Freitag, 20. August 2021

Lachen, bis Tür und Herz sich öffnen

Ein Zitat

Mit Lächeln in ein neues Lebensjahr eintreten
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle müssen sichergehen, dass wir KI [Künstliche Intelligenz] zum Wohle der Menschheit nutzen und nicht umgekehrt." Tim Cook, CEO bei Apple

Ein Bibelvers - Jeremia 11,20a

"Doch du, Herr Zebaot, bist gerecht. Du prüfst Herz und Nieren."

Ein Anregung

Immer mehr Zugänge in Geschäftshäuser sind mit einer Gesichtserkennung versehen. Beim Kamerahersteller Canon China ist das auch so. Nur dass es dort Büros gibt, in die man nur mit einem freundlichen Gesicht hineinkommt. Die Künstliche Intelligenz erkennt, ob eine Person lächelt, und öffnet dann die Tür. Ohne Lächeln gibt es durch die "Smile Recognition"-Technologie keinen Einlass.

Begründet wird das damit, dass Lächeln die Gesundheit erhöhe, entspanne und und die Arbeitsmoral der Mitarbeitenden steigere. Ob auch erkannt wird, ob das Lächeln echt ist oder gestellt, wird nicht gesagt.

Ich orte noch weitere Anwendungsbereiche. Militärische Einrichtungen könnten nur Personen Einlass gewähren, die den Ramboblick vorzeigt. In Neuseeland käme man in die Einrichtungen der Maori, wenn man die Zunge wie beim Haka-Tanz weit hinausstreckt. Altersheime würden sich öffnen, wenn mindestens 50% des Gesichts mit Runzeln bedeckt wären. An Kirchentüre müsste man möglichst unschuldig in die Kamera schauen. Aber auch Weinenden könnte die Tür geöffnet werden. Priesterseminare blieben zu, würde eine Frau vor dem Eingang auftauchen. In Luxushotels müsste statt des Gesichts die mindestens 5'000 Franken teure Uhr der elektronischen Eingangskontrolle vorgezeigt werden.

Doch mit dieser Technik würde noch lange nicht erfasst, wie es im Herz eines Menschen aussieht. Fragt sich, ob das wünschenswert ist oder nicht, dass es noch keinen verlässlichen Detektor für die Güte der Menschen gibt? Was denkst du?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 19. August 2021

Die Renaturierung der Kirche

Ein Zitat

Der Stadtbach Giesse in Weinfelden glitzert in der Abendsonne
Foto © Jörg Niederer
"Dass das weiche Wasser in Bewegung, mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst? Das Harte unterliegt." Bertolt Brecht (1898–1956)

Ein Bibelvers - Johannes 7,37+38

"Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, trat Jesus vor die Menschenmenge und rief laut: Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: 'Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.'"

Ein Anregung

Gestern war ich an meinem neu hinzugekommenen Wirkort. Seit diesem Monat arbeite ich im Teilpensum als Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche Weinfelden. Auf dem Weg in die Kapelle kam ich zum Giessen, dem kleinen Stadtbach. In der untergehenden Sonne glitzerte mir das schnurgerade in ein Betonkorsett gefasste Wasser einer Silberschnur gleich entgegen. Eine Lebenslinie aus quirligem Nass, das tapfer den Weg durch die steinerne Rinne eilt. Bis zur Einmündung in die Thur hat es keine Zeit zu verweilen, wird es, abgesehen von ein paar präzis gezirkelten Kurven, nie die gerade Linie verlassen. Dabei fliesst der Giessen nahe an der Methodistenkirche in der Hermannstrasse 10 vorbei. Ein Gleichnis für die Kirche?

Gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in der Betonwüste, sich nach Freiheit sehnend. Ob der Bach je einmal wieder renaturiert wird? Ob er wieder mäandern darf, neue Wege ausprobieren, wild sein, sanft sein, Lebensraum werden?

Die Evangelisch-methodistische Kirche in Weinfelden. Auch sie ist gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in Traditionen, sich nach Freiheit sehnend. Die "Renaturierung" der Kirche jedoch ist erwünscht. In den bisher wenigen Begegnungen mit Gemeindegliedern habe ich wache, aufgestellte, hoffnungsvolle und liebe Menschen kennengelernt. Ich wünsche der Gemeinde, dass sie sich ausbreitet, mäandert, neue Wege ausprobiert, wild ist, sanft ist, Lebensraum bleibt und Lebensraum wird für die Menschen der Region.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 18. August 2021

Sieben Generationen in die Zukunft gedacht

Ein Zitat

Mutter und Kind spielen an einem Brunnen in Zug
Foto © Jörg Niederer
"Das erste Kamel einer Karawane hält alle auf; das letzte erhält die Prügel." Äthiopische Sprichwort

Ein Bibelvers - 5. Mose 7,9+10

"Der Herr, dein Gott, er ist Gott. Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund. Die ihn lieben und seine Gebote befolgen, erfahren seine Güte noch in tausend Generationen."

Ein Anregung

Im Buch "Rivertime" von Anna Zirner erzählt sie von ihrer Reise entlang des Colorado Rivers von den Rocky Mountains bis nach Mexiko. Diese führt auch durch Stammesgebiete verschiedener Ureinwohner Amerikas, und so ist es unvermeidlich, dass auch die eine oder andere indianische Weisheit ihren Weg ins Buch findet. Eine Weisheit der Hopi gefällt mir sehr gut: "Bevor du eine Entscheidung triffst, erwäge ihre Auswirkungen auf die sieben Generationen nach dir."

Sieben Generationen - ich überblicke nicht einmal vier Generationen. Den Namen meiner Ur-Urgrossmutter müsste ich erst nachschauen. Wenn ich an die Umbrüche denke in der Zeit meiner bald 62 Lebensjahre - 30jährige Autos gelten als Oldtimer; Mobiltelefone die an den Ohren kleben; Blaumatrizen sind keine Vögel - dann habe ich den Eindruck, dass kein Mensch sieben Generationen in die Zukunft denken kann.

Insofern passt diese Hopiweisheit so gar nicht in unsere schnelllebige Zeit. Wir haben uns daran gewöhnt, der kommenden Generationen die Lösung von Problemen von Gestern zu überlassen, während wir neue Probleme schaffen für die übernächste Generation.

Rechnet man 20 Jahre pro Generation, dann ist die Evangelisch-methodistische Kirche St. Gallen gerade einmal 8 Generationen alt. Wie stellten sich die Methodistinnen und Methodisten damals wohl die heutige Gemeinde, die heutige Welt vor?

Versuche dir einmal auszumalen, wie die Welt deiner Kinder aussehen wird, wenn sie so alt sind wie du! Und nun versuche es bei deinen Grosskindern, Urgrosskindern, Ur-Urgrosskindern und dann noch drei Generationen weiter! Die Hopi sagen: Du musst so denken und handeln, dass diese Menschen im Jahr 2160 noch ein mindestens so gutes Leben haben können wie du heute.

Kein Mensch kann abschätzen, was durch sein Handeln in 140 Jahren sein wird. Die Bibel aber sagt, dass Gottes Segen in deinem Leben noch in 20'000 Jahren (1000 Generationen zu 20 Jahren) Auswirkungen haben wird. Die Schuld der Väter und Mütter dagegen habe Auswirkungen gerade einmal 3 oder 4 Generation lang (2. Mose 34,6+7).

Ich glaube, für die Zukunft der Menschheit wäre es gut, wenn wir weniger auf das Menschenmögliche setzen und viel mehr auf Gott. Das wäre wohl auch in sieben Generationen noch ein Segen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 17. August 2021

Wer verwandelt schon Wein in Wasser?

Ein Zitat

Votivtafeln für erlebte Heilung in der Verenakapelle am Zugerberg
Foto © Jörg Niederer
"Du verehrst die Heiligen, du freust dich, ihre Reliquien zu berühren. Doch du verachtest das Beste, was sie überliefert haben: das Beispiel des reinen Lebens." Erasmus von Rotterdam (1466 - 1536)

Ein Bibelvers - Johannes 2,7-9a

"Jesus sagte zu den Dienern: 'Füllt die Krüge mit Wasser.' Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: 'Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem, der für das Festessen verantwortlich ist.' Sie brachten es ihm. Als der Mann einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden."

Ein Anregung

Endlich einmal eine Heilige, die nicht den Märtyrertod gestorben ist. Sie muss sowieso eine bemerkenswerte Person gewesen sein. Oder kennst du eine Christin, die das Gegenteil von Jesus getan hat, und trotzdem zur Heiligen erklärt wurde?

Ich spreche von Verena, der Ägypterin aus Theben, die im Gefolge der Thebäischen Legion nach Mailand, dann nach St-Maurice und weiter nach Solothurn bis ins römische Kastell Tenedo, dem heutigen Zurzach, reiste, wo sie im Jahr 344 (?) im Alter von 94 Jahren friedlich und im Kreis vieler Frauen verstarb.

Auf einer Wanderung von Unterägeri nach Zug haben wir die ihr geweihte Kapelle auf dem Zugerberg besucht.

Verena war zuerst Totengräberin. Sie bestattet in Mailand verstorbene gefangene Christinnen und Christen. Als sie von der Hinrichtung der Thebäischen Armee erfuhr, reiste sie nach St-Maurice, um auch dort den Enthaupteten die letzte Ehre zu erweisen.

Nächste Station war die Verenaschlucht bei Solothurn, ein Ort, an dem ich erstmals auf einer Schulreise war und dann - weil es so schön ist - noch etliche weitere Male. Auch dorthin wurde sie von Verstorbenen gerufen, von Victor (nach der Legende ihr Verlobter) und Ursus, die in dieser Stadt den Märtyrertod erlitten hatten. Weil Verena viele Menschen heilte, zum christlichen Glauben bekehrte, und die Aussätzigen pflegte, wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen genommen. Als Hirtacus schwer erkrankte, heilte sie ihn auf wundersame Weise. Das führte zu Verenas Freilassung und gleichzeitigen Wegweisung aus Solothurn.

Darauf sei sie auf einem Mühlstein die Aare hinabgereist und nach einem Zwischenhalt auf einer Insel bei Koblenz (da soll sie die Schlangen vertrieben haben, was ich schade finde, weil ich Schlangen mag) kam sie in Zurzach an. Als Hausgehilfe eines Priesters versorgte sie auch immer wieder die Kranken. Ihnen brachte sie zu Trinken und wusch die Aussätzigen. Darum wird sie jeweils mit Kamm und Krug dargestellt. Ebenda geschah es, dass man sie des Wein- und Brotdiebstahls bezichtigte. Als sie kontrolliert wurde, war aus dem Wein Wasser geworden.

Es gibt dann noch die Geschichte mit dem ihr anvertrauten Ring des Priesters, der gestohlen und im Rhein versenkt von einem Fisch gefressen wurde. Eben dieser Fisch landete dann als Geschenk eines Fischers wieder bei Verena auf dem Mittagstisch, und der Ring fand zurück zum rechtmässigen Besitzer.

Kein Wunder, ist Verena mit dieser Biographie die Patronin der Armen und Notleidenden, der Pfarrhaushälterinnen, Müller, Fischer und Schiffer. Mir macht an ihr Eindruck, wie sie sich für die Ärmsten und unheilbar Kranken eingesetzt hat.

Zuletzt: Es gibt ein Verenalied, dessen Text von der verstorbenen Dichterin und Ordensfrau Silja Walter stammt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Montag, 16. August 2021

Liebe ist die Sollbruchstelle Gottes

Ein Zitat

Eidechse mit abgeworfenem Schwanz
Foto © Jörg Niederer
"Noch sind wir zwar keine gefährdete Art, aber es ist nicht so, dass wir nicht oft genug versucht hätten, eine zu werden." Douglas Adams (1952-2001) Autor von "Per Anhalter durch die Galaxis"

Ein Bibelvers - Matthäus 18,9

Jesus: "Wenn dich dein Auge von mir abbringt: Reiß es aus und wirf es weg. Es ist besser für dich, mit nur einem Auge bei Gott zu leben – jedenfalls besser, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden."

Ein Anregung

Sollbruchstellen sind eine Erfindung der Natur (eine Erfindung Gottes). Sollbruchstellen sind vorprogrammierte Schwächungen im Material, an dem es, wenn es den brechen oder reissen soll, auch bricht oder reisst.

Bruchweiden weisen Sollbruchstellen auf, damit bei Hochwasser der Wasserdruck lediglich Äste und nicht den ganzen Baum mitreisst. Und, wie im Bild ersichtlich haben viele Eidechsenarten Sollbruchstellen im Schwanz, der bei einem Angriff abgeworfen wird, um das Raubtier mit dem wild zappelnden Ende so lange zu beschäftigen, bis die Echse sich in Sicherheit gebracht hat. Der Echse wächst der nächste Schwanz nicht mehr vollständig nach, aber sie hat die Attacke überlebt. Sie hat losgelassen, verzichtet, und damit ihr Leben gerettet.

Sollbruchstellen gibt es an harmlosen Produkten, wie etwa beim WC-Papier (die Perforierung) oder der Schokolade (Einkerbungen). Wichtiger sind Sollbruchstellen dort, wo sie die Sicherheit erhöhen. Poller weisen Sollbruchstellen auf, damit ein Fahrzeug nicht zu heftig aufprallt. An Flugzeugen schützen Sollbruchstellen am Hauptfahrwerk Flügel und Treibstofftanks davor, beim Abreissen getroffen zu werden. Mehr zu Sollbruchstellen 

Sollbruchstellen. Angenommen, es gibt sie auch in den Bereichen, die uns heute besonders beschäftigen. Auf welcher Seite der Echse befindet sich dann die Menschheit: Auf der weiterlebenden Kopf- und Körperseite, oder der verlorenen Schwanzseite?

Ich sehe das in den folgenden Lebensbereichen so:

Klimawandel: Schwanzseite. Die Menschheit kann nur verlieren. Die Natur/Schöpfung wird die Menschheit abschütteln, wenn das ihr Überleben sichert.

Covid-19: Kopf- und Körperseite. Das Virus wird die Menschheit nicht auslöschen, aber es wird uns alle verändern.

LGBTQ-Thematik in der Kirche: Kopf- und Körperseite. In fast allen Kirchen führt die damit verbundene Polarisierung zu Abspaltungen. Diese sind wohl unvermeidlich, aber werden letztlich das Überleben und die Glaubwürdigkeit der Kirchen wenigsten teilweise retten.

Armut-Reichtum-Gefälle: Ich bin unschlüssig. Bisher hat die Menschheit die sich ausweitende Kluft zwischen Reich und Arm überlebt. Doch irgendeinmal könnte die Kluft zu tief werden und alle verschlingen.

Wirtschaftswachstum: Kopf- und Körperseite. Die Menschheit wird wieder den Verzicht lernen, vielleicht auf die harte Tour, vielleicht aus Einsicht.

Liebe: Echte Liebe braucht keine Sollbruchstelle. Liebe ist die Sollbruchstelle Gottes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 15. August 2021

Christus ist zentral für die kirchliche Entwicklung

Ein Zitat

Rosettenfenster mit Christus im Zentrum. Kirche St. Michael in der Stadt Zug
Foto © Jörg Niederer
Christsein hat mit "Working by doing" zu tun. In der methodistischen Tradition geschah dies nicht bei der Predigt, wo einer lehrte und die andern mehr oder weniger lernten. In der methodistischen Tradition geschah dies in Hauskreisen und im Lebensvollzug. Dabei unterstützte man sich gegenseitig, ermahnte sich gegenseitig, las die Bibel gemeinsam, lobte sich gegenseitig. Es war eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, von Lernenden und Lehrenden. (Aus der heutigen Predigt)

Ein Bibelvers - Matthäus 28,19+20

Christus: "Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Ein Anregung

Morgen Sonntag kann die Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen um 10.30 Uhr wieder live auf Youtube miterlebt werden. Unter diesem Link kann sie angehört werden.

Pfarrer Jörg Niederer versucht den folgenden Fragen auf den Grund zu gehen: Wie erneuert sich eine Gemeinschaft? Was ist nötig, dass Menschen hinzukommen; dass sie das, was sie erfahren, weitergeben und zugleich Raum schaffen für weitere Personenkreise? Dazu wird er die vier Bereiche des Jüngerschaftszyklus' genauer anschauen.

In allen neuen Begegnungen, überall da, wo Menschen zur Kirche dazu finden, in allem, was in einem christlichen Leben gelehrt und gelernt wird und bei jeder Beauftragung dreht sich alles um Jesus Christus. Wenn Christus im Zentrum ist, kann sich eine kirchliche Gemeinschaft um ihn herum entfalten und erneuern. Sie wird bunt und leuchtend und schön, wie das Glasfenster in der Kirche St. Michael in der Stadt Zug.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 14. August 2021

Ehe für alle - Methodistische Befürworter*innen äussern sich

Ein Zitat

Regenbogen vor dem Sigriswiler Rothorn
Foto © Jörg Niederer
"Bei der Abstimmungsmöglichkeit über die 'Ehe für alle' gönne ich allen Mitmenschen die Rechte, die mir selber zustehen." Marietjie Odendaal

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 10,13-15

"Eine Stimme sprach zu ihm: 'Steh auf, Petrus! Schlachte und iss!' Aber Petrus erwiderte: 'Auf gar keinen Fall, Herr! Denn ich habe noch nie etwas Unvorschriftsmäßiges oder Unreines gegessen.' Da forderte ihn die Stimme ein zweites Mal auf und sagte: 'Was Gott rein gemacht hat, das sollst du nicht unrein nennen!'"

Ein Anregung

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft hat einige Voten veröffentlicht zum Thema "Ehe für alle". Es sind ausschliesslich befürwortende Kommentare: 

Selbst wenn man mit dieser Haltung nicht einverstanden sein sollte, lohnt es sich, die Beiträge zu lesen. Mich haben besonders zwei Textabschnitte sehr angesprochen.

Nachdem David Field über seine gescheiterte Freundschaft mit einer lesbischen Frau erzählt hat, und über die Kränkung, die das für ihn bedeutete, aber auch von seinem Weg zu einer versöhnlicheren Haltung, schreibt er: 

"Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass die zentrale Botschaft des Evangeliums eine Botschaft der Gerechtigkeit und der Inklusion ist. Jesus identifizierte sich mit denen, die durch die Reinheitsvorschriften des Alten Testaments ausgeschlossen worden waren, und schloss sie ein. Die Situation schwuler und lesbischer Menschen erschien mir als Parallele zur Situation derer, die Jesus einbezog und bejahte. Paulus' Botschaft der Rechtfertigung allein durch den Glauben bedeutete, dass keine weitere Bedingung für die Annahme durch Gott und damit für die volle Teilnahme an der christlichen Gemeinschaft hinzugefügt werden konnte... Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Forderung an Schwule und Lesben, entweder 'ihre Orientierung zu ändern' oder zölibatär zu bleiben, die sexuelle Orientierung dem Glauben... hinzufügt. Ein christliches Verständnis der Ehe beginnt mit 1. Mose 2,18, wo Gott sagt: 'Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.' Daher können wir nicht sagen, dass es gut ist, wenn Schwule und Lesben allein bleiben..." 

Und Marcel Schmidt schreibt: "Zum Schluss möchte ich ein paar Worte des EKD-Landesbischofs Christian Stäblein vom April 2021 zitieren: 'Wir als Kirche haben uns schuldig gemacht an gleichgeschlechtlich Liebenden. Wir haben sie über Jahrhunderte diskriminiert, abgewiesen, in Nischen und ins Abseits gedrängt, aus der Öffentlichkeit und von Ämtern ferngehalten, an vielen Stellen ihr Leben zerstört, seelisch und körperlich. Ich selber spüre Schuld über mein eigenes früheres Reden.'
Gott ist die Liebe. Und die Liebe gewinnt."

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Morgen Sonntag kann die Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen um 10.30 Uhr wieder live auf Youtube miterlebt werden. Pfarrer Jörg Niederer versucht den folgenden Fragen auf den Grund zu gehen: Wie erneuert sich eine Gemeinschaft? Was ist nötig, dass Menschen hinzukommen; dass sie das, was sie erfahren, weitergeben und zugleich Raum schaffen für weitere Personenkreise? 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 13. August 2021

Sehnsuchtsort Jerusalem

Ein Zitat

Lange Abschnitte des Jakobswegs sind auch Teil des Jerusalem Way
Foto © Jörg Niederer
"Nächstes Jahr in Jerusalem!" Traditioneller Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends und des Versöhnungstags

Ein Bibelvers - Lukas 19,28

"Nachdem Jesus das Gleichnis erzählt hatte, zog er weiter nach Jerusalem."

Ein Anregung

Im Life Channel Newsletter lese ich, dass Pilgern das Wochenthema sei. Da wird auch wieder auf den Beitrag des Senders über meine Pilgerreise nach London hingewiesen. Aber noch mehr hat mich fasziniert, was in einem noch älteren "Fenster zum Sonntag"-Beitrag von 2013 mit Annemarie und Hanspeter Obrist zu erfahren war. Das Ehepaar pilgerte rund 6000 Kilometer zum Sehnsuchtsort Jerusalem. Dafür brauchten sie gut ein Jahr. Gespickt war die Reise mit vielen Unsicherheiten, aber auch voller Erfahrungen mit Gott und Menschen. Etwa ein Jahr dauerte der Fussmarsch von Basel nach Jerusalem.

Während ich dies lass, kamen mir die unscheinbaren Aufkleber in den Sinn, die wir vor zwei Wochen an verschiedenen Stellen zwischen Freiburg und Nyon auf dem Jakobsweg entdeckten. Die Aufschrift "Jerusalem Way" verriet uns, dass wir hier wohl auch auf dieser längsten Pilgerroute der Welt unterwegs waren, jedoch genau in entgegengesetzter Richtung. In der Tat verbindet der Jerusalem Way Finisterre in Spanien mit Jerusalem.

Hier kann der Beitrag zur Pilgerreise von Annemarie und Hanspeter Obrist angeschaut werden.

Und auch der Beitrag über meine Pilgerreise nach London ist weiter verfügbar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 12. August 2021

Berglandschaften und Diagramme

Ein Zitat

Berglandschaft am Genfersee und auf dem PC
Foto © Jörg Niederer
"Denn das entscheidende Tun in unserem Leben ist das, was wir Gott an uns tun lassen... Und dazu müssen unsere Hände eben manchmal ruhen." Holger Panteleit, Pfarrer

Ein Bibelvers - Lukas 5,15b+16

"Die Leute strömten in Scharen herbei, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Aber Jesus zog sich immer wieder in einsame Gegenden zurück und betete dort."

Ein Anregung

Es kommt vor, dass ich mich fasziniert vertiefe in das entstehende Diagramm, welches beim Kopieren von grossen Datenmengen auf dem Bildschirm entsteht. Ich schaue zu, wie da eine Berg-und-Tal-Landschaft entsteht, beobachte, wie es rauf und runter geht, vergesse die Zeit, schaue nur. Vielleicht wartet viel Arbeit, aber für den Moment ist da nur diese künstlich Alpenlandschaft, die leuchtend grün vor meinen Augen entsteht.

In der Zeitschrift "unterwegs" der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland geht es gerade um die Musse, um die Zeit, zu tun, was gefällt, um die Momente, die nicht fremdbestimmt sind. 

Schöner ist es natürlich, sich in eine reale Kette von Bergen zu vertiefen, wie zum Beispiel beim Blick über den Genfersee in die französischen Alpen. Sie verändert sich vielfältiger; durch die Reflektionen des Lichts auf dem bewegten Wasser des Sees, durch das Ziehen der Wolken vor und über den Gipfeln, durch die Vögel, die ins Bild hinein und wieder hinausfliegen.

Wer die Landschaft betrachtet, sich durch das, was vor dem Fenster geschieht ablenken lässt, ist noch kein Hanns Guck-in-die-Luft. Einfach zu sein und zu schauen, zu beobachten, auch die kleinen Veränderungen wahrzunehmen, das tut der Seele gut.

Dagegen braucht es beim Betrachten eines entstehenden Diagramms auf dem Bildschirm schon deutlich mehr Phantasie, um ins Träumen zu kommen oder sich dabei zu erholen. Ist das nun sinnvolles Durchatmen, oder pure Faulheit? Auch bei der Musse ist das nicht immer so klar. Doch die Erholung liegt wohl auch im Auge des Betrachters, der Betrachterin.

Wie erholst du dich? Wie kommst du zur Ruhe? Was führt dich in die Dankbarkeit gegenüber deinem Leben, den Menschen und Gott?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Mittwoch, 11. August 2021

Multitasking und der freie Wille

Ein Zitat

Im Gespräch ganz bei der Sache. Am Genfersee
Foto © Jörg Niederer
"Habe ich gewollt, was ich will, wenn ich tue, was ich will?" nach Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Ein Bibelvers - Römer 9,19+20

"Du könntest jetzt einwenden: 'Wieso zieht Gott uns dann überhaupt zur Rechenschaft? Seinem Willen kann sich doch niemand widersetzen!' Du Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott streiten willst!"

Ein Anregung

In der aktuellen Ausgabe von "The Red Bulletin", einer Beilage zur Sonntagszeitung, las ich, dass nach Erkenntnissen der Gehirnforschung Multitasking nicht funktioniere. Wer mehrere Dinge gleichzeitig versuche zu tun, wolle vermutlich unbewusst eine Änderung seines Lebens. "Im Detail: Wer mehrere Dinge zur gleichen Zeit macht, schenkt keiner von ihnen die nötige Aufmerksamkeit. Das führt zu Schlampereien und Fehlern, Im Wiederholungsfall wird womöglich der Chef reagieren - etwa mit Versetzung oder Kündigung - und so für die unbewusst herbeigesehnte Veränderung sorgen." (ebd. Seite 70)

Irgendetwas in unserem Unterbewusstsein lässt uns also so handeln, dass das geschieht, was wir eigentlich wollen.

Philosophisch und theologisch geht es hier um die Frage nach dem freien Willen. Angenommen, Gott weiss alles, auch das, was ich in Zukunft tun werden, kann ich dann diesem Willen Gottes entgegengesetzt handeln?

In der Gehirnforschung hat man festgestellt, dass der bewusst empfundenen Handlung eine Hirnaktivität vorausgegangen ist, die nicht bewusst gesteuert war. Das Gehirn agiert, bevor ich weiss, was es mich zu tun veranlasst. Neuerdings hat man aber auch nachgewiesen, dass solche unwillkürlich gestarteten Gehirnaktivitäten willentlich gestoppt werden können. Wir können also bewusst Nein sagen zu einem bereits begonnenen, unserem "Willen" vorgegebenen Prozess. Oder theologisch gesagt: Wenn wir zur Sünde verführt werden, können wir ihr noch vor der Tat bewusst widerstehen.

Nach Augustinus hat der Mensch den freien Willen beim Sündenfall verloren. Doch durch die Gnade Gottes könne sich der Mensch dennoch frei entscheiden. Gott stoppt also die totale Abhängigkeit des Menschen, indem er sich selbst zurückzieht, und Platz schafft für die Willens- und Handlungsfreiheit der Menschen. Es entsteht Raum für menschliche Entscheidungen, weil Gott aus freiem Willen nicht mehr alles bestimmt. Man könnte - wie in der Hirnforschung - auch hier von Faktoren sprechen, welche den Menschen bestimmen (die Gnade Gottes, seine Allwissenheit) und Faktoren, die der Mensch bewusst bestimmt (seine Entscheidung für oder gegen Gott, für oder gegen das Gute).

 Paulus gibt den Christen in Rom dazu ein einleuchtendes Beispiel. Zu finden sind seine Gedanken zur Willensfreiheit in Römer 9,19-24. Sie zu lesen lohnt sich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Dienstag, 10. August 2021

Eines von 100 schönsten Gebeten

Ein Zitat

Sich faltende Hände auf dem Friedhof Villars-sur-Glâne
Foto © Jörg Niederer
"Kranken Herzen sende Ruh', / nasse Augen schliesse zu! / Lass den Mond am Himmel stehn / und die stille Welt besehn!" Luise Hensel (1798-1876)

Ein Bibelvers - Römer 14,7+8

"Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn!"

Ein Anregung

Auf der Suche nach den bedeutendsten Gebeten der christlichen Tradition habe ich mir ein Buch gekauft mit dem unbescheidenen Titel: "Erhelle meine Nacht - Die 100 schönsten Gebete der Menschheit" (herausgegeben von Bernhard Lang, 5. Auflage, München 2018). Darin finden sich Gebete aus verschiedenen Religionen und Weltgegenden. Zu Lesen gibt es etwa das Gebet "An die Wiesenmaus" der Dakota-Ureinwohner Nordamerikas oder Echnatons Hymnen an den Sonnengott. Natürlich finden sich in dieser Sammlung das Vaterunser, der Sonnengesang von Franziskus von Assisi und das kurze und sehr bekannte Gebet von Nikolaus von Flüh: "Nimm alles von mir".

Gebete von Martin Luther, Blaise Pascal, Matthias Claudius ("Der Mond ist aufgegangen") Edith Stein, Dag Hammarskjöld und vielen mehr dürfen nicht fehlen. An meine Kindheit werde ich erinnert beim Gebet "Müde bin ich, geh zur Ruh'" von Luise Hensel. Und dann ist da auch ein Gebet aus der methodistischen Tradition. Eingereiht nach Matthias Claudius und vor Novalis lese ich das sogenannte Bundeserneuerungsgebet von John Wesley (1703-1791). Traditionell wird es am Jahresende gebetet. Mit sehr herausfordernden Worten übergibt der oder die Betende sein Geschick Gott, und zwar ganz, mit Haut und Haar. Bei jeder Zeile fragt man sich: Will ich das wirklich? Vertraue ich Gott wirklich so ganz und gar. Will ich für Christus in dieser Weise verfügbar sein? Und zugleich stellt mich diese Gebet hinein in eine Gemeinschaft von Menschen, denen Gott so wichtig ist, dass er an erster Stelle kommen soll, noch vor allem anderen.

Erneuerung des Bundes mit Gott
"Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir. Stelle mich, wohin du willst. Geselle mich, zu wem du willst. lass mich wirken, lass mich dulden. brauche mich für dich, oder stelle mich für dich beiseite. Erhöhe mich für dich, erniedrige mich für dich. Lass mich erfüllt sein, lass mich leer sein. Lass mich alles haben, lass mich nichts haben. In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles deinem Willen und Wohlgefallen.
Herrlicher und erhabener Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist: Du bist mein, und ich bin dein. So soll es sein. Bestätige im Himmel den Bund, den ich jetzt auf Erden erneuert habe. Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 9. August 2021

Am vergessenen Tisch im Schwarzen Loch

Ein Zitat

Der vergessene Tisch
Foto © Jörg Niederer
"Manche Arbeiten muss man Dutzende Male verschieben, bevor man sie endgültig vergisst." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Jesaja 49,15

"Doch Gott antwortet: Kann denn eine Frau ihren Säugling vergessen? Hat sie nicht Erbarmen mit dem Kind, das sie im Leib getragen hat? Aber selbst wenn sie es vergessen sollte – ich vergesse dich nicht!"

Ein Anregung

Vermutlich gibt es ihn in jedem Restaurant und jedem Hotel: den vergessenen Tisch. Unlängst sassen wir an ihm, was vor allem eines bedeutete: Warten.

Es begann verheissungsvoll. Wir wurden sofort an diesen Tisch geführt, und konnten noch im gleichen Moment die erste Bestellung tätigen. Ja es kam sogar eine zweite Bedienung und wollte das selbe noch einmal aufnehmen. Dann war eine Viertelstunde lang Pause bis wir uns auffälliger bemerkbar machten. Noch einmal wurde die Bestellung aufgenommen und auch gebracht. Dann verirrte sich niemand mehr vom Personal an unseren Tisch. Wir kamen uns unsichtbar vor. Erneute Intervention. Der Hauptgang wurde bestellt, und wieder verging viel Zeit, in der andere, die nach uns kamen, ihr Essen erhielten, wir aber nicht. Nun, das Essen kam dann irgendeinmal, und es war gut. Es folgte der Versuch, zu bezahlen! Man sah uns und vergass uns sogleich wieder. Schon überlegten wir uns, die Zeche zu prellen, da wurden wir erneut nach unseren Wünschen gefragt. Mit der Rechnung kam ein Espresso und ein Grappa, wie üblich vom Haus spendiert. Und dann wurden wir erneut unsichtbar, bis nach geraumer Zeit jemand auf mein ausgiebiges Winken und Herumhampeln reagierte. Der Kellner meinte sogar: Beim dritten vergeblichen Ruf nach dem Service müssten wir nicht mehr bezahlen. Das haben wir dann aber dennoch getan.

Das Perfide, wenn man am vergessenen Tisch sitzt: Alle andern werden aufs Beste bewirtet und bedient. Nur an diesem Tisch sitzt man auf verlorenem Posten.

Gibt es solche vergessene Tische auch in der Kirche? Das wären Plätze und Ereignisse, in denen Menschen aus der Wahrnehmung der Andern verschwinden. Es lohnt sich, darüber nachzudenken: Wo an unseren Anlässen und in unseren Häusern sind diese blinden Flecken, diese vernachlässigten Nischen? Menschen die in diese "schwarzen Löcher" fallen, werden sich zweimal überlegen, ob sie noch einmal zu uns kommen wollen. Also sollten wir uns gut überlegen, wie wir unsere Gastfreundschaft flächendeckend und einladend gestalten können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 8. August 2021

Die Welt entsteht im Aufblick zu den Fenstern

Ein Zitat

Die Rosette aus dem 13. Jahrhundert in der Kathedrale von Lausanne
Foto © Jörg Niederer
"Je mehr ich nachdenke, desto mehr erstaune ich über mein Dasein, mein Werden, meine Führung; ich freue mich meines Seins und meiner Fähigkeit, über mein Dasein und meine Menschheit nachdenken zu können." Johann Kaspar Lavater, 1741-1801, Schweizer evangelischer Theologe, Religionsphilosoph und Schriftsteller

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,1+2

"So wurden Himmel und Erde vollendet mit allem, was darin ist. Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte. An diesem Tag ruhte er aus von all seiner Arbeit, die er getan hatte."

Ein Anregung

Eines der Prunkstücke der Kathedrale von Lausanne ist die Rosette im südlichen Querarm. Dargestellt wird die Stellung des Menschen innerhalb der im 13. Jahrhundert bekannten Welt. Da sind Erde und Meer, Luft und Feuer, die Jahreszeiten, Monate und Sternzeichen, aber auch mythische Ungeheuer am Rand der Welt.

Wer dieses Werk geschaffen hat, ist nicht bekannt. Der "Meister der Rose" orientierte sich an der Gotik, wie sie damals in Frankreich aufkam. 

Dieser dargestellte mirror mundi, dieser "Weltspiegel", ist ein faszinierendes Werk, in das man sich vertiefen kann. Gerade an einem Sonntag können die bunten Fenster anregen, über Fragen nachzudenken: Woher kommt der Mensch? Wie wird die Welt zu einem Ganzen? Was sind die heutigen Ungeheuer, die das Leben bedrohen? Wer schafft den Ausgleich zwischen Werden und Vergehen, zwischen Schöpfung und Tod?

Wem das Foto von der Rosette zu wenig detailreich ist, der oder die kann sich auf eine virtuelle Begehung der Kathedrale aufmachen.

Und noch dieses: Die Rosette wurde 1978 auf einer Schweizer Briefmarke verewigt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 7. August 2021

Frauen, Frauen, Frauen und auch einige Männer

Ein Zitat

Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne
Foto © Jörg Niederer
"Gott gibt Talent; Arbeit verwandelt Talent in Genialität." Anna Pavlova, Russische Primaballerina

Ein Bibelvers - Micha 6,4

Gott zum Volk Israel: "Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe Mose, Aaron und Mirjam dazu bestimmt, dass sie dir auf dem Weg vorausgehen."

Ein Anregung

Ist es dir auch aufgefallen? Gerade werden die Frauen hoch gehandelt. Am 1. August predigten vielerorts ausschliesslich Frauen. Auf das Bundeshaus werden aktuell die Bilder von verdienten Schweizerinnen projiziert. Und unter den aktuell bekannten Schweizerinnen und Schweizer, welche Olympia-Medaillen gewonnen haben, sind drei Männer und sage und schreibe zehn Frauen.

Ohne die Leistungen von Frauen ginge es nicht. Jedoch drang diese Erkenntnis nur sehr langsam ins Bewusstsein der Gesellschaft. Gut, dass es aus sportlicher Sicht mittlerweile keine Frage mehr ist, dass die Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen können. Sonst sähe die aktuelle Schweizer Bilanz eher bescheiden aus.

Die Evangelisch-methodistische Kirche brauchte Zeit, bis Frauen gleichwertig alle Ämter in der Kirche ausüben konnten. Andere Kirchen sind immer noch nicht so weit. Kein Wunder, halten das viele für einen stossenden Anachronismus. Mit dieser Haltung, Frauen zu diskriminieren, schaden Kirchen sich selbst, ja könnten zusehends in die Bedeutungslosigkeit abgleiten.

Auch wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC - Auf dem Foto der Hauptsitz in Lausanne) kein Hort von Menschenrechten und Machtenthaltung ist; wenn es darum geht, begabten Frauen eine Plattform zu bieten, hat es gegenüber den Kirchen die Nase vorn.

An dieser Stelle nun die Namen der schweizerischen Medaillen-Gewinner*innen (inklusive der Männer) von diesem Jahr: 

Gold:
Tennis: Belinda Bencic; Mountainbike: Jolanda Neff; Schiessen: Nina Christen

Silber:
Tennis: Belinda Bencic und Viktorija Golubic; Radsport: Marlies Reusser; Mountainbike: Sina Frei; Mountainbike: Mathias Flückiger

Bronze:
Schiessen: Nina Christen; Mountainbike: Linda Indergand; Schwimmen: Jérémy Desplanches; Schwimmen: Noè Ponti; Radsport: Nikita Ducarroz; Beachvolleyball: Anouk Vergé-Dépré und Joana Heidrich

Welches ist aus deiner Sicht die Frau, die dich - einmal abgesehen von deiner Mutter - am meisten beeindruckt hat?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 6. August 2021

In der Romandie unterwegs auf dem Jakobsweg

Ein Zitat

In der Kirche von Nyon
Foto © Jörg Niederer
"Sei wie eine Briefmarke. Bleib an einer Sache dran, bis du am Ziel bist." Josh Billings, US-amerikanischer Schriftsteller, 1818 – 1885

Ein Bibelvers - Sprüche 4,11+12

"Ich habe dir den Weg der Weisheit gezeigt und dich auf die richtige Spur gesetzt. Wenn du weiter auf diesem Weg gehst, wird kein Hindernis deinen Schritt hemmen."

Ein Anregung

Acht Tage waren wir in diesen Sommerferien unterwegs auf dem Jakobsweg, zwischen Freiburg und Nyon in der Romandie. Durch verschlafene Nester ging es, an historischen Städten vorbei, hinein in die Grossstadt Lausanne und etliche Kilometer dem Genfersee entlang. Immer wieder haben wir Kirchen und Kapellen besucht, manche haben uns gefallen, andere nicht, einige waren von Weihrauchduft erfüllt, andere haben gemuffelt. 125 Kilometer sind es geworden und etwa 2700 Höhenmeter ging es hinauf und mehr noch hinunter. Einblicke waren es in uns unbekannte Landschaften.

Die Füsse haben geschmerzt, die Sonne geschienen, gestern wurden wir triefend nass und dann wieder trocken durch die Kraft unseres Sterns. Manchmal stellte sich eine besinnliche Stimmung ein, nicht immer in den Kirchen, aber zuletzt gerade auch in der wunderschönen alten Stadtkirche in Nyon. Und was auch gut getan hat: Alles konnten wir teilen, weil wir zu Zweit unterwegs waren.

Mit wem teilst du deine Weg-Erfahrungen? Und wohin bist du noch unterwegs?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 5. August 2021

Sympathische Bettler

Ein Zitat

Sperlinge warten auf Essensreste
Foto © Jörg Niederer
"Wir sind Bettler, das ist wahr." Letzter Satz von Martin Luther (1483-1546)

Ein Bibelvers - Jeremia 9,22+23

"Aber vor dem Tor seines [des reichen Mannes] Hauses lag ein armer Mann, der Lazarus hiess. Sein Körper war voller Geschwüre. Er wollte seinen Hunger mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen. Aber es kamen nur die Hunde und leckten an seinen Geschwüren."

Ein Anregung

Jüngst habe ich von einer Frau gelesen, die sich einen Traum erfüllt hat. Eine Aussenvoliere, in welche die im Haus gehaltenen Sittiche selbst hinausfliegen können.

Es geht auch anders herum. Im Hotel in den Ferien kommt es vor, dass die Vögel von draussen in den Speisesaal hineinfliegen.

Gerade so wie diese Spatzen auf dem Foto. Es sind sympathische Betteltiere, solange sie ihre Ausscheidungen abseits der Teller und Tische hinterlassen.

Gerade sind die Jungspatzen flügge, aber immer noch bei den Eltern. In dieser Phase sieht und hört man sie mit leicht abstehenden, hängenden Flügeln und einem typischen Piepsen ihre Eltern um Futter anbetteln. Es ist halt schon schön, bedient zu werden. Das kann ich als Hotelgast ganz gut verstehen. Also betteln die jungen Sperlinge bei den Eltern, die jungen und alten Spatzen gemeinsam bei den Hotelgästen und so kommen sie voll auf ihre Kosten, denn es sind - wie gesagt -sympathische Betteltiere, mit ihren lustigen Anschleichflug-Versuchen auf die Essensreserven und -resten der Frühstückenden.

Gestern vereinigten wir Menschen uns mit den Vögeln, und bettelten um weniger Regen, mehr Wärme und Sonnenschein. Denn bei diesem Wetter bleiben die Türen zur Innenvoliere der Spatzen zu, und nach aussen verirrt sich auch kaum einer oder eine ihrer Dienstboten mit reich gefülltem Frühstücksteller.

Heute ist es schon wieder anders. Während du dies liest, freue ich mich mit Blick auf den See wieder an den frechen Spatzen, am Hitchcock-Ruf der Mittelmeermöwen (die es auch am Genfersee gibt), dem Geschnatter der verschiedenen Enten-, Taucher- und Gänsevögel und dem akrobatischen Flug der Schwalben und Mauersegler.

Zum Schluss noch eine passende philosophische Plattitüde: Sind wir nicht alle Bettler*innen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 4. August 2021

Vom Mont Blanc und vom Stolz

Ein Zitat

Der Mont Blanc von Morges aus gesehen
Foto © Jörg Niederer
"Unter den Personen, welche das Wagestück glücklich unternahmen, war auch ein Frauenzimmer, Namens Paradis." Augsburgische Ordinari Postzeitung

Ein Bibelvers - Jeremia 9,22+23

"So spricht der Herr: Der Weise sei nicht stolz auf seine Weisheit. Der Starke sei nicht stolz auf seine Stärke und der Reiche nicht auf seinen Reichtum! Wer sich rühmen will, soll sich nur deswegen rühmen: dass er wirklich klug ist und mich kennt. Dass er weiß, dass ich der Herr bin, der auf Erden Güte, Recht und Gerechtigkeit schafft. Denn diese machen mir Freude. – So lautet der Ausspruch des Herrn."

Ein Anregung

Sieben Tage lang hat er sich geziert. Sieben Tage verbarg er sich vor unseren Blicken. Doch dann, am Dienstagmorgen, zeigte er sich in seiner ganzen Pracht: DER weisse Berg. Mont Blanc, Sehnsuchtsort vieler Menschen, der Höchste der Alpen, auf 4810 Meter hinauf geht es und er ist wunderschön. Kurios: Darüber, ob der Gipfel zu Frankreich, Italien oder zu beiden Ländern gehört, darüber wird bis heute gestritten. 

Zuerst oben war am 7. August 1786 der savoyardische Arzt Michel-Gabriel Paccard und der Gamsjäger und Kristallsucher Jacques Balmat. Erste Frau auf dem Mont Blanc war im Sommer 1808 Marie Paradis (1778-1839). Anders als die Männer, die sie begleitete, schützte sie die Augen durch einen "doppelten Flor" vor der Sonneneinstrahlung und der Schneeblindheit.

Eine weitere überraschende Erstbesteigung erfolgte am 24. Juli 1875 durch die Grindelwalder Hündin Tschingel (1865–1879), einem Ehrenmitglied beim britischen Alpine Club.

Was diese Menschen und der Hund erreichten, und was danach viele andere auch schafften, nämlich auf dem höchsten Berg der Alpen zu stehen, das werde ich bestimmt nicht nachmachen. Die Zeit der Gletschertouren ist für mich vorbei. Doch es gibt andere Dinge, die in meinem Leben bemerkenswert sind.

Genau danach fragte mich heute meine Frau. Ihre Frage gebe ich hiermit weiter: "Worauf bist du in deinem bisherigen Leben am meisten Stolz?"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 3. August 2021

U-Bahn-Anschluss für die älteste Schweizer Methodistenkirche

Ein Zitat

Chapelle du Valentin am Place de la Rippone in Lausanne, gesehen von Turm der Kathedrale.
Foto © Jörg Niederer
"Architektur ist zu Stein gewordene Musik." vermutlich Paul Valéry (1871-1945)

Ein Bibelvers - 2. Chronik 5,13

"Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: 'Ja, er ist gut! Für immer bleibt seine Güte bestehen.' Im gleichen Moment erfüllte eine Wolke das Haus, das Haus des Herrn."

Ein Anregung

Ursprünglich hätte sie "Fletcher Memorial Chapel" heissten sollen. Gebaut wurde sie mit Geld von den Methodisten aus England durch deren wesleyanische Mission in Frankreich und der Schweiz. Das Grundstück lag, wie so oft bei Freikirchen, ausserhalb der Stadtmauer von Lausanne. Und wie man auf dem Foto sieht, ist sie (unten in der Bildmitte direkt am Place de la Riponne gelegen) ausgezeichnet zu sehen vom Turm der Kathedrale in Lausanne. (Wir bestiegen das alte Gemäuer übrigens zum vergünstigten Pilgertarif.)

Die Chapelle du Valentin, wie sie heute heisst, wurde 1867 als erstes methodistisches Gebäude in der Schweiz errichtet, und steht seit 1986 unter Denkmalschutz. Bischof Patrick Streiff, lange Zeit Pfarrer in Lausanne, schrieb den informativen Beitrag zur Kapelle im Buch "Historische Stätten des Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz"

Zwischen 1986 und 1990 muss es auch gewesen sein, dass ich eben von besagten Patrick Streiff gebeten wurde, in der Chapelle du Valentin eine evangelistische Reihe zu halten. Dies auf Deutsch (etwas anderes konnte ich damals auch gar nicht), denn es handelte sich um eine deutschsprachige Gemeinde. Ich erinnere mich daran, dass ich das Kreuz der benachbarten ersten, in Lausanne nach der Reformation erbauten Römisch-katholischen Kirche "Église Notre Dame du Valentin" aus dem mir zugewiesenen Gastzimmer sehen konnte. Und schon damals kam es mir seltsam vor, dass eine deutschsprachige Gemeinde in der französischsprachigen Schweiz existieren konnte. Patrick Streiff schreibt dazu: "Für die soziale und evangelistische Arbeit sah die deutschsprachige methodistische Gemeinde jahrzehntelang ihr Zielpublikum in Hunderten von Deutschschweizer Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie büsste dafür ihre Integrationskraft für die gemeindeeigene, französischsprachig aufgewachsene Jugend ein. Erst 1985 entschied die Gemeinde, sich für eine Arbeit in französischer Sprache (wieder) zu öffnen.
In einer langsam älter und kleiner werdenden methodistischen Gemeinde stellte die Transformation in die Zweisprachigkeit und schliesslich in eine hauptsächlich französischsprachige Arbeit eine grosse Herausforderung dar."

Und ich füge an: Veränderungsprozesse brauchen Zeit, aber wenn sie zur falschen Zeit kommen oder zu spät eingeleitet werden, dann wird es schwierig. In Lausanne hat die Gemeindearbeit "...in jüngster Zeit [mit] Schwerpunkte[n] im musikalischen Bereich und in der internationalen Zusammensetzung der Mitglieder..." eine neue, hoffnungsvolle Ausrichtung erhalten.

Nebenbei: In der Schweiz ist die Chapelle du Valentin die einzige methodistische Kirche, die eine Metroanbindung aufweist. Zwar stand die Kapelle einst ausserhalb der Stadtmauern. Aber längst ist sie mitten in der Stadt angekommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 2. August 2021

Was ist nur aus dem radikalen Protestantismus geworden?

Ein Zitat

Hauptportal der Kathedrale von Lausanne einmal von aussen, dann von innen.
Foto © Jörg Niederer
"Den größten Sinneswandel, den das Bewusstsein bereithält, wird verursacht durch die Liebe." Karl Talnop

Ein Bibelvers - 5. Mose 16,21+22

"Du darfst neben dem Altar des Herrn, deines Gottes, den du errichten wirst, keinen Kultpfahl aufstellen. Du darfst auch keinen Kultstein aufstellen. Denn das hasst der Herr, dein Gott."

Ein Anregung

Das Hauptportal der Kathedrale Notre-Dame in Lausanne wurde für das 500-Jahr-Reformationsjubiläum von 2017 gereinigt und restauriert. Nein, es war nicht die römisch-katholische Kirche, welche sich für das protestantische Fest ins Zeug legte. Seit der Reformation ist der gotische Prachtbau fest in reformierter Hand.

Delikat: Genau diese Figuren, die seit drei Jahren in neuem Glanz erstrahlen, wurden 1536 von den damaligen protestantischen Truppen entfernt. Der "Bildersturm" wurde dann von 1892 bis 1909 wieder korrigiert. Ja, diese Erneuerung ging sogar noch weiter. Denn das "Portal Montfalcon" - benannt nach dessen Initianten, dem Bischof Aymon de Montfalcon (1443-1517) - war zum Zeitpunkt seiner Zerstörung noch nicht vollendet. Erst die protestantische Rekonstruktion nach den historischen Originalen zeigte den Kirchenzugang in seiner Vollendung. Dargestellt sind Heilige und Gestalten der Bibel.

Auch das Glasfenster, das sich erst richtig erschliesst, wenn die Kathedrale durch das Portal Montfalcon wieder verlassen wird, ist jüngeren Datums, also in der reformierten Zeit entstanden. Abgebildet sind die vier Evangelisten, wobei der Evangelist Markus ein bisschen so aussieht wie der Reformator Pierre Viret.

In 500 Jahren ist aus einer radikalen Bewegung eine Kirche entstanden, die über die Bücher gegangen ist und nun sich selbst der einst verpönten Bilder bedient. Natürlich in protestantisch nüchterner Weise. Zu diesem gotischen Monument pilgern die Jakobspilger, und stempeln sich ein protestantisches Zeichen in den katholischen Pilgerpass.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 1. August 2021

Eine Rose zum Nationalfeiertag

Ein Zitat

Rot-weisse Rose
Foto © Jörg Niederer
"Das Eigenschaftswort 'schweizerisch' meint eine spezifische Art, mit unseren Problemen nicht fertig zu werden." Kurt Marti (1921-2017), Schweizer Pfarrer, Schriftsteller und Lyriker

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 6,17

Paulus an Timotheus: "Gib denjenigen, die in dieser Welt reich sind, die Anweisung, nicht überheblich zu sein. Sie sollen ihre Hoffnung nicht auf etwas so Unsicheres wie Reichtum setzen, sondern auf Gott. Er gibt uns alles in reichem Mass, und wir dürfen es geniessen."

Ein Anregung

Zum Nationalfeiertag der Schweiz erblüht eine Rose in den Farben der Nationalflagge Rot und Weiss. Meine Frau entdeckte sie in einem schön geschmückten Garten in Hennens entlang des Jakobswegs. Da hat jemand weitsichtig überlegt, wie sie oder er dem 1. August in besonderer Weise gerecht werden könnte.

An vielen Orten der Schweiz heisst es heute: "Helvetia predigt". So auch in
St. Gallen um 10.30 Uhr in einem interreligiösen Gottesdienst in der Kirche
St. Laurenzen. Ausschliesslich Frauen gestalten diese Feier. Es wirken mit: Maria Pappa, Stadtratspräsidentin; Katrin Meier, Ortsbürgerpräsidentin; Batja P. Guggenheim-Ami, Co-Präsidentin Jüdische Gemeinde; Stephanie Meier, Diakonin christkatholische Gemeinde; Nazlije Memeti, muslimische Seelsorgerin; Ramona Casanova-Baumgartner, römisch-katholische Seelsorgerin; Kathrin Bolt, evangelische Pfarrerin; Sophie Bright, Posaune; Inez Ellmann, Percussion und Imelda Natter, Orgel. Dabei sein kann man hier

Dem Schweizerpsalm entlang geht der heutige Gottesdienst von Ingrid Zimmermann und Jörg Niederer um 10.00 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde