Mittwoch, 27. März 2024

Details

Ein Zitat

Dachpartie und Südturm vom Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hinter dem Rücken die Finger entkreuzen. Ein erster Schritt auf dem Kreuzweg."

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,22

"Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die anderen Völker ist es reine Dummheit."

Eine Anregung

Im Dom-Museum in Wien habe ich mir den Stephansdom als Karton-Modellbau gekauft. Massstab 1:1'000. Ab 12 Jahren soll er Bastelfreuden auslösen. Mir schein selbst für einen 65-Jährigen mit viel Zeit und Lebenserfahrung könnte die Arbeit herausfordernd werden. Beim näheren Abgleich mit den Fotos, die ich in Wien auf, neben und im Dom gemacht habe, ist mir aufgefallen, dass die Figuren und Symbole, ja auch das auf dem Foto ersichtliche Kreuz auf dem nordwestlichen Ende des Domdachs (auf dem Foto ganz rechts) beim Modellbau fehlen. Wohl, weil sie schlichtweg nicht darzustellen sind bei einem so stark verkleinerten Modell.

Nun mag man anmerken, dass die fehlenden Details dem Bastelspass nicht abträglich sein müssen. Aber dass gerade das Kreuz am Modell des Stephansdoms fehlt, ist doch irgendwie störend. Auch sonst finden sich auf dem Modell an keiner Stelle irgendwelche Kreuze.

In dieser Karwoche hat das "Wort vom Kreuz" eine zentrale Bedeutung. Was ist der Glaube, ohne das Kreuz? Aus der distanzierten Betrachtung eines Touristen mag es nebensächlich sein, dass man dieses Kreuz gerade nicht mehr sieht, dass es in der monumentalen Fassadenwelt eines Jahrtausendgebäudes untergeht. Und doch liegt das eigentliche Geheimnis des Glaubens nicht darin, über die kunstvolle Gestaltung von Kirchen und Kathedralen zu staunen, sondern so nahe heranzugehen an das Kreuz, an den Kern der christlichen Botschaft, wie überhaupt nur möglich. Das Kreuz soll unübersehbar werden.

Unter dem Kreuz, diesem Folter- und Mordinstrument, erschliesst sich uns die ganze grausame Menschlichkeit. Dort können wir dem Menschenmöglichen nicht mehr ausweichen. Dort, am Unheilsort, wird mein Unvermögen überdeutlich, und auch, wie angewiesen ich auf Gnade und Versöhnung bin. Dort wird mir genau dies angeboten; Gnade und Versöhnung mit Gott. Das ist schwer zu begreifen. Ein Ärgernis, ein Skandal, ein Dummheit. Und doch: Nahe beim Kreuz bin ich ganz bei mir, ganz bei meinen Vorurteilen, meinen Widerständen. Dort eröffnet sich mir Gottes Tragweite, die auch mich einschliesst und nicht loslässt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen