Mittwoch, 6. November 2024

Update Neues Testament

Ein Zitat

Voller (Körper-)Einsatz durch Professor Dr. Christoph Schluep an der Pfarrweiterbildung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Adelboden.
Foto © Jörg Niederer
"'Lieber eine offensive und streitlustige Kirche sein, als eine, die schiedlich-friedlich, saft- und kraftlos vor sich hinsiecht.' Lieber auch mal anecken als abgerundet und konfliktscheu niemandem zu nahe zu treten. 'Und bitte: Bloß nicht harmlos sein!'" Professor Dr. Christoph Schluep, zitiert von Klaus Ulrich Ruof

Ein Bibelvers - Markus 10,45

"Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen."

Eine Anregung

Er ist ein begeisternder Redner und eigenwilliger Neutestamentler. Professor Dr. Christoph Schluep unterrichten an der Theologischen Hochschule Reutlingen. Der Schweizer, der 20 Jahre lang in Zürich 4 eine methodistische Gemeinde geleitet hat, ist der Redner an der Pfarrweiterbildung der Evangelisch-methodistischen Kirche, die vom 4.-7. November im Hotel Alpina Adelboden durchgeführt wird. Es geht um ein "Update Neues Testament"

Der unterhaltsame Vortragsstil des Gastredners bedeutet nicht, dass Schluep dabei nicht tief schürft. Das gilt sowohl bei der Frage, ob es Jesus überhaupt gegeben habe als irdische Person, wie auch bei den Überlegungen zum Verständnis von Jesu Tod im Neuen Testament.

An dieser Stelle gebe ich einige Aussagen und Gedankenschnipsel weiter vom gestrigen Tag. Es sind keine genauen Zitate, aber doch nahe an den Aussagen von Christoph Schluep. 

  • Jesus wurde Mensch, und nicht Mann. 
  • Muss ich an das Aussehen von Jesus glauben, um an ihn zu glauben?
  • Josef, der Vater von Jesus, hätte zu seiner Zeit das Recht gehabt, Sklaven zu halten.
  • Ist Gott Sklave seiner Gerechtigkeit?
  • Weil Gott liebt, lässt er zu, dass die Menschen seinen Sohn umbringen, und nicht: Weil Gott seinen Sohn umbringt, liebt er die Menschen.
  • Das Phänomen der Schuld bleibt, auch wenn wir nicht darüber sprechen wollen.
  • Könnte Gott nicht zornig sein, könnte er auch nicht lieben. Er wäre gefühlskalt.
  • Gott hat für sich das Problem der Versöhnung gelöst. Wenn, dann brauchen wir noch eine Lösung dafür.
  • Gott kennt die Gefangenschaft. Aber er will sie nicht. Er will die Freiheit und nicht die Versklavung.
  • Der Weg des Menschen ist ein Highway to Hell. Deshalb stirbt Gott, damit er als Christus auch dorthin gelangt, wo es uns Menschen im schlimmsten Fall hinverschlägt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 5. November 2024

Kolkrabe

Ein Zitat

Ein Trupp Kolkraben vergnügt sich unweit der Paspels-Baggerseen und lässt mich nahe herankommen.
Foto © Jörg Niederer
"Man findet eher einen weissen Raben, einen beherzten Schwaben, trocknes Wasser, einen mässigen Prasser, einen schwarzen Schimmel, einen viereckigen Himmel, bei den Schnecken das Blut, als einen Geizhals, der Gutes thut." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - Psalm 147,7+9

"Singt dem Herrn beim Dankopfer ein Lied! Musiziert für unseren Gott mit der Leier! ... Den Tieren gibt er genug zu fressen. Krächzen die jungen Raben, füttert er sie."

Eine Anregung

Bei den Paspels-Baggerseen unweit von Rankweil im Vorarlberg höre ich sie. Kolkraben melden sich mit ihrer typischen Bassstimme, diesem gurgelnden Kroaa. Zwei entdecke ich auf einer hohen Tanne. Andere auf dem entfernten Kieswerkareal antworten ihnen. Etwas weiter sind noch mehr dieser grössten Singvögel bei ihren Flugkünsten zu bewundern. Spielerisch jagen sie einander nach, überschlagen sich in der Luft, freuen sich sichtlich am Leben. Es ist ein ganzer Trupp, wohl noch Jungtiere. Man findet sie so zahlreich da, wo es offene Kehrichtdeponien gibt. Doch solche sind hier nicht auszumachen.

Manche der grossen Vögel lassen mich erstaunlich nahe herankommen, achten aber unablässig auf alle meine Bewegungen. Komme ich näher, hüpfen sie etwa die gleiche Distanz wieder von mir weg. Rabenkrähen mischen sich unter sie, und auch eine Nebelkrähe ist zu hören.

Später werde ich es bedauern, dass ich sie nicht mit den Teleobjektiv fotografiert habe. Wann wohl werde ich das nächsten mal wieder an die sonst eigentlich scheuen Tiere so nahe herankommen? Dann ziehe ich weiter auf dem Jakobsweg.

Hinter mir singen die Kolkraben ihre in ihren Ohren wohl wunderbaren, auf mich schaurig wirkenden Lieder.

Zu Kolkraben siehe auch den Beitrag vom 12. Oktober 2022!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. November 2024

Das Leuchten der Verstorbenen

Ein Zitat

Einsicht in das Beinhaus Rankweil mit Kunstinstallation von Paul Renner.
Foto © Jörg Niederer
"Gewalt ist ein Aspekt, der in meiner Arbeit sehr wichtig ist, da ich sie nicht hofiere oder auch metaphorisch behandle - ich zeige sie." Paul Renner (*1957)

Ein Bibelvers - Jesaja 66,14

"Ihr werdet das sehen und euer Herz wird jubeln und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün. So offenbart sich die Hand des HERRN an seinen Knechten, aber er ergrimmt gegen seine Feinde."

Eine Anregung

Am Samstag beendete ich meine Reise auf dem Appenzellerweg, einem Seitenast des Jakobswegs, indem ich von Rankweil zum Hirschsprung pilgerte.

Den Anfang nahm die Reise bei der Kirche St. Peter in Rankweil. Sie ist eine der ältesten Gotteshäuser im Vorarlberg. Urkundlich erwähnt ist deren Vorgängerbau 842 als Herrenhofkirche. Ab dem 7. Januar 1125 bis zur Enteignung des Schweizer Klosters gemäss Reichsdeputationsbeschluss vom 25. Februar 1803 gehörte St. Peter dem Augustiner-Chorherrenstift in Kreuzlingen. Heute ist die Kirche St. Peter eine Pfarrkirche.

Neben diesem Gotteshaus befindet sich der Friedhof und ein zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbautes schlichtes Beinhaus. Noch im Frühjahr 2024 präsentierte sich das Beinhaus als Nutzraum. Die Gebeine der Verstorbenen waren dort nach Knochenart sortiert auf Gestellen gelagert (so sah es früher aus) und frei zugänglich. Seit dem 14. und 15. Juni 2024 findet man das Beinhaus eindrücklich umgebaut. Die Gebeine wurden nicht entfernt wie aus vielen anderen Beinhäusern, sondern geschützt durch Glasscheiben den Besuchenden präsentiert, kombiniert mit einer eindrücklichen Kunst- und Lichtinstallation des international bekannten Vorarlberger Künstlers Paul Renner. Er arbeitet oft mit Lebensmitteln, etwa mit Bienenwaben, welche er zu essbaren Wandbildern umgestaltet. In einem kurzen Video vom ORF wird Paul Renner portraitiert (Achtung, das Video enthält Schlachtungen von Tieren).

Die bernsteinfarbigen Bodenelemente erinnern denn auch an den goldigen Honig der Bienen. Im Beinhaus lese ich dazu: "Das historische Beinhaus wurde durch DI Bernhard Wüst (Architektur) und Paul Renner (Kunst) in einen Raum des Lebens und des Lichts transformiert. Die vertikal angeordneten Gebeine werden mit zwei Lichtquellen bestrahlt. Die untere dringt durch eine mit Harzen und Sedimenten belegte Glasplatte, die obere ist rein weiss. diese Lichtführung verweist auf die Spannung zwischen irdischer Vergänglichkeit und göttlicher Auferstehung." 

Für mich ist das die eindrücklichste Umgestaltung eines Beinhauses, die ich bisher gesehen habe. Sie geht teilweise auf Kosten der historischen Funktionalität des Gebäudes, bringt die Form der Bestattung nach der Bestattung aber auch Menschen von heute nahe. 

Mich liess der neu gestaltete Raum auf meinem Weg von Österreich in die Schweiz nachdenken über das Leben, den Tod und die Hoffnung. Gute Pilgergedanken, finde ich. 

Siehe dazu auch meine Beiträge vom 17. März 2022 (Solferino) und 25. Juli 2023 (Leuk)!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 3. November 2024

Das Leuchten des Herbstes

Ein Zitat

Eine späte, taugenässte Sonnenblume blüht dem Winter entgegen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn es mir schlecht geht, alles scheinbar dunkel um mich herum ist, hilft es mir, an das zu denken, was gut und licht in einem Leben war und ist." Karin Dembek

Ein Bibelvers - Psalm 103,2

"Lobe den Herrn, meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat!"

Eine Anregung

Gestern drang vier-, fünfmal das Licht der Sonne durch den Nebel hindurch. Nur kurze Zeit. Nicht da, wo ich meines Weges zog.

Doch dann leuchtete mir eine andere Sonne. Die taunasse Lichtrose, unter dem Strahlen früherer Sternstunden erblüht, lachte über den Nebel, dem es nicht gelingen wollte, sie vor meinen Blicken zu verbergen. Sonnenblumenleuchten.

Da gibt es diese heiteren Momente in unserem Leben. Sie leuchten auch noch Jahr später in unserer Erinnerung auf und tun uns unsäglich gut. Gerade dann, wenn es dunkel geworden ist. Darum: "Vergiss nicht das Gute." Gott hat es für dich getan.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 2. November 2024

Reformationseiferer

Ein Zitat

Die Reformatoren Guillaume Farel, Johannes Calvin, Théodore de Bèze und John Knox, dargestellt am Reformationsdenkmal in Genf.
Foto © Jörg Niederer
"Zwingli tut nichts gegen die nun einsetzenden Verfolgungen der Täufer und lässt es sogar zu, dass sein ehemaliger Freund Balthasar Hubmaier eingekerkert und 1528 als Ketzer verbrannt wird." Joachim Hildebrandt

Ein Bibelvers - Epheser 2,8

"Denn aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk."

Eine Anregung

Der November beginnt immer mit dem Reformationssonntag. Besonders in evangelischen Kirchen wird dieser Tag begangen. Seit einigen Jahren frage ich mich, ob das wirklich ein feiernswerter Tag ist. Wenn ich mir so die Folgen der Reformation vergegenwärtige, dann wird mir bewusst, dass es kaum einen Reformator gibt, der nicht in irgendeiner Weise Blut vergossen hat. Während der Reformation kam es zu Kriegen, politischen Ränkespielen, religiös begründeten Vertreibungen, Zerstörungen von religiöser Kunst, Hinrichtungen von Andersdenkenden, Gesetzlichkeit und Rechthaberei. Selbst im evangelischen Lager zerstritt man sich untereinander und bekämpfte sich aufgrund spitzfindiger theologischer Differenzen.

Zugleich ermöglichte die Reformation aber auch, dass die Menschen erstmals selbst die Bibel lesen und auslegen konnten. Auch entstanden in deren Folge moderne Demokratien, Skeptizismus, Kapitalismus, Individualismus, die Bürgerrechte und damit auch die Religionsfreiheit, die es vor 250 Jahren ermöglichte, dass die methodistische Bewegung auch ausserhalb der Vereinigten Staaten und angelsächsischen Gebieten dauerhaft Fuss fassen konnte. Ohne die Reformation gäbe es keine methodistische Kirche in der Schweiz und andernorts. 

Also doch ein Glücksfall, dass es die Reformation gab? 

Die Reformation als friedliche Bewegung wäre mir lieber gewesen. Doch das war sie nun einmal nicht. So gesehen ist der Reformationssonntag für mich ein Dank- und Trauertag. Beides. So wie auch die ganze Geschichte der Christenheit beides kennt: Die Freude über die Geburt von Jesus Christus genauso wie die Klage über die Kreuzigung des Gottessohns.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 1. November 2024

Halloween, Allerheiligen und die Eichenborke

Ein Zitat

Borke einer Stieleiche im Güttinger Eichenwald.
Foto © Jörg Niederer
"Die Hintergrundfolie von Allerheiligen ist die sterbende Natur, durch die die ewige Welt der Heiligen sichtbar wird." Manfred Becker-Huberti, Theologe

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,2

"An die Gemeinde Gottes in Korinth: An euch, die ihr heilig geworden seid durch die Verbundenheit mit Christus Jesus. Zu Heiligen seid ihr berufen mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen – überall auf der Welt, hier wie anderswo."

Eine Anregung

All Hallows’ Eve (= Abend vor Allerheiligen) - Allerheiligen - Allerseelen: Manchenorts ist die Reihenfolge der Feiertage vom 31. Oktober bis 2. November genau so. 

Es ist eine Zeit der krassen Übergänge. An Halloween werden die möglichen Schrecken des Todes erinnert. Tags darauf stehen die Heiligen im Mittelpunkt, welche die Schrecken der irdischen Zeit siegreich überwunden haben. An Allerseelen wiederum wird an all die anderen Verstorbenen dazwischen erinnert, jene, die weder verdorben noch heilig sind.

Zwischen "schrecklich" und "gewöhnlich" liegt also "heilig". Zwischen Halloween und Allerseelen findet sich ein Tag aller Heiligen.

Jüngst fragte mich jemand, wer heilig sei. Es komme darauf an, antwortete ich. In den evangelischen Kirchen sind alle Christinnen und Christen Heilige, ganz im Sinn der Anrede von Paulus in manchen seiner Briefe. In der katholischen Kirche dagegen bezeichnet man mit den "Heiligen" besonders herausragende, beispielhafte Menschen. Diese haben den Schrecken, wie er an Halloween nachgestellt wird, als Märtyrer am eigenen Leib erfahren und sind doch standhaft in ihrem Glauben geblieben.

Mein Leiden an Halloween dagegen ist banal. Mir geht die Klingelei an der Haustür auf den Geist. Mit Allerheiligen kehrt dann wieder Ruhe ein.

Allerheiligen. Mir gefällt der Vergleich von Manfred Becker-Huberti, der Allerheiligen und die sterbende Natur des Herbstes miteinander in Zusammenhang bringt. Tod und Leben begegnen sich. Wie bei der Borke einer alten Eiche im Güttinger Eichenwald. Zerfurcht und tief eingegraben, aufgeplatzt und vernarbt. Fratzengleich birgt sie unter sich Kanäle voller Vitalität, welche jeden Tag das Leben des alten Baumes sichern. Doch auch selbst wird die Borke zum Substrat, in der sich die geheimen Plagegeister der Insektenwelt ansiedeln und auf der Flechten unreiner Haut gleich flecken. Die Borke; das Halloween-Gesicht des Baums.

Schade, dass die Borke nicht an der Haustür klingelt!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 31. Oktober 2024

Drei Hände

Ein Zitat

Ikone der Gottesmutter mit den drei Händen. Kopie, "geschrieben" von Hedi Fussenegger.
Foto © Jörg Niederer
"Wie Jesus durch Maria das Menschliche lernt, so lernt Maria durch ihren Sohn das Göttliche... Wir werden, was wir schauen." Peter Dyckhoff

Ein Bibelvers - Lukas 22,50+51

"Und einer von ihnen schlug nach einem der Männer, die dem Hohepriester unterstanden. Er hieb ihm das rechte Ohr ab. Aber Jesus sagte: 'Hört auf damit!' Er berührte das Ohr und heilte den Mann."

Eine Anregung

Ikonen werden geschrieben, nicht einfach so hingemalt. Das gilt auch für die Kopie der "Panagia Tricherusa", der Gottesmutter mit den drei Händen von Hedi Fussenegger, die im Verlauf eines Ikonen-Malkurses in St. Gallen entstanden ist. Das Original befindet sich heute im serbisch-orthodoxen Kloster Hilandar auf dem Berg Athos in Griechenland. Es ist eine der wichtigsten serbisch-orthodoxen Ikonen. 

Ursprünglich war die dritte Hand eine Votivgabe. Sie ist unten links auf dem originalen Heiligenbild befestigt.

Der Legende nach zugeschrieben wurde die Ikone und die dritte Hand dem heiligen Johannes von Damaskus (650-754). In der Folge des Bilderstreit soll ihm als Verteidiger der Ikonen von einem Kalifen oder bilderfeindlichen (ikonoklastischen) Kaiser die rechte Hand abgehackt worden sein. Bei der Meditation vor dem Ikonenbild der Gottesmutter sei sie ihm wieder nachgewachsen. Auf dieses Geschehen verweist die dritte Hand auf der Ikone.

Interessant finde ich auch eine weitere Legende zur Panagia Tricherusa. Im Kloster Hilandar soll die Ikone auf wundersame Weise immer wieder von ihrem Platz auf dem Altar auf den Stuhl des Abts gewandert sein, bis sie von den Mönchen als Abt anerkannt wurde. Noch heute gibt es in diesem Kloster keinen (anderen) Abt.

Auch ein anderer Heiliger wird mit drei Händen dargestellt: Der heilige Kasimir (1458-1484), dessen Reliquien im Dom von Vilnius zu finden sind. Die eine seiner zwei rechten Hände wollte der Künstler einst übermalen. Doch sie sei immer wieder von neuem sichtbar geworden, und konnte auch in der Folge nicht überdeckt werden. Heute steht seine dritte Hand symbolisch für die Grossherzigkeit des gerechten Heiligen.

Ich habe mich auch wieder an ein Mural des Streetart-Künstler "Dome" erinnert, das ich fast jeden Tag beim Überqueren des Frauenfelder Bahnhofsplatzes betrachten kann (Siehe Beitrag vom 11. August 2023!). Dort stellt der Künstler ein doppeltes Mädchen mit überzähligem Arm dar. Vielleicht ist dieser dritte Arm nicht nur eine Anspielung auf durch künstliche Intelligenz erzeugte überzählige Elemente auf gefälschten Bildern, sondern auch eine Hinweis auf die "Panagia Tricherusa", die dreihändige Muttergottes. So gesehen hätte der Künstler mit seinem Mural der Frauenfelder Bevölkerung ein eigenwillig interpretiertes religiöses Fresko untergejubelt, in einer Zeit, in der Christliches immer mehr aus dem öffentlichen Raum verschwindet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 30. Oktober 2024

Arbeiten und Zuschauen

Ein Zitat

Müllabsaugung bei den Bushaltestellen in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Müll ist die Pest eines überverpackten Zeitalters." Fritz P. Rinnhofer (1939 - 2020), Marketing- und Verkaufsmanager

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,19

"Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst. Denn aus ihm bist du gemacht: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück."

Eine Anregung

Das ist ein Foto zur Aussage: "Arbeiten ist schön, ich könnte stundenlang zuschauen". Allerdings ging die Müllabsaugung und Reinigung der Müllsammler ausgesprochen speditiv, so dass die Haltestelle in St. Gallen früh am Morgen schnell wieder ihrem eigentlichen Zweck überlassen werden konnte: Dem Einsammeln von Passantinnen und Passanten zum Abtransport per Bus.

Ich will heute besonders für die städtischen Angestellten beten, welche dafür sorgen, dass Mülleimer nicht überquellen und die Strassen und Gehwege sauber daherkommen.

Gott sei Dank für die "Müllfrauen" und "Müllmänner"!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 29. Oktober 2024

Geben und Nehmen

Ein Zitat

Am Erntedankfest bringen Menschen Früchte und Gemüse auf mit und legen sie auf den Altartisch.
Foto © Jörg Niederer
"Geben macht reich, festhalten arm." Eva von Tiele-Winckler (1866-1930), Gründerin des Diakonissenhauses "Friedenshort"

Ein Bibelvers - Sprüche 21,13

"Wer sein Ohr vor dem Hilferuf eines Armen verschließt, der erhält auch keine Antwort, wenn er selbst ruft."

Eine Anregung

Das Leben besteht aus Geben und Nehmen. Zu einigen Zeiten überwiegt das Nehmen. Doch immer ist da auch ein Geben mit dabei. Das Kleinkind zeigt durch Lebensfreude und Lachen, wie sehr es das Geben der Eltern schätzt. Über lange Zeit geben wir im Beruf unsere Expertise und unsere Arbeitskraft, manche geben auch alles, damit wir Anteile in Form von Lohn zurückbekommen. 

Geben und Nehmen ist nicht fair verteilt. Manche nehmen sich unglaublich viel heraus, andere geben mehr, als sie verkraften können.

Es ist eine Kunst, Geben und Nehmen in ein Gleichgewicht zu bringen. Besonders in reichen Ländern ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, zu geben. Auf Reisen nehmen wir die Gastfreundschaft anderer Kulturen natürlich in Anspruch. Aber sind wir selbst in gleicher Weise gastfreundlich? Wir konsumieren über das Weltverträgliche hinaus. Andere überleben gerade so mit dem, was ihnen gelassen wird.

Das Austeilen der Starken sieht anders aus als das Geben der Schwachen. Letztere haben kaum Chancen, sich an den Fleischtöpfen der Welt satt zu essen. Dort schmausen die Starken bis sie nicht mehr genug bekommen können.

Es ist eine Kunst, Geben und Nehmen in ein Gleichgewicht zu bringen. Das wusste man schon immer. Schwer ist es für Menschen, die weniger als genug haben. Schwer ist es für Menschen, die mehr als genug haben.

Geben und Nehmen ist eine alltägliche Übung, die uns nicht selten überfordert; bestimmt aber fordert sie uns heraus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 28. Oktober 2024

Schnecken - mehr als Delikatessen

Ein Zitat

Haarschnecken haben sich unter einem herbstlichen Blatt versteckt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Spirale steht für Ewigkeit. Sie kann ins Unendliche weitergezogen werden. Selbst im Universum ist dies Form zu finden. Wir leben auf einem Planeten in einer Spiralgalaxie." Aus der Predigt "Schneckengleichnisse"

Ein Bibelvers - Römer 1,20

"Denn sein [Gottes] unsichtbares Wesen ist seit der Erschaffung der Welt erkennbar geworden – und zwar an dem, was er geschaffen hat. Es ist seine ewige Macht und seine Göttlichkeit."

Eine Anregung

Ich komme noch einmal auf Schnecken zu sprechen. Das für mich aktuell schönste Foto von Schnecken ist per Zufall entstanden. Auf einer Wanderung habe ich innegehalten, und dabei drehte ich, ohne es zu wollen ein Herbstblatt um. Eine winzigkleine Haarschnecke hatte sich darunter versteckt. Erst zuhause bemerkte ich dann auch noch das zweite Exemplar an diesem herbstlichen Blatt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie von Haarschnecken gehört. Wie schön, dass es in Gottes Natur immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, selbst im Herbst (des Lebens).

Ein Nachtrag zum Erntedank-Gottesdienst über Schnecken von gestern in der Methodistenkirche St Gallen. Heute entdeckte ich zufällig einen SRF-Beitrag aus der Serie "Unsere wilden Freunde" (Dokumentationen in anderen Landessprachen) über Schecken aus dem Jahr 2020. Der Beitrag in französischer Sprache ist deutsch untertitelt und bietet sehr interessante Einblicke in das Leben unserer Mollusken.

Wer lieber meine Predigt "Schneckengleichnisse" nachlesen möchte, kann das auf der Webseite der EMK St. Gallen tun.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 27. Oktober 2024

Erntedank mit Schnecken

Ein Zitat

Baby-Schnecke auf Maschendrahtzaun.
Foto © Jörg Niederer
"Schnecken bevorzugen sterbende (welke) und tote Pflanzen. Wie die meisten Vegetarier können auch sie grüne Pflanzen, die hauptsächlich aus Wasser und Zellulose bestehen, nicht selbst verwerten" Quelle: Naturmuseum Olten

Ein Bibelvers - Psalm 148,7.9+10

"Von der Erde her – lobt den Herrn... Lobt ihn, ihr Berge und Hügel, ihr Obstbäume und Zedernwälder, ihr Raubtiere und alles Vieh, ihr Kriechtiere und gefiederten Vögel."

Eine Anregung

Am Erntedankfest eine Predigt über Schnecken! Das löst erst einmal Befremden aus bei den Personen, denen ich es erzähle. Sind das nicht die Tiere, welche Ernten vernichten und unser Gemüse fressen?

Meist denken die Personen dabei an die Spanische Wegschnecke (Siehe Beitrag vom 19. Oktober). Aber es gibt in der Schweiz 254 einheimische Arten. Davon sind 51 im Wasser zuhause. 168 Arten gehören zu den Gehäuseschnecken und 35 sind Nacktschnecken. Die überwiegende Zahl dieser Schnecken sieht man kaum einmal in einem Gemüsegarten oder auf einem Gemüsefeld. Viele von ihnen stellen sogar den Schädlingen unter den Schnecken nach. So frisst die Weinbergschnecke die Eier der Spanischen Wegschnecke. Der Tigerschnegel jagt sie sogar und frisst sie auf.

Bei der Humusbildung erfüllen Schnecken, genauso wie die Würmer, wichtige Aufgaben bei der Zersetzung von organischem Material.

Was aber noch entscheidender ist: Die Bibel sieht auch in umstrittenen Tieren Geschöpfe Gottes. Schon das ist Grund, ihm auch für dieses kriechende Getier zu danken.

Eben zum Beispiel beim Erntedankfest, heute um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6. Anschliessend offerieren die Kinder ihre selbst gekochte Suppe. Alle sind herzlich eingeladen.

Übrigens: Wer nun einmal selbst Schnecken der Schweiz bestimmen möchte, kann das tun auf der Webseite Schneckenchecken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 26. Oktober 2024

Himmel-Hölle, evangelisch gelesen

Ein Zitat

Fresko von Lombardo und Cristoforo da Seregno im Oratorium von Morcote.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere Sprache ist eindringlich, wenn unser Tun redet. Ich beschwöre euch daher: lasst doch euren Mund verstummen und eure Taten reden." Antonius von Padua (1195-1231)

Ein Bibelvers - Lukas 5,10

"Jesus sagte zu Simon: 'Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!'"

Eine Anregung

Auf halbem Weg hinauf zur Kirche von Morcote steht ein Gebetshaus an einem alten Saumpfad nach Lugano. Es gehörte wohl einst zu einem Hospiz der Mönche des Antonius. Im Inneren findet sich das hier abfotografierte Fresko, Mitte des 15. Jahrhunderts geschaffen von Lombardo und Cristoforo da Seregno. Es handelt sich wohl um ein Ablassbild, das für ein Fischerdorf sehr passend die Verstorbenen zeigt, wie sie in den Netzen der Teufel festhangen und dort auch herausgerettet werden können durch die Gaben der Lebenden. So steht in der Kapelle auch ein Kasten, in dem "Almosen für die Seelen im Fegefeuer" eingeworfen werden können.

Auch als Allegorie des Jüngsten Gerichts kann dieses Werk gelesen werden, oder als Kampf von Himmel und Hölle um die Seelen der Verstorbenen.

Mir als evangelischem Christ kommt sofort auch die Metapher von den Menschenfischern in den Sinn. Simon Petrus, der Fischer, wir mit dieser Beauftragung von Jesus in seine Nachfolge gerufen.

Es bräuchte nur wenig Änderungen am Fresko für diese Leseart. Die Dämonen wären in meinem Bild ausgetauscht gegen die Fischer-Jünger Jakobus, Johannes, und Simon Petrus. Diese halten kein Fang- sondern ein Rettungsnetz in den Händen, an dem sie Menschen aus dem Abgrund ihrer Verstrickungen herausretten. Schlussendlich werden die Geretteten durch Engel voller Freude dem Himmel entgegengetragen, ganz im Sinn von Lukas 15,7: "Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern."

So also sähe mein gedanklicher Minibildersturm aus: Befreit von den Dämonen. Ach ja, und Gott würde bei mir auf dem Fresko auch nicht aussehen wie Maharishi Mahesh Yogi, diesem 2008 verstorbene indische Guru vom Seelisberg.

Wie Gott bei mir aussehen würde? Schwierige Frage!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 25. Oktober 2024

Wohin geht die Reise?

Ein Zitat

Ein Personenzug hat den Bahnhof Lugano durchfahren in Richtung Norden.
Foto © Jörg Niederer
"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." Lucius Annaeus Seneca (gestorben 65 n. Chr.)

Ein Bibelvers - Sprüche 14,15+16

"Unerfahrene Menschen glauben jedes Wort. Ein Kluger aber überlegt jeden seiner Schritte. Der Weise ist vorsichtig und meidet Gefahr. Der Dumme verrennt sich und fühlt sich sicher."

Eine Anregung

Ich setze mich in ein leeres Abteil. Gegenüber, auf der anderen Seite des Mittelgangs, sitzt ein etwas seltsam gekleidete Frau mit einem Einkaufswagen. Sie schaut mich neugierig lachend an, ja mustert mich, und fragt dann: "Sind sie am Wandern?" Meine etwas flapsige Antwort: "Bis jetzt noch nicht. Aber es wird dann schon noch irgendwohin gehen." Darauf meint sie trocken: "Ja, irgendwohin geht es immer!"

Später will sie mich dann noch mit einer hinzugestiegenen älteren Frau verkuppeln. Aber das ist eine andere Geschichte. 

"Ja, irgendwohin geht es immer!" Diese Aussage hat mich bis heute begleitet. "Irgendwohin geht es immer." Aber wohin geht es? Wohin führt mein Lebensweg? Wohin führt der Weg jener Frau? Irgendwohin, das ist ja klar. Aber auch dahin, wo sie und wo ich hin wollen? 

"Irgendwohin geht es immer." Später an diesem Tag bin ich dann an dem Ort vorbeigekommen, an dem meine Vorfahren zuhause waren. Das Woher wäre damit geklärt. Das Wohin ist noch offen. Ich bin gespannt. Ich weiss ja jetzt: "Irgendwohin geht es immer."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 24. Oktober 2024

Auf dem Kastanien-Kreuzweg

Ein Zitat

Eine kreuzförmig aufgeplatzte Edelkastanie.
Foto © Jörg Niederer
"Wie seltsam kreuzen sich doch die Wege des Lebens!" Hans Christian Andersen (1805-1875)

Ein Bibelvers - Lukas 23,26

"Die Soldaten führten Jesus zur Hinrichtung. Unterwegs hielten sie Simon von Kyrene an, der gerade vom Feld zurückkam. Sie luden ihm das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrug."

Eine Anregung

Wer mit der Absicht hinausgeht, um Kreise zu entdecken, wird nach kurzer Zeit feststellen: Es gibt sie überall. Fenster, Bälle, Kugeln in Skulpturen, Eicheln und ihre Kelche, Kürbisse, Äpfel, die Sonne am Himmel, der Mond, der Buchstabe O, auch Tische in Gaststätten. 

Wer mit der Absicht hinausgeht, um Kreuze zu entdecken, wird nach kurzer Zeit feststellen: Es gibt sie überall. Natürlich Wegkreuze und die Kreuze auf Kirchtürmen; aber auch durch die Anordnung von Fenstern gebildete Kreuze, dann die Kreuze zwischen den Pflastersteinen, der Schlitz der Kreuzschrauben, die Schwerter in den Händen der Helden auf dem Kriegsdenkmal, die Strassenkreuzungen, das Schweizerkreuz auf den Flaggen, die Musterung auf der Kreuzspinne, der kreuzförmige Kreuzkümmel, die Kreuzanhänger um den Hals der Passanten, die Tätowierung am Hinterkopf des Vordermannes. Selbst die Früchte der Edelkastanien zerplatzen kreuzförmig.

Heute lade ich dich ein, einmal aufmerksam durch den Tag zu gehen und nach Sternen zu suchen, ja nach den Sternen zu greifen, dort wo es dir möglich ist.

Ich kann damit zu Hause beginnen. Da stehen die ersten Zimtsterne auf dem Tisch, eingeschlagen in adventlich bedrucktem Cellophan. Nur irgendwie schmecken sie noch nicht so recht nach Weihnachten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 23. Oktober 2024

Kerzenleuchten

Ein Zitat

Eine junge Frau zündet in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano eine Gebetskerze an.
Foto © Jörg Niederer
"Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft! / So scheint die gute Tat in arger Welt." William Shakespeare (1564–1616)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,3

"Gott sprach: 'Es soll Licht werden!' Und es wurde Licht."

Eine Anregung

Einfache Rituale. Vieles an Kirchen funktioniert nicht mehr. Aber so eine Kerze anzünden, das geht noch. Vielleicht verbunden mit einem Gebet. Vielleicht auch nicht. Ein stilles Tun. Selbst dann, wenn es im Menschen schreien sollte. Wie heissen jene, für die die Kerzen flackern? Was erwarten die, welche so an sie denken? 

Einfache Rituale. Vielleicht verbunden mit einem Versprechen. Vielleicht auch Sinnbild der Leere. Vielleicht ein Dank, der da im Halbdunkel lichtelt.

Ich stelle mir vor: Da kommt einer, und bläst die Kerzen alle aus, als stünden sie auf einer Geburtstagstorte. Sind dann auch die Gebete, Versprechungen und die Leere wie weggeblasen?

Ich stelle mir vor, dass ich sitzen bleibe, bis meine Kerze erlischt. Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? Worauf achte ich? Welche Gefühle und Bilder überfallen mich?

Ich kneife die Augen zusammen. Die Flammen werden zu unsteten Sternen. Ich starre durch sie hindurch, bis jedes Licht zweimal leuchtet. Hindurchsehen durch alle Sorgen. Hindurchsehen, durch das Vordergründige. Den Durchblick bekommen, das möchte ich.

Und wieder tritt jemand hinzu, entfacht eine weitere Kerze. Sie leuchtet. Darauf kommt es an. Dass Licht werde. Wie am jüngsten Tag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 22. Oktober 2024

Grill den Lorenzo

Ein Zitat

Fresko des heiligen Laurentius in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Dreht mich um auf die andre Seit, denn auf dieser bin ich schon so weit." St. Laurentius von Rom (gestorben 258 n. Chr.)

Ein Bibelvers - Markus 10,21

"Jesus sah ihn an. Er gewann ihn lieb und sagte zu ihm: 'Eins fehlt dir noch: Geh los, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. So wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir!'"

Eine Anregung

Die Kathedrale San Lorenzo in Lugano trägt den Namen dieses Heiligen. Da müsste ein Fresko oder eine Plastik oder ein Bild vom Heiligen Laurentius doch auch in besagter Kirche zu finden sein. Nun, ich glaube, dass es sich bei diesem abfotografierten Fresko um besagten christlichen Märtyrer handelt. Zumindest passen einige der noch sichtbaren Attribute ganz gut zum Heiligen, wenn auch das eindeutigste, der Eisenrost, nicht mehr zu erkennen ist. Weiter habe ich St. Laurentius noch in einem kleinen, zentralen, runden Bild an der Kathedralendecke ausgemacht, dort mit besagtem Rost.

Die Heiligenlegende erklärt, was es mit diesem Eisengitter auf sich hat.

Der Heilige Laurentius lebte zur Zeit des römische Kaisers Valerian. Diesen gelüstete nach den Kirchenschätzen, und so liess er Papst Sixtus II. enthaupten. Dann rief er den Archidiakon Laurentius zu sich und verlangte von diesem die Herausgabe des Kirchenschatzes. Laurentius bat um drei Tage Bedenkzeit, ging in die Schatzkammer, holte das Kirchenvermögen hervor und verteilte es an die Mitglieder der christlichen Gemeinde von Rom (nach anderer Quelle an die Armen). Mit einer Schar von Armen, Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen trat er wieder vor Kaiser Valerian und bezeichnete seine Begleitung als "den wahren Schatz der Kirche". Kaiser Valerian war nicht erfreut und liess ihn foltern und schlussendlich auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Die letzten Worte von Laurentius an den Kaiser sollen gelautet haben: "Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein."

Logisch also, dass man St. Laurentius auf Darstellungen am sichersten am Eisenrost identifiziert, sofern dieses Attribut noch zu erkennen ist. 

Bei der Recherche zum Heiligen bin ich auf ein Bier gestossen, das nach St. Laurentius benannt ist. Der Märtyrer sei auch der Schutzheilige der Brauer, so heisst es auf der Webseite der Bülacher St. Laurentius Craft Beer Brauerei. Laurentius ist in Bülach Stadtheiliger. Auf dem Wappen der Stadt ist denn auch der Eisenrost abgebildet. Nun wissen wir also, wo der Eisenrost hingekommen ist, der dem Laurentius in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano fehlt. Die Bülacher haben ihn.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 21. Oktober 2024

Seeadler im Thurgau

Ein Zitat

Am Hugiweiher bei Frauenfeld pausiert ein einjähriger Seeadler auf seinem Zug.
Foto © Jörg Niederer
"Wer will dem Adler die Bahn vorschreiben, wenn er die Schwingen entfaltet und stürmischen Flugs sich zu den Sternen erhebt?" Georg Büchner (1813-1837)

Ein Bibelvers - 2. Mose 19,3+4

"Da rief ihm der Herr vom Berg aus zu: 'Sag es dem Haus Jakob! Verkünde es den Israeliten: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe. Euch aber habe ich wie ein Adler auf Flügeln getragen und hierher zu mir gebracht.'"

Eine Anregung

Seit zwei Tagen kann am Hugiweiher bei Frauenfeld ein Seeadler beobachtet werden. Statistisch schwanken dessen Sichtungen in der Schweiz zwischen keinem bis 3 Tieren pro Jahr. In Frauenfeld ist es die allererste Beobachtung des grössten europäischen Greifvogels.

Der Adler ist nicht beringt. Er kommt somit nicht aus der französischen Zuchtstation am Genfersee. Heute Morgen habe ich mir dieses beeindruckende Wildtier angesehen können.

Solche besonderen Beobachtungen ziehen immer viele Vogelkundlerinnen und Vogelkundler an. Es ist also gerade einiges los rund um den Hugiweiher.

Seeadler sind mit einer Flügelspannweite von bis zu  2,4 Metern deutlich grösser als der bei uns oft zu sehende und auch schon beachtlich grosse Rotmilan. Seine Hauptnahrung sind bis fünf Kilogramm schwere Fische, aber auch Vögel und Säugetiere bis zur Grösse einer Graugans. Für die Berufsfischerei sind Seeadler nützlich, weil sie für Unruhe unter den Kormoranen sorgen. Der Seeadler in Frauenfeld ist wohl etwa einjährig und auf dem Zug in den Süden ans Meer oder zu einem bewaldeten See.

Beim Betrachten dieses eindrücklichen Vogels verstehe ich, warum Adler in der Bibel immer wieder in positiver Weise für Gottes Kraft und Stärke steht, aber auch für Kraft und Vitalität der Menschen, die durch Gottes Eingreifen bewirkt wird. (Psalm 103,5).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 20. Oktober 2024

Saftige Beute

Ein Zitat

Blässhuhn auf dem Ägelsee bei Frauenfeld mit Apfel.
Foto © Jörg Niederer
"Fällt der Apfel reif ins Maul, dann beiss zu und sei nicht faul." Redensart

Ein Bibelvers - Hohelied 7,9

"Ich denk: Auf die Palme will ich klettern, nach ihren süßen Früchten will ich greifen. Deine Brüste sind wie Weintrauben für mich. Dein Atem duftet wie frische Äpfel."

Eine Anregung

Gewusst habe ich es nicht, dass Blässhühner auch an Äpfeln Freude finden. Bis ich auf dem Ägelsee diese Szene beobachten und in einem kurzen kurzen Filmchen festhalten konnte.

Dem Blässhuhn war es ernst. Sobald ein anderer Vogel in seine Nähe kam, spiesste es den Apfel auf und trug ihn davon. Saftige Beute teilt man nicht.

Heute Sonntag wünsche ich allen auch saftige Beute oder etwas Ebenbürtiges. Das könnte ja auch bei einem Besuch in der Kirche der Fall sein. Wer weiss, vielleicht ist die Predigt so süss wie ein bekömmlicher Apfel!

Den kurzen Film mit dem Blässhuhn und dem Apfel gibt es hier zu sehen. Danke, wenn ihr ihn liked oder kommentiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 19. Oktober 2024

Ich mag dich (nicht)

Ein Zitat

Eine Spanische Wegschnecke auf einem Kiesweg.
Foto © Jörg Niederer
"Das Gute bewegt sich wie eine Schnecke, aber das Übel hat Flügel." Sprichwort aus Indien

Ein Bibelvers - Psalm 58,9

"Sie [Frevler und Mächtige] sollen wie eine Schnecke im Schleim zerfließen."

Eine Anregung

Die Spanische Wegschnecke ist die bei Gärtner:innen wohl unbeliebteste Schnecken überhaupt. Sie kann massive Schäden anrichten an Kulturpflanzen. Daran ist der Mensch aber auch zu einem grossen Teil selbst schuld. Erstens wurde die Spanische Wegschnecke bei uns als "blinde Passagierin" in Lieferungen von landwirtschaftlichen Produkten und/oder durch den Tourismus eingeschleppt. Zweitens hat man die Kulturpflanzen von Stoffen freigezüchtet, welche diese Schneckenart meidet. In Wildpflanzen sind diese Stoffe noch enthalten, folglich zieht die Schnecke unser Gemüse vor und lässt es sich gut gehen in den Schrebergärten. 

In der Schweiz werden erste Vorkommen dieser Schnecke seit 1956 vermutet. Da sie aber kaum zu unterscheiden ist von weiteren 50 Arten der Wegschnecken, weiss man das nicht so genau.

Würde die Spanische Wegschnecke nicht gelegentlich in grosser Zahl auftreten und dann alles fressen, was so in einem gepflegten Blumen- und Gemüsegarten wächst, wäre sie sogar nützlich. Denn sie frisst auch Ass und Pflanzen, und beschleunigt so die Bildung von neuer Erde. Selbst tote Artgenossen werden dabei nicht verschmäht.

In der Bibel wird die Schnecke wortmalerisch "shablul" genannt und kommt nur an einer Stelle vor, im Psalm 58,9. Dort ist sie ein Bild für die Selbstzerstörung der Mächtigen und Ungerechten. Man dachte wohl, dass die Schnecke sich zusehends in Schleim auflöst, bis nichts mehr von ihr übrig bleibt.

Der Schneckenschleim wird seit einigen Jahren auch in der Kosmetik als Antiaging verwendet. Er soll die Haut fein, straff und jugendlich halten. Tröstlich also, dass das Tier, das uns das Gemüse wegfrisst, wenigsten für eine gepflegtes Aussehen sorgt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 18. Oktober 2024

Stillstand

Ein Zitat

Ein winzigkleiner, filigraner Pilz, wohl ein Helmling, wächst im Güttinger Eichenwald.
Foto © Jörg Niederer
"Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen." Mahatma Gandhi (1869-1948)

Ein Bibelvers - Psalm 62,2

"Bei Gott schweigt meine Seele still. Von ihm kommt die Hilfe, die ich nötig habe!"

Eine Anregung

Ich habe das kleine weisse Pünktchen auf dem sonst von Brauntönen domminierten, lichtarmen Waldboden nur gesehen, weil ich stehen geblieben bin. In der Dynamik des Wanderns wäre mir der kleine Pilz, wohl ein Helmling, nie aufgefallen.

Tags zuvor bin ich wieder einmal auf einer der wenigen Hochgeschwindigkeitsstrecken der Schweiz mit annähernd 200 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Während die Welt im Bahnwagon, da wo wir sassen, sich kaum veränderte, entschwand das Draussen zusehends der Wahrnehmung. Unglaublich viele Dinge wurden, wie schon Reinhard Mey sang "nichtig und klein". So war es nicht weiter schlimm, dass die Bahn lange Zeit durch die Dunkelheit eines Tunnels raste und keine Blicke freigab auf das Sein und Vergehen da draussen.

Nun frage ich mich: Reicht es, das Grosse und Ganze zu sehen? Reicht es, mit meist beachtlicher Geschwindigkeit unsere Wege zurückzulegen? Bei der Einführung der Bahn diskutierte man noch, ob die "hohe" Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometer nicht lebensbedrohlich sei für den menschlichen Körper, der dazu doch gar nicht geschaffen sei. Heute scheint mir, dass wir in anderer Weise uns und die Welt der Geschwindigkeit opfern. Vor lauter Übersicht sehen wir die feinen und filigranen Zusammenhänge nicht mehr. Wir eilen am Leben und seiner Vielfalt vorbei. Diese wird in unseren menschlichen Augen denn auch immer gleichgültiger. Es kommt nicht mehr darauf an, dass dieser kleine Pilz noch da ist; weil wir ihn schon gar nicht mehr sehen. Die Flasche, aus dem fahrenden Auto geworfen, wird von den Personen im Fahrzeug nicht mehr gesehen. Für den Bauern, auf dessen Weide sie zerschellt ist, oder für die Passantin, die auf dem Spaziergang daran vorüber geht, sind ihre Scherben dagegen sichtbar und ärgerlich, mitunter sogar gefährlich. 

So gesehen sind Staus auf den Strassen ein Segen. Sie unterbrechen unsere Bewegung und lassen uns den Ort und unsere wirklichen Bedürfnisse wenn nicht erkennen, so doch wenigsten erahnen. Da sehen wir dann diese hässlichen Strassenränder, die wir mit unserer Mobilität verbrochen haben, spüren unsere Launen, und in manchen Situationen den Harndrang fern einer Toilette (eine weitere Sache, zu der man besser still steht oder still kauert).

Still stehen. Still sein. Sehen. Hinhören. Riechen. Spüren. Das ist es, was wir wohl mehr denn je brauchen.

Wir benötigen Stillstand.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen