverständnis gemeinsam in der EMK zu bleiben. Dazu werden die 96 stimmberechtigten Delegierten aus dreizehn Ländern über ein gemeinsames Dokument beschliessen. Das allein schon ist aussergewöhnlich, sah es doch vor 3 Jahren noch so aus, als würde es zu einer Spaltung der ZKMSE kommen. Nun wird wohl nur ein relativ kleiner Teil der ZKMSE die Kirche verlassen. Schon jetzt haben dies die Methodistinnen und Methodisten in Bulgarien und der Slowakischen Republik getan, und sich einer neuen, diesen Mai gegründeten und traditioneller denkenden Methodistenkirche angeschlossen.

Das zweite "historische" Ereignis wird die Wahl einer neuen Bischöfin oder eines neuen Bischofs sein. Grundsätzlich kann jede ordinierte Pfarrperson im aktiven Dienst der EMK in diese Aufgabe gewählt werden. Die Wahl des Bischof oder der Bischöfin erfolgt mit einer 3/5-Mehrheit durch die paritätisch aus Laienpersonen und Pfarrpersonen zusammengesetzte Zentralkonferenz. Die Amtsdauer wird vorerst wohl 6 Jahre betragen, mit der Möglichkeit, nach dieser Zeit auf Lebenszeiten gewählt zu werden.

Die Wahl erfolgt am 17. und 18. November. Die Ergebnisse der Wahlgänge werden per Ticker publik gemacht. Am Sonntag um 14.00 Uhr findet dann im Basler Münster die Weihe und Einsetzung der neuen Bischöfin oder des neuen Bischofs statt. Dieser Gottesdienst wird per Livestream übertragen.

Bischof Patrick Streiff leitet seit dem 1. Mai 2006 die ZKMSE und wird mit 2 Jahren Corona-Verspätung im Sommer 2023 den wohlverdienten Ruhestand antreten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Dienstag, 25. Oktober 2022

Beobachtungen über das Beobachten

Ein Zitat

"Die besten Beobachter sind jene, die während des Vorgangs der Beobachtung von niemandem dabei beobachtet werden, deren Beobachtung sie nur ablenken würde." Christa Schyboll (*1952), Autorin

Ein Bibelvers - Jeremia 18,3-4

Auf dem Bauernmarkt in Yverdon-les-Bains.
Foto © Jörg Niederer
"Ich ging also hinab zum Haus des Töpfers. Der arbeitete gerade an der Töpferscheibe. Wenn das Gefäß unter seinen Händen misslang, formte er aus dem Ton einfach ein anderes Gefäss. Der Töpfer machte es so, wie er wollte."

Ein Anregung

Der Markt war immer schon der Ort, an dem sich Menschen austauschten. Dafür ist der Markt ja auch da. Da werden Güter gegen Bares ausgetauscht, aber auch Informationen.

Informationen kommen zustanden, indem jemand etwas beobachtet oder erfährt. Unlängst hörte ich einem Gespräch zwischen Busfahrerin und Fahrgast zu. Der ältere Herr wurde von der Frau am Steuer gefragt, was er denn schon so früh im Städtchen getan habe. "Nichts Besonderes" meinte dieser: "Ich bin einfach da gesessen und habe den Leuten zugeschaut. Ich beobachte nämlich gerne die Leute." Die Busfahrerin meinte daraufhin: "Ja, die Leute beobachte ich auch gerne. Aber noch lieber beobachte ich Leute, die andere Leute beobachten."

Zuschauen und Zuhören kann immer wieder recht amüsant und aufschlussreich sein. Solange man beim Weitererzählen auf dem Marktplatz oder in den Onlineforen bei der Wahrheit bleibt und die Persönlichkeitsrechte schützt, ist daran meist auch nichts auszusetzen. Jesus zum Beispiel beobachtete einst sogar, wie die Menschen im Tempel spendeten (Lukas 21,1-4). Und Jeremia gewann beim Beobachten des Töpfers die Erkenntnis darüber, wie Gott am Volk Israel handeln wird.

Was werde ich wohl an diesem heutigen Tag beobachten dürfen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 24. Oktober 2022

Ewige Verantwortung

Ein Zitat

Das Paul Scherrer Institut (PSI) in Villigen.
Foto © Jörg Niederer
"Radio Aktivität / Wenn's um unsere Zukunft geht / Radio Aktivität / Für dich und mich im All entsteht..." aus dem Lied "Radioactivity" von der Gruppe Kraftwerk

Ein Bibelvers - 1. Johannes 2,17

"Diese Welt und ihre Gier vergehen. Aber wer tut, was Gott will, bleibt in Ewigkeit mit ihm verbunden."

Ein Anregung

Ein UFO ist gelandet, am Rand des Aargauer Juras. Bei dem diskusartigen Gebäude handelt es sich um den Synchrotron des Paul Scherrer Instituts (PSI). Darin werden Ionen extrem stark beschleunigt, um sie dann in ein Ziel zu lenken oder mit anderen Elementarteilchen kollidieren zu lassen. Es geht um Grundlagenforschung.

Am PSI gibt es aber auch noch einen Zyklotron. Das ist eine bedeutend kleinere Maschine als der Synchrotron. Er beschleunigt die Ionen auch deutlich weniger schnell, aber dafür kann er in der Medizin eingesetzt werden. Bei bestimmten Krebserkrankungen kann auf diese Weise eine Strahlentherapie vor Ort durchgeführt werden.

Sonst gibt es auf dem Gelände noch Versuchs-Kernreaktoren und das Zwischenlager für radioaktive Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung. Auch noch viele andere Technologie, über die ich nur eine rudimentäre Ahnung habe, wird dort entwickelt.

Noch einmal zu den radioaktiven Abfällen. Ich habe gelesen, dass je nach Abfallkategorie diese Abfälle mehrere zehntausend bis zu einer Million Jahre sicher gelagert werden müssen, bis sie keine Gefahr mehr für Mensch und Umwelt sind. Gerade noch stand ich vor 6000 Jahre alten Steinreihen. Sehr viel wissen wir nicht über die Menschen, die sie aufgerichtet haben und warum sie das getan haben. Und nun sollten wir Abfälle sicher über einige zehntausend Jahre hinweg aufbewahren. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass uns Menschen das gelingt. Es gibt keine Kultur oder Gesellschaft, die bisher auch nur 10'000 Jahre existierte, ohne dass es mindestens einmal zu katastrophalen Umbrüchen kam. Und doch schaffen wir die Fakten, die uns dazu zwingen werden, das Unmögliche zu versuchen und etwas sicher zu verwahren für eine menschliche Ewigkeit.

Da kann ich nur bitten: Gott sei uns gnädig!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 23. Oktober 2022

Brutal ehrlich

Ein Zitat

Die Kantonsschule Olten erhebt sich über dem Hardwald.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt nichts, was diesen Baustil höflich oder niedlich macht. Er ist, was er ist." Architektin Zaha Hadid (1950-2016) über den Brutalismus

Ein Bibelvers - 1. Mose 29,17

"Die Augen Leas waren matt, Rahel aber war von schöner Gestalt und von schönem Aussehen."

Ein Anregung

Meiner Frau gefällt die Kantonsschule in Olten überhaupt nicht. Sie wurde im Stil des Brutalismus in der Zeit von 1969-1973 mitten im Hardwald erbaut. Von 2016-2022 wurde das Gebäude - wie man so sagt - sanft renoviert entgegen dem Wunsch vieler, es abzureissen und einen gefälligeren Bau hinzustellen.

Ich kann mich erinnern, wie ich als Jugendlicher meinen Vater begleitet habe zur Baustelle, an der er als Sanitär- und Spenglermeister engagiert war. Schon damals war man geteilter Meinung über die Weise, wie die Wasser- und Lüftungsrohre sichtbar über dem Beton angebracht wurden.

Mir gefällt dieses Bauwerk. Es wirkt wie eine künstliche Felsenburg, ist aber deutlich erkennbar als Kunstbau aus Beton. Ich finde meinerseits Bauwerke hässlich, die vorgeben, etwa anderes zu sein, als das, was sie sind. Zum Beispiel gefallen mir die Kunstfelsen in den Zoos nicht, die wie Alpengipfel aussehen, und doch nicht ans Original herankommen.

Im Stil des Brutalismus erbaute Gebäude sind brutal ehrlich. In der Stadt
St. Gallen gehört etwas das Theater und die Universität zu dieser Stielrichtung.

Nun, ob etwas als schön empfunden wird, liegt bekanntlich im Auge des/der Betrachtenden. Ob bei den Bauwerken "ehrlich am längsten währt", werden spätere Generation erfahren.

Ich aber finde Brutalismus in der Architektur ehrlich schön.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 22. Oktober 2022

Prinzessin gesucht für Aargauer Dorf

Ein Zitat

Ungewollter Humor im Dorfkern von Villigen.
Foto © Jörg Niederer
"Keiner glaubt von mir, dass ich auch Dinge zu schätzen weiß, die weder vier Beine haben noch bellen oder wiehern." Prinzessin Anne

Ein Bibelvers - Psalm 119,100

"Nur Prinz Joasch, der Sohn des Ahasja, überlebte. Denn seine Tante Joscheba rettete ihn, die Tochter des Königs Joram [also eine Prinzessin] und Schwester Ahasjas. Sie holte ihn aus der Gruppe der Prinzen heraus, die getötet werden sollten. Dann brachte sie ihn in ein Schlafzimmer, wo sie den Säugling vor Atalja versteckte. Seine Amme war bei ihm."

Ein Anregung

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesem "lustigen" Autoparkschild begegnet bin. "Princess Parking only"; auf Deutsch: "Parkplatz nur für Prinzessinnen". Davor steht diese alte, aus der Mode gekommene Badewanne. Wie das wohl zusammen passt?

Ob das Ambiente dieses Parkfelds wirklich positiv auf Prinzessinnen wirkt? Ich habe den Eindruck, dass nicht nur Prinzessinnen andere, höhere Ansprüche an ihren Parkplatz haben. Hinzu kommt, dass die Dichte an Prinzessinnen in der Schweiz ausserhalb der Spielwarenabteilungen nicht sonderlich hoch ist.

Oder ist gar die Badewanne als Prinzessin zu verstehen? Wenn nicht, dann wäre die Wanne auf diesem Parkplatz illegal abgestellt. Danach sieht es aber auch wieder nicht aus.

Es bleibt geheimnisvoll um die Prinzessin von Villigen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 21. Oktober 2022

Mönthal und die Schokolade

Ein Zitat

Mönthal mit den herbstlich gefärbten Weinbergen an den Juraflanken.
Foto © Jörg Niederer
"Geld spricht. Schokolade singt." Quelle unbekannt

Ein Bibelvers - Johannes 5,2

"Beim Schaftor in Jerusalem gibt es einen Teich mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern."

Ein Anregung

Mönthal, das ist ein Juradorf unweit von Brugg im Aargau gelegen. Mit 180 Haushalte, 392 Einwohnerinnen und Einwohnern und einem hohen Steuerfuss von 115% liegt es auf 479 m.ü.M., eingebettet zwischen den Hügeln des Tafeljuras. Viel mehr gibt es zu diesem Dorf nicht zu sagen. So betont die Webseite der Gemeinde in einem sehenswerten Video denn auch vor allem die intakte Natur und den familiären Zusammenhalt des Orts. 

Besiedelt ist dieses Gebirgstal am wenig bekannten Jurapass über die Ampferhöhe seit 2500 Jahren. Deutlich kürzer, seit 1994 gibt es in diesem Dorf aber ein Cateringunternehmen, das sich in der Coronapandemie ganz der Schokolade verschrieben hat. Jürg Binder öffnete gestern extra für uns ausserhalb der Ladenöffnungszeiten sein Verkaufs- und Produktionslokal "SchoggiEgge", in dem wir aus dem Staunen nicht mehr herauskamen. Das Angebot ist wunderschön präsentiert und kann mit den Grossen der Branche geschmacklich problemlos mithalten. Besonderheiten sind zu finden, die es wohl nur in diesem kleinen Laden fast am Ende der Welt gibt. So erstanden wir etwa Glarner Zigerklee Truffes, bestehend aus einer dunklen Truffemasse, umhüllt mit Schabzigerklee. Verkauft wird auch alkoholfreier Schaumwein unter der Marke "Tröpfel".

Auf die Frage, wie er denn so abseits von den Zentren mit einem solch speziellen Sortiment leben könne, verweist Jürg Binder auf die wenigen Mitarbeitenden, auf die Belieferung von Verkaufsläden in der Region und auf die besonderen Schokoladenzeiten wie etwa an Ostern.

Zuhause schaue ich die Liste der Verkaufslokale durch, die Schokolade vom SchoggiEgge anbieten. Und dort entdecke ich ein in methodistischen Kreisen gut bekanntes Unternehmen. Ab November 2022 wird das Bethesda Spital Basel die feinen Süssigkeiten von Jürg Binders SchoggiEgge anbieten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde