Mittwoch, 20. März 2024

Bäcker unter Wasser

Ein Zitat

Zweierlei Ellenmasse und eine als Brotmass bekannte, kreisförmige Anomalie finden sich auf der linken Seite des Hauptportals in den Stephansdom von Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Bäckerlein, Bäckerlein, / Lass dein Brot gewichtig sein! / Sonst zieh'n wir dich bei Schnee und Wind / Zur Donaulände hin geschwind." Aus einem Spottlied beim Bäckerschupfen

Ein Bibelvers - 1. Mose 40,16+17

"Als der Hofbäcker die erfreuliche Deutung hörte, sagte er zu Josef: 'Auch ich hatte einen Traum. Ich trug drei Körbe mit feinem Gebäck übereinander auf dem Kopf. Im obersten Korb lagen Backwaren für den Pharao. Doch die Vögel fraßen sie auf – aus dem Korb auf meinem Kopf heraus.'"

Eine Anregung

Gleich links vom Haupteingang in den Wiener Stephansdom sind zwei Gusseisenstangen waagrecht in die Mauer eingelassen. Dabei handelt es sich um früher übliche Längenmasse. Oben findet sich die kleine Tuchelle (776 mm) oder Wiener Elle (777,6 mmm), unten die grosse Leinenelle oder Brabanter Elle (896 mm). Dass die Tuchelle um 1,6 mm von der Wiener Elle abweicht, ist auffällig. Die Brabanter Elle hängt wohl mit flandrischen Tuchhändlern zusammen, welche um 1200 ein Handelsprivileg in Wien erhielten. Letzteres Mass war später nicht mehr in Gebrauch. Händler und Kunden konnten also hier öffentlich ihre Stoffe abmessen und kontrollieren.

Über den Ellen findet sich ein Kreis, der unter den Wienern als "Brotmass" bekannt ist, in Wirklichkeit aber nichts mit Brot zu tun hat. Dieser Kreis soll die Normgrösse des Brotes darstellen, an die sich ein Bäcker zu halten hatte. Tatsächlich sind es Einritzungen eines beweglichen Hackens, mit dem auf beiden Seiten des Haupteingangs das Eisentor, das es früher hier gab, befestigt wurde. Durch die Verwendung des Hackens zeichneten sich dessen Spuren eben kreisrund auf dem Sandstein ab.

Eine andere Sache aber gab es zwischen dem 13. Jahrhundert und dem Jahr 1773 in Wien wirklich: Das Bäckerschupfen. Bäcker, die beim Brotmass oder Brotgewicht betrogen, wurden in einem Käfig mehrfach in der Donau untergetaucht. Für den Bäcker war das gar nicht lustig. Beim Untertauchen wurde er mit Spott der Zuschauenden belegt. Auch historisch gesichert ist, dass es beim Bäckerschupfen in Wien mindestens einmal zu einem tödlichen Unfall gekommen war. Diese Strafe war folglich in der Bäckerzunft noch gefürchteter als Geldstrafen, Schandmasken und Pranger.

Dass es Bäcker auch schon zu Pharaos Zeiten schwer hatten, davon zeugt die biblische Josefsgeschichte. Darin wird einem inhaftierten Bäcker, der beim Pharao in Ungnade gefallen war, durch Josef ein Traum gedeutet mit dem Ergebnis: Todesstrafe durch Erhängen. So kam es dann auch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. März 2024

Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt...

Ein Zitat

Der Friedhof von Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, / Oh, du lieber Augustin, alles ist hin. / Und selbst das reiche Wien, / Hin ist's wie Augustin; / Weint mit mir im gleichen Sinn, / Alles ist hin!" Wiener Volkslied

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 4,16-17

"Der Herr selbst wird vom Himmel herabsteigen – wenn der Befehl ergeht, die Stimme des Erzengels erklingt und die Trompete Gottes ertönt. Dann werden zuerst die Toten auferweckt, die zu Christus gehören. Und danach werden wir, die dann noch am Leben sind, zusammen mit ihnen weggeführt. Wir werden auf Wolken in die Höhe emporgetragen, um dem Herrn zu begegnen. Dann werden wir für immer beim Herrn bleiben."

Eine Anregung

Unten Zugreisende, oben Gräber: Der Bahnhof Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Friedhof. Und wieder zeigt sich in Österreichs Hauptstadt dieser vertraute Umgang der Lebenden mit den Toten. "Wien hat etwas Morbides", hat mir am Abend zuvor ein einheimischer Pfarrkollege gesagt. Hier wird es einmal mehr sichtbar. 

Da ist auch noch das Fahrstuhlsymbol auf Friedhofshöhe. Mir kommt das Lied vom Hazy Osterwalder Sextett in den Sinn: "Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt, wir müssen warten". Zweifellos müssen sie warten, die Verstorbenen. Warten auf den Tag, an dem es - wie wir so sagen - nach oben geht, Gott und dem Himmel entgegen.

Eine Liftsymbol wird so an einem Wiener Bahnhof zu einem modernen Andachtsbild für Ostern, für die Auferstehung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 18. März 2024

Bischof Stefan und die Kinder

Ein Zitat

Bischof Stefan Zürcher wird bei den Methodisten in Wien im Rahmen des Kinderteils im Gottesdienst von einer frechen Puppe befragt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) in Österreich ist in Österreich seit 1871 tätig und hat heute ca. 1500 Mitglieder in neun Gemeinden. Es gibt derzeit sechs hauptamtliche Pastorinnen und Pastoren." Info auf der Webseite

Ein Bibelvers - Johannes 12,20+21

"Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten. Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: 'Herr, wir wollen Jesus sehen!'"

Eine Anregung

Anlässlich der Tagung der Exekutive der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa in Wien feierte die English-Speaking United Methodist Church of Vienna und die Evangelisch-methodische Kirche Wien Fünfhaus den Gottesdienst vom 17. März gemeinsam. Dabei wirkte Bischof Stefan Zürcher als Verkündiger mit, aber auch als Interview-Partner im Kinderteil des Gottesdienstes. Bischof Stefan erwies sich im Verlauf dieser Befragung als durchaus kindertauglich. 

Kinder waren später, nach den biblischen Lesungen, einer afrikanischen Choreinlage und der Predigt des Bischofs, beim Abendmahl auch mit dabei. Denn in der Methodistenkirche sind Kinder und alle Erwachsenen beim Abendmahl herzlich willkommen. Entsprechend fröhlich und zugleich ernsthaft ging es dabei zu.

Der Gottesdienst mündete in ein Essen von Fingerfood, vielfältig wie die Menschen der beiden Gemeinden, die sich die Räume an der Sechshauserstrasse 56 teilen. Wer über die beiden Gemeinde mehr wissen möchte, findet alle Hinweise auf der Webseite.

Mitarbeitende von beiden Gemeinden bieten in der Winterzeit eine Wärmestube in den eigenen kirchlichen Räumen an. In dieser Saison wird wohl morgen Dienstag die tausendfünfhundertste Person dieses Angebot in Anspruch nehmen, das von der Caritas koordiniert wird. "Die zahlreichen Wärmestuben von Pfarren bieten Menschen, egal welcher Herkunft, Religion oder Aufenthaltsstatus im kalten Winter einen schützenden Zufluchtsort", schreibt Caritas. Bei den Methodisten in Wien sind jeweils um die 45 Menschen im Einsatz, um diesen Raum der Annahme mit ihrer Herzlichkeit, dem Essen und Wärme zu erfüllen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 17. März 2024

Jugendmitarbeitende und zwölf Apostel

Ein Zitat

Gruppenbild der Exekutiv-Delegierten und Jugendmitarbeitenden der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa.
Foto © Jörg Niederer
"Weil Helfen keine langen Sätze braucht - Pomagamy, Wij helpen, Noi ajutam, Segítünk, Wir helfen..." Werbeplakat der Caritas in Wien.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 1,13

"In Jerusalem gingen die Apostel in den Raum im oberen Stockwerk ihres Hauses, wo sie von nun an immer wieder zusammenkamen. Es waren: Petrus, Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Simon der Zelot und Judas, der Sohn des Jakobus."

Eine Anregung

Beim heutigen Feiern der Exekutivmitglieder der Evangelisch-methodistischen Kirche vom Mittel und Südeuropa mit den drei Gemeinden in Wien und der Gemeinde in Linz, begleiten mich Eindrücke des gestrigen Samstags, als Kinder- und Jugendarbeit im thematischen Zentrum der Verhandlungen und Gespräche stand. Aus den verschiedenen Ländern angereist für diesen Tag waren die verantwortlichen Jugendmitarbeitenden. Sie gestalteten denn auch gleich das Programm. Dabei wurden eine Fülle an Anregungen zusammengetragen, aber auch ganz konkret ein internationales Jugendtreffen in Rumänien angeregt und fixiert.

Der Samstag klang aus mit einer Stadtführung, vorbei an jüdischen Denkmälern vergangener Schreckenszeiten, vorbei an der Hofburg und dem Stephansdom hinunter in den Zwölf-Apostelkeller zu einem feinen Essen mit ausgewählten österreichischen Spezialitäten.

Einige Angereiste und weiterer Personen - es sind die Delegierten an die Generalkonferenz - werden sich heute und morgen noch mit den Inhalten dieses alle vier Jahre stattfindenden Treffens beschäftigen. Die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche legt die wesentlichen Rahmenbedingungen der weltweiten Kirche fest. Sie findet vom 23. April - 3. Mai 2024 in Charlotte, North Carolina statt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 16. März 2024

Dem gemeinsam Methodistischen auf der Spur

Ein Zitat

An der Exekutivtagung der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa wird intensive diskutiert über die Aufgaben der verschiedenen Arbeitsgruppen.
Foto © Jörg Niederer
"Ist mein Christentum stärker als mein Pass?" Aus dem Bericht von Lilla Kardosné Lakatos über den Europäischen Rat methodistischer Kirchen

Ein Bibelvers - Jesaja 11,10-12

"Zu der Zeit erhebt der Herr erneut seine Hand, um den Rest seines Volkes zu befreien. Was davon übrig geblieben ist, holt er aus Assyrien und Ägypten, Patros und Kusch. Aus Elam, Schinar und Hamat kommen sie herbei und auch von den Inseln des Meeres. Er richtet ein Feldzeichen unter den Völkern auf und sammelt die aus Israel Vertriebenen. Auch die Zerstreuten aus Juda bringt er zusammen von den vier Enden der Erde."

Eine Anregung

Noch bis Sonntag tagt die Exekutive der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa unter der Leitung von Bischof Stefan Zürcher in Wien. Zur Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa gehört die Kirche in Österreich, der Schweiz, Frankreich, Nordafrika, Tschechien, Ungarn, Rumänien, Polen, Serbien, Nordmazedonien und Albanien. Konferenzsprache ist Englisch.

In diesem Jahr geht es darum, die Aufgaben der Arbeitsgruppen zu klären und entsprechende Aufträge zu erteilen. In einem dynamischen Prozess gelang es bis gestern Abend, wesentliche Arbeitsschwerpunkte zu definieren. 

An diesem Samstag kommt es zu einer Begegnung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den verschiedenen Ländern und den Delegierten. Nach einigen Jahren ohne klare Beauftragung und Führung dieser Arbeit fand im vergangenen Jahr erstmals wieder ein internationales Jugendtreffen in Ungarn statt. Solche Jugendreffen sind besonders wertvoll, weil sie dazu beitragen, Vorurteile und Ängste abzubauen auf der Basis des Glaubens an Jesus Christus. Ganz im Sinn einer Frage aus einem Bericht über die Tagung des Europäischen Rats der methodistischen Kirchen: "Ist mein Christentum stärker als mein Pass?".

Eindrücklich waren bisher auch die Andachten, welche durch die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Liturgie, durch Erika Stalcup gestaltet und geleitet wurden. Dabei bewegten sich die Delegierten in Gedanken in alle Himmelsrichtungen und sangen Lieder in den Sprachen der verschiedenen Ländern.

Die Exekutivtagung wird am Sonntag nach den Gottesdiensten in Wien und Linz enden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe

Freitag, 15. März 2024

Sterblich sein in Wien

Ein Zitat

Ausschnitt aus der Werbung für eine Kunstausstellung in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Die Ausstellung befasst sich mit dem unausweichlichsten Bestandteil jeder Existenz: 'Sterblich sein' spürt mittels Gegenüberstellung von Kunstwerken, die einen kulturhistorischen Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart spannen, der tiefen Bedeutung von Tod nicht nur im individuellen, sondern auch im kollektiven und gesellschaftspolitischen Kontext nach." Quelle: Webseite vom Dom Museum Wien

Ein Bibelvers - 2. Korinther 5,1+2

"Wir wissen ja: Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden. Dann erhalten wir von Gott ein neues Zuhause. Dieses Bauwerk ist nicht von Menschenhand gemacht und wird für immer im Himmel bleiben. Darum seufzen wir und sehnen uns danach, von dieser himmlischen Behausung gewissermaßen umhüllt zu werden."

Eine Anregung

Wien ist nicht gerade die ewige Stadt. Dafür wird den Wienerinnen und Wienern einen morbiden Scharm nachgesagt. Das ist besonders auch im Umfeld des Stephansdom sichtbar.

Dass ich aber genau in der Zeit in dieser bemerkenswerten Stadt bin, in der Wien "sterblich" ist, ist schon etwas besonderes. Wie es mit den Wienerinnen und Wienern nach dem 25. August weitergehen soll, weiss ich nicht. Wird dann die österreichische Metropole unsterblich? 

Bei einer Führung durch die Katakomben unter dem Dom und der Stadt durfte ich nicht fotografieren. Dabei ist mir aber bewusst geworden, wie nahe sich die Verstorbenen und Lebenden an diesem Ort in räumlicher Hinsicht sind. Selbst Pesttote wurden unter dem Stephansplatz in unterirdischen Kammern notfallmässig beigesetzt. 

Um den morbiden Charme von Wien zu demonstrieren dient mir nun halt dieser Bild-Ausschnitt der Werbung für eine Ausstellung im "Dom Museum Wien".

Doch nun wende ich mich in der Exekutivsitzung der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa wieder den Lebenden zu und freue mich an der vitalen internationalen Vielfalt in unserer Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe

Donnerstag, 14. März 2024

Es geht noch schneller

Ein Zitat

Anzeige im Railjet Express auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke vor Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - Psalm 90,4

"Denn tausend Jahre vergehen vor deinen [Gottes] Augen, als wäre es gestern gewesen. Sie gehen so schnell vorbei wie eine Nachtwache."

Eine Anregung

Da rase ich mit 240 Sachen auf Wien zu, und kein Mensch im Zug nimmt davon gross Notiz. Natürlich weiss ich, dass es auf Schiene und Strasse noch viel schneller geht. Aber auf Schiene scheint es mir, als wären 240 Stundenkilometer noch gar nichts, während es mir früher auf der Autobahn mit dem Mini Cooper meiner Mutter schon bei 150 Angst und Bange wurde. Geschwindigkeit ist relativ. Geschwindigkeit ergibt sich aus der Bewegung, die über eine genau definierte Zeit erfolgt. Sobald ich mich aber in gleicher Geschwindigkeit parallel zum Zug oder sogar innerhalb desselben bewege, erscheint es, als gäbe es keine Geschwindigkeit und kaum Bewegung. Ich darf dabei einfach nicht aus dem Fenster schauen, da dann wird das Tempo doch wieder sichtbar, wenn auch noch immer nicht gross spürbar.

Von der Relativität der Zeitwahrnehmung wusste man schon, als die biblischen Psalmen geschrieben wurden. Dabei wurde allein Gott die Möglichkeit zugesprochen, etwas zu tun, was viele Menschen möchten, nämlich die Zeit vor- und eben auch zurückspulen zu können.

Bis ich dann von Wien aus wieder mit 240 Stundenkilometern Richtung Schweiz rattern werde, bewege ich mich etwas gemächlicher in der Zeit und mit der Zeit. Mal schauen, ob der Stephansdom noch immer am selben Ort steht und was die Zeit an ihm mit welcher Geschwindigkeit und Intensität weitergenagt hat (als würde die Zeit nagen).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe

Mittwoch, 13. März 2024

Shoes off

Ein Zitat

Flanell-Sonntagschulbild zur Geschichte von der biblischen Ruth.
Foto © Jörg Niederer
"Das Team ist Spitze, sehr professionell und doch kommt der Spass nie zu kurz. Ich kann es kaum erwarten, unsere harte Arbeit auf der Bühne zu präsentieren." Natascha Osterwalder, Schauspielerin

Ein Bibelvers - Ruth 4,7+8

"Eine solche Lösung, verbunden mit einem Besitzwechsel, wurde damals in Israel so bestätigt: Einer der Partner zog seine Sandale aus und gab sie dem anderen. Damit war der Handel in Israel rechtskräftig. Der andere Löser sagte also zu Boas: 'Kauf du das Land für dich!' Dann zog er seine Sandale aus."

Eine Anregung

Weit zurück, etwa vor 3400 Jahren, da fand ein Handel statt, der mit einem Schuh bestätigt wurde. Es ging um Ruth, eine moabitische Witwe, welche auf eigenartige Weise zur Ahnfrau vom König David und Jesus wurde.

Ausgehend von dieser archaischen Geschichte entstand ein Musical, das an den letzten beiden Wochenenden vor ausverkauftem Haus in St. Gallen aufgeführt wurde. Für die Aufführungen zeichnet die Evangelische Allianz St. Gallen verantwortlich. "Shoes off" spielt in den 30er Jahren mitten in der grossen Wirtschaftskrise Amerikas. Die Familie Brown verliert dabei ihr Hab und Gut. Deshalb verlassen sie La Crosse in Wisconsin am Mississippi-River. Ein Schicksalsschlag zwingt die Familie jedoch zur Rückkehr in ihre Heimat.

Wer das eindrückliche Theatererlebnis verpasst hat, kann es jetzt auf Youtube anschauen. Es lohnt sich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe

Dienstag, 12. März 2024

Wohin geht die Reise?

Ein Zitat

Alle sind ausgestiegen. Nun kann der Zug in Wil weggestellt werden.
Foto © Jörg Niederer
"Bitte alle aussteigen. Dieser Zug endet hier." Zugsdurchsage in der Schweiz

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 9,3

"Auf dem Weg nach Damaskus, kurz vor der Stadt, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel."

Eine Anregung

Wenn im Zug die Durchsage kommt: "Bitte alle aussteigen. Dieser Zug wird weggestellt", frage ich mich jeweils: Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist. Dann hätte ich Lust, einfach einmal sitzen zu bleiben, oder mich zu verstecken, falls der Zugbegleiter oder die Zugbegleiterin noch einen Kontrollgang macht. Ich stelle mir vor, wie sich der Zug langsam in Bewegung setzt und mit mir eine Reise ins Ungewisse antritt. Besonders abenteuerlich mag das sein, wenn dies spätabends geschieht, im sogenannt letzten Zug des Tages. Dann könnte es ja sein, dass die Komposition noch an den Ausgangsbahnhof gefahren wird, oder zur Reinigung in die Zugwaschstrasse. Dort allerdings würde es für den "blinden Passagier" eine echte Herausforderung, nicht entdeckt zu werden. (Nebenbei, warum heisst das eigentlich "Blinder Passagier"? Müsste es nicht "Unsichtbarer Passagier" heissen?)

Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist? Wir schliessen immer wieder Stationen des Lebens ab. Wohin geht die Reise, wenn die Primarschulzeit zu Ende ist? Wohin, wenn die Matura bestanden ist? Wie geht es weiter, nach dem Berufsabschluss, dem Unistudium, dem Singledasein? Wohin geht die Reise, wenn die Kinder ausgeflogen sind? Wohin nach einer Kündigung?

Wohin geht die Reise, wenn die Reise zu Ende ist? Besonders am Ende des Erwerbslebens stellt sich angesichts des Ruhestands diese Frage. Heisst es dann: "Bitte alle aussteigen. Dieser Lebenszug wird weggestellt?" Wenn es soweit sein wird, dann werde ich nicht aussteigen, sondern weiter mitfahren, selbst auf ein Abstellgeleise. Ich will sehen, wohin die Reise geht, wenn die Reise zu Ende ist. Das wird bestimmt noch einmal spannend.

Allen, die in diesen Tagen eine neue Reise antreten, wünsche ich, dass euch Neugier und Hoffnung begleite, und dass ihr getragen seid von Gottes nie endender Zuwendung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe


Montag, 11. März 2024

Menhir oder Hinkelstein?

Ein Zitat

Drei erratische Blöcke bilden den Erdmannlistein im Wald bei Bremgarten.
Foto © Jörg Niederer
"Vielleicht schaut hinter der nächsten Biegung doch noch ein Erdmännli hervor?" Ulrike Matter in Natura Helvetica Nr. 59

Ein Bibelvers - 1. Mose 31,45+46

"Da nahm Jakob einen Stein und stellte ihn als Kultstein auf. Dann sagte er zu den Männern aus seiner Familie: Sammelt Steine!' Sie hoben Steine auf und errichteten daraus einen Hügel. Dann assen sie auf dem Steinhügel."

Eine Anregung

Gerade habe ich gelesen, warum man bei uns und bei Obelix die länglichen Steine, die der Gallier so bei sich herumträgt und herstellt, also die Menhire, auch "Hinkelstein" nennt. Die Erklärung dazu ist mir in einem Artikel zum Erdmannlistein bei Wohlen und der dortigen, von Eiszeitgletschern massgeblich gebildeten Landschaft, begegnet. Da heisst es im Artikel "Dichtung und Wahrheit - der Erdmannlistein zwischen Bremgarten und Wohlen" in der Zeitschrift Natura Helvetica Nr. 59: "Das Wort 'Menhir' stammt aus dem Bretonischen und bedeutet so viel wie 'langer Stein'. Im Original der Asterix Saga trägt Obelix demnach Menhire. Dass er auf Deutsch Hinkelsteine austrägt, hat mutmasslich etwas mit mündlichen Überlieferungen zu tun. da wurde wohl aus einem Hühnenstein ein Hühnerstein und da das Huhn im Mittelhochdeutschen und hie und da auch heute noch in deutschen Dialekten Hinkel heisst, hiess der 'lange Stein' eben irgendwann Hinkelstein."

Warum aber heisst Obelix 'Obelix'? Ein Obelisk hat Ähnlichkeiten mit einem Hinkelstein, ist er doch auch ein länglicher, aufgerichteter Felsklotz, der aber in Speerform bearbeitet ist. Bratspiesse wurden bei den alten Griechen so bezeichnet. Da denkt man doch sofort an den Heisshunger von Obelix auf am Spiess gebratenen Wildschweinen. Aber vielleicht ist auch die Verwandtschaft des aufrecht stehenden Obelisken mit dem ebenfalls von Menschen aufgerichteten Menhir Grund für Obelix' Benennung. Jedenfalls gleicht er in seiner Körperform eher einem Hinkelstein denn einem schlanken Speerspiess.

Was aus christlich-jüdischer Sicht gesagt werden kann: Als das Volk Israel in Ägypten war, lernte es bestimmt die Obelisken kennen. Und noch früher begegneten Abraham, Sarah, Jakob und Rebekka auch den Menhiren. Jakob selbst soll sogar mehrere Hinkelsteine aufgerichtet haben. Und wer weiss, vielleicht mussten seine Nachkommen in Ägypten auch Obeliske für den Pharao zuhauen, transportieren und aufrichten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 10. März 2024

Hektik oder Gelassenheit

Ein Zitat

Osterglocken in einem Garten in Ossingen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich rede von Martin Luthers Satz: 'Bete, als ob alles Arbeiten nichts nützt, und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt.' Eigentlich soll dieser Satz ja motivieren – zu Gebet und Arbeit gleichermaßen. Aber für mich liest er sich, je länger desto mehr, wie das Lebenskonzept einer frommen schwäbischen Hausfrau auf dem direkten Weg in den Burnout." Elisabeth Vollmer, Religionspädagogin

Ein Bibelvers - Lukas 10,41

"Aber der Herr antwortete: 'Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles.'"

Eine Anregung

Gerade noch war der internationale Frauentag. Da ist es üblich, dass auch in den Gottesdiensten Frauen im Zentrum stehen. In der heutigen Predigt sind es Martha und Maria. Kann ein "alter, weisser Mann" darüber nachdenken, ohne eine Klischee-Schleuder zu werden? Versuchen werde ich es. Ob es gelingen wird, kann ich nicht selbst entscheiden.

Der Gottesdienst dazu findet in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 statt. Wer dabei sein will, ist um 10.15 vor Ort herzlich eingeladen. Die Predigt kann ab ca. 10.30 Uhr auch via Youtube mitverfolgt werden. Reaktionen sind erwünscht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 9. März 2024

Ende Logik

Ein Zitat

Auf der kurzen, knapp 200m lange Quartier-Stichstrasse darf wieder mit 50 Stundenkilometer gefahren werden.
Foto © Jörg Niederer
"Ich glaube, dass jeder Autorennfahrer einmal zur Vernunft kommen muss, um mit diesem pubertären Sport aufzuhören." Niki Lauda (1949-2019)

Ein Bibelvers - 1. Samuel 25,3a

"Der Mann hieß Nabal und seine Frau Abigajil. Sie war eine kluge und sehr gut aussehende Frau."

Eine Anregung

Zwei grössere Baustellen führen aktuell dazu, dass der Verkehr auf der Strasse vor unserer Wohnung um das drei- bis vierfache zugenommen hat. Seit dieser Woche gilt nun zwischen den Wohnhäusern statt 50 km/h innerorts Tempo-30 auf dieser relativ gut ausgebauten Strasse. Das macht Sinn, ist sie doch auch der Schulweg zum Schulhaus Oberwiesen.

Nun kommt es zur paradoxen Situation, dass sowohl auf den von der Baustellenumfahrungsstrasse abzweigenden Strassen am Schulhaus vorbei und in den kurzen Sackgassen-Stichstrassen zu den Wohngebäuden Tempo 30 wieder aufgehoben ist. Auf einer knapp 200 Meter lange und dafür nicht geeigneten Sackgasse könnte man also wieder auf 50 km/h beschleunigen, genauso wie am Schulhaus vorbei.

Dass man mich nicht falsch verstehe: Tempo 30 auf der aktuellen Baustellenumfahrung vor unserer Wohnung macht durchaus Sinn. Aber warum soll man auf den viel stärker von Fussgängerinnen und Kinder begangenen, deutlich schmaleren Quartierstrassen deutlich schneller fahren dürfen? Diese Logik hat sich mir noch nie erschlossen.

Die Fähigkeit zu vernünftigem Denken wird immer wieder als typisch menschliche Eigenschaft beschrieben. Meine Vernunft sagt mir: Daran darf gezweifelt werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 8. März 2024

Tanzende Bäume

Ein Zitat

Ein drehwüchsiger Birnbaum in Gerlikon bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein krummer Baum lebt sein Leben. Ein gerader Baum wird ein Brett." Chinesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 31,13

"Dann werden die Mädchen vor Freude tanzen, Jung und Alt werden miteinander lachen. Ich werde ihre Trauer in Freude verwandeln. Ich werde sie trösten und sie von ihrem Kummer befreien."

Eine Anregung

Es sieht aus, als würden sich viele Bäume im Verlauf ihres Lebens ganz langsam um die eigene Achse drehen. Sie Tanzen im Kreis, um ihren eigenen Mittelpunkt. Sie tun dies nach links und nach rechts. Sie schrauben sich in den Himmel. An Rotbuchen und Kastanien kann das beobachtet werden, aber auch an Birn- und Apfelbäumen. Der Drall im Holz, man nennt ihn in der Fachsprache "Drehwuchs". Es scheint, als wäre er einerseits genetisch bedingt. Nachwuchs von drehwüchsigen Bäumen werden überdurchschnittlich oft auch drehwüchsig. Aber andererseits auch Hanglagen und anderes Standortgegebenheiten verstärken den Drehwuchs.

Dieser Pirouettenwuchs kommt daher, dass die Holzfasern schräg zur Vertikalen um den Holzmittelpunkt herum wachsen. Das erhöht die Stabilität und Bruchfestigkeit der Bäume. Flexibel wie Spiralfedern können sie dem Sturmdruck des Winds besser nachgeben.

Den Dreh behält das Holz auch, wenn es später bearbeitet wird. Das kann man in alten Gebäuden beobachten. Die vielhundertjährigen Balken haben sich über die Zeit oft weiter gebogen und verzogen. Die Bäume tanzen über den Tod hinaus. Sie tanzen, so könnte man sagen, in den Himmel hinein, auch wenn dieser für den Baum oft schon auf Höhe eines Hausgiebels erreicht ist.

In der Holzwirtschaft mag man die Tänzerinnen unter den Bäumen nicht. Mittels Auslese wurden daher vor allem geradewachsende Bäume vermehrt. Was für den Holzbau gut ist, ist bei Sturm ein Problem. Bäume die nicht tanzen fallen schneller hin.

Auch bei Menschen erhöht der Tanz die Standfestigkeit und Koordination. Und auch die Vorstellung, dass wir in den Himmel hineintanzen, findet seinen Niederschlag, etwa im Totentanz zu Basel. (Siehe Blog vom 21. September 2023!) So könnte man also sagen: Tanzen bringt dich im Leben weiter!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 7. März 2024

Die Stärkere

Ein Zitat

Eine energisch bettelnde Graugans auf dem Waldweiher Inner Cholmoos bei Bremgarten.
Foto © Jörg Niederer
"Wer die andern neben sich klein macht, ist nie gross." Johann Gottfried Seume (1763-1810)

Ein Bibelvers - Lukas 18,4-5a

"Lange Zeit wollte sich der Richter nicht darum kümmern. Doch dann sagte er sich: 'Ich habe zwar keine Achtung vor Gott und ich nehme auf keinen Menschen Rücksicht. Aber diese Witwe ist mir lästig'."

Eine Anregung

Früher haben wir Quartett gespielt. Ein Satz mit Karten, auf denen Bilder von z.B. Militärpanzern oder Sportwagen oder Tieren abgebildet waren, wurde auf zwei oder mehr Personen verteilt. Dann versuchte einer einen aufgeführten Wert (z.B. das Gewicht des Panzers oder Tiers) von der oben aufliegenden Karte zu nennen, der höher war als die entsprechenden Werte auf den Karten der Mitspielenden. Wer den höchsten Wert in der Spielrunde hatte, bekam die jeweiligen Karte aller andern. Ziel war es, so den ganzen Stapel an Spielkarten zu erobern. 

Die Grösste, der Stärkste, die Schnellste... Da las ich unlängst, wie jemand sich fragte, ob nun der Respekt einem Schwan oder einer Gans gegenüber angebrachter sei. Beides sind Gänsevögel und bringen ein erhebliches Gewicht auf die Waage. Bei der Graugans sind es bis 3,7 kg, beim Höckerschwan bis 12 kg. Die Sache scheint klar. Der Schwan gewinnt im Quartett der Vögel.

Davon wusste aber die Graugans nichts, die uns am Waldweiher "Inner Cholmoos" unweit vom der Findlingsgruppe Erdmannlistein auf die Pelle rückte, als wir dort einen Picknickhalt einlegten. Mit Bestimmtheit forderte sie ihren Anteil, wobei sie neben sich keine Konkurrenz duldete, immer wieder andere sich nähernde Vogelpaare vertrieb, ja selbst dem eigenen Partner oder der Partnerin keinen Bissen gönnte. Kam hinzu, dass der allzu zutrauliche Vogel uns immer wieder anfauchte, just dann, wenn er von uns etwas erhielt. Dieweil verursachten die verschiedenen Grauganspaare bei Abstecken ihrer Brutreviere einen gespenstischen Hitchcock-Soundtrack.

Ich bin sicher, die Graugans hätte auch jeden Höckerschwan vertrieben. Selbst vor einem anwesenden grossen Jagdhund wich der Vogel keinen Schritt zurück.

Wieviel daran nun Bluff war, und wie viel wahre Stärke, weiss ich nicht. Ich wollte es auch nicht ausprobieren. Die Gans kam mir ein bisschen so vor, wie die Witwe in einem Gleichnis, das Jesus erzählte (Lukas 18,1-8). Das handelt von einem wohl korrupten Richter, der alle Macht auf seiner Seite hatte, und doch einer Witwe nachgab, weil diese ihn hartnäckig immer wieder aufsuchte und ihr Recht einforderte. Aus der Begründung seines Nachgeben: "Sonst verpasst sie [die Witwe] mir am Ende noch einen Schlag ins Gesicht", höre ich beim Richter eine gewisse Ironie heraus. Die Frau war lästig. Sie spielte ihre Stärke in einer Weise aus, dass der Stärkere nachgeben musste und wollte.

Auch bei der Gans habe ich mir gesagt: Man weiss ja nicht, am Ende zwickt sie mich noch ins Bein, wenn ich ihr nicht gebe, was sie will. In diesem Quartett-Spielzug des Lebens hat eindeutig die Gans gewonnen und mir Respekt abverlangt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 6. März 2024

Eistaufe, Lobpreis und Naturerfahrung

Ein Zitat

Familienausflug auf den Gemmipass.
Foto © Jörg Niederer
"In einer Zeit, in der Kirchen einen schweren Stand haben und mit schrumpfenden Zahlen zu kämpfen haben, ist die Aufnahme von achtzehn Personen etwas ganz Besonderes!" Bischof Harald Rückert anlässlich des Festgottesdienstes im Februar 2024 in Rosenheim.

Ein Bibelvers - Psalm 11,2+3

"Groß sind die Taten des Herrn. Alle, die sie lieben, erkunden sie gern. Pracht und Schönheit umgeben sein Tun, und seine Gerechtigkeit steht fest für immer."

Eine Anregung

Erst zweieinhalb Jahre liegt die Gründung einer methodistischen Gemeinde in Rosenheim zurück. Im aus einer Fernseh-Krimiserie bekannten, etwa 60 Kilometer südöstlich von München gelegenen Ort entstand unter der Leitung des Ehepaars Simon und Deborah Kurfess sowie Lea Schmidt eine Gemeinde, in der die Natur Teil des gottesdienstliche Erlebens ist. Gegenüber "Unterwegs", der Zeitschrift der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, äusserte sich Simon Kurfess: "Wir beziehen verstärkt die Natur als Gottes wunderbare Schöpfung in unsere Arbeit mit ein." Dazu gehörten Gottesdienste am Seeufer oder am Gipfelkreuz, aber auch "Outdoor-Abendmahl" wurde angeboten. Weiter heisst es in Unterwegs: "Das englische Motto 'The Church has left the Building' – die Kirche verlässt ihr Gebäude – wirke so stark, dass die Mitwirkenden davon zutiefst überzeugt seien. 'Wir wollen Kirche sein, wo die Menschen sind', sagt der 34-jährige Pastor. Deborah, seine Ehefrau, pausiert aktuell in ihrem Beruf als Hebamme, 'um sich auf andere Weise als Geburtshelferin aktiv in der Aufbauarbeit mit einbringen zu können'." 

Die erste Taufe fand denn auch Outdoor im Happinger See statt. Wohlgemerkt im Dezember in 4 Grad kaltem Wasser. Zugut kommt dieser Form der Gemeindearbeit sicher auch, dass Simon Kurfess ausgebildeter Bergwanderführer ist.

Im Februar dieses Jahres konnten an einem mit rund 100 Menschen gut besuchten Gottesdienst gleich 18 Personen neu in die Kirchengliedschaft aufgenommen werden.

Die innovative Gemeindearbeit im bayrischen Alpenvorland wird intensiv unterstützt durch die Theologische Hochschule Reutlingen. Dabei ist die dort mögliche duale Ausbildung hilfreich, bei der ein Student zugleich auch schon als Pfarrer in einer Gemeindegründungsarbeit eingesetzt werden kann. Laut Kurfess ist dies ein "Schlüsselelement", das die Rosenheimer Methodistengemeinde möglich gemacht hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 5. März 2024

Wärme

Ein Zitat

Frauenskulptur mit rotem Halstuch und Strumpf in einem Garten in Wohlen AG.
Foto © Jörg Niederer
"Den Kopf halt' kühl, die Füße warm, / das macht den besten Doktor arm." Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Könige 1,1

"König David war sehr alt geworden. Obwohl man ihn mit Decken zudeckte, wurde ihm im Bett nicht mehr warm."

Eine Anregung

Die aus Stein gehauene Frauengestalt sitzt im Garten und ist lediglich mit einem roten Halstuch und einem roten Strumpf bekleidet. Die Strickwaren gehörten wohl nicht zum Konzept der Künstlerin oder des Künstlers. Auch bringen sie der steinernen Lady nur wenig Wärme. Das weiss wohl auch die Person, welche sie derart bekleidet hat. 

Möchte ich da sitzen wie diese Statue, lebendig und atmend, bekleidet lediglich mit Halstuch und Strumpf. Wohl eher nicht. Das wäre mir sehr unangenehm. Mich regt die Statue aber an, über Wärme nachzudenken.

Was führt dazu, dass es mir warm ums Herz wird? Was löst bei mir ein Frösteln aus? Hat die Aussentemperatur Einfluss auf mein inneres Wohlbefinden? Wie viele Halstücher habe ich? Wie viele Halstücher habe ich schon verloren? Wann habe ich mir das letzte Mal nasse Strümpfe geholt? Freue ich mich auf die warme Jahreszeit? Bin ich eher kalt- oder warmfüssig unterwegs? Von wem oder was lasse ich mich gerne erwärmen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. März 2024

Friede, Freiheit, Fussball

Ein Zitat

Der FC Winterthur wird von vielen treuen, langjährigen Fussballfans unterstützt. So wie hier an einem Super League Match gegen Yverdon Sport FC vom 3. März 2024.
Foto © Jörg Niederer
"Wir wollen Fussball für das Volk." Andreas Mösli - Mitglied der Geschäftsleitung FC Winterthur

Ein Bibelvers - 2. Mose 17,11

"Solange Mose die Hand hochhielt, war Israel stärker. Sobald er aber die Hand sinken liess, waren die Amalekiter stärker."

Eine Anregung

Nun also ist es geschehen. Ich war einer von etwa 8000 Fans, welche auf der Schützenwiese in Winterthur das Super-League-Fussballspiel FC Winterthur gegen Yverdon Sport FC gesehen haben. Das kam so: Nach meinem Blogbeitrag vom 1. März schreib mir ein alter Bekannter. Fredy Künzler, er sponsert den FC Winterthur mit seinem Unternehmen Init7, meinte zu meiner aus Kindheit stammenden Erfahrung eines langweiligen Fussballspiels: "Geht ja gar nicht!". Er lud mich kurzerhand ein zum sonntagabendlichen Fussballplausch auf die Schützenwiese Winterthur. So erstand ich mir also beim Fanshop ein Fanhalstuch und stand dann bald etwas verloren in der Bierkurve. Da, zwischen rauchenden und biertrinkenden Männern erlebte ich drei Tore, eines davon auf der falschen Seite und bewunderte die Choreografie und Gesänge der charismatischsten Fans, die, angefeuert von einem Einheizer mit Megaphon so richtig Gas gegeben hatten.

Nun könnte ich natürlich den pseudoreligiösen Charakter der Fussballszene herausstreichen. Darüber ist schon viel geschrieben worden. Tatsächlich hatte es einen missionarischen Charakter, mit wie viel Herzblut mir der Fussball in der Schützenwiese erklärt, mit wie viel Begeisterung und Enthusiasmus ich durch das Stadion geführt wurde. Zweimal wurde "Schützenwiese, Schützenwiese" gesungen. Kurioser Weise das Lied, das angestimmt wird, wenn der FC Winterthur ein Tor schiesst. Das Spiel ging 2 zu 1 aus, fast alle waren glücklich (nur die 30 Fans nicht, die im Gästesektor sich für Yverdon die Kehlen heisser gesungen hatten). Entsprechend gute Stimmung herrschte dann auch beim anschliessenden Kirchenkaffee - äh nein, das heisst hier Fan-Kultur in der Liberobar. Kaffee hat da niemand getrunken. Was es aber im Stadion gibt, ist eine Sirupkurve. So nennt sich der Abschnitt, in dem die Kinder ihren sicheren Ort während des Fussballspiels haben. Sozusagen die Sonntagschule im Fussballstadion. Aber der Verein tut noch mehr für Integration und die Gesellschaft. Auf der Webseite des FC Winterthur erfahre ich, dass es etwa mit dem FC Winterthur Brühlgut ein Team für Menschen mit Beeinträchtigung gibt. Der Club ist weiter beim Flüchtlingsturnier "Kick ohne Grenzen" dabei, genauso wie beim Turnier für Menschen mit einer Beeinträchtigung "Goal für alle".

Nun. Langweilig war der Stadionbesuch definitiv nicht. Wobei ich mir noch nicht im Klaren bin, was nun spannender war: Das Fussballspiel oder das Drumherum. Was mich zur abschliessenden Frage bring: Wie wichtig ist das Drumherum in der Kirche?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 3. März 2024

(Gottes) Nähe

Ein Zitat

Eine Versammlung von Lindenwanzen (Oxycarenus lavaterae) an einem Baum in Wohlen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Welt wird immer kleiner. Nur die Abstände zwischen uns wachsen weiter." Ernst Ferstl (*1955) Schriftsteller

Ein Bibelvers - Matthäus 28,20b

Jesus: "Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Eine Anregung

Erst zuhause erkannte ich, dass ich keine Pflanzen fotografiert hatte, sondern Flechten und Lindenwanzen. Die bis 6 Millimeter langen Tierchen sind für Menschen und Pflanzen ungefährlich. Im Mittelland sind sie erst seit 2005 heimisch. Aufgefallen sind sie wegen ihres massenhaften Auftretens. Offensichtlich rücken die Tierchen in der kalten Jahreszeit nahe zusammen. So geben sie sich warm. Zugleich saugen sie an der Linde oder Malve, ohne die Pflanzen zu schädigen. 

Ich möchte nicht in dieser intensiven Nähe mit anderen verbringen. Dabei wäre es mir nicht wohl. 

Die Aufnahme vom Samstag passt ganz gut zur Fragestellung der heutigen Predigt: Wie nahe ist uns Gott? Wie nahe soll er uns kommen? Wie nahe kommen wir einander? Die Predigt kann jeweils ab Sonntag schriftlich bezogen werden. 

Um 10.15 Uhr beginnt der Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen. An der Kapellenstrasse 6 findet auch die Sonntagschule statt. Sie beginnt schon um 09.40 Uhr. Kinder von 4-12 Jahren sind herzlich willkommen, genauso wie alle, die wieder einmal unverbindlich an einem Gottesdienst teilnehmen möchten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Samstag, 2. März 2024

Nazaret

Ein Zitat

Der extrem Schlanke Kirchturm der Église Sainte-Thérèse-de l'Enfant-Jésus in Metz, Frankreich.
Foto © Jörg Niederer
"Der gute Ruf geht weit, aber der schlimme geht noch viel weiter." Redensart aus Serbien

Ein Bibelvers - Johannes 1,46

"Da fragte ihn Natanael: 'Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?' Philippus antwortete: 'Komm und sieh selbst!'"

Eine Anregung

Nazaret hatte zur Zeit von Jesus einen schlechten Ruf. Natanael disqualifizierte es wie wohl viele damals mit einer Frage: "Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?".

Nun könnte man sagen, dass die Kirchen heute einen ähnlichen schlechten Ruf haben, wie Nazaret damals. So manche Frau, mancher Mann fragt sich: "Kann von den Kirchen etwas Gutes kommen?"

Der Philippus von heute antwortet: "Komm und sieh selbst!".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 1. März 2024

Fussballfan

Ein Zitat

Ein Fan des FC St.Gallen 1879 spaziert in Begleitung und kostümiert über den Gallusplatz in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden." Franz Beckenbauer (1945-2024) über den WM-Finale 1990

Ein Bibelvers - Jesaja 3,18-23

"Dann nimmt der Herr ihnen allen Schmuck weg: die Fußkettchen, die sonnen- und mondförmigen Anhänger, die Ohrringe, Armreife und Schleier, die Stirnbänder, Fußspangen und Gürtel, die Parfümfläschchen und Amulette, die Fingerringe und Nasenreife, die Festkleider und Umhänge, die Tücher und Täschchen, die Spiegel und Hemdchen, die Schals und Kopftücher."

Eine Anregung

Ich war in meinem Leben genau einmal an einem Fussballmatch. Mit meinem Grossvater. Ein Spiel in Olten. Es war langweilig. Und doch bin ich ein Fussballfan.

Seit ich in St. Gallen wirke, bin ich Fan vom FC St. Gallen 1879. Aber ich bin auch ein Fan vom FC Winterthur, weil ich dort Leute kenne und generell Aufsteiger mag (wenigstens im Sport). Und ganz selten bin ich auch Fan des FC Sion, aber nur, wenn diese Mannschaft der Underdog ist, und wie gestern den BSC Young Boys aus dem Cup wirft. Bei Young Boys bin ich auch Fan von Cedric Itten, weil er mal richtig gut Fussball gespielt hat in St. Gallen. Kein Fan bin ich von seiner aktuellen Frisur. Da könnte er sich noch verbessern. Auch kein Fan bin ich von Pyros und dem rituellen und gehässigen Ausschimpfen der unterlegenen eigenen Mannschaft nach dem Spiel. Das wirkt so, als habe der "Gott" der Fussballfans versagt. Folglich wird er verflucht was das Zeug hält bis er wieder geflickt ist und funktioniert wie man will, also siegreich. Oder der Sündenbock "Trainer" wird in die Wüste geschickt, wo er nach einiger Zeit ganz zufällig auf einen anderen grossen Fussballklub trifft, und dort zum Heiligen hochstilisiert wird. So schnell wird man von einem Bock zum Gärtner.

Also ich bin ein Fussballfan. Aber halt total unfanatisch. Fan gutbürgerlich. Ein Fernsehsessel-Fussballfan. So wie es viele Menschen heute mit der Kirche halten. Irgendwie noch Fan, aber nur von weitem.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen