Mittwoch, 8. Juni 2022

Das Rimini der Fliegen

Ein Zitat

Kleine Fliegen sonnen sich auf einem Stahlseil
Foto © Jörg Niederer
"Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein." Ingeborg Bachmann (1926-1973), österreichische Schriftstellerin

Ein Bibelvers - Psalm 121,6-8

"Am Tag wird dir die Sonne nicht schaden und der Mond nicht in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Bösen. Er wacht gewiss über dein Leben. Der Herr behütet dein Gehen und Kommen von heute an bis in alle Zukunft."

Ein Anregung

Sonnenhungrig versammelten sich tausende von kleinen Fliegen an allen besonnten Stellen im Wald. Ganz offensichtlich fühlten sie sich wohl in der Wärme und dem Licht. Sobald ich mich ihnen näherte, flogen sie auf, um wenige Augenblicke später wieder in die Sonne zurückzukehren.

Hat wohl schon jemand untersucht, ob es unter den Fliegen auch so etwas wie den Kampf um den besten Platz an der Sonne gibt? Legen sie kleine Handtücher auf ihre Liegestellen? Geniessen sie die Nähe der andern Fliegen, oder sind sie sich gegenseitig eher lästig und wünschten sich einen leeren "Fliegenstrand"? Wie ist es mit dem Sonnenschutz?

In heissen Ländern fliehen die Einheimischen vor der Sommerhitze in die kühle der Häuser, und die Touristen legen sich an die heisse Strände in die pralle Sonne.

Wie sieht dein rechtes Mass aus: Eher Sonnenanbeterin, Sonnenanbeter oder Schattenflüchtling?

Wie sieht dein Glaubensmass aus: Eher Gottes Anbeter, Anbeterin, oder zufrieden mit dir selbst?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Juni 2022

Ein Methodist und ein Gnostiker

Ein Zitat

Ich mit dem Methodist-T-Shirt
Foto © Jörg Niederer
"Sie behaupten, sie seien mächtiger, sie seien klüger als die Jünger... ja sie stünden Jesus in nichts nach, denn ihre Seelen seien in demselben Kreis gewesen." Der Kirchenvater Irenäus über die Gnostiker

Ein Bibelvers - Johannes 3,13-15

"Nur einer ist in den Himmel hinaufgestiegen. Es ist der, der auch vom Himmel herabgekommen ist: der Menschensohn. Es ist wie damals bei Mose, als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat."

Ein Anregung

Ich weiss, ein Foto von mir ist aus verschiedenen Gründen eigenartig. Es geht mir auch mehr um das T-Shirt. Darauf steht "Methodist". Es ist ein altes T-Shirt, das ich nur noch zum Wandern trage. Gestern, am Ende der Wanderung auf dem Busbahnhof Frauenfeld spricht mich ein Mann an: "Aha, du bist Methodist". "Ja", sage ich, und während er weitergeht ruft er mir zu: "Und ich bin Gnostiker".

Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt auf den Schriftzug des T-Shirts angesprochen wurde. Doch so habe ich erfahren, dass es noch Gnostiker gibt in der heutigen Zeit. Theologisch vertreten heutige Gnostiker das Gleiche wie schon zur Zeit der ersten Christen. 

Der Gnostizismus sieht ungefähr so aus: Die materielle Welt ist von einem niederen Engel oder Gott geschaffen und als solche minderwertig. Aber es gibt noch einen Funken Wissen von der allesentscheidenden göttlichen Einheit. Nun geht es darum, sich aus dem materiellen, körperlichen Gefängnis zu befreien, und so Teil der göttlichen Einheit zu werden. Dabei hilft Sophia (die Weisheit) und auch Jesus.

Die Sammlung der neutestamentlichen Bücher ist in der Auseinandersetzung von Gnosis und paulinischer Theologie entstanden. Die Gnosis wurde von der Kirche als Irrlehre verworfen. Unter dem Einfluss und in Abwehr des Gnostiker Marcion, geboren gegen Ende des 1. Jahrhunderts, wurden Schriften zusammengestellt, die frei von gnostischen Gedanken den christlichen Glauben angemessen (aus Sicht der frühen Kirche) wiedergeben. Speziell dabei war, dass das Alte Testament bewusst als Teil des christlichen Glaubens dazukam. Denn dieses wurde von der Gnosis weitgehend verworfen. Im Gott des alten Testaments sah die Gnosis den minderwertigen Schöpfer der minderwertigen materiellen Welt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. Juni 2022

Richtstätten in Himmelsnähe

Ein Zitat

Alphornbläser auf dem Hohen Hirschberg
Foto © Jörg Niederer
"Überliefert ist etwa der Fall der Holzwürmer von Mamirolle: Diese hatten den Bischofsstuhl der Dorfkirche befallen und so zernagt, dass der Stuhl 1520 unter dem Bischof von Besançon zusammenbrach. Im Prozess wurden die Holzwürmer – in Abwesenheit – dazu verurteilt, aus dem Bischofsstuhl aus- und in einen Baum zu ziehen." aus National Geographic: Die Geschichte der Tierprozesse: 'Von mörderischen Schweinen und teuflischen Holzwürmern'

Ein Bibelvers - 2. Mose 21,28

"Angenommen, ein Rind stößt einen Mann oder eine Frau, sodass er oder sie stirbt: Dann muss das Rind gesteinigt werden, und sein Fleisch darf nicht gegessen werden. Aber der Besitzer des Rindes bleibt straffrei."

Ein Anregung

Vor einigen Tagen nahm ich als Gast am Dankesessen der Reformierten Kirche Teufen teil. Es fand auf dem Höch Hirschberg statt, unweit von Gais und Appenzell gelegen.

Am Abend in unterhaltsamer Tischrunde kam jemand auf den "Himmelberg" zu sprechen, unweit von Appenzell gelegen auf dem Weg zum beliebten Wandergipfel Hundwiler Höhi. Da ich nicht genau wusste, wo dieser Himmelberg gelegen ist, schaute ich auf der Onlinekarte nach. Was mir dabei auffiel, erheiterte nicht nur mich. Direkt neben dem Himmelberg liegt ein Hügel, der als "Hundshenki" bezeichnet wird. Eine eigenartiges Nebeneinander. Wer will schon in Himmelshöhen einen erhängten Hund betrachten müssen? Gemäss ortsnamen.ch hat es damit folgende Bewandtnis: "In Tierprozessen, die v. a. im Spätmittelalter verbreitet waren, wurden Tiere, die einen Schaden angerichtet hatten (z. B. durch Bisse oder Weiden auf einem fremden Grundstück), ähnlich wie Menschen verurteilt und gerichtet." 

Dass man sich mit Flurnamen an solche Ereignisse erinnern will, scheint eine Ostschweizer Eigenart zu sein. Denn nebst besagtem Hügel im Appenzellerland ist nur aus Flawil eine weiter "Hundshenki" bekannt.

Aber auch den Himmelberg findet man als Flurnamen in der Schweiz nur noch ein zweites Mal in im Thurgauischen Pfyn, unweit vom Säntisblick gelegen.

Es liegt halt alles nahe beieinander: Himmel und Hölle, Leben und Tod, Freude und Entsetzen, Lust und Leiden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. Juni 2022

Gott, der Dankbare?

Ein Zitat

Die ganze Schöpfung ist dazu da, Gott zu loben und zu danken.
Foto © Jörg Niederer
"Freude ist die einfachste Form der Dankbarkeit." Karl Barth

Ein Bibelvers - Johannes 6,11

"Jesus nahm die Brote und dankte Gott."

Ein Anregung

Ist Gott dankbar? Unter den 99 Namen Gottes im Islam findet sich auch "der Dankbare". Sucht man in der Bibel nach Hinweisen auf Gottes Dankbarkeit, findet sich nichts.

Ist der christliche Gott undankbar? Wem sollte er dankbar sein? Dem Menschen wohl eher nicht. Der müsste Gott dankbar sein. Dann noch die Gretchenfrage: Was hat Gottes Dankbarkeit mit Pfingsten und dem Heiligen Geist zu tun?

Mehr dazu erfährt man im heutigen Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Wer vor Ort an der Kapellenstrasse 6 dabei sein möchte, sollte um 10.15 Uhr bereit sein. Für die, welche die Predigt per Youtube miterleben möchten, beginnt es ab 10.30 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 4. Juni 2022

Ein bisschen Queen muss sein

Ein Zitat

Briefmarken mit dem Bild der Queen Elisabeth II.
Foto © Jörg Niederer
"Auf welch größere Inspiration und Rat können wir zurückgreifen, als auf die unvergängliche Wahrheit, die wir in diesem Schatzhaus finden können, der Bibel?" Queen Elisabeth II.

Ein Bibelvers - Psalm 45,10

"Königstöchter tragen Schmuck von deinen Edelsteinen. Die Königin an deiner Seite strahlt von Ofir-Gold."

Ein Anregung

Queen Elisabeth II. ist schon länger im Amt als ich auf der Welt. Kein Wunder, finden sich unter meinen einst gesammelten Briefmarken viele mit ihrem Portrait. Mein ganzes Leben lang war sie einfach da. 

Als Oberhaupt der Kirche von England ist sie auch von religiöser Bedeutung. Ich weiss zurzeit keinen König, der ihr das Wasser reichen könnte. Niemand vertritt die Monarchie so omnipräsent und überzeugend, wie die mittlerweile 96-jährige.

Lange Zeit waren die mächtigsten menschlichen Personen Könige. Also bezeichnete man Gott als König aller Könige, um seine Machtfülle angemessen zu umschrieben. Angesichts der ausserordentlichen Beliebtheit der britischen Königin, müsste man da nicht von Gott als "Königin aller Königinnen" (aller Royalen) sprechen?

Wie geht es dir mit weiblichen Gottesbildern? Wie oft denkst du in weiblichen Kategorien von Gott?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. Juni 2022

Der orthodoxe Mönch und der Lippenstift

Priester Mihail Adam am Fenster der Rumänisch-orthodoxen Kirche in Abtwil
Foto © Jörg Niederer
Ein Zitat

"Ikonen begleiteten das Christentum seit seinem Aufbruch bis zum heutigen Tage."

Ein Bibelvers - 1. Petrus 5,14

"Grüßt euch untereinander mit dem Kuss, der eure geschwisterliche Liebe zueinander ausdrückt. Friede sei mit euch allen, die ihr zu Christus gehört!"

Ein Anregung

Die Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen von Zürich, Winterthur, St.Gallen und beider Appenzell trafen sich zu ihrer jährlich einmal stattfindenden Weiterbildung in St. Gallen.

Auch zu Besuch war man in der Rumänisch-orthodoxen Kirche, welche in einem Industrie- und Gewerbehaus in Abtwil eingemietet ist. Es ging im Wesentlichen um die Sozialarbeit von Kirchen, aber natürlich liessen sich die Gäste auch gerne über die Einrichtung einer orthodoxen Kirche informieren. Dabei stellte jemand fest, dass einige Ikonenbilder von einer Glasscheibe bedeckt wurden. Priester Mihail Adam erklärte, dass die Verehrung der Heiligen das Küssen der ikonischen Bilder beinhaltet. Mit der Zeit würden diese wertvollen Werke durch Lippenstift der Frauen beeinträchtigt. Auf Glas lassen sich die Spuren leicht entfernen, nicht aber auf der Ikone selbst.

Dazu erzählte der Priester eine Anekdote, ob von sich selbst oder von einem andern Priester weiss ich nicht mehr sicher. Auf jeden Fall fragte der Priester seinen Beichtvater, ein Mönch, der zugleich Fachmann für die Restauration von Ikonen war, ob es möglich sei, den Lippenstift von der Ikone zu entfernen, ohne das Kunstwerk zu zerstören. Der Beichtvater wusste es nicht, hatte er doch sonst mit ganz anderen Verunreinigungen und Schäden zu tun. So meinte er: "Ich werde morgen Lippenstift kaufen, und dann ausprobieren, wie man ihn von den Ikonen wegbekommt."

Nun stelle man sich einen orthodoxen Mönch vor, der sich in einem Kosmetikfachgeschäft bei der jungen Verkäuferin nach Lippenstift erkundigt. Da muss man ja auf falsche Gedanken kommen. Verständlich also, dass der Mönch schlussendlich auf einem anderen Weg zum Lippenstift für das Kunstexperiment gekommen ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. Juni 2022

Fehlende Bodenhaftung

Ein Zitat

Ein Fussweg ohne Haftung führt durch das Sacktobel
Foto © Jörg Niederer
"Die Wandernden... müssen vielmehr darauf vertrauen, dass Geländer, Brücken, Leitern etc. ihrer Bestimmung entsprechend benutzt werden können." Leitfaden "Gefahrenprävention und Verantwortlichkeit auf Wanderwegen"

Ein Bibelvers - Psalm 23,4

"Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich."

Ein Anregung

Sacktobel gibt es in der Schweiz in Eggersriet SG, in Furna, Grüsch und Luzein GR, in Lütisburg, Oberuzwil und Waldkirch SG, in Pfäffikon und Wetzikon ZH, sowie im Safiental GR.

Dasjenige "Sacktobel ohne Haftung" befindet sich bei Auslikon am Pfäffikersee, und ist tatsächlich nicht ganz ohne. Der privat von Emil Rutz und Reinhold Bär 1988 erstellte Weg ist nicht mehr im besten Zustand. Zuletzt wurden 2019 Instandstellungsarbeiten durchgeführt. 

Bei einem Sacktobel handelt es sich um einen "Geländeeinschnitt von sackartiger Form". Wir kämpften uns über steile Wegabschnitte mit Winterschäden hinunter zum namenlosen Bach in der kleinen Schlucht, fanden uns auf einem Wiesenweg in mannshohem Gras, überquerten fussbreite Profilblechbrücken und landeten schlussendlich vor dem Wegweiser mit dem Hinweis auf die fehlende, beziehungsweise abgelehnte Haftung. Ob die mehrdeutige Anschrift gewollt ist? An diesem relativ trockenen Tag war die Bodenhaftung gut, die Gefahr auszugleiten klein. 

Mit der rechtlichen Haftung sieht es da schon viel komplizierter aus. In der Schweiz gibt es vom Bundesamt für Strassen ASTRA den fast 100 seitigen Leitfaden "Gefahrenprävention und Verantwortlichkeit auf Wanderwegen". Bezugnehmend auf das Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege (FWG) wird darin grundsätzlich festgehalten: "Wanderwege sollen 'möglichst gefahrlos' begangen werden können (Art. 6 Abs. 1 Bst. b FWG)". Jedoch heisst es dann in dieser Wegleitung: "Die Eigenverantwortung der Wandernden hat... traditionell einen hohen Stellenwert." Dies gilt ausdrücklich für die sorgfältige Planung, die an die eigenen Fähigkeiten angepasste Routenwahl, die passende Ausrüstung und die Beachtung der Wetterverhältnisse. Und weiter steht da geschrieben: "Ein umfassender Schutz kann auf keinem Weg erwartet werden." 

Ob aber mit einem Hinweis auf dem Wegweiser jede Haftung der Wegerbauer abgelehnt werden kann? Ich zweifle daran.

Wie die Haftungsfrage auf den "Glaubens- und Lebenswegen" aussieht, was man an Verantwortung auf Gott abschieben kann und wofür man selbst verantwortlich ist, ist eine andere, nachdenkenswerte Frage? Auch da habe ich den Eindruck, dass die Eigenverantwortung gross geschrieben ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. Juni 2022

Vom Gold geblendeter Rassismus

Ein Zitat

Allegorische, stereotype Darstellung Australiens am Haus zur Waage in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Lass niemanden sagen, dass die Vergangenheit tot ist! Die Vergangenheit dreht sich um uns in uns." Oodgeroo vom Stamm Noonuccal (Ureinwohner Australiens)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 3,6

"Doch Petrus sagte: 'Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus, dem Nazoräer: Steh auf und geh umher!'"

Ein Anregung

Am Haus zur Waage in St. Gallen gehen täglich unzählige Menschen vorbei. Nur wenige schauen über die Schaufenster des Ladens hinauf zum Giebel des Hauses. Wer es tun, sieht weit oben fünf Köpfe, welche die fünf bewohnten Kontinente darstellen. Es sind stereotype Darstellungen, erstellt vom aus Holland stammenden Steinbildhauer Henri Gisbert Geene (1865-1950).

Der auf dem Foto festgehaltene australische Ureinwohner wird mit einem goldenen Klotz durch die Nase und einer schweren goldenen Kette dargestellt. Doch an Gold interessiert waren die Aborigines nicht. Es waren die Siedler aus aller Welt, die es beim viktorianischen Goldrausch zu tausenden nach Australien zog, um dort ihr Glück zu suchen. Die Ureinwohner waren nur im Weg wurden an den Rand gedrängt, verfolgt, entmündigt, isoliert. Armut war die Folge, nicht etwa ein Leben im goldigen Überfluss.

Vielleicht ist diese Entmündigung auch in der Kette um den Hals des Mannes dargestellt. Sie macht auf mich den Eindruck einer dieser Eisenkugel bestückten schweren Fesseln, mit denen man einst Gefangene in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte.

In St. Gallen ist man sich der rassistischen Vergangenheit bewusst. Es gibt zwei Stadtrundgänge, welche auf diese dunkle Vergangenheit hinweisen. Der Stadtrundgang, bei dem das Haus zur Waage besprochen wird, findet sich auf der entsprechenden Seite des Kantons in der Broschüre von 2019.

Ich werde mir bald einmal beide Rundgänge zumuten. Vielleicht kann ich ja aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 31. Mai 2022

Als es auf Schweizer Strassen noch lebensgefährlich war

Ein Zitat

Das Schloss Eppishausen beim thurgauischen Erlen
Foto © Jörg Niederer

"Es geht auch keine Woche hin, dass man nicht von Unglücksfällen hörte, und Du magst fragen, wen Du willst, jeder ist schon vielmals umgeworfen und hat auch mitunter Schaden genommen, wäre es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu."
Annette von Droste-Hülshoff über den Strassenverkehr in der Schweiz um 1836

Ein Bibelvers - Epheser 5,33

"Es gilt aber auch für euch: Jeder Einzelne von euch soll seine Frau in der gleichen Weise lieben wie sich selbst. Aber die Frau soll ihren Mann achten."

Ein Anregung

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war die wohl bedeutendste deutschsprachige Dichterin ihrer Zeit. In ein westfälisches Adelsgeschlecht hineingeboren stand sie unter den üblichen Zwängen der damaligen Zeit, die Frauen wenig Entfaltungsmöglichkeiten boten. Mit 19 Jahren schrieb sie in einem Gedicht: "Fesseln will man uns am eigenen Herde, unsere Sehnsucht nennt man Wahn und Traum"

Noch bevor Sie mit der Novelle "Die Judenbuche" 1842 den Durchbruch schaffte, verbrachte sie 1835-1836 einige Monate in der Schweiz; im Schloss Eppishausen bei ihrer Schwester Jenny und deren Mann Joseph von Laßberg. Doch da sie kaum Zugang hatte zu den zeitgenössischen Dichter und Denker, war es ihr bald langweilig. Die Ostschweiz blieb ihr fremd. An Karl von Haxthausen schrieb sie am 8. August 1836: 

"Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben – fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, dass man nicht wusste, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel, aus dem man Brei hätte kochen können, der gar nicht fortging, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich das unmittelbar vor uns liegende Dorf mehrere Monate lang nur gehört, aber nicht gesehn habe, den ganzen Tag klingelten Schlitten und bellten Hunde, die nebenher liefen, und Mama sagte ein ums andere Mal 'Lappland!'... 

Wir, nämlich Mama und ich, mit noch vier anderen, haben vor vierzehn Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Appenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt und mitten im August an Schneefeldern gestanden haben. Das Merkwürdigste aber ist, dass wir binnen vier Tagen drei verschiedene Kutscher gehabt haben, wovon uns der erste umwarf, der zweite ein noch ungebrauchtes und der dritte ein kolleriges Pferd vorspannte, sodass wir dreimal in die größte Lebensgefahr geraten sind. Es gibt überhaupt nichts Elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend..." 

In dieser Zeit entstand aber auch ein wunderschönes Gedicht vom Säntis. All das und noch mehr über diese bemerkenswerte Frau weiss ich nur, weil ich auf einer Wanderung vorbei am Schloss Eppishausen durch eine Inschrift auf die Dichterin neugierig gemacht wurde. Ich finde, es hat sich gelohnt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 30. Mai 2022

Kurt Marti und die Rapper

Ein Zitat

Die evangelische Kirche und der Friedhof in Erlen
Foto © Jörg Niederer
"mir hei e kei angscht / will me / für angscht chönne z'ha / kei angscht / vor dr angscht / dörfti ha / mir hei e kei angscht" Kurt Marti im Mundartband "Rosa Loui"

Ein Bibelvers - Philipper 1,21

"Denn für mich ist Christus das Leben. Und deshalb ist sogar das Sterben für mich ein Gewinn."

Ein Anregung

Kurt Marti stand am Sontag vor einer Wochen in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen im Zentrum einer Lesung mit Musik. Wie die Mundartdichtung des Pfarrers und Schriftstellers die Kultur geprägt hat und immer noch prägt, zeigen vertonte Gedichte. 

Der Rapper Baze nimmt in seiner Hommage an Kurt Marti mit "Dimanche brut" den Sonntag aufs Korn: "am sonntig setze mer zäme ond schwiege üs a..." 

Steff la Cheffe variiert den Text "kei angscht" aus dem Mundartband "Rosa Loui" von Kurt Marti.

Das Popduo Lo & Leduc ihrerseits beschäftigen sich anhand eines Marti-Textes im Lied "Argumänt" mit der Verdrängung des Todes. In der Regionalzeitung "Hope" sagt Luc (alias Leduc) dazu: "Kurt Marti nutzte seinen Resonanzraum immer wieder für kritische, politische und polarisierende Themen. Sowohl der Inhalt als auch die Form seiner Lyrik ist somit für uns inspirierend. Das Gedicht, welches wir vertonten, war uns sofort ins Auge gesprungen." und Lorenz (alias Lo) ergänzt: "Unserer Gesellschaft täte es gut, wenn wir den Tod wieder mehr in die Mitte holen würden, anstatt ihn zu verdrängen. Leider wird dieser Zustand auch durch ganz banale bürokratische Absurditäten gestützt, indem man beim Tod eines Familienangehörigen in gewissen Fällen nur einen bis maximal drei freie Tage bekommt und einem so für Trauer und Abschied keine Zeit bleibt."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 29. Mai 2022

Feindesliebe - eine Illusion?

Ein Zitat

Historisches Teilstück der Berliner Mauer. Ein Ort, an dem einst Feinde "Wand an Wand" lebten.
Foto © Jörg Niederer
"Wer den Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig." Nepalesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Lukas 6,27

Jesus: "Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen."

Ein Anregung

Im Krieg stehen sich Menschen feindlich gegenüber. Feinde möchte niemand haben. Ein Feind, eine Feindin, wie soll sie, wie soll er behandelt werden? Mit eiserner Härte? Indem ich sie oder ihn vernichte?

Jesus sieht es anders. Er will, dass wir unsere Feinde lieben, und denen, die uns hassen, Gutes tun. Ist das nicht ziemlich "blauäugig"

Warum ich glaube, dass es das nicht ist und warum die Feindesliebe Sinn macht, das werde ich in der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen aufzuzeigen versuchen. 

In der Kirche an der Kapellenstrasse 6 beginnt der Gottesdienst um 10.15 Uhr. Per Youtube kann die Predigt so um 10.30 Uhr miterlebt werden.

Und wer sagt denn nicht, dass aus Feinden nicht auch Freunde, aus Feindinnen Freundinnen werden können? Da gab es einmal eine Mauer in Berlin, die verfeindete Staaten trennten. Und heute ist die Mauer ein Denkmal für die Versöhnung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 28. Mai 2022

Die Kirchen und der Klimawandel

Ein Zitat

Aufmerksame Gäste am Klimaabend der ACK in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. V.l.n.r.: Der römisch-katholische Bischof Markus Büchel, Sozialethiker Dominic Roser und Klimaseniorin und Alt-Nationalrätin Pia Hollenstein.
Foto © Jörg Niederer
"Wir müssen uns davon [von Schuld und Scheitern] nicht lähmen lassen, sondern können einen Neuanfang wagen." Bischof Markus Büchel

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,15

"Gott der Herr nahm den Menschen und brachte ihn in den Garten Eden. Er sollte ihn bearbeiten und bewahren."

Ein Anregung

Nach etwas mehr als einer Woche weiss ich immer noch nicht, warum die Vertreterin der Klimajugend am Podium zur Klimagerechtigkeit nicht aufgetaucht ist.

Sigmar Friedrich, ein ehemaliger Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) und heute Verantwortlich für die kirchlichen Medien der EMK hat einen realistischen Bericht geschrieben zu diesem Anlass der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beider Appenzell und St. Gallen. Was er nicht geschrieben hat, was aber durch die Zeilen durchscheint, ist, dass die Kirchen in diesen Fragen zwar meist auf der Seite der Klimajugend stehen, aber wohl keinen bedeutenden Einfluss mehr haben als moralische Instanz und Akteurinnen bei der Durchsetzung der Klimaziele.

Da aber alle Kirchen über viele Liegenschaften verfügen, könnte hier ein Ansatz zu finden sein. Wie wäre es, wenn durch Kirchen nur noch Nullenergie-Kirchen und Nullenergie-Liegenschaften gebaut würden?

Wo siehst du die Möglichkeit, wie Kirchen sich für mehr Klimagerechtigkeit und CO2-Reduktion einsetzen können?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 27. Mai 2022

Der Hahn und das Licht - eine Morgenfabel

Ein Zitat

Als trüge der Hahn ein Körnchen Licht im Schnabel.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Hahn am Morgen vertreibt Schatten und Sorgen." Sollte jemand behaupten, nicht der Hahn oder das Huhn, sondern der Kaffee bewirke dies, wäre diese Person noch nicht auf dem neusten Stand der Erkenntnisse und sollte unbedingt weiterlesen!

Ein Bibelvers - Epheser 5,14

"Und alles, was vom Licht erleuchtet ist, wird selbst zum Licht. Deswegen heißt es: 'Wach auf, du Schläfer, und steh auf vom Tod! Dann wird Christus dein Licht sein.'"

Ein Anregung

Licht bedeutet Leben. Im Licht der Sonne erstrahlen die Geschöpfe Gottes.

Der Hahn lebt nicht nur vom aufgesammelten Korn allein. Morgens, wenn es noch dunkel ist, pickt er nach dem seltenen Klümpchen Licht, das sich am Tag zuvor im Schmutz des Hühnerhofs verfangen hat, wirft es in die Luft, fängt es gekonnt auf und schluckt es hinunter. Nun leuchtet das Lichtklümpchen aus seinem Inneren, bringt sein Federkleid in schönsten Braun- und Blautönen zum Erstrahlen.

Wenn der Gockel sich aber - noch vor dem ersten Sonnenstrahl - aufstellt, den Kopf in die Höhe reisst und zu einem lauten Kikeriki ansetzt, entsteigt aus seinem Kehlkopf das Licht, und während es hinaufschwebt, verschmilzt es mit den leuchtenden Rufen tausender anderer Hähne (und Hennen, die in ihrem Singen bescheidener, in ihrer Lichtkraft den Hähnen aber ebenbürtig sind). Bald schon ballt sich die Lichtsaat des Hühnervolks zum Sonnenrund zusammen und lässt den Tag von Ost nach West erstrahlen. Das ist, weshalb beim ersten Hahnschrei der Tag anbricht.

Einmal ganz ehrlich: Nicht nur Hühner und Hähne können das. Auch wir Menschen vermögen mit unseren Entdeckungen, Worten und Gesängen den Tag hell und licht werden zu lassen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 26. Mai 2022

Fünferlei Satanistinnen und Satanisten

Ein Zitat

Ein Spielzeugdrache in der orthodoxen Kirche.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist schade, dass Dummheit nicht schmerzhaft ist." Anton Szandor LaVey (1930-1997) Gründer der Church of Satan

Ein Bibelvers - Offenbarung 12,9

"Der große Drache wurde hinabgestoßen – die uralte Schlange, die auch 'Teufel' oder 'Satan' genannt wird. Sie verführt die ganze Welt dazu, sich von Gott abzuwenden. Der Drache wurde auf die Erde hinabgestoßen, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen."

Ein Anregung

Der Drache in der orthodoxen Kirche sieht gefährlich aus. Aber was da so krallenbewehrt, metallisch schillernd vorbeischleicht, ist nichts weiteres als ein Spielzeug aus Plastik. 

In der Bibel ist der Drache ein Bild, eine Erscheinungsform des Teufels. In der Offenbarung wird gewarnt, diesen anzubeten. Doch es gibt Menschen, die als Satanisten genau das tun. Manche stehen ganz offen dazu, andere etwas verschämter. Was hat es mit diesen Satanisten auf sich? Sind sie gefährlich? 

Im Podcast "Fadegrad" der katholischen und reformierten Kirche St. Gallen erfährt man mehr. Da unterhält sich die Moderatorin mit dem Satanisten Robert Thomsen und dem Sekten- und Religionsexperten Georg O. Schmid. Es lohnt sich, die Ausführungen anzuhören. Ich habe einiges in kurzer Zeit dazugelernt und bin gespannt, wie es im zweiten Teil nächste Woche weitergehen wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 25. Mai 2022

Die Methodistenkirche – wie weiter nach der Spaltung?

Ein Zitat

Nachdenklicher Bischof Patrick Streiff anlässlich der Jährlichen Konferenz 2021.
Foto © Jörg Niederer
"'Kaleidoskop' ist keine Mogelpackung... Das bedeutet vielleicht, den eigenen Stolz zu überwinden – und demütiger zu werden." aus Newsmeldung

Ein Bibelvers - 1. Korinther 12,14+15

"Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn nun der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib!, gehört er deshalb etwa nicht zum Leib?"

Ein Anregung

Seit dem 1. Mai gibt es die Global Methodist Church, eine konservative Abspaltung von der "The United Methodist Church" (deutsch: Evangelisch-methodistischen Kirche). Damit ist die Kirchenspaltung Realität. Ausschlaggebend wahren und sind die verschiedenen Ansichten zur Homosexualität. Am 29. April hat Radio SRF2 (ab 13:31 Minuten) dazu Bischof Patrick Streiff befragt und die Geschehnisse präzise beschrieben. Erwähnt wurde etwa, dass die bulgarischen und rumänischen Methodistinnen und Methodisten sich der neuen Kirche anschliessen werden. Aber auch gesagt wird, wie in der Schweiz mit diesem Thema umgegangen werden soll. Das entsprechende Konzept heisst "Kaleidoskop". Dazu gibt es ein sehenswertes Video, in dem Stefan Schnegg und Iris Bullinger von unterschiedlichen Ansichten herkommend sich auf einen gemeinsamen Weg machen. Beide gehören dem Vorstand der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika an.

Wer sich darüber informieren will, wie die Methodistenkirche in der Zukunft aussehen könnte, dem empfehle ich diese Ton- und Bildbeiträge.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 24. Mai 2022

Alle Jahre wieder Kunst am Pferd

Ein Zitat

Das Pippi-Langstrumpf-Pferd auf dem Kornhausplatz St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"2 x 3 macht 4 / Widdewiddewitt / und Drei macht Neune! / Ich mach' mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt." Refrain aus dem Pippi-Langstrumpf-Lied

Ein Bibelvers - Ezechiel 11,22

"Danach breiteten die Kerubim ihre Flügel aus. Die Räder waren neben ihnen und der Gott Israels in seiner Herrlichkeit war genau über ihnen."

Ein Anregung

In diesen Tagen stehen wieder 11 Kunstpferde in der Stadt St. Gallen herum. Es ist Werbung für den CSIO, das offizielle Springreiten der Schweiz, das in der Wiboradastadt ausgetragen wird.

In St. Gallen gehören diese Kunsttiere zum Stadtbild. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, wunderte ich mich sehr über das Steckenpferd, den Pegasus, das Rösslein Hü, den Kentaur, oder auch das Pferd Blondi, das im Wassergraben feststeckt.

Ich kann nicht sagen, dass ich bewusst schon alle Pferdefiguren entdeckt hätte. In diesem Jahr etwa ist mir das Pferd "Pippi Langstrumpf" zum ersten Mal aufgefallen. Während auf älteren Bilder die Zöpfe des Tieres noch der Schwerkraft folgten, stehen sie aktuell rechtwinklig vom Pferdehaupt ab.

Geschaffen wurden die Kunstpferde 2007 von den regional verankerten Künstlern Marco Molinari und Thomas Urben-Cecchinato. Unter Zeitdruck, wie man in alten Pressebildern lesen kann.

Apropos Pippi Langstrumpf. Das von Astrid Lindgren geschaffene Kind mit Superkraft, Pferd und Äffchen steht für eine fröhliche, anarchische Fantasiewelt. Sein Motto "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" ist heute der frühkindlichen Welt entwachsen. Gestandene Frauen und Männer leben in ihrer Bubble, ihrer Blase, und gefallen sich in einer Traumwelt, an die sie selbst glauben, ja glauben wollen.

Da frage ich mich: Wie viel Fantasie findet sich in meiner Welt? Und wie viel von dieser meiner Welt erkenne ich als Fantasie?

Die Kunstpferde jedenfalls sind einige Tage reale, fantasievolle Wirklichkeit im Strassenbild von St.Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 23. Mai 2022

Die Liebe besiegt alles

Ein Zitat

Die Schutzengelkapelle in St. Gallen während der Weihnachtszeit.
Foto © Jörg Niederer
"Die graue Masse wird unter der Liebe Gottes zu lauter Nächsten." Chiara Lubich (1920-2008)

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,19

"Wir lieben, weil er [Gott] uns zuerst geliebt hat."

Ein Anregung

Chiara Lubich begegnete ich 1997 an der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz, wo sie ein vielbeachtetes Referat hielt. Der Gründerin der Fokolarbewegung ging es unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs darum, gesellschaftliche Veränderungen auf der Basis christlich verstandener Liebe und Verantwortung zu fördern. Für ihre Bemühungen um die Ökumene und den interreligiösen Dialog erhielt sie zahlreiche Preise. Heute gehören der Fokolarbewegung weltweit 140'000 Mitglieder an.

Am Dienstagabend von 19-21 Uhr wird der Film "L'amore vince tutto" (Die Liebe überwindet alles) über ihr Leben und die Fokolarbewegung auf italienisch (mit deutschen Untertiteln) gezeigt. Zu sehen ist er in St. Gallen in der Schutzengelkapelle, direkt gegenüber des Doms.

Auf Youtube kann man sich eine Vorschau zum Film ansehen. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 22. Mai 2022

"Er kann, bildlich gesprochen, anderen die Füsse waschen."

Ein Zitat

Die Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche Baden
Foto © Jörg Niederer
"Vielleicht sind 'Paradies' und 'Himmel' Bildwörter für wunschloses Glück." Kurt Marti. Aus dem Buch "Hannis Äpfel" (Göttingen 2021, S.48)

Ein Bibelvers - Römer 15,7

"Daher bitte ich euch: Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat, damit die Herrlichkeit Gottes noch größer wird."

Ein Anregung

Der Äthiopier Teferi Kassa Biratu wohnt mit seiner Familie in Baden und ist TDS-Student. Zudem leitet er aktiv in zwei Kirchen: In der Evangelisch-methodistischen Kirche Baden und in der evangelischen äthiopischen Gemeinde Bethel in Zürich. In der aktuellen Ausgabe von meinTDS wird er von der Konrektorin am TDS, Kathrin Hunn interviewt. In diesem Interview wird die EMK und der dortige Pfarrer Stefan Moll vom Afrikaner wie folgt beschrieben: 

"Die EMK haben wir kennengelernt, weil sie einen offenen Treffpunkt für Migrantinnen, Migranten und Einheimische anbietet. Die Menschen dort waren offen und nahmen uns auf. Schon nach zwei Wochen war ich eingeladen zu predigen. Diese Offenheit gegenüber einem afrikanischen Prediger war neu für mich und hat mich beeindruckt. Bald fragten sie mich an, Teil der Gemeindeleitung zu werden. Ich komme aus der Pfingstbewegung und konnte kein Deutsch. Also habe ich zuerst abgelehnt. Sie meinten, ich könne vorerst auf Englisch predigen. Ich habe mit meiner Frau gebetet und Gott hat zu mir gesprochen. So habe ich schliesslich zugesagt." 

Dann fragt ihn Karin Hunn: "Du hast mir erzählt, Stefan Moll gäbe dir das Gefühl, dass ihr beide auf Augenhöhe seid, was die Leitung betrifft. Woran spürst du das?"

Teferi Kassa Biratu antwortet: "Das ist eine wichtige, aber schwierige Frage. Ich denke an Jesus als Beispiel. Er war mitten unter den Menschen. Er begegnete auch Frauen. Er wusch seinen Jüngern die Füsse. Das habe ich mit Stefan ähnlich erfahren. Er kann, bildlich gesprochen, anderen die Füsse waschen. Er führt ein einfaches Leben, die Gastfreundschaft ist ihm sehr wichtig. Ich bekam Unterstützung, aber ich konnte auch Leute unterstützen." 

Soweit der Blick in eine andere methodistische Gemeinde.

In St. Gallen endet heute die Jubiläumswoche zu 161 Jahren Methodistenkirche in St. Gallen mit Brunch und Lesung.

All sind schon um 9.30 Uhr zum Brunch eingeladen. Aber man kann auch erst auf 10.30 Uhr kommen für die Lesung von Texten des protestantischen Dichterpfarrers Kurt Marti, vorgetragen von Dorothea Marti-Henny und untermalt mit Gitarrenklängen von Daniel Jaun.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 21. Mai 2022

Wo chiemte mer hi - Ein Sonntagmorgen mit Kurt Marti

Ein Zitat

Auch aus diesem Büchlein von Kurt Marti werden einige Texte heute Sonntag vorgetragen.
Foto © Jörg Niederer
"denn es bleiben die wege / von der aussaat des korns / bis zum brot auf dem tisch /lang und vielfach gefährdet" Aus dem Gedicht "zum beispiel: brot" von Kurt Marti (Hannis Äpfel, Göttingen 2021, S.24)

Ein Bibelvers - 2. Korinther 9,10

"Gott gibt den Samen zum Säen und das Brot zum Essen. So wird er auch euch den Samen geben und eure Saat aufgehen lassen. Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen."

Ein Anregung

Kurt Marti steht im Zentrum des Gottesdienstes vom morgigen Sonntag. Nach dem Brunch um 9.30 wird es um 10.30 Uhr in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen Texte zu hören geben von diesem bedeutenden Schweizer Dichter und Pfarrer. 

Dorothea Marti-Henny schreibt über ihn: 

"Kurt Marti wurde 1921 geboren. Er besuchte zusammen mit Friedrich Dürrenmatt das Freie Gymnasium Bern. Nach zwei Semestern des Jura-Studiums entschied er sich für die evangelische Theologie und studierte zunächst in Bern, danach (1945–1946) an der Universität Basel, wo er von Karl Barth geprägt wurde.
1950 heiratete er Hanni Morgenthaler aus Langenthal. In den folgenden Jahren wurden drei Söhne – darunter der Journalist und Schriftsteller Lorenz Marti – und eine Tochter geboren. Kurt Marti amtete in verschiedenen Kirchgemeinden als Pfarrer.
Der Gedichtband Rosa Loui: Vierzg Gedicht ir Bärner Umgangsschprach (1967) machte Furore. Die moderne Schweizer Mundartdichtung, von Beat Sterchi bis Guy Krneta oder Pedro Lenz, wäre ohne diese Gedichte Kurt Martis kaum denkbar. 
Von 1961 bis 1983 war er Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern. Er engagierte sich auch politisch sehr stark.
2007 verstarb seine Frau Hanni Marti-Morgenthaler.
In seinen Predigten und Aufsätzen, Gedichten und Aphorismen erweist sich Marti als ein engagierter und kritischer Literat. Einige seiner Texte wurden als „neue geistliche Lieder“ vertont.
Kurt Marti ist 2017 in Bern gestorben." 

Dorothea Marti-Henni wird verschiedene Texte von Kurt Marti aus unterschiedlichen Schaffensperioden lesen. Dazwischen spielt Daniel Jaun auf der Gitarre klassische Stücke von Domenico Scarlatti, Johann Sebastian Bach, Frank Martin und weiteren Komponisten.

Mit diesem Anlass endet die Jubiläumswoche zu 161 Jahren Methodistenkirche in St. Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 20. Mai 2022

Fake News am laufenden Band

Ein Zitat

Peter Frei erklärt den guten Bildaufbau anhand seiner Fotoarbeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Ihr Sinn [von Informationen in Wort, Bild und Grafik] darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen." Aus dem Pressekodex des Deutschen Presserats

Ein Bibelvers - Epheser 4,25

"Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen. Vielmehr soll jeder die Wahrheit sagen, wenn ihr miteinander redet. Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus."

Ein Anregung

Wer sagt denn, dass sich nicht auch Seniorinnen für die Fotografie interessieren? Die älteste Teilnehmerin war 96 Jahre alt, als am Mittwochnachmittag der Fotograf Peter Frei seine in der Methodistenkirche St. Gallen ausgestellten und weiteren Fotografien vorstellte und auf Besonderheiten hinwies.

Eine Serie, die in der Corona-Lockdownzeit entstanden ist, wurde von ihm ausgiebig vorgestellt. Dabei gestaltete Peter Frei Titelseiten für die erfundene Zeitschrift "Karmin". Für die dafür verwendeten Fotos erfand er realistische Geschichten, die aber so nie geschehen sind. Fake News - als kreative Herausforderung!

Die Reaktionen der Teilnehmenden auf den Nachmittagsanlass waren rundweg positiv. "Es hat sich gelohnt zu kommen", meinte eine Frau. Eine andere Besucherin bemerkte: "Ich dachte, man sehe sich die Bilder in der Ausstellung an, doch so war es noch besser mit diesen projizierten Beispielen." Danach ging wohl die eine oder andere Person nach Hause, und versuchte das Gelernte gleich selbst in die Tat umzusetzen, so gut es ging. Wie sagte doch Peter Frei: "Der beste Fotoapparat ist der, den man dabei hat." Das kann auch ein Handy sein. 

Keine Fake News ist der folgende Programmhinweis: 

Heute, 19.00 Uhr findet an der Kapellenstr. 6 in St Gallen ein Gespräch zum Thema: "Klimagerechtigkeit: Einsicht oder Zwang" statt. Unter der Leitung von Altnationalrätin und Klimaseniorin Pia Hollenstein diskutieren der Sozialethiker und Ökonom Dominic Roser (Universität Freiburg), Bischof Markus Büchel (St. Gallen) und die bekannte St. Galler Klimaaktivistin Miriam Rizvi. Danach sind alle zum Apéro eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde