Samstag, 20. Januar 2024

Im Zentrum der Macht

Ein Zitat

Seit 100 Jahren steht das United Methodist Building als einziges Nichtregierungsgebäude auf dem Capitol Hill in Washington DC.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist ein Tag, an dem wir uns erneut verpflichten, das Werk zu vollenden, das Martin Luther King nicht vollendet hat." Coretta Scott King am 19. Oktober 1983 bei einer Rede im United Methodist Building

Ein Bibelvers - Kolosser 3,23+24

"Was immer ihr tut, das tut von Herzen. Tut es für den Herrn und nicht für die Menschen."

Eine Anregung

In Stein gehauen steht über dem Eingang zum United Methodist Building die Zahl 100. Nur einmal erreicht ein Gebäude das Alter seiner Hausnummer. 1923 begannen die Bauarbeiten in direkter Nachbarschaft zum Capitol in Washington DC. 1924 wurde das fünfstöckige Haus vollendet und seinem Zweck zugeführt.

Das United Methodist Building ist ein Unikat. Es ist das einzige Nichtregierungsgebäude auf dem Capitol Hill. In weiterer Nachbarschaft befindet sich der Supreme Court. Anfänglich wirkte von diesem Gebäude aus die Abstinenzbewegung der Methodistenkirche. Heute findet sich darin das General Board of Church and Society. Von seinen Räumen gingen unzählige Demonstrationen und Vorstösse aus. Im Kapellenraum hielt am 19. Oktober 1983 Coretta Scott King, die Witwe des ermordeten Martin Luther Kings eine wegleitende Rede. Von hier aus wird auf der Basis des christlichen Glaubens politisch und ethisch gehandelt und die Kirche in ihrem Wirken unterstützt. 

Anlässlich des Jubiläums wurde ein Film gedreht über das United Methodist Building und seine Bedeutung für die weltweite Kirche. Er ist in einfachem Englisch gehalten. Viele der Menschen, die darin zu Wort kommen, kenne ich aus der Zeit, als ich als europäischer Vertreter regelmässig an den Tagungen des zuständigen Aufsichtsorgans dabei sein durfte.

Schön, dass es dieses Haus gibt und die Arbeit, die darin getan wird!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 19. Januar 2024

Es war magisch

Ein Zitat

Ein defekter Schirm als Installation auf einem Gehsteig in Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Magie ist keine Zauberei. Es sind die wundervollen Momente im Leben die uns geschenkt werden und uns magisch vorkommen." Sylar Wax (Produzent von Zaubertricks)

Ein Bibelvers - 2. Mose 9,23

"Mose reckte seinen Stab zum Himmel empor. Da ließ der Herr es donnern und hageln. Blitze fuhren auf die Erde, und der Herr ließ Hagel auf Ägypten fallen."

Eine Anregung

Von weitem sah es in der Dunkelheit aus, als würde ein zusammengeklappter Schirm mit dem Knauf nach unten wenige Zentimeter über dem Boden schweben. Von weitem nicht zu sehen waren die dünnen Drahtstreben, die den Schirm in dieser Position hielten. Mit jedem Schritt auf die Installation zu schwand aber dieser magisch wirkende Eindruck und machte der schnöden Realität Platz. Beim schwebenden Schirm handelte es sich nicht um Harry-Potter-Zauberei, sondern lediglich um Littering. Am Abend hing dann der defekte Schirm in der Hecke. Nur noch Abfall, ganz sicher nicht mehr Kunst.

Schade, schwebend hat er mir besser gefallen. Die Wirklichkeit ist halt oft banaler, schnöder, langweiliger, hässlicher. Soll ich mir da nicht die Illusion erhalten, statt den Dingen auf den Grund gehen? Mir scheint, dass viele Verschwörungsgläubige genau das tun. Sie wollen nicht richtig hinsehen, weil das dazu führen würde, dass der Zauber des Besonderen schwindet.

Ich habe in meinem Leben erfahren, dass mit dem genauen Hinschauen und in der Folge der End-Täuschung beim vermeintlichen Wunder ein wirkliches Staunen folgt. Gerade auch in der Theologie und bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel habe ich meinen Glauben nicht verloren, sondern neu, tiefer und erfüllender gefunden. Es lohnt sich halt schon, den Kopf nicht in den Sand zu stecken (was übrigens auch Straussenvögel nie tun würden). Allein schon die Vorstellung vom Sand in Mund und Augen... 

Heute will ich mich verzaubern lassen von der wirklichen Welt. Das ist nicht sonderlich schwierig an diesem Tag, sieht doch der frische Schnee, der sich über alles gelegt hat, einfach magisch aus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 18. Januar 2024

Unbewusste Gefahren

Ein Zitat

Ein Stockentenpärchen schläft friedlich unter den über ihnen hängenden spitzen Eiszapfen.
Foto © Jörg Niederer
"Durch Zutrauen entsteht Leistung." Johannes Grützke (1937-2017), deutscher Maler und Grafiker

Ein Bibelvers - 1. Korinther 13,3

"Stellt euch vor: Ich verteile meinen gesamten Besitz. Oder ich bin sogar bereit, mich bei lebendigem Leib verbrennen zu lassen. Wenn ich keine Liebe habe, nützt mir das gar nichts."

Eine Anregung

Das Stockentenpärchen ist sich der über ihm drohenden Gefahr nicht bewusst. Die spitzen Eiszapfen könnten die Vögel ernsthaft verletzen. 

Auch Menschen sind sich oft alltäglicher Gefahren nicht bewusst. Manche dieser Gefahren kommen von falschen Erwartungen. Ansichten können verletzen; selbst wenn sie weitverbreitet geteilt werden.

Im Buch "Mit 50 Euro um die Welt" schreibt Christopher Schacht über eine Begegnung im Zen-Kloster. Im Gespräch mit einem Klosternovizen sagt dieser: "'Jeder muss selbst etwas tun, um weiterzukommen. Auch im Christentum geht es doch darum. Gutes tun, Gebote halten und so.'
'Das denken viele', stimmte ich ihm zu. 'Aber es ist tatsächlich ganz anders. Beim Christsein geht es nicht darum, Gutes zu tun oder Regeln zu erfüllen, sondern es geht zuallererst um eine Beziehung mit Gott. Und dadurch, dass er uns liebt, wächst in uns dann der Wunsch und auch die Kraft, Gutes zu tun. Ich bin sicher, dass nichts uns so sehr verändert wie Liebe. Und nichts schenkt uns so viel Frieden wie das Wissen, geliebt zu sein.'
Es folgte eine tiefe Stille. Meine Worte hallten in meinem eigenen Kopf noch etwas nach. Ich glaube wirklich, dass die tiefe Sehnsucht nach Liebe die Antriebsfeder für das meiste ist, was wir tun. Und dass wir sehr viel Zeit damit verbringen, uns Liebe und Anerkennung mit Leistung oder guter Performance verdienen zu wollen. Komisch, kaum einer denkt, dass man echte Liebe mit Geld kaufen kann. Warum dann mit Leistung?"

Die unbeachtete Gefahr: Mit Leistung Liebe kaufen zu wollen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 17. Januar 2024

Liebens- und Leidensgeschichten im Spitalalltag

Ein Zitat

Kunstvolles Kreuz in der Kapelle des Kantonsspitals St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn ich ganz jung gewesen wäre, hätte es mich überfordert. Diese Dichte. Wir haben bis zu drei Todesfälle pro Tag. Als ich als Spitalseelsorger begonnen habe, hatte ich in der ersten Woche schon so viele [Todesfälle], wie davor in 20 Jahren [im pastoralen Dienst]." Spitalseelsorger Sepp Koller im Fadegrad-Podcast

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

"Fadegrad, der Podcast, der fragt, warum Menschen tun, was sie tun und wie sie geworden sind, wer sie sind" thematisiert im neusten Beitrag die Spitalseelsorge am Kantonsspital St. Gallen. Dabei kommen der katholische Seelsorger Sepp Koller und die evangelische Seelsorgerin Maja Franziska Friedrich ausgiebig zu Wort. Letztere ist in methodistischen Kreisen keine Unbekannte, war sie doch längere Zeit selbst als Pfarrerin in der Evangelisch-methodistischen Kirche der Schweiz tätig.

Gastgeberin Ines Schaberger gelingt es gut, mit den beiden Pfarrpersonen den Geheimnissen und Anforderungen der Spitalseelsorge auf die Spur zu kommen. So erfährt man, was es mit den Liebeserklärungen am Sterbebett auf sich hat, wie man auf nicht ganz legalem Weg zu dieser Aufgabe kommt, warum die Spitalkapelle etwas Besonderes ist, welche Segensworte am Sterbebett gesprochen werden und vieles mehr. 

Hier geht es zu diesem anregenden Podcast.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 16. Januar 2024

Kristallisationsenthalpie

Ein Zitat

Ein in Eis eingefrorene Heckenpflanze am Bodenseeufer bei Romanshorn.
Foto © Jörg Niederer
"Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen. / Möge der weiche Wind deinen Geist beleben. / Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten. / Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen. / Und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe." Irischer Segen

Ein Bibelvers - 1. Petrus 4,8

"Haltet vor allem mit Ausdauer an der Liebe zueinander fest! Denn die Liebe deckt viele Sünden zu."

Eine Anregung

Man glaubt es kaum, aber Pflanzen, in Eis eingefroren, haben es wärmer, als wenn sie an der Luft den Minusgraden trotzen müssten. Das liegt an der Kristallisationsenthalpie (Enthalpie kommt von einem altgriechischen Wort, das "darin erwärmen" bedeutet). Damit ist eine physikalischer Vorgang bezeichnet, der auftritt, wenn ein Stoff ohne die Temperatur in einen anderen Aggregatzustand übergeht. Also etwa dann, wenn Wasser zu Eis gefriert während es sich dabei ausdehnen kann. Bei diesem Prozess wird Wärme abgegeben. Diese Wärme hält nun die eingefrorenen Pflanzenteile konstant bei 0 Grad Celsius, auch wenn die umgebende Lufttemperatur viel kälter ist. So werden etwa im Obstbau die empfindlichen Blüten vor Frost geschützt.

Pflanzen im Eismantel sehen zauberhaft schön aus. Wie Kristalle mit Innenleben. Ein weiteres kleines Wunder der schöpferischen Fürsorge Gottes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. Januar 2024

Übersehen

Ein Zitat

Grosse Brachvögel in einer Wiese bei der Badeanstalt Holzenstein.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will." Henri Matisse (1869-1954)

Ein Bibelvers - Johannes 3,3

"Jesus antwortete: 'Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.'"

Eine Anregung

Auf der Strecke zwischen Romanshorn und Uttwil liegt das Seebad Holzenstein. In der eisigen Kälte sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein Anwohner aus einem der Häuser direkt am Ufer führt seine zwei Hunde spazieren.

Meiner Frau fallen krähengrosse Vögel auf, die in einiger Entfernung immer wieder gemeinsam auffliegen und in der Wiese landen. Es sind Grosse Brachvögel, die am Bodensee überwintern. Früher konnte man die melodiös rufenden Schnepfen weitherum hören. Noch 2002 brüteten 500 Paare in der Schweiz. Heute weiss man von keiner einzigen Brut mehr im ganzen Land. Der Grosse Brachvogel steht auf der roten Liste, ist vom Aussterben bedroht. Um so überraschter waren wir, einen Trupp dieses charakteristischen Vogels auf dem unscheinbaren Feld zwischen den Häusern anzutreffen.

Beim Weitergehen sprechen wir mit dem Anwohner über seine Hunde, und ich frage ihn, ob es hier regelmässig Brachvögel gebe. Immerhin wohnt er direkt an dieser Wiese. Doch er schaut mich nur fragend an. Vögel interessieren ihn nicht, und so hat er sie wohl auch noch nie beachtet, obwohl sie doch recht gross sind.

Wieder einmal denke ich darüber nach, was ich wohl alles in meinem direkten Umfeld übersehe; aus Gewohnheit, aus Desinteresse, weil ich es nicht sehen will. Was verbirgt sich direkt vor meinen Augen, auch vor meinen geistigen Augen? Ich nehme mir vor, heute besonders aufmerksam durch den Tag zu gehen. Durch den Tag, an dem der meteorologische Winter zur Hälfte vorüber ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. Januar 2024

Ökumenisches OrgelWort

Ein Zitat

Die Gischt vom Bodensee hat ein Baugitter in Romanshorn in eine Eisskulptur verwandelt.
Foto © Jörg Niederer
"Der Zuhörer sitzt quasi mitten in der Orgel drin..." Zitat des Orgelbauers der neuen Orgel in St. Laurenzen, St. Gallen

Ein Bibelvers - Psalm 81-1-2

"Für den Chorleiter, zu spielen auf dem Musikinstrument aus Gat. Von Asaf. Jubelt Gott zu, er ist unsere Stärke, lasst den Gott Jakobs hochleben!"

Eine Anregung

Heute Sonntag finden landauf, landab die Gottesdienste der Allianzgebetswoche statt. Ich werde an der Feier in der Evangelischen Kirche Weinfelden beteiligt sein. Alle sind um 10.00 Uhr herzlich dazu eingeladen.

Am Abend findet aber noch ein weiterer bemerkenswerter Anlass statt. Zum 2. Mal wird in St Gallen das Ökumenische OrgelWort durchgeführt. Dieser Anlass beginnt um 17 Uhr in der Kathedrale, und endet eine Stunde später in St. Laurenzen. Orgelklänge gliedern und tackten die Zeiten in den beiden Kirchen. Texte, gelesen von Beteiligten aus der Römisch-katholischen, der Christkatholischen, der Reformierten und der Evangelisch-methodistischen Kirche, ergänzen die Klänge.

Über die Qualität der Orgel in der Kathedrale muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Anders bei der Goll-Orgel in St. Laurenzen. Seit vergangenem Jahr findet sich dort die weltweit einzige quadrophonische Orgel. Sie verspricht einen ausserordentlichen Hörgenuss.

Nach der Zeit in den beiden Kirchen kann man sich bei heissen Marronis unterhalten und den Abend ausklingen lassen.

Aber was hat die Fotografie mit dem OrgelWort zu tun? Nun, die Gischt des Bodensees hat ein Baugitter in eine Eisskulptur verwandelt. Mit ihren aufgereihten Eiszapfen erinnert sie mich entfernt an einen lichtdurchfluteten, eisigen Orgelprospekt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 13. Januar 2024

Karl Barth und die Liebe

Ein Zitat

Dekoherzen
Foto © Jörg Niederer
"Ja, Jesus liebt mich, / ja, Jesus liebt mich, / ja, Jesus liebt mich, / die Bibel sagt mir dies." Refrain vom Lied "Jesus liebt mich ganz gewiss..."

Ein Bibelvers - Johannes 15,12

"Das ist mein Gebot: Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe."

Eine Anregung

Manfred Marquardt lehrte mich einst vor Jahren systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen. In der neusten Zeitschrift "Unterwegs" erinnert er sich in einem Beitrag zur Jahreslosung an eine Geschichte, die in Basel spielte. Ich zitiere: 

"Vor einigen Jahren erzählte mir jemand von einem Gespräch, das Karl Barth, der weltbekannte Theologe und evangelische Pfarrer, mit einer einfachen Frau geführt hat. Gegen Ende seines Lebens lag er als Patient im Basler Krankenhaus Bethesda, als eine Diakonisse sich ein Herz fasste und ihm eine überraschende Frage stellte, die sie anscheinend schon länger mit sich trug. 'Lieber Herr Professor', sagte sie, 'Sie haben viele Bücher geschrieben, können Sie mir einfacher Krankenschwester sagen, was die wichtigste Erkenntnis ihres Nachdenkens ist?' Karl Barth antwortete nach einer Weile: 'Jesus liebt mich ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies.'"

Das Lied, das ich einst von meiner Mutter lernte, kann auf Youtube in verschiedenen Varianten angehört werden. Es stammt im englischsprachigen Original von Anna Bartlett Warner, welche es 1859 veröffentlichte. Ein altes Lied also, und doch drückt es aus, worauf wir bauen können: Jesus, ja Gott liebt uns. Das dürfen wir glauben, denn es ist vielfach bezeugt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 12. Januar 2024

Das Geburtstagsmysterium

Ein Zitat

Geburtstagstorte vom Beck Meier in Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"Das Geheimnis des Glücks ist, statt der Geburtstage die Höhepunkte des Lebens zu zählen." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Matthäus 14,6+7

"Der Geburtstag von Herodes wurde gefeiert. Da tanzte die Tochter von Herodias vor den Gästen. Herodes war begeistert. Deshalb versprach er ihr feierlich: 'Ich gebe dir, was immer du willst!'"

Eine Anregung

Bei über 800 Facebook-Freundinnen und Freunde gibt es fast an jedem Tag des Jahres mindestens eine Person, welcher ich zum Geburtstag gratulieren kann. Um so irritiert ist es, wenn dann gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen keine Person ihr Wiegenfest begeht. In meinem Fall war das am 10. und 11. Januar so. Warum, weiss ich nicht; ein Geburtstagsmysterium. 

Mich hätte es nicht gewundert, wenn niemand am 29. Februar Geburtstag hätte. So viele können es ja nicht sein an diesem nur alle vier Jahre vorkommenden Tag. Und dass der September der geburtenstärkste Monat ist, wundert mich auch nicht. Die Zeugung fällt dann ja in den Winter.

Wen es nun noch interessiert, wie viele Menschen in Österreich an welchen Tagen Geburtstag feiern, kann das auf folgender Webseite herausfinden. Achtung, der Januar heisst dort Jänner. 

Wenig attraktiv ist der (angenommene) Geburtstag von Jesus. Am 24. oder 25. Dezember ist die Geburtenrate tiefer als sonst. 

Die Bibel berichtet übrigens nur über die Geburtstagsfeiern von zwei Personen. Einer davon ist der Pharao (1. Mose 40,20) der andere ist Herodes (Matthäus 14,6). Letzterer kostete Johannes dem Täufer den Kopf. Der Geburtstag des Pharaos war für dessen Mundschenk ein Segen und für den Hofbäcker ein Fluch. Aber lest am besten selbst (1. Mose 40,20-22).

Angesichts dieses Befundes wünscht man sich fast noch mehr Tage, an denen niemand Geburtstag feiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. Januar 2024

Schnee und Beckenbauer

Ein Zitat

Schnee auf dem Fensterbrett des Büros in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jugend will halt stets mit G'walt / in allem glücklich sein; / doch wird man nur ein bisserl alt, / dann find't man sich schon drein." Aus dem Hobellied von Ferdinand Raimund

Ein Bibelvers - 1. Johannes 2,17

"Diese Welt und ihre Gier vergehen. Aber wer tut, was Gott will, bleibt in Ewigkeit mit ihm verbunden."

Eine Anregung

Schneeflocken sind kleine Wunderdinge. Im Kern bestehen sie aus Eiskristallen, die aufgrund von Feuchtigkeit und Temperatur wachsen und sich verbinden. So entstehen diese immer sechseckigen Strukturen, die bis zu einem halben Zentimeter gross werden können. 

Allerdings soll es keine zwei identische Schneeflocken geben. Jede Schneeflocke sei ein Unikat und komme über Zeit und Raum hinweg nur einmal vor auf der Welt.

Da frage ich mich: Mit welcher Sicherheit kann das gesagt werden? Es entstehen und vergehen ja jeden Tag Milliarden von Schneeflocken, und das schon seit Millionen von Jahren. Wer will da mit letzter Sicherheit sagen, dass es nicht irgendeinmal in dieser Abfolge von Zeit und Raum doch zwei identische aussehende Schneeflocken gegeben hat? Dass man bis jetzt diese Schneeflockenzwillinge nicht gefunden hat, könnte ja auch daran liegen, dass man nicht intensiv genug danach geforscht hat.

Eine solche Aussage, dass es etwas nicht gibt, ist ja schon an sich eine Behauptung, die ständig in der Gefahr steht, dass genau das was es nicht geben soll, dann doch irgendwo und irgendeinmal entdeckt wird. Kann man überhaupt guten Gewissens sagen, dass es etwas nicht gibt? Viel einfach ist es, eine Sache, die es gibt, zu konstatieren. Und doch gibt es sogar Menschen, die nicht glauben, was offensichtlich ist: Etwa, dass die Erde eine Kugel ist. Was es nicht alles gibt?

Sind etwa Leugnen und Wissen erkenntnistheoretische Geschwister, Zwillingen, die sich mehr gleichen, als dass sie voneinander abweichen? Wie heisst es doch im berühmten Hobellied (Hier von Peter Alexander gesungen): "Da streiten sich die Leut' herum / oft um den Wert des Glücks; / der Eine heißt den Andern dumm, / am End' weiß keiner nix."

Zurück zu den Schneeflocken. In ihrer einmaligen Feinstruktur existieren sie nur eine kurze Zeit, solange sie sich in der Luft befinden. Doch einmal auf dem Boden angekommen, werden sie wieder zu Wasser, oder verbinden sich mit vielen anderen Schneeflocken zu einer Schneedecke oder zu Eis, verlieren unter dem Druck von Ihresgleichen ihre einmalige Form. Aus Unikaten wird eine Masse, in der nicht mehr die einzelne Schneeflocke zählt, sondern der Verbund tausender und abertausender dieser Eiskristalle. Im Hobellied wird diese Entwicklung (auf die Menschheit bezogen) so beschrieben: "...das Schicksal setzt den Hobel an / und hobelt alle gleich".

Oder noch einmal anders gesagt: Jetzt wo Beckenbauer tot ist, bin ich im Vergleich zu ihm und allein aufgrund der Tatsache, dass ich noch lebe, der bessere Fussballspieler von uns zweien. Individualität, Einmaligkeit zählt halt nur für die kurze Dauer, in der wir uns Schneeflocken gleich durch Zeit und Raum bewegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. Januar 2024

Das Fundament im Leben

Ein Zitat

Beim Bundeshaus in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Ich würde jetzt heute sagen, diese befreiende Dimension habe ich viel stärker in der Methodistenkirche erlebt..." Eric Nussbaumer, Nationalratspräsident

Ein Bibelvers - Galater 5,13

"Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe."

Eine Anregung

Das Bundeshaus ist seit gut 16 Jahren Wirkort von Eric Nussbaumer. In den Perspektiven von Radio SRF 2 Kultur hat nun der aktuelle Nationalratspräsident sich auch zu seinem Glauben und seiner Zugehörigkeit zur Methodistenkirche geäussert. Dabei wird deutlich, wie stark geprägt der SP-Mann von einer christlichen Grundhaltung her politisiert. Pointiert äussert er sich: "Kirche muss uns helfen, das Leben gemeinsam zu meistern. Sonst hat sie keine Berechtigung." Über den Glauben selbst meint er: "Der christliche Glaube hat eine persönliche Dimension. Er hat aber immer auch eine zwischenmenschliche, gesellschaftliche Dimension. Und das versuche ich auch heute noch immer so zu praktizieren."

Auch interessant ist, wie wohlwollend der Sender im Zusammenhang mit dem Interview den Methodismus beschreibt.

Mir hat dieses Gespräch mit Eric Nussbaumer Mut gemacht. Mut, politisch aus dem Glauben heraus die Gesellschaft und die Schweiz mitzugestalten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. Januar 2024

Vermitteln und übersetzen

Ein Zitat

Frucht eines Perlpilzes.
Foto © Jörg Niederer
"Ein friedfertiger Mensch nützt mehr als ein gelehrter." Thomas a Kempis (1380-1471)

Ein Bibelvers - Galater 2,8+9

Paulus: "Denn Gott hat Petrus befähigt, Apostel für die Menschen jüdischer Herkunft zu sein. Genauso hat er mich befähigt, Apostel für die Völker zu sein. Die maßgebenden Leute erkannten, welche Gnade mir Gott erwiesen hatte."

Eine Anregung

Ich weiss, das ist kein Fliegenpilz. Wohl eher ein Perlpilz, wobei ich da die verschiedenen Sorten nicht unterscheiden kann und auch gar nicht sicher bin, dass es wirklich auch ein Perlpilz ist. Mir gefällt, wie er mit aller Kraft dem Licht zustrebt, dabei die Blätter zur Seite drückt und sich Raum verschafft.

Pilze haben aber noch ganz andere Fähigkeiten. Und da geht es nun wieder um den Fliegenpilz, von dem ich hier schon einmal geschrieben und ein Foto gezeigt habe. In der neusten Sonntagzeitung erzählt der Forstingenieur und Bestsellerautor Ernst Zürcher, wie Bäume miteinander kommunizieren und über den Tod hinaus zusammenarbeiten. Das gelte nicht nur unter Bäumen der selben Art. 

Ich zitiere: "Auch ein Pilz kann mehrere Arten kolonisieren. Nehmen Sie zum Beispiel den Fliegenpilz. Er verbindet sich mit der Birke ebenso wie mit der Waldkiefer. Dank einem Pilz kann sich also sogar ein Nadelbaum mit einem Laubbaum austauschen. Deshalb sollte man diese beiden Arten in einem Wald mischen..."

Der Pilz leistet Übersetzungsarbeit. Er vermittelt zwischen Laub- und Nadelbaum. Der Pilz ist wie die App, die mich mit fremdsprachigen Menschen plaudern lässt. Überall dort, wo die Verständigung schwierig ist, sollte es Menschen geben, die wie diese Pilze sind. Menschen die versöhnen, vermitteln und zwischen den Kulturen übersetzten. 

Zuletzt noch das: Wer hätte gedacht, dass ich mir einmal einen Fliegenpilz als Vorbild nehme?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. Januar 2024

Noch ein letztes Mal Weihnachten

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Glasfenster von August Wanner in der Pfarrkirche St. Pankratius in Bolligen zur Geburts- und Jugendgeschichte von Jesus: Die heilige Familie.
Foto © Jörg Niederer
"Auf der ganzen Welt feiern Orthodoxe Christen Weihnachten. Ihr 25. Dezember, berechnet nach dem dem julianischen Kalender, beginnt mit der Mitternacht vom 6. auf den 7. Januar des allgemein benutzten gregorianischen Kalenders." Quelle: Euronews

Ein Bibelvers - Jesaja 1,3

"Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Futterkrippe seines Herrn."

Eine Anregung

Gestern feierte ein Teil der orthodoxen Welt das Weihnachtsfest. Bei uns wartet immer noch ein angebrochener Dreikönigskuchen auf den dazugehörigen König oder die dazugehörige Königin. Untrügliche Zeichen, dass die Weihnachtszeit nun wieder für ein Jahr ein Ende finden wird. Das Foto von der Heiligen Familie aus der Kirche St. Pankratius in Bolligen will noch einmal an die Geburt des Erlösers erinnern.

Zum Dreikönigskuchen folgen hier einige Gedanken von einer Berufskollegin, der Pfarrerin Nicole Becher. Ihr fiel in der Bahn ein weggeworfener kleiner Plastikkönig auf, wie er in die Dreikönigskuchen gesteckt wird. Dazu schreibt sie auf Facebook:

"Auch in diesem Jahr Gedanken aus der SBB: ein einsamer König auf dem Weg nach...? Wer ist nicht vielleicht alles auf dem Weg heute und ich sehe in dieser Person nur jemanden, der alleine irgendwo hinreist? Dabei handelt es sich um einen König, eine Königin - einen Menschen, der die für andere Verantwortung übernimmt, sich einsetzt und zurücknimmt, immer wissend, dass auch er sie lebt aus der Liebe Gottes. Den einsamen König habe ich vom Boden genommen und so gelegt, dass er nicht mit Füssen getreten wird. Das ist das mindeste, was ich tun kann."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. Januar 2024

Alles geschehe in Liebe

Ein Zitat

Ausschnitt aus der EMK-Jahreslosung 2024 von der Künstlerin Maike Witte.
Foto © Jörg Niederer
"Liebe und dann tue, was du willst!" Augustinus von Hippo (354-430 n.Chr.)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 16,13+14

"Seid wachsam, haltet am Glauben fest, seid mutig und stark! Alles, was ihr tut, soll in Liebe geschehen!"

Eine Anregung

Es ist das herausragende Thema des christlichen Glaubens: Die Liebe. "Gott ist Liebe", schreibt Johannes in einem seiner biblischen Briefe. Fast jeder Mensch kennt das Hohelied der Liebe aus 1. Korinther 13. Und nun ist ein Wort aus diesem Paulusbrief an die Korinther auch der Leitspruch für das Jahr 2024: "Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe" (1. Korinther 16,14). Maike Witte hat dazu eine Geschichte in ein Bild verarbeitet. Ein Bild, das der Liebe Hände und Füsse gibt.

Heute werde ich dieses Bild mit den Gottesdienstbesuchenden der Methodistenkirche St. Gallen näher betrachten. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen, entweder um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6, oder dann via Youtube um 10.30 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. Januar 2024

Die Kirche und das Klima

Ein Zitat

Regenbogen über stürmischer See bei IJmuiden in Holland.
Foto © Jörg Niederer
"Die durchschnittliche Jahrestemperatur im Jahr 2020 war 1,1°C höher als vor der industriellen Zeit... Der menschgemachte Klimawandel wird auf 0,8-1.3°C geschätzt." Christian Rolli

Ein Bibelvers - 1. Mose 7,13+14

"Genau an diesem Tag ging Noah in die Arche. Seine Söhne Sem, Ham und Jafet, seine Frau und die drei Frauen seiner Söhne gingen mit hinein. Bei ihnen waren alle Arten von wilden Tieren und Vieh und alle Tierarten, die auf der Erde kriechen."

Eine Anregung

Das Bild von der Menschheit als einem Schiff wird schon mindestens seit der biblischen Geschichte von Noahs Arche bemüht. Kein Wunder, dass Sarah Bach es wieder beizieht, wenn sie die Schicksalsgemeinschaft der Menschheit aufzeigen will, und wie diese Weltgemeinschaft auf den durch fossile Brennstoffe verursachten Klimawandel reagieren soll. Natürlich kommt in ihrem Bild auch "Noahs Taube" vor. 

In einem ersten von drei Videobeträgen geht es darum, wie die Kirche vom Glauben her auf die menschgemachte Erderwärmung reagieren soll und kann. Das hat in der Methodistenkirche etwas mit Liegenschaften zu tun, wie man auch unschwer daran erkennen kann, dass Thomas Oczipka von der Immobilienverwaltung der Kirche ausgiebig zu Wort kommt.

Die naturwissenschaftliche Seite vertritt im Video Christian Rolli, Student Science, Technology and Policy an der ETH.

Weiter wirft das Video einen Blick auf eine Situation, in der schon heute Menschen auf den Fiji-Inseln ihren Wohnort verlassen mussten, weil der vom Klimawandel getriebene Anstieg des Meeresspiegels ein Leben dort verunmöglicht hatte.

Der Videobeitrag von Michael Hari führt gut hinein in die Problematik, Aufgabe und Fragestellung, wie die Kirche und die Glaubenden einen substanziellen Beitrag leisten können zur Bewahrung der Schöpfung und des Lebensraums Erde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. Januar 2024

Mehr Kühe als Menschen

Ein Zitat

Portraits dreier Kühe auf der Weide.
Foto © Jörg Niederer
"Der Dumme sucht auch dort nach Dung, wo niemals Kühe gegrast haben." Sprichwort aus Äthiopien

Ein Bibelvers - 2. Mose 32,4

"Der [Aaron] nahm das Gold von ihnen entgegen. Dann bearbeitete er es mit dem Meißel und machte ein goldenes Kalb daraus."

Eine Anregung

Mein Heimatort ist Langrickenbach, ein Thurgauer Dorf auf dem Seerücken. Nun entnehme ich einer interaktiven Karte, dass dort mehr Rinder leben als Menschen. 109 Kühe kommen auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner. Und noch etwas steht da: Der häufigste Kuhname an diesem Ort ist Eva. Da, wo ich aufgewachsen bin, in Olten, leben heute gerade einmal 40 vierbeinige Rindviecher, was einem Verhältnis von 1000 Menschen zu zwei Kühen entspricht. Anders in Frauenfeld, wo ich aktuell zuhause bin. Da kommen auf 100 hier lebende Personen 3 Rinder. In St. Gallen teilen sich 100 Städterinnen und Städter sogar nur zwei Rinder, und der häufigste Kuhname ist Anna.

In der Hauptstadt Bern gibt es auch Kühe. Auf 1000 Bewohnerinnen und Bewohner kommen 8 von ihnen. Folglich ist die Bundeshauptstadt ländlicher als der Inbegriff von Provinz, als Olten. Vermutlich hat es also mehr Rinder in Bern als Bundespolitiker. Welche dieser Gruppen mehr Käse oder Mist produziert, kann und will ich nicht beantworten.

Ob Angesichts der vielen muhenden Zeitgenossen diese Statistikerkenntnisse schon einem Tanz um das Goldene Kalb gleichkommen? Jedenfalls tritt man in der Schweiz früher oder später  im Leben in einem Kuhfladen. Ob diese Dunghaufen wohl auch gezählt werden?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. Januar 2024

Hemmungsloser Ideenklau

Ein Zitat

Brunnen auf dem Kreisel Seestrasse/Zürichstrasse in Uster.
Foto © Jörg Niederer
"Behandle dich selbst so, wie du von anderen behandelt werden möchtest." (Zitat einer Konfirmandin von Pfarrerin Nadja Boeck)

Ein Bibelvers - Philipper 4,19

"Und mein Gott wird euch alles geben, was ihr braucht. Er wird euch durch Christus Jesus am Reichtum seiner Herrlichkeit teilhaben lassen."

Eine Anregung

Mit "Hemmungsloser 'Ideenklau'" ist die 10. These in einem sehr anregenden Beitrag von Pfarrerin Naja Boeck überschrieben. Und genau daraus fröne ich nun dem hemmungslosen Ideenklau. Mir gefällt besonders das anschauliche Zitat von Bernhard von Clairvaux. Dabei kommen mir die Schwestern von Grandchamp in den Sinn, die jeweils sich selbst die Suppe schöpften und dann erst den Gästen, mit den Worten: "Man kann nur geben, wenn man selbst empfangen hat"

Nadja Boeck schreibt also (und nicht nur für ihre Zunft): "Im Pfarramt müssen wir für andere da sein. Gerade deshalb ist es wichtig, uns selbst nicht zu vergessen. Ja, uns vielleicht sogar an erste Stelle zu setzten. Der französische Mystiker Bernhard von Clairvaux bringt das so auf den Punkt: 'Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Zuerst anfüllen und dann ausgiessen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bis du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.'" (aus: "Me, Myself and I", bref 11+12/2023, Seite 63)

Übrigens ist das Zitat der Konfirmandin ganz oben aus dem selben Abschnitt hemmungslos übernommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. Januar 2024

Windtelefon

Ein Zitat

Alte Telefonzelle in einem Dorf in Kent, England, die heute einen Defibrillator enthält.
Foto © Jörg Niederer
"Die Trauer hört niemals auf, sie wird ein Teil unseres Lebens. Sie verändert sich und wir ändern uns mit ihr." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 2. Samuel 1,26a

"Wie ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, wie warst du mir so lieb!"

Eine Anregung

Telefonkabinen werden heute für viele Dinge benutzt. Als Anzeigekasten vor der Kirche, als öffentliches Bücherregal, als Defibrillator, wie auf dem Foto. Zweitnutzungen.

Aber es werden auch noch neue Telefonkabinen gebaut. Patrick Genaine hat in einem Dorf über dem Neuenburgersee ein Windtelefon erreichtet und am 15. Mai 2023 eingeweiht, aus Holz, mit zwei alten Telefonen. Hier kann man das Telefon auf einigen Bildern im Internet anschauen.

Erfahren habe ich davon durch einen Artikel bei ref.ch. Erfunden hat das Windtelefon der Gartenarchitekt Itaru Sasaki aus Japan. Er stellte eine alte Telefonzelle in seinem Garten auf. Darin verarbeitete er die Trauer um seinen verstorbenen Cousin, indem er mit ihm durch dieses Telefon sprach. Er sagte sich: Der Wind wird meine Worte zu ihm tragen! Das Windtelefon war geboren. 

Zwischenzeitlich gibt es wohl so an die hundert Windtelefone weltweit. Eines davon steht nun auch in der französischen Schweiz. Wie lange wird es wohl dauern, bis auch ein Windtelefon in der Deutschschweiz Menschen eine zusätzliche Möglichkeit bietet, ihre Trauer zu verarbeiten?

Gegenüber ref.ch meint Patrick Genaine, selbst Spezialisten für Trauerbegleitung: "'Aufgrund meiner Ausbildung und meines Werdegangs habe ich sofort das Potenzial dieser Kabine gespürt. Es war so offensichtlich', so Genaine. In der Kabine passiere etwas, man könne seinen Gedanken freien Lauf lassen. 'Emotionen und Erinnerungen können freigesetzt werden, eine emotionale Tür kann sich öffnen, wenn etwas noch festsitzt.'"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 2. Januar 2024

Vom Leben gezeichnet

Ein Zitat

Lachmöwen auf einem Boot auf dem Pfäffikersee.
Foto © Jörg Niederer
"Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen." Marcel Proust (1871-1922)

Ein Bibelvers - Psalm 17,6+7a

"Ich habe zu dir gerufen, Gott, damit du mir Antwort gibst. Hab ein offenes Ohr für mich! Höre, was ich zu sagen habe! Wie wunderbar ist deine Güte."

Eine Anregung

Wenn Menschen in ihrem Leben zurückschauen, kann es sein, dass das, was sie dann sehen, etwa so aussieht, wie die Schiffsblache unterhalb der Möwen auf dem Foto: Gezeichnet vom Leben. Dann lohnt es sich, einen anderen Blickwinkel zu wählen, nach vorn, vielleicht auch hinauf. Nicht um zu verdrängen. Nicht Augen zu und durch. Sondern um neue Lebensperspektiven zu bekommen. Dazwischen liegt oft ein Ritual. Vielleicht waschen wir uns den Schmutz ab, vielleicht ordnen wir die "Federn", vielleicht besprechen wir uns mit uns vertrauten Menschen. Dann, wenn sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben und man dann zurückschaut, sieht man vielleicht, dass die Bremsspuren des vergangenen Lebens nicht nur hässliche Muster auf den sauberen Grund gezeichnet haben. Die Vergangenheit wird mit ihren Gebrauchsspuren auch irgendwie schön. Halt vom Leben gezeichnet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. Januar 2024

Auf zu neuen Ufern

Ein Zitat

Graureiher im Flug.
Foto © Jörg Niederer
"Vielfach wird gefragt: Wohin wird das noch führen? Was darauf antworten? Mir hilft die biblische Erkenntnis, dass da einer ist, der die drängenden Fragen verwandelt in Zuspruch: 'Ich will dich führen.'" Andrea Brunner, Pfarrerin

Ein Bibelvers - Psalm 24,9

"Ihr Tore des Tempels, seid hocherfreut! Ihr Türen der Urzeit, öffnet euch weit! Es kommt der König der Herrlichkeit!"

Eine Anregung

Auf zu neuen Ufern. Machen wir den Abflug. Es geht ins neue Kalenderjahr. Was mag es bringen? Auch wenn es naiv klingt angesichts der Weltlage: ich wünsche mir, dass wir in den nächsten Monaten dem Weltfrieden näherkommen. Dazu brauchen wir Gottes Gegenwart und sein Geleit; seine liebevolle Zuwendung.

Uns allen wünsche ich nur das Besten, und dass wir es alle tun.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen