Dienstag, 9. April 2024

Liebestaumel

Ein Zitat

Ein Zitronenfaltermännchen bemüht sich um ein Zitronenfalterweibchen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Schmetterlinge Schmetterlinge im Bauch haben, muss das nicht auf Kannibalismus hindeuten."

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,8

"Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist Liebe."

Eine Anregung

Frühling. Zeit für die Liebe. Bei den Zitronenfaltern ist das ein gefährliches Unterfangen, wie man an den lädierten Flügeln des Männchens gut erkennen kann. Dabei sind diese Schmetterlinge für Vögel gar nicht bekömmlich, was dem grünlichgelben Kerl wohl auch das Leben gerettet hat.

Die Liebe ist gefährlich, habe ich geschrieben. Das gilt nicht nur bei Schmetterlingen. Auch bei Menschen ist die Liebe wunderbar verhängnisvoll. Kein Taumeln ist schöner und segensreicher wie das vor Liebe. Liebe ist stark wie der Tod. Wer liebt, kennt Gott. Denn Gott ist Liebe.

Nebenbei: Dazu würde doch der Tee passen mit dem verräterischen Namen "Liebestaumel".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. April 2024

Morgengesänge

Ein Zitat

Ein Hausrotschwanz geniesst in einem Schrebergarten bei Lenzburg nach einem Bad die warme Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Wer demnächst munteres Vogelgezwitscher hört, sollte innehalten und lauschen. Denn Vogelgesang kann nachweislich Ängstlichkeit und irrationale Gedanken mildern." Max-Planck-Institut

Ein Bibelvers - Römer 11,36

"Denn alles hat in ihm [Christus] seinen Ursprung. Durch ihn besteht alles und in ihm hat alles sein Ziel. Denn er regiert in Herrlichkeit für immer. Amen."

Eine Anregung

Heute Morgen habe ich die Stimmerkennung meiner Vogel-App einmal auf dem Balkon gestartet. Ich gab dem Gerät bei der ständigen Autolärm-Belastung wenig Chancen. Klar, die üblichen Verdächtigen Haussperling, Elster, Rabenkrähe, Buchfink, Kohlmeise und Amsel waren gesetzt.

Die App erkannte dann aber auch noch die Rufe von Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Hausrotschwanz, Wintergoldhähnchen, Girlitz, Zilpzalp, Grünspecht, und Sumpfmeise. Auch der Gartenrotschwanz wurde aufgelistet. Bevor ich diesen Vogel aber mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich der App nicht so recht über den Weg.

So oder so, das war eine schöne Überraschung, dass sich da im Umfeld dieses langweiligen Hinterhof-Rasenstücks so viele Vogelarten zu Wort gemeldet haben. Ein schönes Morgengeschenk, ein Grund, dankbar zu sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. April 2024

Langweilige Predigt

Ein Zitat

Das Schloss Wildegg mit dem Schlossbistro im Vordergrund.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist nicht tot. Er ist nur beim 'Wort zum Sonntag' eingeschlafen." Adolph Schalk, amerik. Journalist

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 20,9

"In der Fensteröffnung sass ein junger Mann namens Eutychus. Als Paulus so lange sprach, wurde er vom Schlaf übermannt. Er stürzte im Schlaf aus dem dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot."

Eine Anregung

Gestern im Bistro vom Schloss Wildegg. Am Nachbarstisch unterhalten sich zwei Frauen und ein Mann. Alle sind zum Zeichnen an diesen historisch bedeutsamen Ort gekommen. Ich höre die eine Frau von einem Gottesdienst erzählen. "Die Predigt war so langweilig. Da ist mir in den Sinn gekommen, dass ich einen Skizzenblock bei mir hatte und auch ein Bleistift, und so begann ich halt zu zeichnen. Der Reihe nach habe ich die...". An dieser Stelle brach die Frau den Redefluss ab, weil sie realisierte, das man ihr gar nicht zugehört hatte.

Gut, ich habe ihr zugehört. Mir fehlten nun die weiteren Details dieser Geschichte. Gerne hätte ich erfahren, wen die Frau mit ihrem Griffel auf Papier verewigt hatte, dort in der Kirche während der langweiligen Predigt.

Später dann, die Zeichnerin hatte sich vor das Schloss gesetzt mit ihrem Skizzenblock, ging ich zu ihr, sprach sie auf die Predigt an und fragte, was sie denn in der Kirche gezeichnet habe. "Die anderen Frauen und Männer unseres Ensemble habe ich portraitiert", antwortete sie. Nein, sie habe nicht genug Zeit gehabt, um alle zu zeichnen, aber durch diese Arbeit habe sie den Ärger über die langweilige Predigt total verdrängt und doch ein kurzweilige Zeit in der Kirche gehabt.

Genau das wünsche ich an diesem Tag allen, die freiwillig oder sekundärmotiviert die Kirche besuchen. Da ich selbst an diesem Wochenende nicht predige, könnte es auch anregend werden. Es braucht zwar etwas Mut das zu sagen, aber ich wünsche dir spannende, berührende Momente in der Kirche, und ganz besonders während der heutigen Predigt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. April 2024

Weissling gendern

Ein Zitat

Ein Grünader-Weissling sitzt neben einer Papageientulpe auf einem Efeu-Ehrenpreis.
Foto © Jörg Niederer
"Gendern: Macht es oder lasst es - aber regt euch bitte nicht auf!" Aus einem Beitrag in der Zeitschrift "Brigitte"

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte."

Eine Anregung

Der Grünader-Weissling ist ein sehr häufiger Schmetterling, auch Raps-Weissling genannt. Er trägt, wie so vieles, das Suffix "-ling". Überall, wo dieses Suffix angehängt wird, wird das Substantiv männlich. So kann es also sein, dass ein weiblicher Schmetterling mit einem männlichen Wort bezeichnet wird.

Oder nehmen wir das Adjektiv "schön". Mit dem Suffix -ling ergibt das "Schönling". "Die Frau ist ein Schönling!", kann man in der deutschen Sprache nicht sagen. Also muss auch eine weibliche Form her, zum Beispiel "Schönlingin". Klingt doof, gibt es aber. Belegt ist etwa "die Günstlingin" oder "die Lieblingin". Beim weiblichen Schmetterling könnten wir also von einer Grünader-Weisslingin sprechen. Nur, diese Redeweise ist doch etwas in die Jahre gekommen - sie stammt aus dem 18./19. Jahrhundert - was einmal mehr zeigt, dass die Sprache im steten Wandel ist.

In der Sprache versucht man immer auch, Wirklichkeit abzubilden, was meist nur ansatzweise gelingt. Das Gendern ist nichts anderes als ein Versuch, weniger ausgrenzend zu sprechen und zu schreiben. Was dabei herauskommt, klingt für viele seltsam, so wie es seltsam (in mehrfacher Hinsicht) klingen würde, wenn ich meiner Frau "Lieblingin" sagen würde. Aber falsch ist die Motivation dahinter nicht. Im Gegenteil, sie folgt einem zutiefst christlichen Gedanken: dass kein Mensch, kein Lebewesen, nichts Kreatürliches ausgeschlossen werden darf als Teil von Gottes geliebter Welt. Alles muss richtig benannt werden. Jedem Lebewesen den richtigen Namen, die richtige Bezeichnung. Damit zeigt man Respekt.

Und so gendere ich jetzt einmal frischfröhlich beim Schmetterling, von dem ich gerade nicht weiss, ob es Männchen oder Weibchen ist. Beim Flattermann oder der Flatterfrau auf dem Foto handelt es sich um ein:e Grünader-Weissling:in auf einer/einem Efeu-Ehrenpreis:in neben einer Papageientulpe. (Schon habe ich wieder ein Genderproblem. Es gibt in der deutschen Sprache nur "die Tulpe" und nicht "der Tulper". Stöhn!).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. April 2024

Gerda

Ein Zitat

Gerda Reiser (Foto aus der Heim-Zeitschrift Almacasa.)
Foto © Almacasa
"Mein Halt ist Gott. Ich weiss, Gott ist bei mir. Er ist immer bei uns. Auch dann, wenn wir es nicht merken oder nicht merken wollen." Gerda Reiser

Ein Bibelvers - Jesaja 41,10

"Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark und helfe dir. Ich halte dich fest mit meiner rechten Hand, die für Gerechtigkeit sorgt."

Eine Anregung

Kann es sein, dass ich von Gerda Reiser kein Foto besitze? Gut möglich, dass sie auf einer frühen Fotografie meiner Eltern zu finden ist. 

"Gerda Reiser, wer soll das sein?", werden nun einige fragen. Am 26. März ist sie im Alter von 90 Jahren verstorben. Sie gehört zu den Menschen, die ich seit meiner Kindheit kenne. Sie war meine massgebende Sonntagschullehrerin. Sie, ihre Schwester Heidi und ihr Bruder Adi gehörten irgendwie zu unserer Familie. Darum haben wir Kinder ihr "Tante Gerda" gesagt. Auch ihren Vater habe ich noch gekannt.

Gerda war etliche Jahre Sekretärin von Bischof Franz Schäfer. Und dann arbeitete sie in der Zentralverwaltung an der Badenerstrasse 69. Als ich in der Lehre bei Bühler Uzwil war, kam es vor, dass ich sie, ihre Schwester Heidi und meine Tante Rut auf der Heimreise nach Olten im Zug antraf. Dann setzte ich mich zu diesem munteren Trio. Wenn dann der Heitersbergtunnel kam, geschah etwas Lustiges. Alle drei Frauen griffen sich an die Ohren und hielten diese zu. So versuchten sie dem leichten Ohrenschmerz zuvorzukommen, der durch den tunnelbedingten Unterdruck im Zugsabteil entstand. Diesen synchronen Griff an die Ohren werde ich nie mehr vergessen.

Gerda Reiser hat mich vor allem mit ihren Sonntagschulgeschichten geprägt. Bei ihr und in der eigenen Familie wurde die Grundlage meines Glaubens vermittelt. Ich fühle mich durch Gerda Reiser gesegnet.

Bischof im Ruhestand Heinrich Bolleter hat in seinem Blog ein Interview mit ihr aus der Hauszeitung Almacasa wiedergegeben. In diesem Altersheim lebte Gerda Reiser in den letzten Jahren. Wer also mehr von Gerda Reiser wissen will, möge in besagtem Blog nachlesen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. April 2024

Moos und Sonnenlicht

Ein Zitat

Moos mit gestielten Sporenkapseln an einer Bruchsteinmauer im Sonnenlicht.
Foto © Jörg Niederer
"Moos überwächst sanft jede Grenze und Mauer." Michael Altmoos

Ein Bibelvers - Sprüche 22,1

"Ein guter Name ist kostbarer als großer Reichtum. Anerkennung ist mehr wert als Silber und Gold."

Eine Anregung

Es braucht nur wenig. Eine Bruchsteinmauer, gelbes Moos und Sonnenlicht. Schon erstrahlt alles in einem leuchtenden Goldton. Ein Freudenfest für wache Sinne. Möge der heutige Tag weitere Alltagswunder hervorzaubern und in ein Gebet des Lebens verwandeln.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. April 2024

Der Kampf gegen Mächte und Gewalten

Ein Zitat

Die schweizerische Erdölraffinerie Cressier vor dem Alpenkamm.
Foto © Jörg Niederer

"Jede Glaubens-Gemeinschaft sollte sich die Frage stellen: 'Welchen maximalen Einfluss können wir erreichen?' ... Und bitte - lasst uns nicht den Unsinn glauben, dass die maximale Wirkung darin besteht, den Abfall zu recyceln. Das spielt direkt in die Hände von Leuten, die die Zukunft zerstören. Da wir als Glaubens-Gemeinschaft nur eine begrenzte Kraft für ethisches Handeln haben - wie alle andern auch - sollten wir diese speziell darauf verwenden, einen Wandel im System zu bewirken."
Dr. Carmody Grey, Assistenzprofessorin für katholische Theologie an der Universität Durham

Ein Bibelvers - Epheser 6,12a

"Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut. Er richtet sich gegen die Mächte und Gewalten, die Weltenherrscher, die diese Finsternis regieren."

Eine Anregung

Der dritte Teil der Videoserie zum Klimawandel aus der Perspektive der Evangelisch-methodistischen Kirche (Hier geht es zum Teil 1 und Teil 2) beschäftigt sich mit der Spiritualität als Voraussetzung gegen das Aufgeben. Dann ist da aber auch die entscheidende Frage, ob es eher um persönliche Anstrengungen gegen den Klimawandel geht, oder um den Einsatz für einen grundsätzlichen Systemwandel.

Dr. Carmody Grey, Assistenzprofessorin für katholische Theologie an der Universität Durham, beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit Fragen zu Natur, Ökologie und Umwelt. In ihren Ausführungen bringt sie es auf den Punkt. So ist sie überzeugt, dass ohne Spiritualität der Durchhaltewillen fehle für eine so grosse Aufgabe wie die Rettung vor dem menschbewirkten Klimawandel. Dabei hat sich der christliche Glaube schon einmal bei einer unmöglich scheinenden Aufgabe behauptet. Wer hätte gedacht, dass Christinnen und Christen sich je einmal gegen das römische Weltreich durchsetzen könnten. Dies habe mit der Kraft der Spiritualität zu tun, so Carmody Grey und auch Sarah Bach, welche auch kurz zu Wort kommt. 

Sehr klar ist Dr. Carmody Grey, wenn sie deutlich macht, dass es nicht darum gehen könne, dass man nun je individuell etwas gegen den durch fossile Brennstoffe verursachten Klimawandel tun solle. Es gehe nicht um Solarpanel auf den Kirchdächern oder die Verringerung des eigenen Fussabdrucks (übrigens eine Erfindung des Erdölmultis BP). Es gehe um den Systemwandel. Dabei zieht Carmody Grey eine Parallele zur Sklaverei. Als immer mehr Menschen sich bewusst wurden, dass Sklaverei ein zutiefst unmenschliches System sei, war auch klar, dass dieses System bekämpft werden müsse. Es war nicht damit getan, dass die einsichtigen Sklavenbesitzer ihre Slaven freiliessen solange die Sklaverei noch legal war. Es ging darum die Sklaverei abzuschaffen und zu ächten. Dafür hat sich auch der Begründer der methodistischen Bewegung, John Wesley pointiert eingesetzt.

Beim Klimawandel geht es darum, eine weltzerstörende Praxis zu benennen und zu verurteilen, also die fossilen Brennstoffe weltweit zu verbieten und die Profiteure, die Erdölproduzenten, zu entmachten. Dazu solle die Kirche ihre Geldmittel einsetzen. Denn, so Carmody Grey, immer wenn wir Geld spenden oder einsetzen, stimmen wir damit für oder gegen den Systemwechsel ab.

Die Ethikerin und Theologin Carmody Grey denkt nicht, dass die meisten Menschen von Grund auf schlecht sind. Vielmehr "haben die meisten Menschen nicht die Möglichkeit, zu erkennen, wer wirklich die Fäden zieht". Wer aber die Einsicht hat, kann gemeinsam mit andern etwas bewirken. Auf diesem positiven Menschenbild baut sie auf, und auf der Spiritualität, dem Glauben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 2. April 2024

Wachsam

Ein Zitat

Eine wachsame Graugans auf einer landwirtschaftlichen Brache.
Foto © Jörg Niederer
"Holzauge, sei wachsam!" Redensart

Ein Bibelvers - Psalm 123,1+2

"Meine Augen sehen auf zu dir, der du im Himmel thronst. Siehe, auch Sklaven sehen auf zu ihrem Herrn, wenn sie auf ein Handzeichen warten. Auch die Sklavin sieht auf zu ihrer Gebieterin, wenn sie auf wohlwollende Behandlung hofft. Genauso sehen wir auf zum Herrn, unserem Gott, bis er sich uns gegenüber barmherzig zeigt."

Eine Anregung

Wachsamkeit ist ein oft beschworener Wert. Nur so erhalte man sich die Freiheit und Unabhängigkeit. Wachsamkeit ist für viele Tiere überlebenswichtig. Gefahren und Fressfeinde lauern überall.

Nun kann jemand sehenden Auges blind sein für seine Umgebung, seine Mitmenschen. Andererseits gelingt es Menschen, selbst mit ganz wenig Einsicht tief zu blicken.

Vielleicht haben wir die Aussage: "Holzauge, sei wachsam!" ja diesem Umstand zu verdanken. Es könnte also Menschen geben, die selbst blind und holzäugig mehr sehen, als Sehende.

Andererseits sind Holzaugen Astlöcher in einem Brett. Beim Bearbeiten des Holzes sind es die Stellen, an denen man beim Hobeln des Bretts auf einen harten Astansatz stösst. Alle, die schon einmal gehobelt haben, wissen, dass da besondere Vorsicht geboten ist, will man auch an dieser Stelle das Brett gleichmässig flach bekommen. 

Vorsicht, Wachsamkeit, offene Augen, Aufmerksamkeit; heute will ich besonders aufmerksam auf die unauffälligen Dinge achten, denen ich auf meinem Weg durch den Tag begegne. Also: "Holzauge sei wachsam!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. April 2024

April, April

Ein Zitat

Apfelblüten
Foto © Jörg Niederer
"April, April, der macht was er will." Redensart

Ein Bibelvers - Matthäus 24,4a

"Jesus antwortete: 'Passt auf, dass euch niemand in die Irre führt!'"

Eine Anregung

Der 1. April soll schon in der Antike zu den zahlreichen Unglückstagen gezählt haben. Woher der Brauch kommt, Menschen "in den April" zu schicken, ist nicht sicher bekannt. Erstmals belegt ist die Sache aber 1618 in Bayern. 

Eine aus christlicher Sicht interessante Erklärung ist, dass der Überlieferungen nach der 1. April "...als Geburts- oder Todestag des Judas Iskariot..." angesehen wird. Dieser verriet bekanntlich Jesus von Nazaret an die Mächtigen der damaligen Zeit. "Zudem sei der 1. April angeblich der Tag des Einzugs Luzifers in die Hölle und daher ein Unglückstag, an dem man sich besonders vorsehen müsse." Beides kann im Wikipedia-Artikel über den Aprilscherz nachgelesen werden. 

Es gibt noch weitere Erklärungen zum Aprilscherz. Was gesichert gilt in unseren Breiten ist, dass der April selbst ein Scherzkecks ist. Wettermässig spielt er auf der gesamten meteorologischen Klaviatur. Angefangen beim Schneefall, über Frost und überraschend warme Tage, bis zu Gewittern und heftigen Winden. Darum also sollte man es im April der Sonnenuhr gleichtun, welche bekanntlich "die heiteren Stunden nur" zählt. Doch seit gestern spielt uns sonnenuhrphysikalisch ja die Sommerzeit diesbezüglich einen Streich, was alle Sonnenuhren falsch gehen lässt. Und das nicht nur am 1. April, sondern bis in den Herbst hinein.

Da hilft vielleicht frühjährliche Augennahrung. So, wie bei den schönen Apfelblüten auf der Fotografie. Und sollten es gar keine Apfelblüte sein, ist das auch nicht so schlimm. Schön sind sie allemal.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 31. März 2024

Auferstehungshoffnung

Ein Zitat

Grabtafel mit Darstellung der Auferstehung Christi im Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen." Peter Kuzmic

Ein Bibelvers - Johannes 20,19

"Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: 'Friede sei mit euch!'"

Eine Anregung

Es sei eine typisch protestantische Grabdarstellung. Die Auferstehung Christi, oft kombiniert mit dem Verstorbenen, der einem Zeugen gleich das Geschehen betrachtet. So habe ich es erfahren bei einer Führung im Vorbeigehen beim Stephansdom in Wien.

Den folgenden Osterwitz - dadurch soll österliches Lachen gefördert werden - habe ich im "Unterwegs", der Zeitschrift der Methodisten in Deutschland gefunden: 

"Friedrich der Große, der Preußenkönig – wir erinnern uns: Jeder soll nach seiner Façon selig werden – bekommt eine Akte vorgelegt. In ihr geht es um die Amtsenthebung eines Pfarrers, der er zustimmen soll. Dem Pfarrer wird Freigeisterei vorgeworfen. Er habe in seiner Osterpredigt öffentlich geäußert, dass er aus Vernunftgründen nicht an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag glauben könne. Der König soll die Eingabe mit folgenden Worten abgewiesen haben: 'Dit is janz und jar seine Sache, wenn er nich auferstehen will, denn soll er doch meinetwejen am Jüngstn Tach liejen bleibm.'"

Ostern feiern wir heute Sonntag in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 mit einem Brunch um 09.30 Uhr und einem Familiengottesdienst um 10.30 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 30. März 2024

Tierisches auf dem Kreuzweg

Ein Zitat

Ein Büsi freut sich auf der Treppe des Scheffelsteinwegs in St. Gallen über die vielen Menschen der Kreuzwegsprozession.
Foto © Jörg Niederer
"Aus der Tiefe / meiner Zerrissenheit / reiche ich Dir / meinen kleinen Finger – / – ach nähmest Du doch / meine ganze Hand." Aus dem Gedicht "Eine Leiter" von Jutta Schmidt

Ein Bibelvers - Psalm 104,27-29

"Mensch und Tier halten Ausschau nach dir [Gott], damit du ihnen Essen gibst zur richtigen Zeit. Du gibst es ihnen, sie sammeln es auf. Du öffnest deine Hand, sie essen sich satt an deinen guten Gaben. Wendest du dich ab, erschrecken sie. Nimmst du ihnen den Lebensatem, dann sterben sie und werden zu Staub."

Eine Anregung

Auf dem gestrigen Kreuzweg der Gegenwart in St. Gallen war die Natur meist auf die Vorgärten beschränkt. Überraschend die Katze, welche sich auf der Treppe des Scheffelsteinwegs über die vielen Menschen sichtlich freute und deren Nähe suchte. 

Der nächste Kreuzweghalt am Nestweiter fragte nach der Natur. Mathias Wenk gab zu bedenken:

"Hier oben am Nestweiher scheint die Natur noch natürlich. Organisch geht Stadt in Land über. Natürlich, möchte man meinen. Bei uns in der Schweiz hat es doch so viel schöne Natur!? Sehen wir mal von ein, zwei Gletscherbeerdigungen ab, ist sie immer noch recht gut zu weg.

Der Schein trügt. Der Schlüssel zu einer nachhaltig intakten Natur ist die Vielfalt – Biodiversität. Der Zustand der Biodiversität aber ist schlecht. Auch bei uns. Ein Drittel aller Schweizer Arten sind bedroht und weitere 10% gelten als potenziell bedroht. Dies entspricht dem höchsten Wert aller OECD-Länder. Aber nicht nur die erschreckend grosse Anzahl der bedrohten Arten ist bedenklich, sondern auch die teilweise deutliche Abnahme der Anzahl Individuen. Diese Abnahme ist oft der Einstieg in den sog. 'Aussterbestrudel', der letztendlich zum Verschwinden dieser Arten führt.

Ein guter Zustand der Biodiversität ist aber für alle wichtig. Viele Untersuchungen zeigen auf, dass Ökosysteme mit einer hohen Artenvielfalt produktiver und stabiler sind. Sie reagieren damit resilienter auf Störungen, die mit dem Klimawandel tendenziell zunehmen werden. Biodiversität braucht natürliche Lebensräume. Ohne natürliche Lebensräume: keine Biodiversität. Ohne Vielfalt kein Leben – auch nicht für uns Menschen. Die Natur leidet – unter uns Menschen. An sie wollen wir hier denken. Wir verbinden uns mit ihrem Leid im Gebet."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. März 2024

Kreuzweg

Ein Zitat

Schattenwurf an einer Kreuzwegsprozession.
Foto © Jörg Niederer
"Nimm das Dasein als Bewährungsfrist / Ohne Klagen, ohne Fragen. / Schweigend steig hinauf die dunklen Treppen, / Weil es immerhin noch leichter ist, / Sein Kreuz zu tragen, / Als es zu schleppen." Mascha Kaleko (1907-1975)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,21-23

"Die Weisheit Gottes zeigt sich in dieser Welt. Aber die Welt hat ihn mit ihrer Weisheit nicht erkannt. Deshalb hat Gott beschlossen, durch eine scheinbar unsinnige Botschaft alle Glaubenden zu retten. Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten..."

Eine Anregung

Heute um 12.00 Uhr ziehen Menschen wieder los auf den "Kreuzweg der Gegenwart". Von der Evangelisch-methodistischen Kirche, dem Zielort des letztjährigen Kreuzwegs, geht es über mehrere Stationen hinauf zur Kirche Riethüsli. Unterwegs wird an Brennpunkten in der Stadt halt gemacht. Dazu gehört die erste Autogarage in St. Gallen, aber auch die Psychiatrie Nord und der Nestweiher. An jeder der sieben Stationen gibt es eine kurze Meditation. In ein mitgetragenes Kreuz wird ein Nagel eingeschlagen.

Der ökumenische Anlass kann ohne Voranmeldung besucht werden. In diesem Jahr wird der Fernsehsender TVO darüber in seinem Programm berichten.

Am Ausgangsort des Kreuzwegs, in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6, findet vorgängig ein Gottesdienst statt. Auch dazu sind alle herzlich eingeladen. Um 10.15 Uhr geht es los. Die Predigt kann ab ca. 10.30 Uhr auch via YouTube angeschaut werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 28. März 2024

Der heilige Gral

Ein Zitat

Kanzel im Stephansdom Wien
Foto © Jörg Niederer
"Nur einer ist euer Führer, Jesus Christus!" Predigtbotschaft am 7. Oktober 1938 im Stephansdom Wien durch Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955)

Ein Bibelvers - Offenbarung 2,7

"Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt: 'Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem gebe ich vom Baum des Lebens zu essen. Das ist der Baum, der in Gottes Paradies steht.'"

Eine Anregung

Da steht er also, der Heilige Gral! Selten ist mir die Kelchform der Kanzel so sehr aufgefallen, wie im Stephansdom in Wien. Nach der Mythologie ist der Gral eine "geheimnisvolle, wundervolle Schale, aus Stein oder Kristall, die immer nur Auserwählten oder Berufenen sichtbar ist". So steht es im Wiktionary-Beitrag dazu. Als heiliger Gral wird eine Schale bezeichnet, welche beim letzten Abendmahl von Jesus verwendet worden sein soll.

Dass eine Kanzel dem Kelch nachempfunden ist, der bei der Eucharistie- oder Abendmahlsfeier verwendet wird, ist irgendwie naheliegend. Man denke an die nach katholischer Lesart erfolgende Verwandlung von Wein in das Blut Christi. Aus etwas Profanem wird durch den feierlichen Nachvollzug des letzten Abendmahls etwas Heiliges, Verbindendes. 

So kann man sich vorstellen, dass im Kanzelkelch einer Kirche durch den Mund von Verkündigerinnen und Verkündiger kluge und wortgewandte Reden zu heiligem Wort Gottes werden. Es geschieht eine Verwandlung. Mitten in der wortlärmigen Welt wird an diesem einen Ort Sprache zu Hoffnung, bekommen Wortfetzen Sinn, geben Halt und Weisung.

So wie damals in Wien, als Kardinal Theodor Innitzer - er unterstützte den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland und läutete die Glocken, als Hitler 1938 Wien besuchte, weiter bezeichnete er diesen als "von Gott gesandten Führer" - von der Kanzel im Stephansdom vor 9000 Jugendlichen verkündigte: "Nur einer ist euer Führer, Jesus Christus!". Das war wohl auch eine Art Verwandlung, die da im Kanzelkelch geschehen ist. Oder war sich der Kardinal der Brisanz seiner Worte nicht ganz bewusst? Jedenfalls stürmten am folgenden Tag Trupps der Hitlerjugend das erzbischöfliche Palais.

1940 gründete ebendieser Kardinal Innitzer die Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken. Durch deren Einsatz konnten hunderte katholischen "Nichtarier" ins sichere Ausland fliehen.

Möge also der "Kelch Christi" noch manche Wandlung vom Bösen zum Guten bewirken.

Übrigens: Wer die Kanzel in Stephansdom besteigt, sieht auf dem Geländer der Treppe, die hinaufführt, wie die Eidechsen und Lurche (sie stehen für das Gute) gegen die aus dem Sumpf entstiegenen Frösche (sie stehen für das Böse) kämpfen. Geschieht da auf dem Weg zur Verkündigung auch ein innerer Kampf von Gut gegen Böse?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 27. März 2024

Details

Ein Zitat

Dachpartie und Südturm vom Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hinter dem Rücken die Finger entkreuzen. Ein erster Schritt auf dem Kreuzweg."

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,22

"Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die anderen Völker ist es reine Dummheit."

Eine Anregung

Im Dom-Museum in Wien habe ich mir den Stephansdom als Karton-Modellbau gekauft. Massstab 1:1'000. Ab 12 Jahren soll er Bastelfreuden auslösen. Mir schein selbst für einen 65-Jährigen mit viel Zeit und Lebenserfahrung könnte die Arbeit herausfordernd werden. Beim näheren Abgleich mit den Fotos, die ich in Wien auf, neben und im Dom gemacht habe, ist mir aufgefallen, dass die Figuren und Symbole, ja auch das auf dem Foto ersichtliche Kreuz auf dem nordwestlichen Ende des Domdachs (auf dem Foto ganz rechts) beim Modellbau fehlen. Wohl, weil sie schlichtweg nicht darzustellen sind bei einem so stark verkleinerten Modell.

Nun mag man anmerken, dass die fehlenden Details dem Bastelspass nicht abträglich sein müssen. Aber dass gerade das Kreuz am Modell des Stephansdoms fehlt, ist doch irgendwie störend. Auch sonst finden sich auf dem Modell an keiner Stelle irgendwelche Kreuze.

In dieser Karwoche hat das "Wort vom Kreuz" eine zentrale Bedeutung. Was ist der Glaube, ohne das Kreuz? Aus der distanzierten Betrachtung eines Touristen mag es nebensächlich sein, dass man dieses Kreuz gerade nicht mehr sieht, dass es in der monumentalen Fassadenwelt eines Jahrtausendgebäudes untergeht. Und doch liegt das eigentliche Geheimnis des Glaubens nicht darin, über die kunstvolle Gestaltung von Kirchen und Kathedralen zu staunen, sondern so nahe heranzugehen an das Kreuz, an den Kern der christlichen Botschaft, wie überhaupt nur möglich. Das Kreuz soll unübersehbar werden.

Unter dem Kreuz, diesem Folter- und Mordinstrument, erschliesst sich uns die ganze grausame Menschlichkeit. Dort können wir dem Menschenmöglichen nicht mehr ausweichen. Dort, am Unheilsort, wird mein Unvermögen überdeutlich, und auch, wie angewiesen ich auf Gnade und Versöhnung bin. Dort wird mir genau dies angeboten; Gnade und Versöhnung mit Gott. Das ist schwer zu begreifen. Ein Ärgernis, ein Skandal, ein Dummheit. Und doch: Nahe beim Kreuz bin ich ganz bei mir, ganz bei meinen Vorurteilen, meinen Widerständen. Dort eröffnet sich mir Gottes Tragweite, die auch mich einschliesst und nicht loslässt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 26. März 2024

Verharmlosungen

Ein Zitat

Kruzifixe im Laden des Stephansdoms in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Gestern standen wir noch am Abgrund. Heute sind wir schon einen Schritt weiter." Quelle unbekannt

Ein Bibelvers - Johannes 11,49+50

"Zum jüdischen Rat gehörte auch Kaiphas, der in dem Jahr der Hohepriester war. Er sagte: 'Ihr versteht gar nichts! Ihr bedenkt auch nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein Mann für das Volk stirbt – besser, als wenn das ganze Volk vernichtet wird.'"

Eine Anregung

Immer, wenn verharmlosende Worte verwendet werden, soll auch etwas verschleiert werden. Sehr schön ist das zu sehen bei den Berichten über die "proaktive" Wolfsjagd dieses Winters. Dabei bedeutet "proaktiv", dass man die Wölfe schiesst, obwohl die meisten von ihnen noch keinen Schaden an Nutztieren angerichtet haben. Auf diesem Weg versuchte die Jägerschaft ganze Rudel zu "entnehmen". Ein weiterer Euphemismus. "Entnehmen" bedeutet in diesem Fall "Totschiessen". Warum sagt man es dann nicht so, wie es ist? Aktuell zeigt sich, dass die Ausrottung von Rudeln in vielen Fällen nicht gelungen ist. Sogar Leitwölfe scheinen den Jägern entgangen zu sein. Auch mit dem Reden von "Leitwölfen" wird etwas verschleiert, nämlich dass es sich dabei um die Elterntiere handelt, die mit dem eigenen Nachwuchs ein Rudel bilden. Übrigens bedeutet "proaktiv" auch: Man kann uns wenigstens keine Untätigkeit vorwerfen.

Bei der Kreuzigung von Jesus – wir befinden uns ja in der Karwoche – war das wohl auch so. Auch da wurde "proaktiv" gehandelt, bevor "grösserer Schaden" hätte am ganzen Volk entstehen können. Auch da wurde ein "Opfer" gebracht, damit die Welt nicht "untergeht". Damit sind wir bei einem weiteren Merkmal der Verschleierung angekommen. Zum euphemistischen Reden hinzu tritt das Schwarzmalen. Die möglichen Folgen aus einer Untätigkeit werden dramatischer dargestellt, als sie zu erwarten sind. Dieses Gegenteil eines Euphemismus nennt man Dysphemismus.

Eine euphemistische Wirkung hat aber auch die tausendfache Wiederholung. Die unzähligen Kruzifixe und Kreuze im christlichen Umfeld führen in einen Gewöhnungsprozess, stumpfen ab. Der Schrecken der Kreuzigung, dieser sehr brutalen römischen Hinrichtungsart, dritt in den Hintergrund, wird gar zu einer Devotionalie, einem Gegenstand der Anbetung. Oder die Kruzifixe und Kreuzigungsbilder werden zu schönen Werken, werden ästhetische Kunst oder kitschige Karikatur, werden vergoldet und versilbert. Auch das ist eine Form des Ausweichsens, des Übertünchens, des Verschleierns.

Da stellt sich die Frage: Gelingt es mir, die Kreuzigung von Jesus als das zu sehen, was sie wirklich war? Gelingt es mir, diese von all der Weichwascherei zu befreien und ihr auf den kaum auszuhaltenden Grund zu gehen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 25. März 2024

Wechselbad

Ein Zitat

Blühender Higankirschbaum
Foto © Jörg Niederer
"Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Prediger 11,3+4

"'Wenn die Wolken voll sind, fällt Regen aufs Land!' Und wenn ein Baum nach Süden oder nach Norden fällt, dann bleibt er dort liegen, wohin er fällt. 'Wer immer nur den Wind beobachtet, kommt nicht zum Säen. Und wer immer nur den Wolken nachschaut, kommt nicht zum Ernten.'"

Eine Anregung

Der April ist im März angekommen. Gerade noch war es 20 Grad Celsius warm, schon folgt Schneefall auf frühblühende Bäume und Kräuter. Wind und Regen und Sonne und Schnee an einem Tag. Aprilwetter würde man sagen. Da blüht es also auf, und mit den Blüten steigt die Frostgefahr für die empfindlichen Kulturen, die Magnolien und die Kirschbäume.

Dieses wechselhafte Wetter ist wie ein Gleichnis für die Karwoche, in der mit dem Palmsonntag etwas von der überschwänglichen Freude sichtbar wird. Doch nur kurze Zeit, und es folgt der "Frost", schlägt Wunden, erstickt Gottes Botschaft am Kreuz.

In dieser Zeit wird mir bewusst: Die Natur zeichnet es vor. Ohne Qualen kommt Christus nicht davon, können Christen nicht glauben und leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Sonntag, 24. März 2024

Friedensprovokation

Ein Zitat

Eselin mit Folen auf einer Weide in Nordfrankreich.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis und tanzt." Martin Luther (1483-1546)

Ein Bibelvers - Lukas 19,29+30

"Kurz vor Betfage und Betanien kam Jesus zum Ölberg. Von dort schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte: 'Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Wenn ihr hineinkommt, findet ihr einen jungen Esel angebunden. Auf ihm ist noch nie ein Mensch geritten. Bindet ihn los und bringt ihn her.'"

Eine Anregung

Ein Eselfohlen spielt eine nicht geringe Rolle an Palmsonntag. Auf so einem Tier ritt Jesus in einem inszenierten Triumphzug nach Jerusalem. So manches, was uns Lukas darüber berichtet, klingt nach Provokation. Eine Provokation des Friedens.

Heute Sonntag um 10.15 Uhr werde ich darüber eine Predigt in der Methodistenkirche St. Gallen halten. Für Kinder gibt es ein eigenes Programm. Alle sind herzlich willkommen an der Kapellenstrasse 6. 

Wer nicht vor Ort sein kann, kann via Youtube wenigstens reinhören und reinschauen. Ab 10.30 Uhr geht es in dieser Weise los.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 23. März 2024

Magnolien, weil sie schön sind

Ein Zitat

Blühender Purpurmagnolienbaum in Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Großmäulig stehst du wieder da / In deiner rosa Blütenpracht, / Du hast dich kitschig schön gemacht, / Denn deine Blätter sind noch rar.
Musst stets eine der ersten sein, / Du trauriges Theaterstück, / Doch allzu kurz nur währt das Glück, / Zu schnell vorbei, der schöne Schein." Gedicht von Peddagog

Ein Bibelvers - Psalm 72,7

"Die Gerechtigkeit soll aufblühen in seinen Tagen. Und Frieden soll herrschen weit und breit, so lange, bis es den Mond nicht mehr gibt."

Eine Anregung

Auf "Threads" schrieb jemand als Begleittext zu einigen Fotos von Magnolien: "Das wievielte Magnolienbild soll hier noch gepostet werden?". Eine berechtigte Frage in diesen Tagen der Magnolienblüte. Ich finde, mein Foto von einer Purpurmagnolie gehört gezeigt. Einfach, weil die Pflanze schön ist. Sie stammt ursprünglich aus China und ist ein Elternteil der bekannten Tulpenmagnolie. Das muss man nicht wissen, um sich an der kurzen Prachtzeit zu erfreuen. Nicht lange, und die farbigen Blütenblätter bedecken den Boden und werden vom Wind in den Sommer hinein verweht. Dann wird der Magnolienbaum wohl nicht mehr besonders beachtet unter all den anderen grünblättrigen Gartengewächsen. So ist das Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 22. März 2024

Wien und das jüdische Erbe

Ein Zitat

Ein erleuchteter Davidstern auf einem Mast erinnert in Wien an die einstige jüdische Gesellschaft und Kultur.
Foto © Jörg Niederer
"Antisemitismus ist keine Meinung. Er ist eine Perversion. Eine Perversion, die tötet." Jacques Chirac (1932-2019) anlässlich einer Rede zur Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Paris am 25. Januar 2005

Ein Bibelvers - Esther 3,6

"Man hatte Haman gesagt, zu welchem Volk Mordechai gehörte. Nun wollte Haman alle Juden vernichten, die irgendwo im Reich von König Xerxes wohnten. Denn sie waren das Volk, zu dem Mordechai gehörte."

Eine Anregung

Erst als mich mein Wiener Kollege Stefan Schröckenfuchs auf sie aufmerksam gemacht hatte, sind sie mir aufgefallen. Die Mahnmale bei einstigen jüdischen Einrichtungen. Am Tag und aus seitlicher Distanz sehen sie wie wirre, an verwelkende Blumen erinnernde Stahlrohrrosetten auf einem Mast aus. Erst wenn man darunter steht und nach oben schaut, formt sich aus dem Rohrgewirr ein Davidsstern. In der Nacht leuchtet er wie eine Lampe die Umgebung aus. Jeden Tag bin ich vom Hotel zur Kirche an einem dieser Sterne vorbeigekommen, da wo einst der Storchentempel in die Häuserzeile integriert war. Wie viele andere wurde er 1938 durch die Nationalsozialisten zerstört.

Die Evangelisch-methodistische Kirche Wien Fünfhaus befindet sich in einer einst stark jüdisch geprägten Gegend. Auf dem Weg in die Innenstadt kamen wir auch einmal an der 2011 künstlerisch gestalteten Gedenkstätte für den ebenfalls 1938 mit Handgranaten in Brand gesetzten Turnertempel vorbei, die überhaupt dritte, in Wien gebaute Synagoge. Bei Wikipedia lese ich: "Im Jahr 1935 gab es in Wien 6 Tempel, 89 Bethäuser, 55 zeitweilige Beträume, 55 Sprach- und Bibelschulen, 18 Seelsorger, 73 Religionslehrer und 117 religiöse Vereine... Insgesamt verfügte Wien in den Jahren vor 1938 bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zwei Millionen über einen jüdischen Bevölkerungsanteil von rund 10 % bzw. rund 200.000 Personen. Nach 1945 zählte Wien etwa 5.000 jüdische Einwohner, bei der letzten Volkszählung 2001 waren es rund 7.000, das sind weniger als 0,5 %." 

1938 steht für den Auftakt einer beispiellosen Zerstörung jüdischen Lebens in Europe durch die Nationalsozialisten. In Wien und an vielen Orten ist es augenfällig.

Heute werden die Stimmen wieder lauter, die auf irreale Weise den Juden die Schuld am Elend in der Welt geben. In vielerlei Hinsicht ist dies eine Täter-Opfer-Umkehr. Am selben Tag, an dem wir den Platz beim einstigen Turnertempel passierten, begegneten wir bei der Hofburg einem kleinen, aber lautstarken Umzug von systemkritischen Menschen und Verschwörungsgläubigen. Allen voran drei, vier Freiheitstrychler, die vielleicht extra dafür aus der Schweiz angereist waren. Diese zusammengewürfelten Menschengruppen sind ein fruchtbarer Nährboden für den Antisemitismus.

Als christliche Kirchen ist es gut, wenn wir an den Seiten all der Menschen stehen, die allein ihres Glaubens und ihrer Herkunft wegen verleumdet und verfolgt werden. Dazu gehören nebst den Christinnen und Christen in vielen Ländern bei uns immer auch die jüdischen und muslimischen Menschen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 21. März 2024

Safe oder Impro

Ein Zitat

Handwerker auf Rollkoffer in einer Wiener U-Bahn-Unterführung.
Foto © Jörg Niederer
"Improvisation ist zu gut, um sie dem Zufall zu überlassen." Paul Simon (*1941), Musiker

Ein Bibelvers - 2. Korinther 1,21-22

"Gott selbst ist es, der uns gemeinsam mit euch im Glauben an Christus festigt. Er hat uns gesalbt und uns sein Siegel aufgedrückt."

Eine Anregung

Das ist wohl nicht ganz Suva-konform, wie hier der Arbeiter seinen Rollkoffer nutzt. Aber in Wien ist ja auch nicht die Suva zuständig. Improvisationstalent jedenfalls hat der Mann.

Das ganze Leben ist doch immer wieder ein Abwägen zwischen Sicherheit und Wagnis, zwischen Improvisation und Regelkonformität. Manche wählen meist den sicheren Weg, aber nicht immer. Waghalsige versuchen die Grenzen auszuloten, aber nicht immer. Kein Mensch macht immer alles richtig und gut, und kein Mensch ist nur verkehrt unterwegs.

Wieviel Sicherheit brauchst du in Glaubensfragen? Wie beweglich und situativ bist du, weil du an Gott glaubst? Ist ein Mensch, der glaubt, risikofreudiger oder sicherheitsorientierter? Anders gefragt: Gibt dir der Glauben an Gott Halt, oder verunsichert er dich?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen