Mittwoch, 17. April 2024

Geldsorgen

Ein Zitat

Ein frühes Digitalfoto des Alfa-Zentrums in der Stadt Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Die Abteilung für bischöfliche Dienste unterstützt etwa 165 aktive und pensionierte Bischöfe [der Evangelisch-methodistischen Kirche] in fünf Jurisdiktionen (USA), in den Zentralkonferenzen sowie deren überlebenden EhepartnerInnen." General Council on Finance and Administration (GCFA)

Ein Bibelvers - Lukas 14,28

"Stellt euch vor: Einer von euch will einen Turm bauen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft, ob sein Geld reicht?"

Eine Anregung

CVB Buch+Druck, Hotel Viktoria Hasliberg, Alfa-Zentrum Bern; drei einstige methodistische Werke, die in Geldnot gekommen, heute nicht mehr zur Evangelisch-methodistischen Kirche der Schweiz gehören oder liquidiert werden mussten. 

Was die Methodistenkirche in der Schweiz vor Jahren durchgemacht hatte, könnte in den kommenden vier Jahren der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche drohen. An der Generalkonferenz vom 23. April - 3. Mai in Charlotte, North Carolina stehen Kürzungen des Budgets von 43% in den USA an, und bei den Zentralkonferenzen ausserhalb der USA von 10%.

Es gibt klare Ursachen. Einmal ist es die Corona-Pandemie, welche in den USA dazu geführt hat, dass gut 5% aller methodistischen Gemeinden schliessen mussten. Stärker ins Gewicht fällt aber die Abspaltung von in den Fragen der menschlichen Sexualität traditionell denken Kirchgemeinden von der Evangelisch-methodistischen Kirche. 25% der Gemeinden haben sich entweder selbstständig gemacht oder der neuen Global Methodist Church angeschlossen. Dazu konnten sie von einem vereinfachten Verfahren profitieren, welches an der ausserordentlichen Generalkonferenz von 2019 angenommen worden war. Dieses Verfahren hatte eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2023 und betraf ausschliesslich Kirchgemeinden in den USA. Methodistenkirchen in anderen Ländern spalteten sich ebenfalls ab, konnten dabei aber auf angepasste Verfahren in ihren Ländern und Regionen zurückgreifen. 

Mit anderen Worten: Die weltweite Evangelisch-methodistischen Kirche sieht heute anders aus. Einnahmeneinbrüche in der Höhe dieser Abgänge verlangen markante Budgetkürzungen. Hier einige Beispiel: Die methodistische Africa University soll statt 9,35 Millionen Dollar nur noch 4,89 Millionen Dollar erhalten. Relativ bescheiden fallen die Kürzungen bei den Mitteln für die Bischöfe aus. Statt 92 Millionen sind es 78 Millionen. Dies hat aber trotzdem grosse Auswirkungen. So ist das General Council on Finance and Administration (GCFA) überzeugt, dass in Afrika auch nicht eines der dringend benötigten weiteren fünf neuen Bischofsgebiete eingerichtet werden kann. Andererseits wird es aktuell auch kaum möglich sein, Bischöfe in den USA einzusparen. Trotzdem ist an der Generalkonferenz mit einem Antrag zu rechnen, wenigstens drei der neuen Bischofssitze einzurichten. Im Ausbildungsbereich sollen 47.8% eingespart werden. Bei den verschiedenen Boards sieht das reduzierte Budget jeweils 45% weniger Mittel vor. Kürzungen in diesen Grössenordnungen können nicht ohne Entlassungen verkraftet werden.

Auch wenn die Kirche in den USA weitaus am Stärksten betroffen ist von diesen Kürzungen, werden auch wir in Europa davon etwas zu spüren bekommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 16. April 2024

Regionalisierung

Ein Zitat

Model der einst afroamerikanischen Little-Ebenenzer-Kirche vor der Ebenezer United Methodist Church auf dem Capitol Hill in Washington DC.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist einfach kein effektiver Weg, über Leistungsplanänderungen, die nur für die US-Kirche gelten, durch ein internationales Gremium abstimmen zu lassen, von dem die Mehrheit in Zukunft nicht betroffen sein wird oder nichts damit zu tun hat." Dale Jones von Wespath, der Rentenanstalt der United Methodist Church.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 1,7

"Jesus antwortete: 'Ihr braucht die Zeiten und Fristen nicht zu kennen. Mein Vater allein hat sie in seiner Vollmacht festgelegt. Aber wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr Kraft empfangen. Dann werdet ihr meine Zeugen sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.'"

Eine Anregung

In der United Methodist Church (der Evangelisch-methodistischen Kirche) der USA gab es einst eine Zentralkonferenz, in der alle afroamerikanischen Gemeinden zusammengefasst waren. Die Erinnerungen daran sind geprägt von rassistischen Verwerfungen. Vermutlich gehörte die Little-Ebenezer-Kirche auf dem Capitol Hill auch zu dieser Zentralkonferenz. Die Bezeichnung "Zentralkonferenz", obwohl sie ausserhalb der USA üblich ist für die dortigen regionalen Strukturen, ist in den USA folglich ungeeignet, um damit eine Entwicklung zu bezeichnen, die für die Zukunft der Kirche wegbereitend sein kann: Die Regionalisierung.

Die Generalkonferenz, welche vom 23. April - 3. Mai in Charlotte, North Carolina stattfinden wird, beschäftigt sich genau damit. Der Regionalisierung. Anders als die Zentralkonferenzen ausserhalb der USA haben die fünf Jurisdiktionalkonferenzen der USA kein Recht, die Kirchenordnung anzupassen oder andere weitgehende Entscheidungen zu tätigen. Darum kommen alle diese Anträge und Gesetzesanpassungen, auch wenn sie nur die USA betreffen, vor die international zusammengesetzte Generalkonferenz, die alle vier Jahre tagt. So kommt es, dass sich die Generalkonferenz über 80% der Zeit mit US-Interna beschäftigt, und europäische, afrikanische und asiatische Delegierte mitentscheiden über z.B. die Pensionskasse der US-Pfarrpersonen. Das macht keinen Sinn, zumal die neusten Entwicklungen in der Zusammensetzung der Generalkonferenz dazu führen können, dass schon bald die Delegierten aus den USA in der Minderheit sein werden.

Nun sollen also die fünf US-amerikanischen Jurisdiktionalkonferenzen zu einer Regionalkonferenz zusammengefasst werden. Die Zentralkonferenzen im Ausland werden umbenannt in Regionalkonferenz. Alle Regionalkonferenzen haben die gleichen Adaptionsrechte und können die für ihre Region wichtigen Entscheide selbstständig fällen. Damit diese neue Struktur Wirklichkeit werden kann, braucht es eine 2/3-Mehrheit der Generalkonferenzdelegierten. Zudem braucht es eine 2/3-Mehrheit aller Delegierten an die Jährlichen Konferenzen weltweit.

Mit dieser strukturellen Anpassung ist es möglich, dass theologischen, ethischen und politischen Unterschieden in den verschiedenen Regionen der Welt Rechnung getragen werden. Die Regionalisierung ist aber keine Aufweichung des weltweiten Charakters der United Methodist Church. Nach wie vor werden sich alle Regionalkonferenzen eine gemeinsame Verfassung teilen, genauso wie weitere wichtige Text, etwa die Sozialen Grundsätze oder die Allgemeinen Regeln und darüber an der Generalkonferenz alle vier Jahre entscheiden.

Diese Entwicklung ist ganz im Sinn von John Wesley, der 1771 schrieb: "Was einen Methodisten kennzeichnet, sind nicht irgendwelche besonderen Ansichten. Ob er dieser oder jener Glaubensweise zustimmt, sich irgendwelche besondere Auffassungen zu eigen macht, die Lehre dieses oder jenes Menschen vertritt, tut nichts zur Sache. Wir glauben, dass die ganze Schrift von Gott eingegeben und das geschriebene Wort Gottes die alleinige und hinreichende Richtschnur des christlichen Glaubens und Lebens ist, und wir glauben, dass Christus ewiger und wahrhaftiger Gott ist. Aber in allen Fragen, die nicht an die Wurzel des christlichen Glaubens gehen, halten wir es mit der Regel: denken und denken lassen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. April 2024

Souvenir von Solferino

Ein Zitat

Anschrift in Solferino anlässlich des 110. Jahrestags der Genfer Konvention.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn das Leben des Einzelnen heilig ist, ist es auch das Leben der Nation. Wenn der vereinzelte Mord mit Recht vom Weltgewissen verdammt wird, um wieviel mehr müsste von ihm die macht- und verhängnisvolle Organisation des Totschlages, die der Krieg darstellt, verdammt sein." Henry Dunant (1828-1910)

Ein Bibelvers - Jakobus 4,1-3

"Woher kommen die Kämpfe unter euch und woher die Streitigkeiten? Kommen sie nicht aus euren Leidenschaften, die in eurem Innern miteinander streiten? Ihr verlangt alles und bekommt nichts. Ihr geht über Leichen, seid gierig vor Neid, doch ihr erreicht dadurch nichts. Ihr kämpft und führt Kriege. Aber ihr habt nichts, weil ihr Gott nicht bittet."

Eine Anregung

Henry Dunant, das Rote Kreuz und die Genfer Konvention kennt in der Schweiz jedes Kind. Die Versorgung der Verwundeten der Schlacht von Solferino vom 24. Juni 1859 durch die ansässige Bevölkerung wurde zum Beispiel für eine kleine Schrift "Un souvenir de Solferino", und im Gefolge zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes. 

In den Zusatzprotokollen und der Genfer Konvention sind die international geltenden Regeln festgehalten, wie Menschen, die nicht mehr oder nicht an Kriegen teilnehmen, behandelt werden sollen. Auch einschränkende Faktoren der Kriegsführung wurden darin für alle Völker verbindlich reglementiert.

Schaut man aber auf die heutige Kriegsführung, fällt auf, dass nach wie vor die Zivilbevölkerung überproportional Opfer von Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen wird. Krieg führt immer zu Menschenrechtsverletzungen.

In den neuen Sozialen Grundsätzen, die der Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche (sie beginnt am 23. April), zur Annahme vorgelegt werden, heisst es: "Im Einklang mit internationalen Gesetzen und Verordnungen protestieren wir nachdrücklich gegen den Einsatz von Folter, Sklaverei, Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit und Aggressionsverbrechen seitens irgendeiner Regierung, und verlangen, dass die strengsten internationalen Sanktionen in solchen Fällen auferlegt werden."

Weiter steht da: "Die Kirche beklagt den Krieg und alle anderen Formen gewalttätigen Konflikts und drängt auf eine friedliche Beilegung aller Streitigkeiten. Wir sehnen uns nach dem Tag, wann es keinen Krieg mehr geben wird und Menschen gemeinsam in Frieden und Gerechtigkeit leben werden.
Wir bestehen darauf, dass alle friedlichen und diplomatischen Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor es zu bewaffneten Konflikten kommt..."

Ob diese revidierten Sozialen Grundsätze an der Generalkonferenz angenommen werden, wird an der Kriegsführung und den zivilen Opfern leider nichts ändern. Aber es ist eine klare Botschaft an alle Kriegsparteien, dass unsere kirchliche Priorität der Frieden und die Linderung menschlichen Leids sind. Beten wir für Frieden an allen Orten. Suchen wir den Frieden, wo er zu finden ist. (Psalm 34,15)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. April 2024

Geniessen

Ein Zitat

Apfelbaum-Blüten.
Foto © Jörg Niederer
"Hüte dich vor dem Imposanten! Aus der Länge des Stiels kann man nicht auf die Schönheit der Blüte schließen." Peter Altenberg (1859-1919)

Ein Bibelvers - Jesaja 35,1+2a

"Die Wüste und das dürre Land werden fröhlich sein. Die Steppe wird jubeln und blühen wie eine Lilie. Sie steht in voller Blüte und jubelt, sie jubelt und jauchzt vor Freude."

Eine Anregung

Sonntag. Einfach geniessen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 13. April 2024

Ajo de oso

Ein Zitat

Blühender Bärlauch in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Iss Lauch im März, wilden Knoblauch (Bärlauch) im Mai, dann haben die Ärzte das ganz Jahr über frei." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 2,27

"Vor Trauer brummen wir wie die Bären und gurren wie die Tauben. Wir hoffen auf Recht, aber es kommt nicht. Wir warten auf Rettung, doch sie bleibt aus."

Eine Anregung

Als die Menschen in der heutigen Schweiz begannen, Schafe und Rinder als Nutztiere zu halten, waren die Bären und Wölfe schon lange da. Davon zeugen auch gerade viele Pflanzennamen. Pflanzen, die man in Verbindung mit den Bären brachte, galten als besonders stärkend und heilsam. Das schreibt Anita Vonmont in einem Beitrag von SRF. Als Beispiel fügt sie Bärlapp, Bärenkraut, Bärentraube, Bärwurz und Bärlauch an. Ergänzen könnte man Wolfswurz, Wolfstrapp und Wolfsmilch für das zweite, hier seit Jahrtausenden heimische Grossraubtier. Auch belegt ist, dass Bären den Bärlauch fressen. Das konnte in Kanada mehrfach beobachtet werden.

Was einen Bären stark macht, das muss auch für Menschen besonders gut sein. So dachte man wohl schon zur Zeit der Römer und Kelten. Und so wundert es auch nicht, dass nicht nur auf Deutsch der Bärlauch so heisst. Abgleitet von der alten lateinischen Bezeichnung Allium ursinum wird das Kraut in vielen europäischen Sprachen so genannt.

Die Sprache und der Bärlauch sind geblieben, der Bär wurde an vielen Orten ausgerottet, so auch in Israel, wo er zur Zeit der biblischen Schriften noch überall heimisch war. Die Bären wurde damals, wie die Löwen, als Raubtiere gefürchtet. Und doch sieht die Bibel nicht die Ausrottung von Meister Petz als Lösung, sondern die friedliche Koexistenz. Dazu beschwört sie ein Bild voller symbolischer Hoffnung: Kuh und Bär weiden gemeinsam und ihre Jungtiere liegen beieinander (Jesaja 11,7). Auch wenn das ein utopisches Bild ist, entspricht es den heutigen Erkenntnissen zur Biodiversität. Wo es Bären und Wölfe hat, ist die Natur vielfältiger, die Zahl der Tier- und Pflanzenarten grösser und damit auch die Lebensgrundlage von Menschen harmonischer geordnet. Für Glaubende, die in Gott den Schöpfer aller Dinge sehen, ist das auch nicht verwunderlich. Denn Gott muss sich ja etwas dabei gedacht haben, als er den Bären werden liess und ihm den Bärlauch vor der Nase ausbreitete.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 12. April 2024

Ich habe Rücken

Ein Zitat

Mauereidechsen auf einem Steinhaufen in den Murgauen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin in einem Alter, wo ich beim Schuhe zubinden überlege, was ich noch machen kann, wenn ich schon mal hier unten bin." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Jeremia 2,27

"Sie alle haben zu Figuren aus Holz gesagt: 'Mein Vater, du hast mir das Leben gegeben!' Und zu den Figuren aus Stein haben sie gesagt: 'Du hast mich geboren!' Denn sie haben mir den Rücken zugewandt und nicht ihr Gesicht! Doch wenn es ihnen schlecht geht, rufen sie: 'Steh auf und hilf uns!'"

Eine Anregung

Gestern, als ich die gut 20 Mauereidechsen auf einem kleinen Steinhaufen entdeckte, dachte ich beim Betrachten der langen Schwänze: Bekommen Echsen Rückenschmerzen? Das wäre nicht schön für sie, haben sie doch noch viel mehr Wirbelsäule als ein Mensch, womit sich der Schmerz auf eine viel grössere Körpererstreckung ausweiten würde.

Warum ich darüber nachgedacht habe? "Ich habe Rücken"! So sagen es die deutschen Nachbarn, wenn sie von Rückenschmerzen geplagt werden. Wobei es grundsätzlich immer gut ist, wenn man einen Rücken hat. Er funktioniert ja meist recht zuverlässig. Gelegentlich wird er auch in einem Fitnesscenter trainiert. Erst wenn er schmerzt, fällt er speziell auf. Dann aber umso mehr.

Rückenschmerzen kommen ja selten gelegen. So auch bei mir. In einer Woche sollte ich an die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche fliegen. Es wäre schön, wenn ich bis dann bei gleichzeitig konstantem Rückgrat "keinen Rücken mehr habe". Auch ärgerlich: Bei diesem schönen Wetter würde ich mich gerne im Freien bewegen. So wie die flinken Mauereidechsen: Herumhuschen, von einem Stein zum andern springen. Geht aber gerade gar nicht. Also mache ich mein Leid noch etwas grösser, und bearbeite die zwei Steuererklärungen, für die ich zuständig bin. Muss ja auch einmal sein. Dann hat der Staat wenigstens etwas davon, dass ich Rücken habe.

Allen Leidgenossinnen und Leidgenossen wünsche ich gute Besserung und schnelle Heilung. Habt ihr die Steuererklärung schon gemacht? 

Nebenbei: Es gibt auch religiöse Bezüge zum Rücken. Da hat jemand eine Rückenschmerz-Bibel geschrieben. Die hat aber gar nichts mit der Passion Christi zu tun. Und dann lokalisiert man am Rücken auch ein Kreuz. Das tragen wir immer auf uns.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. April 2024

Das Gegenteil von Elon Musk

Ein Zitat

Zilpzalp in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"alle worte in den mund nehmen / egal wo sie herkommen / und sie überall fallen lassen / ganz gleich wen es / trifft" Gedicht "künstlerische freiheit" von May Ayim auf dem Umschlag des Gedichtekalenders "Zilpzalp 2024"

Ein Bibelvers - Sprüche 22,1

"Ein guter Name ist kostbarer als grosser Reichtum. Anerkennung ist mehr wert als Silber und Gold."

Eine Anregung

In gewisser Weise ist er das Gegenteil von Elon Musk; der Zilpzalp. Der kleine Vogel, der nach seinem Ruf benannt ist, verhält sich unauffällig; Musk dagegen auffällig. Der Zilpzalp lebt ohne grossen Besitz; Musk mit einem unglaublichen Reichtum. Der Zilpzalp fliegt aus eigener Kraft; Musk kann das nicht. Der Zilpzalp spricht eindeutig; Musk verliert sich in Verschwörungstheorien. Der Zilpzalp ist für Menschen harmlos; von Musk kann man das nicht sagen. Vom Zilpzalp gibt es Tausende; von Musk glücklicherweise nur wenige. Der Zilpzalp kennt seine Grenzen; Musk wohl eher nicht. Der Zilpzalp hält sich nicht für den Erlöser der Menschheit; bei Musk bin ich mir da nicht so sicher. Der Zilpzalp lebt im Wald; für Musk werden Wälder gerodet. Auch gibt der Zilpzalp seinem Nachwuchs keine seltsamen Namen; Bei Papa Musk sage ich nur "X Æ A-XII"

Also mir imponiert der Zilpzalp. Ich halte ihn für ein grosses Vorbild für uns alle.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. April 2024

Ungeziefer

Ein Zitat

Ein Feld-Sandlaufkäfer an der Bünz in Möriken.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mistkäfer ist in den Augen seiner Mutter eine Schönheit." Sprichwort

Ein Bibelvers - Psalm 105,34

"Auf seinen [Gottes] Befehl kamen Heuschrecken und Ungeziefer in zahlloser Menge."

Eine Anregung

Behaarte Beine, Beisszange, grüner Anzug, grosse, aufmerksame Augen: Nein, das ist kein Handwerker auf Montage. Das ist ein Feld-Sandlaufkäfer. Jetzt, ab April kann man sie mit etwas Glück an trockenen warmen Standorten entdecken. Mit ihren spitzen Zähnen an der Kieferzange bewaffnet jagen sie nach Ameisen, Insekten und Spinnen. Auf der Flucht fliegt der Feld-Sandlaufkäfer ein kurzes Stück und setzt sich dann wieder in Blickrichtung Angreifer nieder.

Die Bibel kennt Käfer fast nur als Schädlinge. "Ungeziefer" werden sie genannt. Ursprünglich bezeichnete das althochdeutsche Wort "zebar" Opfertier. "unzebar" war folglich ein nicht für das Opfern geeignetes Tier. Heute ist nicht nur diese Wortbedeutung verloren gegangen. Auch opfern wir genau diese Tiere, denen wir nur wenig bis keinen Wert zumessen, zu Tausenden. Wir mögen so zivilisiert sein, dass wir keine rituellen Tieropfer mehr darbringen. Das müssen wir auch nicht. Denn unser Lebensstil ist ein unablässiges Opfern an Tieren, Pflanzen, und Lebensraum. Im Vergleich zur sogenannt vernunftbegabten Menschheit ist der Feld-Sandlaufkäfer geradezu ein netter Zeitgenosse.

Mindestens 505 verschiedene Laufkäfer soll es in der Schweiz geben. An manchen Tagen sehe ich von ihnen vielleicht 7-10 verschiedene Arten. An anderen Tagen läuft mir nicht einer über den Weg. Ich habe noch vieles nicht gesehen, was da um mich herum geschieht. Manches wird mir für immer verborgen bleiben. Das ist Grund genug, demütig zu werden, und rücksichtsvoller mit der Erde und allen Bewohnerinnen und Bewohnern umzugehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. April 2024

Liebestaumel

Ein Zitat

Ein Zitronenfaltermännchen bemüht sich um ein Zitronenfalterweibchen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Schmetterlinge Schmetterlinge im Bauch haben, muss das nicht auf Kannibalismus hindeuten."

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,8

"Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist Liebe."

Eine Anregung

Frühling. Zeit für die Liebe. Bei den Zitronenfaltern ist das ein gefährliches Unterfangen, wie man an den lädierten Flügeln des Männchens gut erkennen kann. Dabei sind diese Schmetterlinge für Vögel gar nicht bekömmlich, was dem grünlichgelben Kerl wohl auch das Leben gerettet hat.

Die Liebe ist gefährlich, habe ich geschrieben. Das gilt nicht nur bei Schmetterlingen. Auch bei Menschen ist die Liebe wunderbar verhängnisvoll. Kein Taumeln ist schöner und segensreicher wie das vor Liebe. Liebe ist stark wie der Tod. Wer liebt, kennt Gott. Denn Gott ist Liebe.

Nebenbei: Dazu würde doch der Tee passen mit dem verräterischen Namen "Liebestaumel".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. April 2024

Morgengesänge

Ein Zitat

Ein Hausrotschwanz geniesst in einem Schrebergarten bei Lenzburg nach einem Bad die warme Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Wer demnächst munteres Vogelgezwitscher hört, sollte innehalten und lauschen. Denn Vogelgesang kann nachweislich Ängstlichkeit und irrationale Gedanken mildern." Max-Planck-Institut

Ein Bibelvers - Römer 11,36

"Denn alles hat in ihm [Christus] seinen Ursprung. Durch ihn besteht alles und in ihm hat alles sein Ziel. Denn er regiert in Herrlichkeit für immer. Amen."

Eine Anregung

Heute Morgen habe ich die Stimmerkennung meiner Vogel-App einmal auf dem Balkon gestartet. Ich gab dem Gerät bei der ständigen Autolärm-Belastung wenig Chancen. Klar, die üblichen Verdächtigen Haussperling, Elster, Rabenkrähe, Buchfink, Kohlmeise und Amsel waren gesetzt.

Die App erkannte dann aber auch noch die Rufe von Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Hausrotschwanz, Wintergoldhähnchen, Girlitz, Zilpzalp, Grünspecht, und Sumpfmeise. Auch der Gartenrotschwanz wurde aufgelistet. Bevor ich diesen Vogel aber mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich der App nicht so recht über den Weg.

So oder so, das war eine schöne Überraschung, dass sich da im Umfeld dieses langweiligen Hinterhof-Rasenstücks so viele Vogelarten zu Wort gemeldet haben. Ein schönes Morgengeschenk, ein Grund, dankbar zu sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. April 2024

Langweilige Predigt

Ein Zitat

Das Schloss Wildegg mit dem Schlossbistro im Vordergrund.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist nicht tot. Er ist nur beim 'Wort zum Sonntag' eingeschlafen." Adolph Schalk, amerik. Journalist

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 20,9

"In der Fensteröffnung sass ein junger Mann namens Eutychus. Als Paulus so lange sprach, wurde er vom Schlaf übermannt. Er stürzte im Schlaf aus dem dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot."

Eine Anregung

Gestern im Bistro vom Schloss Wildegg. Am Nachbarstisch unterhalten sich zwei Frauen und ein Mann. Alle sind zum Zeichnen an diesen historisch bedeutsamen Ort gekommen. Ich höre die eine Frau von einem Gottesdienst erzählen. "Die Predigt war so langweilig. Da ist mir in den Sinn gekommen, dass ich einen Skizzenblock bei mir hatte und auch ein Bleistift, und so begann ich halt zu zeichnen. Der Reihe nach habe ich die...". An dieser Stelle brach die Frau den Redefluss ab, weil sie realisierte, das man ihr gar nicht zugehört hatte.

Gut, ich habe ihr zugehört. Mir fehlten nun die weiteren Details dieser Geschichte. Gerne hätte ich erfahren, wen die Frau mit ihrem Griffel auf Papier verewigt hatte, dort in der Kirche während der langweiligen Predigt.

Später dann, die Zeichnerin hatte sich vor das Schloss gesetzt mit ihrem Skizzenblock, ging ich zu ihr, sprach sie auf die Predigt an und fragte, was sie denn in der Kirche gezeichnet habe. "Die anderen Frauen und Männer unseres Ensemble habe ich portraitiert", antwortete sie. Nein, sie habe nicht genug Zeit gehabt, um alle zu zeichnen, aber durch diese Arbeit habe sie den Ärger über die langweilige Predigt total verdrängt und doch ein kurzweilige Zeit in der Kirche gehabt.

Genau das wünsche ich an diesem Tag allen, die freiwillig oder sekundärmotiviert die Kirche besuchen. Da ich selbst an diesem Wochenende nicht predige, könnte es auch anregend werden. Es braucht zwar etwas Mut das zu sagen, aber ich wünsche dir spannende, berührende Momente in der Kirche, und ganz besonders während der heutigen Predigt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. April 2024

Weissling gendern

Ein Zitat

Ein Grünader-Weissling sitzt neben einer Papageientulpe auf einem Efeu-Ehrenpreis.
Foto © Jörg Niederer
"Gendern: Macht es oder lasst es - aber regt euch bitte nicht auf!" Aus einem Beitrag in der Zeitschrift "Brigitte"

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte."

Eine Anregung

Der Grünader-Weissling ist ein sehr häufiger Schmetterling, auch Raps-Weissling genannt. Er trägt, wie so vieles, das Suffix "-ling". Überall, wo dieses Suffix angehängt wird, wird das Substantiv männlich. So kann es also sein, dass ein weiblicher Schmetterling mit einem männlichen Wort bezeichnet wird.

Oder nehmen wir das Adjektiv "schön". Mit dem Suffix -ling ergibt das "Schönling". "Die Frau ist ein Schönling!", kann man in der deutschen Sprache nicht sagen. Also muss auch eine weibliche Form her, zum Beispiel "Schönlingin". Klingt doof, gibt es aber. Belegt ist etwa "die Günstlingin" oder "die Lieblingin". Beim weiblichen Schmetterling könnten wir also von einer Grünader-Weisslingin sprechen. Nur, diese Redeweise ist doch etwas in die Jahre gekommen - sie stammt aus dem 18./19. Jahrhundert - was einmal mehr zeigt, dass die Sprache im steten Wandel ist.

In der Sprache versucht man immer auch, Wirklichkeit abzubilden, was meist nur ansatzweise gelingt. Das Gendern ist nichts anderes als ein Versuch, weniger ausgrenzend zu sprechen und zu schreiben. Was dabei herauskommt, klingt für viele seltsam, so wie es seltsam (in mehrfacher Hinsicht) klingen würde, wenn ich meiner Frau "Lieblingin" sagen würde. Aber falsch ist die Motivation dahinter nicht. Im Gegenteil, sie folgt einem zutiefst christlichen Gedanken: dass kein Mensch, kein Lebewesen, nichts Kreatürliches ausgeschlossen werden darf als Teil von Gottes geliebter Welt. Alles muss richtig benannt werden. Jedem Lebewesen den richtigen Namen, die richtige Bezeichnung. Damit zeigt man Respekt.

Und so gendere ich jetzt einmal frischfröhlich beim Schmetterling, von dem ich gerade nicht weiss, ob es Männchen oder Weibchen ist. Beim Flattermann oder der Flatterfrau auf dem Foto handelt es sich um ein:e Grünader-Weissling:in auf einer/einem Efeu-Ehrenpreis:in neben einer Papageientulpe. (Schon habe ich wieder ein Genderproblem. Es gibt in der deutschen Sprache nur "die Tulpe" und nicht "der Tulper". Stöhn!).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. April 2024

Gerda

Ein Zitat

Gerda Reiser (Foto aus der Heim-Zeitschrift Almacasa.)
Foto © Almacasa
"Mein Halt ist Gott. Ich weiss, Gott ist bei mir. Er ist immer bei uns. Auch dann, wenn wir es nicht merken oder nicht merken wollen." Gerda Reiser

Ein Bibelvers - Jesaja 41,10

"Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark und helfe dir. Ich halte dich fest mit meiner rechten Hand, die für Gerechtigkeit sorgt."

Eine Anregung

Kann es sein, dass ich von Gerda Reiser kein Foto besitze? Gut möglich, dass sie auf einer frühen Fotografie meiner Eltern zu finden ist. 

"Gerda Reiser, wer soll das sein?", werden nun einige fragen. Am 26. März ist sie im Alter von 90 Jahren verstorben. Sie gehört zu den Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne. Sie war meine massgebende Sonntagschullehrerin. Sie, ihre Schwester Heidi und ihr Bruder Adi gehörten irgendwie zu unserer Familie. Darum haben wir Kinder ihr "Tante Gerda" gesagt. Auch ihren Vater habe ich noch gekannt.

Gerda war etliche Jahre Sekretärin von Bischof Franz Schäfer. Und dann arbeitete sie in der Zentralverwaltung an der Badenerstrasse 69. Als ich in der Lehre bei Bühler Uzwil war, kam es vor, dass ich sie, ihre Schwester Heidi und meine Tante Rut auf der Heimreise nach Olten im Zug antraf. Dann setzte ich mich zu diesem munteren Trio. Wenn dann der Heitersbergtunnel kam, geschah etwas Lustiges. Alle drei Frauen griffen sich an die Ohren und hielten diese zu. So versuchten sie dem leichten Ohrenschmerz zuvorzukommen, der durch den tunnelbedingten Unterdruck im Zugsabteil entstand. Diesen synchronen Griff an die Ohren werde ich nie mehr vergessen.

Gerda Reiser hat mich vor allem mit ihren Sonntagschulgeschichten geprägt. Bei ihr und in der eigenen Familie wurde die Grundlage meines Glaubens vermittelt. Ich fühle mich durch Gerda Reiser gesegnet.

Bischof im Ruhestand Heinrich Bolleter hat in seinem Blog ein Interview mit ihr aus der Hauszeitung Almacasa wiedergegeben. In diesem Altersheim lebte Gerda Reiser in den letzten Jahren. Wer also mehr von Gerda Reiser wissen will, möge in besagtem Blog nachlesen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. April 2024

Moos und Sonnenlicht

Ein Zitat

Moos mit gestielten Sporenkapseln an einer Bruchsteinmauer im Sonnenlicht.
Foto © Jörg Niederer
"Moos überwächst sanft jede Grenze und Mauer." Michael Altmoos

Ein Bibelvers - Sprüche 22,1

"Ein guter Name ist kostbarer als großer Reichtum. Anerkennung ist mehr wert als Silber und Gold."

Eine Anregung

Es braucht nur wenig. Eine Bruchsteinmauer, gelbes Moos und Sonnenlicht. Schon erstrahlt alles in einem leuchtenden Goldton. Ein Freudenfest für wache Sinne. Möge der heutige Tag weitere Alltagswunder hervorzaubern und in ein Gebet des Lebens verwandeln.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. April 2024

Der Kampf gegen Mächte und Gewalten

Ein Zitat

Die schweizerische Erdölraffinerie Cressier vor dem Alpenkamm.
Foto © Jörg Niederer

"Jede Glaubens-Gemeinschaft sollte sich die Frage stellen: 'Welchen maximalen Einfluss können wir erreichen?' ... Und bitte - lasst uns nicht den Unsinn glauben, dass die maximale Wirkung darin besteht, den Abfall zu recyceln. Das spielt direkt in die Hände von Leuten, die die Zukunft zerstören. Da wir als Glaubens-Gemeinschaft nur eine begrenzte Kraft für ethisches Handeln haben - wie alle andern auch - sollten wir diese speziell darauf verwenden, einen Wandel im System zu bewirken."
Dr. Carmody Grey, Assistenzprofessorin für katholische Theologie an der Universität Durham

Ein Bibelvers - Epheser 6,12a

"Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut. Er richtet sich gegen die Mächte und Gewalten, die Weltenherrscher, die diese Finsternis regieren."

Eine Anregung

Der dritte Teil der Videoserie zum Klimawandel aus der Perspektive der Evangelisch-methodistischen Kirche (Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2) beschäftigt sich mit der Spiritualität als Voraussetzung gegen das Aufgeben. Dann ist da aber auch die entscheidende Frage, ob es eher um persönliche Anstrengungen gegen den Klimawandel geht, oder um den Einsatz für einen grundsätzlichen Systemwandel.

Dr. Carmody Grey, Assistenzprofessorin für katholische Theologie an der Universität Durham, beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit Fragen zu Natur, Ökologie und Umwelt. In ihren Ausführungen bringt sie es auf den Punkt. So ist sie überzeugt, dass ohne Spiritualität der Durchhaltewillen fehle für eine so grosse Aufgabe wie die Rettung vor dem menschbewirkten Klimawandel. Dabei hat sich der christliche Glaube schon einmal bei einer unmöglich scheinenden Aufgabe behauptet. Wer hätte gedacht, dass Christinnen und Christen sich je einmal gegen das römische Weltreich durchsetzen könnten. Dies habe mit der Kraft der Spiritualität zu tun, so Carmody Grey und auch Sarah Bach, welche auch kurz zu Wort kommt. 

Sehr klar ist Dr. Carmody Grey, wenn sie deutlich macht, dass es nicht darum gehen könne, dass man nun je individuell etwas gegen den durch fossile Brennstoffe verursachten Klimawandel tun solle. Es gehe nicht um Solarpanel auf den Kirchdächern oder die Verringerung des eigenen Fussabdrucks (übrigens eine Erfindung des Erdölmultis BP). Es gehe um den Systemwandel. Dabei zieht Carmody Grey eine Parallele zur Sklaverei. Als immer mehr Menschen sich bewusst wurden, dass Sklaverei ein zutiefst unmenschliches System sei, war auch klar, dass dieses System bekämpft werden müsse. Es war nicht damit getan, dass die einsichtigen Sklavenbesitzer ihre Slaven freiliessen solange die Sklaverei noch legal war. Es ging darum die Sklaverei abzuschaffen und zu ächten. Dafür hat sich auch der Begründer der methodistischen Bewegung, John Wesley pointiert eingesetzt.

Beim Klimawandel geht es darum, eine weltzerstörende Praxis zu benennen und zu verurteilen, also die fossilen Brennstoffe weltweit zu verbieten und die Profiteure, die Erdölproduzenten, zu entmachten. Dazu solle die Kirche ihre Geldmittel einsetzen. Denn, so Carmody Grey, immer wenn wir Geld spenden oder einsetzen, stimmen wir damit für oder gegen den Systemwechsel ab.

Die Ethikerin und Theologin Carmody Grey denkt nicht, dass die meisten Menschen von Grund auf schlecht sind. Vielmehr "haben die meisten Menschen nicht die Möglichkeit, zu erkennen, wer wirklich die Fäden zieht". Wer aber die Einsicht hat, kann gemeinsam mit andern etwas bewirken. Auf diesem positiven Menschenbild baut sie auf, und auf der Spiritualität, dem Glauben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 2. April 2024

Wachsam

Ein Zitat

Eine wachsame Graugans auf einer landwirtschaftlichen Brache.
Foto © Jörg Niederer
"Holzauge, sei wachsam!" Redensart

Ein Bibelvers - Psalm 123,1+2

"Meine Augen sehen auf zu dir, der du im Himmel thronst. Siehe, auch Sklaven sehen auf zu ihrem Herrn, wenn sie auf ein Handzeichen warten. Auch die Sklavin sieht auf zu ihrer Gebieterin, wenn sie auf wohlwollende Behandlung hofft. Genauso sehen wir auf zum Herrn, unserem Gott, bis er sich uns gegenüber barmherzig zeigt."

Eine Anregung

Wachsamkeit ist ein oft beschworener Wert. Nur so erhalte man sich die Freiheit und Unabhängigkeit. Wachsamkeit ist für viele Tiere überlebenswichtig. Gefahren und Fressfeinde lauern überall.

Nun kann jemand sehenden Auges blind sein für seine Umgebung, seine Mitmenschen. Andererseits gelingt es Menschen, selbst mit ganz wenig Einsicht tief zu blicken.

Vielleicht haben wir die Aussage: "Holzauge, sei wachsam!" ja diesem Umstand zu verdanken. Es könnte also Menschen geben, die selbst blind und holzäugig mehr sehen, als Sehende.

Andererseits sind Holzaugen Astlöcher in einem Brett. Beim Bearbeiten des Holzes sind es die Stellen, an denen man beim Hobeln des Bretts auf einen harten Astansatz stösst. Alle, die schon einmal gehobelt haben, wissen, dass da besondere Vorsicht geboten ist, will man auch an dieser Stelle das Brett gleichmässig flach bekommen. 

Vorsicht, Wachsamkeit, offene Augen, Aufmerksamkeit; heute will ich besonders aufmerksam auf die unauffälligen Dinge achten, denen ich auf meinem Weg durch den Tag begegne. Also: "Holzauge sei wachsam!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. April 2024

April, April

Ein Zitat

Apfelblüten
Foto © Jörg Niederer
"April, April, der macht was er will." Redensart

Ein Bibelvers - Matthäus 24,4a

"Jesus antwortete: 'Passt auf, dass euch niemand in die Irre führt!'"

Eine Anregung

Der 1. April soll schon in der Antike zu den zahlreichen Unglückstagen gezählt haben. Woher der Brauch kommt, Menschen "in den April" zu schicken, ist nicht sicher bekannt. Erstmals belegt ist die Sache aber 1618 in Bayern. 

Eine aus christlicher Sicht interessante Erklärung ist, dass der Überlieferungen nach der 1. April "...als Geburts- oder Todestag des Judas Iskariot..." angesehen wird. Dieser verriet bekanntlich Jesus von Nazaret an die Mächtigen der damaligen Zeit. "Zudem sei der 1. April angeblich der Tag des Einzugs Luzifers in die Hölle und daher ein Unglückstag, an dem man sich besonders vorsehen müsse." Beides kann im Wikipedia-Artikel über den Aprilscherz nachgelesen werden. 

Es gibt noch weitere Erklärungen zum Aprilscherz. Was gesichert gilt in unseren Breiten ist, dass der April selbst ein Scherzkecks ist. Wettermässig spielt er auf der gesamten meteorologischen Klaviatur. Angefangen beim Schneefall, über Frost und überraschend warme Tage, bis zu Gewittern und heftigen Winden. Darum also sollte man es im April der Sonnenuhr gleichtun, welche bekanntlich "die heiteren Stunden nur" zählt. Doch seit gestern spielt uns sonnenuhrphysikalisch ja die Sommerzeit diesbezüglich einen Streich, was alle Sonnenuhren falsch gehen lässt. Und das nicht nur am 1. April, sondern bis in den Herbst hinein.

Da hilft vielleicht frühjährliche Augennahrung. So, wie bei den schönen Apfelblüten auf der Fotografie. Und sollten es gar keine Apfelblüte sein, ist das auch nicht so schlimm. Schön sind sie allemal.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 31. März 2024

Auferstehungshoffnung

Ein Zitat

Grabtafel mit Darstellung der Auferstehung Christi im Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen." Peter Kuzmic

Ein Bibelvers - Johannes 20,19

"Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: 'Friede sei mit euch!'"

Eine Anregung

Es sei eine typisch protestantische Grabdarstellung. Die Auferstehung Christi, oft kombiniert mit dem Verstorbenen, der einem Zeugen gleich das Geschehen betrachtet. So habe ich es erfahren bei einer Führung im Vorbeigehen beim Stephansdom in Wien.

Den folgenden Osterwitz - dadurch soll österliches Lachen gefördert werden - habe ich im "Unterwegs", der Zeitschrift der Methodisten in Deutschland gefunden: 

"Friedrich der Große, der Preußenkönig – wir erinnern uns: Jeder soll nach seiner Façon selig werden – bekommt eine Akte vorgelegt. In ihr geht es um die Amtsenthebung eines Pfarrers, der er zustimmen soll. Dem Pfarrer wird Freigeisterei vorgeworfen. Er habe in seiner Osterpredigt öffentlich geäußert, dass er aus Vernunftgründen nicht an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag glauben könne. Der König soll die Eingabe mit folgenden Worten abgewiesen haben: 'Dit is janz und jar seine Sache, wenn er nich auferstehen will, denn soll er doch meinetwejen am Jüngstn Tach liejen bleibm.'"

Ostern feiern wir heute Sonntag in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 mit einem Brunch um 09.30 Uhr und einem Familiengottesdienst um 10.30 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 30. März 2024

Tierisches auf dem Kreuzweg

Ein Zitat

Ein Büsi freut sich auf der Treppe des Scheffelsteinwegs in St. Gallen über die vielen Menschen der Kreuzwegsprozession.
Foto © Jörg Niederer
"Aus der Tiefe / meiner Zerrissenheit / reiche ich Dir / meinen kleinen Finger – / – ach nähmest Du doch / meine ganze Hand." Aus dem Gedicht "Eine Leiter" von Jutta Schmidt

Ein Bibelvers - Psalm 104,27-29

"Mensch und Tier halten Ausschau nach dir [Gott], damit du ihnen Essen gibst zur richtigen Zeit. Du gibst es ihnen, sie sammeln es auf. Du öffnest deine Hand, sie essen sich satt an deinen guten Gaben. Wendest du dich ab, erschrecken sie. Nimmst du ihnen den Lebensatem, dann sterben sie und werden zu Staub."

Eine Anregung

Auf dem gestrigen Kreuzweg der Gegenwart in St. Gallen war die Natur meist auf die Vorgärten beschränkt. Überraschend die Katze, welche sich auf der Treppe des Scheffelsteinwegs über die vielen Menschen sichtlich freute und deren Nähe suchte. 

Der nächste Kreuzweghalt am Nestweiter fragte nach der Natur. Mathias Wenk gab zu bedenken:

"Hier oben am Nestweiher scheint die Natur noch natürlich. Organisch geht Stadt in Land über. Natürlich, möchte man meinen. Bei uns in der Schweiz hat es doch so viel schöne Natur!? Sehen wir mal von ein, zwei Gletscherbeerdigungen ab, ist sie immer noch recht gut zu weg.

Der Schein trügt. Der Schlüssel zu einer nachhaltig intakten Natur ist die Vielfalt – Biodiversität. Der Zustand der Biodiversität aber ist schlecht. Auch bei uns. Ein Drittel aller Schweizer Arten sind bedroht und weitere 10% gelten als potenziell bedroht. Dies entspricht dem höchsten Wert aller OECD-Länder. Aber nicht nur die erschreckend grosse Anzahl der bedrohten Arten ist bedenklich, sondern auch die teilweise deutliche Abnahme der Anzahl Individuen. Diese Abnahme ist oft der Einstieg in den sog. 'Aussterbestrudel', der letztendlich zum Verschwinden dieser Arten führt.

Ein guter Zustand der Biodiversität ist aber für alle wichtig. Viele Untersuchungen zeigen auf, dass Ökosysteme mit einer hohen Artenvielfalt produktiver und stabiler sind. Sie reagieren damit resilienter auf Störungen, die mit dem Klimawandel tendenziell zunehmen werden. Biodiversität braucht natürliche Lebensräume. Ohne natürliche Lebensräume: keine Biodiversität. Ohne Vielfalt kein Leben – auch nicht für uns Menschen. Die Natur leidet – unter uns Menschen. An sie wollen wir hier denken. Wir verbinden uns mit ihrem Leid im Gebet."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. März 2024

Kreuzweg

Ein Zitat

Schattenwurf an einer Kreuzwegsprozession.
Foto © Jörg Niederer
"Nimm das Dasein als Bewährungsfrist / Ohne Klagen, ohne Fragen. / Schweigend steig hinauf die dunklen Treppen, / Weil es immerhin noch leichter ist, / Sein Kreuz zu tragen, / Als es zu schleppen." Mascha Kaleko (1907-1975)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,21-23

"Die Weisheit Gottes zeigt sich in dieser Welt. Aber die Welt hat ihn mit ihrer Weisheit nicht erkannt. Deshalb hat Gott beschlossen, durch eine scheinbar unsinnige Botschaft alle Glaubenden zu retten. Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten..."

Eine Anregung

Heute um 12.00 Uhr ziehen Menschen wieder los auf den "Kreuzweg der Gegenwart". Von der Evangelisch-methodistischen Kirche, dem Zielort des letztjährigen Kreuzwegs, geht es über mehrere Stationen hinauf zur Kirche Riethüsli. Unterwegs wird an Brennpunkten in der Stadt halt gemacht. Dazu gehört die erste Autogarage in St. Gallen, aber auch die Psychiatrie Nord und der Nestweiher. An jeder der sieben Stationen gibt es eine kurze Meditation. In ein mitgetragenes Kreuz wird ein Nagel eingeschlagen.

Der ökumenische Anlass kann ohne Voranmeldung besucht werden. In diesem Jahr wird der Fernsehsender TVO darüber in seinem Programm berichten.

Am Ausgangsort des Kreuzwegs, in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6, findet vorgängig ein Gottesdienst statt. Auch dazu sind alle herzlich eingeladen. Um 10.15 Uhr geht es los. Die Predigt kann ab ca. 10.30 Uhr auch via YouTube angeschaut werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen