Sonntag, 9. Januar 2022

Fliegen, fliegen und nochmals fliegen

Ein Zitat

Die Mittelmeermöwe im Jugend-/Winterkleid. Dahinter eine Lachmöwe im Winterkleid.
Foto © Jörg Niederer
"Der Möwe gleich im Fluge / möchte ich getragen werden / von den Schwingen / getragen in die Lüfte / wo Gedanken kein Ballast." Karl Miziolek (1937-2021), österreichischer Hobbypoet

Ein Bibelvers - Jesaja 60,8+9

"Was schwebt da wie Wolken heran? Was fliegt herbei wie Tauben zu ihrem Schlag? Es ist eine Flotte, die von den Inseln her kommt, an ihrer Spitze die großen Handelsschiffe. Sie bringen deine Söhne aus der Ferne herbei und sind mit Silber und Gold beladen. Das geschieht zum Ruhm des Herrn, deines Gottes, denn der Heilige Israels hat dich herrlich gemacht."

Ein Anregung

Darf ich vorstellen: Die Mittelmeermöwe (Larus michahellis), die einzige brütende Grossmöwe in der Schweiz. So eine Mittelmeermöwe im Winter macht das Schwäbischen Meer doch gleich viel wärmer. Gesichtet haben wir das Tier in seinem Jugend-/Winterkleid bei Altenrhein. Ein weiteres Exemplar im Prachtkleid sass nicht weit davon auf einem anderen Poller. Die bräunliche Möwe hat mir aber besser gefallen. Nicht immer ist, was als prachtvoll gilt, wirklich auch prächtiger als das Gewöhnliche, Alltägliche. 

Auf unserer gestrigen Wanderung über den Buechberg zum Rheinspitz und weiter beehrten uns noch andere Tier. Grün- und Buntspecht kamen kurz vorbei. Der Zaunkönig huschte durch die Hecken. Silber- und Graureiher stakten umher; zwei Störche standen still. Wieder einmal flog ein Eisvogel davon.

Und dann wird in Altenrhein ja auch noch motorisiert geflogen, aber längst nicht so elegant wie es die Enten über Wasserstellen vorzeigen. 

Bei mir bedeutete "fliegen", dass ich mich zweimal auf schlüpfriger Wiese ungewollt im Dreck wiederfand. Also ein durchaus gelungener Ausflug - in jeder Hinsicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 8. Januar 2022

Karpfen, Mönche, Fischer und Pfister

Ein Zitat

Der zugefrorene Bettenauer Weiher im Januar 2021
Foto © Jörg Niederer
"Samstag - Ain schwarz Erbis, item Ayer in ainer wissen Brü mitt Zibüllen und Opfell, darunder geschnetzett Visch oder Baches und ain Haberkern." Aus der Küchenordnung von Abt Ulrich Rösch, um 1480

Ein Bibelvers - Johannes 21,9

"Als sie [die Jünger] an Land kamen, sahen sie dort ein Kohlenfeuer brennen. Darauf brieten Fische, und Brot lag dabei."

Ein Anregung

Gerade habe ich ein kleines Büchlein erhalten, geschrieben von Kathrin Moeschlin. Sie hat sich im Auftrag der Stiftsbibliothek der Fischweiher angenommen, die ab dem 14. Jahrhundert zahlreich entstanden, um die Mönche des Klosters St. Gallen mit Karpfen und Hechten zu versorgen. 60 Weiher besass und betrieb das Kloster an insgesamt 42 Standorten.

Bereits nach den ersten Seiten habe ich für mich viel Neues erfahren.

1. Als erster schriftlich fassbarer Fischweiher gilt der Bettenauer Weiher. 889 wird er in einer Urkunde erwähnt. 1464 kam er in Klosterbesitz.

2. Für die Fischzucht erstmals vom Kloster genutzt wurde der von Abt Kuno von Stoffeln 1383 angelegte Weiher beim Wallfahrtsort Dreibrunnen.

3. Im Verlauf der Teichwirtschaft wurde ein System mit zwei, und dann mit drei Weihern eingeführt. In den Mutter-, Laich oder Streichweiher wurden Elterntiere eingesetzt um dort abzulaichen. Nach zwei Jahren kamen die erwachsenen Fische in den Setz- oder Karpfenweiher. Später wurde dann noch ein weiterer Weiher dazwischengeschaltet, den Streck- oder Wachsweiher, in dem die Jungfische, die "Buben" gehalten wurden.

4. Im Zusammenhang mit den Weihern wird auch die Kombination von Mühle und Bäckerei erwähnt. Das nannte man Pfisterei. Und der Pfister, das war der Bäcker.

5. Am liebsten assen die Mönche dreijährigen Karpfen, und das an drei Tagen pro Woche. In der Zubereitung verstanden sich die Berufsfischer auch, und waren folglich nicht selten auch kochend in der Klosterküche anzutreffen.

6. Die meisten Fischweiher des Klosters St. Gallen sind verschwunden. Nur 15 von ihnen können heute noch besichtig werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 7. Januar 2022

Vom Buddha in der Auslage und Jesus im Lotossitz

Ein Zitat

Buddhafigur am Bahnhof von Ermatingen
Foto © Jörg Niederer
"Alles Glück dieser Welt entsteht aus dem Wunsch, dass andere glücklich sein mögen." Buddha

Ein Bibelvers - Matthäus 5,7

"Glückselig sind die, die barmherzig sind. Denn sie werden barmherzig behandelt werden."

Ein Anregung

Am Bahnhof Ermatingen gibt es eine Kunstscheune, ein Verkaufslokal, dass allerlei Fernöstliches zum Verkauf anbietet. Und so stehen dort auch Buddhas auf der Verkaufsrampe. Es ist nicht gerade die idealste Umgebung. Doch der Buddha aus Stein lässt sich von der trostlosen Situation bei seinen "Gedanken" und "Nichtgedanken" nicht stören. 

Buddhas sind zu Designobjekten geworden. Sie stehen in Gärten herum, bevölkern die Büchergestelle und Badezimmer mit ihrer in sich gekehrten Anwesenheit. Da frage ich mich, für wie viele Menschen der so im eigenen Umfeld platzierte Buddha mehr ist als eine Ferienerinnerung, als ein Kunstgegenstand, als ein Lifestyle-Accessoire.

In mein Haus und meine Vorstellung jedenfalls passen Buddhadarstellungen nur schlecht. Doch wenn es nun einen Jesus in Lotossitz gäbe? Würde ich ihn dann in meiner Wohnung aufstellen. So nachgedacht, habe ich also nach so einem buddhagleich sitzenden Jesus im Internet gesucht, und bin fündig geworden. Doch wie unterscheidet man den so sitzenden Jesus vom Buddha? Meist wird Jesus mit langen fallenden Haaren und Mittelscheitel dargestellt. Buddha dagegen hat welliges Kraushaar oder eine Glatze. Gelegentlich trägt Jesus (anachronistisch) ein Kreuz um den Hals. Oft hebt er die rechte Hand zum christlichen Segenszeichen. Und Heiligenscheine gibt es auch bei den Christusdarstellungen. Es ist also eindeutig Jesus, und nicht Buddha.

Und nun: Würde ich einen solchen meditierenden Heiland in meiner Wohnung oder im Garten aufstellen?

Dumm dass es diese Jesusfiguren im Lotossitz schon gibt. Nun ist das keine theoretische Frage mehr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 6. Januar 2022

Vom Erscheinen

Ein Zitat

Die "Heiligen Drei Könige" auf Kamelen am Weihnachtsmarkt in Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
Wenn heute an viele Türen "C+M+B" geschrieben wird, so sind das nicht die Anfangsbuchstaben der drei Weisen, sondern die Buchstaben stehen für "Christus Mansionem Benedictat" (Christus segne dieses Haus).

Ein Bibelvers - Matthäus 2,11

"Sie [die Sterndeuter] gingen in das Haus und sahen das Kind mit Maria, seiner Mutter. Sie warfen sich vor ihm nieder und beteten es an. Dann holten sie ihre Schätze hervor und gaben ihm Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe."

Ein Anregung

Was wäre wohl im Dreikönigskuchen versteckt statt des kleinen Königs, wenn die kirchliche Tradition von Magiern, Sterndeutern oder eben Wissenschaftlern ausgegangen wäre, statt von Königen? In der heutigen Zeit wohl eine symbolische kleine Impfspritze.

Was das für drei Reisende waren, das weiss heute niemand so genau. Und ob sie auf Kamelen ritten, wie die drei am Weihnachtsmarkt von Frauenfeld, ist auch fraglich.

Heute und Morgen ist noch einmal Weihnachten. Denn die Ostkirchen feiern nach dem Gregorianischen Kalender die Theophanie am 6. und 7. Januar.

Zu Weihnachten habe ich von einer Kantonalkirche einen Kalender der Religionen erhalten: "Berge - Stätten des Heiligen". Und da steht zu diesem 6. Januar: 

"Epiphanie / Heilige Drei Könige
Theophanie (orthodox)
(6. Januar: Gregor. Kal.; 19. Januar Jul. Kal.)
Im Westen: Fest der Heiligen Drei Könige im Gedenken an die Weisen, die gekommen sind, das Jesuskind anzubeten.
Im Osten: Offenbarung Jesu als Sohn Gottes bei der Taufe. Das Fest erinnert daran, dass Gott den Menschen in Jesus Christus erschienen ist. Für die westlichen Kirchen ist es das Fest der Epiphanie, abgeleitet vom griechischen epiphaneia: 'Erscheinung'; für die östlichen Kirchen das Fest der Theophanie, abgeleitet vom griechischen theophaneia: 'Erscheinen Gottes'."

Jetzt hoffe ich, dass dir heute etwas erscheint in deinem Stück vom Dreikönigskuchen. Oder noch besser: In deinem Herzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 5. Januar 2022

Methodistische Flugpioniere und eine Kirchenspaltung

Ein Zitat

Die Spirit of St. Louise im National Air and Space Museum
Foto © Jörg Niederer
"Wer fliegen will, muss den Mut haben, den Boden zu verlassen." Walter Ludin, Mitglied des franziskanischen Ordens der Kapuziner

Ein Bibelvers - Jesaja 60,8

"Was schwebt da wie Wolken heran? Was fliegt herbei wie Tauben zu ihrem Schlag?"

Ein Anregung

Vom ersten motorisierten Flug bis zum ersten Nonstopflug über den Atlantik am 21. Mai 1927 durch Charles Lindbergh in der Spirit of St. Louis dauerte es gerade einmal etwas mehr als 23 Jahre. Oder waren es 25 Jahre. In der Fachwelt wird nämlich gestritten, ob der motorisierte Erstflug den Gebrüder Wilbur und Orville Wright am 17. Dezember 1903 gelang, oder ob es Gustaf Weisskopf war, der am 14. August 1901 mit Motorenkraft als erster abgehoben habe.

Da wo die Spirit of St. Louise hängt, im National Air and Space Museum in Washington, findet man auch den Wright Flyer. Und dort, in Washington sind sie sich sicher, dass dieser erste bemannte Motorflug den Gebrüdern Wright - und damit zwei Methodisten - gelang. 

Der Vater von Wilbur und Orville war Bischof Milton Wright von den deutschsprachigen Vereinigten Brüdern in Christo, einer methodistisch und pietistisch geprägte Kirche, gegründet im Jahr 1800 von Pfarrer Philipp Wilhelm Otterbein (1726 - 1813), dem mennonitischen Pastor Martin Boehm (1725 - 1812) und elf weiteren Predigern. Obwohl sie sich Brüder nannten, erhielt in dieser methodistischen Kirche bereit im Jahr 1847 Charity Opheral als erste Frau eine Lizenz zum Predigen.

Die Vereinigten Brüder in Christo schlossen sich im Jahr 1946 mit der ebenfalls methodistisch geprägten, von Jacob Albrecht (1759 - 1808) in den USA gegründeten deutschsprachigen "Evangelischen Gemeinschaft" zur "Evangelical United Brethren Church" zusammen. Diese Kirche wiederum vereinigte sich 1968 mit der Bischöflichen Methodistenkirche zur "United Methodist Church" (im deutschsprachigen Raum "Evangelisch-methodistische Kirche").

Zurück zu den Gebrüdern Wright und ihrem bischöflichen Vater. 1889 gaben sich die Vereinigten Brüder in Christo eine neue Verfassung. Dabei kam es zu einem Streit. Aber nicht um die dabei eingeführte Frauenordination. Nein, es ging darum, ob ein Mitglied der Kirche auch Freimaurer sein könne. Eine Mehrheit sah darin kein Problem. Anders Bischof Milton Wright, unterstützt von seinen berühmten Söhne. Mit einigen tausend weiteren Personen gründeten sie die "Vereinigten Brüder in Christo (Alte Verfassung)". Diese Kirche gibt es heute noch, wobei der Klammerzusatz zwischenzeitlich wieder gestrichen wurde.

Auch Bischof Milton Wright, und nicht nur seine beiden Söhne, hatte einst abgehoben - mit seiner Kirche - und sie fliegt noch immer.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 4. Januar 2022

Neu Formen von Kirche in Frauenfeld

Ein Zitat

Das Gebäude der Evangelisch-methodistischen Kirche in Frauenfeld mit Kirchenteil und Wohnhaus.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin stolz darauf, dass wir im 'Kirchenkuchen' als sehr innovativ gelten." Chris Forster

Ein Bibelvers - Jesaja 43,19a

"Schaut her, ich schaffe etwas Neues! Es beginnt schon zu sprießen – merkt ihr es denn nicht?"

Ein Anregung

Bei der neusten Ausgabe von Kirche und Welt, der Zeitschrift der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK), hat es die EMK Frauenfeld auf die Titelseite geschafft. Das erst noch, nachdem es die dortige Gemeinde gar nicht mehr gibt. Doch es sind keine deprimierenden Nachrichten, kein Abgesang auf eine untergegangene, gloriose Vergangenheit.

Grund für die prominente Platzierung: In Frauenfeld startet das erste "Legacy"-Projekt. Dabei stellt die EMK vor Ort die Räumlichkeiten und Infrastruktur dem Bereich GemeindeEntwicklung kostenlos zur Verfügung. Falls diese Fachstelle eine Chance sieht für eine neue, frische Form von kirchlicher Arbeit, stellt sie Pionierinnen oder Pioniere an. Diese werden für die Aufgabe geschult und in der Ausübung eng begleitet.

Der Pionier in Frauenfeld, der dafür mit einem 40%-Pensum angestellt wurde und seit dem 1. November arbeitet, ist Martin Wieland. Er wirkt im Rahmen von "Kirche anders", und nicht etwa als Teil des Bezirks EMK Frauenfeld-Weinfelden. Bei "Kirche anders" sind alle Projekte zusammengefasst, die nicht in traditioneller Weise Gemeindearbeit betreiben. Martin Wieland hat 20 Jahre Erfahrung in der Projekterarbeitung und Begleitung. Diesen Aufgaben ging er in seiner Zeit in Südamerika nach und das kann er jetzt wieder für das Wirken in Frauenfeld gut gebrauchen.

Aktuell kann sich sein "Legacy"-Projekt noch in ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln. Vermutlich wird es einen stark diakonischen Charakter bekommen. Gottesdienste sind nicht das Ziel. Erste ökumenische Kontakte in Frauenfeld sind geknüpft und helfen, Konkurrenzängste ab- und Vertrauen aufzubauen. Und auch der Informationsaustausch mit den Gemeindeverantwortlichen der EMK Frauenfeld-Weinfelden funktioniert.

Hier geht es zum Newsbeitrag über das Legacy-Projekt in Frauenfeld.

Und Radio LifeChannel hat darüber einen Beitrag gesendet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 3. Januar 2022

Amtlich erwünschte Denunzianten

Ein Zitat

Amtliches Verbot aus dem Jahr 1919 bei einem Privatweg in Ermatingen
Foto © Jörg Niederer
"Mit Adleraugen sehen wir die Fehler anderer, mit Maulwurfsaugen unsere eigenen." Franz von Sales (1567-1622) Fürstbischof von Genf

Ein Bibelvers - 2. Timotheus 3,1.2+4a

"Du musst wissen: In den letzten Tagen stehen uns schwere Zeiten bevor. Denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldgierig, prahlerisch und hochmütig... Sie werden lieblos sein, unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht und gewalttätig. Sie werden das Gute hassen und Verrat begehen."

Ein Anregung

1. Ist das Schild noch gültig? Es sieht etwas heruntergekommen aus. Es steht an der Wolfsbergstrasse in Ermatingen. Darauf ist zu lesen: "Privatweg. Unberechtigten ist das Betreten der Strasse und der Gebäude bei Fr.20.- Busse verboten; dem Anzeiger die Hälfte. Der Gemeinderat. Ermatingen, den 11. Nov. 1919." 

2. Der dazugehörige Privatweg ist auf Google Maps nicht eingezeichnet. Er kreuzt die Wolfsbergstrasse und führt auf der westlichen Seite zu einer Villa auf einem vom Fruthwilenbach umflossenen landwirtschaftlich genutzten Grundstück. Das bedeutet, dass es sich immer noch um einen Privatweg handelt. Davor steht ein verschlossenes eisernes Tor, das wohl in der Zeit, als die amtliche Tafel angebraucht wurde, auch schon da war. 

3. 1919 kostete - so denke ich mir - das Weggli noch 5 Rappen. Folglich waren 20 Franken damals viel Geld. 

4. Es lohnte sich also, "Anzeiger" zu sein, oder wie man heute sagen würde: Denunziant.

5. Und jetzt die entscheidende Frage: Falls das Schild noch Gültigkeit haben sollte, bekomme ich dann 10 Franken, wenn ich jemand dazu anstachle, den Privatweg unberechtigt zu betreten, um in dann beim Gemeinderat anzuzeigen? 

6. All das ist natürlich nur ein theoretisches Gedankenspiel. Ich würde das nie tun. Aber es nähme mich halt schon wunder, wie der Gemeinderat auf eine Anzeige reagieren würde? Was denkst du? 

a) Der Gemeinderat erhebt die Busse und zahlt die Hälfte dem "Anzeiger"

b) Der Gemeinderat lässt das Schild restaurieren, weil es von historischem Interesse ist. 

c) Der Gemeinderat lässt das Schild entfernen. 

d) Der Gemeinderat hält dem Denunzianten eine Standpauke. 

e) Der Gemeinderat geht zu einem Lokaltermin, in deren Verlauf dessen Mitglieder wegen unberechtigtem Betreten des Privatwegs verzeigt werden. 

f) Der Gemeinderat schiebt die Anzeige auf die lange Bank worauf das Schild weitere hundert Jahre unbeachtet vor sich hin rostet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Sonntag, 2. Januar 2022

Angenommen

Ein Zitat

Cartoon von Sam Heger zur Jahreslosung 2022
Foto © Jörg Niederer
"Grundsätzliche Zustimmung ist die höflichste Form der Ablehnung." Robert Lembke (1913-1989) Journalist und Fernsehmoderator

Ein Bibelvers - Johannes 6,37

"Jesus Christus spricht: ‘Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen’."

Ein Anregung

Der Cartoon von Sam Herger zur Jahreslosung 2022 lässt mich an verschiedene Momente erinnern, als ich selbst Gastgeber war oder als Gast eingeladen wurde. Und mir kommen Geschichten in den Sinn über Momente der Annahme und Abweisung. All das verbindet sich zu Gedanken, über die ich heute predigen werden. Nicht abgewiesen werden, das bedeutet doch; ich bin willkommen.

Auch du bist willkommen im Gottesdienst oder auch nur zur Predigt.

Die Predigt kann um 10.30 Uhr per Youtube angehört werden.

Wer vor Ort dabei sein möchte: Der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen (Maskenpflicht und Abstand). 

Diesmal lässt sich aber fast zeitgleich um 10.00 Uhr die selbe Predigt inklusive Gottesdienst anhören, und zwar auf dem Fernsehsender Musig24.tv als Aufzeichnung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 1. Januar 2022

Gehen wir es ruhig und besonnen an

Ein Zitat

"Welche wunderbare Gabe doch das Staunen ist. Es durchbricht meinen Alltag und gibt mir eine Ahnung von Unendlichkeit." Johann Pock

Eselbuck bei Adlikon, unweit von Andelfingen
Foto © Jörg Niederer

Ein Bibelvers - Habakuk 1,5

"Seht auf die Völker, schaut hin! Staunt und erstarrt! Denn noch zu euren Lebzeiten werde ich ganz bestimmt handeln. Ihr werdet es nicht glauben, wenn man davon erzählt."

Ein Anregung

Ein einzelner Baum in einer ruhigen, sanften Landschaft. Darüber ein blauer Himmel. Ein Bild von unserer Silvesterwanderung. Warm und sonnig ging das Jahr zu Ende.

Beginnen wir das Jahr wie diese Landschaft. Ruhig, einfach, bescheiden. Mit einem weiten, offenen Himmel über uns. Mit Wegen, die in verschiedene Richtungen gehen können. Mit der Wahl, dahin oder dorthin zu streben. Schön, wenn wir dabei nicht aus dem Staunen kommen und uns immer wieder wundern können.

Vielleicht wird das Neue Jahr ein - wie man so sagt - bäumiges Jahr. Falls du dieses Adjektiv nicht kennen solltest: Gemeint ist ein ein starkes, cooles, tolles, grossartiges Jahr. Ich wünsche es dir und mir: ein bäumiges Jahr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 31. Dezember 2021

Wohin geht es?

Ein Zitat

Jemand hat ein Fahrradwegweiser in die Murg bei Frauenfeld gestellt.
Foto © Jörg Niederer
"Niemand kann zurückgehen und einen neuen Anfang machen. Aber jeder kann jetzt anfangen und ein neues Ende machen." Carl Bard

Ein Bibelvers -Jesaja 40,8

"Ja, das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt für alle Zeit."

Ein Anregung

Silvester. Der letzte Tag im Jahr. Es geht weiter mit einer neuen Jahrzahl. Wohin geht es? Folgen wir sicheren Wegen? Holen wir uns nasse Füsse? Irrlichtern wir durch die Zeit? Widerstehen wir der Strömung? Lassen wir uns mitreissen - und wovon? 

Noch eine Frage: Warum stelle wir uns solche Fragen an Silvester und nicht an anderen Tagen des Jahres?

Eines ist schon jetzt sicher: Am 22.2.22, einem Dienstag, werden die Standesämter viel Arbeit haben. Das wäre dann auch ein Tag, an dem man sich die oben gestellten Fragen stellen könne. Doch vorerst kommt einmal der 1.1.22. Ein schönes Datum. Aber auch der 22.11.22 ist nicht zu verachten.

Und in einem Jahr haben wir wieder Silvester, und fragen uns, warum wir uns fragen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Das Ende einer Rauhnacht

Ein Zitat

Morgenrot über der Ostschweiz (aus dem fahrenden Zug fotografiert)
Foto © Jörg Niederer
"Jegliche Arbeit in den Rauhnächten ist verboten, sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht" Bauernregel

Ein Bibelvers - 1. Samuel 28,6+7

"Saul befragte deswegen den Herrn. Aber der Herr antwortete ihm nicht, weder durch einen Traum noch durch das Los noch durch das Wort eines Propheten. Da sagte Saul zu seinen Knechten: 'Gibt es hier in der Nähe eine Frau, die Tote aus einer Grube heraufbeschwören kann? Ich will zu ihr hingehen und sie befragen!'"

Ein Anregung

Der Himmel glüht, als würden Wälder brennen. Ein Fahrradwegweiser trotz in Frauenfeld den Fluten der Murg. Es ist Morgen nach einer weiteren Rauhnacht. 

Woran liegt es, dass es mir vorkommt, als wären die Rauhnächte plötzlich in allen Medien. Bisher sind mir diese Nächte vom 25. Dezember bis 6. Januar nicht besonders aufgefallen. Doch in diesem Jahr stolperte ich gleich mehrfach über diesen Begriff. Liegt es daran, dass alle einander abschreiben? Oder spielt mir mein Unterbewusstsein oder die Vergesslichkeit einen Streich. Jedenfalls befinden wir uns aktuell in den sogenannten Rauhnächten. 

Es seien zwölf heilige Nächte, gefeiert schon in vorchristlicher Zeit. An Silvester beginnt die Wilde Jagd, in der die Toten und Geister Zugang zur Welt der Lebenden bekommen. Um ihr Wirken zu beenden, gibt es überall im Alpenraum Vertreibungstraditionen. Dass es 12 Nächte sind, ergibt sich aufgrund der Differenz zwischen Mondjahr (354 Tage) und Sonnenjahr (365 Tage). Diese elf Tage und 12 Nächte dazwischen seien aus der Zeit gefallen, also besonders und geheimnisvoll. In den eingeschneiten Tälern des Alpenraums gab es in dieser Periode des Jahresübergangs wohl kaum etwas zu tun. Und so hatte man Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen über den Lauf der Dinge. Kein Wunder, waren es Nächte der schauderhaften Geschichten, der lähmenden Ängste und der Fragen nach dem Sinn des Lebens. Zudem sollen die Rauhnächte und deren Wetter je für das Klima eines kommenden Monats stehen. Hier kann es nachgelesen werden.

Vielleicht ist von den Rauhnächten deshalb plötzlich überall zu lesen, weil wir in Zeiten von Corona wieder stärker auf der Suche nach einem jenseitigen Halt sind. Dabei orientiere ich mich ganz gerne an einem für mich Altbekannten: an Jesus Christus.

Was möchtest du im Übergang zum neuen Jahr definitiv vertreiben und hinter dir zurücklassen (einmal abgesehen von diesem Virus, von dem wohl alle definitiv genug haben)? Und welche Träume sollen dir im neuen Jahr in Erfüllung gehen?

Übrigens: Noch zum eingangs zitierten Bauernspruch. Damit wäre wohl klar, dass nicht der Wolf an Viehrissen schuld ist, sondern alle Gierigen, die nicht genug bekommen vom der Erwerbsarbeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Haben religiöse Reden keine kulturelle Bedeutung?

Ein Zitat

Brigitte Kemmann, die Schöpferin des St. Galler Kulturstadtplans
Foto © Jörg Niederer
"Predigten könnten bestimmt besser sein, wenn nicht so viele gehalten würden." Arthur Michael Ramsey (1904-1988), englischer Theologe und Erzbischof

Ein Bibelvers - Jakobus 1,19

"Denkt daran, meine lieben Brüder und Schwestern: Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören. Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät."

Ein Anregung

Offensichtlich gehören Buchhandlungen zu den Kulturinstitutionen. Das jedenfalls geht aus dem St. Galler Kulturstadtplan hervor. Hinter dem Werk steht die Kulturförderin Brigitte Kemmann. Sie hat in akribischer Arbeit alle ihr bekannten Kulturinstitutionen zusammengetragen. 184 einzelne Einträge zeugen von reichen kulturellen Aktivitäten in der Gallusstadt.

Buchhandlungen gehören also zur Kultur einer Stadt. Wie ist das mit den Kirchen? Können religiöse Zentren und Ausdrucksformen zur Kultur gezählt werden? Bei der Durchsicht des Kulturstadtplans ergibt sich ein indifferentes Bild. So wird der Stiftsbezirk und die Kathedrale klar der Kultur zugeschlagen. Das gilt auch für die Diözesane Kirchenmusikschule, die DomMusik St.Gallen, die Musik im Centrum (in der Stadtkirche St. Laurenzen). Auch die Cityseelsorge der Katholischen Kirche ist Kultur, genauso wie die Kirche St. Mangen, der WirkRaumKirche mit der offenen Kirche und die Kirche Linsebühl. Dasselbe gilt auch für diverse christliche Chöre, speziell den Kirchenchor Cäcilia St. Georgen und den Oratorienchor St. Gallen.

Interreligiöse Angebote finde ich dagegen in der Stadt mit der Interreligiösen Dialog- und Aktionswoche gar nicht. Auch wird offensichtlich eine gewisse Häufung von kulturellen Einzelaktionen verlangt, damit eine Kirche als Kulturinstitution gezählt wird. Geistliche Reden, Predigten, wie sie jeden Sonntag wohl beinahe in jeder Kirche und Kapelle der Stadt zu hören sind, werden nicht der Kultur zugerechnet. Auch wenn mir angesichts dieser Erkenntnis ein Stich durchs Predigerherz geht - ein bisschen kann ich es verstehen. Der Kulturkalender würde bei einer Auflistung aller Sprachkunst von der Kanzel doch etwas sehr religionslastig.

Jedenfalls hat Brigitte Kemmann eine hervorragende Arbeit geleistet. Der St. Galler Kulturstadtplan lädt ein, die Stadt auch von dieser Seite noch besser kennenzulernen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 28. Dezember 2021

Geburtsbilder aus Bethlehems Stall

Ein Zitat

Kunstvolle Weihnachtskrippe
Foto © Jörg Niederer
"Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht." Kurt Marti

Ein Bibelvers - Matthäus 1,21

"Sie [Maria] wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du [Josef] den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld."

Ein Anregung

Die Weihnachtszeit dauert ja bekanntlich bis zum 6. Januar. Und so schadet es nicht, auch jetzt noch Weihnachtskrippen zu betrachten. Die abgebildete stand vor drei Jahren in einer Auslage in der Altstadt von St. Gallen. Mir gefällt, wie auf kleinstem Raum die Krippenszene knallig bunt und kunstvoll dargestellt wird.

Das Portal der Reformierten grüsst mit weiteren Fotos von historisch bedeutsamen Weihnachtskrippendarstellungen. Angefangen bei der ältesten Darstellung der Heiligen Familie auf einem Sarkophag des 4. Jahrhunderts bis zu einer fotografischen Umsetzung der gebärenden Maria geht diese Serie von 10 Kunstwerken. Faszinierend vielgestaltig ist die "gute alte Mär" von den Künstlerinnen und Künstler umgesetzt. Über jedes Bild lässt sich meditieren. Einige kurze Erläuterungen helfen auf die richtige Spur.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 27. Dezember 2021

Haarige Streitereien und eine bleibende Friedensbotschaft

Ein Zitat

Eine Hirtin wacht über ihre Schafe
Foto © Jörg Niederer
"Solange es Haare gibt, liegen sich Menschen in denselben." Heinz Erhardt (1909-1979 Komiker)

Ein Bibelvers - Lukas 2,8

"In der Gegend von Betlehem waren Hirten draußen auf den Feldern. Sie hielten in der Nacht Wache bei ihrer Herde."

Ein Anregung

Zurecht haben schon fast 5000 Menschen das Krippenspiel der Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule für Pflege am methodistischen Diakoniewerk Martha-Maria in Nürnberg gesehen. Das Krippenspiel konnte zum zweiten Mal nicht vor Zuschauerinnen und Zuschauern aufgeführt werden. So entstand dieser Film der  Weihnachtsgeschichte. Auch nach dem Feiern ist er ein inspirierendes Schauspiel mit einer zentralen Botschaft.

Besonders gut gelungen sind die Streitszenen, die an die Konflikte rund um das Coronavirus erinnern. Im Film vor kommt auch der Grenzzaun, wie er an vielen Orten auf dieser Welt zu finden ist. Der Mix zwischen jahrhundertealter Friedensbotschaft und zeitgemässer Sprache und Szenerie - auch Elektroroller kommen zum Einsatz - erzeugt eine faszinierende Stimmung. Gänsehautgefühl auch beim Eintreffen der Hirten am Ort der Geburt Jesu.

Darüber hinaus freuen sich einige bestimmt auch an den Waliser Schwarznasenschafen, vierbeinige Schauspielerinnen, die im Abspann des Filmes namentlich erwähnt sind.

Das Krippenspiel, verfasst von Christiane Westphal, muss man - so finde ich - gesehen haben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 26. Dezember 2021

Gott kommt uns Menschen wie ein liebender Vater oder eine gute Mutter entgegen

Ein Zitat

Mitten im Weihnachtsmarkt St. Gallen bewegen sich Menschen aufeinander zu
Foto © Jörg Niederer
"Vielleicht gibt es in der ganzen Bibel keinen Satz, der das Geheimnis von Weihnachten besser zusammenfasst als diesen: „Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn." Klaus Douglass

Ein Bibelvers - Lukas 2,22

"Die Zeit ihrer Reinigung war vorbei, so wie sie im Gesetz des Mose festgelegt ist. Da gingen Maria und Josef mit Jesus nach Jerusalem. Sie wollten das Kind im Tempel zum Herrn bringen."

Ein Anregung

Gott kommt in Jesus Christus uns Menschen entgegen. Er sucht uns auf, wird Mensch unter Menschen. Das feiern wir in diesen Tagen. In der wohl bekanntesten Geschichte, die Jesus einst erzählte, ist es ein Vater, der seinen beiden Söhnen entgegen geht. beide sind ihm wichtig. So wichtig, dass er nicht nur wartet, sondern sich selbst auf den Weg macht.

Davon erfährt man mehr in den weihnachtlichen Gedanken, die zu einer Reihe von "24x - Weihnachten neu erleben" gehören. Es ist ein Auszug aus einer Predigt von Klaus Douglass. Diese Predigt, von Pfarrer Jörg Niederer vorgetragen, kann um 10.30 Uhr per Youtube angehört werden. Wer vor Ort dabei sein möchte: Der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 25. Dezember 2021

Der wahre Geist von Weihnachten

Ein Zitat

Christbaum in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
Weihnachten offenbart - was dir fehlt - was du suchst - wem du bist.

Ein Bibelvers - Lukas 2,13+14

"Plötzlich war der Engel umgeben vom ganzen himmlischen Heer der Engel. Die lobten Gott und riefen: 'Gottes Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe! Sein Frieden kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet!'"

Ein Anregung

Mein Facebook-Freund Richard ist ein Texaner, wie er im Buch steht, mit all dem, was wir an Amerikanern so lieben, und dennoch ein herzensguter Mensch. Er ist schon ein älteres Kaliber, und gehört zu den Menschen, die den 2. Weltkrieg als Kind erlebt haben. Solche Menschen neigen dazu, Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen. Die Geschichte, die ich heute von ihm gelesen habe, ist es wert, hier wiedergegeben zu werden.

Damals war Richard 5 Jahre alt. Mit seinen zwei älteren Schwestern freute er sich 1946 wie jedes Kind auf Weihnachten. Es zeichneten sich eine Feier ab, an der die Kinder Geschenke bekommen sollten, welche nicht nach Nützlichkeitserwägungen gekauft worden waren. Also keine Strümpfe, Unterwäsche und Halstücher. Schon lagen die Päckchen unter dem Weihnachtsbaum. Doch bevor sie ausgepackt werden konnten besuchte die Familie den Mitternachts-Gottesdienst.

Zurück von der Feier waren alle Geschenkspakete weg, auch die, welche in der Putzkammer für später versteckt worden waren. Ein Dieb hatte sie alle geklaut. Ihr könnt euch die Endtäuschung der Kinder vorstellen. Sie wussten genau, dass die Eltern nicht einfach neue Geschenke aus dem Sack zaubern konnten.

Als sie aber am anderen Morgen erwachten und ins Wohnzimmer traten, was sahen sie da? Unter dem Baum lagen neue Geschenke für sie bereit. Die Eltern hatten alle ihre Freunde und Bekannten über das Unglück informiert und angefragt, ob diese nicht eines der Geschenke für deren Kinder entbehren könnten. Und diese Freunde fassten sich, obwohl sie selbst nicht viel hatten in diesen Nachkriegsjahren, ein Herz, und gaben nicht von ihrem Überfluss, sondern von den mühsam erworbenen Geschenken für die eigenen Lieben. Richard schreibt: "Seit diesem Erleben danke ich für diese 'Heiligen' an jedem Weihnachtsfest. Sie haben den wahren Geist von Weihnachten verstanden."

Ich wünsche euch allen eine gesegnete Weihnachtszeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 24. Dezember 2021

Spaziergang durch die Weihnachtsstadt

Ein Zitat

Dom St. Gallen mit Christbaum
Foto © Jörg Niederer
"Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken will, die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde." Friedrich von Bodelschwingh

Ein Bibelvers - Lukas 2,4+5

"Auch Josef ging von der Stadt Nazaret in Galiläa nach Judäa. Sein Ziel war die Stadt Betlehem, aus der David kam. Denn er stammte von David ab. In Betlehem wollte er sich eintragen lassen zusammen mit Maria, seiner Verlobten."

Ein Anregung

Da ist beim Betreten der kirchlichen Räume der Duft nach Lebkuchen (es lag auch schon einmal tagelang der Geruch nach Sauerkraut in der Luft). In der Kirche der Christbaum mit den Kerzen und glänzenden Kugeln. Kurze Zeit später in der Stadt dreht sich am Weihnachtsmarkt das Kinderkarussell. Das Friedenslicht wird verteilt, daneben steht das Einsatzfahrzeug der Polizei. Sterne spiegeln sich in dessen glänzendem Metall. Das Treiben der Menschen wird aufmerksam von Vadian auf seinem Sockel beobachtet.

300 Meter davon entfernt schlittern Kinder von Scheehaufen auf der Domwiese herunter als wäre es die Bobfahrt ihres Lebens. Davor der Weihnachtsbaum, unter dem sich Verliebte fotografieren, aber auch Familien. Scheinwerfer hüllen Dom und Kirche St. Laurenzen in warmes Licht. Im Windschatten der Kathedrale drinken Zwei heissen Tee aus ihrem Thermoskrug und diskutieren nicht ganz so laut wie die Halbwüchsigen, die einen Platz im Lichtschatten besetzt halten. Die Kälte kriecht in die Knochen. Zeit, sich aufzuwärmen nach einigen Stunden im nächtlichen Lichterzauber.

Es ist Heilig Abend. Man könnte es glauben, dass da Frieden wird auf Erden. Man könnte es glauben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Das rote Versprechen vom Baum des Lebens

Ein Zitat

Fruchtkörper an der Eibe
Foto © Jörg Niederer
"Bei den Kelten und bei ihren geistlichen Führern, den Druiden, galt die Eibe wegen ihrer Verbindung zur Ewigkeit somit als heiliger Baum." Aus einem Online-Artikel der Georg-August-Universität Göttingen

Ein Bibelvers - Genesis 2,9

"Gott der Herr ließ aus dem Erdboden alle Arten von Bäumen emporwachsen. Sie sahen verlockend aus, und ihre Früchte schmeckten gut. In der Mitte des Gartens aber wuchsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse."

Ein Anregung

Die rote Beere liegt mitten im Winter auf dem Gehsteig. Und weil es im Winter meist nicht rot, sondern grau ist im Mittelland, fällt sie mir besonders auf. Es ist der Fruchtkörper einer Eibe. Sie steht am Weg zum Schulhaus. Ob das die Eltern der Kinder wissen? Denn an einer Eibe ist fast alles giftig. So giftig, dass früher viele Pferde der Fuhrleute gestorben sind, wenn sie von deren Nadeln und der Rinde naschten. Nur eines ist nicht giftig an der Eibe. Das warngefärbte, trichterförmige Fruchtfleisch der Beere. Doch Vorsicht: der darin enthaltene Same enthält auch wieder das hochwirksames Gift.

Eiben sind wie manche reiferen Menschen. Sie verschleiern ihr Alter. Grund ist, dass sie mit fortgeschrittener Lebensdauer durch Fäulnis ihr Kernholz verlieren, und somit das Alter nicht mehr exakt über die Jahrringe bestimmt werden kann. Es soll aber bis 2000 Jahre alte Exemplare geben auf den Britischen Inseln. Vielleicht hat einer dieser Bäume in der Nacht der Geburt Jesu zu keimen begonnen.

Noch etwas zeichnet die Eiben besonders aus. Da sie langsam wachsen, sind sie andern Waldbäumen im Streben nach Licht hoffnungslos unterlegen. Und so haben sie gelernt, mit so wenig Licht auszukommen, wie kein anderer Baum. Also ein Baum, wie geschaffen für den Advent, die dunkelste Zeit des Jahres.

Eiben sind geschützt. Sie wurden in Europa einst fast ausgerottet. Ihr Holz eignete sich hervorragend für den Bau von Langbogen und Armbrüste. Ein totbringender Baum also, aber nicht nur. Er sei auch ein Baum des Lebens. Vielleicht gerade deshalb, weil seine Früchte in der dunkelsten Zeit des Jahres rot leuchtend Lebenshoffnung verbreiten.

Und falls jemand von euch einmal in einem richtigen Eibenwald spazieren möchte: Da muss man nicht weit reisen. Zwischen Turgi und Baden, über der Limmat, da liegt auf dem Unterwilerberg einer der grössten Eibenwälder der Schweiz. 1200 dieser Bäume zählt der kleine Urwald, in dem seit 1961 kein Holz mehr geschlagen wird. Ein zauberhafter Wanderweg führt durch dieses kleine Naturwunder der Schweiz.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 22. Dezember 2021

Der Engel auf dem Bügeleisen

Ein Zitat

Mit etwas Fantasie wird die Bügelsohle eines Glätteisens zum Bild eines Engels
Foto © Jörg Niederer
"Alternatives Spiel: Malen wir einen Engel an die Wand!" Walter Ludin, (*1945), Schweizer Journalist, Kapuziner, Redakteur, Aphoristiker und Buchautor

Ein Bibelvers - Offenbarung 8,2

"Ich sah die sieben Engel, die vor Gott stehen. Ihnen wurden sieben Trompeten gegeben."

Ein Anregung

Unser Gehirn versucht, in allen Formen Vertrautes zu erkennen. Menschliche oder menschenähnliche Gestalten oder Gesichter sehen wir daher auch da, wo sie gar nicht sind.

Bei mir, direkt im Blickfeld, steht das Bügeleisen. Auf der Bügelsohle sind die Dampflöcher in sorgfältiger Ordnung angebracht und grafisch hervorgehoben. In dieser Anordnung erkenne ich einen Engel. Vielleicht geht es dir gleich, wenn du die Fotografie genauer betrachtest. 

Den grössten Teil des Engels machen die Flügel aus, links und recht entlang des langgezogenen stilisierten Körpers angeordnet. Dann kommt oben der Kopf (In Wirklichkeit ein Dampfsymbol, eingerahmt vom Schriftzug "Precision Steamboost"). Links und rechts davon sehe ich die erhobenen Arme des Engels. Über dem Engel, im Hintergrund, bilden die Dampfdüsen eine Art Weihnachtsbaum. Es könnten natürlich auch das singende Engelheer sein oder die dramatische Beleuchtung der Szene. Die dunkelbraunen Verfärbungen der Bügelsohle geben der Illusion noch etwas Tiefe und Plastizität. 

Nun sehe ich also jedes Mal, wenn ich aufschaue, nicht nur das Bügeleisen, nicht nur die schon etwas abgenutzte Bügelsohle, sondern auch einen himmlischen Boten, einen Repräsentanten Gottes. Und wenn es sein müsste, könnte ich diesen Engel noch in geheimnisvolle Dampfschwaden hüllen.

Noch etwas: Selbst wenn ich wollte, ich könnte diesen Engel nicht mehr nicht sehen. Er ist da, und zeigt sich mir, ob ich es will oder nicht. Er ist da, und geht nicht mehr weg. Mir gefällt das gut.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 21. Dezember 2021

Weihnachts-Hampelmann

Ein Zitat

Der neue Zollibolli-Hampelmann beim Neumarkt St. Gallen in Aktion
Foto © Jörg Niederer
Das Zollibolli-Männchen: "Neu lacht es mit einem breiten Grinsen, strahlt mit offeneren Augen, ist lebendiger." Aus der Zollibolli-Geschichte

Ein Bibelvers - 2. Samuel 6,16

"Die Lade des Herrn kam in die Stadt Davids. Michal aber, Sauls Tochter, schaute durchs Fenster. Und sie sah König David, wie er vor dem Herrn hüpfte und tanzte."

Ein Anregung

Nun zappelt er wieder, der Hampelmann vom Spielwarengeschäft Zollibolli. Der Rufname von Ernst Zollikofer, dem einstigen Seniorchef eines St. Galler Einkaufsgeschäfts, wurde 1954 zum Firmennamen und in Form eines mehrere Meter hohen Hampelmanns zum Maskottchen für das älteste Spielwarengeschäft der Schweiz. Seit also 77 Jahre erfreut es Kinder und Erwachsene, den Hampelmann durch den Zug an einem Seil zum Zappeln zu bringen. 

Im vergangenen Jahr schloss die Filiale in der Marktgasse, wo bisher in der Weihnachtszeit die Original-Hampelmann-Version hing. Nun wurde für den Standort Neumarkt eine neue, 7 Meter hohe Version vom Zollibolli produziert. Sein Platz vor dem Logo der Migros ist schon speziell. Aber auch hier haben die Kinder ihre helle Freude an dem hampelnden Weihnachtsboten.

Ich werde den Verdacht nicht ganz los, dass sich der Schöpfer des Zollibolli-Hampelmanns an einem anderen roten Männchen angelehnt hatte, dem 1948 entworfenen Knorrli, den es auch in Hampelmann-Form gibt. Da sind natürlich schon Unterschiede: die Mütze, die Nasenform, den Kochlöffel in der Hand, aber sonst... man könnte meinen, die beiden seien Brüder, der eine Gewürz- und Suppenspezialist, der andere Kenner der Kinderfreuden.

Bei Knorr auf der Webseite wird behauptet, dass Knorrli mit einem Bekanntheitsgrad von 93% der berühmteste Schweizer sei. Das ist in St. Gallen bestimmt anders. Da kenn ausnahmslos jede und jeder den Zollibolli-Weihnachtshampelmann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde