Freitag, 8. März 2024

Tanzende Bäume

Ein Zitat

Ein drehwüchsiger Birnbaum in Gerlikon bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein krummer Baum lebt sein Leben. Ein gerader Baum wird ein Brett." Chinesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 31,13

"Dann werden die Mädchen vor Freude tanzen, Jung und Alt werden miteinander lachen. Ich werde ihre Trauer in Freude verwandeln. Ich werde sie trösten und sie von ihrem Kummer befreien."

Eine Anregung

Es sieht aus, als würden sich viele Bäume im Verlauf ihres Lebens ganz langsam um die eigene Achse drehen. Sie Tanzen im Kreis, um ihren eigenen Mittelpunkt. Sie tun dies nach links und nach rechts. Sie schrauben sich in den Himmel. An Rotbuchen und Kastanien kann das beobachtet werden, aber auch an Birn- und Apfelbäumen. Der Drall im Holz, man nennt ihn in der Fachsprache "Drehwuchs". Es scheint, als wäre er einerseits genetisch bedingt. Nachwuchs von drehwüchsigen Bäumen werden überdurchschnittlich oft auch drehwüchsig. Aber andererseits auch Hanglagen und anderes Standortgegebenheiten verstärken den Drehwuchs.

Dieser Pirouettenwuchs kommt daher, dass die Holzfasern schräg zur Vertikalen um den Holzmittelpunkt herum wachsen. Das erhöht die Stabilität und Bruchfestigkeit der Bäume. Flexibel wie Spiralfedern können sie dem Sturmdruck des Winds besser nachgeben.

Den Dreh behält das Holz auch, wenn es später bearbeitet wird. Das kann man in alten Gebäuden beobachten. Die vielhundertjährigen Balken haben sich über die Zeit oft weiter gebogen und verzogen. Die Bäume tanzen über den Tod hinaus. Sie tanzen, so könnte man sagen, in den Himmel hinein, auch wenn dieser für den Baum oft schon auf Höhe eines Hausgiebels erreicht ist.

In der Holzwirtschaft mag man die Tänzerinnen unter den Bäumen nicht. Mittels Auslese wurden daher vor allem geradewachsende Bäume vermehrt. Was für den Holzbau gut ist, ist bei Sturm ein Problem. Bäume die nicht tanzen fallen schneller hin.

Auch bei Menschen erhöht der Tanz die Standfestigkeit und Koordination. Und auch die Vorstellung, dass wir in den Himmel hineintanzen, findet seinen Niederschlag, etwa im Totentanz zu Basel. (Siehe Blog vom 21. September 2023!) So könnte man also sagen: Tanzen bringt dich im Leben weiter!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 7. März 2024

Die Stärkere

Ein Zitat

Eine energisch bettelnde Graugans auf dem Waldweiher Inner Cholmoos bei Bremgarten.
Foto © Jörg Niederer
"Wer die andern neben sich klein macht, ist nie gross." Johann Gottfried Seume (1763-1810)

Ein Bibelvers - Lukas 18,4-5a

"Lange Zeit wollte sich der Richter nicht darum kümmern. Doch dann sagte er sich: 'Ich habe zwar keine Achtung vor Gott und ich nehme auf keinen Menschen Rücksicht. Aber diese Witwe ist mir lästig'."

Eine Anregung

Früher haben wir Quartett gespielt. Ein Satz mit Karten, auf denen Bilder von z.B. Militärpanzern oder Sportwagen oder Tieren abgebildet waren, wurde auf zwei oder mehr Personen verteilt. Dann versuchte einer einen aufgeführten Wert (z.B. das Gewicht des Panzers oder Tiers) von der oben aufliegenden Karte zu nennen, der höher war als die entsprechenden Werte auf den Karten der Mitspielenden. Wer den höchsten Wert in der Spielrunde hatte, bekam die jeweiligen Karte aller andern. Ziel war es, so den ganzen Stapel an Spielkarten zu erobern. 

Die Grösste, der Stärkste, die Schnellste... Da las ich unlängst, wie jemand sich fragte, ob nun der Respekt einem Schwan oder einer Gans gegenüber angebrachter sei. Beides sind Gänsevögel und bringen ein erhebliches Gewicht auf die Waage. Bei der Graugans sind es bis 3,7 kg, beim Höckerschwan bis 12 kg. Die Sache scheint klar. Der Schwan gewinnt im Quartett der Vögel.

Davon wusste aber die Graugans nichts, die uns am Waldweiher "Inner Cholmoos" unweit vom der Findlingsgruppe Erdmannlistein auf die Pelle rückte, als wir dort einen Picknickhalt einlegten. Mit Bestimmtheit forderte sie ihren Anteil, wobei sie neben sich keine Konkurrenz duldete, immer wieder andere sich nähernde Vogelpaare vertrieb, ja selbst dem eigenen Partner oder der Partnerin keinen Bissen gönnte. Kam hinzu, dass der allzu zutrauliche Vogel uns immer wieder anfauchte, just dann, wenn er von uns etwas erhielt. Dieweil verursachten die verschiedenen Grauganspaare bei Abstecken ihrer Brutreviere einen gespenstischen Hitchcock-Soundtrack.

Ich bin sicher, die Graugans hätte auch jeden Höckerschwan vertrieben. Selbst vor einem anwesenden grossen Jagdhund wich der Vogel keinen Schritt zurück.

Wieviel daran nun Bluff war, und wie viel wahre Stärke, weiss ich nicht. Ich wollte es auch nicht ausprobieren. Die Gans kam mir ein bisschen so vor, wie die Witwe in einem Gleichnis, das Jesus erzählte (Lukas 18,1-8). Das handelt von einem wohl korrupten Richter, der alle Macht auf seiner Seite hatte, und doch einer Witwe nachgab, weil diese ihn hartnäckig immer wieder aufsuchte und ihr Recht einforderte. Aus der Begründung seines Nachgeben: "Sonst verpasst sie [die Witwe] mir am Ende noch einen Schlag ins Gesicht", höre ich beim Richter eine gewisse Ironie heraus. Die Frau war lästig. Sie spielte ihre Stärke in einer Weise aus, dass der Stärkere nachgeben musste und wollte.

Auch bei der Gans habe ich mir gesagt: Man weiss ja nicht, am Ende zwickt sie mich noch ins Bein, wenn ich ihr nicht gebe, was sie will. In diesem Quartett-Spielzug des Lebens hat eindeutig die Gans gewonnen und mir Respekt abverlangt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 6. März 2024

Eistaufe, Lobpreis und Naturerfahrung

Ein Zitat

Familienausflug auf den Gemmipass.
Foto © Jörg Niederer
"In einer Zeit, in der Kirchen einen schweren Stand haben und mit schrumpfenden Zahlen zu kämpfen haben, ist die Aufnahme von achtzehn Personen etwas ganz Besonderes!" Bischof Harald Rückert anlässlich des Festgottesdienstes im Februar 2024 in Rosenheim.

Ein Bibelvers - Psalm 11,2+3

"Groß sind die Taten des Herrn. Alle, die sie lieben, erkunden sie gern. Pracht und Schönheit umgeben sein Tun, und seine Gerechtigkeit steht fest für immer."

Eine Anregung

Erst zweieinhalb Jahre liegt die Gründung einer methodistischen Gemeinde in Rosenheim zurück. Im aus einer Fernseh-Krimiserie bekannten, etwa 60 Kilometer südöstlich von München gelegenen Ort entstand unter der Leitung des Ehepaars Simon und Deborah Kurfess sowie Lea Schmidt eine Gemeinde, in der die Natur Teil des gottesdienstliche Erlebens ist. Gegenüber "Unterwegs", der Zeitschrift der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, äusserte sich Simon Kurfess: "Wir beziehen verstärkt die Natur als Gottes wunderbare Schöpfung in unsere Arbeit mit ein." Dazu gehörten Gottesdienste am Seeufer oder am Gipfelkreuz, aber auch "Outdoor-Abendmahl" wurde angeboten. Weiter heisst es in Unterwegs: "Das englische Motto 'The Church has left the Building' – die Kirche verlässt ihr Gebäude – wirke so stark, dass die Mitwirkenden davon zutiefst überzeugt seien. 'Wir wollen Kirche sein, wo die Menschen sind', sagt der 34-jährige Pastor. Deborah, seine Ehefrau, pausiert aktuell in ihrem Beruf als Hebamme, 'um sich auf andere Weise als Geburtshelferin aktiv in der Aufbauarbeit mit einbringen zu können'." 

Die erste Taufe fand denn auch Outdoor im Happinger See statt. Wohlgemerkt im Dezember in 4 Grad kaltem Wasser. Zugut kommt dieser Form der Gemeindearbeit sicher auch, dass Simon Kurfess ausgebildeter Bergwanderführer ist.

Im Februar dieses Jahres konnten an einem mit rund 100 Menschen gut besuchten Gottesdienst gleich 18 Personen neu in die Kirchengliedschaft aufgenommen werden.

Die innovative Gemeindearbeit im bayrischen Alpenvorland wird intensiv unterstützt durch die Theologische Hochschule Reutlingen. Dabei ist die dort mögliche duale Ausbildung hilfreich, bei der ein Student zugleich auch schon als Pfarrer in einer Gemeindegründungsarbeit eingesetzt werden kann. Laut Kurfess ist dies ein "Schlüsselelement", das die Rosenheimer Methodistengemeinde möglich gemacht hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 5. März 2024

Wärme

Ein Zitat

Frauenskulptur mit rotem Halstuch und Strumpf in einem Garten in Wohlen AG.
Foto © Jörg Niederer
"Den Kopf halt' kühl, die Füße warm, / das macht den besten Doktor arm." Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Könige 1,1

"König David war sehr alt geworden. Obwohl man ihn mit Decken zudeckte, wurde ihm im Bett nicht mehr warm."

Eine Anregung

Die aus Stein gehauene Frauengestalt sitzt im Garten und ist lediglich mit einem roten Halstuch und einem roten Strumpf bekleidet. Die Strickwaren gehörten wohl nicht zum Konzept der Künstlerin oder des Künstlers. Auch bringen sie der steinernen Lady nur wenig Wärme. Das weiss wohl auch die Person, welche sie derart bekleidet hat. 

Möchte ich da sitzen wie diese Statue, lebendig und atmend, bekleidet lediglich mit Halstuch und Strumpf. Wohl eher nicht. Das wäre mir sehr unangenehm. Mich regt die Statue aber an, über Wärme nachzudenken.

Was führt dazu, dass es mir warm ums Herz wird? Was löst bei mir ein Frösteln aus? Hat die Aussentemperatur Einfluss auf mein inneres Wohlbefinden? Wie viele Halstücher habe ich? Wie viele Halstücher habe ich schon verloren? Wann habe ich mir das letzte Mal nasse Strümpfe geholt? Freue ich mich auf die warme Jahreszeit? Bin ich eher kalt- oder warmfüssig unterwegs? Von wem oder was lasse ich mich gerne erwärmen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. März 2024

Friede, Freiheit, Fussball

Ein Zitat

Der FC Winterthur wird von vielen treuen, langjährigen Fussballfans unterstützt. So wie hier an einem Super League Match gegen Yverdon Sport FC vom 3. März 2024.
Foto © Jörg Niederer
"Wir wollen Fussball für das Volk." Andreas Mösli - Mitglied der Geschäftsleitung FC Winterthur

Ein Bibelvers - 2. Mose 17,11

"Solange Mose die Hand hochhielt, war Israel stärker. Sobald er aber die Hand sinken liess, waren die Amalekiter stärker."

Eine Anregung

Nun also ist es geschehen. Ich war einer von etwa 8000 Fans, welche auf der Schützenwiese in Winterthur das Super-League-Fussballspiel FC Winterthur gegen Yverdon Sport FC gesehen haben. Das kam so: Nach meinem Blogbeitrag vom 1. März schreib mir ein alter Bekannter. Fredy Künzler, er sponsert den FC Winterthur mit seinem Unternehmen Init7, meinte zu meiner aus Kindheit stammenden Erfahrung eines langweiligen Fussballspiels: "Geht ja gar nicht!". Er lud mich kurzerhand ein zum sonntagabendlichen Fussballplausch auf die Schützenwiese Winterthur. So erstand ich mir also beim Fanshop ein Fanhalstuch und stand dann bald etwas verloren in der Bierkurve. Da, zwischen rauchenden und biertrinkenden Männern erlebte ich drei Tore, eines davon auf der falschen Seite und bewunderte die Choreografie und Gesänge der charismatischsten Fans, die, angefeuert von einem Einheizer mit Megaphon so richtig Gas gegeben hatten.

Nun könnte ich natürlich den pseudoreligiösen Charakter der Fussballszene herausstreichen. Darüber ist schon viel geschrieben worden. Tatsächlich hatte es einen missionarischen Charakter, mit wie viel Herzblut mir der Fussball in der Schützenwiese erklärt, mit wie viel Begeisterung und Enthusiasmus ich durch das Stadion geführt wurde. Zweimal wurde "Schützenwiese, Schützenwiese" gesungen. Kurioser Weise das Lied, das angestimmt wird, wenn der FC Winterthur ein Tor schiesst. Das Spiel ging 2 zu 1 aus, fast alle waren glücklich (nur die 30 Fans nicht, die im Gästesektor sich für Yverdon die Kehlen heisser gesungen hatten). Entsprechend gute Stimmung herrschte dann auch beim anschliessenden Kirchenkaffee - äh nein, das heisst hier Fan-Kultur in der Liberobar. Kaffee hat da niemand getrunken. Was es aber im Stadion gibt, ist eine Sirupkurve. So nennt sich der Abschnitt, in dem die Kinder ihren sicheren Ort während des Fussballspiels haben. Sozusagen die Sonntagschule im Fussballstadion. Aber der Verein tut noch mehr für Integration und die Gesellschaft. Auf der Webseite des FC Winterthur erfahre ich, dass es etwa mit dem FC Winterthur Brühlgut ein Team für Menschen mit Beeinträchtigung gibt. Der Club ist weiter beim Flüchtlingsturnier "Kick ohne Grenzen" dabei, genauso wie beim Turnier für Menschen mit einer Beeinträchtigung "Goal für alle".

Nun. Langweilig war der Stadionbesuch definitiv nicht. Wobei ich mir noch nicht im Klaren bin, was nun spannender war: Das Fussballspiel oder das Drumherum. Was mich zur abschliessenden Frage bring: Wie wichtig ist das Drumherum in der Kirche?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 3. März 2024

(Gottes) Nähe

Ein Zitat

Eine Versammlung von Lindenwanzen (Oxycarenus lavaterae) an einem Baum in Wohlen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Welt wird immer kleiner. Nur die Abstände zwischen uns wachsen weiter." Ernst Ferstl (*1955) Schriftsteller

Ein Bibelvers - Matthäus 28,20b

Jesus: "Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Eine Anregung

Erst zuhause erkannte ich, dass ich keine Pflanzen fotografiert hatte, sondern Flechten und Lindenwanzen. Die bis 6 Millimeter langen Tierchen sind für Menschen und Pflanzen ungefährlich. Im Mittelland sind sie erst seit 2005 heimisch. Aufgefallen sind sie wegen ihres massenhaften Auftretens. Offensichtlich rücken die Tierchen in der kalten Jahreszeit nahe zusammen. So geben sie sich warm. Zugleich saugen sie an der Linde oder Malve, ohne die Pflanzen zu schädigen. 

Ich möchte nicht in dieser intensiven Nähe mit anderen verbringen. Dabei wäre es mir nicht wohl. 

Die Aufnahme vom Samstag passt ganz gut zur Fragestellung der heutigen Predigt: Wie nahe ist uns Gott? Wie nahe soll er uns kommen? Wie nahe kommen wir einander? Die Predigt kann jeweils ab Sonntag schriftlich bezogen werden. 

Um 10.15 Uhr beginnt der Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen. An der Kapellenstrasse 6 findet auch die Sonntagschule statt. Sie beginnt schon um 09.40 Uhr. Kinder von 4-12 Jahren sind herzlich willkommen, genauso wie alle, die wieder einmal unverbindlich an einem Gottesdienst teilnehmen möchten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Samstag, 2. März 2024

Nazaret

Ein Zitat

Der extrem Schlanke Kirchturm der Église Sainte-Thérèse-de l'Enfant-Jésus in Metz, Frankreich.
Foto © Jörg Niederer
"Der gute Ruf geht weit, aber der schlimme geht noch viel weiter." Redensart aus Serbien

Ein Bibelvers - Johannes 1,46

"Da fragte ihn Natanael: 'Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?' Philippus antwortete: 'Komm und sieh selbst!'"

Eine Anregung

Nazaret hatte zur Zeit von Jesus einen schlechten Ruf. Natanael disqualifizierte es wie wohl viele damals mit einer Frage: "Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen?".

Nun könnte man sagen, dass die Kirchen heute einen ähnlichen schlechten Ruf haben, wie Nazaret damals. So manche Frau, mancher Mann fragt sich: "Kann von den Kirchen etwas Gutes kommen?"

Der Philippus von heute antwortet: "Komm und sieh selbst!".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 1. März 2024

Fussballfan

Ein Zitat

Ein Fan des FC St.Gallen 1879 spaziert in Begleitung und kostümiert über den Gallusplatz in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Damals hat die halbe Nation hinter dem Fernseher gestanden." Franz Beckenbauer (1945-2024) über den WM-Finale 1990

Ein Bibelvers - Jesaja 3,18-23

"Dann nimmt der Herr ihnen allen Schmuck weg: die Fußkettchen, die sonnen- und mondförmigen Anhänger, die Ohrringe, Armreife und Schleier, die Stirnbänder, Fußspangen und Gürtel, die Parfümfläschchen und Amulette, die Fingerringe und Nasenreife, die Festkleider und Umhänge, die Tücher und Täschchen, die Spiegel und Hemdchen, die Schals und Kopftücher."

Eine Anregung

Ich war in meinem Leben genau einmal an einem Fussballmatch. Mit meinem Grossvater. Ein Spiel in Olten. Es war langweilig. Und doch bin ich ein Fussballfan.

Seit ich in St. Gallen wirke, bin ich Fan vom FC St. Gallen 1879. Aber ich bin auch ein Fan vom FC Winterthur, weil ich dort Leute kenne und generell Aufsteiger mag (wenigstens im Sport). Und ganz selten bin ich auch Fan des FC Sion, aber nur, wenn diese Mannschaft der Underdog ist, und wie gestern den BSC Young Boys aus dem Cup wirft. Bei Young Boys bin ich auch Fan von Cedric Itten, weil er mal richtig gut Fussball gespielt hat in St. Gallen. Kein Fan bin ich von seiner aktuellen Frisur. Da könnte er sich noch verbessern. Auch kein Fan bin ich von Pyros und dem rituellen und gehässigen Ausschimpfen der unterlegenen eigenen Mannschaft nach dem Spiel. Das wirkt so, als habe der "Gott" der Fussballfans versagt. Folglich wird er verflucht was das Zeug hält bis er wieder geflickt ist und funktioniert wie man will, also siegreich. Oder der Sündenbock "Trainer" wird in die Wüste geschickt, wo er nach einiger Zeit ganz zufällig auf einen anderen grossen Fussballklub trifft, und dort zum Heiligen hochstilisiert wird. So schnell wird man von einem Bock zum Gärtner.

Also ich bin ein Fussballfan. Aber halt total unfanatisch. Fan gutbürgerlich. Ein Fernsehsessel-Fussballfan. So wie es viele Menschen heute mit der Kirche halten. Irgendwie noch Fan, aber nur von weitem.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 29. Februar 2024

Ungeheuer

Ein Zitat

Ein Spinnenläufer (Scutigera coleoptrata) aus der Gattung der Spinnenläufer (Scutigeromorpha), ein Hundertfüsser.
Foto © Jörg Niederer
"Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel." Konfuzius, 551-479 v. Chr.

Ein Bibelvers - Jesaja 40,30+31

"Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen. Aber alle, die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde."

Eine Anregung

Gestern sah ich meinen ersten Igel in diesem Jahr. Habe ich mich gefreut, den Stachligen wieder einmal zu treffen. Heute erschrak ich, als ein vielbeiniges Wesen meinen Weg in atemberaubender Geschwindigkeit kreuzte. Mir war dieses Ungeheuer bisher noch nie begegnet.

Beim Igel gestern waren die Meinungen ungeteilt. Ein schönes Tier! Es macht Freude! Beim Spinnenläufer dagegen wird mancher sich angewidert abwenden. Warum bloss?

Wikipedia weiss einige interessante Details von dem Hundertfüsser - als das wird er gesehen, auch wenn er nur 30 Beine besitzt - zu erzählen.

  1. Es gibt diese Tiere schon seit 420 Millionen Jahre.
  2. Sie können, bei Gefahr die hintersten Beinpaare abwerfen. Diese zappeln dann so vor sich hin, und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und weg von dem sonst rasend schnellen Spinnenläufer.
  3. Sie jagen oberirdisch. Bei ihren Augen handelt es sich um Facettenaugen. Das ist einmalig bei den Hunderfüssern. Damit können sie sich in der Nacht gut orientieren.
  4. Sie jagen Spinnen, Fliegen, Motten, Termiten und Silberfischchen. Fliegen können sie sich aus der Luft greifen.
  5. Sie töten durch Giftbisse. Für Menschen ist der Biss ungefährlich. Menschen gehören auch nicht zum Beuteschema. (Uff!! Da habe ich ja noch einmal Glück gehabt.)
  6. Die Spinnenläufer tragen bei den Augen auch Feuchtigkeitsmesser mit sich herum. Diese werden Tömösvárysche Organe genannt.

Nun überlege ich mir, wie es sich wohl anfühlt, wenn das Tierchen mit seinen Füsschen über meine Haut rennt. Wenn ich das nächste Mal dem Wesen mit dem lateinischen Namen Scutigera coleoptrata begegne, werde ich es ausprobieren.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 28. Februar 2024

Methodistische Heiligtümer

Ein Zitat

Diese Haare von John Wesley kann man im "Museum of Methodism & John Wesley's House" in London bewundern.
Foto © Jörg Niederer
"Haare sind wichtig. Achten Sie auf Ihr Haar, denn das tun alle anderen auch." Die Methodistin Hillary Rodham Clinton

Ein Bibelvers - 2. Samuel 14,25+26

"In ganz Israel gab es keinen wie Abschalom, der so schön war und so sehr bewundert wurde. Von Kopf bis Fuss war an ihm nichts auszusetzen. Einmal im Jahr ließ er sich das Haar schneiden. Denn es war so schwer, dass er es abschneiden musste. Das abgeschnittene Haar wog über zwei Kilogramm."

Eine Anregung

Wer sagt denn, dass die Methodistinnen und Methodisten nicht auch Reliquien sammeln. Von den Haaren John Wesleys gibt es gleich mehrere Aufbewahrungsorte. Die hier abgebildeten sind im Museum zu bestaunen, das in der Wesley Chapel in London untergebracht ist. Gemäss Beschriftung sollen diese Haare Teil des Besitzes von Miss Tooth gewesen sein. Sie war die Tochter von Samuel Tooth, der Wesleys Kapelle an der City Road in London baute.

Wer im Internet nach Wesleys Haaren sucht, entdeckt auch, dass an einer Auktion in Amerika für eine seiner Strähnen in einer kleinen Brosche 3500 Dollar gefordert wurden.

Wie ging wohl die Ernte dieser Haare von sich? Wurde der Frisör von John Wesley bestochen? Hat ihm heimlich jemand die Haare abgeschnitten? Sind es Haare, die bei einem Streit mit seiner Frau anfielen? Hat man sie ihm "post mortem" abgeschnitten?

Nun, die Haare gibt es. Ich bin froh, dass sie in einem Museum aufbewahrt werden, und nicht in einem Reliquienschrein in der Kirche. Das lässt vermuten, dass die Haare eher als Kuriosität gesehen werden, denn als glaubensstärkende Heiligtümer.

Zuletzt: Solltest du berühmt sein und an zunehmender Glatzenbildung leiden, wäre es vielleicht sinnvoll, schon einmal einige deiner Haare sicher für die Nachwelt zu konservieren.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 27. Februar 2024

Babytausch

Ein Zitat

Anschrift auf einer Tür bei den Toiletten in einem Londoner Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Politiker und Windeln müssen oft und aus dem gleichen Grund gewechselt werden." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Hiob 38,8+9

"Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als das Wasser hervorbrach aus dem Schoß der Erde? Ja, ich machte die Wolkendecke zu seinem Kleid, Gewitterwolken zu seinen Windeln."

Eine Anregung

Reifenwechsel heisst auf Englisch "tyre change". Dabei wird der eine Reifen mit dem anderen Reifen ausgetauscht. Beim Partnertausch (Partner [ex]change) dasselbe. Ein Partner wird mit einem anderen Partner ausgetauscht. Auch Bücher werden getauscht (Book [ex]change) und ebenfalls Geschenke (Gift [ex]change). Da könnte man meinen, dass mit "Baby change" genau das gemeint ist: Ein Baby wird gegen ein anderes Baby austauschen.

Nun wird beim Ölwechsel ja tatsächlich auch das Öl gewechselt und nicht gleich das ganze Auto. Anders aber beim Baby change. Hier wird nicht das ganze Baby gewechselt, sondern nur die Windel. "Nappy change" wäre folglich die logischere Bezeichnung für den mit "Baby change" bezeichneten Vorgang.

Früher dachte man, dass Dämonen und böse Geister Kleinkinder mit dämonischem Nachwuchs vertauschten. "Wechselbalg" nannte man diese Wesen. Bei Wikipedia lese ich: "Es gab verschiedene magische Abwehrmechanismen, um das Auswechseln des Säuglings zu verhindern. So sollten zum Beispiel die Plazenta unter der Wiege liegen gelassen, das Kind nach seinem wahren Alter befragt oder drei Lichter im Kinderzimmer entzündet werden. Eine hilfreiche Vorsorgemaßnahme schien zu sein, bei oder in der Wiege ein Gebetbuch, eine Bibel oder ein Blatt eines solchen Buches zu platzieren. Ein Kreuz oder ein Rosenkranz erfüllten dieselbe Wirkung. Erst mit der Taufe des Kindes war die Gefahr endgültig gebannt." 

Ich vermute, dass besonders jene Kinder als Wechselbalg gesehen wurden, die sich nicht so pflegeleicht verhielten.

Vielleicht sollten wir heute, statt eine Seite der Bibel in die Wiege zu legen, die Windeln mit Bibeltext bedrucken. Wer weiss, möglicherweise wird das Kind dann ruhiger. Sicher aber könnten sich Väter oder Mütter, wenn es kurzzeitig übel riecht, wenigstens "wohlriechende" Worte zu Gemüte führen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 26. Februar 2024

Ordensfrau und Freiheitskämpferin

Ein Zitat

Statue der "Notre-Dame des Prisonniers", am Wirkort von Schwester Hélène, dem ehemaligen Hospizes Saint-Nicolas in Metz.
Foto © Jörg Niederer
"Die ganze Macht des Imperiums, bedroht von einer Tochter der Barmherzigkeit." Filmzitat aus "Das Netz der Freiheit".

Ein Bibelvers - Josua 1,9

"Ich habe dir doch gesagt, dass du stark und mutig sein sollst! Fürchte dich nicht und schrecke vor nichts zurück! Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst!"

Eine Anregung

Am 21. März um 14.30 Uhr werde ich in der Evangelisch-methodistischen Kirche Herisau wieder einmal über meine Reise zu Fuss nach London zum Grab von John Wesley erzählen und Fotos zeigen. Beim Vorbereiten bin ich auf ein Bild gestossen von einer Statue, der "Notre Dame des Prisonniers". 'Eine Heilige für die Gefangenen, wie sinnvoll', dachte ich mir. Aber der Heilige der Gefangenen ist doch Leonhard von Limoges? Was also hat es mit der Notre Dame des Prisonniers auf sich?

Dabei handelt es sich um Schwester Hélène (1891-1944), geboren als Marie-Joséphine Studler. Sie trat jung schon der Kongregation der Schwestern von Saint-Vincent-de-Paul bei. Als Nonne arbeitete sie im Hospiz Saint-Nicolas im französischen Metz. Während des 1. Weltkriegs wurde sie als Französin vorübergehend aus dem deutschen Lothringen ausgewiesen, konnte aber 1918 wieder zurückkehren.

Im Gedächtnis der Menschen geblieben ist sie aber besonders durch ihr Wirken während des 2. Weltkriegs. In der Zeit der Invasion der Nationalsozialisten in Frankreich versorgte sie in Metz französische Gefangenen, die krank und ohne Nahrung im Fort Saint-Julien zusammengetrieben worden waren. Ab 1941 mauserte sich die Schwester zu einer Widerstandskämpferin. Sie organisierte ein eigenes Netzwerk, um Gefangene und flüchtige Soldaten den deutschen Besatzern zu entziehen. Unter den 2000 Menschen, denen sie zur Flucht in die freie Zone verhalf, waren auch der spätere Staatspräsident François Mitterrand, dann Boris Holban, der 1942 die Freischärler und Partisanen gründete, sowie der französische General Henri Giraud.

1941 wurde sie verhaftet und verurteilt, aber kam wieder frei wegen ihres schlechten Gesundheitszustands. Sie musste darauf selbst nach Lion fliehen. Auch von dort aus organisierte sie die Flucht vieler französischer Soldaten. Für dieses mutige Wirken wurde ihr Postum der Orden eines Ritters der Ehrenlegion verliehen.

Über Schwester Hélène und ihr Wirken im 2. Weltkrieg gibt es einen Film. Den werde ich mir nun bestellen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 25. Februar 2024

Helfen

Ein Zitat

Explizites Bekenntnis zum christlichen Glauben an einem Haus in Bonnance bei Templeuve-en-Pévèle, Frankreich.
Foto © Jörg Niederer
"Weil mir nicht geholfen wurde, werde ich Helfer." Felix Zeltner

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

Den christlichen Glauben kann man vielfältig sichtbar machen. Explizit outen sich in Bonnance bei Templeuve-en Pévèle (Frankreich) die Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses als Christusnachfolgende. Andere tun es durch ein vorbildliches Leben und mit grosser Hilfsbereitschaft.

Über das Helfen denken wir im heutigen Gottesdienst nach. Dabei wird auch eine Tierfabel von Aesop Erhellendes beitragen. Die Predigt kann jeweils ab Sonntag schriftlich bezogen werden.

Der Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 beginnt um 10.15 Uhr. Vorher startet um 09.40 Uhr das Kinderprogramm mit biblischen Geschichten, basteln und spielen. Kinder ab 4 Jahren sind herzlich willkommen. Alle Angebote sind öffentlich und kostenlos. 

Bis bald in der Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Samstag, 24. Februar 2024

Tausendjährige Erwartung

Ein Zitat

Alpengipfel, gesehen vom Höhronen.
Foto © Jörg Niederer
"Denn wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, eben da sitzt jetzt der Zweifel." Bertolt Brecht (1898-1956)

Ein Bibelvers - Offenbarung 20,6

"Selig und heilig, wer an der ersten Auferstehung teilhat. Über solche hat der zweite Tod keine Gewalt. Sie werden Priester Gottes und Christi sein und tausend Jahre mit ihm herrschen."

Eine Anregung

Einst vor vielen Jahren, zu Beginn meiner Pfarrerlaufbahn, verkaufte mir eine Aussenmitarbeiterin eines Bürofachhandels einen Bostitch. Diese Tacker braucht ja der Mensch, um in Frieden mit seinen Papiererzeugnissen zu leben. Sie verkaufte mir auch die dazu passenden Heftklammern. Es war eine Anschaffung für ein ganzes Leben. Noch sind zwei Drittel der damals erworbenen Heftklammern vorhanden. Geschätzt würden sie wohl erst im Jahr 2100 aufgebraucht sein. Mit anderen Worten, ich habe "weitsichtig" gekauft, weitsichtiger, als ich wollte.

Das ist aber gar nichts gegen das tausendjährige Vorhaben des US-Philosophen und Konzeptkünstlers Jonathon Keats. Er hat eine spezielle Lochkamera entwickelt und bei Tucson, Arizona aufgestellt. Im Visier des Geräts ist der Tumamoc Hill. Soweit, so gut. Das besondere daran! Das erste Bild der Kamera wird erst in 1000 Jahren fertig sein. Folglich wird sie "Millennium-Camera" genannt.

Der Mann hat offensichtlich viel Vertrauen in die Zukunft. Wer sagt denn, dass da in der Zwischenzeit nicht jemand das Gerät abbaut? Was ist in tausend Jahren vom Tumamoc Hill übrig? Wie breitet sich die Zivilisation aus in dieser langen Zeit? Und wer wartet die Kamera, sorgt also dafür, dass das winzige Loch (statt eines Objektivs), durch welches das Bild auf einer lichtempfindlichen Oberfläche aufgenommen wird, nicht von einer Wildbiene als Bruthöhle zugestopft wird? Es kann in tausend Jahren so viel geschehen, was zu einem Totalausfall dieses fotografischen Highlights führen könnte. Aber, so hat sich Jonathon Keats gedacht, man kann es ja mal versuchen. Irgendjemand wird dann schon sehen, was aus diesem Projekt werden wird.

Noch verrückter wäre wohl, schon heute das Bild zu kaufen, das dann einmal in ferner Zukunft entstanden sein wird. Das wäre mal eine Investition in die Zukunft.

Nachtrag 1: 1000 Jahre, das ist eine für einen einzelnen Menschen unüberschaubare Ewigkeit. Genau das meint auch die Rede vom 1000-jährigen Reich in der Bibel: Eine Ewigkeit.

Nachtrag 2: Der Bostitch ist nach seinem amerikanischen Hersteller „Boston Wire Stitcher“ benannt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 23. Februar 2024

Kirchen und der Umweltschutz

Ein Zitat

Weiher im Naturschutzgebiet Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Der Einsatz für eine bessere Welt ist ein Spezifikum von uns als Kirche." Christiane Schubert

Ein Bibelvers - Psalm 68,20+21

"Gepriesen sei der Herr Tag für Tag! Er trägt unsere Last, Gott ist unsere Hilfe. Sela. Gott ist für uns ein Gott, der uns hilft. Gott, der Herr, kennt Auswege aus dem Tod."

Eine Anregung

Wie geht eine grosse Kirche mit dem Klimawandel und dem Umweltschutz um. Darüber hat kath.ch einen Filmbeitrag erstellt mit einer Vertreterin und einem Vertreter der vom Bistum St. Gallen eingesetzten Arbeitsgruppe "Laudato si". Im Beitrag kommen Christiane Schubert vom Pastoralamt, Abteilung Ökumene/Weltkirche des Bistums St. Gallen und Magnus Hächler von der katholischen Kirchgemeinde St. Gallen zu Wort. Die Arbeitsgruppe "Laudato si" gibt es seit 2020 und hat den Auftrag, "das Bewusstsein und den Einsatz für Umweltschutz im Bistum St. Gallen zu fördern und zu verstärken"

Mit Christiane Schubert arbeite ich immer wieder gerne zusammen im Büro der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beider Appenzell und St. Gallen (ACK). Da überschneiden sich auch die Themen, gibt es doch bei der ACK auch eine GFS-Arbeitsgruppe, die sich etwa in der Schöpfungszeit mit Umweltthemen befasst.

Bei der Arbeitsgruppe "Laudato si" fällt mir auf, wie viel der Umweltschutz, die menschgemachte Klimaveränderung und die Biodiversität mit Gebäuden und Liegenschaften zu tun hat aber auch mit Vernetzung.

Von der Arbeitsgruppe "Laudato si" gibt es eine Webseite.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 22. Februar 2024

Biegsam wie eine Weide

Ein Zitat

Weidenkätzchen sind Frühlingsboten.
Foto © Jörg Niederer
"Blick in die Welt und lerne leben, / bedrängt Gemüt; / braucht nur ein Tauwind sich zu heben / und alles blüht.
Die Hasel stäubt, am Weidenreise / glänzt seidner Glast, / Schneeglöckchen lenzt im halben Eise / und Seidelbast.
Braucht nur ein Tauwind sich zu heben, / verzagt Gemüt; / blick in die Welt und lerne leben: / Der Winter blüht."
R. A. Schneider

Ein Bibelvers - Jesaja 44,3+4

"Denn ich [Gott] giesse Wasser auf den ausgetrockneten Boden, im dürren Land lasse ich Bäche fließen. Ich gieße meinen Lebensgeist auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge. Sie sprießen hervor wie Gras, wie Weiden an Wasserläufen."

Eine Anregung

Die Fremden haben viele Kinder. Den Fremden geht es zwar nicht gut, aber vielleicht sind sie gerade deshalb so fruchtbar. Bei Bäumen würde man von Angsttrieben sprechen. Der Baum will mit vielen Früchten das Überleben der Art sichern. 

Aktuell tragen die Weiden wieder Kätzchen. Kaum ist man im Freien, findet man die schnell wachsenden, biegsamen Bäume, sieht sie treiben und sich vermehren. Weiden in Flussnähe brechen bei Hochwasser oft ab. Doch aus jedem Zweig davon, in den Boden gesteckt, kann wieder ein neuer elastischer Baum werden.

Als Israel in Ägypten war, vermehrte es sich bei aller Unterdrückung so schnell, dass der Pharao zu drastischen Mitteln griff. Als Israel im Exil in Babylon war, da war es wieder so, obwohl es den Menschen damals nicht ums Feiern zumute war. Sprichwörtlich hängten sie ihre Harfen in die Weiden (Psalm 137,2). Deren Zweige wurden nicht mehr für den Feststrauss am Laubhüttenfest verwendet; ein Fest der Freude. Es war eine traurige, traumatische Zeit. Aber zahlenmässig sind die jüdischen Vertriebenen auch in der Fremde gewachsen. Not weckt den Überlebenstrieb.

Interessant: In Wohlstandsgesellschaften nimmt der Kinderwunsch ab. Wer viel hat, will nicht teilen. Nicht einmal mit den Generationen danach. Gott aber scheint immer wieder auf der Seite der Menschen zu sein, denen gerade Unrecht getan wird.

Vermutlich ist diese Sichtweise jetzt etwas zu wenig differenziert. Aber so ganz falsch, dass man nicht darüber nachdenken sollte, ist sie wohl auch nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 21. Februar 2024

Leere Kirchen in der Schweiz

Ein Zitat

Gottesdienstbesuchende am SEK-Reformationsjubiläum im Juni 2017 im Berner Münster.
Foto © Fabian Unternährer
"In der Schweiz sind 34% der Bevölkerung ohne Religionszugehörigkeit; das sind mehr Menschen, als es Katholikinnen und Katholiken gibt." Bundesamt für Statistik

Ein Bibelvers - Jesaja 16,14b

"Da kann es noch so viel Lärm um sich machen. Es bleibt nur ein winziger Rest übrig, der völlig machtlos ist."

Eine Anregung

Das St. Gallen Tagblatt hat in seiner Ausgabe vom Freitag 16. Februar 2014 unter der Überschrift "Das Christentum verlässt Europa" ein Interview mit der Religionswissenschaftlerin Eva Baumann-Neuhaus abgedruckt. Daraus einige interessante Stellen: 

Auf die Bemerkung: "Viele sind aber nicht mehr religiös, die Säkularisierung schreitet weltweit stark voran" von Journalist Bruno Knellwolf meint Eva Baumann-Neuhaus: "Ich spreche jetzt für Westeuropa. Gemessen an den Verhältnissen, wie sie bis in die 1960er galten, kann man das so sagen. Damals gehörten fast flächendeckend alle Leute einer christlichen Kirche an. Wir beobachten seither eine Erosion der kirchlichen Religiosität. Das zeigen die grossen Religions-Studien, allerdings wird in diesen die Pluralisierung der Spiritualität noch mangelhaft abgebildet...".

Zu der Rolle der Freikirchen meint die Religionswissenschaftlerin: "Die alten, traditionellen Freikirchen wie die Baptisten oder Methodisten haben ähnliche Probleme mit der Abwanderung wie die Grosskirchen. Unter den neueren Freikirchen der charismatischen Gemeinschaften gibt es solche, die wachsen. Einige grenzen sich gegenüber Andersdenkenden ab, viele sind aber in den letzten Jahrzehnten offener geworden."

Und auf die Frage: "Wie kann die Kirche den Zerfall stoppen?", meint sie: "Das Christentum in seiner institutionellen Variante als Kirche ist in der Krise. Vielleicht ist diese Form ein Auslaufmodell. Da gibt es viele, die Beharrlichkeit und Routinen aufrechterhalten. Man kann aber nicht innovativ sein und gleichzeitig weitermachen wie gewohnt. Wenn ein Gottesdienst noch zwanzig Besucher hat, die alle über 65 sind, ist das kein zukunftsträchtiges Format. Aber es gibt auch Beispiele von Kirchen, die experimentieren, in denen man Neues ausprobiert und einen Perspektivenwechsel wagt."

So, damit haben wir Methodistinnen und Methodisten wieder Stoff für unser Weiterdenken und Weiterwirken erhalten.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 20. Februar 2024

Tragen und ertragen

Ein Zitat

Fliesenboden im Festsaal St. Katharinen in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken." Franz Kafka (1924-1883)

Ein Bibelvers - 2. Thessalonicher 2,15

"Bleibt also standhaft, Brüder und Schwestern. Haltet euch an die Überlieferungen, die ihr von uns bekommen habt – sei es mündlich oder durch einen Brief!"

Eine Anregung

Er wurde mit Füssen getreten, darüber schrammten Stuhl- und Tischbeine, Gläser zerschellten auf ihm und hinterliessen Sprünge und Risse. Doch noch immer sieht der Fliesenboden auf seine in die Jahre gekommene Art prächtig aus. Die Farben erfreuen das Auge, auch wenn sie etwas ausgebleicht sind, mit defekten Stellen.

So ein Boden muss viel ertragen. So ein Boden trägt. Es ist wie bei Gott. Auch sie/er trägt und erträgt.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 19. Februar 2024

Plastik und Natürlichkeit

Ein Zitat

Schriftzug und Logo der Clinic Plastica beim Bahnhof Winterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Es kostet viel, so billig auszusehen wie ich." Dolly Parton (*1946)

Ein Bibelvers - Klagelieder 4,2

"Wie kostbar waren die Kinder Zions, so wertvoll wie reines Gold. Jetzt gelten sie nur noch als billige Töpferware, von der Hand eines gewöhnlichen Töpfers hergestellt."

Eine Anregung

Immer wenn ich in Winterthur am Bahnhof auf den Zug warte, irritiert mich der Schriftzug "Clinic Plastica" aufs Neue. Natürlich denke ich sofort an Schönheitsoperationen und plastische Chirurgie. Das kann in manchen Fällen sinnvoll sein. Was mich irritiert, ist der sprachlich-bildliche Widerspruch im Signet. Da ist der Verweis auf Plastik, Kunststoff, und zugleich wird das mit einem stilisierten Bund Tulpen oder Ären oder Blätter ergänzt, also einem Rückgriff auf die Natur und Natürlichkeit.

Was ist Natur, was Plastik? Möchte ich angesichts des Microplastiks in der Muttermilch (also überall), sowie der riesigen, aus Plastikmüll bestehenden Wirbel in den Weltmeeren und den überall herumliegenden Plastikteilen mein Unternehmen so benennen?

Ich stelle mir das plastisch vor: Eine Welt, in der niemand mehr wissen kann, was echt ist und was künstlich. Eine Welt, in der das Künstliche natürlicher aussieht als die Natur und wir zugleich dem Natürlichen mit seinen Flecken, Narben und Asymmetrien aus dem Weg gehen, wo immer wir können.

Ist die neue Natürlichkeit aus Plastik? Landen wir dereinst am Ende dieses Prozesses wieder bei der Gummipuppe als unserem Gegenüber? Werden wir vielleicht sogar durch Plastik ersetzt? Es scheint mir, dass die modernen goldenen Kälber zunehmend in Silikon und Plastik gegossen werden. Doch Kunststoff stillt keinen Hunger nach Lebenssinn.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 18. Februar 2024

Ein Friedenspfahl in St. Gallen

Ein Zitat

Seit dieser Woche steht ein Friedenspfahl vor der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Der Geist der Liebe und gelungene Kunst zeichnet dieselbe Schönheit aus." Masahisa Goi

Ein Bibelvers - Jesaja 52,7

"Wie schön! Der Freudenbote kommt über die Berge gelaufen! Er bringt eine gute Nachricht und verkündet Frieden und Rettung. Er ruft Zion zu: 'Dein Gott herrscht als König.'"

Eine Anregung

Wenn heute Sonntag Menschen den Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen besuchen, werden sie am Friedenspfahl vorbei zur Kirchtüre gehen. Von Friedenspfählen habe ich schon einmal in diesem Blog geschrieben. Es gibt weltweit mehr als 250'000 davon. "Erfunden" wurden sie vom japanischen Dichter und Philosophen Masahisa Goi (1916-1980). Er wollte, dass unter diesem einfachen Friedensgebet, dem "kleinsten gemeinsamen Nenner", die Menschheit zusammenfindet.

Gerade hat das St. Galler Tagblatt über den mit 10 Friedenspfählen gesäumten Friedensweg berichtet, der von Degersheim nach Magdenau führt. Dazu gibt es auch einen kleinen Leitfaden, der als PDF-Datei heruntergeladen werden kann.

Auf dem Friedenspfahl vor der Methodistenkirche St. Gallen steht die Bitte: "Möge Frieden auf Erden sein" in italienischer, englischer, deutscher und ukrainischer Sprache. An diesem Ort treffen sich denn auch nebst der deutschsprachigen eine ukrainische Gemeinde. Der deutschsprachige Gottesdienst findet um 10.15 Uhr statt an der Kapellenstrasse 6, der ukrainische Gottesdienst um 15.00 Uhr. An diesem Sonntag werden die Predigten durch Pfarrer Jörg Niederer ausgerichtet.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen