Mittwoch, 8. Dezember 2021

Ein versehentliches Weihnachtslied

Ein Zitat

Beim Lied 'Freue dich Welt' aufgeschlagenes Gesangbuch
Foto © Jörg Niederer
"Freue dich, Welt, der Herr ist da... Er herrscht mit Wahrheit, Recht und Gnad / und alle Völker sehn / den Ruhm seiner Gerechtigkeit / und seiner Liebe Mächtigkeit, / die alle Welt erneut. / die alle Welt erneut. / die alle, alle Welt erneut." Isaac Watts/ Annette Sommer

Ein Bibelvers - Psalm 98,4-6

"Heisst den Herrn willkommen, alle Länder! Brecht in Jubel aus, seid fröhlich und musiziert! Musiziert für den Herrn mit der Leier, mit der Leier und vollem Saitenklang! Mit dem Schall von Trompeten und Widderhörnern heißt den Herrn als König willkommen!"

Ein Anregung

Alle haben sie es schon gesungen: BoneyM, Mariah Carey, die Prinzen, Whitney Houston, Nat King Cole, Angelo Kelly & Family, der Countrysänger George Strait, Aretha Franklin, Bo Katzmann, Barbie, Johnny Cash, Mahalia Jackson, The Platters, Joy Fleming, Earth Wind & Fire, The Supremes, Harry Belafonte, Plácido Domingo und Tammy Wynette. Es wurde gespielt vom London Symphony Orchestra. Davon gibt es Heavy-Metal-Versionen, Versionen für Kinder, Jazz-Versionen, eine Tanzversion von den Cyberjapan Dancers. Und eine Musikgruppe hat sich gar danach benannt: das "Joy to the World Duo".

Dabei war das Lied "Joy to the World" oder wie es auf Deutsch heisst: "Freue dich Welt..." nie als Weihnachtslied vorgesehen. Und doch wurde aus den 300 Jahre alten Worten das meistinterpretierte Weihnachtslied aller Zeiten. 

Der englische Pfarrer und Dichter Isaac Watts veröffentlichte 1719 den Text dazu in einem Buch mit Gedichten zu den Psalmen. Inspiriert waren die Worte von Psalm 98 und der Erwartung des wiederkommenden Christus.

Mehr als 100 Jahre später erhielt der amerikanische Komponist Lowell Mason den Auftrag, ein Lied zur Wiederkunft Christi zu entwerfen. Mason, zugleich Förderer der musikalischen Ausbildung an Schulen und Komponist von mehr als 1600 Liedern, fand den Text von Watts und unterlegte ihn mit der von ihm adaptierten Melodie "Antioch" aus Georg Friedrich Händels "Messias".

1839, zeitlich nahe zu Weihnachten, gab Mason eine Liedersammlung heraus, in der das Lied "Joy to the World" erstmals enthalten war. Es fand schnell den Weg in die Herzen der Menschen, die sich auf Weihnachten vorbereiteten. Und das ist es bis heute geblieben, ein Weihnachtslied, das, wenn man es genau liest, erkennen lässt, dass ursprünglich nicht ein Baby besungen wurde, sondern ein Christus in Macht und Herrlichkeit.

(Teilweise habe ich diesen Text übernommen aus einem Beitrag der Evangelisch-methodistischen Kirche in den USA.)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Dezember 2021

Auf Krippensuche

Ein Zitat

Ein lebender Esel an einer Weihnachtskrippe
Foto © Jörg Niederer
"Ich fange bei der Krippe an." Martin Luther (1483-1546)

Ein Bibelvers - Lukas 2,7

"Maria brachte ihren ersten Sohn zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten in der Herberge keinen Platz gefunden."

Ein Anregung

Man muss kein Esel sein, um sich für Weihnachtskrippen zu begeistern.

Wer die ganze Vielfalt an Kreativität erleben will, kann dies in der KrippenWelt im Städtchen Stein am Rhein tun. Die Sammlung umfasst 800 Weihnachtskrippen aus aller Welt, wovon nie alle gleichzeitig ausgestellt sind.

Weihnachtskrippen gib es seit dem Mittelalter. Sie entwickelten sich aus nachgespielten Szenen der Bibel, wobei Franziskus von Assisi als Erfinder der eigentlichen Weihnachtskrippe gilt. Er gesellte zum lebensgrossen Jesuskindchen in einer Futterkrippe noch je einen lebendigen Esel und einen Ochsen. Die älteste erhaltene Krippendarstellung befindet sich in einem Seitenschiff der Kapelle Santa Maria Maggiore in Rom. Dargestellt wird in diesem Werk mit verstellbaren Alabasterfiguren aus dem Jahr 1291 die Anbetung der drei Weisen aus dem Morgenland. Damit ist diese Krippe so alt wie der Bundesbrief, das ältestes Verfassungsdokument der Schweiz.

Heute gehören Weihnachtskrippen zum Brauchtum und werden zugleich in einer multikulturellen und säkularen Welt immer weniger verstanden.

An den nächsten beiden Wochenenden kann man im Rahmen der Weihnachtsreise in St. Gallen auf dem Klosterplatz eine lebendige Weihnachtskrippen-Szene besuchen. Natürlich könnte man anlässlich der Familienweihnachtsfeier den Besuch der Hirten beim neugeborenen Heiland auch gleich selbst darstellen und dann in Fotos festhalten. Oder man bastelt sich aus Müll und Resten eine eigene, ganz besondere Weihnachtskrippe. Derart kreativ vergeht die Zeit schnell bis zum 24. Dezember. Ab dann sind in St. Gallen wieder die Krippenwege eingerichtet. In diesem Jahr sind die beiden Routen zu vier besonderen Krippen interreligiös angereichert. Gerade auch mit Kindern kann viel entdeckt werden auf dem zweistündigen Weg zu weihnachtlichen Höhepunkten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. Dezember 2021

Beim Bart des Nikolaus

Ein Zitat

Ein Nikolaus verteilt Geschenke in einem Warenhaus
Foto © Jörg Niederer
"Beim Bart des Propheten" schwörten - mit Griff zum Bart - einst Muslime, und dachten an Mohammed; und Christen, und dachten an Mose.

Ein Bibelvers - 3. Mose 19,27+28

"Ihr sollt euch nicht die Seiten des Kopfs rasieren und den Bart nicht abschneiden. Ihr sollt euch nicht für einen Toten ritzen oder Zeichen in die Haut eures Körpers stechen lassen. Ich bin der Herr."

Ein Anregung

Wie konnte man nur mit solchen Haarbändern herumlaufen? Ich meine jene aus Stoff, mit einem Knoten auf der Stirn, die aussehen wie oben offen Turbane der Sikhs. Im 2. Weltkrieg trugen sie die Trümmerfrauen, und - so fand ich - sahen darin nicht besonders vorteilhaft aus.

Oder dann diese Vollbärte, sauber gestutzt, wie sie einst Ferdinand Hodler oder Rudolf Epp trugen oder malten. Das sah so von Gestern aus, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das noch einmal in Mode kommt.

Nun, heute sind die Haarbänder aus Stoff wieder angesagt, Und die Hipster-Vollbärte immer noch im Strassenbild zu sehen. Ich gebe zu, beides sieht gar nicht so schlecht aus. Vermutlich fanden dies früher, als beides schon einmal Mode war, auch die damaligen Menschen.

Das kam mir in den Sinn, als ich wieder einmal im Warenhaus auf einen Nikolaus traf. Meist trägt er ja einen wallenden Vollbart. Jedoch ist auf den Ikonen des Bischofs von Myra (dem echten Nikolaus aus dem 3 Jahrhundert nach Christus) der Bart meist deutlich gepflegter und sorgfältig gestutzt dargestellt. Der wallende Vollbart ist also wohl Interpretation oder dann eine Entlehnung vom nordischen Weihnachtsmann.

In meinem Leben bin ich genau einmal in die Rolle des Nikolaus geschlüpft. Das war vor dreissig Jahren, als mich eine befreundete Kindergartenlehrerin bat, so ihre Schutzbefohlenen zu besuchen. Damals trug ich einen wilden Vollbart. Natürlich war das immer noch zu wenig für einen richtigen Nikolaus. Also hängte ich mir dieses haarige, schneeweisse und kratzende Haarersatzgebilde trotz eigenem Bart auch noch um. Später erzählte mir die Kindergartenlehrerin, dass sich einige Kinder über den Nikolaus mit den zwei Bärten gewundert hätten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. Dezember 2021

Eine Frage aus der Dunkelheit

Ein Zitat

Winterliches St. Gallen bei Nacht
Foto © Jörg Niederer
"Das Genie entdeckt die Frage, das Talent beantwortet sie." Karl Heinrich Waggerl, österreichischer Schriftsteller

Ein Bibelvers - Johannes 3,9+10

"Nikodemus fragte Jesus noch einmal: 'Wie kann das geschehen?' Jesus antwortete: 'Du bist Lehrer Israels und verstehst das nicht?'"

Ein Anregung

Die Begegnung fand mitten in der Nacht statt. Und am Ende stand eine Frage, die das Leben eines Mannes nach und nach grundsätzlich veränderte.

Darüber denken wir heute in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen nach in der Predigt, die um 10.30 Uhr via YouTube mitverfolgt werden kann. Was dabei IKEA beitragen kann, das wird in diesem Gottesdienst auch ersichtlich.

Adventliche Gedanken, die zu einer Reihe von "24x - Weihnachten neu erleben" gehören. Wer vor Ort dabei sein möchte: Der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 4. Dezember 2021

Von Tannenbaum, Nationalhymne und dem FC Chelsea

Ein Zitat

Tannenwald im schaffhausischen Guggedal
Foto © Jörg Niederer
"O Tannenbaum, O Tannenbaum, / du bist auch manchmal künstlich / aus Draht und Plastik kleinfaltbar, / so lebst du mehr als 20 Jahr. / O Tannenbaum, O Tannenbaum / du grünst dann nicht nur einmal." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Jesaja 25,1

"Herr, du bist mein Gott! Ich will dich loben und deinen Namen preisen, denn du hast Wunder getan. Was du seit Langem geplant hast, hast du treu und zuverlässig verwirklicht."

Ein Anregung

Am Anfang stand die Melodie eines Zimmermannslieds aus dem 16. Jahrhundert. Darauf dichtete 1819 ein gewisser Joachim August Zarnack einen Liedtext, in dem die Beständigkeit des stets grünen Tannenbaums der Unbeständigkeit und Untreue eines Mädchens gegenübergestellt wird. Damit war der Grundstein eines der bekanntesten Weihnachtslieder geschaffen. 

Dieses Liebeslied inspirierte den Leipziger Lehrer Ernst Anschütz zu zwei weiteren Strophen, in welchen ein Bezug zu Weihnachten hergestellt wird. Er fügte der erste Strophe aus der Feder Zarnacks seine zwei an, und so war ab 1824 das Lied "O Tannenbaum" bereit für einen weltweiten Siegeszug. Wer die drei Strophen aufmerksam liest, entdeckt zwar einen Weihnachtsbezug, mehr aber auch nicht. Es ist ein Lied, wie geschaffen für eine heutige säkularisierte Gesellschaft.

Das ist aber noch nicht alles. In den USA wurde die Melodie als Grundlage für ein lateinisches Studentenlied verwendet. So wurde dort die Melodie bekannt und 1861 dem martialischen Gedicht "Maryland, My Maryland" von James Ryder Randall unterlegt. Damit mutierte das weihnachtliche Lied zum Kampflied der Konföderierten. Darin wird die Tyrannei eines Despoten (Abraham Lincoln) besungen. Von 1939 bis 2021 war es sogar die Nationalhymne des Bundesstaates Maryland und von 1913-1935 in leichter Abwandlung auch von Florida. Inoffiziell galt dies auch für die Staaten Michigan und Iowa.

Aus dem friedlichen Weihnachtslied wurde also ein Kriegslied. Die Jazzszene ging dann sehr eigenwillig und demontierend mit dem Südstaatensong um, und entledigte es durch fröhliche Klänge seiner dunklen Botschaft. Auch die Arbeiterbewegung kennt ein Lied nach dieser Melodie (Die Rote Fahne). Und für den englische Fussballverein FC Chelsea gibt es einen entsprechenden Fangesang. Selbst eine Universität im chinesischen Tianjin verwendet diese Melodie.

Doch bei all den textlichen Abwandlungen und Veränderungen belieb der Tannenbaum seinem Grün ganzjährig beständig treu. Auf den Tannenbaum und Weihnachten ist eben Verlass.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. Dezember 2021

Stress gehört doch einfach dazu!

Ein Zitat

Weihnachtskonfekt backen ist Freude und Last zugleich.
Foto © Jörg Niederer
"Weihnachtsstress... Ich muss noch ein paar von diesen 'Wir schenken uns dieses Jahr nichts' Geschenken besorgen." kaufdex.com

Ein Bibelvers - Matthäus 2,14

"Daraufhin stand Josef mitten in der Nacht auf. Er nahm das Kind und seine Mutter und zog mit ihnen nach Ägypten."

Ein Anregung

Vor zwei Jahren ging Christof Herrmann der Frage nach, wie man minimalistisch, achtsam und stressfrei die Advents- und Weihnachtszeit verbringen kann. Dazu befragte er 14 Bloggerinnen und Blogger. Er selbst macht sich wohl in diesem Jahr durch das Aufwärmen jenes alten Adventsbeitrags tatsächlich weniger Stress.

Allein schon die Überschriften in den Beiträgen der Befragten lassen ahnen, wie diese mit der fröhlichen Weihnachtszeit umgegangen sind. Tobias Gillen plädiert für verschenkte Zeit "mit deinen Liebsten". Die Fernsehjournalistin Marina Wenk meint: "Ich bin dann mal weg". Philipp Drehmann plädiert für "Boofen als Entschleunigung", und meint damit das Übernachten im Freien. Anne Tieseler und ihre Familie "...feiern ohne eigenen Weihnachtsbaum". Viktor ist "Einfach mal offline...". Ilona Koglin übt an Weinachten besonders "Stille, Langsamkeit, Besinnlichkeit". Andrea Lammert dagegen bleibt mit "Basteln, filzen, backen" aktiv. Anja Blumenstein will "Zu Weihnachten wegfahren". Corinna Sonja Stenzel dagegen sucht die "wirklich heilige Heiligkeit des Heiligabends". Matthias Heck beabsichtigt das "Baum pflanzen statt Baum töten". Und Christof Herrmann hält auch in der Weihnachtszeit an seiner "minimalistischen Ernährung" fest.

Das klingt alles wertvoll und gut - und irgendwie auch hilflos. Allein schon das Aufschreiben all der guten Gedanken zu diesen Überschriften hat vermutlich ziemlich Stress ausgelöst. Dazu kommt, dass wer Beiträge veröffentlicht, meist auch nicht besonders bescheiden ist, und ein grosses Mitteilungsbedürfnis hat.

Also ich denke, Stress und Überfülle gehören auch zu dem Besonderen der Weihnachtszeit. Ohne Stress, das ist wie ein Christbaum ohne Christbaumkugeln.

Hatte nicht schon die Heilige Familie vor 2000 Jahren deutlich mehr Stress als Besinnlichkeit. Also warum soll es uns dann besser ergehen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bollwerk am Weihnachtsmarkt

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Weihnachtlich verkleidete Betonelemente schützen die Passanten am Weihnachtsmarkt St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen." Mahatma Gandhi

Ein Bibelvers - Matthäus 2,16

"Herodes merkte bald, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten. Da wurde er sehr zornig. Er ließ in Betlehem und der Umgebung alle Kinder töten, die zwei Jahre und jünger waren. Das entsprach dem Zeitraum, den er von den Sterndeutern erfragt hatte."

Ein Anregung

Der Eingang zur Altstadt St. Gallen ist gut gesichert. Seit es Menschen gibt, die mit Autos in Menschenmassen rasen, kommen auch friedliche, wenn auch kommerzielle Grossanlässe nicht aus ohne schützende Barrikaden. Speziell ist, dass sie in St. Gallen unter schwarzen Kunststoffplanen verborgen werden - und weil Weihnachten ist, sind darauf Kerzen und Weihnachtsbäumchen abgebildet. Es ist ja auch störend, bei einem friedlichen Weihnachtseinkauf daran erinnert zu werden, dass nicht alle Menschen gute Absichten hegen. Doch das ist die Realität. 

Die Weihnachtsgeschichte ist voll von diesem Widerspruch zwischen Gewalt und Frieden. Herodes der Kindermörder, eine Familie auf der Flucht, die fehlende Unterkunft, die aussereheliche Zeugung eines Kindes durch Gott selbst. Dazu die wunderbare Bewahrung der heiligen Familie. Die Botschaft der Engel, das Frieden keine Illusion mehr ist. Da passt so einiges nicht richtig zusammen, und bildet damit genau das ab, was Wirklichkeit ist. Kerzen auf den Schutzvorrichtungen gegen Attentäter.

Übrigens: "Attentat" ist ein lateinisches Wort wie zum Beispiel auch "Gloria". "Attentatum" bedeutet: "das Versuchte". Gottes "Attentatum" der Hoffnung auf die Menschheit ist gelungen. trotz aller Gegenwehr. Gott wurde Mensch: "Gloria in excelsis Deo" - Ehre sei Gott in der Höhe!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Gradlinig und biegsam - kein Widerspruch

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Kopfweiden entlang eines Baches bei Gerlikon
Foto © Jörg Niederer
"Das Morgen kann nur blühen, wenn es im Gestern wurzelt und im Heute wächst." Redensart

Ein Bibelvers - Jesaja 11,1+2

"Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Spross hervor. Ein Trieb aus seiner Wurzel bringt neue Frucht. Auf ihm ruht der Geist des Herrn: Der schenkt ihm Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn."

Ein Anregung

Ein Bild im Advent ganz ohne Kerzen? Nur natürliches Licht von der untergehenden Sonne. Dazu Kopfweiden, jahreszeitbedingt ohne Astwerk.

Weiden erinnern mich an die obigen Bibelworte: Sie wurde in der Christenheit schon immer als Verheissung auf Jesus Christus gelesen. Ein neuer Trieb wächst, wird zum Baum. Ein neuer König kommt, bestimmt in neuer Weise die ganze Welt.

Weiden lassen sich ganz einfach vermehren. Zweige können als Stecklinge im Boden wurzeln. Diese Wurzeln bilden oft ein zusammenhängendes Geflecht und stabilisieren so den Boden. Auch eine Eigenschaft der Weide ist ihre Biegsamkeit und Flexibilität. Aus Weidenzweigen werden bis heute Körbe und andere Gegenstände geflochten.

Zurück zur Verheissung des kommenden Messias. Wie das Wurzelwerk der Weide hält Christus seine Gemeinde zusammen und verwebt das Leben seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger miteinander. Im schnellen Wachstum der Weide entdecke ich ein Bild für Christus und die Kirche. Selbst nach dramatischen Einbrüchen und Niedergängen kann die Kirche wieder aufblühen, auferstehen. Wie die Weidenzweige, so ist Jesus geradlinig und beweglich zugleich. Er neigt sich zu den Bedürftigen, und ist doch das vollkommenes, "geradlinige" Ebenbild des lebendigen Gottes. 

Sind das nicht auch adventliche Gedanken?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Dienstag, 30. November 2021

"Adrenalin für die Seele"

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Schwimmkerzen und ein moderner Adventskalender
Foto © Jörg Niederer
"Warum schaue ich auf die andern, und gebe [tue] nicht einfach das, was ich für gut finde?" Haru Vetsch zum Prisoner-Modell

Ein Bibelvers - 1. Johannes 1,5

"Das ist die Botschaft, die wir von Jesus Christus gehört haben und die wir euch verkünden: Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Finsternis."

Ein Anregung

"Adrenalin für die Seele" soll es sein. Und so kommen die Wortbeiträge auf Top Church auch daher. Spannungsgeladene Musik im Hintergrund, eine schnelle, fast etwas gehetzte Rede und eine reisserische Ankündigung.

Zu hören sind die Beiträge auf Radio TOP. Gestern zum Beispiel machte sich die reformierte Theologiestudentin Aylin Weets Gedanken zum Adventskranz. Da fehlte es auch nicht an einer überraschenden und nachdenklich stimmenden Beobachtung.

Das ökumenisch zusammengesetzte Team besteht mehrheitlich aus "Berufschristinnen und Berufschristen", aber auch ein Berufsschullehrer ist darunter. Unterstützend mit dabei sind 25 Kirchgemeinden aus dem Kanton Zürich, sowie die Landeskirchen der Kantone Thurgau und St. Gallen, aber auch Freikirchen.

An den Sonntagen gibt es etwas längere Inputs von bis zu 4 Minuten. An den Wochentagen ist der Gedanke meist bereits nach weniger als einer Minute fertig. Also ideal für alle, die keine Zeit haben für viel Worte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 29. November 2021

Engel in Hülle und Fülle

Ein Zitat

Barocker Adventsengel auf der der Sebastianskapelle im aargauischen Baden.
Foto © Jörg Niederer
"Hat es eigentlich weh getan, als du vom Himmel gefallen bist?" Klischeehafte Engelsanspielung

Ein Bibelvers - Matthäus 2,12

"Gott befahl ihnen [den Sterndeutern] im Traum: 'Geht nicht wieder zu Herodes!' Deshalb kehrten sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück."

Ein Anregung

Engel haben aktuell Hochkonjunktur. Advent ist ihre Zeit. Im aargauischen Baden sind sie mir besonders aufgefallen. Lockiges Haar, Flügel, barockes Gehabe. Sie hängen zwischen den Häusern und spielen auf langen Trompeten, sie thronen gelangweilt auf dem Manor-Einkaufszentrum, oder, wie auf dem Foto, haben sie ihren Aussichtpunkt auf dem wehrhaften Beinhaus, der Sebastianskapelle bezogen. Klischeehafte Engel in Hülle und Fülle. 

In der Bibel sind die Engel nicht pausbäckig. Die Seraphen etwa haben Schlangengestalt. Andere Engel werden mit Schwert dargestellt. Doch Engel sind zuerst Botschafter (männlich oder weiblich?), bringen Informationen von Gott zu den Menschen. Wie etwa in der Weihnachtsgeschichte, als ein Engel zu Zacharias kam (Lukas 1,11), als der Engel Gabriel zu Maria ging (Lukas 1,26). Im Traum begegnete ein Engel dem Josef (Matthäus 1,20). Engel besuchten die Hirten auf dem Feld (Lukas 2,9). Bei den drei Weisen war es dann Gott selbst, der ihnen im Traum erschien (Matthäus 2,12). Danach träumte Josef wieder von einem Engel (Matthäus 2,13) und dann, einige Jahre später noch einmal (Matthäus 2,19).

Da frage ich mich doch, warum Gott allen Menschen seines auserwählten Volkes Engel sandte, aber ausgerechnet den fremden Sterndeutern aus dem Morgenland zeigt er sich höchstselbst? Schon speziell, oder?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 28. November 2021

Erste Frau in der Leitung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Tschechien

Ein Zitat

"Wenn die Menschen in meiner Gemeinde ihr Leben, ihre Freuden und Sorgen, ihren Glauben teilen, spüre ich, dass mein Dienst sinnvoll ist und geschätzt wird." Ivana Procházková

Ein Bibelvers - Johannes 1,38+39

"Jesus drehte sich um und sah, dass sie ihm folgten. Da fragte er sie: 'Was wollt ihr?' Sie antworteten: 'Rabbi' – das heißt übersetzt 'Lehrer' – 'wo wohnst du?' Er forderte sie auf: 'Kommt und seht selbst!' Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte."

Ein Anregung

Ivana Procházková an einer Tagung in Budapest
Foto © Jörg Niederer
2014, noch als Pfarrerin in einer tschechischen Gemeinde der Evangelisch-methodistischen Kirche, sagte Ivana Procházková gegenüber United Methodist Communications: Der grösste Beweis für die Wertschätzung einer Pfarrperson ist die "lebendige Gemeinschaft unter den Mitgliedern meiner Gemeinde und eine lebendige Beziehung zu Gott". Dies zeige sich vor allem in "gegenseitiger Solidarität - in einem offenen Herzen für unterschiedliche Menschen, in gegenseitigem Respekt und Einfühlungsvermögen"

Seit diesem Jahr ist die Wissenschaftlerin an der Karls-Universität Prag Superintendentin der Evangelisch-methodistischen Kirche. Sie folgte in dieser Funktion ihrem Mann. Bischof Patrick Streiff schrieb zur Ernennung: "Ivana Procházková werde dieses Leitungsamt mit ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren spezifischen Gaben ausfüllen, die sich in verschiedener Hinsicht von jenen ihres Ehemanns und Vorgängers unterscheiden würden." 

Nun wurde Ivana Procházková als erste Frau in die Leitung des Ökumenische Rats der Kirchen in der Tschechischen Republik gewählt. Sie übt dort neu das Amt der ersten Vizepräsidentin aus, nebst dem Vorsitzenden Tomáš Tyrlík, Bischof der Schlesischen Evangelischen Kirche, und nebst dem zweiten Vizepräsidenten Bischof Marián Čop von der Evangelischen Kirche. Ebenfalls neu gewählt wurde zum Stellvertreter des Präsidenten der neue Synodalälteste der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, Pavel Pokorný.

Dieses Jahr predigte Ivana Procházková auf Englisch in der englischsprachigen Evangelisch-methodistischen Kirche in Prag. Ihre Verkündigung über Johannes 1,29-39 kann hier angehört werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 27. November 2021

Kirche für drei Religionen

Ein Zitat

Bischof Ilia Osephashvili von der Evangelisch-Baptistischen Kirche in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Wir wussten, wie man Beziehungen zu Muslimen aufbaut, durch solche Brückenarbeit Frieden schafft und wie man die Versöhnung zwischen Christen und Muslimen fördert." Bischof Malkhaz Songulashvili von der Evangelisch-Baptistischen Kirche Georgien bei einer Rede 2018 im House of One in Berlin.

Ein Bibelvers - Hebräer 12,14

"Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen und auch um Heiligkeit."

Ein Anregung

Beim Besuch einer Delegation der Evangelisch-Baptistischen Kirche von Georgien in St. Gallen erzählte der Bischof von Kachetien (Ostgeorgien) Ilia Osephashvili von einem Besuch im Irak.

Eingeladen von den schiitischen Muslimen nahmen die Bischöfe Malkhaz Songulashvili und Ilia Osephashvili am wichtigsten Fest Aschura in Kerbela teil. Es habe sich schnell herumgesprochen, dass zwei hohe christliche Vertreter in der Moschee anwesend seien (vom Äusseren sehen die Bischöfe orthodoxen Geistlichen ähnlich), mitten unter Tausenden von Muslimen. Und dann sei eine grosse Zahl von Männer auf sie zugekommen mit unbestimmter Absicht. Es stellte sich heraus, dass sie nichts Böses im Sinn hatten, sondern sich von den beiden Bischöfen segnen lassen wollten. Später dann seien auch muslimische Frauen erschienen, und auch sie liessen sich segnen. Darüber hinaus boten ihnen die Imame der Moschee an, dass sie dort, in diesem islamischen Bethaus, auch ihre christlichen Gebete verrichten dürfen.

Diese Erfahrung habe die beiden Bischöfe dazu bewegt, über die Funktion ihres christlichen Gotteshauses in Tiflis nachzudenken. Wenn sie als Christen in der Moschee der Schiiten beten und Gottesdienst feiern durften, warum soll das nicht auch für die Muslime und die Juden im christlichen Gotteshaus in der Hauptstadt Georgiens gelten. Und so sollen nun (wohl auch in Anlehnung an das House of One in Berlin) zwei Anbauten an die Hauptkirche der Evangelisch-Baptistischen Kirche verwirklicht werden. Ein Anbau als Gebetshaus für die Muslime, und ein weiterer Anbau als Gebetsraum für die Juden.

Drei abrahamitische Religionen unter einem Dach - ein weiteres Zeichen, wie ernst die Evangelisch-Baptistische Kirche in Georgien der christlichen Friedensarbeit und dem religiösen Frieden verpflichtet ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 26. November 2021

Die Bischöfin in der Kathedrale St. Gallen

Ein Zitat

Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien im Chorgestühl der Kathedrale St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Pfarrerin zu sein ist etwas völlig anderes... Du trägst eine viel, viel wichtigere Last." Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien

Ein Bibelvers - Römer 16,7

"Grüßt Andronikus und Junia, meine Landsleute, die mit mir im Gefängnis waren. Sie nehmen unter den Aposteln eine herausragende Stellung ein. Auch haben sie schon vor mir zu Christus gehört."

Ein Anregung

Judith Thoma, welche die Führung durch die Kathedrale St. Gallen leitete, drückte gleich zu Beginn ihre grosse Freude aus, dass sie erstmals eine Bischöfin in die Geheimnisse des Doms einführen dürfe. 

Angesprochen war die bekannten Friedensaktivistin und Bischöfin der Evangelisch-baptistischen Kirche für Zentralgeorgien, Rusudan Gotsiridze. Als erste Frau in diesem Amt in einem mehrheitlich orthodoxen, männlich geprägten Land, musste sie einigen Widerstand überwinden um sich Respekt zu verschaffen. 

Gotsiridze war Teilnehmerin einer Gästegruppe aus Georgien. Am 24. November besuchte sie die Wiboradastadt. 

Seit 2009 ist die Friedensforscherin Bischöfin der kleinen Kirche mit grosser Ausstrahlung. Seit vielen Jahren setzt sie sich für Frauenrechte ein, aber auch für Religionsfreiheit und den interreligiösen Dialog. Besonders auch islamische Vertreter sind dankbar für ihre Vermittlungsarbeit zwischen der Orthodoxen Kirche und den Muslimen.

Rusudan Gotsiridze erhielt 2014 im Beisein der damaligen US-amerikanischen First Lady Michele Obama den International Women of Courage Award. Zwei Jahre später zeichnete der georgische Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili die Kirchenfrau mit dem Ehrenorden des Landes für ihren Einsatz im interreligiösen Dialog aus. 

Heute ist eine weitere Herausforderung der innerkirchliche Konflikt im Bereich der Anerkennung von Menschen, die zur LGBTQI-Community gehören. Auch da setzt sich die Bischöfin für einen Weg der Versöhnung ein.

Wer Englisch beherrscht, kann hier ein Interview mit der bemerkenswerten Frau aus Georgien anhören.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 25. November 2021

Berührender georgischer Gesang in der Galluskrypta St. Gallen

Ein Zitat

V.l.n.r.: Bischof Ilia Osephashvili, Maka, Natia und Madona Mazmishvili, Nano Saralishvili und Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien im Dom St.Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Dialog und Mission: Im interreligiösen Dialog teilen die Dialogpartner den kostbaren Schatz ihrer religiösen Überzeugung. Für Christen ist dies das befreiende Evangelium von Jesus Christus." Aus den Grundsätzen der Evangelisch-reformierten Kirche des Katons St. Gallen zum Interreligiösen Dialog

Ein Bibelvers - Johannes 4,9

"Da sagte die Samariterin zu ihm: 'Du bist ein Jude, und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten?' Denn die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern."

Ein Anregung

Gestern besuchten Vertreterinnen und Vertreter der Evangelisch-baptistischen Kirche aus Georgien auch die Evangelisch-methodistischen Kirche. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beider Appenzell und St. Gallen (ACK).

Zum Bischof von Kachetien (Ostgeorgien) Ilia Osephashvili und der bekannten Friedensaktivistin und Bischöfin für Zentralgeorgien Rusudan Gotsiridze werde ich in späteren Beiträgen noch zu sprechen kommen. 

Dem Besuch und Gespräch in der Evangelisch-methodistischen Kirche ging eine Führung durch den Dom voraus. Dabei wurde auch die Krypta von Gallus besucht, wo die drei in Georgien bekannten Sängerinnen Maka, Natia und Madona Mazmishvili ihre Stimmen erklingen liessen, und die Domführerin und weitere Anwesende aus der Ökumene zu Tränen rührten.

Zum georgischen Baptistenbund gehören 38 Gemeinden mit knapp 1.000 Mitgliedern. Vor mehr als 150 Jahren entstand diese Kirche aus mehrheitlich russischstämmigen Molokanerinnen und Molokaner (Milchtrinker), welche ihren Namen davon haben, dass sie früher jeglichen Alkohol ablehnten. Als Gründungsdatum gilt die Taufe von Nikita Woronin am 20. August 1867 Kura. Ein interessanter Bericht zur Evangelisch-baptistischen Kirche in Georgien aus dem Jahr 2003 findet man hier.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 24. November 2021

Der serbisch-orthodoxe Bischof und die Apostel

Ein Zitat

Teilnehmende an dem Treffen der ACK mit den Kirchenleitungen in St. Gallen. 5. Person von Links: Bischof Andrej Cilerdzic
Foto © Jörg Niederer
"Die Eckpfeiler unserer Zusammenarbeit findet sich beim 'geliebten Jünger Jesu', Apostel Johannes, der im 17. Kapitel seines Evangeliums den Auftrag an uns nennt 'auf dass sie alle eins seinen' (Joh 17,21)." Der Serbisch-orthodoxe Theologe Milan Kostrešević in seiner Festrede anlässlich von 50 Jahre AGCK Schweiz

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 15,7

"Da stand Petrus auf und sagte zu ihnen: 'Brüder, ihr wisst doch, dass Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen hat: Durch meine Verkündigung sollten die Menschen aus den anderen Völkern die Gute Nachricht hören und zum Glauben kommen.'"

Ein Anregung

Gestern trafen sich die Delegierten der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beider Appenzell und St. Gallen (ACK) mit den Kirchenleitungen der Mitgliedskirchen. Dabei waren Vertreterinnen und Vertreter der Evangelisch-reformierten, der Römisch-katholischen, der Christkatholischen, der Serbisch-orthodoxen und der Griechisch-orthodoxen Kirchen, der Heilsarmee, der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Evangelischen Allianz. Unter anderem wurden neue Statuten für die ACK angenommen.

Da vor einer Woche der Festanlass zum 50-jährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen der Schweiz (AGCK) in Basel stattfand, befand sich seine Exzellenz Bischof Andrej Cilerdzic von der Serbisch-orthodoxen Kirche noch in der Schweiz, und liess es sich nicht nehmen, auch in St. Gallen an der Sitzung mit dabei zu sein. Nebenbei erzählte er von einer besonderen Begegnung am Jubiläumstreffen der AGCK Schweiz.

In Deutschland und der Schweiz war man in den vergangenen Jahren im intensiven Gespräch mit der Neuapostolischen Kirche, die sich gegenüber anderen Kirchen geöffnet und aktiv die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen gesucht hat. In Österreich, wo sich der Amtssitz von Bischof Andrej befindet, ging das nicht so schnell. Doch seit diesem Jahr gehört auch dort die Neuapostolischen Kirche zum Ökumenischen Rat der Kirchen. Bischof Andrej kennt somit die Neuapostolischen Kirche, und auch, dass die Leitenden dieser Kirche "Apostel" genannt werden.

In Basel kam es nun zu einer Begegnung zwischen dem serbisch-orthodoxen Bischof und Vertretern der Neuapostolischen Kirche. Der Bischof war dann aber doch auch etwas amüsiert, als ihm ein Herr vorgestellt wurde mit den Worten: "Darf ich sie bekannt machen mit "Apostel Petrus"?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 23. November 2021

Bäderstadt Baden und chinesische Löwen

Ein Zitat

Schildhalterlöwen am Haus der Stadkanzlei Baden Tags: #emkstgallen #Methodisten
Foto © Jörg Niederer
"Seit jeher wurde mit den Thermalquellen der Glaube und die Hoffnung auf Transformation verbunden." Carol Nater Cartier, Leiterin des Historischen Museums in Baden

Ein Bibelvers - Stücke zu Daniel 1,15

"Und als sie [zwei lüsterne Richter] auf einen günstigen Tag lauerten, kam Susanna wie an den Tagen davor nur mit zwei Mägden in den Garten und wollte baden; denn es war sehr heiß."

Ein Anregung

Ich kann nicht anders. Mich erinnern die beiden Schildhalterlöwen auf dem Haus der Stadtkanzlei Baden an chinesische Drachen. Die Wappenpyramide wurde 1969 nach dem Vorbild des stark beschädigten Originals neu erstellt. Ob dabei Chinesen unter den Steinmetzen waren, weiss ich nicht. Jedenfalls wirken die beiden Löwen alles andere als in sich ruhend und erholt. 

Der Slogan von Baden ist übrigens "Baden ist.". Das stimmt. Baden ist. Und so schräg die chinesischen Löwen in die Gegend schauen, so schräg ist auch die Diskussion um diesen Slogan. So solle man besser "Baden wird." schreiben, meinte einer. Das sei dynamischer. "Baden ist." ist jedenfalls seit 2007 Slogen. 

Davor war Baden auch schon. Baden ist stolz auf seine 2000-jährige Bäderkultur. Da heisst es dann nicht "Baden ist.", sondern "bäderbaden.ch"

Gerade wurde das neue Thermalbad von Mario Botta mit seinem Infinity-Pool eröffnet. Nun heisst es erneut anders: Das Badener Tagblatt titelte: "Das Thermalbad in Baden heisst nun 'Fortyseven' – 'Der neue Name wird viele Menschen nach Baden locken'". Fortyseven, Siebenundvierzig - so heiss ist das Wasser. Ein gewisser Nektarios Thanasis von der fachwerk Kommunikation AG meint dazu: "Fortyseven ist zweifellos ein Lifestyle-Brand". Lifestyle ist Wellness. Geschäftsführerin Nina Suma: "Wir setzen ausschliesslich auf Wellness, auf mentale Erholung, im Fortyseven soll man zur Ruhe kommen. Bei uns kommt weniger der Spassfaktor zum Tragen als in anderen Thermalbädern."

All das Gesagte könnte auch für die Kirche gelten. Es geht da auch um Lebensstil, um Wohlbefinden, um geistliche Erholung, um Ruhe, aber nicht um Spassfaktor. Es geht um Glauben, Hoffnung und Transformation. "Kirche ist." genau so. Da könnten sich auch die chinesischen Löwen von Baden entspannen.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 22. November 2021

Drunter und drüber

Ein Zitat

Hundwiler Höhe mit Nebelmeer
Foto © Jörg Niederer
"Wir wollen aufsteh'n, aufeinander zugeh'n, voneinander lernen, miteinander umzugeh'n." Clemens Bittlinger

Ein Bibelvers - Ruth 4,13+14

"Boas nahm Rut zur Frau und schlief mit ihr. Der Herr ließ sie schwanger werden, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Da sagten die Frauen zu Noomi: 'Gepriesen sei der Herr!'"

Ein Anregung

In diesen Tagen schneidet eine Trennlinie die Gesellschaft in zwei Lebensräume. Da sind die Menschen über der Nebelgrenze, im blendenden Licht der tieferstehenden Sonne. Und da sind die Menschen unter der Nebelgrenze, in ihrer Weitsicht begrenzt und bibbernd vor Kälte. Letztere wissen natürlich, dass es eine Welt jenseits der trüben Sichtweise gibt, wissen von den Plätzen an der Sonne. Und die Menschen über der Sonne wissen, dass es sich auch unter der Wolkendecke mitunter gut leben lässt.

Hinzu kommt, dass diese Grenze durchlässig ist, ja dass es den schmalen Bereich gibt, an dem sich die beiden Welten mischen. In diesen Übergangszonen entstehen zauberhaft pastellfarbige und geheimnisvollen Begegnungsräume. Vielleicht ist das ein Bild für unsere Gesellschaft. Vielleicht ist das eine Aufforderung, sich verstärkt den Übergängen auszusetzen, wo nicht Grell und Dumpf sich konkurrenzieren, wo nicht Schwarz und Weiss sich widersprechen, sondern eine Transformierung beider Welten Raum findet. Ist nicht auch der Übergang von Tag und Nacht und von Nacht und Tag ein weiteres Anzeichen, dass das Schönste in einer Mischung beider Welten liegen könnte?

Da gab es doch einmal diese Lied mit dem vielsagenden Refrain: "Dab dab da be du da, dap dap dap da be du da". Wie die Klänge der Schritte dahin, wo Menschen zusammenfinden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 21. November 2021

Gott - ein Macher?

Ein Zitat

Auf dem Friedhof von Walde
Foto © Jörg Niederer
"Ein Mensch, der für nichts zu sterben gewillt ist, verdient nicht zu leben." Martin Luther King

Ein Bibelvers - Psalm 37,5

"Lass den Herrn deinen Weg bestimmen! Vertrau auf ihn! Er wird es schon machen."

Ein Anregung

König David, ein Macher also, soll den Psalm 37 geschrieben haben. Gerade er soll also gesagt haben: "Gott wird es schon machen." 

Ist Gott ein Macher? Andere Übersetzungen reden von Gott als dem, "der es fügen wird"

Gilt das auch, wenn wir an den Tod denken? Das ist ja am Ewigkeits- oder Totensonntag üblich und geboten. Und so erinnern sich die Christinnen und Christen heute Sonntag in vielen Kirchen an die im vergangenen Jahr verstorbenen Menschen. Und vielleicht fragen sie sich: Ist Gott auch der Macher, wenn der Tod alles Tun und Wirken beendet?

Über das Vertrauen in Gott den Macher denken wir heute im Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen nach. Um 10.15 Uhr geht es an der Kapellenstrasse los, und per Youtube kann man dann ab ca. 10.30 Uhr mit dabei sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 20. November 2021

Traditionell denkende Methodistinnen und Methodisten treffen sich in Biel

Ein Zitat

Stefan Schnegg (links) im Gespräch mit Bischof Patrick Streiff
Foto © Sigmar Friedrich
"Denn aus der Sicht der Traditionellen entsteht der Eindruck: Die Kirche wird immer liberaler. Mit jedem Thema machen wir eine Tür mehr auf." Stefan Schnegg, Mitglied der Kirchenleitung und Vertreter vom "Forum Traditionell"

Ein Bibelvers - 1. Korinther 12,13

"Denn als wir getauft wurden, sind wir durch den einen Geist alle Teil eines einzigen Leibes geworden – egal ob wir Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen waren. Und wir sind alle von dem einen Heiligen Geist erfüllt worden."

Ein Anregung

Heute in einer Woche treffen sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) Biel traditionell denkende Methodistinnen und Methodisten zum "Forum Traditionell". Hintergrund ist die mögliche Öffnung der weltweiten EMK gegenüber homosexuellen und lesbischen Menschen, und in der Folge die wahrscheinliche Spaltung der Kirche.

Traditionell denkende Personen oder Gemeindevertretungen, die auch dann bei der EMK bleiben und einen gemeinsamen Weg weitergehen möchten, treffen sich am 27. November 2021 von 10-16 Uhr in Biel. Ihre traditionelle Glaubensüberzeugung zur Ehe und anderen ethischen Fragen soll Raum haben in einer Kirche, die sich zu alle Menschen gesandt weiss.

Am "Forum Traditionell" wird Bischof Patrick Streiff und andere Vertreterinnen und Vertreter der Kirchenleitung anwesend sein. 

Dieser Tag der Vernetzung findet sowohl virtuell wie vor Ort statt. Die Teilnahme in Biel ist nur mit Zertifikat möglich. Anmelden kann man sich hier.

Auch interessant: Interview mit Stefan Schnegg vom Organisationsteam "Forum Traditionell".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 19. November 2021

Fremd in der Fremde

Ein Zitat

Brunnen auf dem Platz der Auswanderung in Rothrist. Im Hintergrund das Zehntenhaus der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Foto © Jörg Niederer
"Der Gemeinde Rothrist seien nur 'zwei Übel' offengestanden, wird erklärt, nämlich entweder ein 'erschreckender Anstieg der Steuern oder Finanzierung der Massenauswanderung.'" Quelle: e-periodica.ch

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,43+44

Rebecca zu Jakob: "Hör jetzt auf mich, mein Sohn! Mach dich bereit und flieh nach Haran zu meinem Bruder Laban. Bleib so lange bei ihm, bis die Wut deines Bruders nachlässt."

Ein Anregung

Selten bleiben Menschen da, wo sie aufgewachsen sind. Wegziehen bedeutet, sich an fremde Orte, fremde Menschen, fremde Gepflogenheiten anzupassen. Wer das freiwillig tut, tut sich dabei vielleicht etwas leichter als jene, die in die Fremde müssen.

Dieser Tage bin ich wieder einmal am Brunnen der Auswanderung in Rothrist vorbeigekommen. Am 27. Februar 1855 haben 305 Menschen das Dorf mehr oder weniger freiwillig Richtung Amerika verlassen. Von den wenigsten wissen wir heute, was aus ihnen geworden ist.

Ramin Nikzad ist Arzt. Er lebt in Wien. Er schreibt Kolumnen in der Zeitschrift bref, dem Magazin der Reformierten. Im aktuellen Heft ist sein Beitrag mit "Drei Lektionen" überschrieben. Die dritte gebe ich hier wieder: 

"Wir sind Kinder, solange wir von den Unsrigen geliebt werden wollen.
Wir sind Erwachsene, sobald wir die Unsrigen lieben können.
Aber wir sind erst Menschen, wenn wir Fremde lieben können.
Wer nur die Seinigen lieben kann, ist ein Tier, kein Mensch.
In meinem Verständnis ist es das, was Jesus von Nazareth zeitlebens propagiert hat."
Quelle: bref 10/2021 - 12. November, S.17 

Mein Fazit: Wenn wir alle Fremden lieben würden, dann fiele es uns auch leichter, unter Fremden zu Hause zu sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde