Mittwoch, 8. September 2021

Das Alphorn und die heile Welt

Ein Zitat

Alphornbläser vor der Kirche St. Johannes in Romanshorn anlässlich des Ökumenischen Tags der Schöpfung 2021
Foto © Jörg Niederer
"Es ist ein wunderschöner Ort um hier gemeinsam dafür zu danken, dass das Wasser da ist, dass wir genug Wasser haben, und an alle die zu denken, die unter zu viel oder zu wenig Wasser oder unter einer Riesenhitze gelitten haben in diesem Sommer." Kurt Zaugg-Ott, Dr. theol., Leiter der oeku-Fachstelle, anlässlich der ökumenischen Feier zum Tag der Schöpfung am Molo in Bregenz.

Ein Bibelvers - 3.Mose 25,9+10

"Am zehnten Tag des siebten Monats des 50. Jahres soll das Widderhorn geblasen werden. Es soll am Versöhnungstag im ganzen Land erklingen. Dieses Jahr soll für euch heilig sein. Das heißt: Ruft die Freilassung aller Sklaven im Land aus! Denn es ist für euch ein Jubeljahr. Jeder soll zu seiner Familie zurückkehren dürfen und dort seinen Besitz zurückerhalten."

Ein Anregung

Am vergangenen Samstag spielten in Romanshorn am Ökumenischen Schöpfungstag zwei Alphornbläser auf ihren Instrumenten. 

In der Schweiz gibt es 2150 organisierte Alphornbläserinnen und -bläser. Das Durchschnittsalter liegt bei 55-65 Jahren. Ein Alphorn kostet um die 5000 Franken. 70 Arbeitsstunden stecken in dem urtümlichen Instrument. 

Der "Dinosaurier" der Blasinstrumente gehört zur Familie der Blechblasinstrumente, weil die verschiedenen Töne durch Lippenspannung, und nicht durch Klappen oder Ventile erzeugt werden. Tonbezeichnungen beim Alphorn - etwas das Alphorn-Fa - haben etwas zu tun mit dem Johannes-Hymnus, einem Lied auf Johannes den Täufer, entstanden im 8. Jahrhundert. Die Anfangsbuchstaben des lateinischen Hymnus entsprechen der Tonleiter: ut - re - mi - fa - sol -la.  

Das und mehr erfährt man in einem Audio-Beitrag von SRF.  

Erstmals erwähnt wird das Alphorn im frühen 16. Jahrhundert im Rechnungsbuch des Klosters St. Urban. Grund: Ein bettelnder Alphornbläser erhielt von den Mönchen Geld für seine Darbietung. Folglich war das Alphorn für die Ordensleute ein akzeptables Instrument. 

In den Bergen war das Alphorn damals kaum bekannt. Als Signalinstrument für Hirten wäre das Drei-Meter-Ungetüm zu unpraktisch gewesen. Es galt lange Zeit als Bettlerinstrument, und wurde erst durch geschicktes Marketing und durch die Jodlerverbände anfangs des 20. Jahrhundert zu einem nationalen, volkstümlichen Instrument. 

Die 16 Töne eignen sich für meditative Musik. Der Klang weckt die Sehnsucht nach einer heilen Welt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. September 2021

Ein unendlicher Friedensring in Lindau auf der Gartenschau

Ein Zitat

Feier am Ökumenischen Tag der Schöpfung in Lindau beim Ring for Peace
Foto © Jörg Niederer
"Es isch emol en Maa gsy, / de het en hoole Zah ghah. / I dem Zah isch es Trückli gsy, / i dem Trückli isch es Briefli gsy, / i dem Briefli isch gstande: / Es isch emal en Maa gsy..." Kinderreim

Ein Bibelvers - Psalm 85,9.11+12

"Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden. Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen... Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab."

Ein Anregung

Am Ökumenischen Tag der Schöpfung vom vergangenen Samstag fand in Lindau eine Feier auf dem Gelände der Gartenschau beim Ring for Peace statt. Dieser Ring erinnert an die 10. Weltversammlung von Religions for Peace 2019 in Lindau. Ringe spielen in vielen Religionen eine bedeutende Rolle. Der Templiner Holzgestalter Gisbert Baarmann hat den Ring in Form eines Möbiusbandes gebaut.

Das Möbiusband ist einfach zu erstellen. Wenn man einen Papierstreifen zu einem Band zusammenklebt, das eine Ende aber zuvor um 180° verdreht, dann entsteht ein Möbiusband. Angenommen du beginnst nun die eine Seite des Bandes einzufärben und fährst ohne abzusetzen damit fort, wirst du am Ende beide Seiten bemalt haben. Jeder Punkt auf diesem Möbiusband ist ohne Seitenwechsel erreichbar.

Beim Möbiusband ist es daher nicht möglich, zwischen innen und aussen eindeutig zu unterscheiden. Etwas, das Religionen ja immer wieder versuchen: Du gehörst dazu, und du gehörst nicht dazu. Das Kunstwerk sprengt den Sinn darin, den einen Standpunkt gegen den andern auszuspielen. Jeder Standpunkt auf dem Band ist gleichgewichtig wie die andern Standpunkte. Alle sind unausweichlich aufeinander bezogen. 

Wir leben alle in der gleichen Welt. Was an einem Ort auf der Erde geschieht, geht jeden andern Ort auf der Erde auch etwas an. Der Krieg irgendwo ist der Krieg überall. Der Friede hat grundsätzlich freie Bahn, kann jeden Platz der Welt erreichen. Wer sich hier dafür einsetzt, setzt sich überall dafür ein.

Mit dem Möbiusband kann man faszinierende Experimente machen. Beschrieben sind sie im Wikipedia-Artikel zum Möbiusband. 

Das Möbiusband ist auch selbstreferenziell. Es bezieht sich auf sich selbst zurück. Sprachlich ist das schön dargestellt mit dem oben erwähnten Kinderreim. Eine längere Version davon ist die Kabarett-Nummer: "Ein Loch ist im Eimer, Karl-Otto...".

Kennst du noch andere sprachliche Möbiusbänder?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. September 2021

Vom Tag der Schöpfung, der Generation Greta und von Wegwerfmode

Ein Zitat

Der orthodoxe Pfarrer Ovidiu Cozma segnet am Ökumenischen Tag der Schöpfung in Bregenz das Wasser.
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle haben von Gott ins Stammbuch geschrieben bekommen, auf der ersten Seite der Bibel: Verwaltet die Schöpfung, nicht macht sie euch untertan, dass wir die Herren der Schöpfung sind, sondern verwaltet sie! Ihr seit nur Treuhänder und keine Ausbeuter." Bischof Dr. Bertram Meier

Ein Bibelvers - Römer 7,19

"Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse."

Ein Anregung

Am Samstag beteiligten sich am Ökumenischen Tag der Schöpfung Menschen verschiedenster Kirchen aus den drei Bodenseeländer. Der Schutz, Segen und die Abhängigkeit von Wasser standen im Zentrum. So segnete in Bregenz der rumänisch-orthodoxe Pfarrer Ovidiu Cozma das Wasser im Beisein von Medien und Glaubenden. Danach ging es mit den Schiff nach Lindau und Romanshorn, wo je unterschiedlich gefeiert und über das Wasser nachgedacht wurde. 

Nun könnte angesichts der Nutzung eines Schiffes und der Anfahrt vieler mit den Auto (in Deutschland streikte die Bahn) von Inkonsequenz gesprochen werden. Denn alles hängt zusammen. Wasser, Boden, Klima, Konsum, Mobilität, Wirtschaft, Bevölkerung, Frieden und Gerechtigkeit. 

Inkonsequenz wirft ein Artikel in der Sonntagszeitung auch der Generation Greta vor. Die Klimajugend sei verrückt nach Ultra Fast Fashion, Wegwerfmode, produziert unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen und mit katastrophaler Umweltbilanz. Besonders der chinesische Anbieter "Shein", zwischenzeitlich weltweit zweitgrösster Modeanbieter, ist in der Kritik. Das Unternehmen suggeriert einen Lebensstil, bei dem die Kleider - einmal getragen - gleich ersetzt werden durch neue Kleider. Dies beisst sich natürlich mit dem Schutz des Klimas. Ist die Klimajugend also inkonsequent?

Vermutlich schon. Aber nicht nur die Klimajugend. 

  1. Wir alle sind inkonsequent. Wir alle konsumieren Güter, die wir nicht brauchen. Wir alle wissen was richtig ist, aber tun das Falsche. 
  2. Auch in der Generation Greta engagieren sich nicht alle in der Klimabewegung. Und in der Klimabewegung gibt es einige, die sehr wohl persönlich den Lebensstil nach ökologischen Gesichtspunkten ausrichten. 
  3. Auch andere Altersgruppen (Generationen) sind nicht homogen und wollen nicht mit allen Gleichaltrigen und deren Weltanschauungen in einen Topf geworfen werden. 
  4. Das Beste, was wir heute tun können für die Bewahrung der Schöpfung, ist den eigenen Konsum einzuschränken. Alles was nicht gekauft wird, belastet auch die Umwelt und unser Leben nicht.

Dafür stehen auch die Kirchen ein, wie man in verschiedenen Beiträgen über den Ökumenischen Tag der Schöpfung am Bodensee erfahren kann. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. September 2021

"Stelle mich, wohin du willst!"

Ein Zitat

Kohlköpfe können nichts zu ihrem Standort sagen
Foto © Jörg Niederer
"Berufung im pragmatischen Sinn ist das Gefühl, da, wo ich bin, bin ich gerade richtig." Eva Maria Zurhorst, Beziehungscoach

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 16,9+10

"In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Makedonien stand vor ihm und bat: 'Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!' Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, um nach Makedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkünden."

Ein Anregung

Wie finde Frauen oder Männer heraus, an welcher Stelle Gott sie einsetzen möchte, an welchem Ort sie leben sollen, welcher Weg der christliche für sie ist? 

Manche Methodistinnen und Methodisten verlassen sich da ganz auf den Bischof und das Dienstzuweisungssystem. Andere sind nicht so vertrauensselig, wollen selbstbestimmt entscheiden, wie die Kirche sie brauchen soll. 

Paulus kannte auch Entscheidungen nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Wenn der eine Weg verschlossen ist, will ihn Gott wohl an einem andern Ort haben. Andere verlassen sich auf Visionen, was letztlich wohl oft dazu führt, dass Menschen tun, was sie wollen, und nicht was Gott möchte. Vielleicht kann gesagt werden, dass da, wo Not ist, Gott auch möchte, dass ich bin und helfe. Aber vielleicht greift dies auch wieder zu kurz. 

In der heutigen 2. Predigt zum Bundeserneuerungsgebet von John Wesley geht es genau darum. Ausgangspunkt ist die Bitte an Gott: "Stelle mich, wohin du willst...". Ab 10.30 können die Gedanken dazu auf Youtube oder vor Ort an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen mitgehört und diskutiert werden. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 4. September 2021

Ununterscheidbar religiös - Ein spannendes Kunstprojekt

Ein Zitat

Bei der Fotosession zur Interreligiösen Bettagsfeier in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin immer begeistert, wenn die Menschen zueinander gehen, aber nicht auseinander gehen. Das ist das Schöne glaube ich. Auch wenn die Religionen zueinander gehen aber nicht auseinander gehen." Elena Kaufmann zu ihrem Projekt "Der weisse Faden" 

Ein Bibelvers - Jona 1,4+5a

"Doch der Herr ließ einen starken Wind losbrechen, der über das Meer fegte. Der Sturm wurde immer stärker, und das Schiff drohte auseinanderzubrechen. Die Matrosen fürchteten sich und schrien um Hilfe, jeder betete zu seinem eigenen Gott."

Ein Anregung

"Der weisse Faden" heisst die Ausstellung mit Fotos von Elena Kaufmann im deutschen Erfurt. Angelehnt ist der Titel wohl an die Aussage in Sure 2, nach der die Nacht endet, wenn ein schwarzer Faden sich von einem weissen deutlich unterscheidet. Die Unterscheidbarkeit, oder besser das Unvermögen zu unterscheiden, davon handelt dieses geniale Kunstprojekt. 

Elena Kaufmann porträtiert 20 Frauen unterschiedlichen Glaubens. Die 20 Frauen verzichten auf allen äußeren Schmuck, hüllen sich in ein schlichtes Gewand. Kein äusseres Zeichen ihres Glaubens lenkt ab. In spannenden, großformatigen Porträts wird Stärke und Verletzlichkeit erkennbar. Aber nicht erkennbar wird die Religion der portraitierten Frauen. Wie auch, ohne die jeweiligen Attribute, Kleidungen und Gesten, Worte und Haltungen. Ohne ihr sichtbares Glaubensbekenntnis sind es allesamt Menschen, mit denen es sich auf dieser Erde leben lässt. Religiöse Vorurteile verlieren ihre äusseren Anhaltspunkte. Betont wird das Gemeinsame, das Verbindende. 

An der interreligiösen Bettagsfeier vom 19. September vor dem Dom in St. Gallen werden die verschiedenen Religionen deutlich erkennbar sein. Aber auch dieser Anlass betont das Miteinander, wobei das Trennende nicht ganz verwischt wird. Es wird nicht miteinander an einem Tisch gebetet, sondern nacheinander an vielen Tischen.

Doch bei der Vorbereitung zu diesem Anlass traf man sich dann doch bunt gemischt an einem Tisch - im Restaurant beim Essen und Trinken und Diskutieren über die gemeinsame Welt, und auch ein ganz kleines bisschen über Gott.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. September 2021

Ausserirdisches Leben aus christlicher Sicht

Ein Zitat

Die schöne Sicht von Raumschiff Erde zur Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Da gibt es viele Schafe innerhalb des Zauns. Und da ist immer ein Schaf das steht am Zaun. Das war ich. Ich habe immer versucht, das Loch hinaus zu finden." Dr. Thomas Zurbuchen, NASA-Forschungsdirektor

Ein Bibelvers - Matthäus 28,20

Jesus: "Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Ein Anregung

Vorgestern schaute ich mir beim Swiss Economic Forum  das Referat vom aus Heiligenschwendi stammenden NASA-Forschungsdirektor Dr. Thomas Zurbuchen an. (Hier findet sich ein sehenswerten DOK-Beitrag über "den mächtigsten Wissenschaftler der Welt.") Der Sohn eines Predigers warf einmal mehr die Frage nach ausserirdischem, intelligentem Leben auf. Mit Nachdruck betonte er aber auch die Bedeutung der Erde für unser Leben und das unserer Nachkommen.

Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Spielt es eine Rolle, ob ich für die Beantwortung der Frage nach ausserirdischem Leben Christ bin oder nicht?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wahrscheinlich, dass auf einem anderen Planeten in einem anderen Sonnensystem auch Leben entstanden ist, wenn es hier auf der Erde schon einmal geklappt hat.

Und aus christlicher Sicht? Hat Gott das ganze Universum nur als Staffage für diese Erde und die Menschen darauf erschaffen? Diese Sicht der Dinge würde die Menschen als etwas Einmaliges sehr aufwerten. Und Gott? Würde es Gott nicht abwerten, zu einem kleindenkerischen Schöpfer machen? 

Falls Gott aber verschiedene Welten mit intelligenten Lebewesen erschaffen hat, und falls wir je einmal einen Weg zu diesen Lebensformen finden würden, welche Bedeutung würde dort Christus haben? Wäre er der Bote Gottes für jene Welten, wie er es aus christlicher Sicht für unsere Erde ist? Würde Christus seine Nachfolgerinnen und Nachfolger in diese Gesellschaften jenseits der Erde senden (eben bis zum Ende dieser Welt), um ihn dort bekannt zu machen? Und würden wir auf dieser Mission die selben Probleme verursachen wie schon hier auf der Erde, nämlich dass wir nicht einfach nur Christus verkündigen, sondern damit verbunden auch unsere Kultur.

Oder hat Gott die Spielregeln in anderen Welten ganz anders definiert als hier? Gibt es demzufolge verschiedene Wege zu Gott? 

Fragen über Fragen. Gut, dass ich sie aktuell nicht beantworten muss. Doch wie lange noch?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. September 2021

Ich vermisse die Nacht meiner Kindheit

Ein Zitat

Bald wird es Nacht über Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich liebe die Nacht. Ohne die Dunkelheit würden wir die Sterne nie zu sehen bekommen." Stephenie Meyer, Autorin von Twilight

Ein Bibelvers - Psalm 74,12+16

"Doch Gott ist mein König seit Urzeiten. Er vollbringt rettende Taten mitten auf der Erde:... Dir gehört der Tag und auch die Nacht. Du hast Mond und Sonne bereitgestellt."

Ein Anregung

Ich vermisse die Nacht meiner Kindheit. Damals konnte ich aus meinem Schlafzimmerfenster die Milchstrasse mit ihrem Sternenschweif über unserem Haus entdecken. Nicht irgendwo fernab von den Siedlungen, sondern mitten in der Stadt Olten. Auch damals war es in den Strassen nicht stockfinster. Aber Lichtverschmutzung war noch kein Thema. Und Sputnik zog seine Bahn, beobachtet von meinem Vater und mir.

Ich weiss, Licht in der Nacht gibt auch Sicherheit. Doch es schafft keine Geborgenheit. Das kann die Dunkelheit. In der Nacht legt sich selbst das Meer zur Ruhe. Das wussten auch amerikanischen Ureinwohner und fuhren mit ihren Kanus in der Dunkelheit hinaus.

Die Nacht ist ein Geschenk Gottes. Er schied, so der Schöpfungsbericht, das Licht von der Finsternis. Nicht nur der Tag ist gottgewollt, auch die Nacht, die Dunkelheit.

Heute ist die Kameratechnik so gut, dass sich immer mehr Menschen die Astrofotografie zutrauen. Es häufen sich die Bilder der Milchstrasse über nächtlichen Landschaften.

Ich weiss, es gibt diese Orte, an denen ein Himmel voller Sterne hängt. Aber da wo ich lebe, würde Gott einem Abraham nicht viel versprechen, wenn er ihm so viele Nachfahren verheisst, wie Sterne am Himmel.

Ich vermisse die Nacht meiner Kindheit. Ich vermisse die Stille unter dem glitzernden Himmelszelt.

Wie hast du es mit der Nacht?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. September 2021

Außergewöhnliches länderverbindendes Ereignis zum Tag der Schöpfung

Ein Zitat

Romanshorn und seine Kirchen
Foto © Jörg Niederer
"Zwischen Himmel und Erde ist Wasser." (Michelle A. Gilders, Fotografin, geb. 1966)

Ein Bibelvers - Johannes 7,37+38

"Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, trat Jesus vor die Menschenmenge und rief laut: Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: 'Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.'"

Ein Anregung

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK), die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖKRÖ) rufen für Samstag, 4. September 2021, zur Teilnahme am erstmals grenzübergreifend gefeierten Ökumenischen Tag der Schöpfung auf. Die drei ökumenischen Dachorganisationen laden unter dem biblischen Motto "Damit Ströme lebendigen Wassers fließen" (Joh 7,38) dazu ein, am Bodensee an der zentralen Feier teilzunehmen.

Zunächst findet um 11 Uhr im österreichischen Bregenz ein ökumenisches Morgenlob mit Orthodoxer Wassersegnung statt. Dort bringen sich neben dem katholischen Bischof Dr. Benno Elbs, Diözese Feldkirch, auch andere Vertreterinnen und Vertreter christlicher Kirchen ein. 

Anschließend beginnt um 13.45 Uhr im deutschen Lindau ein Ökumenisches Mittagsgebet auf dem Gelände der Gartenschau mit Bischof Dr. Bertram Meier, Diözese Augsburg, und lokalen Verantwortlichen.

Schließlich findet um 17 Uhr im schweizerischen Romanshorn ein Ökumenischer Gottesdienst in der Kirche St. Johannes statt. Mitwirkende sind der christkatholische Bischof der Schweiz, Harald Rein (Predigt), und lokale Verantwortliche darunter auch die methodistischen Pfarrpersonen Esther Brüllmann und Jörg Niederer. In Romanshorn wird zugleich mit einem Apéro das 50-jährige Bestehen der AGCK der Schweiz gefeiert.

Der Weg zwischen diesen drei Etappen in drei verschiedenen Ländern wird per Schiff zurückgelegt. Die Fahrt mit der „MS Alpenstadt Bludenz“ verbindet alle drei Veranstaltungsorte. 

Während die Schifffahrt ausgebucht ist, hat es immer noch freie und kostenlose Plätze an den Anlässen in Bregenz, Lindau und Romanshorn. Eine Anmeldung ist zwingend erforderlich unter www.schoepfungstag.info möglich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 31. August 2021

Eine spirituell-diakonische Weg-Gemeinschaft

Ein Zitat

Diakonisse in Basel an der Jährlichen Konferenz von 2005
Foto © Sigmar Friedrich
"Denn eine Diakonissin darf kein Alltagsmensch sein, sonst wird die Welt belogen." Friederike Fliedner

Ein Bibelvers - Johannes 5,2+3

"Beim Schaftor in Jerusalem gibt es einen Teich mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern."

Ein Anregung

Dreissig Jahre zurück gehörten methodistische Diakonissen noch ins Strassenbild von Schweizer Städten. Ihren Dienst taten sie in öffentlichen Einrichtungen, aber auch als Gemeindeschwestern oder Pfarrerinnen. Eben habe ich im Nachruf einer Diakonisse erfahren, dass sie lange Zeit als OP-Schwester im Kantonsspital Frauenfeld gearbeitet hat. Und auch in St. Gallen wurde einst im Kantonsspital eine ganze Abteilung von methodistischen Diakonissen gleitet. 

Heute sind die meisten Diakonissen betagt und leben gemeinsam in ihren eigenen Alters- und Pflegeheimen.

Im Lauf der Zeit verlor diese Lebensform unter der Haube an Attraktivität. Die Verfügbarkeit für gemeinsame Aufgaben, den einfachen, zeichenhaft schlichten Lebensstil und die Ehelosigkeit in verbindlicher Lebensgemeinschaft wählen immer weniger Frauen. 

An die Stelle der Diakonissen-Schwesternschaft treten andere, zeitgemässere Formen spirituellen Lebens. Eine davon ist die Bethesda Weg-Gemeinschaft. Ihre Vision lautet kurz und knapp: "Wir unterstützen einander, im GeHEIMnis Gottes zu wohnen, Menschen gerecht zu werden, Hoffnung zu stärken". Konkret sieht das so aus: "Wir stärken einander darin, aus der Verbindung zu Jesus Christus zu leben. Wir wachsen aneinander und mit anderen an unserer Beziehungsfähigkeit. Wir beten für das Diakonat Bethesda und sind mit dem Diakonat als geistliche Trägerschaft verbunden. Wir sind bereit, für und mit Menschen da zu sein und gemeinsam Zukunft zu gestalten. Wir sind verbindliche Mitglieder für Zeitspannen: 1 Jahr / 3 Jahre / 5 Jahre. Wir sind bereit, das Leben der Gemeinschaft mit regelmässigen Spenden zu unterstützen. Die Höhe legt jedes Mitglied nach eigenem Ermessen fest. Für unseren Lebensunterhalt kommen wir je selber auf." Mehr erfährt man im Flyer der Bethesda Weg-Gemeinschaft. Aber auch ein einmal wöchentlich erscheinender Blogbeitrag gibt Einblick in diese besondere Lebensform. Und wer weiss, vielleicht wäre diese Weg-Gemeinschaft gerade jetzt das Richtige in deinen Lebensumständen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 30. August 2021

Von goldenen, grünen und anderen Daumen

Ein Zitat

Wuchernde Nutzpflanzen vor einer Wohnung
Foto © Jörg Niederer
"Es ist ein perfekter Sommertag, wenn die Sonne scheint, der Wind weht, die Vögel singen, und der Rasenmäher kaputt ist." James Dent

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,8+9a

"Dann legte Gott der Herr einen Garten an – im Osten, in der Landschaft Eden. Dorthin brachte er den Menschen, den er geformt hatte. Gott der Herr ließ aus dem Erdboden alle Arten von Bäumen emporwachsen."

Ein Anregung

Zwei Hochbeete, den Jahreszeiten entsprechend bepflanzt, auf dem Balkon ein Tomatenspalier, die Arbeitswerkzeuge griffbereit, Kürbispflanzen, die weit in den Garten wuchern: Da hat jemand einen "grünen Daumen". 

Und wieder einmal frage ich mich, woher eine Redensart kommt. Ich bin damit nicht der Erste. Am meisten leuchtet mir die Antwort auf der Webseite von "Bedeutung Online" ein. Danach kommt die Redensart aus den USA. In England spricht man dagegen vom "grünen Händchen". Beide Redeweisen wurden während des 2. Weltkriegs in der populären BBC-Radiosendung "In your Garden" durch Cecil Henry Middleton mehrfach verwendet und so einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 

Der grüne Daumen hat nichts mit Verfärbungen bei der Gartenarbeit zu tun. Wahrscheinlicher ist eine andere Erklärung. So schrieb im Mittelalter Geoffrey Chaucer in seinem berühmten Werk der Canterbury Tales (entstanden 1387-1400) "Ein ehrlicher Müller hat einen goldenen Daumen." Dabei scheint nun tatsächlich auf eine Verfärbung des Daumens angespielt, die entstand, wenn der Müller das damals bräunliche Mehl zwischen Daumen und Zeigefinger auf Qualität prüfte. Analog für den "goldenen Daumen" beim Müller könnte jemand später auf die Idee gekommen sein, bei begabten Gärtner*innen von "grünen Daumen" zu reden. 

Wie könnte man nun bei besonders begabten Christinnen und Christen von deren Daumen reden? Haben diese einen "Heiligenschein-Daumen", einen "Jesusdaumen", einen "Demutsdaumen", einen "Agapedaumen" (Liebesdaumen könnte auf die falsche Fährte führen!) oder einen "Kreuzdaumen"? Wie wäre es mit "Dornenkronendaumen"? Noch befriedigt mich keine der Formulierungen. 

Aber vielleicht liege ich schon damit falsch, wenn ich von "besonders begabten" Christinnen und Christen sprechen und damit andere als "weniger begabt" mitdenke. Dafür gäbe es wohl von vielen kein "Christusdaumen hoch".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 29. August 2021

Spielerisch Herausforderndes verstehen

Ein Zitat

Das Faltpuzzle ist nicht einfach, aber faszinierend
Foto © Jörg Niederer
"Es ist schön, wenn man sich aussuchen kann, welchen Zwängen man folgt." Erik Demaine in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen 

Ein Bibelvers - Galater 2,20

"Deshalb lebe ich also nicht mehr selbst, sondern Christus lebt in mir. Zwar lebe ich noch in dieser Welt, aber ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes. Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hingegeben."

Ein Anregung

Der kanadisch-amerikanische Doppelbürger Erik Demaine ist der jüngste je ans MIT berufene Professor, Computerwissenschaftler, Mathematiker und Künstler. Ich bin vor 15 Jahren auf ihn und seinen Vater Martin gestossen. In besonderer Weise haben sich die beiden mit Papierfaltkunst beschäftigt, und diese mathematisch untersucht und weiterentwickelt. Jedes Jahr veröffentlichen die beiden ein Faltpuzzle. Was einfach aussieht, ist meist recht knifflig. Gelegentlich gibt es dazu auch keine Lösung. So wird ersichtlich, dass nicht alles machbar ist. Oder dann sind da die Schriften, die sie computergeneriert und -animiert kreieren. Eine der Schriften besteht aus Buchstaben, die je für sich genommen und aneinandergefügt eine geschlossene Fläche bilden. Oder dann dienen Bücher als Bausteine für allerlei Möbel.

Auf der Webseite findet sich Anregendes für viele Stunden.

Als Illustration zur heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen habe ich mir ein Faltpuzzle von Erik und Martin Demaine ausgeliehen und gestalterisch angepasst. Das beidseits zu bedruckende A4-Blatt soll zugeschnitten und so gefaltet werden, dass das selbe Bildchen auf beiden Seiten durch ein Papierfenster sichtbar wird. Klingt einfach, ist es aber nicht. Hier kannst du die Vorlage mit Anleitung herunterladen.

In der Predigt geht es um das Bundeserneuerungsgebet von John Wesley. Das ist in seinen Aussagen sehr herausfordernd. So beginnt das Gebet mit den Worten: "Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir".

Heute ab 10.30 können meine Ausführungen dazu auf Youtube oder vor Ort an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen mitgehört und diskutiert werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 28. August 2021

Wenn der Baumschatten dem Weltuntergang widersteht

Ein Zitat

Die Linde von Linn hat einen mächtigen Stamm
Foto © Jörg Niederer
"Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigegeben auf den Himmel." Viktor Frankl (1905-1997)

Ein Bibelvers - Josua 10,12-14

"Damals betete Josua zum Herrn. Es war an dem Tag, an dem der Herr die Amoriter den Israeliten preisgab. Vor den Augen der Israeliten sprach er: 'Sonne, steh still über Gibeon, und du, Mond, über dem Tal von Ajalon. Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis das Volk Rache genommen hatte an seinen Feinden. Und so ist es aufgeschrieben im Liederbuch der Helden. Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und bewegte sich nicht von der Stelle. Das dauerte fast einen vollen Tag. Nie wieder gab es einen solchen Tag wie diesen, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Der Herr hörte auf die Stimme eines Menschen. Ja, der Herr selbst kämpfte für Israel."

Ein Anregung

Die Linde von Linn ist ein mächtiger Baum. Entgegen der Sage ist es keine Pestlinde. Die verheerenden Pestzüge hat sie alle überstanden, ist der 25 Meter hohe Baum doch rund 800 Jahre alt. Der Stammumfang ist mit 11 Metern bemerkenswert. 

Eine Geschichte macht das Ausbleiben des Weltuntergangs davon abhängig, dass mindestens einmal pro Jahr der Schatten der Linner Linde auf das Schloss Habsburg fällt: "Leit d linde nüm ihres chöpfli ufs Ruedelis hus, so eschs met allne wälte us." Mit "Ruedelis Hus" ist die Habsburg gemeint, der Stammsitz von Rudolf von Habsburg.

Zweimal im Jahr ist es soweit, dass das Schloss von der Linde beschattet wird. Am 26. August und am 17. April stehen die Sonne, die Linde und die Burg auf einer Linie. 

Solche Phänomene gibt es noch einige. Am 30. September und 1. Oktober wirft die Sonne ihr Licht durchs Martinsloch auf die Elmer Kirche. Und die Majas in Mittelamerika richteten Pyramiden so aus, dass durch den Schattenwurf der Sonne steinerne Schlangen lebendig wirken.

All diese Beobachtungen helfen den Menschen, sich im Leben und der Zeit zu orientieren. Sie geben Sicherheit.

Umso eindrücklicher ist es, wenn das Erwartete nicht eintrifft. Da soll nach der Bibel zur Zeit Josuas ein Tag lang die Sonne stillgestanden sein. Eine solcher Einbruch in jahrtausendelang währende Ordnungen muss erschreckend sein. Vielleicht ist dies vergleichbar mit dem, was wir im Kleinen erleben, wenn das veränderte Klima heute den gewohnten Gang der Jahreszeiten durcheinander wirft.

Ich jedenfalls frage mich an diesem Tag: Was gibt mir Sicherheit und Struktur in meinem Leben? Vermutlich nicht der Schattenwurf eines Baums...

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 27. August 2021

Noch genau einmal: Arno & Andreas treten gemeinsam auf

Ein Zitat

Hippiekreuze aus Arizona
Foto © Jörg Niederer
"Das ist der Schmerz Gottes, dass er in die Welt, die er geschaffen hat, nicht hineinpasst." Arno Backhaus, aus dem Buch: Woran starb das Tote Meer, Brendow, 2011

Ein Bibelvers - Psalm 96,1+2

"Singt dem Herrn ein neues Lied! Singt dem Herrn, alle Länder! Singt dem Herrn, preist seinen Namen! Verkündet seine Hilfe von Tag zu Tag!"

Ein Anregung

Die Hippiekreuze können immer noch gekauft werden in der Wüste von Arizona. In der Hippiezeit war es, als Andreas Melasse und Arno Backhaus die christliche Musikszene in den USA entdeckten, und selbst begannen, mit deutschen Songs aufzutreten. 1400 Konzerte später beendete das Duo Arno & Andreas ihre Gesangskarriere. Und nun, erneut 30 Jahre später, treten sie ein einziges Mal wieder gemeinsam auf, bei einem Youtube-Konzert.

Siegfried Fietz brachte das Schlagzeug, und mit Arno & Andreas hielt die deutschsprachige christlichen Rockmusik im deutschen Sprachraum Einzug. Die beide Pioniere sind heute mit Vorträgen unterwegs. Andreas Melasse schreibt auch Songs, etwa für das Musical "Martin Luther King", das am 5. und 6. November 2022 in St. Gallen aufgeführt werden soll.

Die beiden Herren sehen nicht mehr wie Hippies aus. In Interview auf livenet.ch erzählen beide aus ihrem Leben. Andreas Melasse meint da zum Beispiel: "Wir bereuen nicht, was wir von unserem Glauben von 1972-1991 gesungen haben, aber... Unser Glauben hat Häutungen und Entwicklungsstufen erlebt. Das uralte Versprechen... 'Wenn du den Herrn Jesus lieb hast und regelmässig stille Zeit machst, wir dein Leben gelingen', dieses Versprechen wurde nicht gehalten... Es gibt Evangelikale beim Scheidungsanwalt, beim Arbeitsgericht und sogar im Knast.".

In einem Beitrag vom "Fenster zum Sonntag" erzählt Arno Backhaus, wie er noch nach seiner Bekehrung mit 16 Jahren geklaut habe, nur habe er dann den Erlös aus dem Verkauf des Diebesguts der Mission gespendet.

Im Rückblick ist Arno Backhaus überzeugt: "Heute sage ich, das was mein Leben ausmacht ist Gott, meine Frau und ADHS."

Es ist faszinierend, diesem begnadeten Redner zuzuhören. Ein Beispiel ist seine Predigt zum Thema: "Am Anfang schuf Gott Papier und Bleistift". 

Wer einen der Songs von Arno & Andreas schon vor dem Konzert anhören möchte, dem empfehle ich das Liebeslied.

Das Konzert wird am Samstag, 4. September 2021 um 20 Uhr ausgestrahlt. Es ist kostenlos, oder besser gesagt, es kann für einen freiwilligen finanziellen Beitrag angeschaut werden, und das bis Ende Jahr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Donnerstag, 26. August 2021

Der Vorteil kulturellen Vielfalt

Ein Zitat

Viele verschiedene Menschen in St. Gallens Strassen
Foto © Jörg Niederer
"Menschen aus andern Ländern bringen die Freundschaft und die Vielfalt der Welt zu uns." Gerhard Cromme, deutscher Industriemanager

Ein Bibelvers - 1. Korinther 12,20-22. 27

"Nun sind es zwar viele Teile, aber sie bilden einen Leib. Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: 'Ich brauche dich nicht.' Oder der Kopf zu den Füßen: 'Ich brauche euch nicht.' Vielmehr sind gerade die Teile des Körpers, die schwächer zu sein scheinen, umso notwendiger... Ihr seid nun der Leib von Christus! Jeder Einzelne von euch ist ein Teil davon."

Ein Anregung

Am 15. August titelte das St. Galler Tagblatt: "Migration erhöht den Schweizer Wohlstand". Im Artikel wird auf eine Studie der Boston Consulting Group verwiesen, welche belegt, dass Migration sowohl für Einwanderungs- wie Auswanderungsländer zu einem höheren Wohlstand führe. Kulturell gemischte Gesellschaften seien innovativer und weisen eine höhere Produktivität und ein höheres Einkommen aus. Aber auch Auswanderungsländer gewinnen, etwa von den grossen Geldsummen, die durch Ausländer*innen in die Heimatländer zurückfliessen und dort in Bildung, Gesundheit, Strom, Wasser und Toiletten investiert werden, alles wichtige Grundlagen für wirtschaftliches Wachstum und Wohlfahrt.

Mir leuchtet das ein. Es ist doch klar, dass mehrere Menschen mehr wissen und ausprobieren, als ein Einzelner oder eine Einzelne. Und wenn diese Menschen dann noch aus verschiedenen Kulturen stammen, dann kommen weitaus mehr Ideen und Erfahrungen zusammen, als wenn alle Personen in derselben Kultur gross geworden sind. Je vielfältiger eine Gesellschaft, desto ideenreicher und dynamischer entwickelt sie sich.

Für Christen ist das eine alte Erkenntnis. Schon Paulus betonte im Bild eines Körpers, dass die verschiedenen Glieder notwendig sind für das zielgerichtete Zusammenwirken, für die vollständige Umsetzung des göttlichen Auftrags. Miteinander, nicht gegeneinander. In Vielfalt und nicht gleichgeschaltet.

Darum ist Kirche nie nur eine nationale Grösse. Kirche muss international und multikulturell sein. Es lohnt sich mit diesen Erkenntnissen die Gedanken von Paulus in 1. Korinther 12,12-31 zu lesen, und das Bild von Leib Christi auf die gesamte Vielfalt der Menschheit anzuwenden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Mittwoch, 25. August 2021

Kann man sich an Corona gewöhnen?

Ein Zitat

Selfie am Seniorenausflug - mit oder ohne Maske
Foto © Jörg Niederer
"In dir ist Freude / in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ. / Durch dich wir haben / himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / ... / Zu deiner Güte / steht unser G'müte, / an dir wir kleben / im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja." Liedtext vermutlich von Cyriakus Schneegaß

Ein Bibelvers -
1. Thessalonicher 5,21-23

"Prüft aber alles und behaltet das Gute. Haltet euch vom Bösen fern – wie auch immer es aussieht. Gott, der Frieden schenkt, mache euch ganz und gar zu Heiligen. Er bewahre euch unversehrt an Geist, Seele und Körper."

Ein Anregung

Wie kann man nur jahrelang in einem Kriegsgebiet leben? Das habe ich mich schon oft gefragt. Ganz offensichtlich: man kann. Tausende von Menschen haben keine Wahl. Und irgendeinmal nehmen sie die Bombeneinschläge einfach so hin, die Übergriffe der Soldaten. Das Leben geht weiter, oder auch nicht.

Genauso ist es in dieser Coronapandemie. Wir haben uns daran gewöhnt. Noch nicht so ganz, aber immer öfter. Das zeigen die bei steigenden Ansteckungszahlen irrationalen Forderungen nach mehr Öffnung, nach weniger Restriktionen. Fatalistisch ergibt man sich ins Unabänderliche, selbst dann, wenn es sich ändern liesse. Oder ist das nun Gottvertrauen? Unlängst sass ich an einem religiösen Treffen und war einer der wenigen, der die Maske trug. Ich war der Meinung, es sei selbstverständlich für Christ*innen, seine Mitmenschen zu schützen, vor allem, wenn es so einfach ist wie mit den Coronamassnahmen. Irgendwann habe ich die Maske dann aber auch abgenommen. Wenn die andern nicht an meinem Schutz interessiert sind, warum soll ich dann sie schützen. Kein sehr christlicher Gedanke. (Das Foto hat damit nichts zu tun. Darauf sind nur Personen zu sehen, welche geimpft sind, und die auch nur für das Selfie im Freien schnell die Maske abgenommen haben.)

Kann man sich an die Pest gewöhnen. Es scheint so. Kann man sich an die Arbeitslosigkeit gewöhnen? Kann man sich an Armut gewöhnen? Kann man sich an Reichtum gewöhnen? An sexuelle Übergriffe, an Geschwätz, an Oberflächlichkeit, an chronische Schmerzen, an...

Es sind nie alle, die sich daran gewöhnen können. Aber viele können es. Und sie tun es. Andere verzweifeln daran, werden krank, können sich nicht anpassen, gehen - wie von Charles Darwin beschrieben - unter.

Anpassungsfähigkeit ist eine Stärke. Aber sie ist auch eine Schwäche. An Unrecht sollte kein Mensch sich gewöhnen. Auch nicht an Lieblosigkeit. Oder an Fatalismus.

Der christliche Glaube richtet sich gegen Gottferne und Menschenverachtung. Jesus Christus hat die Gottverlorenheit, die in all der menschlichen Not und Gleichgültigkeit zum Ausdruck kommt, nicht hingenommen. Er hat sich nicht daran gewöhnt. Das ist unser Glück, und das war sein Kreuz. Darin liegt die Hoffnung dieser Welt, dass er uns nicht einen fatalistischen Gott vermittelte, sondern die Liebe schlechthin. Wenn ich mich an etwas gewöhnen will, dann an die Liebe. Eine rücksichtsvolle, tätige Liebe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 24. August 2021

Gestrickte Kunst oder Werbegag?

Ein Zitat

Strassenlaternen in Wollstrümpfen
Foto © Jörg Niederer
"Kann Stricken Kunst sein?" Blogtitel von Kulturflaneur, 

Ein Bibelvers - Jesaja 61,10

"Ich will mich freuen über den Herrn. Aus vollem Herzen will ich jubeln über meinen Gott. Denn er umgibt mich mit seiner Hilfe wie mit einem Kleid. Er hüllt mich in seine Gerechtigkeit wie in einen Mantel. Ich freue mich wie ein Bräutigam, der seinen Kopfschmuck anlegt. Ich bin fröhlich wie eine Braut, die sich für die Hochzeit schmückt."

Ein Anregung

Urban Knitting, gestrickte Kunst, ist in der Schweiz angekommen. In Weinfelden entdecke ich Strassenlaternen in bunten, gestrickten Wollstumpen. Statt kühlgrau lackierte Stahlrohre, farbenfrohe Maschenreihen.

Andernorts wurden ganze Bäume zugestrickt, Skulpturen bekamen Wollkleider und Mauern eine Garnisolation.

Der Blogger Kulturflaneur schreibt darüber: "'Auch wenn mit Urban Knitting nichts beschädigt wird, ist es nicht erlaubt.' sagte der Sprecher der Zürcher Stadtpolizei zum Tagi. Entweder handle es sich um eine illegale Benutzung des öffentlichen Grunds zu Werbezwecken oder um Unfug. Die VerursacherInnen würden so oder so verzeigt." Siehe dazu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Guerilla_Knitting

Also mir gefällts. In Weinfelden ist die Installation wohl mit den Behörden abgesprochen, vermutlich sogar unauffällige Werbung des nahen Handarbeitsgeschäfts. Vor dem Wollladen jedenfalls steht ein Fahrrad in "hautengem" Wolltenü.

Farbe und Freude in den Alltag bringen, das ist doch auch eine Teil der Aufgabe der Christinnen und Christen, der Kirche. Glück vermitteln. Für Wesley gehörte verantwortliches Handeln und Freude zusammen (Holiness and Happiness).

Ich fragt mich gerade, ob es auch statthaft ist, ein Kreuz zu umgarnen? Oder ist das ein Sakrileg?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 23. August 2021

Vom Punk zur grauen Maus

Ein Zitat

Raupe der Ahorn-Rindeneule
Foto © Jörg Niederer
"Es ist besser auszubrennen denn wegzudämmern." Neal Young

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

Jesus zu Petrus: "Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel umgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird ein anderer dir den Gürtel umbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst."

Ein Anregung

Aus manchen grauen Entchen wird ein "Schwan, so weiss wie Schnee". Und dann gibt es Punks, die nicht auffälliger daherkommen können, in jeder Hinsicht ins Auge stechen, gerade so wie diese Raupe. Es ist die Larve der Ahorn-Rindeneule, ein Falter, der sich meist von Bergahorn und Rosskastanien ernährt. Wir sind diesem grellen Tierchen unweit der Bommer-Weiher begegnet. Es überquerte in Raupenmanier das Natursträsschen. Und da fiel es natürlich auf, zwischen all den grauen Steinchen.

Nun stellt euch einmal den Falter vor, der aus der Puppe dieser Raupe schlüpft. Alles Auffällige ist im Kokon zurückgeblieben, Vergangenheit, Jugendsünde. Der Schmetterling macht auf seriös, ist gräulich unauffällig, an Baustämmen kaum auszumachen.

Wie sehen deine Lebensstadien aus? Gab es da die verrückten Jahre? Wurde aus dir zwischenzeitlich ein grauer Falter? Oder soll es in deinem Leben jetzt noch einmal so richtig krachen?

Petrus musste sich mit den Phasen seines Lebens beschäftigen. Von der Selbständigkeit zur Fremdbestimmung. Das ist die häufigste Entwicklung. Es macht Sinn, sich rechtzeitig über den Herbst des Lebens Gedanken zu machen. Ich frage mich gerade, ob das der Moment werden könnte, wo wir Menschen fliegen lernen. Wenigsten im Herzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Sonntag, 22. August 2021

Kopf- und Herzbilder

 Ein Zitat

Zweisamkeit am Hochzeitstag
Foto © Jörg Niederer
"Sei dir bewusst: Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen, und kommen nicht vom Fotofachgeschäft." Mike DuBose, Preisgekrönter Fotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

"Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: 'Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.'"

Ein Anregung

Ich gebe zu, dass ich ein Bewunderer von Mike DuBose bin. Er ist so etwas wie der Hoffotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche. Auf der ganzen Welt dokumentiert er die Arbeit der Kirche. In einem englischsprachigen Video gibt er Einblick in seine Arbeit. Diesem Filmbeitrag ist auch das eingangs erwähnte Zitat entnommen. Moderne Kameras und Objektive können zwar die Qualität der Bilder massiv verbessern. Aber nach wie vor entscheidender ist die Einstellung des Menschen hinter der Kamera. "Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen...".

Gelegentlich sagt das Herz, jetzt darfst du nicht den Auslöser drücken, sonst zerstörst du den Moment. Das heisst aber auch, dass es Bilder gibt, die nur in deinem Kopf und in deinem Herzen zu finden sind. Vielleicht bedauerst du, dass andere diese Bilder nicht auch sehen können. Doch dich begleiten sie ein Leben lang. Es sind Erinnerungen, die du bis zuletzt nicht vergessen möchtest.

Herzenserinnerungen haben viel mit berührenden Momenten zu tun. Als meine Kamera das Hochzeitspaar und den Fotografen in einer Momentaufnahme festhielt, wurde diese Erinnerung reproduzierbar. Und doch ist darauf nicht alles zu sehen. Unsichtbar geblieben ist, wie herzhaft die Braut lachte, als der Bräutigam ihre Füsse berührte; wie vertraut sie beide in diesem Moment waren und wie sehr sie sich freuten, bald Ja zu sagen in der Kirche nebenan.

In ihrem Herzen wird diese Bild lebendig, mehr erzählen, als den Unbeteiligten. Vielleicht erinnern sie sich an die Gerüche, an die Spannung, an die Töne um sie herum.

Welche Bilder deines Lebens sagen dir mehr, als irgend einer anderen Person? Und von welchen unvergesslichen und schönen Ereignissen gibt es nur in deinem Herzen ein Bild?

Mehr von Mike DuBose: Interview und Schnappschüsse.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 21. August 2021

Eine Geburt zum Geburtstag

Ein Zitat

Eine Schottisches Hochlandrind leckt das frischgeborene Kalb einer andern Kuh trocken.
Foto © Jörg Niederer
Das grosse Glück beginnt hilflos und auf wackeligen Beinen.

Ein Bibelvers - Hiob 39,3+4

"Die Hirschkühe kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und sind schnell ihre Geburtsschmerzen los. Ihre Jungen wachsen, werden groß und stark. Sie laufen ins Freie und kommen nicht wieder."

Ein Anregung

Dem Schottischen Hochlandrind schauten zwei Hufe aus dem Hintern. Die Nabelschnur pendelte zwischen den Beinen. Sie ging unruhig hin und her, setzte sich hin, stand wieder auf, legte sich hin, presste, atmete schwer.

In einem Häuschen neben der Weide sagten sie: "Da ist alles in Ordnung. Hochlandrinder muss man allein lassen, die kalben ohne Hilfe." So recht trauten wir der Sache nicht.

Doch dann muhte die Kuh, und erhob sich. Im Dämmerdunkel war im Gras ein Schatten auszumachen. Eine zweite Kuh und das Muttertier begannen, den Knäuel am Boden zu beschnuppern und abzulecken. Dann bewegte sich der Schatten, streckte Hufe empor. Es lebte. Doch nun geschah etwas Eigenartiges. Die zweite Kuh begann das Kalb gegen das Muttertier zu verteidigen. Immer wieder verjagte sie die Mutter, wollte das Kalb für sich allein. Das Muttertier begann nun aus etwa fünf Metern ganz sanft nach dem Kalb zu rufen.

Dann kam der Stier, und mit dem Stier weitere Tiere aus der Herde. Wir aber mussten weiter, der Bus würde nicht warten.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, fragen wir uns, wie der Kampf der Mütter um das Kalb ausgegangen sein mag. Und ich höre noch einmal die Stimme meiner Frau, wie sie beim Anblick des Neugeborenen sagte: "Das Kalb hat am selben Tag Geburtstag wie du". Beschenkt wurde ich, ganz unerwartet, mit der Geburt eins Kalbes. Das Wunder des Lebens vor unsern Augen, hineingeboren in die Welt, auf einer Weide unweit der Kartause Ittingen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 20. August 2021

Lachen, bis Tür und Herz sich öffnen

Ein Zitat

Mit Lächeln in ein neues Lebensjahr eintreten
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle müssen sichergehen, dass wir KI [Künstliche Intelligenz] zum Wohle der Menschheit nutzen und nicht umgekehrt." Tim Cook, CEO bei Apple

Ein Bibelvers - Jeremia 11,20a

"Doch du, Herr Zebaot, bist gerecht. Du prüfst Herz und Nieren."

Ein Anregung

Immer mehr Zugänge in Geschäftshäuser sind mit einer Gesichtserkennung versehen. Beim Kamerahersteller Canon China ist das auch so. Nur dass es dort Büros gibt, in die man nur mit einem freundlichen Gesicht hineinkommt. Die Künstliche Intelligenz erkennt, ob eine Person lächelt, und öffnet dann die Tür. Ohne Lächeln gibt es durch die "Smile Recognition"-Technologie keinen Einlass.

Begründet wird das damit, dass Lächeln die Gesundheit erhöhe, entspanne und und die Arbeitsmoral der Mitarbeitenden steigere. Ob auch erkannt wird, ob das Lächeln echt ist oder gestellt, wird nicht gesagt.

Ich orte noch weitere Anwendungsbereiche. Militärische Einrichtungen könnten nur Personen Einlass gewähren, die den Ramboblick vorzeigt. In Neuseeland käme man in die Einrichtungen der Maori, wenn man die Zunge wie beim Haka-Tanz weit hinausstreckt. Altersheime würden sich öffnen, wenn mindestens 50% des Gesichts mit Runzeln bedeckt wären. An Kirchentüre müsste man möglichst unschuldig in die Kamera schauen. Aber auch Weinenden könnte die Tür geöffnet werden. Priesterseminare blieben zu, würde eine Frau vor dem Eingang auftauchen. In Luxushotels müsste statt des Gesichts die mindestens 5'000 Franken teure Uhr der elektronischen Eingangskontrolle vorgezeigt werden.

Doch mit dieser Technik würde noch lange nicht erfasst, wie es im Herz eines Menschen aussieht. Fragt sich, ob das wünschenswert ist oder nicht, dass es noch keinen verlässlichen Detektor für die Güte der Menschen gibt? Was denkst du?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde