Sonntag, 20. November 2022

Bischöfliche Grussworte und die heutige Bischofsweihe

Ein Zitat

Der in Russland lebende Bischof Eduard Khegay überbrachte ein berührendes Grusswort.
Foto © Jörg Niederer
"Liebe ist keine Frage der Grösse. Allenfalls ist Grösse eine Frage der Liebe." Zitat aus der Gedächtnisfeier an der Tagung der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,20

"Wer behauptet: 'Ich liebe Gott!', aber seinen Bruder und seine Schwester hasst, ist ein Lügner. Denn wer seine Geschwister nicht liebt, die er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht."

Eine Anregung

Nach den durch viele Unterbrüche recht turbulenten und intensiven Verhandlungen zu den Zukunftsfragen am Freitag, bei denen es um die Einheit der Kirche ging angesichts unterschiedlicher Haltungen zur menschlichen Sexualität gab es an der Tagung der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa am Samstagmorgen die Grussworte von Gästen. Im folgenden drei Zitate von drei evangelisch-methodistischen Bischöfen.

Der Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland, Harald Rückert, nahm eine Formulierung auf, welche in den Auseinandersetzungen über den Fragen der Homosexualität leitend gewesen ist in ihren Gesprächen: "Wir wollen einander den Glauben glauben." 

Der in Russland lebende Bischof von Eurasien, Eduard Khegay, griff den Krieg auf in der Ukraine. Getreu den Aussagen der Sozialen Grundsätzen der Evangelisch-methodistischen Kirche hatte er sich verschiedentlich exponiert und sich gegen jede kriegerische Konfliktlösung gewandt. Viele seiner ukrainischen und russischen Freunde hätten ihre Heimatländer verlassen müssen. Nun lebten sie in der ganzen Welt. Bevor Khegay an die Tagung in der Schweiz anreiste, habe er zu seiner Frau gesagt: "Ich werde nirgends hingehen [flüchten]. Ich will in Russland bleiben, selbst wenn es Gefängnis bedeuten könnte. Ich will nicht ins Gefängnis, aber ich will bleiben." (Originalsprache Englisch) 

Christan Alsted, Bischof von Nordeuropa und Eurasien und seit einigen Monaten auch Bischof für die Ukraine sagte: "Wir versuchen uns auf unseren Missionsauftrag zu konzentrieren inmitten von der Spaltung in der Kirche, inmitten des Kriegs." (Originalsprache Englisch) 

Heute Sonntag um 14.00 Uhr findet die Weihe von Stefan Zürcher zum Bischof im Basler Münster statt. Der Gottesdienst ist öffentlich. Er wird auch live übertragen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 18. November 2022

Wer ist der neue methodistische Bischof Stefan Zürcher?

Ein Zitat

Stefan Zürcher segnet nach seiner Wahl zum Bischof die Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Traum von Kirche, mein Zukunftsbild? Methodist/innen und ihre Freundinnen, Nachbarn, Arbeitskolleginnen, Vereinskameraden treffen sich an den unterschiedlichsten Orten und haben auf vielfältige Weise Tischgemeinschaft miteinander. Sie teilen ein Stück Leben. Sie teilen ihren Glauben." Stefan Zürcher, in Kirche und Welt 11/2016, S.24

Ein Bibelvers - Epheser 2,10

"Denn wir sind Gottes Werk. Aufgrund unserer Zugehörigkeit zu Christus Jesus hat er uns so geschaffen, dass wir nun das Gute tun. Gott selbst hat es im Voraus für uns bereitgestellt, damit wir unser Leben entsprechend führen können."

Eine Anregung

Es brauchte vier Wahlgänge, um den neuen Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für das Gebiet der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa zu wählen. Er heisst Stefan Zürcher, ist seit sieben Jahren Distriktsvorsteher für den Distrikt Nordwestschweiz, hat in den Jahren 2005-2015/2019 an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich promoviert, ist 55 Jahre alt und seit 1991 mit Valérie verheiratet. Zusammen haben sie vier erwachsene Kinder. 

Vor der Wahl zeichnete Stefan Zürcher in einigen Sätzen das auf, worauf es ihm als methodistischen Bischof ankommt. Einige Sätze aus diesem Text: 

"Diese Bereitschaft [zur Beauftragung als Bischof] wuchs in den vergangenen Wochen durch viele Gespräche mit meiner Familie, Freunden, Kolleginnen und Kollegen, im Gebet und im Ringen darum, Gottes Gedanken zu erkennen. Es bleiben manche Bedenken, deshalb schreibe ich dies nur zögernd... 

Ich will mir Zeit nehmen und zuhören – gerne auch beim Essen miteinander. Ich will verstehen lernen und überhaupt lernen voneinander. Ich will begleiten, unterstützen und stärken. Ich will gemeinsam mit den Verantwortlichen der Jährlichen Konferenzen und Distrikte nach Wegen suchen, die nötigen Entscheidungen treffen und die gewählten Wege gehen, um unsere gemeinsame Mission im jeweiligen Kontext zu fördern... 

Ich bin nicht Stratege, sondern sehe mich als jemand der ermöglichen hilft und Raum schafft, in dem experimentiert werden kann und in dem, wenn die Zeit reif ist und Gott es schenkt, etwas wachsen darf. Dabei schlage ich gerne auch unkonventionelle Wege ein. Darüber hinaus bin ich mit Freude Lehrer und Verkündiger des Evangeliums. Die Verkündigung ist ein weiteres Merkmal meiner Art zu leiten.

In einer komplexen Welt mit vielen Herausforderungen will ich ermutigen... Dabei ist mir wichtig: Gott ist der Gott des Schaloms und der Fülle. Der gute Wirt deckt den Tisch überreich und schenkt uns voll ein. Wir können grosszügig weitergeben, was wir empfangen. So geht es immer wieder darum, das, was Gott bereithält und tut, zu entdecken und sich davon stärken zu lassen, sich von Gottes vielfältigen Möglichkeiten herausfordern zu lassen und mit ihm mitzutun."

Am Sonntag um 14.00 Uhr findet die Weihe von Stefan Zürcher zum Bischof im Basler Münster statt. Der Gottesdienst ist öffentlich. Er wird auch live übertragen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 17. November 2022

Bischofsbotschaft und Wahl eines Bischof oder einer Bischöfin

Ein Zitat

Bischof David Bard eröffnet die Gespräche zur Bischofsbotschaft von Bischof Patrick Streiff.
Foto © Jörg Niederer
"Ich erlebe in neueren Gemeindegründungen solchen offenen, furchtlosen Einsatz in der Welt oft überzeugender als in den meisten älteren, lange bestehenden Gemeinden." Bischof Patrick Streiff in der Bischofsbotschaft 2022

Ein Bibelvers - Johannes 14,16

Jesus: "Und ich werde den [Himmlischen] Vater um etwas bitten: Er wird euch an meiner Stelle einen anderen Beistand geben, einen, der für immer bei euch bleibt."

Eine Anregung

Es war ein strenger Tag an der Zentralkonferenz-Tagung der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa. Am Morgen die Bischofsbotschaft, am Nachmittag die Gespräche zum Umgang mit menschlicher Sexualität und am Abend der erste Durchgang der Wahl einer Bischöfin oder eines Bischofs. 

Die Bischofsbotschaft "Befähigt vom Geist Christi" wurde Kapitelweise kurz von Bischof Patrick Streiff eingeführt und danach in Tischgruppen rege besprochen. In einem News-Artikel kann man über den Text mehr erfahren.

Der erste Wahlgang für den neuen Bischof oder die neue Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa erfolgte dann in ruhiger, ernsthafter Atmosphäre. Kurz von 21.00 Uhr stand das Ergebnis fest. 15 Pfarrpersonen haben Stimmen erhalten. Sieben von ihnen verzichten auf den 2. Wahlgang. 

Stimmen erhalten haben und weiter wählbar sind folgende fünf Pfarrpersonen: Stefan Zürcher (29 Stimmen), Andrea Brunner-Wyss (11 Stimmen), Markus Bach (4 Stimmen), Stefan Weller (4 Stimmen), Monika Zuber (2 Stimmen.). Monika Zuber ist Pfarrerin in Polen. Die anderen vier Pfarrpersonen kommen aus der Schweiz. Für eine Wahl hätte es 41 Stimmen gebraucht. Eine Übersicht des ersten Wahlgangs findet sich auch hier!

Der zweite Wahlgang findet am Freitagnachmittag, dem 18. November 2022 statt. Auch beim kommenden Durchgang braucht es für eine Wahl eine 3/5 Mehrheit der gültigen Stimmen.

Der neue Bischof oder die neue Bischof wird am Sonntag, dem 20. November 2022 um 14.00 Uhr in Münster in Basel geweiht. Der Gottesdienst wird live übertragen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Inspirierend, spielfreudig und nachdenklich

Ein Zitat

Spielerisch finden sich die Delegierten an der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa zusammen, um nach Gemeinsamkeiten zu suchen.
Foto © Jörg Niederer
"Doch viel wichtiger ist, aus einem Geheimnis keine tote, leere, intellektuelle Lehre zu machen. Denn das Geheimnis Gottes in Christus Jesus will immer neu das Leben bewegen, prägen, verändern." Aus der Eröffnungspredigt von Bischof Patrick Streiff an der Tagung der Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa 2022

Ein Bibelvers - Kolosserbrief 2,2+3

"Es geht mir darum, ihnen im Herzen Mut zu machen. Dann können sie in Liebe zusammenhalten und in allem zu umfassender Einsicht gelangen. Denn sie sollen das Geheimnis Gottes erkennen: Christus. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen."

Eine Anregung

Mit einem eindrücklichen Abendmahls-Gottesdienst nach einer Liturgie von Pfarrerin Erika Stalcup und der Predigt von Bischof Patrick Streiff begann die 19. Tagung der ausserordentlichen Zentralkonferenz von Mittel und Südeuropa. Rund einhundert Teilnehmende aus der Evangelisch-methodistischen Kirche in 14 Ländern Europas und Nordafrikas sowie Gästen aus weiteren Weltteilen feierten gemeinsam.

Angesichts der bevorstehenden Bischofswahl sind auch die Bischöfe David Bard (USA), Christian Alsted (Dänemark), Eduard Khegay (Russland) und Harald Rückert (Deutschland) in Basel eingetroffen. Bischöfin im Ruhestand Rosemarie Wenner (Deutschland) wird ebenfalls noch anreisen, genauso wie Bischof Muyombo Mande (Demokratische Republik Kongo). Von Bischof im Ruhestand Heinrich Bolleter wurden Grüsse überbracht. Aus der Methodistenkirche in Grossbritannien beehrt der Sekretär der Kirche Jonathan Hustler die Zentralkonferenz.

Nebst der Bischofswahl ringt die Kirche um eine möglichst weitgehende Einheit angesichts sehr unterschiedlicher Vorstellungen zur menschlichen Sexualität. Da ist es besonders wichtig, dass die Delegierten einander besser kennenlernen. Das geschah gestern Abend auf unterhaltsame Weise mit Spielen, welche jeweils 4 Personen zufällig zusammenführten. Ihre gemeinsame Aufgabe lautete, Gemeinsames zu benennen und Hoffnungen für diese Tagung zu formulieren.

Auffällig war, wie häufig der Wunsch und die Hoffnung geäussert wurde, dass man nach dieser Tagung gemeinsam weitergehen werde. Aber auch auf "weissen Rauch" wird gehofft, also dass die Wahl einer neuen Bischöfin oder eines neuen Bischof zustande kommt, und dass es dieser Person gelingen möge, verbindend und versöhnend zu wirken.

Das alles geschah nicht in erster Linie auf ernste und sachliche Weise, sondern es wurde viel gelacht und auch gestaunt an diesem Abend.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 16. November 2022

Eine Bischofswahl im Basler Zwinglihaus

Ein Zitat

Der gottesdienstliche Raum im Zwinglihaus Basel ist bereit für die methodistische Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Menschen sind geschaffen zu hohem Tun, nicht alle zu hohem Wissen." Huldrych Zwingli (1484-1531)

Ein Bibelvers - Johannes 3,8

Jesus: "Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird."

Eine Anregung

Einst wurde es als Kirchgemeindehaus geplant nebst einer Kirche und einem Pfarrhaus. Die Kirche wurde dann nicht gebaut, und so wurde aus dem Kirchgemeindehaus ein Mehrzweckgebäude mit kirchlicher Nutzung. Seit 1996 figuriert das 1931/32 von Willi Kehlstadt im Bauhausstil gebaute Zwinglihaus in der Stadt Basel im kantonalen Denkmalverzeichnis.

In diesem Zweckbau beginnt heute um 16.00 Uhr die Evangelisch-methodistische Kirche mit der Tagung der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa. Der dann stattfindende Abendmahlsgottesdienst wird via Youtube live übertragen. 

Im Verlauf dieser Zentralkonferenz wird als einer der Höhepunkte eine neue Bischöfin oder ein neuer Bischof gewählt. Gesucht wird die Nachfolgerin oder der Nachfolger für Bischof Patrick Streiff, der nach 16 Jahren in den Ruhestand treten wird.

Übrigens: Falls die Sonne scheint, dann wird sie bestimmt auch die Glasmalerei der Zwinglihaus-Fenster zum Leuchten bringen und vielleicht auch die versammelte Zentralkonferenzgemeinde. Gestaltet wurden die biblischen Motive 1985 vom Basler Künstler Hanns Studer. 

Mehr von der Zentralkonferenz gibt es auch via Facebook und Twitter.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 15. November 2022

Streiteslust

Ein Zitat

Auf dem Filmset bei der St. Galler Kathedrale.
Foto © Jörg Niederer
"Friede ernährt, Unfriede verzehrt." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - Römer 14,19

"Wir wollen uns für das einsetzen, was dem Frieden und dem Aufbau unserer Gemeinschaft dient."

Eine Anregung

Vor etwa zwei Wochen fanden bei der Kathedrale St. Gallen Filmaufnahmen statt, mit Oldtimern und Menschen in Kleidern, wie sie im 2. Weltkrieg in Mode waren. Der Film "Lubo", von dem dort Szenen gedreht wurden, stammt vom italienischen Regisseur Giorgio Diritti und handelt von einem jenischen Fahrer. Für die Dreharbeiten wurden immer wieder die Strassen und der Fussgängerbereich vor der Kathedrale abgesperrt.

Da beobachtete ich, wie ein Fahrradfahrer versuchte, an der mit Leuchtweste bekleideten Ordnungsperson vorbeizukommen und durch den Filmdreh zu fahren. Er wollte partout nicht einen anderen möglichen Weg nehmen, und bestand darauf, dass er ein Recht hätte, hier durchzufahren.

Daneben auf einer Gartenbank warteten zwei junge Männer auf die Freigabe des Wegs. Ihre Fahrräder standen angelehnt an der Hauswand. Irgendeinmal mischte sich der eine junge Mann in das immer lauter werdende "Gespräch" zwischen dem Ordnungsmann und dem uneinsichtigen Fahrradfahrer ein.

Nun stieg der Fahrradfahrer ab und begann einen Streit mit den beiden jungen Männern. Just in diesem Moment wurden die Filmaufnahmen beendet, und alle hätten wieder weiterziehen können. Doch der "Querulant" wollte nun nicht mehr, was er vorher mit aller Macht durchzusetzen versuchte, und "diskutierte" weiter mit den jungen Männer.

Als nächstes ergriff wieder der Ordnungsmann das Wort und sagte an die Adresse des Streitlustigen: "So gehen Sie bitte weiter und hören Sie damit auf, die beiden jungen Männer weiter zu bedrohen." Das half wenig für eine Deeskalation der Situation, schrie doch nun der Fahrradfahrer: "Ich bedrohe niemanden, höre auf mit solchen Behauptungen, sonst kannst du 'was erleben".

Ich bin dann weitergegangen und habe mich gefragt, was wohl in dieser Situation zu einem friedlicheren Ausgang beigetragen hätte. Viel Gescheites ist mir nicht in den Sinn gekommen. Aber vielleicht hättest du eine Idee. Die würde mich brennend interessieren.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 14. November 2022

Ausgezeichnet

Ein Zitat

Anna Shammas (mit blauem Methodist-T-Shirt) an der Tagung der Jährlichen Konferenz 2022 in Schaffhausen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich finde den Namen sehr schön: ‹heroes of hope›.Hoffnung zu geben, ist doch etwas sehr Gutes. Es freut mich, wenn ich das tue." Anna Shammas, Hero-of-Hope-Preisträgerin 2023

Ein Bibelvers - Römer 15,13

"Der Gott, der Hoffnung schenkt, erfülle auch euch in eurem Glauben mit lauter Freude und Frieden. So soll eure Hoffnung über alles Maß hinaus wachsen durch die Kraft des Heiligen Geistes."

Eine Anregung

Anna Shammas gehört zu den Preisträgerinnen und Preisträger des "Hero-of-Hope"-Awards 2023. Verliehen wurde diese Auszeichnung erstmals von der Internationalen Vereinigung Christlicher Führungskräfte (IVCG) zusammen mit dem Magazin "go – take the lead" an 10 Personen, die eher im Verborgenen wirken.

Über die methodistische Pfarrerin und Mitarbeiterin bei den Zentralen Diensten der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in der Schweiz heisst es in einer kurzen Würdigung, sie sei eine "Überwinderin der Grenzen": "Vor über zwanzig Jahren ist Anna Shammas von Syrien in die Schweiz geflohen. Heute ist sie Pastorin, Dozentin – und voller Visionen: Mit ihrer Initiative 'Grace in Greece' sollen deutschsprachige Jugendliche nach Griechenland reisen, um dort gleichaltrige Flüchtlinge zu unterstützen. Eine Win-win-Situation, wie sie überzeugt sagt."

Und in einem Interview-Beitrag der EMK erfährt man über "Grace in Greece": "Drei Mal war Anna Shammas im Rahmen ihres Projekts in Griechenland. Sie arbeitet mit mehreren lokalen Organisationen zusammen. Jeweils mit einer Gruppe junger Leute hilft Anna Shammas dort Flüchtlingen – und erzählt diesen von ihrem Glauben... Der nächste Einsatz soll über Silvester stattfinden. 'Ich hoffe sehr, dass ich wieder eine Gruppe zusammenbringen werde.' Einige Interessierte gebe es bereits. 'Aber ich brauche immer eine bestimmte Anzahl von Leuten, damit wir reisen können', sagt sie und ergänzt: 'Wenn jemand mitkommen will – sofort bei mir melden!'"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 13. November 2022

Umgeben von Engeln

Ein Zitat

Am diesem Baumstrunk wachsen selbst die Pilze in Engelsgestalt.
Foto © Jörg Niederer
"Einen Engel erkennt man immer erst, wenn er vorüber gegangen ist." Martin Buber

Ein Bibelvers - Hebräer 2,6+7

"Vielmehr wird es in der Heiligen Schrift so bezeugt: 'Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, oder der Menschensohn, dass du dich um ihn kümmerst? Du hast ihn nur wenig geringer gestellt als die Engel. Du krönst ihn mit Herrlichkeit und Ehre.'"

Eine Anregung

Wer sagt denn, dass Engel nur in die Advents- und Weihnachtszeit passen? Vielleicht ist es sogar besser, ausserhalb dieser engelhaltigen Zeit über Gottesboten nachzudenken. Das macht es einfacher, die Klischees nicht oder zumindest weniger zu bedienen. 

Darum gibt es in der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen einige allgemeine Gedanken über die Gottesboten und ihre Bedeutung im Christentum und der persönlichen Frömmigkeit. 

Vor Ort an der Kapellenstrasse 6 dabei sein kann man ab 10.15 Uhr. Via Youtube wird die Predigt ab ca. 10.30 Uhr übertragen. Schön, wenn wir dich auf die eine oder andere Art "sehen" dürfen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 12. November 2022

Bibel-Rap

Ein Zitat

Bibel als zentraler Teil des Raums an der Tagung der Jährlichen Konferenz 2019.
Foto © Jörg Niederer
"Die Bezeichnung als 'Buch der Bücher' bringt einerseits die religiöse Bedeutung der Bibel zum Ausdruck, andererseits die innere Pluralität." Wikipedia

Ein Bibelvers - 2. Timotheus 3,16+17

"Und auch dazu ist jede Schrift nützlich, die sich dem Wirken von Gottes Geist verdankt. Sie hilft, recht zu lehren, die Irrenden zurechtzuweisen und zu bessern. Und sie trägt dazu bei, die Menschen zur Gerechtigkeit zu erziehen. Damit ist der Mensch Gottes gut ausgerüstet. Er ist auf alle Aufgaben seines Dienstes vorbereitet."

Eine Anregung

Im kirchlichen Unterricht sollen die Jugendlichen die unterschiedlichen Bücher der Bibel der Reihe nach nennen können. Warum, habe ich mich gefragt. Es gibt doch ein Inhaltsverzeichnis. Doch da sind auch Stolpersteine, beginnen zum Beispiel viele Übersetzungen der Bibel zweimal mit der Seitenzählung, einmal im Alten, einmal in Neuen Testament.

Nun gibt es auch unterhaltsame Weisen, sich dieser eher langweiligen Materie zu nähern. Zum Beispiel mit einem Bibel-Rap, sympathisch vorgetragen von der Sonntagschülerin Livia.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 11. November 2022

Volkslied zwischen Anzüglichkeit und Kindergeschichte

Ein Zitat

Holzskulptur der Vogellisi auf dem Verkehrskreisel in Adelboden Oey.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn i nume wüsst wo ds Vogel-Lisi wär / Ds Vogel-Lisi chunnt vo Adelbode här / Adelbode isch im Bärner Oberland / Ds Bärner Oberland isch sch-ö-ön / Ds Oberland, ja ds Oberland / Ds Bärner Oberland isch schö-ö-ön / Ds Oberland, ja ds Oberland / Ds Bärner Oberland isch schön." Volkslied aus Adelboden

Ein Bibelvers - Psalm 63,2.4+5

"Gott, du bist mein Gott, dich suche ich, ... Ja, deine Güte bedeutet mir mehr als das Leben. Meine Lippen sollen dich loben. So will ich dich preisen mein Leben lang. Mit deinem Namen auf den Lippen erhebe ich meine Hände zum Gebet."

Eine Anregung

Es ist das bekannteste Volkslied von Adelboden, auch wenn es wohl erst so um 1950 entstanden ist: "Ds Vogel-Lisi". Zugleich wird es in Adelboden vielfach vermarktet mit allerlei Esswaren, mit Erlebnispfad und Ortsbezeichnungen, mit Theater und Kinderbuch. Beispielsweise steht eine geschnitzte Vogellisi auf dem Kreisel in Adelboden-Oey. Es gibt zu dieser geheimnisvollen Frau seit einigen Jahren auch ein Naturmärchen von Annemarie Stähli, fantasievoll augenzwinkernd illustriert von Karin Widmer und durch die Märchenbühne erfolgreich aufgeführt.

Wie jung dieses Volkslied ist, zeigt sich daran, dass es gleich mehrere Ursprungsmythen gibt. Da wäre die Kräuterfrau, die von einem Adler oder einer Krähe begleitet wird, und eines Tages tot am Fuss eines Felsens aufgefunden wird. Leblos neben ihr liegt auch der treue Vogel.

Dann gibt es die eher etwas anzüglichere Version, entstanden in den Nachtclubs von Adelboden, welche eine Fotografin namens Lisi besingt.

Beiderlei Szenarien werden auch durch die Interpretation des einstrophigen Lieds wiedergegeben. Da wäre der Après-Ski-Hit von Matty Valentino, auch schon interpretiert zusammen mit DJ Ötzi, natürlich mit jungen Background-Tänzerinnen und Sängerinnen.

Dann gibt es das Lied auch in einer Version, die 2007 entstanden ist bei der Sendung "Bsuech in" vom Schweizer Fernsehsender SRF, und zwar als Wochenaufgabe. Vorgetragen wird darin das Lied von der Adelbodner Bevölkerung auf selbst gebastelten und weiteren Instrumenten.

Dass sich die Adelbodnerinnen und Adelbodner mit diesem Lied identifizieren, ist offensichtlich. Welches Lied steht in einer Beziehung zu deiner Herkunft, deinem Lebensgefühl, deinem Glauben?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 10. November 2022

Der Himmel hängt voller Zylinder

Ein Zitat

Alpendohlen sammeln sich auf der Suche nach Futter über dem Hotel Alpina in Adelboden.
Foto © Jörg Niederer
"Zylinder sind Statussymbole, die man nicht mehr auf dem Kopfe, sondern unter der Motorhaube trägt." Ron Kritzfeld

Ein Bibelvers - Jeremia 36,22

"Weil es im neunten Monat kalt ist, sass der König im Winterhaus des Palastes. Vor ihm stand ein Becken mit Kohlen. Darin brannte ein Feuer."

Eine Anregung

Die Überschrift ist eine Spielerei mit der Mehrdeutigkeit des Wortes "Dohle". Früher wurde der dunkle Herrenhut, den wir unter der Bezeichnung "Zylinder" kennen, auch "Dohle" genannt.

Dohlen, genauer Alpendohlen (sie haben den schönen, lautmalerischen lateinischen Namen "Pyrrhocorax graculus") sind es, die sich in einem kleinen Schwarm versammelt haben, und nun Hausdach für Hausdach in Adelboden nach Insekten absuchen. Auch das Hotel Alpina wird von diesen schwarzen, eleganten Rabenvögeln heimgesucht.

Nun stelle ich mir auch vor, wie es anders herum sein könnte; wenn statt Zylinderhüte Alpendohlen das Herrenhaupt zieren würden. Ich lese davon, dass in deutschen Mundarten man einen altmodischen, schlechten, ärmlichen Hut als "hohe Dohle" bezeichnete. Und ich erinnere mich an den Nativ American, gespielt von Jonny Depp im Film "Lone Ranger", dessen Haupt eine tote Krähe zierte. So abwegig ist die Spielerei mit der Mehrdeutigkeit also gar nicht.

Zurück zu den Alpendohlen. Eine Bekannte erzählte mir, dass die Vögel in tiefere Lagen ziehen, wenn Schnee fällt. So fliegen sie auch bis hinunter zum Schulhaus von Frutigen, wo sie nach den Pausen den Schulhof nach Essbarem absuchen. Kommen also die Alpendohlen, dann wissen die Menschen in Frutigen, dass es nun wohl bald auch schneien wird.

Dohlen als Vorboten des Winters - Freust du dich auf diese Jahreszeit?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 9. November 2022

Sicherheitsübertragung

Ein Zitat

Bergkette zwischen dem Kander und Engstligenthal mit Bunderspitze, Nünihore und Hinterer Lohner.
Foto © Jörg Niederer


"Wenn Berge da sind, weiß ich, dass ich da hinaufgehen kann, um mir von oben eine neue Perspektive vom Leben zu holen." Hubert von Goisern, Musiker

Ein Bibelvers - Psalm 90,2

"Die Berge waren noch nicht geboren, die ganze Welt lag in Geburtswehen. Da bist du, Gott, schon da gewesen, vom ersten Anfang bis in alle Zukunft."

Eine Anregung

Auf dem Foto ist ganz links der Almengrat über den First und die Bunderspitze zu sehen. Leicht zurückversetzt entdeckt man den Chlyne Lohner. Dann folgt der Passübergang über die Bunderchrinda. Es schliessen sich Nünihore und der Hintere Lohner an.

Einst führte meine erste wirkliche Klettertour über den Almengart via First zur Bunderspitze. Ans Seil genommen hatte mich mein einheimischer Pfarrkollege Paul Pieren. Derart gesichert wurde diese Gratkletterei zu einem motivierenden Erlebnis. Paul Pierens souveräne Ruhe und Konzentration übertrug sich auf mich und gab mir damals Sicherheit.

Wer oder was gibt dir in diesen Tagen Sicherheit?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 8. November 2022

Individuelle Besinnungszeit

Ein Zitat

Teilnehmende der Bibelschule Adelboden von 1992 bei gruppendynamischen Spielen.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Zeitpunkt ist diejenige Tageszeit, an der Sie am Aufmerksamsten sind und / oder an der Sie sich am Wenigsten von anderen äusseren Einflüssen ablenken lassen." Aus den praktisch Vorschlägen des Alpina-Reiseführers in die Besinnung

Ein Bibelvers - Sprüche 14,8

"Die Weisheit besteht bei einem klugen Menschen darin, über seinen Lebensweg nachzudenken. Die Dummheit aber führt bei dummen Menschen dazu, sich selbst zu belügen."

Eine Anregung

In der schönen Bergwelt von Adelboden erinnere ich mich gerne an die Bibelschule Adelboden, die hier jeweils über acht Wochen im Hotel Alpina durchgeführt wurde. Unterrichtende waren Pfarrpersonen der Evangelisch-methodistischen Kirche, die jeweils für eine Woche Einleitungen in die biblischen Bücher vermittelten. ich war in der 4. Woche dran mit der Weisheitsliteratur. 

Irgendeinmal ebbte das Interesse an dieser Form von Bibelschule ab, und so verschwand die Bibelschule Adelboden von der Bildfläche.

Im Hotel Alpine gibt es aber immer noch Anregungen für ein spirituelles Leben. "Reiseführer in die Besinnung" nennt sich eine kleine Sammlung, die in den Hotelzimmern zusammen mit einer Bibel aufliegen. Unter diesen "Impulsen für die individuelle Besinnungszeit" findet sich auch ein Beitrag vom pensionierten Pfarrer Robert Seitz. Da steht: 

"Wandern sie von der Alpina dem Engstligenbach entlang talaufwärts, kommen sie nach ungefähr einer halben Stunde zu einer schönen Holzbrücke.

Brücken gehören zum Leben. Als Kind liefen wir im Tal dem Bach entlang, der schmalen Brücke entgegen, sprangen und hüpften, den Wind in den Haaren, über den schwankenden Steg ans andere Ufer, Von jenseits riefen wir: Hei, wir sind drüben!

Längst ist das Leben zur Brücke geworden. Immerfort schreite ich weiter über dich und habe das Ufer meiner Herkunft aus den Augen verloren.

Du mein Gott, trägst mich im weiten Bogen einem anderen Ufer entgegen. Wohin wirst du mich tragen, geliebte Brücke des Daseins? Während ich lachend, weinend oder träumend gehe und schwanke und schwebe, trägst du mich zurück in den Anfang. Brücke der Liebe, du trägst mich sicher über die Wasser der Zeit."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 7. November 2022

Rassismusdiskussion trotz inklusiveren Bischofswahlen

Ein Zitat

Screenshot aus der Pressekonferenz der Louisiana Annual Conference mit dem neuen indigenen US-Bischof David Wilson.
Foto © Louisiana Annual Conference
"Wir werden nie die Kirche sein, die wir sein wollen, wenn wir farbige Menschen wie eine Ware behandeln, die man leicht wegwerfen oder benutzen kann, dann wenn wir Fototermine, Führungsqualitäten und die Stimmen der Farbigen brauchen." Pfarrerin Sharon Austin an den Bischofswahlen der Southeastern Jurisdiction

Ein Bibelvers - 1. Mose 9,18+19

"Noahs Söhne Sem, Ham und Jafet hatten zusammen mit ihm die Arche verlassen. Ham war der Vater von Kanaan. Von diesen drei Söhnen Noahs stammen alle Völker der Erde ab."

Eine Anregung

In der vergangenen Woche wurden an den fünf Juristiktionalkonferenzen der Evangelisch-methodistischen Kirche in den USA 13 neue Bischöfinnen und Bischöfe gewählt. Dabei zeigte sich eine grosse Vielfalt unter den Gewählten. Sieben neue Bischöfinnen stehen sechs neuen Bischöfen gegenüber. In der South Central Jurisdiction wurde erstmals ein Angehöriger der indigenen Bevölkerung zum Bischof gewählt. David Wilson gehört zum Volk der Choctaws von Oklahoma. Die selbe Jurisdiction wählte mit Pfarrerin Delores "Dee" Williamston erstmals eine African American ins Bischofsamt. Die Northeastern Jurisdiction wählte mit Héctor Burgos zum ersten Mal einen Latino zum Bischof. Besonders "divers" wählte die Western Jurisdiction. Mit Carlo A. Rapanut wurde erstmals ein Migrant von den Philippinen als Bischof in den USA gewählt. Weiter wurde die Latina Dottie Escobedo-Frank gewählt. Und als dritten neuen Bischof wählten die Delegierten mit Cedrick D. Bridgeforth zum ersten Mal einen homosexuellen African American ins Bischofsamt. 

Ganz anders in der Southeastern Jurisdiction. Dort traten Personen verschiedenster Volksgruppen und unterschiedlicher Herkunft zur Wahl an. Zuletzt wurden nach zwei Pfarrpersonen aus der "weissen" Bevölkerungsschicht der USA auch noch ein African American zu Bischöfinnen und Bischöfen gewählt. Sowohl in der Southeastern wie auch in der Western Jurisdiction führten rassistische Erfahrungen im Wahlprozess zu Diskussion. In der Western Jurisdiction wurde dies gar hinter verschlossenen Türen in einer sogenannten "Geschlossenen Sitzung" beraten. Verschiedene Frauen und Männer hatten das Wahlverfahren als demütigend und verletzend erlebt. 

Einige erinnerten auch daran, dass das jurisdiktionale System der US-amerikanischen Methodistinnen und Methodisten 1939 eingerichtet wurde, auch um zu verhindern, dass Bischöfe aus dem liberalen Norden Einfluss nehmen könnten auf den segregationistisch geprägte Süden, und anders herum. Damals wurde auch die Central Jurisdiction gebildet, in der alle Kirchgemeinden mit vorwiegend afrikanischstämmigen Gläubigen von den vorwiegend "weissen" Kirchgemeinden separiert wurden. 

Auch wenn es die Central Jurisdiction heute nicht mehr gibt, ist der Rassismus in der Kirche noch nicht überwunden. Insgesamt ist man an diesen Wahlen in den USA aber einen grossen Schritt in Richtung einer inklusiveren und vielfältigeren Kirche gegangen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 6. November 2022

Geheilt durch seine Wunden

Ein Zitat

Das Altarbild, gemalt 1640 vom Rembrandt-Schüler Johannes Will, zeigt eine synoptische Darstellung der Leidensgeschichte Christi, und befindet sich in der Kirche des Kapuzinerklosters Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Nach Leiden und Verlusten werden die Menschen bescheidener und weiser." Benjamin Franklin (1706-1790)

Ein Bibelvers - Jesaja 53,3

"Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen."

Eine Anregung

Wer ist schuld an den Leiden eines Menschen? In antiker Zeit schloss man vom erlittenen Elend auf die Schuld des/der Leidenden. Doch dann veränderte sich diese Sichtweise zusehends. Das Leiden wurde sinnvoll, Ausdruck der Solidarität und Sorge um die Nächsten. 

Ein besonders auffälliges Beispiel dafür ist der Leidende aus den Gottesknechtliedern im biblische Buch Jesaja. Er ist der Gerechte, der für die anderen leidet.

Mehr über dieses spannende Veränderung im Verständnis des Leidens kann man in der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen erfahren. Auf Youtube beginnt es um ca. 10.30 Uhr, vor Ort an der Kapellenstrasse 6 schon um 10.15 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 5. November 2022

Aarau hat den Längeren

Ein Zitat

Die 9 Meter hohe Bahnhofsuhr in Aarau mit dem vielleicht längsten Sekundenzeiger der Welt.
Foto © Jörg Niederer
"Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden." Mark Spitz, mehrfacher Goldmedaillengewinner an Schwimm-Olympiameisterschaften

Ein Bibelvers - Matthäus 20,16

"So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten."

Eine Anregung

Schon gestern dachte ich mir beim Schreiben des Blog-Beitrags, der grösste Sekundenzeiger der Welt könne doch unmöglich nur 2,5 Meter lang sein, auch wenn es so in verschiedenen vertrauenswürdigen Quellen behauptet wird.

Da gibt es doch seit 2010 die Bahnhofsuhr in Aarau mit einem Durchmesser von 9 Metern. Lange galt sie als grösste Uhr Europas, bis sich Frankreich meldete mit einer früher errichteten 10 Meter hohen Uhr. Zwar fand ich nirgends offizielle Angaben über die Länge des Sekundenzeigers von Aarau. So habe ich kurzerhand selbst nachgemessen. Nimmt man lediglich die Sekundenzeigerlänge von der Achse bis zur Spitze, so ist dieser unermüdliche Zeitanzeiger 3,2 Meter lang, und damit 70 Zentimeter länger als "der längste Sekundenzeiger der Welt" der Horloge Fleurie in Genf. Die gesamte Sekundenzeigerlänge in Aarau beträgt übrigens 4,7 Meter, da ein Teil davon über die Achse auf die andere Seite hinausragt.

Also liebe Genfer, vielleicht hattet ihr einmal den längsten Sekundenzeiger der Welt, vielleicht ist er der längste an einer Blumenuhr (Die Überschrift dazu auf swissebook.ch sagt es richtiger), aber seit 2010 gibt es in Aarau einen noch längeren.

Mir gibt diese Rekordjagd die Gelegenheit, um noch einmal auf einen klassischen Song hinzuweisen, bei dem die Zeit eine Rolle spielt: Bob Dylans "The Times They Are A-Changin'". Einige der darin gemachten Aussagen wirken angesichts des Klimawandels geradezu prophetisch. Und da gibt es auch noch einen Bibelvers im Text zu entdecken!

"Kommt versammelt euch Leute, wo immer ihr euch rumtreibt / und gebt zu, dass das Wasser um euch gestiegen ist. / Und akzeptiert, dass ihr bald bis auf die Knochen durchnässt sein werdet. / Wenn euch eure Zeit etwas wert ist, / dann fangt ihr besser an zu schwimmen, / oder ihr werdet wie ein Stein sinken, / denn die Zeiten ändern sich.

...

Kommt Mütter und Väter im ganzen Land / und kritisiert nicht, was ihr nicht verstehen könnt. / Eure Söhne und Töchter sind jenseits eurer Kontrolle. / Eure alte Straße altert rapide. / Bitte geht runter von der neuen, wenn ihr nicht zur Hand gehen könnt, / denn die Zeiten ändern sich.

Die Linie ist gezogen, der Fluch ist gesprochen. / Der jetzt Langsame wird später schnell sein, / wie die Gegenwart später Vergangenheit sein wird. / Die bisherige Ordnung löst sich rasch auf. / Und der Erste jetzt wird später der Letzte sein, / denn die Zeiten ändern sich."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Freitag, 4. November 2022

Das Ticken der Weltzeit

Ein Zitat

Die Horloge Fleurie, die Blumenuhr im Englischen Garten von Genf, mit dem längsten Sekundenzeiger der Welt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Sanduhren erinnern nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit, sondern auch zugleich an den Staub, in welchen wir einst verfallen werden." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) Physiker, Naturforscher, Mathematiker

Ein Bibelvers - Galater 6,10

"Solange wir also noch Zeit haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun – vor allem aber denjenigen, die durch den Glauben mit uns verbunden sind."

Eine Anregung

Es sei die Uhr mit dem längsten Sekundenzeiger, die Horloge Fleurie, die Blumenuhr im Englischen Garten von Genf. Schon lange Zeit dreht dieser 2,5 Meter lange Zeiger seine Runden über den gut 6500 Pflanzen, aus denen das Zifferblatt gebildet ist. Nur 2,5 Meter! Ich hätten einen längeren Sekundenzeiger erwartet. An dieser Uhr lässt sich sehr schön ablesen, wie die Zeit vergeht. Die Spitze des Zeigers bewegt sich nämlich jede Sekunde 26 Zentimeter weiter.

Mir kommen die Vaughan Brothers in den Sinn mit einem Hit aus dem Jahr 1990: In "Tick Tock People" erinnern sie die Menschen daran, dass unsere Zeit begrenzt ist, um eine bessere Welt zu schaffen. Hier eine Übersetzung dieses schönen Songs, den man sich auch auf Youtube anhören kann. 

"Eines Nachts, als ich in meinem Bett schlief, hatte ich den wunderschönen Traum, / dass alle Menschen auf der Welt auf der gleichen Wellenlänge sind / und begannen, sich gegenseitig zu helfen. / In diesem Traum war die universelle Liebe die Schlagzeile, / Frieden und Verständnis wurden Realität.

Kranke und Hungrige hatten ein Lächeln auf ihren Gesichtern. / Die Müden und Obdachlosen waren umgeben von einer Familie. / Strassen und Städte waren schöne Plätze, / und die Trennmauern stürzten ein.

Die Menschen der Welt, hatten alles gemeinsam. / Sie hatten es gemeinsam für die Jungen und die Mädchen. / Und die Kinder der Welt freuen sich auf die Zukunft.

Denkt dran, tick tack, tick tack, tick tack Menschen: / Die Zeit vergeht wie im Flug. / Denkt daran, tick tack, tick tack, tick tack, Menschen: / Die Zeit verrinnt.

Ich hatte die Vision eines blauen Himmels, der sich von einem Meer zum andern strahlenden Meer erstreckt. / Alle Bäume im Wald standen wieder hoch und stark. / Alles war sauber und schön und sicher für dich und mich. / Die schlimmsten Feinde wurden die besten Freunde.

Die Menschen der Welt, hatten alles gemeinsam. / Sie hatten es gemeinsam für die Jungen und die Mädchen. / Und die Kinder der Welt freuen sich auf die Zukunft.

Denkt dran, tick tack, tick tack, tick tack Menschen: / Die Zeit vergeht wie im Flug. / Denkt daran, tick tack, tick tack, tick tack, Menschen: / Die Zeit verrinnt.

Denk daran, ja denk daran! ..."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 3. November 2022

Hoffnung haben ist eine Kunst

Ein Zitat

Der Genfer Mattelin Vuarser schuf 1520 das Chorgestühl in der Stiftskirche Saint-Laurent von Estavayer-le-Lac. Dazu gehören auch diese mythologischen Fabelwesen.
Foto © Jörg Niederer
"Manche meinen, ein Scheitern strafe den Hoffenden Lügen. Wer so urteilt, betrachtet die Dinge vom Ende, vom vermeintlichen Erfolg oder Misserfolg her." Heribert Prantl, Kolumnist und Autor

Ein Bibelvers - Hebräer 11,1

"Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind."

Eine Anregung

Heribert Prantl findet in einem Essay, überschreiben mit "Hoffnung ist der Wille zur Zukunft", eindrückliche Worte über die Zuversicht. Zu finden ist der ganze Text im bref #9/2022, dem Magazin der Reformierten.

Prantl schreibt: "Wir leben in einer Mischung aus Müdigkeit, Gereiztheit, Angst und Ungeduld. Es gibt, wen wundert es, eine Lust am katastrophischen Denken; sie ist gefährlich, weil sie die Hoffnung zerstört, die nötig ist, um die Krise, die Krisen zu bewältigen. Hoffnung lässt die Welt nicht zum Teufel gehen. In der Hoffnung steckt Kraft zum Handeln; es ist dies die Kraft der Hoffnung. Das ist aber nun kein Plädoyer dafür, Gefahren schönzureden. Die Kraft der Hoffnung steckt nicht in einem blinden Optimismus. die Kraft der Hoffnung sieht die Gefahr; sie verweigert aber Unglück und Unheil den totalen Zugriff.
Hoffnung haben, Hoffnung leben zu können, das ist eine Kunst..."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 2. November 2022

Wehrhafte Pomeranze

Ein Zitat

Frucht einer Pomeranze an einem Bäumchen in Estavayer-le-Lac.
Foto © Jörg Niederer
"Wem es nie richtig gut geht, der verbittert. Wem es nie richtig schlecht geht, der versauert." Hans Krailsheimer (1888-1958) Jurist und Schriftsteller

Ein Bibelvers - Offenbarung 2,7

"Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt: 'Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem gebe ich vom Baum des Lebens zu essen. Das ist der Baum, der in Gottes Paradies steht.'"

Eine Anregung

In diesen Tagen begegnete ich in einer Fernsehreportage erstmals der Pomeranze. Und zwar nicht in redensartlicher Weise sondern als Pflanze. Es ist eine Zitrusfrucht, die gut mit den klimatischen Bedingungen bei uns zurechtkommt. Allerdings sind ihre Früchte säuerlich-bitter, und so ist sie auch als Bitterorange bekannt. In der Reportage wurden die Früchte an den "Stadtbäumchen" mit Handschuhen geerntet, weil sie von bis zu acht Zentimeter langen Dornen geschützt werden.

In der Pomeranze steckt die lateinische Bezeichnung "pomum aurantium", oder auf Deutsch "goldiger Apfel".

Übertragen meint die Bezeichnung "(Land-)Pomeranze" - ähnlich wie "Landei" - ein etwas unbedarftes junge Mädchen vom Land, mit rötlichen Wangen in den Farben der Pomeranzenfrüchte. Später dann wurden mit dem Begriff auch sich plump benehmende Frauen ohne Anstand und Höflichkeit bezeichnet. Ein Schuss herber Unnahbarkeit schwingt dabei auch noch mit. Das ist natürlich eine unangebracht abwertende und sexistische Sprache. Ich habe auch noch nie gehört, dass sich jemand selbst als Pomeranze bezeichnet hätte, wohl aber als Landei.

Ich liebe Pomeranzen in Form von Bitterorangen-Konfitüre. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich diese Konfitüre gegessen hätte, wenn sie als Pomeranzenmarmelade angeboten worden wäre. Es kommt eben darauf an, wie man etwas oder jemanden benennt.

Gelegentlich wird die Pomeranze auch in Bibelgärten als "Baum der Erkenntnis" ausgestellt. Da gäbe es aber auch noch andere Bäume, die in Frage kämen. Und wer weiss, vielleicht waren es ja die Äste des pomum aurantium, die als Dornenkrone in die christliche Überlieferung eingingen. Aber auch das ist, wie beim Paradiesbaum, reine Spekulation.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 1. November 2022

Beten rettet

Ein Zitat

Ein kurzes morgendliches Gespräch vor dem Koster der Dominikanerinnen in Estavayer-le-Lac.
Foto © Jörg Niederer
"Was du jetzt für ein Hindernis hältst, wird dir später ein wirksames Heilmittel sein." Vinzenz Ferrer (1350-1419)

Ein Bibelvers - Jeremia 29,11+12

"Ausspruch des Herrn – Ich habe Pläne des Friedens und nicht des Unheils. Ich will euch Zukunft und Hoffnung schenken. Ihr werdet zu mir rufen. Ihr werdet kommen und zu mir beten, und ich werde euch erhören."

Eine Anregung

In Estavayer-le-Lac besteht seit 706 Jahren ein Dominikanerinnenkloster. Auch in der Zeit der napoleonischen Wirren ging im Städtchen am Neuenburgersee das Klosterleben weiter. Damals fanden geflüchtete Priester, die den Eid auf die Zivilverfassung der Französischen Revolution verweigerten, im Kloster Unterschlupf. frwiki übersetzt die französische Bezeichnung "Prêtre réfractaire" dieser abtrünnigen Priester lustigerweise auch mit "Feuerfeste Priester", wohl in Anspielung auf die Scheiterhaufen, auf denen revolutionsfreundliche Geistliche ihre Priesterdiplome unter den Rufen "Nieder mit dem Andenken an die Priester für immer! Nieder mit dem christlichen Aberglauben! Es lebe die erhabene Religion der Natur!" verbrannten.

Gegründet wurde das Kloster im Jahr 1316 vom Archidiakon von Lincoln (England) Wilhelm von Stäffis. Er entstammte der Gründerfamilie des Städtchens Estavayer. In der Deutschschweiz nannte man den Ort deshalb auch lange Zeit Stäffis am See.

Die heutige Klosteranlage und die Klosterkapelle gehen zurück auf den "Bastarden von Savoyen" (1377-1443), eine Anspielung auf die Herkunft Humberts von Savoyen als illegitimen Sohns von Amadeus VII. und Françoise Arnaud. Humberts sterbliche Überreste liegen in der von ihm finanzierten Klosterkapelle bestattet.

In dieser Kapelle waren die Dominikanerinnen wohl gerade am Beten, als im Jahr 1599 Teile des Klostergebäudes einstürzten. So rettete das Gebet den Ordensschwestern buchstäblich und auf wundersame Weise das Leben.

Heute kann man an diesem geschichtsträchtigen Ort übernachten, an dem einst der heilige Vincent Ferrier und die heilige Colette de Corbie wirkten. Ob wohl am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest im Jahr 2016 auch einige der "Bösen" hinter Klostermauern übernachteten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde