Montag, 20. Juni 2022

Herausforderndes und Musik vom Feinsten

Ein Zitat

Ein Kind lauscht aufmerksam der irischen Musik von Sam Staufer an der Jährlichen Konferenz 2022 in Schaffhausen
Foto © Jörg Niederer
"Vielleicht ist Ihnen nach dem ersten Teil meiner Predigt auch aufgefallen, dass Paulus hier aufruft, die Einheit zu bewahren und nicht etwa, dass wir sie schaffen müssten. Denn auch hier ist die Gemeinschaft der Kirche schon gegeben, wo immer der Geist Christi am Werk ist." Bischof Patrick Streiff in seiner Konferenzpredigt von 2022 in Schaffhausen

Ein Bibelvers - Epheser 4,3a

"Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die sein Geist euch geschenkt hat."

Ein Anregung

Nein, der Musiker und Fotograf Sam Stauffer hatte nicht nur eine Zuhörerin an seinem Konzert mit irisch-schottischen Folksongs. Der Abschlussanlass der Jährlichen Konferenz (Synode) der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika war an diesem äusserst heissen Tag erstaunlich gut besucht.

Überhaupt lohnte sich die an diesem Tag investierte Zeit. Es begann mit Musik durch die Band "Plug in", sowie einer weiteren Formation aus Musikerinnen und Musiker aus der methodistischen Kirchgemeinde in Schaffhausen, zusätzlich unterstützt durch den argentinischen Bischof Américo Jara Reyes.

In der Anmoderation zum Ordinationsgottesdienst ging es um Zeit. Etwa die, bei der eine zu spät kommende Person zur anderen pünktlichen meinte: "Menschen, die zu spät kommen, sind meist fröhlicher als die, welche auf sie gewartet haben."

In der herausfordernden Predigt von Bischof Patrick Streiff ging es um die Einheit von Christinnen und Christen und deren Bewahrung. Wen wundert gerade dieses Thema, angesichts des nun schon jahrelangen Ringens darum, wie bei verschiedenen Ansichten zur Homosexualität eine Kirchenspaltung verhindert werden könnte. So war erfreulich, das die Mitglieder der Jährlichen Konferenz am Vortag das Szenario "Kaleidoskop" deutlich angenommen hatten und damit für die Einheit der Kirche einen gangbaren Weg ebneten. (Siehe auch Blogbeitrag vom Samstag).

Und dann wäre da noch die Ordination von Sarah Bach und die Beauftragung von Renate Eschbach zum Dienst als Lokalpfarrerin. Für Frankreich wurden Alain und Nicole Deheuvels neu zum pastoralen Dienst beauftragt.

Über den Konferenzsonntag und die vorausgehenden Verhandlungen erfährt man alles wichtige in den EMK-News.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 19. Juni 2022

In der Kirche auf Zeit

Ein Zitat

Anregende Gespräche an der Tagung der Jährlichen Konferenz 2022 in Schaffhausen
Foto © Jörg Niederer

"Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Klub beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich als Mitglied aufzunehmen."
Groucho Marx (1890-1977)

Ein Bibelvers - Philipper 3,20

"Wir dagegen haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel. Von dort erwarten wir auch den Retter, den Herrn Jesus Christus!"

Ein Anregung

Wie attraktiv ist heute ein lebenslange Mitgliedschaft in einer einzelnen Kirche? Wohl wenig. Denn heute ist man auf Zeit engagiert, stellt sich zur Verfügung für Projekte und überschaubare Einsätze. Warum soll das nicht auch in der Kirche so sein? 

Aus diesem Grund diskutierte die Tagung der Jährlichen Konferenz (Synode) der Evangelisch-methodistischen Kirche die "Mitgliedschaft auf Zeit". Dabei gibt es mehrere Ziele: 

  • Eine verbindliche Mitarbeit in der Kirche soll auch auf Zeit einfacher möglich sein. 
  • Es wird deutlicher unterschieden zwischen Taufzugehörigkeit zu Christus und Kirchenzugehörigkeit zur Methodistenkirche. 
  • Es sollen einfachere Formulierungen möglich sein, um die komplexeren theologischen Taufbekenntnisfragen zu ergänzen. 

Die alternativen Formulierungen der Taufbekenntnisfragen gehen jeweils von einem Zuspruch aus und führen so ins Bekenntnis. Sie lauten. 

  1. Gottes Liebe zeigt sich uns in Jesus Christus – Vertraust du dich ihm an? 
  2. Jesus Christus schenkt uns die Gemeinschaft seiner Kirche – Willst du dich rufen lassen? 
  3. Jesus Christus befähigt uns, die Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen ins Zentrum zu stellen – Willst du darin wachsen? 
  4. Gott erzählt sich in der Bibel. – Willst du hinhören? 
  5. Die Kirche wird konkret, auch in der Evangelisch-methodistischen Kirche. – Willst du dich an ihrem Auftrag beteiligen? 

Zum Anliegen gab es viele Rückmeldungen, Anfragen und Bedenken. Sie führten zu einer Rückweisung des Geschäfts, nicht ohne die Erwartung, dass an den Mitglieschaftsthematik weitergearbeitet werden soll.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 18. Juni 2022

Methodisten: Zusammenbleiben - um welchen Preis?

Ein Zitat

Bischof Patrick Streiff mit einem Kaleidoskop-Werbegeschenk der Jährlichen Konferenz 1994 in Winterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Komm wir malen uns das Leben Bunt und nicht Schwarz-Weiß, denn wir beide wissen was Liebe heißt." Herkunft unbekannt.

Ein Bibelvers - Römer 15,7

"Nehmt einander an, so wie Christus euch angenommen hat, damit die Herrlichkeit Gottes noch größer wird."

Ein Anregung

Heute beschliesst an der Tagung der Jährlichen Konferenz die Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika die Weise, wie sie mit unterschiedlichen Ansichten von Sexualität und Eheverständnis umgehen will. Dabei handelt es sich vorerst um eine Absichtserklärung, welche noch weitere Entscheidungen benötigt auf weltweiter Ebene. Aber es zeichnet sich ab, dass das Szenario "Kaleidoskop – den Missionsauftrag leben" angenommen werden könnte. 

 Das Szenario "Kaleidoskop" beschreibt den Weg, wie bei der Sexualität unterschiedlich denkende Menschen in einer Kirche zusammenbleiben können. Neu wurde dem Szenario, nebst der Forderung auf Streichung aller qualifizierender Aussagen zu Homosexualität in der Kirchenordnung, weitere alternative Möglichkeiten beigefügt. Auch das Adaptionsrecht bei der Kirchenordnung wurde stärker gewichtet. 

Was bedeutet das Szenario Kaleidoskop? Die Kirche, die Bezirke und die Gemeinden konzentrieren sich auf den Missionsauftrag in ihrem und für ihren jeweiligen Kontext. Weil die Bewertung von Homosexualität und Fragen des Umgangs mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen die Methodistinnen und Methodisten in ihrem gemeinsamen Bekenntnis und in ihrer gemeinsamen Mission nicht trennen sollen, befürworten alle, dass verschiedene Überzeugungen rund um Eheschliessung und pastoralen Dienst und die dazugehörige Praxis gleichberechtigt möglich sind.

Bereits am Donnerstag begannen die Beratungen und der Austausch zum Kaleidoskop. Einerseits ging es um eine Positionierung, aber auch um den Austausch zwischen den verschiedenen Positionen. 

Am Freitag formulierten Menschen ihre Grenzen und ihre Bereitschaft, beim Kaleidoskop mitzuwirken. Erwähnt wurden dabei das Schriftverständnis, den besseren Einbezug der traditionell denkenden Menschen, aber auch die Frage, wie Minderheiten ihren gleichberechtigten Raum erhalten. Wie aber kann eine "false balance" verhindert werden, bei der nach Aussen das Bild verzerrt wird zugunsten einer Minderheitenmeinung.

Zuletzt: Dass das Bild vom Kaleidoskop schon eine lange Tradition bei den Methodistinnen und Methodisten kennt, erwähnte der Bischof ganz zu Beginn beim Eintrittsvotum dazu. Dort präsentierte er nämlich ein Kaleidoskop, das an einer Tagung der Jährlichen Konferenz 1994 in Winterthur als Werbegeschenk abgegeben worden war.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 17. Juni 2022

Wurzeln im Himmel

Ein Zitat

Ikonenmalerei an einem etwas versteckten Haus der Universität Freiburg.
Foto © Jörg Niederer
Gottes Liebe ist die Wurzel aller Hoffnung in der Welt.

Ein Bibelvers - Jeremia 17,7+8

"Segen dagegen für den Mann, der auf den Herrn vertraut und dessen Zuversicht der Herr ist! Er gleicht einem Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Seine Wurzeln streckt er hin zum Bach. Vor der Hitze fürchtet er sich nicht, seine Blätter bleiben grün. Selbst ein trockenes Jahr macht ihm nichts aus, und er hört nicht auf, Frucht zu bringen."

Ein Anregung

Versteckt etwas abseits vom auffälligen Betongebäude der Universität Freiburg, an der Rückseite eines Hauses, nur zu erreichen durch einen verwilderten Garten, findet sich eine Juwel. Die Stirnseite des zweistöckigen Hauses ist bemalt im Stil der rumänischen Ikonenmalerei. Es ist ein reichhaltiges Werk, mit Sündenfall und Himmel, mit Mose und Aristoteles, mit Abrahams Schoss und Sophia. Aber auch mit Maria und dem Jesuskind.

Darunter sieht man einen verkehrten Baum. Die Wurzeln ragen hinauf, zu Christus. Die grüne Krone zeigt nach unten. Der Segen, die Kraft, das Leben gründet bei Gott, im Himmel. Und daraus entsteht Frucht und Leben auf der Erde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Donnerstag, 16. Juni 2022

Apokalyptisch hoffen und glauben

Ein Zitat

Das Gemälde von Maurice Barraud zum Kampf der Frau mit dem Drachen (aus Offenbarung 12) in der Universitätskapelle Miséricorde in Fribourg
Foto © Jörg Niederer
"Dass dereinst eine Sintflut war, scheint mir kein so großes Wunder wie dies, dass nicht immer eine ist." Thomas Browne (1605-1682), englischer Philosoph

Ein Bibelvers - Offenbarung 12,4

"Der Drache stand vor der Frau, die gerade ihr Kind zur Welt brachte. Denn er wollte das Kind verschlingen, sobald sie es geboren hatte."

Ein Anregung

Die Kapelle Miséricorde ist Teil der Universität in Fribourg. Sie wurde von den Architekten Fernand Dumas und Denis Honegger als typischer Bau der Zwischenkriegsjahre im Stil der "nouvelle tradition" gebaut. Die Kapelle ist ein Beispiel für die von der 1927 entstandenen Lukasgesellschaft geprägten Idee eines Gesamtkunstwerkes mit einheitlichem Konzept, an dem mehrere Künstler beteiligt sind. 

Am 7. Mai 1944 wurde die Kapelle eingeweiht, damals noch ohne die apokalyptischen Bilder des Genfer Künstlers Maurice Barraud (1889-1954). Diese folgten erst 1946.

An der einen Wand ist der Kampf zwischen Frau und Drache dargestellt, wie er in Offenbarung 12 beschrieben wird. Der Seher Johannes sitzt mitten in der Vision und sieht, nicht ohne Furcht: Noch ist der siebenköpfige Drache nicht besiegt. Doch die Frau hat das Kind (Christus) geboren. In der Folge wird es aus Todestiefen in den Himmel entrückt. Die Frau (die Kirche) aber überlebt weitere Angriffe der Schlange.

Es ist ein passendes Bild für die Nachkriegszeit. Das Weltkriegs-Morden ist vorüber, die Welt hat überlebt, die Kirche ebenso. Doch nach wie vor sind beide bedroht. Die Geschichte vom Kampf der Frau mit dem Drachen endet in der Bibel denn auch mit dem unheilschwangeren Satz: "Der Drache trat an den Strand des Meeres".

Was mir am Bild auffällt: Wie gelassen die Frau wirkt; wie das Kind nicht von dem Drachen zurückweicht. In aller Bedrohung ist da eine grosse Sorglosigkeit. Hoffnung, die nicht zerstört werden kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 15. Juni 2022

Schwirrflug eines kleinen Gierschlunds

Ein Zitat

Ein Taubenschwänzchen labt sich an Blüten im Botanischen Garten St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Der Sinn des Lebens ergibt sich aus unserem Tun." Fred Ammon

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,19

"Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst. Denn aus ihm bist du gemacht: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück."

Ein Anregung

Von 0 auf 70 in sechs Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 80 km/h, Reichweite 2000 km. Nein, ich spreche nicht von einem eher schlechten Auto. Ich spreche vom Taubenschwänzchen, einem Nachtfalter, der auch tagsüber fliegt. Genauer, er fliegt Tag und Nacht, denn dieser Kolibri unter den Insekten braucht täglich das Doppelte des eigenen Körpergewichts an Nahrung. Nektar, den er mit einem langen Rüssel aus den Blüten saugt, während er wie eine Drohne in der Luft stillsteht. Dafür müssen seine Flügel 60 Mal pro Sekunde schlagen, damit er die Energie zu sich nehmen kann, die er zum Fliegen braucht. Das Taubenschwänzchen fliegt also, damit es tanken kann, damit es fliegen kann, damit es tanken kann, damit es fliegen kann...

Nun, bei uns Menschen ist es ja ähnlich: Wir arbeiten, damit wir Geld erhalten. Dieses Geld ist dazu da, damit wir Essen kaufen können. So gestärkt können wir arbeiten, und das Geld verdienen für das tägliche Leben, usw.

Da stellt sich doch tatsächlich wieder einmal die Sinnfrage. Worin besteht für das Taubenschwänzchen die Freude im Leben? Was ist mein Lebensinhalt?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 14. Juni 2022

Menschen und Regionen im Kongo

Ein Zitat

Die Gesellschaft und Kirche im Kongo besteht aus vielen jungen Menschen
Foto © Jörg Niederer
"Wir bitten dich besonders für die vielen jungen Menschen ohne Perspektive: dass sie eine Arbeit in Würde finden." Gebetsbitte für die Kirche im Kongo

Ein Bibelvers - 4. Mose 12,1

"[Mose] hatte eine Frau aus einem fremden Volk geheiratet. Sie stammte aus dem Land Kusch [Nubien]."

Ein Anregung

Jeden Monat regt das Hilfswerk Connexio an, für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Aufgabe zu beten. Aktuell steht die Kirche in der Demokratischen Republik Kongo im Zentrum. Dazu schreibt Connexio: 

"In diesem Monat denken wir besonders an die Menschen und die Kirche im Kongo. Politische Instabilität, bewaffnete Konflikte, ungerechte Verteilung des Rohstoffreichtums, Korruption und Armut prägen das Leben der Bevölkerung in der Demokratischen Republik Kongo seit Jahren. Junge Menschen finden keine Arbeit und leiden an fehlenden Perspektiven. Die Covid-Krise hat die wirtschaftliche Situation noch verschlechtert: Viele leben von dem, was sie jeden Tag erwirtschaften. Eltern fehlt das Schulgeld für ihre Kinder. In einigen Gebieten hat die Bevölkerung nicht mehr ausreichend zu Essen. Mit ihren Projekten möchte die Kirche die Lebensbedingungen verbessern und Hoffnung weitergeben." 

Das riesige zentralafrikanische Land ist landschaftlich unglaublich vielseitig. Da wären zum Beispiel die Mondberge an der Grenze zu Uganda. Diese eisbedeckte Ruwenzori-Bergkette ragt über 5000 Meter auf. Auch die Erhaltung der einzigartigen Natur und Vielfalt ist ein wichtiges christliches Anliegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 13. Juni 2022

Hoffnungs- und Freudenmensch

Ein Zitat

Himmuchrigeli Christian Studer auf dem Kolumbansweg bei Arbon
Foto © Jörg Niederer
"Was immer das Leben mir zuwirft – ich nehme es und bin dankbar dafür." Tom Felton, geb. 1987, Schauspieler

Ein Bibelvers - Hebräer 11,1

"Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind."

Ein Anregung

An ihm ist kein Vorbeikommen, ohne dass es zu einem Gespräch kommt. Christian "Himmuchrigeli" Studer steht im Wald und ist überzeugt: Das musste so geschehen, dass wir uns hier treffen. Mit der Nikon-Kamera hat er eben den Wanderwegweiser abfotografiert. Das sei sein Auftrag, den Kolumbansweg von Basel her zu dokumentieren.

In der Hand hält er den hölzernen Wanderstab. Markierungen daran weisen ihn auch als Jakobspilger aus. Der ehemalige Verdingbub (ein Buch darüber ist 2020 entstanden) erzählt, wie er vor einigen Jahren sein Auto verkauft und vom Geld hohe Wanderschuhe gekauft habe. Seit dann sei er zu Fuss vorwiegend in der Schweiz unterwegs ist. 

Noch mehr erzählt er, von guten und schlechten Bekanntschaften auf dem Weg, wobei er mit viel Humor den schlechten wenig Bedeutung beimisst. Auch in seinem Kommentar zum Buch zeigt sich, wie wenig nachtragend er ist (beim Wandern ist "nachtragen" sowieso zu vermeiden!):

"Wichtig in meinem Buch ist, dass ich keiner einzigen Person etwas Übles nachrede, ihr Schlechtes wünsche und niemandem, den ich namentlich nenne, in irgendeiner Form nahetreten will. Im Gegenteil: Vielen bin ich dankbar, dass sie uns unter diesen schwierigen Verhältnissen immer wieder geholfen haben. Klar gab es auch viel Unschönes, aber wo gab es dies nicht? Jenen, die heute noch lachen und sich über meine Verdingkindzeit lustig machen, möchte ich mit diesem Buch aufzeigen, dass ich mich gerade trotz dieser schwierigen Zeit in keiner Art und Weise verstecken muss." 

Wie kommt es, dass es immer wieder Menschen gibt, die Unrecht, das ihnen angetan wurde, nicht loswerden, und andere wie der Himmuchrigeli, die selbst im Trüben noch Sonnenlicht tanken?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 12. Juni 2022

Das Spiel der Hermeline

Ein Zitat

Junges Hermelin in einer Hecke bei Wittenbach
Foto © Jörg Niederer
"Wenn ich mit meiner Katze spiele, bin ich nie ganz sicher, ob nicht ich ihr Zeitvertreib bin." Michel de Montaigne (1533-1592)

Ein Bibelvers - Hiob 12,7-9

"Frag doch das Vieh, es wird dich belehren, und die Vögel des Himmels, die sagen es dir! Oder rede mit der Erde, sie wird dich belehren, die Fische im Meer erzählen es dir. Wer weiß denn nicht von ihnen allen, dass die Hand des Herrn die Welt gemacht hat?"

Ein Anregung

Bisher habe ich es erst zweimal erlebt. Das eine Mal als junger Mann, das andere Mal gestern, zusammen mit meiner Frau bei Wittenbach auf einem kleinen Strässchen entlang einer Hecke. Plötzlich waren da fünf oder sechs junge Hermeline, die ausgelassen in ihr Spiel vertieft uns bis auf 2 Meter heranliessen. Sie sprangen sich an, jagten einander nach, kugelten sich in wildem Kampf.

Das Treiben war so lebensfreudig, so lustvoll, so unbelastet, es tat einfach gut. Wir konnten nicht weggehen von diesem Ort, ohne Euphorie, Hoffnung und Ehrfurcht ob dieser Überfülle an Leben.

An diesem Sonntag möchte ich dafür danken, dass ich diese besonderen Momente erleben darf, in denen Aussergewöhnliches durch Alltägliches geschieht. Meist bin ich nicht mitten im Geschehen. Doch wenn ich es einmal war, bleibt es als kostbare Erinnerung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 11. Juni 2022

Fahrzeugstau geht nicht allein

Ein Zitat

Stau vor dem Gotthard-Nordportal
Foto © Jörg Niederer
Man steht immer deshalb im Stau, weil man selbst dort ist. Folglich nehme man sich selbst an der Nase.

Ein Bibelvers - Joel 2,13

"Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider! Ja, kehrt um zum Herrn, eurem Gott: Reich an Gnade und Barmherzigkeit ist er, unendlich geduldig und voller Güte. Er ist einer, dem das Unheil leid tut."

Ein Anregung

Gestern lass ich im St. Galler Tagblatt über eine Untersuchung, die aufzeigt, wer am Stau auf den Strassen schuld ist. Verantwortlich ist dafür an erster Stelle der Freizeitverkehr, dann der Berufsverkehr und an dritter Stelle der Einkaufsverkehr. Kommen zu bestimmten Zeiten alle drei Bereiche zusammen, wird es besonders eng.

Stau ist ein Massenphänomen. Es setzt voraus, dass viele das Selbe tun. Was würde wohl geschehen, wenn viele dem Stau aus dem Weg gehen? Gäbe es dann keinen Stau, oder wie beim Ausweichverkehr, einfach an einem andern Ort? Geht es also gerade einmal nicht mehr weiter, braucht es Geduld.

Wo es nicht mehr weiter geht, kann man daraus lernen. Theologisch nennt man dieses Lernen "Umkehren" (Aber bitte nicht auf der Autobahn!). Warum nur gibt es so viele Menschen, die genau das nicht können: Umkehren? Denn für mich ist es glasklar, warum man im Stau steht. Weil man selbst dort ist. Und genauso klar ist, warum man nicht im Stau steht: Weil man selbst nicht dort ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 10. Juni 2022

Gegen den Tod im Mittelmeer - Beim Namen nennen

Ein Zitat

Die ersten Namen von verstorbenen Flüchtlingen werden aussen an der Kirche St. Laurenzen aufgehängt.
Foto © Jörg Niederer
"Im Jahr 2022 (Stand: 15. Mai 2022) starben bisher 689 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer. Seit dem Jahr 2014 waren bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 24.023 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken." statista

Ein Bibelvers - Psalm 137,1

"An den Kanälen von Babylon, da saßen wir und weinten, als wir an den Zion dachten."

Ein Anregung

Auch in diesem Jahr findet die Aktion "Beim Namen nennen" in St. Gallen statt. Seit 1993 sind über 48'000 Menschen auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Am 17./18./19. Juni setzten engagierte Menschen dagegen ein Zeichen.

Erneut wird die Gedenkaktion "Beim Namen nennen" durchgeführt für die mehr als 48 000 Flüchtlinge, die beim Versuch nach Europa zu flüchten, gestorben sind. Im Flyer finden sich sämtlicher Information über die Aktion.

Ziel ist, während 24 Stunden die Namen der Verstorbenen zu verlesen, über 25'000 Namen von den Verstorbenen auf Stoffstreifen zu schreiben und rund um die St. Laurenzenkirche aufzuhängen.

Es brauchen noch ganz viele helfenden Hände. Auf dieser Webseite erfährt man, wie das geschehen kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 9. Juni 2022

Blinder Passagier erschreckt Bahnkunden

Ein Zitat

Steinfliege mit wunderschön geäderten Flügeln
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man keine Zähne mehr hat, kommen die besten Beefsteaks." Auguste Renoir (1841-1919), französischer Maler des Impressionismus

Ein Bibelvers - Jesaja 7,18+19

"Zu der Zeit pfeift der Herr die Fliegen herbei von den Mündungen des Nil. Und er lockt die Bienen an aus dem Land Assyrien. Die kommen und lassen sich überall nieder: in Schluchten und Felsspalten, an Dornenhecken und Wasserstellen."

Ein Anregung

Ich sass auf dem Heimweg im Zug von St. Gallen nach Wil. Jemand sagte: "Mann ist der gross. Wollen wir uns trotzdem hinsetzen?" "Ach nein", hörte ich eine Männerstimme antworten: "Da hinten hat es noch freie Abteile". Die Sitzgruppe blieb leer, bis es wirklich keinen Platz mehr in anderen Abteilen hatte. Und wieder sagte jemand: "Was ist den das für ein Viech?"

Nun war meine Neugier vollends geweckt. Was ich entdeckte, war ein etwa 4-5 cm langes, schmales, schwärzliches Insekt mit langen Flügeln. Es kletterte auf den Sitz, wurde wieder weggestossen, flog auf die andere Seite. Ich zog eine Migros-Einkaufstasche aus dem Rucksack, und liess das Tierchen hineinspazieren. Aus dem Nachbarabteil kam die erstaunte Bemerkung: "Ach sie wollen das Tier retten!" Ich bestätigte kurz und dachte bei mir: Warum sollte ich ein kleines Tier, das ich zuvor noch nie gesehen habe, töten. Vielleicht ist es ja das Letzte seiner Art, und überhaupt... 

Nun wollte ich wissen, was das für ein Insekt ist. So fragte ich in einem Facebook-Forum zur Bestimmung von Insekten und Spinnen nach, und erhielt innert einer halben Stunde die richtige Antwort: Es ist eine Steinfliege. Es gibt in der Schweiz mehr als 100 Arten. Die Grössten haben eine Körperlänge von 3 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 11 Zentimetern. Die Larven leben im Wasser. Eine Art von Steinfliegenlarven hat blaues Blut. Eine andere Steinfliege ist flugunfähig und lebt auf Gletschern. Steinfliegen haben hohe Ansprüche an das Wasser. Wo sie leben, ist die Umwelt noch weitgehend intakt.

Wenn die Tiere ihrem Larvenstadium entwachsen und zu "Imagines" (siehe Foto) herangewachsen sind, können sie nicht mehr fressen und nur noch Wasser trinken. Die Tierchen sind dann für die Menschen völlig harmlos. Das ist im Larvenstadium noch anders. Larven der grösseren Arten können Menschen empfindlich in den Finger beissen. Doch im letzten "zahnlosen" Stadium ihres Lebens geht es nur noch um die Fortpflanzung.

Bei genauerem Hinschauen wird also aus den schwarzen, bedrohlich wirkenden Insekt, das Bahnpassagiere erschreckt, ein kleines, faszinierendes Geschöpf, mit unglaublich schön geäderten Flügeln. Faszinierend!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 8. Juni 2022

Das Rimini der Fliegen

Ein Zitat

Kleine Fliegen sonnen sich auf einem Stahlseil
Foto © Jörg Niederer
"Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein." Ingeborg Bachmann (1926-1973), österreichische Schriftstellerin

Ein Bibelvers - Psalm 121,6-8

"Am Tag wird dir die Sonne nicht schaden und der Mond nicht in der Nacht. Der Herr behütet dich vor allem Bösen. Er wacht gewiss über dein Leben. Der Herr behütet dein Gehen und Kommen von heute an bis in alle Zukunft."

Ein Anregung

Sonnenhungrig versammelten sich tausende von kleinen Fliegen an allen besonnten Stellen im Wald. Ganz offensichtlich fühlten sie sich wohl in der Wärme und dem Licht. Sobald ich mich ihnen näherte, flogen sie auf, um wenige Augenblicke später wieder in die Sonne zurückzukehren.

Hat wohl schon jemand untersucht, ob es unter den Fliegen auch so etwas wie den Kampf um den besten Platz an der Sonne gibt? Legen sie kleine Handtücher auf ihre Liegestellen? Geniessen sie die Nähe der andern Fliegen, oder sind sie sich gegenseitig eher lästig und wünschten sich einen leeren "Fliegenstrand"? Wie ist es mit dem Sonnenschutz?

In heissen Ländern fliehen die Einheimischen vor der Sommerhitze in die kühle der Häuser, und die Touristen legen sich an die heisse Strände in die pralle Sonne.

Wie sieht dein rechtes Mass aus: Eher Sonnenanbeterin, Sonnenanbeter oder Schattenflüchtling?

Wie sieht dein Glaubensmass aus: Eher Gottes Anbeter, Anbeterin, oder zufrieden mit dir selbst?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Juni 2022

Ein Methodist und ein Gnostiker

Ein Zitat

Ich mit dem Methodist-T-Shirt
Foto © Jörg Niederer
"Sie behaupten, sie seien mächtiger, sie seien klüger als die Jünger... ja sie stünden Jesus in nichts nach, denn ihre Seelen seien in demselben Kreis gewesen." Der Kirchenvater Irenäus über die Gnostiker

Ein Bibelvers - Johannes 3,13-15

"Nur einer ist in den Himmel hinaufgestiegen. Es ist der, der auch vom Himmel herabgekommen ist: der Menschensohn. Es ist wie damals bei Mose, als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat."

Ein Anregung

Ich weiss, ein Foto von mir ist aus verschiedenen Gründen eigenartig. Es geht mir auch mehr um das T-Shirt. Darauf steht "Methodist". Es ist ein altes T-Shirt, das ich nur noch zum Wandern trage. Gestern, am Ende der Wanderung auf dem Busbahnhof Frauenfeld spricht mich ein Mann an: "Aha, du bist Methodist". "Ja", sage ich, und während er weitergeht ruft er mir zu: "Und ich bin Gnostiker".

Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt auf den Schriftzug des T-Shirts angesprochen wurde. Doch so habe ich erfahren, dass es noch Gnostiker gibt in der heutigen Zeit. Theologisch vertreten heutige Gnostiker das Gleiche wie schon zur Zeit der ersten Christen. 

Der Gnostizismus sieht ungefähr so aus: Die materielle Welt ist von einem niederen Engel oder Gott geschaffen und als solche minderwertig. Aber es gibt noch einen Funken Wissen von der allesentscheidenden göttlichen Einheit. Nun geht es darum, sich aus dem materiellen, körperlichen Gefängnis zu befreien, und so Teil der göttlichen Einheit zu werden. Dabei hilft Sophia (die Weisheit) und auch Jesus.

Die Sammlung der neutestamentlichen Bücher ist in der Auseinandersetzung von Gnosis und paulinischer Theologie entstanden. Die Gnosis wurde von der Kirche als Irrlehre verworfen. Unter dem Einfluss und in Abwehr des Gnostiker Marcion, geboren gegen Ende des 1. Jahrhunderts, wurden Schriften zusammengestellt, die frei von gnostischen Gedanken den christlichen Glauben angemessen (aus Sicht der frühen Kirche) wiedergeben. Speziell dabei war, dass das Alte Testament bewusst als Teil des christlichen Glaubens dazukam. Denn dieses wurde von der Gnosis weitgehend verworfen. Im Gott des alten Testaments sah die Gnosis den minderwertigen Schöpfer der minderwertigen materiellen Welt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. Juni 2022

Richtstätten in Himmelsnähe

Ein Zitat

Alphornbläser auf dem Hohen Hirschberg
Foto © Jörg Niederer
"Überliefert ist etwa der Fall der Holzwürmer von Mamirolle: Diese hatten den Bischofsstuhl der Dorfkirche befallen und so zernagt, dass der Stuhl 1520 unter dem Bischof von Besançon zusammenbrach. Im Prozess wurden die Holzwürmer – in Abwesenheit – dazu verurteilt, aus dem Bischofsstuhl aus- und in einen Baum zu ziehen." aus National Geographic: Die Geschichte der Tierprozesse: 'Von mörderischen Schweinen und teuflischen Holzwürmern'

Ein Bibelvers - 2. Mose 21,28

"Angenommen, ein Rind stößt einen Mann oder eine Frau, sodass er oder sie stirbt: Dann muss das Rind gesteinigt werden, und sein Fleisch darf nicht gegessen werden. Aber der Besitzer des Rindes bleibt straffrei."

Ein Anregung

Vor einigen Tagen nahm ich als Gast am Dankesessen der Reformierten Kirche Teufen teil. Es fand auf dem Höch Hirschberg statt, unweit von Gais und Appenzell gelegen.

Am Abend in unterhaltsamer Tischrunde kam jemand auf den "Himmelberg" zu sprechen, unweit von Appenzell gelegen auf dem Weg zum beliebten Wandergipfel Hundwiler Höhi. Da ich nicht genau wusste, wo dieser Himmelberg gelegen ist, schaute ich auf der Onlinekarte nach. Was mir dabei auffiel, erheiterte nicht nur mich. Direkt neben dem Himmelberg liegt ein Hügel, der als "Hundshenki" bezeichnet wird. Eine eigenartiges Nebeneinander. Wer will schon in Himmelshöhen einen erhängten Hund betrachten müssen? Gemäss ortsnamen.ch hat es damit folgende Bewandtnis: "In Tierprozessen, die v. a. im Spätmittelalter verbreitet waren, wurden Tiere, die einen Schaden angerichtet hatten (z. B. durch Bisse oder Weiden auf einem fremden Grundstück), ähnlich wie Menschen verurteilt und gerichtet." 

Dass man sich mit Flurnamen an solche Ereignisse erinnern will, scheint eine Ostschweizer Eigenart zu sein. Denn nebst besagtem Hügel im Appenzellerland ist nur aus Flawil eine weiter "Hundshenki" bekannt.

Aber auch den Himmelberg findet man als Flurnamen in der Schweiz nur noch ein zweites Mal in im Thurgauischen Pfyn, unweit vom Säntisblick gelegen.

Es liegt halt alles nahe beieinander: Himmel und Hölle, Leben und Tod, Freude und Entsetzen, Lust und Leiden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. Juni 2022

Gott, der Dankbare?

Ein Zitat

Die ganze Schöpfung ist dazu da, Gott zu loben und zu danken.
Foto © Jörg Niederer
"Freude ist die einfachste Form der Dankbarkeit." Karl Barth

Ein Bibelvers - Johannes 6,11

"Jesus nahm die Brote und dankte Gott."

Ein Anregung

Ist Gott dankbar? Unter den 99 Namen Gottes im Islam findet sich auch "der Dankbare". Sucht man in der Bibel nach Hinweisen auf Gottes Dankbarkeit, findet sich nichts.

Ist der christliche Gott undankbar? Wem sollte er dankbar sein? Dem Menschen wohl eher nicht. Der müsste Gott dankbar sein. Dann noch die Gretchenfrage: Was hat Gottes Dankbarkeit mit Pfingsten und dem Heiligen Geist zu tun?

Mehr dazu erfährt man im heutigen Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Wer vor Ort an der Kapellenstrasse 6 dabei sein möchte, sollte um 10.15 Uhr bereit sein. Für die, welche die Predigt per Youtube miterleben möchten, beginnt es ab 10.30 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 4. Juni 2022

Ein bisschen Queen muss sein

Ein Zitat

Briefmarken mit dem Bild der Queen Elisabeth II.
Foto © Jörg Niederer
"Auf welch größere Inspiration und Rat können wir zurückgreifen, als auf die unvergängliche Wahrheit, die wir in diesem Schatzhaus finden können, der Bibel?" Queen Elisabeth II.

Ein Bibelvers - Psalm 45,10

"Königstöchter tragen Schmuck von deinen Edelsteinen. Die Königin an deiner Seite strahlt von Ofir-Gold."

Ein Anregung

Queen Elisabeth II. ist schon länger im Amt als ich auf der Welt. Kein Wunder, finden sich unter meinen einst gesammelten Briefmarken viele mit ihrem Portrait. Mein ganzes Leben lang war sie einfach da. 

Als Oberhaupt der Kirche von England ist sie auch von religiöser Bedeutung. Ich weiss zurzeit keinen König, der ihr das Wasser reichen könnte. Niemand vertritt die Monarchie so omnipräsent und überzeugend, wie die mittlerweile 96-jährige.

Lange Zeit waren die mächtigsten menschlichen Personen Könige. Also bezeichnete man Gott als König aller Könige, um seine Machtfülle angemessen zu umschrieben. Angesichts der ausserordentlichen Beliebtheit der britischen Königin, müsste man da nicht von Gott als "Königin aller Königinnen" (aller Royalen) sprechen?

Wie geht es dir mit weiblichen Gottesbildern? Wie oft denkst du in weiblichen Kategorien von Gott?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. Juni 2022

Der orthodoxe Mönch und der Lippenstift

Priester Mihail Adam am Fenster der Rumänisch-orthodoxen Kirche in Abtwil
Foto © Jörg Niederer
Ein Zitat

"Ikonen begleiteten das Christentum seit seinem Aufbruch bis zum heutigen Tage."

Ein Bibelvers - 1. Petrus 5,14

"Grüßt euch untereinander mit dem Kuss, der eure geschwisterliche Liebe zueinander ausdrückt. Friede sei mit euch allen, die ihr zu Christus gehört!"

Ein Anregung

Die Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen von Zürich, Winterthur, St.Gallen und beider Appenzell trafen sich zu ihrer jährlich einmal stattfindenden Weiterbildung in St. Gallen.

Auch zu Besuch war man in der Rumänisch-orthodoxen Kirche, welche in einem Industrie- und Gewerbehaus in Abtwil eingemietet ist. Es ging im Wesentlichen um die Sozialarbeit von Kirchen, aber natürlich liessen sich die Gäste auch gerne über die Einrichtung einer orthodoxen Kirche informieren. Dabei stellte jemand fest, dass einige Ikonenbilder von einer Glasscheibe bedeckt wurden. Priester Mihail Adam erklärte, dass die Verehrung der Heiligen das Küssen der ikonischen Bilder beinhaltet. Mit der Zeit würden diese wertvollen Werke durch Lippenstift der Frauen beeinträchtigt. Auf Glas lassen sich die Spuren leicht entfernen, nicht aber auf der Ikone selbst.

Dazu erzählte der Priester eine Anekdote, ob von sich selbst oder von einem andern Priester weiss ich nicht mehr sicher. Auf jeden Fall fragte der Priester seinen Beichtvater, ein Mönch, der zugleich Fachmann für die Restauration von Ikonen war, ob es möglich sei, den Lippenstift von der Ikone zu entfernen, ohne das Kunstwerk zu zerstören. Der Beichtvater wusste es nicht, hatte er doch sonst mit ganz anderen Verunreinigungen und Schäden zu tun. So meinte er: "Ich werde morgen Lippenstift kaufen, und dann ausprobieren, wie man ihn von den Ikonen wegbekommt."

Nun stelle man sich einen orthodoxen Mönch vor, der sich in einem Kosmetikfachgeschäft bei der jungen Verkäuferin nach Lippenstift erkundigt. Da muss man ja auf falsche Gedanken kommen. Verständlich also, dass der Mönch schlussendlich auf einem anderen Weg zum Lippenstift für das Kunstexperiment gekommen ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. Juni 2022

Fehlende Bodenhaftung

Ein Zitat

Ein Fussweg ohne Haftung führt durch das Sacktobel
Foto © Jörg Niederer
"Die Wandernden... müssen vielmehr darauf vertrauen, dass Geländer, Brücken, Leitern etc. ihrer Bestimmung entsprechend benutzt werden können." Leitfaden "Gefahrenprävention und Verantwortlichkeit auf Wanderwegen"

Ein Bibelvers - Psalm 23,4

"Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich."

Ein Anregung

Sacktobel gibt es in der Schweiz in Eggersriet SG, in Furna, Grüsch und Luzein GR, in Lütisburg, Oberuzwil und Waldkirch SG, in Pfäffikon und Wetzikon ZH, sowie im Safiental GR.

Dasjenige "Sacktobel ohne Haftung" befindet sich bei Auslikon am Pfäffikersee, und ist tatsächlich nicht ganz ohne. Der privat von Emil Rutz und Reinhold Bär 1988 erstellte Weg ist nicht mehr im besten Zustand. Zuletzt wurden 2019 Instandstellungsarbeiten durchgeführt. 

Bei einem Sacktobel handelt es sich um einen "Geländeeinschnitt von sackartiger Form". Wir kämpften uns über steile Wegabschnitte mit Winterschäden hinunter zum namenlosen Bach in der kleinen Schlucht, fanden uns auf einem Wiesenweg in mannshohem Gras, überquerten fussbreite Profilblechbrücken und landeten schlussendlich vor dem Wegweiser mit dem Hinweis auf die fehlende, beziehungsweise abgelehnte Haftung. Ob die mehrdeutige Anschrift gewollt ist? An diesem relativ trockenen Tag war die Bodenhaftung gut, die Gefahr auszugleiten klein. 

Mit der rechtlichen Haftung sieht es da schon viel komplizierter aus. In der Schweiz gibt es vom Bundesamt für Strassen ASTRA den fast 100 seitigen Leitfaden "Gefahrenprävention und Verantwortlichkeit auf Wanderwegen". Bezugnehmend auf das Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege (FWG) wird darin grundsätzlich festgehalten: "Wanderwege sollen 'möglichst gefahrlos' begangen werden können (Art. 6 Abs. 1 Bst. b FWG)". Jedoch heisst es dann in dieser Wegleitung: "Die Eigenverantwortung der Wandernden hat... traditionell einen hohen Stellenwert." Dies gilt ausdrücklich für die sorgfältige Planung, die an die eigenen Fähigkeiten angepasste Routenwahl, die passende Ausrüstung und die Beachtung der Wetterverhältnisse. Und weiter steht da geschrieben: "Ein umfassender Schutz kann auf keinem Weg erwartet werden." 

Ob aber mit einem Hinweis auf dem Wegweiser jede Haftung der Wegerbauer abgelehnt werden kann? Ich zweifle daran.

Wie die Haftungsfrage auf den "Glaubens- und Lebenswegen" aussieht, was man an Verantwortung auf Gott abschieben kann und wofür man selbst verantwortlich ist, ist eine andere, nachdenkenswerte Frage? Auch da habe ich den Eindruck, dass die Eigenverantwortung gross geschrieben ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. Juni 2022

Vom Gold geblendeter Rassismus

Ein Zitat

Allegorische, stereotype Darstellung Australiens am Haus zur Waage in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Lass niemanden sagen, dass die Vergangenheit tot ist! Die Vergangenheit dreht sich um uns in uns." Oodgeroo vom Stamm Noonuccal (Ureinwohner Australiens)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 3,6

"Doch Petrus sagte: 'Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus, dem Nazoräer: Steh auf und geh umher!'"

Ein Anregung

Am Haus zur Waage in St. Gallen gehen täglich unzählige Menschen vorbei. Nur wenige schauen über die Schaufenster des Ladens hinauf zum Giebel des Hauses. Wer es tun, sieht weit oben fünf Köpfe, welche die fünf bewohnten Kontinente darstellen. Es sind stereotype Darstellungen, erstellt vom aus Holland stammenden Steinbildhauer Henri Gisbert Geene (1865-1950).

Der auf dem Foto festgehaltene australische Ureinwohner wird mit einem goldenen Klotz durch die Nase und einer schweren goldenen Kette dargestellt. Doch an Gold interessiert waren die Aborigines nicht. Es waren die Siedler aus aller Welt, die es beim viktorianischen Goldrausch zu tausenden nach Australien zog, um dort ihr Glück zu suchen. Die Ureinwohner waren nur im Weg wurden an den Rand gedrängt, verfolgt, entmündigt, isoliert. Armut war die Folge, nicht etwa ein Leben im goldigen Überfluss.

Vielleicht ist diese Entmündigung auch in der Kette um den Hals des Mannes dargestellt. Sie macht auf mich den Eindruck einer dieser Eisenkugel bestückten schweren Fesseln, mit denen man einst Gefangene in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte.

In St. Gallen ist man sich der rassistischen Vergangenheit bewusst. Es gibt zwei Stadtrundgänge, welche auf diese dunkle Vergangenheit hinweisen. Der Stadtrundgang, bei dem das Haus zur Waage besprochen wird, findet sich auf der entsprechenden Seite des Kantons in der Broschüre von 2019.

Ich werde mir bald einmal beide Rundgänge zumuten. Vielleicht kann ich ja aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde