Dienstag, 16. Januar 2024

Kristallisationsenthalpie

Ein Zitat

Ein in Eis eingefrorene Heckenpflanze am Bodenseeufer bei Romanshorn.
Foto © Jörg Niederer
"Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen. / Möge der weiche Wind deinen Geist beleben. / Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten. / Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen. / Und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe." Irischer Segen

Ein Bibelvers - 1. Petrus 4,8

"Haltet vor allem mit Ausdauer an der Liebe zueinander fest! Denn die Liebe deckt viele Sünden zu."

Eine Anregung

Man glaubt es kaum, aber Pflanzen, in Eis eingefroren, haben es wärmer, als wenn sie an der Luft den Minusgraden trotzen müssten. Das liegt an der Kristallisationsenthalpie (Enthalpie kommt von einem altgriechischen Wort, das "darin erwärmen" bedeutet). Damit ist eine physikalischer Vorgang bezeichnet, der auftritt, wenn ein Stoff ohne die Temperatur in einen anderen Aggregatzustand übergeht. Also etwa dann, wenn Wasser zu Eis gefriert während es sich dabei ausdehnen kann. Bei diesem Prozess wird Wärme abgegeben. Diese Wärme hält nun die eingefrorenen Pflanzenteile konstant bei 0 Grad Celsius, auch wenn die umgebende Lufttemperatur viel kälter ist. So werden etwa im Obstbau die empfindlichen Blüten vor Frost geschützt.

Pflanzen im Eismantel sehen zauberhaft schön aus. Wie Kristalle mit Innenleben. Ein weiteres kleines Wunder der schöpferischen Fürsorge Gottes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. Januar 2024

Übersehen

Ein Zitat

Grosse Brachvögel in einer Wiese bei der Badeanstalt Holzenstein.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will." Henri Matisse (1869-1954)

Ein Bibelvers - Johannes 3,3

"Jesus antwortete: 'Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.'"

Eine Anregung

Auf der Strecke zwischen Romanshorn und Uttwil liegt das Seebad Holzenstein. In der eisigen Kälte sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein Anwohner aus einem der Häuser direkt am Ufer führt seine zwei Hunde spazieren.

Meiner Frau fallen krähengrosse Vögel auf, die in einiger Entfernung immer wieder gemeinsam auffliegen und in der Wiese landen. Es sind Grosse Brachvögel, die am Bodensee überwintern. Früher konnte man die melodiös rufenden Schnepfen weitherum hören. Noch 2002 brüteten 500 Paare in der Schweiz. Heute weiss man von keiner einzigen Brut mehr im ganzen Land. Der Grosse Brachvogel steht auf der roten Liste, ist vom Aussterben bedroht. Um so überraschter waren wir, einen Trupp dieses charakteristischen Vogels auf dem unscheinbaren Feld zwischen den Häusern anzutreffen.

Beim Weitergehen sprechen wir mit dem Anwohner über seine Hunde, und ich frage ihn, ob es hier regelmässig Brachvögel gebe. Immerhin wohnt er direkt an dieser Wiese. Doch er schaut mich nur fragend an. Vögel interessieren ihn nicht, und so hat er sie wohl auch noch nie beachtet, obwohl sie doch recht gross sind.

Wieder einmal denke ich darüber nach, was ich wohl alles in meinem direkten Umfeld übersehe; aus Gewohnheit, aus Desinteresse, weil ich es nicht sehen will. Was verbirgt sich direkt vor meinen Augen, auch vor meinen geistigen Augen? Ich nehme mir vor, heute besonders aufmerksam durch den Tag zu gehen. Durch den Tag, an dem der meteorologische Winter zur Hälfte vorüber ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. Januar 2024

Ökumenisches OrgelWort

Ein Zitat

Die Gischt vom Bodensee hat ein Baugitter in Romanshorn in eine Eisskulptur verwandelt.
Foto © Jörg Niederer
"Der Zuhörer sitzt quasi mitten in der Orgel drin..." Zitat des Orgelbauers der neuen Orgel in St. Laurenzen, St. Gallen

Ein Bibelvers - Psalm 81-1-2

"Für den Chorleiter, zu spielen auf dem Musikinstrument aus Gat. Von Asaf. Jubelt Gott zu, er ist unsere Stärke, lasst den Gott Jakobs hochleben!"

Eine Anregung

Heute Sonntag finden landauf, landab die Gottesdienste der Allianzgebetswoche statt. Ich werde an der Feier in der Evangelischen Kirche Weinfelden beteiligt sein. Alle sind um 10.00 Uhr herzlich dazu eingeladen.

Am Abend findet aber noch ein weiterer bemerkenswerter Anlass statt. Zum 2. Mal wird in St Gallen das Ökumenische OrgelWort durchgeführt. Dieser Anlass beginnt um 17 Uhr in der Kathedrale, und endet eine Stunde später in St. Laurenzen. Orgelklänge gliedern und tackten die Zeiten in den beiden Kirchen. Texte, gelesen von Beteiligten aus der Römisch-katholischen, der Christkatholischen, der Reformierten und der Evangelisch-methodistischen Kirche, ergänzen die Klänge.

Über die Qualität der Orgel in der Kathedrale muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Anders bei der Goll-Orgel in St. Laurenzen. Seit vergangenem Jahr findet sich dort die weltweit einzige quadrophonische Orgel. Sie verspricht einen ausserordentlichen Hörgenuss.

Nach der Zeit in den beiden Kirchen kann man sich bei heissen Marronis unterhalten und den Abend ausklingen lassen.

Aber was hat die Fotografie mit dem OrgelWort zu tun? Nun, die Gischt des Bodensees hat ein Baugitter in eine Eisskulptur verwandelt. Mit ihren aufgereihten Eiszapfen erinnert sie mich entfernt an einen lichtdurchfluteten, eisigen Orgelprospekt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 13. Januar 2024

Karl Barth und die Liebe

Ein Zitat

Dekoherzen
Foto © Jörg Niederer
"Ja, Jesus liebt mich, / ja, Jesus liebt mich, / ja, Jesus liebt mich, / die Bibel sagt mir dies." Refrain vom Lied "Jesus liebt mich ganz gewiss..."

Ein Bibelvers - Johannes 15,12

"Das ist mein Gebot: Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe."

Eine Anregung

Manfred Marquardt lehrte mich einst vor Jahren systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Reutlingen. In der neusten Zeitschrift "Unterwegs" erinnert er sich in einem Beitrag zur Jahreslosung an eine Geschichte, die in Basel spielte. Ich zitiere: 

"Vor einigen Jahren erzählte mir jemand von einem Gespräch, das Karl Barth, der weltbekannte Theologe und evangelische Pfarrer, mit einer einfachen Frau geführt hat. Gegen Ende seines Lebens lag er als Patient im Basler Krankenhaus Bethesda, als eine Diakonisse sich ein Herz fasste und ihm eine überraschende Frage stellte, die sie anscheinend schon länger mit sich trug. 'Lieber Herr Professor', sagte sie, 'Sie haben viele Bücher geschrieben, können Sie mir einfacher Krankenschwester sagen, was die wichtigste Erkenntnis ihres Nachdenkens ist?' Karl Barth antwortete nach einer Weile: 'Jesus liebt mich ganz gewiss, denn die Bibel sagt mir dies.'"

Das Lied, das ich einst von meiner Mutter lernte, kann auf Youtube in verschiedenen Varianten angehört werden. Es stammt im englischsprachigen Original von Anna Bartlett Warner, welche es 1859 veröffentlichte. Ein altes Lied also, und doch drückt es aus, worauf wir bauen können: Jesus, ja Gott liebt uns. Das dürfen wir glauben, denn es ist vielfach bezeugt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 12. Januar 2024

Das Geburtstagsmysterium

Ein Zitat

Geburtstagstorte vom Beck Meier in Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"Das Geheimnis des Glücks ist, statt der Geburtstage die Höhepunkte des Lebens zu zählen." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Matthäus 14,6+7

"Der Geburtstag von Herodes wurde gefeiert. Da tanzte die Tochter von Herodias vor den Gästen. Herodes war begeistert. Deshalb versprach er ihr feierlich: 'Ich gebe dir, was immer du willst!'"

Eine Anregung

Bei über 800 Facebook-Freundinnen und Freunde gibt es fast an jedem Tag des Jahres mindestens eine Person, welcher ich zum Geburtstag gratulieren kann. Um so irritiert ist es, wenn dann gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen keine Person ihr Wiegenfest begeht. In meinem Fall war das am 10. und 11. Januar so. Warum, weiss ich nicht; ein Geburtstagsmysterium. 

Mich hätte es nicht gewundert, wenn niemand am 29. Februar Geburtstag hätte. So viele können es ja nicht sein an diesem nur alle vier Jahre vorkommenden Tag. Und dass der September der geburtenstärkste Monat ist, wundert mich auch nicht. Die Zeugung fällt dann ja in den Winter.

Wen es nun noch interessiert, wie viele Menschen in Österreich an welchen Tagen Geburtstag feiern, kann das auf folgender Webseite herausfinden. Achtung, der Januar heisst dort Jänner. 

Wenig attraktiv ist der (angenommene) Geburtstag von Jesus. Am 24. oder 25. Dezember ist die Geburtenrate tiefer als sonst. 

Die Bibel berichtet übrigens nur über die Geburtstagsfeiern von zwei Personen. Einer davon ist der Pharao (1. Mose 40,20) der andere ist Herodes (Matthäus 14,6). Letzterer kostete Johannes dem Täufer den Kopf. Der Geburtstag des Pharaos war für dessen Mundschenk ein Segen und für den Hofbäcker ein Fluch. Aber lest am besten selbst (1. Mose 40,20-22).

Angesichts dieses Befundes wünscht man sich fast noch mehr Tage, an denen niemand Geburtstag feiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. Januar 2024

Schnee und Beckenbauer

Ein Zitat

Schnee auf dem Fensterbrett des Büros in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jugend will halt stets mit G'walt / in allem glücklich sein; / doch wird man nur ein bisserl alt, / dann find't man sich schon drein." Aus dem Hobellied von Ferdinand Raimund

Ein Bibelvers - 1. Johannes 2,17

"Diese Welt und ihre Gier vergehen. Aber wer tut, was Gott will, bleibt in Ewigkeit mit ihm verbunden."

Eine Anregung

Schneeflocken sind kleine Wunderdinge. Im Kern bestehen sie aus Eiskristallen, die aufgrund von Feuchtigkeit und Temperatur wachsen und sich verbinden. So entstehen diese immer sechseckigen Strukturen, die bis zu einem halben Zentimeter gross werden können. 

Allerdings soll es keine zwei identische Schneeflocken geben. Jede Schneeflocke sei ein Unikat und komme über Zeit und Raum hinweg nur einmal vor auf der Welt.

Da frage ich mich: Mit welcher Sicherheit kann das gesagt werden? Es entstehen und vergehen ja jeden Tag Milliarden von Schneeflocken, und das schon seit Millionen von Jahren. Wer will da mit letzter Sicherheit sagen, dass es nicht irgendeinmal in dieser Abfolge von Zeit und Raum doch zwei identische aussehende Schneeflocken gegeben hat? Dass man bis jetzt diese Schneeflockenzwillinge nicht gefunden hat, könnte ja auch daran liegen, dass man nicht intensiv genug danach geforscht hat.

Eine solche Aussage, dass es etwas nicht gibt, ist ja schon an sich eine Behauptung, die ständig in der Gefahr steht, dass genau das was es nicht geben soll, dann doch irgendwo und irgendeinmal entdeckt wird. Kann man überhaupt guten Gewissens sagen, dass es etwas nicht gibt? Viel einfach ist es, eine Sache, die es gibt, zu konstatieren. Und doch gibt es sogar Menschen, die nicht glauben, was offensichtlich ist: Etwa, dass die Erde eine Kugel ist. Was es nicht alles gibt?

Sind etwa Leugnen und Wissen erkenntnistheoretische Geschwister, Zwillingen, die sich mehr gleichen, als dass sie voneinander abweichen? Wie heisst es doch im berühmten Hobellied (Hier von Peter Alexander gesungen): "Da streiten sich die Leut' herum / oft um den Wert des Glücks; / der Eine heißt den Andern dumm, / am End' weiß keiner nix."

Zurück zu den Schneeflocken. In ihrer einmaligen Feinstruktur existieren sie nur eine kurze Zeit, solange sie sich in der Luft befinden. Doch einmal auf dem Boden angekommen, werden sie wieder zu Wasser, oder verbinden sich mit vielen anderen Schneeflocken zu einer Schneedecke oder zu Eis, verlieren unter dem Druck von Ihresgleichen ihre einmalige Form. Aus Unikaten wird eine Masse, in der nicht mehr die einzelne Schneeflocke zählt, sondern der Verbund tausender und abertausender dieser Eiskristalle. Im Hobellied wird diese Entwicklung (auf die Menschheit bezogen) so beschrieben: "...das Schicksal setzt den Hobel an / und hobelt alle gleich".

Oder noch einmal anders gesagt: Jetzt wo Beckenbauer tot ist, bin ich im Vergleich zu ihm und allein aufgrund der Tatsache, dass ich noch lebe, der bessere Fussballspieler von uns zweien. Individualität, Einmaligkeit zählt halt nur für die kurze Dauer, in der wir uns Schneeflocken gleich durch Zeit und Raum bewegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. Januar 2024

Das Fundament im Leben

Ein Zitat

Beim Bundeshaus in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Ich würde jetzt heute sagen, diese befreiende Dimension habe ich viel stärker in der Methodistenkirche erlebt..." Eric Nussbaumer, Nationalratspräsident

Ein Bibelvers - Galater 5,13

"Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe."

Eine Anregung

Das Bundeshaus ist seit gut 16 Jahren Wirkort von Eric Nussbaumer. In den Perspektiven von Radio SRF 2 Kultur hat nun der aktuelle Nationalratspräsident sich auch zu seinem Glauben und seiner Zugehörigkeit zur Methodistenkirche geäussert. Dabei wird deutlich, wie stark geprägt der SP-Mann von einer christlichen Grundhaltung her politisiert. Pointiert äussert er sich: "Kirche muss uns helfen, das Leben gemeinsam zu meistern. Sonst hat sie keine Berechtigung." Über den Glauben selbst meint er: "Der christliche Glaube hat eine persönliche Dimension. Er hat aber immer auch eine zwischenmenschliche, gesellschaftliche Dimension. Und das versuche ich auch heute noch immer so zu praktizieren."

Auch interessant ist, wie wohlwollend der Sender im Zusammenhang mit dem Interview den Methodismus beschreibt.

Mir hat dieses Gespräch mit Eric Nussbaumer Mut gemacht. Mut, politisch aus dem Glauben heraus die Gesellschaft und die Schweiz mitzugestalten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. Januar 2024

Vermitteln und übersetzen

Ein Zitat

Frucht eines Perlpilzes.
Foto © Jörg Niederer
"Ein friedfertiger Mensch nützt mehr als ein gelehrter." Thomas a Kempis (1380-1471)

Ein Bibelvers - Galater 2,8+9

Paulus: "Denn Gott hat Petrus befähigt, Apostel für die Menschen jüdischer Herkunft zu sein. Genauso hat er mich befähigt, Apostel für die Völker zu sein. Die maßgebenden Leute erkannten, welche Gnade mir Gott erwiesen hatte."

Eine Anregung

Ich weiss, das ist kein Fliegenpilz. Wohl eher ein Perlpilz, wobei ich da die verschiedenen Sorten nicht unterscheiden kann und auch gar nicht sicher bin, dass es wirklich auch ein Perlpilz ist. Mir gefällt, wie er mit aller Kraft dem Licht zustrebt, dabei die Blätter zur Seite drückt und sich Raum verschafft.

Pilze haben aber noch ganz andere Fähigkeiten. Und da geht es nun wieder um den Fliegenpilz, von dem ich hier schon einmal geschrieben und ein Foto gezeigt habe. In der neusten Sonntagzeitung erzählt der Forstingenieur und Bestsellerautor Ernst Zürcher, wie Bäume miteinander kommunizieren und über den Tod hinaus zusammenarbeiten. Das gelte nicht nur unter Bäumen der selben Art. 

Ich zitiere: "Auch ein Pilz kann mehrere Arten kolonisieren. Nehmen Sie zum Beispiel den Fliegenpilz. Er verbindet sich mit der Birke ebenso wie mit der Waldkiefer. Dank einem Pilz kann sich also sogar ein Nadelbaum mit einem Laubbaum austauschen. Deshalb sollte man diese beiden Arten in einem Wald mischen..."

Der Pilz leistet Übersetzungsarbeit. Er vermittelt zwischen Laub- und Nadelbaum. Der Pilz ist wie die App, die mich mit fremdsprachigen Menschen plaudern lässt. Überall dort, wo die Verständigung schwierig ist, sollte es Menschen geben, die wie diese Pilze sind. Menschen die versöhnen, vermitteln und zwischen den Kulturen übersetzten. 

Zuletzt noch das: Wer hätte gedacht, dass ich mir einmal einen Fliegenpilz als Vorbild nehme?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. Januar 2024

Noch ein letztes Mal Weihnachten

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Glasfenster von August Wanner in der Pfarrkirche St. Pankratius in Bolligen zur Geburts- und Jugendgeschichte von Jesus: Die heilige Familie.
Foto © Jörg Niederer
"Auf der ganzen Welt feiern Orthodoxe Christen Weihnachten. Ihr 25. Dezember, berechnet nach dem dem julianischen Kalender, beginnt mit der Mitternacht vom 6. auf den 7. Januar des allgemein benutzten gregorianischen Kalenders." Quelle: Euronews

Ein Bibelvers - Jesaja 1,3

"Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Futterkrippe seines Herrn."

Eine Anregung

Gestern feierte ein Teil der orthodoxen Welt das Weihnachtsfest. Bei uns wartet immer noch ein angebrochener Dreikönigskuchen auf den dazugehörigen König oder die dazugehörige Königin. Untrügliche Zeichen, dass die Weihnachtszeit nun wieder für ein Jahr ein Ende finden wird. Das Foto von der Heiligen Familie aus der Kirche St. Pankratius in Bolligen will noch einmal an die Geburt des Erlösers erinnern.

Zum Dreikönigskuchen folgen hier einige Gedanken von einer Berufskollegin, der Pfarrerin Nicole Becher. Ihr fiel in der Bahn ein weggeworfener kleiner Plastikkönig auf, wie er in die Dreikönigskuchen gesteckt wird. Dazu schreibt sie auf Facebook:

"Auch in diesem Jahr Gedanken aus der SBB: ein einsamer König auf dem Weg nach...? Wer ist nicht vielleicht alles auf dem Weg heute und ich sehe in dieser Person nur jemanden, der alleine irgendwo hinreist? Dabei handelt es sich um einen König, eine Königin - einen Menschen, der die für andere Verantwortung übernimmt, sich einsetzt und zurücknimmt, immer wissend, dass auch er sie lebt aus der Liebe Gottes. Den einsamen König habe ich vom Boden genommen und so gelegt, dass er nicht mit Füssen getreten wird. Das ist das mindeste, was ich tun kann."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. Januar 2024

Alles geschehe in Liebe

Ein Zitat

Ausschnitt aus der EMK-Jahreslosung 2024 von der Künstlerin Maike Witte.
Foto © Jörg Niederer
"Liebe und dann tue, was du willst!" Augustinus von Hippo (354-430 n.Chr.)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 16,13+14

"Seid wachsam, haltet am Glauben fest, seid mutig und stark! Alles, was ihr tut, soll in Liebe geschehen!"

Eine Anregung

Es ist das herausragende Thema des christlichen Glaubens: Die Liebe. "Gott ist Liebe", schreibt Johannes in einem seiner biblischen Briefe. Fast jeder Mensch kennt das Hohelied der Liebe aus 1. Korinther 13. Und nun ist ein Wort aus diesem Paulusbrief an die Korinther auch der Leitspruch für das Jahr 2024: "Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe" (1. Korinther 16,14). Maike Witte hat dazu eine Geschichte in ein Bild verarbeitet. Ein Bild, das der Liebe Hände und Füsse gibt.

Heute werde ich dieses Bild mit den Gottesdienstbesuchenden der Methodistenkirche St. Gallen näher betrachten. Wer dabei sein möchte, ist herzlich eingeladen, entweder um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6, oder dann via Youtube um 10.30 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. Januar 2024

Die Kirche und das Klima

Ein Zitat

Regenbogen über stürmischer See bei IJmuiden in Holland.
Foto © Jörg Niederer
"Die durchschnittliche Jahrestemperatur im Jahr 2020 war 1,1°C höher als vor der industriellen Zeit... Der menschgemachte Klimawandel wird auf 0,8-1.3°C geschätzt." Christian Rolli

Ein Bibelvers - 1. Mose 7,13+14

"Genau an diesem Tag ging Noah in die Arche. Seine Söhne Sem, Ham und Jafet, seine Frau und die drei Frauen seiner Söhne gingen mit hinein. Bei ihnen waren alle Arten von wilden Tieren und Vieh und alle Tierarten, die auf der Erde kriechen."

Eine Anregung

Das Bild von der Menschheit als einem Schiff wird schon mindestens seit der biblischen Geschichte von Noahs Arche bemüht. Kein Wunder, dass Sarah Bach es wieder beizieht, wenn sie die Schicksalsgemeinschaft der Menschheit aufzeigen will, und wie diese Weltgemeinschaft auf den durch fossile Brennstoffe verursachten Klimawandel reagieren soll. Natürlich kommt in ihrem Bild auch "Noahs Taube" vor. 

In einem ersten von drei Videobeträgen geht es darum, wie die Kirche vom Glauben her auf die menschgemachte Erderwärmung reagieren soll und kann. Das hat in der Methodistenkirche etwas mit Liegenschaften zu tun, wie man auch unschwer daran erkennen kann, dass Thomas Oczipka von der Immobilienverwaltung der Kirche ausgiebig zu Wort kommt.

Die naturwissenschaftliche Seite vertritt im Video Christian Rolli, Student Science, Technology and Policy an der ETH.

Weiter wirft das Video einen Blick auf eine Situation, in der schon heute Menschen auf den Fiji-Inseln ihren Wohnort verlassen mussten, weil der vom Klimawandel getriebene Anstieg des Meeresspiegels ein Leben dort verunmöglicht hatte.

Der Videobeitrag von Michael Hari führt gut hinein in die Problematik, Aufgabe und Fragestellung, wie die Kirche und die Glaubenden einen substanziellen Beitrag leisten können zur Bewahrung der Schöpfung und des Lebensraums Erde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. Januar 2024

Mehr Kühe als Menschen

Ein Zitat

Portraits dreier Kühe auf der Weide.
Foto © Jörg Niederer
"Der Dumme sucht auch dort nach Dung, wo niemals Kühe gegrast haben." Sprichwort aus Äthiopien

Ein Bibelvers - 2. Mose 32,4

"Der [Aaron] nahm das Gold von ihnen entgegen. Dann bearbeitete er es mit dem Meißel und machte ein goldenes Kalb daraus."

Eine Anregung

Mein Heimatort ist Langrickenbach, ein Thurgauer Dorf auf dem Seerücken. Nun entnehme ich einer interaktiven Karte, dass dort mehr Rinder leben als Menschen. 109 Kühe kommen auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner. Und noch etwas steht da: Der häufigste Kuhname an diesem Ort ist Eva. Da, wo ich aufgewachsen bin, in Olten, leben heute gerade einmal 40 vierbeinige Rindviecher, was einem Verhältnis von 1000 Menschen zu zwei Kühen entspricht. Anders in Frauenfeld, wo ich aktuell zuhause bin. Da kommen auf 100 hier lebende Personen 3 Rinder. In St. Gallen teilen sich 100 Städterinnen und Städter sogar nur zwei Rinder, und der häufigste Kuhname ist Anna.

In der Hauptstadt Bern gibt es auch Kühe. Auf 1000 Bewohnerinnen und Bewohner kommen 8 von ihnen. Folglich ist die Bundeshauptstadt ländlicher als der Inbegriff von Provinz, als Olten. Vermutlich hat es also mehr Rinder in Bern als Bundespolitiker. Welche dieser Gruppen mehr Käse oder Mist produziert, kann und will ich nicht beantworten.

Ob Angesichts der vielen muhenden Zeitgenossen diese Statistikerkenntnisse schon einem Tanz um das Goldene Kalb gleichkommen? Jedenfalls tritt man in der Schweiz früher oder später  im Leben in einem Kuhfladen. Ob diese Dunghaufen wohl auch gezählt werden?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 4. Januar 2024

Hemmungsloser Ideenklau

Ein Zitat

Brunnen auf dem Kreisel Seestrasse/Zürichstrasse in Uster.
Foto © Jörg Niederer
"Behandle dich selbst so, wie du von anderen behandelt werden möchtest." (Zitat einer Konfirmandin von Pfarrerin Nadja Boeck)

Ein Bibelvers - Philipper 4,19

"Und mein Gott wird euch alles geben, was ihr braucht. Er wird euch durch Christus Jesus am Reichtum seiner Herrlichkeit teilhaben lassen."

Eine Anregung

Mit "Hemmungsloser 'Ideenklau'" ist die 10. These in einem sehr anregenden Beitrag von Pfarrerin Naja Boeck überschrieben. Und genau daraus fröne ich nun dem hemmungslosen Ideenklau. Mir gefällt besonders das anschauliche Zitat von Bernhard von Clairvaux. Dabei kommen mir die Schwestern von Grandchamp in den Sinn, die jeweils sich selbst die Suppe schöpften und dann erst den Gästen, mit den Worten: "Man kann nur geben, wenn man selbst empfangen hat"

Nadja Boeck schreibt also (und nicht nur für ihre Zunft): "Im Pfarramt müssen wir für andere da sein. Gerade deshalb ist es wichtig, uns selbst nicht zu vergessen. Ja, uns vielleicht sogar an erste Stelle zu setzten. Der französische Mystiker Bernhard von Clairvaux bringt das so auf den Punkt: 'Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Zuerst anfüllen und dann ausgiessen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bis du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.'" (aus: "Me, Myself and I", bref 11+12/2023, Seite 63)

Übrigens ist das Zitat der Konfirmandin ganz oben aus dem selben Abschnitt hemmungslos übernommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 3. Januar 2024

Windtelefon

Ein Zitat

Alte Telefonzelle in einem Dorf in Kent, England, die heute einen Defibrillator enthält.
Foto © Jörg Niederer
"Die Trauer hört niemals auf, sie wird ein Teil unseres Lebens. Sie verändert sich und wir ändern uns mit ihr." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 2. Samuel 1,26a

"Wie ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, wie warst du mir so lieb!"

Eine Anregung

Telefonkabinen werden heute für viele Dinge benutzt. Als Anzeigekasten vor der Kirche, als öffentliches Bücherregal, als Defibrillator, wie auf dem Foto. Zweitnutzungen.

Aber es werden auch noch neue Telefonkabinen gebaut. Patrick Genaine hat in einem Dorf über dem Neuenburgersee ein Windtelefon erreichtet und am 15. Mai 2023 eingeweiht, aus Holz, mit zwei alten Telefonen. Hier kann man das Telefon auf einigen Bildern im Internet anschauen.

Erfahren habe ich davon durch einen Artikel bei ref.ch. Erfunden hat das Windtelefon der Gartenarchitekt Itaru Sasaki aus Japan. Er stellte eine alte Telefonzelle in seinem Garten auf. Darin verarbeitete er die Trauer um seinen verstorbenen Cousin, indem er mit ihm durch dieses Telefon sprach. Er sagte sich: Der Wind wird meine Worte zu ihm tragen! Das Windtelefon war geboren. 

Zwischenzeitlich gibt es wohl so an die hundert Windtelefone weltweit. Eines davon steht nun auch in der französischen Schweiz. Wie lange wird es wohl dauern, bis auch ein Windtelefon in der Deutschschweiz Menschen eine zusätzliche Möglichkeit bietet, ihre Trauer zu verarbeiten?

Gegenüber ref.ch meint Patrick Genaine, selbst Spezialisten für Trauerbegleitung: "'Aufgrund meiner Ausbildung und meines Werdegangs habe ich sofort das Potenzial dieser Kabine gespürt. Es war so offensichtlich', so Genaine. In der Kabine passiere etwas, man könne seinen Gedanken freien Lauf lassen. 'Emotionen und Erinnerungen können freigesetzt werden, eine emotionale Tür kann sich öffnen, wenn etwas noch festsitzt.'"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 2. Januar 2024

Vom Leben gezeichnet

Ein Zitat

Lachmöwen auf einem Boot auf dem Pfäffikersee.
Foto © Jörg Niederer
"Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen." Marcel Proust (1871-1922)

Ein Bibelvers - Psalm 17,6+7a

"Ich habe zu dir gerufen, Gott, damit du mir Antwort gibst. Hab ein offenes Ohr für mich! Höre, was ich zu sagen habe! Wie wunderbar ist deine Güte."

Eine Anregung

Wenn Menschen in ihrem Leben zurückschauen, kann es sein, dass das, was sie dann sehen, etwa so aussieht, wie die Schiffsblache unterhalb der Möwen auf dem Foto: Gezeichnet vom Leben. Dann lohnt es sich, einen anderen Blickwinkel zu wählen, nach vorn, vielleicht auch hinauf. Nicht um zu verdrängen. Nicht Augen zu und durch. Sondern um neue Lebensperspektiven zu bekommen. Dazwischen liegt oft ein Ritual. Vielleicht waschen wir uns den Schmutz ab, vielleicht ordnen wir die "Federn", vielleicht besprechen wir uns mit uns vertrauten Menschen. Dann, wenn sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben und man dann zurückschaut, sieht man vielleicht, dass die Bremsspuren des vergangenen Lebens nicht nur hässliche Muster auf den sauberen Grund gezeichnet haben. Die Vergangenheit wird mit ihren Gebrauchsspuren auch irgendwie schön. Halt vom Leben gezeichnet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 1. Januar 2024

Auf zu neuen Ufern

Ein Zitat

Graureiher im Flug.
Foto © Jörg Niederer
"Vielfach wird gefragt: Wohin wird das noch führen? Was darauf antworten? Mir hilft die biblische Erkenntnis, dass da einer ist, der die drängenden Fragen verwandelt in Zuspruch: 'Ich will dich führen.'" Andrea Brunner, Pfarrerin

Ein Bibelvers - Psalm 24,9

"Ihr Tore des Tempels, seid hocherfreut! Ihr Türen der Urzeit, öffnet euch weit! Es kommt der König der Herrlichkeit!"

Eine Anregung

Auf zu neuen Ufern. Machen wir den Abflug. Es geht ins neue Kalenderjahr. Was mag es bringen? Auch wenn es naiv klingt angesichts der Weltlage: ich wünsche mir, dass wir in den nächsten Monaten dem Weltfrieden näherkommen. Dazu brauchen wir Gottes Gegenwart und sein Geleit; seine liebevolle Zuwendung.

Uns allen wünsche ich nur das Besten, und dass wir es alle tun.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 31. Dezember 2023

Stelle mich wohin du willst!

Ein Zitat

Bürostuhl auf der Tannwaldstrasse beim Bahnhof Olten. Leicht verfremdet.
Foto © Jörg Niederer
"Nimm hin, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und Besitzen. Du hast es mir gegeben; dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist dein, verfüge nach deinem ganzen Willen. Gib mir deine Liebe und Gnade, denn diese genügen mir." Hingabegebet des Ignatius von Loyola (1491-1556)

Ein Bibelvers - Lukas 22,42

"Er [Jesus] sagte: 'Vater, wenn du willst, nimm diesen Becher weg, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!'"

Eine Anregung

In methodistischen Kirchen wird oft zum Jahresende die Feier zur Erneuerung des Bundes mit Gott gefeiert. Im deutschsprachigen Raum ist diese Liturgie als Nummer 776 im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche zu finden. Die Texte gehen auf den Gründer der methodistischen Bewegung, auf John Wesley zurück. Zentral ist dabei ein Gebet, das es in eine Sammlung der hundert schönsten Gebete der Weltreligionen geschafft hat: Das Bundeserneuerungsgebet. Darum dreht sich alles. Es lautet: 

"Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir. / Stelle mich, wohin du willst. / Geselle mich, zu wem du willst. / Lass mich wirken, lass mich dulden. / Brauche mich für dich, oder stelle mich für dich beiseite. / Erhöhe mich für dich, / erniedrige mich für dich. / Lass mich erfüllt sein, lass mich leer sein. / Lass mich alles haben, / lass mich nichts haben. / In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles deinem Willen und Wohlgefallen. / Herrlicher und erhabener Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist: Du bist mein, und ich bin dein. So soll es sein. / Bestätige im Himmel den Bund, den ich jetzt auf Erden erneuert habe. Amen."

Ein herausforderndes Gebet, indem man sich ganz in die Hände Gottes legt. Diesen Sonntag werden wir in St. Gallen dieses Gebet beten und dieser Liturgie folgen. Dabeisein kann man entweder um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen, oder dann per Youtube um ca. 10.30 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 30. Dezember 2023

Zukunftsaussichten

Ein Zitat

Rotmilan
Foto © Jörg Niederer
"Das Beste an der Zukunft ist, dass sie uns immer einen Tag nach dem anderen serviert wird." Abraham Lincoln (1809-1865)

Ein Bibelvers - Psalm 31,15+16

"Ich aber vertraute auf dich, Herr. Ich bekannte: Du bist mein Gott! Meine Zukunft liegt in deiner Hand. Rette mich aus der Gewalt meiner Feinde und lass mich meinen Verfolgern entkommen!"

Eine Anregung

Möchtest du wissen, was die Zukunft bringt?

Es wäre ja schon interessant, wenn wir, wie der Rotmilan von hoher Warte auf die Welt schaut, von oben herab das Kommende wie eine sich ausbreitende Landschaft überblicken könnten. Aber abgesehen von ein paar nahen Zukunftserwartungen liegt die Zukunft nicht in unseren Händen. Das gilt unabhängig von unserem Alter. Zwar sprechen einige von der Jugend als unserer Zukunft, aber auch die Jugend kann nicht sehen, was zukünftig auf sie zukommen wird. Zumindest kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich in Zukunft unweigerlich noch älter werde. So gesehen steht mir die Zukunft nicht offen, sondern schliesst sich langsam aber sicher. Macht nichts, solange ich mit der Gegenwart zufrieden bin. Und sonst? Sonst ist guter Rat teuer. Denn ich kann ja schon sagen, dass es im Himmel dann mal viel besser sein wird. Nur könnte mir das den Vorwurf der Jenseitsvertröstung einbringen. Zudem hilft es für den Moment wenig bis nichts.

Ich für meinen Teil lege meine Zukunft in Gottes Hände, und vertraue, dass mich das für einige Zeit lebenstüchtig genug werden und sein lässt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. Dezember 2023

Glückspilz

Ein Zitat

Fliegenpilz
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt Glückspilze, die fallen hin und finden noch etwas dabei." Redensart aus dem Senegal

Ein Bibelvers - Lukas 11,28

"Aber Jesus antwortete: 'Glückselig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und danach leben.'"

Eine Anregung

Früher wurden Menschen, welche schnell und unerwartet zu Reichtum kamen, abwertend "Glückspilze" genannt, in der Bedeutung von Neureichen mit schlechten Manieren, von Emporkömmlingen. Vermutlich lehnte man sich dabei an das englische "mushroom" an, und das kam aus dem Lateinischen und Französischen, wo es "von obskurer Herkunft" bedeutete. Erst ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor das Wort seine abschätzige Bedeutung. Heute ist ein Glückspilz jemand, der sehr oft oder unerwartet viel Glück hat. 

Der charakteristische Fliegenpilz findet sich in der Zeit des Jahreswechsels auf vielen Torten und Neujahrskarten. Er ist zum Glückspilz par excellence geworden. Und da man sich gerade jetzt besonders gern Glück wünscht, teilt er sich mit Marienkäfern und Hufeisen in die Aufgabe, Glücksbote zu sein.

Beim Fliegenpilz steckt aber noch etwas von der alten Bedeutung drin. Wie sonst ist es zu erklären, dass ausgerechnet ein giftiger Pilz zum Inbegriff des Glücks wird? Schnelles Glück hat halt auch etwas Toxisches.

Wohl dem Menschen, der also sein Glück nicht bei Vergänglichem sucht, sondern immerzu fragt: Was soll ich tun, um selbst zum Glück meiner Mitmenschen zu werden? Und einige kluge Menschen, darunter nicht zuletzt Jesus, würden noch anfügen: "Und dann tue oder sei es!" Sei eine Glücksbringerin, ein Glücksbringer!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 28. Dezember 2023

Tannenmeisen lehren mich das Staunen

Ein Zitat

Tannenmeise bei Bussnang.
Foto © Jörg Niederer
"Oft müssen wir zu unserer Verwunderung erfahren, dass die Welt schon vor uns gescheit gewesen ist." Johann Jakob Mohr (1824-1886)

Ein Bibelvers - Psalm 139,14

"Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind."

Eine Anregung

Tannenmeisen lieben Fichten. Aber ihre Nester bauen sie oft in Bodennähe, auch in Erdlöcher. Tannenmeisen gehören zu den Vögeln, von denen ich bis vor ein, zwei Jahren noch nichts wusste. Dabei gibt es von ihnen in der Schweiz 600'000 Brutpaare.

Da laufe ich also viele Jahre über manche Wege und Strassen, durch mancherlei Wälder und vorbei an vielen Viehweiden, ohne etwa zu merken von diesen kleinen Vögelchen. Wieder einmal merke ich, wie viel ich nicht weiss und wie unachtsam ich immer wieder sein kann. 

An einer Beringungsstation hat mir eine der Helferinnen erklärt, dass die Tannenmeisen sich oft total im Fangnetz verheddern, so dass sie auch schon 30 Minuten gebraucht habe, um diese Tierchen wieder zu befreien. Zudem setzen sich die Vögel mit Picken und Beissen zur Wehr. Und ihre Füsschen sind oft mit hartgewordenem Baumharz überzogen, der ihren bevorzugten Lebensraum verrät.

Schön, dass man auch nach über 60 Jahren noch längst nicht alles gesehen hat. Ich will in diesen letzten Tagen des Jahres deshalb besonders aufmerksam sein. Es gibt noch viel zu bestaunen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen