Freitag, 20. Januar 2023

Der Rabbiner im Dom zu St.Gallen

Ein Zitat

Eine gut aufgelegte Schar begleitete den neuen Rabbiner Shlomo Tikochinsky (auf dem Foto ganz links) auf einem Rundgang durch die beiden bedeutendsten christlichen Gotteshäuser von St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"In Kohelet [Prediger] 1,3 heisst es: 'Welcher Nutzen bleibt dem Menschen bei all seiner Mühe...'
Der Midrasch [Auslegung religiöser Texte im Judentum] antwortet u.a.:
'Nach der Meinung des Rabbi Benjamin wollten die Weisen das Buch Kohelet verbergen, weil sie Worte darin fanden, welche leicht zur Sektiererei verleiten könnten. Sie sprachen nämlich: Soll die ganze Weisheit Salomos darin bestanden haben, dass er sprach: Was für einen Nutzen hat der Mensch von all seiner Mühe? Vielleicht auch von der Mühe des Gesetzesstudiums? Nein, sprachen sie, es handelt sich hier nur um die Mühe, die er sich um sein zeitliches Wohl gibt.'" Zitiert nach www.reformiert-info.de

Ein Bibelvers - Prediger 3,12+13

"So habe ich erkannt: Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen. Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich sein als Ausgleich für seine ganze Arbeit. Denn auch dies ist eine Gabe Gottes."

Eine Anregung

Um den neuen St. Galler Rabbiner Shlomo Tikochinsky besser kennenzulernen und um die Arbeit der Kirchen in der Innenstadt vorzustellen trafen sich am vergangenen Montag Gemeindeglieder der jüdischen Kultusgemeinde und Verantwortliche aus der Reformierten, Römisch-katholischen, Christkatholischen und Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen zu einer Führung durch den Dom und die Kirche St. Laurenzen.

Im Dom wurde selbstverständlich die St. Galluskrypta besucht, aber auch die beiden Sakristeien. So war ich erstmals auch in der oberen Sakristei, in der die Kostbarkeiten der Abtei aufbewahrt werden, darunter auch der Kelch, der als Wahlurne bei der Bischofswahl Verwendung findet. St. Laurenzen dagegen steht ganz im Zeichen des Umbaus. Dort entsteht als Weltpremiere eine quadrofonische Orgel. 

Später dann bei Kaffee und Kuchen entdeckten der Rabbiner Shlomo Tikochinsky, die St. Laurenzen-Pfarrerin Kathrin Bolt und ich die gemeinsame Liebe zum biblischen Buch Kohelet. 

Eine Gegeneinladung in die Synagoge ist auch schon ausgesprochen. Das christlich-jüdische Gespräch bricht also auch mit dem neuen Rabbiner in St. Gallen nicht ab. Das ist gut so.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 19. Januar 2023

Altpapier auf Bahnhöfen

Ein Zitat

In Vierfach-Mülleimern auf Bahnhöfen im Kanton Thurgau wird seit einigen Jahren kein Papier mehr separat gesammelt.
Foto © Jörg Niederer
Eva hatte keine Wahl. Im Paradies gab es nur Adam.

Ein Bibelvers - Johannes 14,2

"Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: 'Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten'?"

Eine Anregung

Mülltrennung hat schon seit einigen Jahren auf den Bahnhöfen der Schweiz Einzug gehalten. Seither werfen Reisende PET, Aluminium, Papier und Zeitungen sowie den Restmüll in je eigene Bereiche der Vierfach-Mülleimer. Zumindest auf den Bahnhöfen der Kantone Zürich und St. Gallen ist das so. Doch nicht auf den Bahnhöfen des Thurgaus. Hier landen Papier und Zeitungen im Restmüll. Die Vierfach-Mülleimer wurden entsprechend modifiziert. Es gibt nun zwei Restmüllabteile.

Warum schafft es die SBB im Kanton Thurgau nicht, Papier separat zu sammeln? Das Frage ich mich nun schon seit einigen Jahren. Oder ist für die Abfuhr des Mülls der Kanton zuständig? Dann geht die Frage an ihn. 

Vielleicht will man so die Kehrichtverbrennungsanlagen besser mit Brennbarem "füttern". Seit es Mülltrennung gibt, sind die Anlagen ja nicht mehr ausgelastet, habe ich vor einiger Zeit gelesen. Vielleicht sind die Thurgauerinnen und Thurgauer zu unbedarft, und haben zu wenig sorgfältig Papier vom übrigen Müll getrennt. Vielleicht müsste die SBB oder der Kanton all das Papier nun auch noch sauber bündeln, bevor es der Wiederverwertung zugeführt werden könnte. In der Stadt St.Gallen jedenfalls ist das nicht nötig. Dort kann der Papierabfall vom Bahnhof ungebündelt auf Paletten abtransportiert werden. 

Aber vielleicht ist man im Kanton Thurgau einfach auch ehrlich, und will den Reisenden nicht vormachen, man trenne Papier vom Restmüll, während in anderen Kantonen zwar alles getrennt gesammelt wird, aber dann schlussendlich doch wieder zusammen in der Kehrichtverbrennung landet. Unter diesen Umständen würde ich mir ziemlich blöd vorkommen, wenn ich meine Zeitungslektüre im Zug so anpasse, dass ich diese im Kanton St.Gallen oder Zürich auf dem Bahnhof entsorgen kann, und nicht im Kanton Thurgau. 

Zuletzt: Weil dies ein christlicher Blog ist, noch drei andere Fragen: Wie sieht die Mülltrennung dereinst im Himmel aus? Wird dort mit Fernwärme geheizt? Und gibt es überhaupt noch Zeitungen, wenn Krieg, Verbrechen und Zoff der Vergangenheit angehören?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 18. Januar 2023

Der Tanz über das Leopardenfell

Ein Zitat

Bei eisigen Temparaturen bildet sich ein Leopardenfell-Muster auf dem Gehsteig.
Foto © Jörg Niederer

Gestern vor drei Jahren wurde das Virus Covid19 entdeckt. Sebastian Niedlich schrieb dazu auf Twitter: "Bis gestern offiziell 6.612.527 Tote! Also rund 6033 pro Tag! Also knapp 16 vollbesetzte Jumbo-Jet-Abstürze pro Tag, bei denen alle Passagiere starben."

Ein Bibelvers - Jeremia 13,23a

"Kann etwa ein schwarzer Mensch seine Hautfarbe ändern oder ein Leopard die Flecken auf seinem Fell?"

Eine Anregung

Gestern am Morgen war es wieder einmal soweit. Auf meinem Arbeitsweg bildete sich auf dem Trottoir ein Muster, das mich an ein Leopardenfell erinnerte. In solchen Momenten ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten. Denn diese Musterungen werden durch Eiskristalle gebildet, die sich auf geheimnisvolle Weise zu einem Netzwerk anordnen. Es besteht die Gefahr, auszugleiten und zu stürzen.

Warum das Wasser beim Gefrieren oder Auftauen solche Muster bildet, ist mir nicht ganz klar. Werden hier schon vorhandene Strukturen des Asphalts sichtbar? Oder erfolgt eine Selbstorganisation von Eiskristallen? Jedenfalls erstaunlich, dass sich ein solches Design ergibt.

Auch erstaunlich, dass ein gleiches Netzwerk auf dem Fell eines Leoparden oder Panthers entstehen konnte. Bei Hauskatzen haben die Forscher das Gen DKK4 als Ursache für die Fellmusterung identifiziert. Es ist also wahrscheinlich, dass auch bei Leoparden oder Panther eine genetische Ursache vorliegt. Aber bei der Eisstrukturierung auf Gehwegen kann ja keine Vererbung im Spiel sein.

Nun stelle ich mir vor, wie ein Leopard in seinem schönen Fellmuster über einen eisigkalten, leopardenfellgemusterten Gehweg schleicht. So anmutig wie er schaffe ich das nie. Meine Schritte auf Eis sind unsicher, vorsichtig, ja widerwillig. Ich wittere Gefahr und freue mich doch an der Schönheit unter meinen Füssen. Schönes kann eben auch gefährlich sein. Das sieht man ja gerade auch am Leoparden oder Panther.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 17. Januar 2023

Der Knick in der Vollkommenheit

Ein Zitat

Die Westwand in der Sakristei des Doms St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
Wer ein Brett vor dem Kopf hat, ist wohl auf dem Holzweg.

Ein Bibelvers - Römer 12,2

"Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht: Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist."

Eine Anregung

Der Dom in St. Gallen ersetzte bei seinem Bau zwei Vorgängerkirchen, die in gleicher West-Ost-Ausrichtung zusammengebaut waren und erstreckt sich in gerader Linie von der Krypta des Heiligen Othmars bis zur Krypta des Heiligen Gallus.

Doch so ganz stimmt diese Aussage nicht. Der Dom enthält einen leichten Knick nach Norden. Das sieht man gut auf dem Foto der Westwand in der Sakristei. Dort ist der Kasten an der Wand auf der präzisen Symmetrielinie der Kathedrale zu finden, während die Uhr genau in der Mitte des Chores angeordnet ist. Diese Abweichung von der Mitte wurde vorgenommen, weil sonst beim Neubau der eine Kirchenturm in die Wohnung des Fürstabts zu stehen gekommen wäre.

Damit weisst die Kathedrale einen kleinen Makel auf, der aber von blossem Auge kaum zu erkennen ist. Auf dieser Erde ist eben nichts ganz perfekt, auch nicht ein Gotteshaus von der "himmlischen" Schönheit einer St. Galler Kathedrale.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 16. Januar 2023

Hart auf hart

Ein Zitat

Zoff auf der Ziegenkoppel beim Kloster Wurmsbach.
Foto © Jörg Niederer
"Vergleiche ich mich in Interlaken mit der Stadt, dann bin ich ganz klein. Aber sehe ich vom Niesen auf Interlaken herab, dann ist die Stadt ganz klein. Es ist eine Frage der Perspektive." Anna Shammas an der Schulung "Missionaler Lebensstil" in Weinfelden.

Ein Bibelvers - Judas 1,2

"Ich wünsche euch Barmherzigkeit, Frieden und Liebe in immer größerem Mass!"

Eine Anregung

Es ging hoch her in der kleinen Zwergziegenkoppel beim Kloster Wurmsbach. Aus irgendeinem Grund war Zank angesagt. Ziegen versuchten einander auf die Hörner zu nehmen, stiessen einander in die Seiten, knurrten sich auf Ziegenart an und immer wieder ging es hart auf hart, prallten Horn auf Horn.

"Hart auf hart", ist eine Redensart, die aus der Zeit stammt, als harte Stahlklingen sich mit harten Stahlklingen kreuzten. Doch sie passt ganz gut auch zu den Hörnern, die dort im Stall mit dumpfem Knall aufeinander trafen.

Auf einer Webseite erklärt ein Ziegenhalter, wie man mit aggressiven Ziegen umgehen soll. So schreibt er: "Einen Bock bei den Hörnern zu packen macht ihn nur noch wilder und Schläge sind für Ziege Kommunikation und nicht per se eine Bestrafung." Mehr Sinn mache ein anderes Vorgehen: Noch einmal der Ziegenhalter: "Sei beim verteidigen deiner Grenzen immer fair. Eine Ziege zu schlagen macht keinen Sinn. Das ist für sie bloss eine Spielaufforderung. Ein Wasserspray, ein Klopfen mit dem Stock auf die Hörner, anblasen oder auf die Nase / Ohren schnippen sind feine aber effektive Methoden, mit denen du deinen persönlichen Raum abgrenzen kannst."

Nun frage ich mich, was wohl ein kluges Vorgehen ist, wenn es zu Konflikten unter Menschen kommt. Wasserspray hilft wohl wenig. Anblasen kann falsch verstanden werden. Hörner haben wir Menschen nicht, um mit einem Stock darauf zu klopfen. Vermutlich ist es auch sinnvoller, beim Herzen anzuklopfen, an die gute Seele zu appellieren. Und noch vorher kann man sich überlegen, ob die Streitsache wirklich so gross ist, wie sie scheint, oder doch eher so, wie Interlaken vom Niesen herunter aussieht: nämlich klein und kaum der Rede wert.

Wie sang doch schon Reinhard Mey: "Über den Wolken / Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein / Alle Ängste, alle Sorgen / Sagt man / Blieben darunter verborgen / Und dann / Würde was uns gross und wichtig erscheint / Plötzlich nichtig und klein".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 15. Januar 2023

Sonntagsmöglichkeiten

Ein Zitat

St. Meinrads-Kapelle im Hörnli am Zürichsee.
Foto © Jörg Niederer
"Schönes liebe, Gutes ehre, Schweres übe, Böses wehre" Hausanschrift unweit vom Kloster Wurmsbach am Zürichsee

Ein Bibelvers - Psalm 4,4

"Seht es doch ein: Wer zum Herrn gehört, dem hilft er wunderbar. Wenn ich zu ihm rufe, hört mich der Herr!"

Eine Anregung

Sonntage sind ganz besondere Tage.

Da ist Zeit für die Stille, zum Beispiel in einer kleinen Kapelle, wie die St. Meinrads-Kapelle im Hörnli nahe von Schmerikon am oberen Zürichsee.

An Sonntagen dürfen auch musikalische Gebete erklingen, wie das Lied "Hier bin ich!" von Anja Lehmann.

Und selbst das Fernsehprogramm bietet die Möglichkeit, den Sonntag bewusst zu begehen. Heut um 19.15 Uhr zeigt SRF 1 den "miteinand"-Beitrag zur Lechería de la Solidaridad, einem Projekt in Argentinien, das von Connexio, dem Hilfswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz, seit vielen Jahren unterstützt wird. Im Internet kann die Sendung jederzeit angeschaut werden.

Wir wünschen einen gesegneten Sonntag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 14. Januar 2023

Angestanden und Aufgehalten

Ein Zitat

Der Übergang über den Alten Rhein beim Grenzsee von St. Margrethen ist nicht für Fussgänger geeignet.
Foto © Jörg Niederer
Wenn der Schädel brummt, läuft es noch lange nicht wie geschmiert.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 16,7+8

"Als sie [Paulus und seine Begleiter] schon fast in Mysien waren, wollten sie nach Bithynien weiterreisen. Doch der Geist, durch den Jesus sie führte, ließ das nicht zu. Also zogen sie durch Mysien und kamen zum Meer hinab nach Troas."

Eine Anregung

Meine Touren in der Schweiz plane ich auf SchweizMobil. Nur selten kommt es vor, dass mich das dort ausgewiesene Wegnetz an der Nase herumführt. Am vergangenen Samstag war es wieder einmal soweit. Wir waren bei St. Margrethen hart an der Landesgrenze unterwegs. Vom Grenzweiher herkommend wollten wir die kleine Brücke auf der Nordwestseite des Sees über den Alten Rhein nehmen. Es ging nicht. Es ist schon ein Brücke, gebaut wohl für irgendwelche Leitungen. Wandernden ist dieser Übergang aber verwehrt. Vermutlich käme man schon hinüber, aber nur unter Missachtung aller Sicherheitsvorkehrungen.

Auch im Leben stehen wir immer einmal wieder vor einer Wand, in einer Sackgasse, vor Verboten. Es fällt mir heute leichter, dies als Zeichen zu verstehen. Ich renne nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand. Das hat ja sowieso meist nur Kopfschmerzen eingebracht. Ich gehe den Umweg und nehme ihn als Möglichkeit für neue Erfahrungen und Beobachtungen.

Auch heute werde ich wieder unterwegs sein. Es sieht alles gut aus auf der Karte. Mal schauen, welche überraschenden Wendungen der Weg in Wirklichkeit für mich bereithält.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Freitag, 13. Januar 2023

Dummheit oder Bosheit

Ein Zitat

Feierabendverkehr in Rapperswil
Foto © Jörg Niederer
Die Zahl derer, die Grosses tun, ist geringer als die Zahl derer, die "gross tun".

Ein Bibelvers - Lukas 23,34

"Aber Jesus sagte: 'Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.'"

Eine Anregung

Scherzeshalber soll ein gewisser Robert J. Hanlon den folgenden Satz formuliert haben, der als Hanlons Rasiermesser in die Philosophiegeschichte einging: "Schreibe niemals der Bosheit das zu, was durch Dummheit angemessen erklärt werden kann." In gewisser Weise handelte Jesus nach diesem Grundsatz, als er am Kreuz Gott bat, die Unwissenheit seiner Henker zu vergeben.

Stellt sich die Frage: Möchtest du lieber dumm sein oder böse? Das ist schwierig zu beantworten, sind doch Dummheit und Bosheit beides nicht sehr schmeichelhafte Eigenschaften.

Manchmal höre ich: "Also dumm ist er bestimmt nicht!". Dabei schwingt unausgesprochen mit: Folglich muss er wohl berechnend ja vielleicht sogar boshaft gehandelt haben. So gesehen ist der Ausruf: "Bin ich dumm!" im Moment eines Missgeschicks als Selbstrechtfertigung zu verstehen, oder als Entschuldigung. Gemeint sein könnte: "Es geschah nicht mit Absicht, es war kein böser Wille".

Bereits Goethe schrieb im Buch "Die Leiden des jungen Werthers": "Und ich habe gefunden, dass Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener."

Was ist nun seltener in dieser Welt: Dummheit oder Bosheit? 

Und gilt auch folgender Satz: "Schreibe niemals der Güte das zu, was durch Dummheit angemessen erklärt werden kann"?

Was kommt in deinem Leben häufiger vor: Dummheit oder Güte?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 12. Januar 2023

Schlagergottesdienst und Schlagerfamilie im österreichischen Fernsehen

Ein Zitat

Ingrid von der Schlagerfamilie bei Aufnahmen für einen Schlagergottesdienst.
Foto © Jörg Niederer
Niemand muss ganz auf der Höhe sein, um tiefgründig zu leben.

Ein Bibelvers - Psalm 9,3

"Ich will mich freuen und über dich jubeln. Ich will deinen Namen preisen, du Höchster."

Eine Anregung

"Studio 2" ist wohl das österreichische Pendant zur Schweizer Fernsehsendung G&G (Glanz und Gloria). Wobei, bei Studio 2 geht es nicht nur um Promis und Menschen. Da kann auch einmal über Haie, Weihnachtsgeschenke oder Hunde aus Tierheimen geplaudert werden. ORF beschreibt das Format so: "'Studio 2' ist DIE TV-Illustrierte. Sie beleuchtet Hintergründe zu aktuellen Ereignissen und blickt hinter die Kulissen von Kultur und Society. Täglich mit den besten Tipps für Mode, Kulinarik, Lifestyle, Medizin und für ein nachhaltiges Leben." 

Was bedeutet es nun, wenn heute ab 17.30 Uhr auf ORF 2 in der Sendung Studio 2 über die Schlagerfamilie und die Schlager-Gottesdienste berichtet wird? Ist das der Ritterschlag für dieses Angebot auf Musig24.tv, wenn selbst das österreichische Staatsfernsehen darüber berichtet? Oder ist die Vorstellung eines Schlagergottesdienstes so exotisch, dass er zur allgemeinen Belustigung in dieses wenig religiöse Programm aufgenommen wurde? Wir werden es heute erfahren. 

Hinter der Schlagerfamilie steht die Evangelisch-methodistische Kirche in der Schweiz in Zusammenarbeit mit Musig24.tv.

In Österreich ist die Methodistenkirche gut ökumenisch vernetzt und zeichnet sich durch ausgezeichnete Sozialprogramme aus. Sieben Gemeinde mit insgesamt 633 Mitglieder werden von 8 Pfarrerinnen und Pfarrern in ihrem Glauben und Leben unterstützt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 11. Januar 2023

Freude weitergeben

Ein Zitat

Spitzbuben-Gebäck mit Smiley-Gesicht.
Foto © Jörg Niederer
Kleinkinder sind meist auch Grosskinder.

Ein Bibelvers - Psalm 4,8

"Doch mein Herz hast du mit Freude beschenkt. Ich freue mich mehr als die Leute, die Korn und Most in Fülle hatten."

Eine Anregung

Im Anschluss an den Gottesdienst der Evangelischen Allianz vom vergangenen Sonntag in der Reformierten Kirche Linsebühl erhielten alle zwei Spitzbuben in der Gestalt von lachenden Gesichtern. Getreu dem Gottesdienstthema "Joy" sollte das Gebäck Freude  verbreiten, und zwar einmal bei sich selbst und dann noch einmal bei einer Person irgendwo in der Stadt.

Also machte ich mich zu Fuss auf den Heimweg durch die Altstadt von St. Gallen. Ich schaute mir die entgegenkommenden Menschen an; auch die, an denen ich vorbeizog. Wem könnte ich den zweiten Spitzbuben geben? Der Familie mit den zwei Kindern? Nein, dass könnte zu Verteilkämpfen und nicht zu Freude führen. Dem mürrisch dreinblickenden Mann? Dem Polizisten vor dem Auto?

Es beginnt ganz leicht zu regnen. Vor einem Schaufenster sitzt eine junge Frau mit Stöpseln in den Ohren auf dem kleinen Mäuerchen und beisst in ein Sandwich. Ich ziehe den Spitzbuben hervor, beuge mich zur Frau nieder. Diese befreit schnell ein Ohr von der Musik. "Ich hätte ihnen noch einen Dessert", sage ich. Da strahlt die Frau übers ganze Gesicht, nimmt den Kecks und bedankt sich überschwänglich. Wir lachen beide, dann eile ich weiter. Es hat Freude gemacht, jemanden mit "Joy" zu beschenken. Wäre der andere Spitzbuben-Smiley nicht schon zerbrochen, ich würde es gleich noch einmal versuchen.

Um Freude weiterzugeben braucht es zwei Personen. Zum Beispiel einen junger Afrikaner und einen Reggae-Musiker. Vielleicht bereite ich mit dem Video von The Kiffness und Rushawn jetzt auch einigen eine Freude. Der Song heisst "Beautiful Day" (das Original ist von Jermain Edwards).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 10. Januar 2023

Eine frühe methodistische Predigerin, verewigt in einem englischen Bestseller

Ein Zitat

Der Galgen von Olten steht nicht mehr am Originalstandort.
Foto © Jörg Niederer
"Ich will gar nicht bestreiten, dass die Frauen töricht sind. Der Allmächtige hat sie halt auf uns Männer zugeschnitten." George Eliot (1819-1880), eigentlich Mary Ann Evans, englische Schriftstellerin

Ein Bibelvers - Lukas 15,7

Jesus "Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern."

Eine Anregung

Im Methodismus gab es schon früh auch Frauen, die predigten. Eine von ihnen war Elizabeth Ann Evans (1775-1849). Geboren als Elizabeth Tomlinson bekehrte sie sich 1797 in einer methodistischen Versammlung in Nottingham, England. Sie überlebte eine Typhuserkrankung. Bald begann sie zu predigen. Samuel Evans, der sie 1804 hörte, war davon so begeistert, dass er ihr einen Heiratsantrag machte.

Verheiratet predigten beide innerhalb ihrer methodistischen Kirche. Doch bald schon bekam Elizabeth Ann Evans und eine weitere Predigerin, Mary Taft, Probleme durch konservative Gemeindegliedern. Der daraufhin auch offizielle Widerstand gegen ihren Verkündigungsdienst führte dazu, dass ihre Namen in der Predigerliste durch Sternchen ersetzt wurden. Darauf wechselte das Ehepaar Evans in die Arminianische Methodistenkirche, in der es Frauen erlaubt war zu predigen. Diese Kirche existierte lediglich wenige Jahre und zählte in der besten Zeit gerade einmal 1600 Gläubige.

Mit der Heirat in die Evans-Familie wurde Elizabeth Ann Evans die Tante von Mary Ann Evans. Diese schrieb etliche Bücher und Romane unter dem Pseudonym George Eliot. In ihrem Erstlingswerk verarbeitete die Autorin eine traurige Geschichte über einen Kindermord. Als Vorbild diente ihr dabei die Geschichte von Mary Taft (1778-1802), welche ihre Tochter vergiftet hatte, und dafür mit dem Tod bestraft wurde. 

Drei Tage vor deren Hinrichtung besagter Mary Taft besuchten die Methodistinnen Elizabeth Tomlinson (die spätere Elizabeth Evans), Miss Richards und der Methodist John Clark die Kindsmörderin, mit der Absicht, sie vor der ewigen Verdammnis zu retten. Im Folgenden zitiere ich Adrian Gray in einem Beitrag auf Facebook:

"'...Unter ihrer Obhut beichtete Voce und vertraute auf Jesus. Wie verstockt sie auch während der Haft erscheinen mochte... innerhalb der kurzen Zeitspanne von drei Tagen wurde sie ein neues Geschöpf, erkannte ihre Schuld an und flehte Gott um Vergebung an', heißt es im Nottingham Date Book.
Am Tag der Hinrichtung, dem 16. März 1802, 'sangen über hundert Stimmen auf dem ganzen Weg zum Galgen und am Galgen Bussgesänge, und drei oder vier Personen (aus der Verbindung Halifax [Place]) fuhren freiwillig im Hinrichtungswagen mit'. Auf dem Schafott sagte Mary Voce: 'Das ist der schönste Tag, den ich je erlebt habe. Ich bin sehr glücklich. Ich würde lieber sterben als leben'. Als man ihr die Mütze aufsetzte, sagte sie: 'Ehre sei Jesus. Ich werde bald in der Herrlichkeit sein. Die Herrlichkeit hat in der Tat schon in meiner Seele begonnen, und die Engel Gottes sind um mich herum.'"  

Elizabeth Ann Evans wurde durch George Eliot im Buch "Adam Bede" als Dinah Morris verewigt. Das Buch wurde ein Bestseller, und George Eliot zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Viktorianischen Zeit. Den Roman "Adam Bede" gibt es auch heute, 170 Jahre nach Veröffentlichung, immer noch im Buchhandel, sogar in deutscher Sprache, herausgegeben vom Reclam-Verlag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 9. Januar 2023

Drachenfliegen

Ein Zitat

Ein Papierdrachen am Himmel über Gerlikon.
Foto © Jörg Niederer
Mit Liebe ist nicht zu spassen. Das wissen selbst die Spinnen.

Ein Bibelvers - Sacharja 5,1+2

"Als ich nochmals aufschaute, sah ich eine fliegende Schriftrolle. Der Engel fragte mich: 'Was siehst du?' Ich antwortete: 'Eine fliegende Schriftrolle.'"

Eine Anregung

Ritter kämpfen Drachen nieder
Kinder ziehen Drachen hoch
Ritter spotten
Kinder trauern
wenn die Drachen niederfallen.
Ritter jammern
Kinder lachen
wenn die Drachen höherfliegen. 

Warum die Drachen niederkämpfen?
Lasst sie einfach fliegen.
Wenn Krieger sich verlieren
singen Kinder Drachenlieder.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Sonntag, 8. Januar 2023

Kein Sonntag für das Leichtgewicht

Ein Zitat

Wintergoldhähnchen am Alten Rhein.
Foto © Jörg Niederer
"Achte auf das Kleine in der Welt, das macht das Leben reicher und zufriedener." Carl Hilty (1833-1909) Politiker und Laientheologe

Ein Bibelvers - Sprüche 30,24-28

"Vier sind die kleinsten Lebewesen auf der Erde und doch die größten im Blick auf ihre Weisheit: Die Ameisen sind ein schwaches Volk, aber sorgen schon im Sommer für ihre Nahrung. Die Klippdachse sind ein schwaches Volk, aber bauen sich sichere Wohnungen in den Felsen. Die Heuschrecken haben keinen König, aber ziehen wie ein geordnetes Heer ins Feld. Die Eidechse kann man mit Händen fangen, aber sogar in Königspalästen geht sie ein und aus."

Eine Anregung

Da haben wir ihn: Den kleinsten Vogel Europas. mit 6-8 Gramm Körpergewicht ist das Wintergoldhähnchen ein wahres Leichtgewicht. Zum Vergleich. Kolibris wiegen zwischen 1,8 und 24 Gramm.

Wie alle kleinen Vögel braucht das Wintergoldhähnchen viel Nahrung. Genauer gesagt muss es in den dunklen Wintermonaten in den sieben Tagesstunden soviel fressen wie es wiegt um die langen und kalten Winternächte zu überstehen. So sucht es jeden Tag unermüdlich die Bäume, Zweige und Gebüsche nach kleinen Spinnen und Insekten ab. 

Da haben wir Menschen es besser. Wir können an Sonntagen auch einmal ausruhen, oder einen Gottesdienst besuchen. Ich werde am Allianzgottesdienst in der Reformierten Kirche Linsebühl in St. Gallen mitwirken. Der Gottesdienst beginnt um 10.00 Uhr. Dann werden die Wintergoldhähnchen schon längst ihrer Arbeit und Bestimmung nachgehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 7. Januar 2023

Ablaufdatum

Ein Zitat

Teezubereitung in der Küche.
Foto © Jörg Niederer
"Der Weg zum Himmel führt durch eine Teekanne." Sprichwort aus England

Ein Bibelvers - Lukas 15,1

"Alle Zolleinnehmer und andere Leute, die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören."

Eine Anregung

06/2013, 25.08.2014, 11.03.2015. Diese Daten stehen auf drei Teebeutel-Boxen unter "Mindestens haltbar bis...". Die Tees sind also schon lange in unserem Besitz. Sie ruhten die ganze Zeit in einer Tragetasche in meinem Büro. Seit einigen Wochen versuche ich, diesen beachtlichen Vorrat aufzubrauchen. Ich verwende also Teebeutel, die schon seit fast 10 Jahren nicht mehr verkauft werden dürfen. Und der Tee ist gut, bekömmlich, schmeckt. Auch Jahre, nachdem er geerntet und verarbeitet worden ist.

Der Tee wird noch einige Wochen unsern Durst löschen. Gut, habe ich ihn nicht entsorgt. Zu früh sollte man Lebensmittel nicht abschreiben. Und Menschen sollte man schon gar nicht abschreiben. Gerade das scheint mir eine der wichtigsten Botschaften von Jesus gewesen zu sein. Wie gehst du mit abgelaufenen Lebensmitteln um? Und wie ganz generell mit Menschen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 6. Januar 2023

Drei-Weisen-Kuchen

Ein Zitat

Krönungsmaterial am Dreikönigstag.
Foto © Jörg Niederer
"Weisheit ist eine goldige Krone." Sprichwort

Ein Bibelvers - Sprüche 4,8+9

"Schätze die Weisheit hoch, sie verleiht dir Ansehen. Sie bringt dich zu Ehren, wenn du sie umarmst. Sie setzt dir einen Lorbeerkranz auf den Kopf und schmückt dich mit einer prächtigen Krone."

Eine Anregung

Nein, es waren keine Könige. Nein, auch Kronen trugen sie nicht. Nein es waren auch nicht sicher drei; es könnten auch fünf oder zwanzig gewesen sein. Nein, sie trugen kein Kreuz mit sich (wie der kleine weisse König auf dem Foto). Nein, auch die Fleur-de-lis, die heraldische Lilie, hätte die Kronen nicht geziert, selbst wenn es diesen Kopfschmuck gegeben hätte. Aber Ja: Gestern in Weinfelden beim Kaffeetreff fand sich in meinem Dreikönigskuchenstück der kleine Mann, und so wurde ich für kurze Zeit zum Papierkronenkönig befördert.

Es wahren Wissenschaftler, Sternkundige, die sich auf die Suche nach dem neuen König machten. Aber es klänge halt nicht so gut, wenn wir sagen würden: "Drei-Wissenschaftler-Kuchen", oder "Drei-Astrologen-Kuchen". Ein schöner Brauch ist der Dreikönigskuchen so oder so. Seit 1561 wurde das Fest Epiphanias mit Kuchen gefeiert. Also ein süsses Fest. Die Fleur-de-lis hat dann wenigstens indirekt doch noch etwas zu tun mit der Geburt von Jesus; sie wird als Symbol der Muttergottes, also der Maria zugewiesen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 5. Januar 2023

Holy Rock'n'Roll

Ein Zitat

Gospelkonzert in Schönenwerd im Jahr 1990.
Foto © Jörg Niederer
"Doch im Gegensatz zu Tharpe ist die blinde Gospel-Pionierin [Arizona Dranes] heute so gut wie unbekannt. vielleicht liegt es daran, dass sie sich zeitlebens als Missionarin oder Evangelistin verstand, nicht als Musikerin (und übrigens auch dementsprechend unspektakulär aussah)." Richard Koechli in "Holy Blues", S.139

Ein Bibelvers - 1. Mose 7,12

"40 Tage und 40 Nächte lang fiel Regen auf die Erde."

Eine Anregung

Rock'n'Roll sei ein Produkt der 1950er-Jahren. Dem widerspricht Richard Koechli im Buch "Holy Blues" und erinnert an die Grossmutter und an die Mutter des Rock'n'Rolls. Beide, Arizona Dranes (1889-1963) aus einer Pfingstkirche und Sister Rosetta Tharpe (1915-1973) aus einer Baptistengemeinde, waren überzeugte Christinnen. So sangen sie vor allem Gospel, aber auf eine unglaublich energiegeladene Weise.

Arizona Dranes war Pianistin und blind und musikalisch hochbegabt. Koechli schreibt über sie: "Die Frau war absolut unglaublich, als Sängerin und am Klavier; sie definierte den Gospel und Blues-Pianostil der Zukunft, war das Bindeglied zwischen den Spirituals der Sklavengenerationen und dem Chicago Blues der 1930er und 1940er-Jahre – und sie legte mit ihren verrückten, vom Dynamit des Heiligen Geistes gezündeten Aufführungen den Grundstein für das Feuer des Rock'n'Roll." (Holy Blues, S.85) Ein Muster ihrer Kunst gefällig: "Lambs Blood Has Washed Me Clean" (Das Blut des Lamms wusch mich rein).

Und Sister Rosetta Tharpe: Sie wurde zur geistigen Mutter für Elvis Presley, Johny Cash, Jerry Lewis, Keith Richards und Eric Clapton. Hier zwei Leckerbissen. Erst der Song über die Sintflut und Noahs Arche: "Didn'It Rain?" und dann noch ihr Bekenntnis: "Über mir da gibt es einen Himmel": "Up Above My Head". Noch einmal Richard Koechli: "Schlicht umwerfend!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 4. Januar 2023

Die Schuld der Radieschen

Ein Zitat

Wurzelgeflecht auf einem Waldweg.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Sie heute Radieschen säen, können Sie morgen keine Ananas ernten." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,2+3

"Die Frau erwiderte der Schlange: 'Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten. Er hat gesagt: Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'"

Eine Anregung

Wurzel. Lateinisch: Radix. Im Wort "Radischen" steckt die Wortwurzel "Radix". Radieschen sind in der Tat Wurzeln. Im Schweizer Dialekt werden sie auch "Radisli" genannt. Dazu eine kleine Variation, niedergeschrieben irgendeinmal so um 1990. 

Paradies – Paradiesli – ein paar Radisli
und die Menschin nahm davon
und der Mensch ass davon
und das Paradies war vorbei
nicht einmal ein Paradisli blieb übrig
nur ein paar Radisli und ein Paar

Wer jetzt behauptet, der Sündenfall sei durch den Verzehr eines Apfel erfolgt, ist einem Gerücht aufgesessen. An keinem Ort in der Bibel wird die Frucht genauer bestimmt, welche verbotener Weise von Adam und Eva gegessen worden war. Es könnten also auch Radieschen gewesen sein, welche damals noch am Baum wuchsen, doch wegen der Beteiligung an einer fundamental verbotenen Aktion von Gott zu Wurzeln degradiert wurde. (Auch die Schlange, diese Versucherin, wurde beim Sündenfall zur Strafe der Beine und Füsse beraubt und zum Kriechen im Dreck bei den Radieschen verurteilt.) Darum sagt man bis heute: Bei "der Wurzel auf den Grund gehen." ;-)

Übrigens: Als im Paradies die Radieschen noch an den Bäumen hingen, bedeutete die Redensart "Die Radieschen von unten sehen" noch nicht Tod, sondern Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Dienstag, 3. Januar 2023

Schon wieder Frühling im Winter

Ein Zitat

Weidenkätzchen am 2. Januar beim Ringwiler Weiher
Foto © Jörg Niederer
"Ich glaube an das Gute im Menschen, sowie ich an den Frühling glaube, wenn ich die Weidenkätzchen blühen sehe." Phil Bosmans (1922-2012) belgischer, katholischer Ordensgeistlicher

Ein Bibelvers - Psalm 72,7

"Die Gerechtigkeit soll aufblühen in seinen Tagen. Und Frieden soll herrschen weit und breit, so lange, bis es den Mond nicht mehr gibt."

Eine Anregung

Gestern flogen die Bienen zu den wenigen Blüten, die schon lockten. Gestern, entdeckten wir die ersten Weidenkätzchen. Gestern war ein Tag, an dem ich ohne Jacke unterwegs sein konnte. Gestern raschelte das alte Laub auf den Wanderwegen. Gestern gab es Vogelkonzerte, als hätte die Balz begonnen. Gestern war Winter.

Da kommt mir unweigerlich das Weihnachtslied in den Sinn: "Es ist ein Ros entsprungen...". Darin heisst es: "...und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter"

Weihnachten, Frühling, Herbst und Winter in einem. Fehlt nur noch der Sommer. Den Sonnenschutz jedenfalls hatten wir dabei. Ich bin gespannt, ab wann der Osterhase in diesem Jahr durch die Einkaufszentren hoppelt und der Ausverkauf der Sommermode beginnt. Oder ist es etwa schon wieder soweit?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 2. Januar 2023

Sinistre Handschrift

Ein Zitat

Notizen, mit links geschrieben
Foto © Jörg Niederer
"Vor fünf Jahren war ich Lehrer als jetzt." Toni Lüthy (1940-2018), einst Lehrer, zuletzt Pfarrer in St. Gallen

Ein Bibelvers - Richter 20,16

"Außerdem befanden sich unter den Kriegsleuten 700 ausgewählte Soldaten, allesamt Linkshänder. Die konnten Steine haargenau schleudern, ihr Ziel verfehlten sie nicht."

Eine Anregung

Gelegentlich nehme ich alte Notizhefte hervor, und lese darin. Es gab eine Zeit, in der ich bitterböse Geschichten voller sinistrer Gedanken geschrieben habe.

"Sinister" ist ein anderes Wort für "düster, finster, unheilvoll". Als weitere Synonyme nennt wiktionary auch "links, linksseitig". Denn das lateinische Adjektiv "sinister", das wir im Deutschen als Fremdwort verwenden, bedeutet nichts anderes als "links"So habe ich also sinistre Gedanken mit meiner sinistren Hand zu Papier gebracht.

Sinister = links, finster, unheilvoll; Ich fühle mich gerade etwas diskriminiert als Linkshänder. Nicht, dass ich beim Schreiben mit Tinte weit häufiger Seiten noch einmal erstellen musste, weil ich mit Links die Tinte verwischt habe, und dies selbst wenn ich beim Schreiben die Arm- und Handhaltung unnatürlich über den Text drehte. Nein, nicht genug damit. Jetzt erfahre ich auch noch, dass dieses Schreiben sinister sei, also finster und unheilvoll schon in der Ausführung.

Zweifellos sind die Linken die Schlechten; linke Hunde, solche, die man links liegen lässt. Selbst die Redensart: "Etwa mit Links machen" meint abwertend, dass es dafür kein besonderes Geschick brauche. 

Gerade lese ich, dass die biblische Bezeichnung für Linkshänder indirekt geschah, indem man auf deren "ungeschickte, lahme, gehemmte rechte Hand" hinwies. Voila, da haben wir es.

Ehud war ein Benjaminit. Benjamin bedeutet wörtlich übersetzt: "Sohn der rechten Seite". (Richter 3,15). Ausgerechnet dieser Mann der rechten Seite war Linkshändler.

Versöhnlich stimmt mich der Hinweis, dass es unter den Soldaten im Stamm Benjamin 700 Elitesoldaten gab, die – allesamt Linkshänder – mit ihrer Steinschleuder ein Haar treffen konnten. Also aufgepasst, dass ich nie eine Steinschleuder in die Hand bekomme! 

Beim Kampf und Krieg scheinen Linkshänder erwünscht gewesen zu sein. Sonst wurde ihnen, Mädchen wie Knaben, die Linkshändigkeit über viele Jahrhunderte hinweg mit Schlägen ausgetrieben. Bei mir zum Glück nicht mehr. Aber der schlechte Ruf der Linken ist geblieben und lebt in den Redensarten und der Sprache fort. 

Ein Gutes hat es, meine Linkshändigkeit: Ich kann nun mit meiner linken Hand mit gutem Grund sinistre Gedanken und düstere Geschichte niederschreiben. Sinistre Handschrift, sinistrer Inhalt. Wer ein Muster davon lesen möchte, muss mich halt dazu ermuntern.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 1. Januar 2023

Orchideen und eine aussergewöhnliche Frau

Ein Zitat

Orchideen an unseren Fenstern.
Foto © Jörg Niederer
"Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung." Antoine de Saint-Exupery

Ein Bibelvers - 1. Mose 16,13

"Hagar gab dem Herrn, der mit ihr geredet hatte, den Namen El-Roi, das heißt: Gott sieht nach mir. Denn sie hatte gesagt: 'Hier habe ich den gesehen, der nach mir sieht.'"

Eine Anregung

Bei unseren Fenstern blühen gerade mehrere Orchideen. Mitten im kalten Winter bringen sie Farbe in die Wohnung. Betreut werden sie von meiner Frau, der es immer wieder gelingt, bereits entsorgte Orchideen zum Strahlen und Blühen zu bringen. Und weil es gut ist, das neue Jahr mit etwas Kostbarem und Schönen zu beginnen, hier Blüten einer dieser Orchideen. Ich wünsche uns allen noch viel Schönes und Bezauberndes in den nächsten nun kommenden 365 Tagen.

Auch wenn heute Neujahr ist, findet doch auch ein Gottesdienst statt in der Methodistenkirche St. Gallen. Es wird eine Bildbetrachtung sein zur Jahreslosung. Wir lerne eine bemerkenswerte Frau kennen. Hagar ist die einzige Person in der Bibel, die Gott einen Namen gab. Wie es dazu kam, davon mehr im Gottesdienst um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Die Predigt wird per Youtube übertragen, und zwar ab ca. 10.30 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde