Sonntag, 19. Januar 2025

Abendmahl

Ein Zitat

Glasfenster der Katholischen Kirche St. Johannes der Täufer in Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn wir sagen, dass das Abendmahl auf das Gebot Christi zurückgeht, dann kann niemand christliche Frömmigkeit für sich beanspruchen, der es nicht so oft wie möglich empfängt." John Wesley (1703-1791)

Ein Bibelvers - Johannes 15,5

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer mit mir verbunden bleibt so wie ich mit ihm, bringt reiche Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts erreichen."

Eine Anregung

Beim Abendmahl steht der sich den Menschen hingebende Christus im Zentrum. Das Glasfenster der Katholischen Kirche St. Johannes der Täufer in Weinfelden stellt diese Hingabe Christi als Kreuzigungsszene dar.

Diesen Sonntag feiern wir das Abendmahl in der Methodistenkirche St. Gallen. Dazu gibt es eine Predigt zur aktuellen Jahreslosung über 1. Thessalonicher 5,21. Wer gerne dabei sein möchte, auch zum Abendmahl, ist herzlich an die Kapellenstrasse 6 eingeladen. Der Gottesdienst beginnt um 10.15 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 18. Januar 2025

Maria Theresias letzte Fahrt in die Gruft

Ein Zitat

Warnung an der Fahrstuhltür, dass der Lift ausser Betrieb ist.
Foto © Jörg Niederer
"Einen Fahrstuhl zum Glück gibt es nicht, man muss die Treppe nehmen." Phil Bosmans (1922-2012), belgischer Ordenspriester

Ein Bibelvers - Hiob 19,25

"Aber ich weiss, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben."

Eine Anregung

Es ist eine seltsame Sache. Das, was wir heute Fahrstuhl nennen, hat nichts mit einem Stuhl zu tun. Und das, was wir Fahrstuhl nennen könnten, den Treppenlift, nennen wir in Entlehnung aus dem Englischen Lift. Der Aufzug, Gemäss DIN-Norm die offizielle Bezeichnung, wiederum ist zugleich auch Abzug. Ein Abzug hat wiederum nichts mit dem Fahrstuhl zu tun und auch nichts mit einem Zug. Da geht es um die Be- und Entlüftung von Räumen. Noch eine Ungereimtheit: Die Warnung auf dem Foto, dass der Lift nicht betreten werden dürfe, wird damit begründet, dass am Aufzug gearbeitet werde. Das stimmt zwar für den Montag. Aber kein Mensch arbeitete am Samstag und Sonntag an dieser technischen Errungenschaft. Am Wochenende hätte es heissen müssen: "Wir sind im Wochenende. Sie dürfen Treppen steigen."

Hebevorrichtungen sind schon sehr alt und basieren auf dem Flaschenzug von Archimedes. Das war wohl so um 236 vor Christus. Erste Personenaufzüge, in denen auch wilde Tiere befördert wurden, gab es um 80 n.Chr. im Kolosseum in Rom.

Die Bezeichnung "Fahrstuhl" wird mit der Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) in Verbindung gebracht. Für sie soll man im Westflügel von Schloss Schönbrunn in Wien einen Stuhl eingebaut habe, mit dem sie von Stockwerk zu Stockwerk befördert wurde. Verbürgt ist auch der Fahrstuhl in der Kapuzinergruft, der Grabstätte der Habsburger in Wien. 15 Jahre lang besuchte die Kaiserin dort das Grab ihres verstorbenen Gemahls Franz Stephan, was ihr mit der Zeit zu Fuss die Treppe hinunter und wieder hinauf nicht mehr gut gelingen wollte. Also liess sie sich auf einem Stuhl an Seilen hinunter in die Gruft und auch wieder hinaufziehen. Das war der eigentliche erste Fahrstuhl. Es war im Jahr 1780, als nach dem Besuch des Grabs auf halber Höhe hinauf eines der Fahrstuhlseile riss, und die alte Dame zwischen Decke und Boden in der Luft hing, ohne Möglichkeit, sich zu befreien. Eine halbe Stunde habe es gedauert, bis man den Aufzug wieder repariert hatte. Sicher auf dem Boden angekommen meinte die Kaiserin: "Das war ein Zeichen. Die Gruft will mich halt nimmer hergeben." Drei Wochen später verstarb sie am 29. November 1780. Es ist nicht überliefert, ob der Sarg per Fahrstuhl in die Gruft hinuntergelassen worden war.

Zurück zum kaputten Aufzug bei uns im Haus. Vom Keller bis zu uns hinauf unter dem Dach sind es gerade einmal 4 Stockwerke. Zu Fuss ist das schon noch zu bewältigen. Zum Glück wohne ich nicht zuoberst im Empire State Building oder im Burj Khalifa.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 17. Januar 2025

Ein grosser Haufen Ärgernis?

Ein Zitat

Jemand hat dem Schneehaufen vor der Hauptpost beim Bahnhof St. Gallen seine Stimme geliehen.
Foto © Jörg Niederer
"Gemäss Definition ist Schnee, der mehr als ein Jahr alt ist, Gletscher." Aus dem Tagblattartikel "So bewahrt man den Schnee: Glaziologe Matthias Huss hat einen kleinen Gletscher im Garten"

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,2

"Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist."

Eine Anregung

Für einmal ist es kein Hundekothaufen, der in St. Gallen zu reden gibt. Zumindest einer Person ist der zwei, drei Meter hohe Altschneeberg bei der Hauptpost am Bahnhof St. Gallen sauer aufgestossen. So zumindest interpretiere ich die Energie, die in diese Kartonbeschriftung gesteckt wurde: "Danke SG dass ich soo lange hier sein darf!!!". "soo" mit zwei Os und drei Ausrufezeichen, aber kein Komma vor "dass". Man könnte nun auch über das Plakat selbst nörgeln und dabei von Littering sprechen, dem unerlaubten entsorgen von Sperrgut und Karton.

Oder verstehe ich die Anschrift falsch? Waren das Kinder, die sich wirklich über diesen schmutzigen Altschneeberg freuen? In Davos wäre wohl so etwas nicht geschehen. Die haben überall hohe Schnee-Abräumhalden. Aber vielleicht ist das ja auch das Schneedepot für das kleinste Skigebiet der Welt an der Schneebergstrasse in St. Gallen. "Schneebergstrasse"; Nomen est Omen! Dahin gehören die Schneeberge, an die Schneebergstrasse!

Oder ist es eine Dependence von Glaziologe Matthias Huss, der im Garten auf 500 Metern über Meer einen eigenen Gletscher einrichtet und ihn vom Abschmelzen so lange wie möglich zu schützen versucht? 

Zurück zum Altschneeberg in zentraler Lage bei der Hauptpost. Vermutlich macht es mehr Sinn, den Schnee an dieser Stelle langsam aber sicher schmelzen zu lassen, bis er eben "Schnee von Gestern" geworden ist. Solcher Altschnee ist jeweils stark belastet mit Schadstoffen, die durch den Strassenverkehr anfallen. Wenn er in Form von Schmelzwasser in die städtische Kanalisation gelangt, wird er wohl weniger Schaden anrichten, als wenn man ihn bei der Martinsbrücke in die Goldach schüttet. Zudem würde der Abtransport des Altschnees zu mehr LKW-Verkehr führen und Arbeitskräfte unnötig für etwas binden, das von ganz allein verschwindet.

Wer weiss, möglicherweise kommt die Zeit, in der wir alle uns wieder Altschneehaufen wünschten mitten in der Stadt. Bis dahin freue ich mich an der durch Ärger erzeugten Kreativität von Menschen. Eine Steilvorlage für diesen Beitrag. "Sich Ärgernde aller Nationen vereinigt euch und werdet kreativ!"

Vielleicht ist so ja auch die Welt entstanden. Gott ärgerte sich über diese unglaublich verschwenderische Leere, dieses Nichts, das da einmal war: "Da muss ich etwas machen", sagte er/sie sich und steckte eine Kartonbeschriftung in das leere Nichts. Darauf stand: "Danke, dass ich hier soo lange bleiben darf!!!"

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 16. Januar 2025

Die Ukraine, in ihrer ganzen Schönheit

Ein Zitat

Eine deutsche Dogge vergnügt sich in einem Kornfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben." Zitat von Primo Levi (1919-1986) aus dem Jahr 1986 über den Holocaust

Ein Bibelvers - Jesaja 17,9

"Zu der Zeit sind Israels befestigte Städte verlassen. Es geht ihnen wie den Städten der Hiwiter und Amoriter, die diese einst den Israeliten hinterließen. Es entsteht eine menschenleere Wüste."

Eine Anregung

Ich war noch nie in der Ukraine und habe die unglaublich weitläufige Landschaft mit den Getreidefeldern bis zum Horizont noch nie selbst erlebt. So behelfe ich mir für diesen Beitrag mit einem Foto einer Deutschen Dogge in einem Thurgauer Getreidefeld.

Die ukrainische Landschaft ist mir durch die Beschreibungen von Primo Levi so vertraut, als wäre ich dort gewesen. In seinem Buch "Die Atempause" beschreibt er eindrücklich seine Befreiung aus dem Konzentrationslager Auschwitz, und wie er gemeinsam mit einigen anderen dem Tode Entronnenen die 4 monatigen Heimreise via Polen, die Ukraine, Rumänien und Ungarn zurück nach Italien erlebte. Es sei eine der glücklichsten Zeiten seines Lebens gewesen, als er durch diese weite Kornkammer Europas reiste.

Daran wurde ich erinnert, als ich den Kurzfilm "1 million bombs before" von Vlad Vasylkevych gesehen habe. Er gewann mit dem Film die Drone Photo Awards 2024. Darin wird die Ukraine in ihrer ganzen Vielfalt aus der Vogelperspektive gezeigt, so wie sie war, bevor der Krieg mit Bomben und Tod weite Teile des Landes ruinierte.

Der Frieden, den Primo Levi auf seiner Reise zurück ins Leben in der Ukraine erlebte, ist Vergangenheit. Die Gegenwart ist eine andere, eine, in der viele Ukrainer:innen die weiten Kornfelder hinter sich lassen müssen und auf eine Odyssee aus der Kriegsgefahr aufgebrochen sind.

Ich schaue mir den Kurzfilm an, ein Ausschnitt aus dem gesamten Film, in dem sich alles rückwärts bewegt, zurück in eine Zeit, als noch nicht Millionen von Bomben tiefe Narben in der Landschaft und Seele der Menschen hinterlassen haben. Ich nehme mir die Bilder zum Anlass, für die Menschen in der Ukraine zu beten, auch für die Methodist:innen dort, für den Distriktsvorsteher Oleg Starodubets mit seiner Familie, für die Familien der Kriegsopfer, für die Geflüchteten, für den Frieden und dass die Hoffnung und Schönheit nicht stirbt in der hart geprüften Ukraine. Möge bald die Zeit kommen, in der sich das Leben in der Ukraine wieder zum Guten wendet.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 15. Januar 2025

Der Friseur und Gott

Ein Zitat

Beim Friseur.
Foto © Jörg Niederer
"Der beste Schutz gegen Haarausfall ist eine Glatze." Telly Savalas, glatzköpfiger Schauspieler (1922-1994)

Ein Bibelvers - 2. Samuel 10,4+5

"Da ließ Hanun die Gesandten Davids festnehmen und ihnen den Bart zur Hälfte abscheren. Auch ihre Kleider ließ er zur Hälfte abschneiden, nämlich bis hinauf zum Gürtel. So schickte er sie weg. Als die Nachricht davon David erreichte, schickte er ihnen jemanden entgegen. Denn die Männer schämten sich sehr."

Eine Anregung

Heute gibt es eine Geschichte, die mir über Umwege in die Hände gekommen ist. Zu finden ist sie im Pfarrbriefservice. Der Autor ist unbekannt. 

"Ein Mann ließ sich seine Haare schneiden und seinen Bart trimmen. Der Friseur sprach während seiner Arbeit mit dem Kunden über viele Dinge, wie Friseure es halt so tun. Auch über Gott.

'Ich glaube, dass Gott nicht existiert!', meinte der Friseur. 

'Warum?', fragte der Kunde. 

'Sie müssen nur auf die Straße gehen. Wenn Gott existieren würde, gäbe es dann so viele kranke Leute? Würde es so viele Kinder geben, die verlassen wurden? Würde es so viel Leid und Schmerzen geben? Gäbe es einen Gott, würde er alle diese Dinge nicht zulassen!' 

Der Kunde antwortete nicht. Die Haare waren geschnitten. Der Bart war gestutzt und der Friseur entlohnt.

Auf der Straße begegnete der Kunde einem Mann mit langen, schmutzigen Haaren und ungepflegtem Bart. Er ging zurück und sagte zum Friseur: 'Friseure existieren nicht! Es gibt keine Friseure!'

'Wie kommen Sie darauf? Ich habe Ihnen doch kurz vorher die Haare geschnitten und den Bart getrimmt!'

Der Kunde wiederholte: 'Friseure existieren nicht, denn wenn sie existierten würden, gäbe es niemanden mit schmutzigem, langem Haar und eingetrimmtem Bart. Sehen Sie jenen Mann auf der Straße? Gäbe es Sie, würden Sie diese Dinge nicht zulassen!'

'Ach was! Ich existiere! Nur – die Leute kommen nicht zu mir rein!' 

Der Kunde erwiderte: 'Genau! Auch Gott existiert. Nur gehen die Leute nicht zu ihm und suchen ihn nicht. Deswegen gibt es so viel Schmerz und Leid in der Welt.'"

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 14. Januar 2025

Gemeinsam auf einem Friedhof

Ein Zitat

Frühmorgens auf dem Friedhof Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 1. Könige 13,29+30

"Da hob der Prophet den Leichnam des Gottesmannes auf. Er legte ihn auf den Esel und nahm ihn mit zurück. Als er wieder in seiner Stadt war, trauerte der Prophet um ihn und begrub ihn. Er legte den Leichnam in sein eigenes Grab."

Eine Anregung

Zu einer Zeit, als in der Schweiz sich die Religionslandschaft noch weitgehend christlich zeigte, abgesehen von den ungeliebten schweizerischen Jüdinnen und Juden, verliefen weit heftigere Bruchlinien zwischen den Konfessionen, als dies heute der Fall ist. So war es undenkbar, dass Katholik:innen auf protestantischen Friedhöfen bestattet werden oder anders herum. Damals entstanden erste Methodistengemeinden. Ihren Pfarrern wurde es verboten, Abdankungen auf protestantischen Friedhöfen zu halten. Gläubige dieser damals neuen, aufblühenden Kirche in der Schweiz mussten sich für eine christliche Bestattung an den reformierten Pfarrer wenden. Der war den Methodisten oft ablehnend gesinnt. Aus diesem Grund kaufte etwa die Methodistengemeinde von Rheineck ein Stück Land, um dort ihre Toten "methodistisch" beisetzen zu können. Bevor es aber soweit war, kam eine neue Bundesverfassung und damit wurde das Bestattungswesen verstaatlicht, nicht zur Freude vieler evangelischer und katholischer Christen. Damals wollten Katholik:innen und Protestant:innen noch nicht nebeneinander in den Gräbern liegen, doch genau das brachte das staatliche Bestattungswesen mit sich. Ein Bundesgerichtsurteil bestätigte diese "Ungeheuerlichkeit" und hielt fest, dass im Tod alle gleich seinen, egal aus welchem Stand oder Konfession.

Heute kräht kein Hahn mehr nach getrennten Friedhöfen. Und die Bestattungsarten sind vielfältiger geworden als früher. Zur Erdbestattung ist die Kremation und Beisetzung in Urnengräbern oder Gemeinschaftsgräbern dazugekommen, wobei Urnen auch auf privatem Grund bestattet werden dürfen. Geschichtlich bedingt gibt es bis heute auch Friedhöfe, in denen ausschliesslich jüdische Menschen bestattet werden. Neuere Friedhöfe sehen für jüdische Gräber auch eigene Abteilungen in ihren Friedhofsanlagen vor. Gemeinsam auf einem Friedhof, aber in unterschiedlichen Bereichen, das gibt es auch für Muslime, etwa auf dem Waldfriedhof Meisenhard in Olten.

Genau dieser Wunsch von Muslimen nach einem eigenen Grabfeld auf dem gemeinsamen Friedhof gibt nun in Weinfelden heftig zu reden. Dabei wird, was einst ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Gleichbehandlung von verstorbenen Christ:innen war, nun dazu verwendet, diesen Wunsch der Muslime zu kritisieren. Ein vor 150 Jahren integrierendes Gesetz wird heute für die Rückweisung der Ansprüche einer Religionsgemeinschaft verwendet, die es damals bei uns gar noch nicht gab.

Darf es auf einem Friedhof ausgewiesene Bereiche geben? Keine Frage, die gibt es schon: Urnennischen etwa. Erdgräber von Erwachsenen. In Winterthur auf dem Friedhof kann man sich Urnengräber unter Bäumen aussuchen. Für Kindergräber ausgewiesene Bereiche gibt es auch auf fast allen Friedhöfen der Deutschschweiz. Heisst das, dass Kinder nicht so wichtig sind wie Erwachsene? Doch sicher nicht. Im Gegenteil, man will ihnen besonders gerecht werden.

Rechtlich gesehen könnte ich als Erwachsener nun verlangen, dass ich auch im Bereich der Kindergräber bestattet werde. Denn Grabfelder dürfen nicht ausschliesslich für eine bestimmte Gruppe von Menschen verwendet werden. Das würde auch so sein bei einem islamischen Grabfeld auf dem Friedhof Weinfelden. Auch dort könnten sich Menschen anderer Religion oder Konfession bestatten lassen. Ob sie das wollen? Ich vermute, dass dies überraschend oft geschehen wird, besonders bei religionsgemischten Paaren.

Ich habe grosse Sympathie für den Wunsch der Muslim:innen auf ein eigenes Grabfeld innerhalb des gemeinsamen Friedhofs. Denn genau das drückt doch aus, dass alle dazugehören dürfen, verstorbene Kinder in ihrem Bereich, Erdbestattete in ihrem Bereich, Feuerbestattete in ihrem Bereich, unter Bäume bestattete in ihrem Bereich, jüdische Menschen in ihrem Bereich und auch muslimische Menschen in ihrem Bereich. Denn wenn es zur einer Bestattung kommen muss, dann will man doch nicht streiten, sondern Frieden finden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. Januar 2025

Ein wenig Thurgau im Aargau

Ein Zitat

Die Bronzeplastik der römischen Göttin Pomona des Künstlers Eduard Spörri an einer Ecke des Zofinger Stadthauses.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt angesehene Bürger, die niemals auf die Idee kämen, einen Apfel vom Nachbarbaum zu stehlen, aber ihr Geld ins Ausland schaffen, um es vor dem Fiskus zu verstecken." Erwin Huber, deutscher Politiker (*1946)

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,2+3

"Die Frau [Eva] erwiderte der Schlange: 'Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten. Er hat gesagt: Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'"

Eine Anregung

Kennst du Pomona. Bei ihr handelt es sich um die römische Göttin der Baumfrüchte und des Obstes. Also in gewisser Weise eine ideale Göttin für den Apfelkanton Thurgau. Ich bin Pomona in Form einer Skulptur an einem Ort begegnet, an dem ich wohl schon hunderte Male vorbeigegangen bin. Die Bronzeplastik der "Apfelgöttin" vom Wettinger Künstler Eduard Spörri steht auf einem Podest in einer Ecke des Stadthauses von Zofingen. Dort in der Nähe war ich vor einigen Jahren zuhause. Doch erst neulich habe ich mir gesagt: Jetzt schaue ich einmal nach, was diese Bronze darstellen soll.

Sie passt ziemlich gut zu meinem gestrigen Beitrag (Siehe Blog vom 12. Januar 2024!). Denn es geht um Bäume, diesmal speziell um Apfelbäume und deren Früchte. In Ovids nicht jugendfreiem Werk "Metamorphosen" muss Pomona von Vertumnus erst zur Ehe mit ihm überredet werden, was dieser mit dem Verweis auf eine Ulme tut, die mit einer Rebe zusammengewachsen ist.

Die Pomona am Stadthaus Zofingen hält in beiden Händen Äpfel. Sie sind die Merkmale, dass es sich um diese römische Göttin handelt. Mir fällt die Parallele zu den Heiligendarstellungen auf. Auch da gibt es solche Erkennungsmerkmale, die es zulassen, den Heiligen oder die Heilige sicher zu identifizieren. In der Kirchlichen Kunst ist der Apfel eher negativ bewertet. So gehört der Apfel als Attribut zum Heiligen Sabas, der einst trotz bitterem Hunger den saftigen Apfel als Bild der Sünde verschmähte.

Die kirchliche Tradition hat die verbotene Frucht aus der Paradiesgeschichte der Bibel (1. Mose 3) immer als Apfel interpretiert. Er war folglich ein Symbol des Sündenfalls und der Erbsünde. Doch dann gibt es eben auch die Apfelmadonna: Maria mit dem Kind, wobei entweder das Jesuskind oder die Maria einen Apfel in Händen hält.

Mit der Geburt Jesu durch Maria hat diese den Weg zurück ins Paradies vorbereitet. Maria ist die neue Eva, und Jesus der neue Adam. Die Erbschuld ist überwunden. Nun ist der Apfel nicht mehr Zeichen menschlicher Hybris, sondern Ausdruck der Gnade und des Lebens.

Wer mehr über den Apfel und die Apfelmadonna erfahren möchte, findet hier oder da mehr Informationen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 12. Januar 2025

Umarmung

Ein Zitat

Bäume in trauter Zweisamkeit in der Nähe von Oberwinterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Wer den Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig." Nepalesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Prediger 3,1+5

"Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: ... Eine Zeit, sich zu umarmen, und eine Zeit, sich zu trennen."

Eine Anregung

Zwei Bäume schmiegen sich aneinander und scheinen sich dabei zu umarmen. Das ist bemerkenswert, gibt es doch auch bei Bäumen so etwas wie ein Anstandsabstand, der bis in die Baumkronen reicht. Doch diese zwei Bäume, so verschieden sie sind, mögen sich.

Ich wünsche dir heute, dass du genauso auf deine Kosten kommst bei den Umarmungen, und dass du Menschen an der Seite hast, an die du dich vertrauensvoll anlehnen kannst. 

Vielleicht hat deine heutige Umarmung auch etwas zu tun mit Worten der Bibel, oder mit Begegnungen in der Kirche. Von Gott heisst es ja in Psalm 27,5: "Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 11. Januar 2025

Konzernverantwortung jetzt

Ein Zitat

Nach wie vor hängt das Konzernverantwortungs-Banner von der ersten Initiative vor einem Fenster der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Immer wieder verletzen Konzerne mit Sitz in der Schweiz die Menschenrechte und ignorieren minimale Umweltstandards. Die Konzernverantwortungsinitiative verhindert, dass Konzerne weiterhin Menschenrechte verletzen oder die Umwelt zerstören." Webseite der Konzernverantwortungsinitiative

Ein Bibelvers - Psalm 37,16+17

"Besser das wenige, das ein Gerechter besitzt, als der Reichtum vieler Frevler. Denn die Macht der Frevler wird gebrochen. Aber die Gerechten unterstützt der Herr."

Eine Anregung

2020 scheiterte die Konzernverantwortungsinitiative lediglich am Ständemehr. Nun kommt es zu einer zweiten Auflage. Heute Samstag kann es gut sein, dass sie auf der Strasse angefragt werden, die neue Initiative zur Konzernverantwortung zu unterschreiben. Ich werde selbst auch mithelfen beim Unterschriftensammeln.

Die neue Konzernverantwortungsinitiative will noch immer, dass Schweizer Konzerne dazu verpflichtet werden, Menschenrechte und Umweltbestimmungen einzuhalten sowie klimaschädliche Emissionen zu vermindern. Allerdings kommt die neue Initiative ohne die Schwachpunkte der alten daher. Im Folgenden die Unterschiede:

  • Analog zur Regelung in der EU sollen die Pflichten zur Haftungsregelung nur noch für Konzerne mit mehr als 1000 Mitarbeitenden und einem Umsatze von 450 Millionen Franken gelten. KMUs sind ausdrücklich davon ausgenommen.
  • Neu soll die Beweislast allein beim Kläger liegen. Unternehmen können aber gezwungen werden, die relevanten Dokumente für die Beweisführung herauszugeben.
  • Weiter haftet ein Konzern nur noch für sich und die Tochtergesellschaften, aber nicht mehr für die ganze Lieferkette. Hier geht die EU bei ihren Regelungen weiter.
  • Weiter können nur noch direkt betroffene Menschen klagen, nicht aber NGOs.
  • Neu werden die Konzerne verpflichtet, die CO2-Emmissionen zu reduzieren.
  • Weiter wird, wie auch in der EU, eine unabhängige Aufsichtsbehörde geschaffen, die dafür sorgen soll, dass die Konzerne ihre Pflichten erfüllen. Dieses Aufsichtsorgan würde aus etwa 10 Personen bestehen. Es kann Massnahmen anordnen und Bussen erteilen. 

Ich würde mich sehr freuen, wenn viel Schweizer Stimmberechtigte, die diesen Text hier lesen, die Initiative unterschreiben. Als Kirche sind wir gerade in Ländern des Südens direkt betroffen vom Wirken der Schweizer Rohstoffkonzerne. Da ist es auch eine Frage der Solidarität mit den Geschwistern und Geschädigten, alles zu tun, damit Schweizer Konzerne sich ethisch und menschenfreundlich verhalten. Aus diesem Grund unterstützt auch das Hilfswerk Connexio hope der Evangelisch-methodistischen Kirche die Initiative.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 10. Januar 2025

Freiheit. Solidarität. Verantwortung. - Echt jetzt?

Ein Zitat

Schlagzeile von 20 Minuten am 9. Januar 2025.
Foto © Jörg Niederer
"In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt; es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!" Papst Franziskus am 8. Juli 2013 auf Lampedusa

Ein Bibelvers - Lukas 6,35

Jesus: "Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen."

Eine Anregung

Bei der SVP ist es ja klar, genauso wie auch bei der FDP. Aber dass "Die Mitte" auch mitmacht bei der fortlaufenden Entmündigung und Abschreckung von Asylsuchenden, das verstehe ich nicht.

Gestern titelte 20 Minuten auf der Frontseite: "Auch die Mitte will kein Bares mehr für Asylbewerber". Es geht darum, dass Asylsuchende ihre finanzielle Unterstützung nur noch per Debitkarte erhalten. Diese kann nur im Inland genutzt werden und mit ihr kann kein Bargeld bezogen werden. Das soll die Asylsuchenden daran hindern, Geld zu ihren Familien ins Ausland zu überweisen und die Attraktivität als Asylland senken. In Deutschland, wo es schon länger diese Zahlkarten statt Bargeld gibt, wirkt die Abschreckung. Es gäbe freiwillige Ausreisen und Arbeitsmarkteintritte.

Einmal mehr ist die Asylpolitik eigentlich eine Asylverhinderungspolitik. Und "Die Mitte", die sich "Freiheit. Solidarität. Verantwortung." auf die Fahnen geschrieben hat, macht bei diesem unmenschlichen Spiel mit. Es war wohl schon folgerichtig, dass man bei der Namensänderung von der CVP zur Mitte das C für Christlich weggelassen hat. Wer mündige Menschen auf solche Weise bevormunden will, handelt mit Sicherheit nicht im Sinn der christlichen Sozialethik, der die Partei laut Eigenaussagen immer noch verpflichtet sei.

Mir scheint, dass wir heute mit Asylsuchenden auf ähnlich unmenschliche Weise umgehen, wie man vor der Änderung der Bundesverfassung im Jahr 1966 mit der jüdischen Wohnbevölkerung umgegangen ist. Die Politik erfindet immer wieder neue diskriminierende Asylrichtlinien, und immer geht es um Abschreckung und um den Versuch, die Asylströme in andere Teile der Welt zu lenken. Diskutiert wird nicht, wie Flüchtenden geholfen werden kann, sondern wie sie davon abgehalten werden können, zu flüchten, und schon gar nicht hierher in die Schweiz. Der humanitäre Gedanke spielt keine Rolle mehr. Auch die Entwicklungshilfe wird zusammengestrichen und soll nicht an Ländern gehen, die in der Asylpolitik nicht kooperieren. Gemeint ist, dass finanzielle Hilfe nur die Staaten erhalten, welche abgewiesene Asylsuchende zurücknehmen. Ob es Länder sind welche die Menschenrechte mit Füssen treten, spielt bei der Beurteilung keine Rolle.

Wer nun aber die Asylsuchenden gegen die einheimischen Armutsbetroffenen ausspielt, muss wissen, dass die, welche sich diese Unmenschlichkeiten gegen Asylsuchende ausdenken, auch die sind, welche die Sozialhilfe zusammenstreichen, oder wie in der Stadt St. Gallen die 50 Franken Weihnachtsgeld an Sozialhilfeempfangende streichen, und zugleich den Beamten ein Lohnerhöhung gewähren. 

"Die Schweiz kann doch nicht allen helfen", heisst es dann schnell. Das mag stimmen. Aber aktuell geht der Trend in die andere Richtung. Es soll so wenigen Bedürftigen geholfen werden müssen wie nur möglich. Darum versucht man abgewiesene Asylsuchende durch Entzug des Lebensnotwendigen aus dem Land zu treiben. Darum wollte man den Familiennachzug für aufgenommene Asylsuchende verhindern. Darum steckt man Flüchtende weit ab vom Schuss in Heime. Darum werden Menschen inhaftiert, deren einzige Schuld es ist, dass sie hier in der Schweiz um Asyl ersucht haben. Darum überlegen sich westliche Staaten, Asylzentren im Ausland einzurichten.

Zurück zum C und der christlichen Soziallehre. Wie sagte doch Jesus: "Behandelt andere Menschen genau so, wie ihr selbst behandelt werden wollt." (Matthäus 7,12) In der Asyl- und Sozialpolitik sind wir auch in der Schweiz weit von dieser Minimalethik entfernt. Es braucht eine Abkehr vom entmündigenden Umgang mit Hilfesuchenden. Ohne diese Umkehr mag die Schweiz eine christliche Tradition haben, aber um ein christliches Land handelt es sich heute nicht mehr. Dazu fehlt der aktuellen Politik das Wesentlichste: Die Nächstenliebe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 9. Januar 2025

Essen, Trinken und Singen

Ein Zitat

Auch eine Art 'Holy Club'. Zusammensein nach dem Gottesdienst in der Wesley Chapel in London.
Foto © Jörg Niederer
"The Holy Club, der Podcast von, mit und über Methodist:innen, und alle, dies noch werden wollen." Werbespruch für den neuen methodistischen Podcast.

Ein Bibelvers - 1. Mose 32,25+26

"Plötzlich war da jemand, der bis zum Morgengrauen mit ihm [Jakob] kämpfte. Aber er sah, dass er Jakob nicht besiegen konnte."

Eine Anregung

Mit "Essen, Trinken und Singen" könne man die Leidenschaft von Methodist:innen zusammenfassen. Das meinen etwas salopp Sarah Staub, Moritz Mosebach und Damian Carruthers, welche in diesen Tagen einen neuen Podcast mit dem Namen "Holy Club" gestartet haben. "Holy Club" war wie "Methodisten" eine abschätzige Fremdbezeichnung aus den Anfängen der kirchlichen Arbeit um die Brüder John und Charles Wesley im 18. Jahrhundert in England.

Im allerersten Beitrag unterhalten die drei sich denn auch über alles, was den Methodismus als kirchliche Bewegung auszeichnet. Und da spielen halt Essen, Trinken und Singen eine grosse Rolle. Die weiteren Podcasts werden nun Menschen zu Wort kommen lassen, die irgendwie mehr oder weniger den Methodismus leben und ihn repräsentieren. Wie etwa die Bischöfin im Ruhestand Rosemarie Wenner, die von Sarah Staub im der zweiten Podcast-Folge interviewt wird.

Beim Reinhören habe ich auf diesem Weg erfahren, was die methodistischen Lieblingshymnen von Sarah, Moritz und Damian sind. Sarahs Lieblingslied "Come, O Thou Traveler" von Charles Wesley kannte ich bisher noch nicht. Darin wird der Kampf von Jakob mit einer nächtlichen, geheimnisvollen Gestalt beschrieben, aber so, dass der Gegner von Jakob mit Gott und Jesus zusammengeführt wird. Von den 14 Strophen gebe ich im Folgenden vier in deutscher Übersetzung wieder: 


Komm, o du unbekannter Reisender,

den ich noch halte, aber nicht sehen kann;

Meine bisherige Gesellschaft ist fort,

und ich bin allein mit Dir;

Bei Dir will ich die ganze Nacht bleiben,

Und ringen bis zum Anbruch des Tages. 


Ich brauche Dir nicht zu sagen, wer ich bin,

Meine Sünde und mein Elend verkünden;

Du selbst hast mich bei meinem Namen gerufen,

Sieh auf Deine Hände, und lies dort!

Doch wer, frage ich Dich, wer bist Du?

Sage mir Deinen Namen, und sage ihn mir jetzt.


Vergeblich kämpfst du um deine Freiheit;

Ich werde meinen Griff nie lösen;

Bist Du der Mann, der für mich starb?

Entfalte das Geheimnis Deiner Liebe;

Kämpfer, ich werde Dich nicht loslassen,

Bis ich Deinen Namen, Dein Wesen kenne.


Es ist Liebe! Es ist Liebe! Du bist für mich gestorben,

Ich höre Dein Flüstern in meinem Herzen;

Der Morgen bricht an, die Schatten fliehen:

Reine, universelle Liebe bist Du;

Zu mir, zu allen, zieht Deine Barmherzigkeit;

Dein Wesen und Dein Name ist Liebe. 


Die Sonne der Rechtschaffenheit über mir

Ist aufgegangen mit Heilung auf ihren Flügeln,

Die Kraft meiner Natur verwelkt; von Dir

bekommt meine Seele ihr Leben und ihren Beistand;

Meine Hilfe kommt von Oben;

Dein Wesen und Dein Name ist Liebe.


Mit dem Satz "Thy nature and Thy Name is Love" enden viele der Strophen und schaffen einen starken Bezug zu Gott, der nach dem biblischen Zeugnis im tiefsten Wesen Liebe ist. Ich finde, ein Lied, das sich anzuhören auch der Melodie wegen lohnt. Etwa in der Interpretation von Maddy Prior & The Carnival Band.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 8. Januar 2025

Der Regenbogen und der alte Opa

Ein Zitat

Ein Regenbogen, aus dem fahrenden Zug heraus fotografiert zwischen Olten und Aarau.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Sache, die dem alten weißen Mann immer zu Grunde liegt, ist, dass das Gegenüber, das ihn als alten weißen Mann bezeichnet, sich nicht wohl fühlt." Sophie Passmann (*1994)

Ein Bibelvers - Matthäus Jesaja 46,3-4

Gott spricht: "Schon im Mutterleib seid ihr mir aufgeladen worden. Von Geburt an habe ich euch getragen. Ich bleibe euch treu, bis ihr alt seid. Ich trage euch, bis ihr graue Haare habt. Das habe ich getan und werde es weiter tun. Ich bin es, der euch trägt und rettet!"

Eine Anregung

Die Mutter und das Kind, so entnahm ich ihrem Gespräch im Abteil hinter mir, waren an diesem 6. Januar auf einer Dreikönigsmission. Sie besuchten die neugeborene Cousine des kleinen Mädchens. Ich schätzte die Kleine so auf drei Jahre. Aufgeweckt wurde von ihr alles kommentiert und die Mutter mit Fragen bombardiert, welche diese geduldig beantwortete. Irgendeinmal meinte die Mutter, dass jetzt doch eine gute Gelegenheit sei, aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, was es da alles zu sehen gäbe. All das hörte ich nur, sehen konnte ich die beiden von meinem Sitzplatz aus nicht. Selbst hatte ich draussen einen Regenbogen entdeckt, aber offensichtlich sahen die beiden ihn noch nicht. So stand ich kurz auf, und informierte die Mutter. Von da weg war der Regenbogen das Thema des Mädchens. Verblüfft stelle es fest, dass dieser mit ihnen mitfuhr, also immer etwa gleichweit entfernt war. Auch die Farben wurden der Reihe nach aufgezählt.

Müde wie ich war, schloss ich die Augen, und begann vor mich hinzudösen, da hörte ich ein leises Drippeln, nur ganz kurz. Neugierig wollte das Kind wohl wissen, wer da den Regenbogen entdeckt hatte. Nur einige Augenbliche später rapportierte es der Mutter: "Da sitzt nur ein alter Opa und schläft", und dann ganz vorwurfsvoll: "Das darf man doch nicht."

So, nun weiss ich es: Ich bin ein alter Mann. Kindermund hat es mir verraten. Bekanntlich sagen Kinder und Narren die Wahrheit. Es muss also war sein. Was dem Kind aber noch entgangen ist; ich bin auch noch von heller Hautfarbe. Also ein alter, weisser Mann. Ich bin für viele zu einem bedauernswerten Feindbild herangealtert. Wie schnell das doch gehen kann. Unglücklicherweise kann ich dagegen aber auch so gar nichts machen. Also füge ich mich in mein Schicksal und schliesse noch dort unter dem Regenbogen Frieden mit meinem Pensionsalter-Ich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 7. Januar 2025

Die drei Könige und der Gekreuzigte

Ein Zitat

Die drei Königen aus der Weihnachtskrippe vor dem Gekreuzigten in der Wallfahrtskapelle Klingenzell.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kreuzigung Jesu Christi ist der zwingendste Beweis dafür, dass Gottes Liebe allen Zeiten gleich nah und gleich fern ist." Dietrich Bonhoeffer (1906-1946)

Ein Bibelvers - Matthäus 2,1+2

"Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren. Zu dieser Zeit war Herodes König. Da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Sie fragten: 'Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten.'"

Eine Anregung

Nachdem der gestrige Dreikönigstag im Zeichen des Hirtenbriefs der Bischöfinnen und Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche stand, komme ich halt heute erst auf die drei Könige zu sprechen.

Da gibt es ja die Erzählung von einem vierten König, der - von den andern drei abgehängt - erst Jahre später nach Jerusalem fand, just an dem Tag, als Jesus gekreuzigt worden war. 

Nun kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die anderen drei Könige nicht nur dem neugeborenen Heiland begegnet sind, sondern ganz offensichtlich auch dem Gekreuzigten. Das wird uns, wie man auf dem Foto sehen kann, in der Wallfahrtskapelle Klingenzell vor Augen geführt. Was hätte die drei auch daran hindern sollen, Jahre nach Christi Geburt in Jerusalem nachschauen zu gehen, was aus dem Baby von Bethlehem geworden war.

Es wäre interessant, zu sehen, wie sie auf die Kreuzigung von Jesus reagiert hätten. Einfach ist es, die Hoffnung nicht zu verlieren beim Anblick eines neugeborenen Kindes. Viel schwieriger ist es, angesichts des Gekreuzigten die Hoffnung zu behalten. Genau das aber wird uns Christ:innen zugemutet.

Nun, angesichts der vielen aktuell in Spitzenpositionen gewählten Rassisten, Lügnern, und Kriegsgurgeln schein mir der Glaube an einen hingerichteten Heiland gar nicht sonderlich dumm und abwegig.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 6. Januar 2025

Hirtenbrief zur Notlage von Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlingen

Ein Zitat

Irgendwo an der Grünen Grenze der Schweiz.
Foto © Jörg Niederer
"Was ist an einer Migrationspolitik gut, die sich nur in eine Richtung entwickelt: Immer mehr Restriktionen gegen Flüchtende, mit Tausenden von Toten an den Grenzen Europas und der USA." Jörg Niederer

Ein Bibelvers - Matthäus 25,35

Jesus sagte: "Wenn ihr einen Fremden aufnehmt, nehmt ihr mich auf..."

Eine Anregung

Am Tag der Erscheinung des Herrn, dem 6. Januar 2025, wendet sich der Bischofsrat der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche mit einem Hirtenbrief zur Notlage von Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlingen an die Gläubigen. Im Folgenden gebe ich hier die Stefan Zolliker erstellte deutsche Übersetzung wieder. Das englischsprachige Original kann hier heruntergeladen werden. 


Im Laufe unseres Dienstes als Bischöfinnen und Bischöfe ereignen sich Dinge, die uns zwingen, eine prophetische und pastorale Stimme für die gesamte Kirche zu erheben. Seit einiger Zeit beobachten wir mit Besorgnis die Art und Weise, wie die Welt mit Migrantinnen, Einwanderern und Flüchtlingen umgeht.

Im Zuge der jüngsten nationalen Wahlen, bei denen die Hälfte der Weltbevölkerung einen Premierminister oder eine Präsidentin gewählt hat, ist das Thema Migration in vielen Fällen zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden. Leider waren rassistische, fremdenfeindliche, nationalistische und migrationsfeindliche Hassreden die Standardrhetorik vieler dieser Politiker, die sich um diese hohen Ämter bewerben. Diese Rhetorik ist dabei ein Spiegelbild der täglichen Unterdrückung und Entmenschlichung unserer Brüder und Schwestern unter den Migrantinnen, Einwanderern und Flüchtlingen.

    • In Asien werden ausländische Hausangestellte zwar willkommen geheissen, erleben aber ständig sklavenähnliche Bedingungen, da sie in Abstellräumen, auf Balkonen oder im Wohnzimmer ihres Arbeitgebers schlafen müssen und ihnen oft ein freier Tag verweigert wird. 
    • In Afrika schliessen Regierungen, die Arbeitnehmer ins Ausland entsenden bilaterale Abkommen mit den Aufnahmeländern ab, in denen die Rechte der Arbeitnehmer missachtet werden.
    • In Europa und in den USA behandeln die Regierungen Asylbewerber häufig aufgrund ihrer Ethnie oder ihres Herkunftslandes unterschiedlich und treffen finanzielle Vereinbarungen mit Ländern in Nordafrika und Mittelamerika, um Migranten von der Weiterreise nach Norden abzuhalten.
    • In den Vereinigten Staaten hat der designierte Präsident Trump versprochen, das U.S. Refugee Admissions Program zu kürzen, was mit einem präsidialen Federstrich geschehen kann. Er hat auch damit gedroht, das Militär und die Strafverfolgungsbehörden auf allen Ebenen einzuschalten und auf allen Ebenen einzusetzen, um die 11 Millionen Einwanderer ohne Papiere, die in den USA leben und arbeiten, abzuschieben.

Angesichts dieser unmoralischen und ungerechten Praktiken ist es wichtig, uns an unser Taufgelübde zu erinnern das uns auffordert, 'dem Bösen in all seinen Formen zu widerstehen'. Da Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlinge im Allgemeinen keine Stimme haben, müssen wir, Ihre Bischöfe, unsere Stimme erheben und Sie einladen, Ihre Stimme mit uns zu erheben. Als Evangelisch-methodistische Kirche haben wir in unseren Sozialen Grundsätzen erklärt, dass wir aufgerufen sind die Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlinge unter uns aktiv aufzunehmen, indem wir 

    • die Würde, den Wert und die Rechte von Migrantinnen, Einwanderern und Flüchtlingen bekräftigen. 
    • anerkennen, dass Vertriebene besonders verletzlich sind, da ihr Zwischenstatus ihnen oft nur wenig Schutz und Vorteile bietet und sie somit anfällig sind für Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch.
    • einander auffordern, Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlinge in unseren Gemeinden willkommen zu heissen und ihnen konkrete Unterstützung zukommen zu lassen, einschliesslich der Hilfe bei der Bewältigung der restriktiven und oft langwierigen Einwanderungsregeln und Hilfe zu leisten bei der Beschaffung von Lebensmitteln, Unterkunft, Bildung, Beschäftigung und anderen Formen der Unterstützung.
    • Widerstand leisten gegen alle Gesetze und politischen Massnahmen, die versuchen, vertriebene Personen und Familien zu kriminalisieren, zu entmenschlichen oder zu bestrafen aufgrund ihres Status als Migrantinnen, Einwanderer oder Flüchtlinge.
    • die Bemühungen verurteilen, Vertriebene zu inhaftieren und sie unter unmenschlichen und unhygienischen Bedingungen festzuhalten.
    • jene Massnahmen anfechten, die die Trennung von Familien, insbesondere von Eltern und minderjährigen Kindern fordern.
    • Widerstand leisten gegen die Existenz gewinnorientierter Haftanstalten, die Migranten, Einwanderinnen und Flüchtlinge, einschliesslich minderjährige Kinder, festhalten. 

(Vgl. Soziale Grundsätze der Evangelisch-methodistischen Kirche, Grundrechte und Freiheiten der politischen Gemeinschaft, Abschnitt G. Migranten, Einwanderer und Flüchtlinge)

Wir, Ihre Bischöfe, rufen das Volk der Evangelisch-methodistischen Kirche auf, für die Migrantinnen, Einwanderer und Flüchtlinge unter uns zu beten und sie mit der Fülle der christlichen Liebe aufzunehmen, und uns daran zu erinnern, dass wir Jesus, unseren Herrn, willkommen heissen, wenn wir diese Menschen, unsere Brüder und Schwestern, willkommen heissen.

Bischof Tracy S. Malone, Präsidentin des Bischofsrates

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 5. Januar 2025

Prüft alles!

Ein Zitat

Die Jahreslosung 2025 der Methodistenkirche in der Schweiz wurde von Anita Burkhalter künstlerisch gestaltet. Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus dem Werk.
Grafik © Anita Burkhalter / EMK
"Alles prüfe der Mensch, / dass er Danken für alles lernt / und verstehe die Freiheit, / aufzubrechen, wohin er will." Friedrich Hölderlin (1770–1843)

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 5,21

"Prüft alles und behaltet das Gute!"

Eine Anregung

Anita Burkhalter ist Sigristin und Pianistin in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) in Dübendorf. Zudem hat sie eine Dolmetscherausbildung und ist Kursleiterin in moderner, abstrakter Malerei. Auf ihrer Webseite schreibt sie: "Ich habe seit meiner Schulzeit immer gemalt und diese Ausdrucksmöglichkeit geschätzt und gebraucht." Für die Methodistenkirche hat sie die diesjährige Jahreslosung zu 1. Thessalonicher 5,21 gestalterisch umgesetzt.

Mir gefällt das Ergebnis ausserordentlich gut. Heute Sonntag werde ich dazu die Predigt halten; dies gleich doppelt und erst noch zur selben Zeit. Um 10.00 Uhr werde ich den Gottesdienst der Methodisten an der Neudorfstrasse 7 in Diepoldsau mit meinen Gedanken (hoffentlich) bereichern. Dort können auch die Plakate kostenlos abgeholt werden.

Zeitgleich kann die Predigt auch beim Gottesdienst der Schlagerfamilie auf dem TV-Sender musig24 angeschaut und angehört werden. Der Fernsehsender findet sich bei Swisscom und vielen weiteren lokalen Fernsehanbietern.

Ich freue mich über alle, die so oder anders reinschauen bei dieser Bildmeditation.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 4. Januar 2025

Niele und Strubabuaba

Ein Zitat

Die Samen der gewöhnlichen Waldrebe sind im Winter oft mit Eiskristallen überzuckert.
Foto © Jörg Niederer
"Keiner kennt die Menschen so gut wie die Bettler, Beichtväter und Banker." Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

Ein Bibelvers - Lukas 17,12+13

"Er kam in ein Dorf. Dort begegneten ihm zehn Männer, die an Aussatz erkrankt waren. Sie blieben in einiger Entfernung stehen und riefen laut: 'Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!'"

Eine Anregung

Schon mein Vater hat sie geraucht, die verholzten Stängel der Gewöhnlichen Waldrebe. Mit leicht verschmitzten Blick hat er uns diese Jugenderinnerung gerne erzählt. Da mussten wir Kinder es doch heimlich ausprobieren. Damals war das eines unserer Waldabenteuer. "Niele" nannten wir sie in der Schweiz. 

Viel später, als Erwachsener, habe ich es noch einmal ausprobiert, einfach um zu schauen, was wir uns da als Kinder angetan haben. Vom Nielerauchen wird wohl niemand süchtig. Das war und ist beileibe kein Genuss. Den beissende Rauch einzusaugen ist eher schon so etwas wie eine Selbstkasteiung, bei der die Übelkeit auf dem Fuss folgt.

Aktuell sind die federbehafteten Samen an den bis 12 Meter langen wuchernden und rankenden Lianenpflanzen aus der Gattung Clematis nicht zu übersehen. Ihres bärtigen Aussehens wegen wird die Gemeine Waldrebe im England "Old man's beard" genannt. Im deutschsprachigen Raum ist sie auch als Bettlerskraut bekannt. Der Saft der Pflanze ist giftig. Wird er auf die Haut gerieben, bilden sich darauf Bläschen. So "behandelt" haben sich Bettler früher ein für ihre Arbeit bedauernswertes Hautbild und Aussehen verschafft. Negative Kosmetik, sozusagen. Darum wird die Pflanze wohl auch Teufelszwirn genannt, eben ein richtiges Teufelszeug. Wieder einmal muss also der Angstprotagonist der Menschen und Gegenspieler von Gott für die Bezeichnung einer Pflanze herhalten. 

Einfach schon als Wort schön und lustig anzusehen ist die im Vorarlberg geläufige Bezeichnung "Strubabuaba". Übersetzt heisst das wohl "Wilder Knabe".

Ihren wuscheligen Samensträngen begegne ich im Winter fast täglich, zum Beispiel auch am Hauptbahnhof St. Gallen, wo das Rankengewächs Geleiseabsperrungen überwuchert. Besonders schön sind diese luftigen Samenbällchen, wenn sie ein Kleid aus winzigen Eiskristallen tragen. So wie auf dem zu diesem Text gehörenden Foto. Da muss ich doch wieder einmal über ein kleines Naturwunder staunen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 3. Januar 2025

Am Arsch

Ein Zitat

Östlich des Bommerweiers im Thurgau ist eine Wiese mit 'Arsch' benannt.
Foto © Jörg Niederer
"Eine noch nie dagewesene Fülle an Aktbildern malte Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, also an einem der heiligsten Orte der katholischen Christenheit." Ingrid Bertel in einer Buchbesprechung über das Buch "Das Heilige und das Nackte" von Markus Hofer

Ein Bibelvers - 2. Mose 33,21-23

"Und der Herr fügte hinzu [zu Mose]: 'Aber siehe, da ist ein Platz in meiner Nähe. Stell dich da auf den Felsen! Wenn dann meine Herrlichkeit vorüberzieht, will ich dich in den Felsspalt stellen. Solange ich vorüberziehe, werde ich meine Hand über dich halten. Danach werde ich meine Hand wegziehen, und du kannst hinter mir hersehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen.'"

Eine Anregung

Ein eher schlechtes Foto von einer langweiligen Landschaft und der Titel, der zwar nicht Fäkalsprache wiedergibt, aber wohl doch etwas ins Vulgäre abgleitet; passt das für kirchliche Texte?

Als ich vor einigen Tagen an der abgebildeten Wiese vorbeikam, sie liegt direkt östlich angrenzend an den Oberen Bommerweier bei Siegershausen auf dem Thurgauer Seerücken, entdeckte ich, dass dieses Stück Land tatsächlich "Arsch" genannt wird. Flurnamen sind oft abgleitet aus alten unverfänglichen Bezeichnungen. Eine Wiese im aktuell landläufigen Sinn als Arsch zu bezeichnen könne doch wohl nicht zutreffen, dachte ich.

Zuhause schaute ich im Verzeichnis der Flurnamen nach. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass es erstens in vielen Kantonen Ortsbezeichnungen gibt, die "Arsch" im Namen enthalten. Allein im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St. Gallen sind es drei davon. Und zweitens bedeuten sie genau das, was du und ich dabei assoziieren. Sie bezeichnen den Allerwertesten, den Hintern, das Hinterteil, das Gesäss, das Füdli, den Po.

Aus der Reihe tanzt eine Ortsbezeichnung mit "Arsch" im Kanton Glarus. Dort kommt die einstige rätoromanische Ortsbezeichnung "Ars" aus dem Lateinischen und bedeutet "verbrannt" und weist folglich auf eine durch Brandrodung entstandene Landwirtschaftsfläche hin. Die später dort siedelten Alemannen verstanden das Wort nicht mehr richtig, und deuteten es als Bezeichnung für einen Hintern.

Nun ist die Wiese beim Bommerweier ziemlich flach, und damit gar nicht wie ein Gesäss geformt. Wie auch immer, ich war also für einen kurzen Moment am Arsch des Thurgaus.

Um nun diesen Ausführungen auch noch eine theologische Relevanz zu geben, sei hier auf Michelangelo und die Sixtinische Kapelle verwiesen. Unter seinen dortigen Fresken gibt es an zentraler Stelle direkt über dem Altar ein Bild, das Gott zeigt bei der Erschaffung von Sonne, Mond und Sterne. Dabei ist Gott einmal von vorn und einmal von hinten dargestellt.

In einer interessanten Rezension von Ingrid Bertel, überschrieben mit "Der Hintern Gottes", zum Buch "Das Heilige und das Nackte. Eine Kulturgeschichte" von Markus Hofer bezieht sie sich genau auf besagtes Fresko von Michelangelo, der darin den an sich körperverhüllten Gott mit blankem Hinterteil dargestellt hat. So habe wohl, gemäss Michelangelo, Mose Gott von hinten gesehen, als dieser an ihm vorüberzog.

Ziemlich gewagt, was sich da Michelangelo geleistet hat, am Ort der Papstwahl in Rom.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 2. Januar 2025

Nachäffen

Ein Zitat

Ein Affe der Art Schnurrbarttamarin, fotografiert 1992 im Zoo Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche." Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

Ein Bibelvers - 2. Mose 23,2

"Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, die das Böse will. Du sollst in einem Rechtsstreit nicht so aussagen, dass du der Mehrheit folgst und das Recht beugst."

Eine Anregung

Wenn jemand sich wie eine andere Person gibt, wird das je nach dem entweder als Nachäffen oder Nachmachen bezeichnet. Dazu eine Beobachtung.

Im Fernseher schaute ich mir eine Konzertaufführung mit typischen bayrischen Volksmusik-Formationen an, übertragen aus dem Hofbräuhaus in München. Dabei fiel mir eine Frau auf, die wie alle anderen im Saal bei der Musik rhythmisch mitklatschte. Nur, sie hatte eine verletzte, eingebundene Hand, und tat nur so, als würde sie klatschen. Alle hätten es verstanden, wenn die Frau unter diesen Voraussetzungen erst gar nicht versucht hätte, mitzuklatschen. Aber sie wollte wohl nicht durch Inaktivität auffallen, während alle andern mit Herz, Hand und Verstand bei der Sache waren.

Nur nicht auffallen! Aus diesem Grund kann es schon passieren, dass wir mitmachen, obwohl wir dazu keine Lust oder Überzeugung haben. Nachäffen ist das natürlich noch nicht. Dazu würde auch gehört, dass wir uns lustig machen über die Andern. Und doch ist es nicht ganz ehrlich, wenn wir etwas nur der Andern weg tun.

Manchmal beim gemeinsamen Beten falte ich die Hände und schliesse die Augen, aber bin in Gedanken weit weg an einem anderen Ort. Oder ich stehe auf, wenn ich in einer Gruppe dazu aufgefordert werde, nur, um nicht als sitzender Drückeberger dazustehen.

Geht es dir auch manchmal so, dass du wegen der Andern Dinge tust, die du gar nicht tun willst? Oder gehörst du zu denen, die gerne auffallen, und es darum sowieso anders machen? Oder ist dir die Meinung der Andern egal?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 1. Januar 2025

Vertrauensvolle Ruhe

Ein Zitat

Ein Grünfink hat sich zum Schlafen ins Efeu gesetzt.
Foto © Jörg Niederer
"Wer spät zu Bett geht und früh heraus muss, weiß, woher das Wort Morgengrauen kommt." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - Psalm 62,6+7

"Bei Gott schweigt meine Seele still. Von ihm kommt die Hilfe, die ich nötig habe! Nur er ist mein Fels und meine Rettung – eine feste Burg, sodass ich nicht wanke."

Eine Anregung

Nein, mit dem kleinen schlafenden Grünfink will ich nicht sagen, dass man das nun anbrechende Jahr verschlafen soll. Es ist ganz anders. 

Als ich das Vögelchen fotografierte, stand ich nur etwa 1,5 Meter von ihm entfernt. Ein vorsichtiger Schritt, und ich hätte es ohne Anstrengung ergreifen können. Mitten am Tag schlief es seelenruhig, als könne ihm nichts geschehen, während ich dastand und staunte. Zwei, dreimal öffnete der Grünfink kurz die Augen, schaute mich an, und schlief weiter.

Dieses Vertrauen rührt mich sehr. So vertrauensvoll möchte ich ins neue Jahr gehen. Ob es wohl gelingt? Vielleicht helfen dazu die diesem Text vorangestellten Psalmworte.

Vertrauensvolle Ruhe, das wünsche ich euch und mir für das Jahr 2025.

Herzlich, Jörg Niederer

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen