Montag, 20. Februar 2023

Süsser die Glocken nie klingen...

Ein Zitat

Im Glockenturm der Kathedrale St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Jede Glocke hat ihren Klöppel." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Korinther 13,1

"Ich kann die Sprachen der Menschen sprechen und sogar die Sprachen der Engel. Wenn ich keine Liebe habe, bin ich wie ein dröhnender Gong oder ein schepperndes Becken."

Eine Anregung

Viele Kapellen und Kirchen der Schweiz werden umgenutzt. Siehe dazu den Beitrag vom 18. Februar. Auch der Glockenschlag von Kirchen steht unter Druck. Es kommt immer wieder vor, dass sich Anwohnerinnen und Anwohner beklagen, besonders dann, wenn auch in der Nacht die Zeit mit Glockenschlag angezeigt wird. Ich bin nahe an einer Kirche mit (auch nächtlichem) Viertelstundenschlag aufgewachsen. Hätten sie nicht mehr geschlagen, ich hätte den vertrauten Klang vermisst. 

In St. Gallen hat mit der Reformierten Kirche Heiligkreuz die letzte in der Kirchgemeinde Tablat-St. Gallen mit dem Glockenschlag in der Nacht aufgehört.

Das St. Galler Tagblatt erstellte kürzlich eine Übersicht, wie mit den Glockenschlag in der Stadt umgegangen wird. In zehn Kapellen und Kirchen schlagen die Glocken gar nicht mehr. In sieben Gotteshäusern erklingen nur tagsüber die Kirchenglocken. Aus weiteren 10 Kirchen und Kapellen ertönen die Glocken am Tag und in der Nacht. Sieben davon sind Römisch-katholische, die anderen drei Reformierte Kirchen. Zu nennen wären da etwa die Kathedrale, die Reformierte Kirche St. Laurenzen, die Wallfahrtskirche Heiligkreuz, die Katholische Kirche St. Fiden und die reformierten Kirche St. Mangen.

Wie wirkt auf dich der Glockenschlag? Sind es süsse Klänge, oder schlafraubende Donnerschläge?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 19. Februar 2023

Die theologische Bedeutung der Stube

Ein Zitat

Pilgerstube in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"In der Ruhe liegt die Kraft." Redensart

Ein Bibelvers - Psalm 27,4

"Ich hatte eine einzige Bitte an den Herrn. Nichts anderes wünsche ich mir: Ich möchte im Haus des Herrn sein alle Tage meines Lebens. Ich möchte die Schönheit des Herrn schauen und sie im Inneren seines Tempels betrachten."

Eine Anregung

Die Stube oder das Wohnzimmer steht für Erholung und freie Zeit. In der Stube kann ich in vertrauter Atmosphäre "auftanken". In der Stube kann ich tun und lassen, was ich will. Die Stube ist ein Freiraum, wie der Sonntag auch, der Ruhetag.

Von der Stube und ihrer theologischen Bedeutung erfährt man in der heutigen Predigt mehr, um 09.15 Uhr im Alters- und Pflegeheim Unteres Gremm in Teufen und um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen.

Es findet keine Übertragung der Predigt auf Youtube statt. Aber sowohl in Teufen wie auch in St. Gallen sind alle herzlich eingeladen, dem Gottesdienst beizuwohnen; fast wie in einer guten Stube.

An diesem Sonntag wird eine Kollekte für die Erdbebenopfer in Syrien und der Türkei erhoben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 18. Februar 2023

Alkoholverkauf in Kirche

Ein Zitat

Die einstige Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Schmiedrued AG (oben)
Foto © Jörg Niederer
"Allein in den Niederlanden wurden bereits über 2000 Kirchen umgenutzt oder verkauft." Aus einem Beitrag von ref.ch

Ein Bibelvers - Markus 1,21

"Jesus und seine Jünger kamen nach Kapernaum. Gleich am Sabbat ging Jesus in die Synagoge und lehrte."

Eine Anregung

Mit der zunehmenden Mobilität, aber noch mehr durch die zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft werden viele Gotteshäuser unrentabel und stehen zum Verkauf. Es stellt sich die Frage, was aus diesen Gebäuden werden soll. In einem Onlinebeitrag der Reformierten werden einige besonders kuriose oder bemerkenswerte Umnutzungen vorgestellt. Gasthäuser finden sich darunter, aber auch eine Bibliothek, ein Tanzclub oder eine Skateranlage. Ebenfalls erwähnt wird eine einstige Methodistenkirche im südenglischen Westbourne. Eine Supermarktkette führt darin nun ein Verkaufslokal. In der örtlichen Zeitung "Daily Echo" stand dazu: "John Wesley, der Begründer des Abstinenzler-Methodismus, dürfte sich im Grab umdrehen, wenn er bemerkt, dass nun in der ehemaligen methodistischen Kirche Alkohol verkauft wird." 

Zur Umnutzung von Kirchen in der Schweiz gibt es eine Datenbank der UNI Bern. In dieser sind auch zahlreiche methodistische Gotteshäuser aus der Schweiz erfasst. Allerdings sind viele Einträge nicht mehr aktuell und die Auswahl der erfassten Gotteshäuser ist recht lückenhaft.

Einige Beispiele von ungenutzten Kapellen, die nicht in der Datenbank zu finden sind: Es fehlt die Hölzlikapelle Rothrist (AG) (dort haben meine Frau und ich geheiratet). Heute ist sie eine private Loftwohnung. Genauso wurden auch die Kapellen in Teufen (AR), in Gontenschwil (AG) und in Mühlethal (AG) zu Wohnungen umgestaltet. Die methodistische Kapelle in Schmiedrued wurde von einem Harmoniensammler erworben. Eigentlich wollte er nur die 4-5 Harmonien kaufen, die sich dort angesammelt hatten. Doch dann erstand er gleich auch noch die Kapelle dazu, um daraus ein Harmonien-Museum zu machen. Das jedenfalls war die Absicht. Ob etwas daraus geworden ist, weiss ich nicht.

Für die Stadt St. Gallen finden sich fünf Einträge, darunter das Kloster St. Katharina und die Kirchen St. Leonhard und St. Mangen.

Wie ungenau die Daten sind, zeigt etwa der Eintrag zur methodistischen Friedenskirche in Bäretswil. Die Datenbank spricht vom Abriss der Kapelle. Doch genau das ist nicht geschehen. Aus Denkmalschutzgründen und bedingt durch die Statik wurde lediglich eine vorsichtige Umgestaltung der Innenräume verwirklicht,  und ein moderner Anbau dazu realisiert.

Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Einträge dieser Datenbank. Auf diesem Weg erfuhr ich, dass die ehemaligen Neuapostolischen Kirche in St. Gallen heute als Schulhaus der "Freien Stadtschulen AG" genutzt wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 17. Februar 2023

Die einzig echte Weltverschwörung

Ein Zitat

Hausspatzen sind überall. Hier in Zürich bewachen sie alle Schlüsselstellen der Macht.
Foto © Jörg Niederer
"Alle Berufe sind Verschwörungen gegen die Laien." George Bernard Shaw (1856-1950)

Ein Bibelvers - Matthäus 10,29

"Kann man nicht zwei Spatzen für eine Kupfermünze kaufen? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt."

Eine Anregung

Sie passen wunderbar in die Fastnachtszeit. Die Verschwörungsgläubigen, welche vor einigen Tagen in der Stadt St. Gallen auf den Spuren der Echsenmenschen waren.

Verschwörungen gibt es. Der Rütlischwur war zum Beispiel eine Verschwörung. Aber wer denkt, es gäbe Pharaonen-Echsen-Aliens, welche die Welt heimlich beherrschen, hat sich ganz schön verrannt. Solche Gestalten würden ja viel zu sehr auffallen. Nein, es ist viel perfider. Die Weltbeherrscher, das sind ganz unscheinbare Wesen, solche, die wir nie in Verdacht hätten. Ich weiss es, weil ich sie kenne. Es sind die Spatzen. Genauer: Die Haussperlinge. Sie sind überall und sie beobachten uns. Wir sind vor ihnen nicht sicher. Und wir entkommen ihnen bestimmt nicht. In ihren Knopfaugen sind kleine Videokameras versteckt. Alles, was wir tun, wird aufgezeichnet, und dann durch die Luft übertragen zu einem Heer von Weltraumspatzen, welche die Aufnahmen ausgewertet. Dann irgendeinmal wird es soweit sein. Dann zeigen diese vermeintlichen Vögelchen ihre wahre Fratze, dann werden sie die Weltherrschaft antreten, uns Menschen aus den Häusern vertreiben und in der Küche alles versch... – nein, nicht das was du jetzt denkst, im meinte "verschmutzen". Es ist übrigens noch schlimmer. Zwischenzeitlich haben diese Weltherrschaftsspatzen die Tauben zu ferngesteuerten Zombies gemacht. Darum sind immer auch Spatzen in der Nähe der Stadttauben.

Wir haben keine Chance mehr. Wir Menschen gehen unter, weil es die Spatzen so wollen. Du glaubst das alles nicht? Typisch. Die Wirklichkeit ist immer so unglaublich, dass man sie nicht wahrhaben will.

Tatsächlich ist das mit der Weltherrschaft der Spatzen natürlich totaler Unsinn. Und wäre es anders, wir würden dennoch die Ansicht vertreten, dass die Weltherrschaft der Spatzen totaler Unsinn sei. Also bitte das alles nicht weitererzählen. Ich wollte nur auch einmal eine Verschwörungstheorie aufstellen. (Das würde ich jetzt natürlich auch sagen, wenn ich mit den Weltherrschafts-Spatzen unter einer Decke stecken würde, was ich aber nicht tue, GANZ SICHER!)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 16. Februar 2023

Immer nur loben und danken

Ein Zitat

Seniorinnen aus der Methodistenkirche lassen sich von Frau Patricia Guggenheim in den jüdischen Glauben und die Architektur der Synagoge von St. Gallen einführen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin ein Gläubiger, der mit Gott ringt, wie Jakob in der Nacht, und wird angegriffen von einer Gestalt und ringt mit dieser Gestalt und wird verletzt, er hinkt danach. Ich hinke auch in meinem Glauben. Ich liebe die Atheisten, weil die wirklich mit Gott ringen. Die, die so sicher sind, da habe ich manchmal meine Bedenken." Tovia Ben-Chorin, verstorbener Rabbiner von St. Gallen

Ein Bibelvers - 2. Mose 3,13+14

"Mose antwortete Gott: 'Ich werde zu den Israeliten gehen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter schickt mich zu euch. Was ist, wenn sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen dann sagen?' Da sprach Gott zu Mose: 'Ich werde sein, der ich sein werde'. Das sollst du den Israeliten sagen: Der 'Ich-werde-sein' hat mich zu euch geschickt."

Eine Anregung

Die Synagoge in St. Gallen gehört zu den schönsten in der Bodenseeregion. Am Dienstag besuchten rund 30 Seniorinnen und Senioren aus den methodistischen Kirchen von Romanshorn, Weinfelden und St. Gallen das jüdische Gotteshaus und liessen sich auf Frau Patricia Guggenheims Ausführungen zur Architektur des 1881 erbauten Hauses und zum jüdischen Glauben ein. Daraus nur zwei Dinge, die mir besonders aufgefallen sind.

Frau Guggenheim teilte in humorvoller Weise mit, dass in den Sabbatfeiern in den Synagogen keine Bitten an Gott gerichtet werden. "An diesem Tag hat Gott frei", meinte sie, und fügte augenzwinkernd an: "Darum wird bei uns in den Versammlungen immer nur gelobt und gedankt".

Für viele erstaunlich war auch die starke Diesseitigkeit des jüdischen Glaubens. Patricia Guggenheim: "Der Glaube an einen Himmel macht bei uns nur so wenig aus" (sie bildete dabei mit Daumen und Zeigefinger einen Abstand von etwa 4 Zentimetern). Dann meinte sie: Es ist ja auch nicht verwunderlich, dass das Jenseitige so wenig Bedeutung hat. Wir Juden wissen ja nicht einmal wie Gottes Name lautet.

Gott, so Frau Guggenheim, sei als Kontinuum zu verstehen, als der, welcher war, welcher ist und welcher sein wird. Als solcher sei Gott in allem gegenwärtig, das uns begegnet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 15. Februar 2023

Eine Nacht allein beim lieben Gott

Ein Zitat

Im Münster zum Allerheiligen in Schaffhausen
Foto © Jörg Niederer
"Bei jeder Bewegung löst sich mein Schatten mehr von mir ab, tanzt mir voraus, zieht, zerrt, und klappt schliesslich in sich zusammen." Susanne Leuenberger über ihre Nacht allein im Zürcher Grossmünster.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 16,26

"Samuel aber legte sich im Tempel des Herrn hin, wo die Lade Gottes stand. Die Lampe Gottes brannte noch."

Eine Anregung

Eine Nacht allein im Museum, eine Nacht allen im Zoo, eine Nacht allein im Spukschloss, eine Nacht allein auf dem Friedhof, eine Nacht allein im Gefängnis, eine Nacht allein in der Steinzeithöhle, eine Nacht allein auf der Bahnhofsbank, eine Nacht allein auf dem Aussichtsturm; touristisch liesse sich so mancher Ort gut vermarkten. 

Warum also nicht auch eine Nacht allein in einer Kirche, einer Kapelle, einem Dom. Susanne Leuenberger tat genau das. Sie verbrachte eine Nacht im Grossmünster von Zürich, am Wirkort von Reformator Zwingli. Nur mit Offenheit und Schlafsack ausgerüstet hat sie sich in dieses Abenteuer gewagt, hat da geträumt, wo seit hunderten von Jahren Menschen ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Schläft man gut in Kirchen. Während Predigten kann das ja durchaus sein. Aber ganz allein in diesen riesigen Gewölben? Es wäre auszuprobieren. Wie übernachtet es sich in der Galluskrypta? Wie schläft es sich bei Anselm in der Kathedrale von Canterbury? Wie träumt man in den Sakralräumen der Chapelle du Valentin in Lausanne, der ältesten Methodistenkirche in der Schweiz?

Natürlich könnte man diese Geschäftsidee noch aufwerten, etwa durch das Sammeln von einsamen Nächten in Kirchen, festgehalten auf Trophy-Sammelkarten.

Also ich hätte schon Lust zu solch spirituellen Nächten in ausgesuchten Kirchen. Ob mich das allerdings auch zu einem besseren Menschen machen würde? Ob ich dann Gott besser hören könnte? Wer weiss?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 13. Februar 2023

Möwe fotografiert, Bildband erhalten

Ein Zitat

"AVES VÖGEL Charakterköpfe" ist ein aussergewöhnliches Buch mit Fotos von Tom Krausz und Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere Tierliebe gilt heute den Individuen; aber darauf können wir uns nichts einbilden, das geschieht aus der Not." Professor Dietmar Schmidt in: Tom Krausz, Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni, "AVES VÖGEL Charakterköpfe", München und Hamburg 2020, S. 15

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19+20a

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte. Also gab der Mensch ihnen Namen..."

Eine Anregung

Weil ich unter den vielen tausend Lachmöwen die eine entscheidende fotografierte, wurde mir als Preis ein besonders schönes Buch überreicht. Ich hatte also Glück, dass ich genau den richtigen Vogel ablichtete. Einmalig war dieser Moment auch weil ich dort in Zürich an der Sihl wohl kaum wieder sagen könnte, welche Lachmöwe es gewesen war, die mir nun Lese- und Sehvergnügen bereitet mit einem Buch, in dem zwar viele Vögel vorkommen, aber keine Lachmöwen. 

Gut, auch mit dieser Möwe hätte es nicht eine solche Wendung genommen, wäre sie nicht just im rechten Moment auf dem Kopf eines Mannes gestanden. Es wäre wohl auch anders herausgekommen, hätte dieser Kopf nicht einem bekannten Journalisten und Buchautor gehört, einem überaus kreativen Vogelliebhaber. Nichts wäre aus dem Buch geworden, wäre das Foto von Urs Heinz Aerni – so heisst dieser Journalist – mit der Möwe auf dem Kopf nicht in einer grossen Zürcher Zeitung erschienen, was wiederum eine kleine Kettenreaktion an Verdankungen auslöste, beim Journalisten mit Wein und bei mir mit dem Bildband von Portraits gefiederter Charakterköpfen. 

Ich bin fasziniert von Tom Krausz' Fotografien. Geniale Tiere, genial festgehalten. Physiognomien, Gesichtszüge von grosser Eindringlichkeit, nicht farbig schrill wie ein Teil der Vogelwelt, sondern in klassischem Schwarzweiss, so dass die Formen, der Blick, die Strukturen offensichtlich Verborgenes erkennbar hervortreten lassen. Zu jedem abgebildete Vogel gibt es Texte von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni. Diese haben es in sich, es geht augenzwinkernd und philosophisch zu, Schwarzweiss gedruckt und doch weit mehr als Licht und Schatten. 

Dann wäre da noch auf einer der ersten Seiten diese Buches ein biblischer Bezug in den Gedanken von Professor Dietmar Schmidt zu entdecken. Er schreibt vom "adamitischem Reflex". Gemeint ist die "...Szene, in der Adam, der erste Mensch, die Tiere um sich versammelt, um ihnen Namen zu geben - und um im Akt der Benennung seine Herrschaft über das Tierreich zu proklamieren".

Wir Menschen haben einen Drang, alles zu ordnen und zu benennen. Auch einige Vögel, die Raben etwa, können in ihrer Sprache uns Menschen als Gattung von andern Tieren unterscheiden. Selbst zwischen Mensch und Mensch differenzieren sie, erkennen Gesichter, ordnen den Individuen Eigenschaften zu. "Sie sehen uns an..." schreibt Elke Heidenreich als Allererstes im Buch.

Individualisierung: In einer Mail habe ich Urs Heinz Aerni gefragt, ob die Möwe ihn schon vor dem Foto gekannt habe. Er antwortete (augenzwinkernd?): "...ja, der Vogel heißt Eduard".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Solidarität mit den Erdbebenopfer in Syrien und der Türkei

Ein Zitat

Muslimischer Friedhof in der Türkei
Foto © Jörg Niederer
Angesichts der Erdbebenkatastrophe in Syrien und der Türkei rufen wir mit Dr. Jerry Pillay, Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen dazu auf, "inmitten des Todes und des Traumas den Gott des Lebens zu bitten, dass ER diejenigen tröstet, die ihre Angehörigen verloren haben, und denjenigen Kraft gibt, die sich an den Solidaritätsaktionen mit den Opfern beteiligen".

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 16,26

"Plötzlich gab es ein starkes Erdbeben, das die Fundamente des Gefängnisses erschütterte. Da sprangen alle Türen auf, und die Ketten fielen von den Gefangenen ab."

Eine Anregung

Die Kirchenleitung der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz hat in diesen Tage dazu aufgerufen, eine Kollekte für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Syrien und der Türkei einzulegen. In St. Gallen und Weinfelden werden wir dies in den Gottesdiensten des nächsten Sonntags so tun.

Nach Syrien gibt es gute Verbindungen durch Connexio und das in der Schweiz lebende Pfarrehepaar Rami Ziadeh und Anna Shammas. Anna Shammas berichtet hier in einem kurzen Videobeitrag über die Situation vor Ort. Gespendet werden kann jederzeit auf der Webseite von Connexio.

Auch zum Gebet sind alle aufgefordert, etwa mit den folgenden Worten von Pfarrer Graham Thompson, Präsidenten der Methodistenkirche in Grossbritannien: 

"Gott der Zeit und des Raumes, wir rufen zu dir für deine Kinder - unsere Nachbarn - in der Südtürkei und in Nordsyrien, nach dem Erdbeben, das Tausende von Menschenleben vernichtet hat. Nur die Betroffenen und du wissen, wie es ist, ein solches Trauma mitten in der Nacht zu erleben.

Wir danken dir für die Hilfe, die bereits geleistet wird, und für die Hilfszusagen, die von vielen Nationen gemacht wurden.

Wir bitten dich, tröste alle, die in eingestürzten Gebäuden eingeschlossen sind; die geliebte Menschen verloren haben; die auf Nachrichten warten oder die sich durch die Trümmer wühlen, um andere zu retten.

Gewähre die Gabe der Hoffnung, damit diejenigen, die zwischen Leben und Tod schweben, gewiss werden, dass du bei ihnen bist und dass andere bereit sind, sie zu unterstützen, wenn sie eine Zukunft suchen, die die Erfahrungen von heute überwindet.

Wir bitten dich darum im Namen Jesu, der aus Liebe zu ihnen so viel ertragen hat.

Amen"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Sonntag, 12. Februar 2023

Durch die Tür

Ein Zitat

Kirchentür an der Wallfahrtskirche Maria Dreibrunnen in Bronschhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann." Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein Bibelvers - Johannes 10,9

Jesus "Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird hinein- und hinausgehen und eine gute Weide finden."

Eine Anregung

Eine Tür ist das, was beim Betreten eines Gebäudes als Erstes ins Auge sticht.

Von Türen handelt die heutige Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Damit wird eine Reihe fortgesetzt, welche vor zwei Wochen mit Gedanken zum Esszimmer begonnen haben. Wie sieht ein Haus, eine Wohnung aus, in der die Prinzipien gelten, welche durch Jesus Christus bekannt sind?

Du bist herzlich eingeladen, die Tür an der Kapellenstrasse 6 zu durchschreiten, und am Gottesdienst mit Abendmahl über das Thema "Haustür" teilzunehmen. Der Anlass beginnt um 10.15 Uhr. Ab 10.30 Uhr kann die Predigt auch auf Youtube angesehen werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 11. Februar 2023

Abschied und Erinnerung

Ein Zitat

Teil des Stammes einer 320-jährigen Stieleiche. Zu finden auf dem Cholfirst nahe Schaffhausen.
Foto © Jörg Niederer
"Zu fällen einen schönen Baum / braucht's eine halbe Stunde kaum. / Zu wachsen, bis man ihn bewundert, / braucht er, bedenk es, ein Jahrhundert." Eugen Roth (1895-1976)

Ein Bibelvers - Psalm 103,2

"Lobe den Herrn, meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat!"

Eine Anregung

Oben auf dem Cholfirst, dem Hügelzug, welcher sich von Schaffhausen nach Wildensbuch hinzieht, waren Waldarbeiter zugegen. Lärmende Motorsägen kündeten den Tod von Bäumen. Krachend knallten diese auf den Waldboden.

Was da umgetan wurde, hatte sein Nutzholzalter erreicht. Keiner dieser Bäume konnte aber auf so viele Jahre zurückblicken, wie ein Stieleiche, die vor ca. 380 Jahren in Marthalen einer Eichel entspross, und nicht mehr aufhörte zu wachsen, bis sie 1970 gefällt wurde. Ein Stück des Stammes liegt nun ausgestellt am Waldweg zwischen dem Fernsehturm und dem Hochwachtturm Wildensbuch. (Der Hügelzug weisst gleich drei Aussichttürme auf. Zu den beiden genannten hinzu kommt auch noch der Aussichtsturm Hörnli oberhalb von Uhwisen.) Ein Recke von einem Baum war das, gepflanzt kurz vor Ende des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648). Nun ist er eine hölzerne Reliquie, Rest eines staunenswerten Grossereignisses. Auch wenn Bäume sehr alt werden können, ewig leben auch sie nicht. Irgendeinmal ist es zu Ende. 

Da oben beim Baumrelikt dachte ich an einen guten Bekannten, dessen Fotografien seit knapp einem Jahr bei uns in der Methodistenkirche St. Gallen hängen, der vor drei Tagen seinen irdischen Lauf im Alter von 70 Jahren beendet hatte. Ich bin traurig, das Peter Frei nun nicht mehr hier ist. Doch gut, dass er voll Hoffnung und überzeugt von der Liebe Gottes gehen durfte. 

Wir denken heute besonders an seine Familie und alle, die ihn vermissen. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 10. Februar 2023

Vorurteile

Ein Zitat

Carl Roesch (1884-1979) aus Diessenhofen erstellte diese beiden Keramikportraits "Kopf eines Bauern" und "Kopf einer Bäuerin" im Jahr 1935.
Foto © Jörg Niederer
"Herr gib mir Geduld, aber bitte sofort." Aufschrift auf einer Bank in der Münsterkirche Schaffhausen

Ein Bibelvers - Römer 2,11

"Denn Gott richtet ohne Ansehen der Person."

Eine Anregung

Unter die Keramikportraits hat jemand die Namen "Abdi" und "Karuf" geschrieben. Namen, die in arabischen Ländern gebräuchlich sind. So sehen die Bäuerin und der Bauer auch aus. Fremde, Migranten, was weiss ich.

Doch die Keramikportraits sind nicht auf dem Balkan, nicht in Afrika oder Asien entstanden. Es sind wohl Personen aus dem Tessin, abgebildet im Jahr 1935 vom Künstler Carl Roesch (1884-1979) aus Diessenhofen. Entdecken kann man die beiden Werke im Durchgang zum Kräutergarten des Museums Allerheiligen in Schaffhausen. 

So leicht kann der äussere Eindruck gepaart mit Vorurteilen auf eine falsche Fährte führen.

Ich will heute allen Menschen, die ich treffe, unvoreingenommen begegnen. Ich werde keine Etiketten verteilen, niemanden schubladisieren. Genau das will ich - wenigsten versuchen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 9. Februar 2023

Predigende Cowboys

Ein Zitat

Gemälde von John Wesley, wie es in der Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Zürich hängt.
Foto © Jörg Niederer
"Herr, bewahre die Kirche davor, dass sie Kirchenbänke, Chöre, Orgeln oder Instrumentalmusik und ein Gemeindeamt haben will, wie andere weltlich gesinnte Kirchen um sie herum!" Peter Cartwright (1785-1872), berühmter methodistische Circuit Rider

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 13,4-6a

"Der Heilige Geist schickte Barnabas und Saulus auf den Weg. Sie reisten nach Seleukia. Von dort fuhren sie mit dem Schiff nach Zypern weiter. In Salamis angekommen, verkündeten sie das Wort Gottes in den jüdischen Synagogen. Als Helfer hatten sie noch Johannes bei sich. Dann reisten sie über die ganze Insel bis nach Paphos."

Eine Anregung

In der Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche besteigt John Wesley schon seit Jahren ein Pferd. Jedes Mal, wenn ich an diesem Gemälde vorbei die Treppe hochsteige, denke ich, jetzt sollte er dann einmal oben ankommen, um dieser eher unbequemen Haltung zu entgehen.

Und nun auch noch das. Eine Frau erzählt mit Wesley-Perücke, Talar und Pferd von den Circuit-Ridern. Die Frau heisst Madeline White und ist verantwortlich für die Kommunikation der Jährlichen Konferenz von Virginia, USA.

Was sie in einem sehenswerten Videobeitrag erzählt, ist durchaus interessant. Es geht um die Zeit ab Ende des 17. Jahrhundert, als methodistische Prediger die USA auf dem Rücken der Pferde bereisten und die Menschen für Christus zu gewinnen versuchten.

So erfährt man im Video, dass das am Film beteiligte Pferd Jimmy heisst (Ich weiss, das ist nicht so wichtig aber nett). Weiter erklärt uns Madeline White, dass die Circuit Rider massgeblich dazu beigetragen haben, dass die Methodisten zur grössten Glaubensrichtung in den USA wurden. Circuits bestanden aus zwei oder mehr Kirchen, welche von den berittenen Pfarrern im Auftrag ihrer Kirche reihum jährlich besucht wurden. Dabei versuchten sie auch neue Gemeinden zu gründen, predigten im Freien oder auch in Privathäusern.

Zu sehen sind im Video historische Fotos von solchen Predigern. Viel Reisegepäck hatten diese nicht dabei, da sie sozusagen "auf den Pferden" lebten. Bibel, Gesangbuch und Gebetsbuch in "Taschenbuchversionen" waren aber immer mit dabei. Zudem erfuhren durch die Circuit Rider Menschen am Ende der neuen Welt, was alles auf der Erde und in ihrem Land geschah.

Heute gibt es die Circuits oder Bezirke immer noch, und sie werden noch immer von Pfarrpersonen bedient, die von Bischöfinnen und Bischöfen dorthin gesandt werden. Das dazu nötige Reisen geschieht natürlich nicht mehr auf Pferderücken.

Übrigens: John Wesley war vom Reiten sehr überzeugt. Als er gefragt wurde, ob er sich auch vorstellen könne, zu Fuss zu gehen statt zu reiten, meinte er kurz und knapp: "Nein".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 8. Februar 2023

Wutort Bahnhof

Ein Zitat

Der Bahnhof Stadelhofen ausserhalb der Berufsverkehr-Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen." Kurt Tucholsky (1890-1935)

Ein Bibelvers - Matthäus 21,12

"In Jerusalem ging Jesus in den Tempel. Er jagte alle Leute hinaus, die im Tempel etwas verkauften oder kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um."

Eine Anregung

Der Ort, von dem die meisten aggressive Kurznachrichten (Tweets) abgesetzt werden, ist der Bahnhof. Auch auf Brücken und an Bushaltestellen neigen Menschen zu virtuellen Wutausbrüchen. Das ergab ein Forschungsprojekt des Kyoto Institute of Technology in den Städten London und San Francisco. Dass gerade Bahnhöfe und Busstationen Orte von Frust-Tweets sind, könnte mit Verspätungen von Zug, Tram und Bus zusammenhängen. Warum aber Brücken zu den Ärger-Hotspots gehören, ist weitgehend unklar.

Nun könnte dies in der Schweiz ja ganz anders sein. Vielleicht wüten bei uns die Menschen eher in grosser Höhe auf aperen Skipisten, oder in überfüllten Restaurants. Vielleicht kommen sie in Kirchen in Rage (das ist gar nicht so abwegig, ist doch Jesus selbst im Tempel besonders wütend geworden), beim Fahrradfahren, oder auf Autobahnen im Feierabendverkehr? Denn bei uns sind die öffentlichen Verkehrsmittel sauber und pünktlich (wenigstens pünktlicher als an den meisten anderen Orten auf der Welt). Folglich gibt es wenig Grund für getippte Wutausbrüche auf Bahnhöfen.

Wo gehst du mit deiner Wut hin? Gibt es Orte, wo dich der Frust garantiert überfällt und nicht mehr loslässt?

Aber auch: Wo bist du ganz und gar glücklich, ausgeglichen und in jeder Hinsicht dankbar?

Darüber denke ich heute einmal nach. Vielleicht besuche ich dazu einen Bahnhof... Dann höre ich mir wieder einmal das Mani-Matter-Lied von den Bahnhöfen an, an denen der Zug jeweils schon abgefahren ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Februar 2023

Vogel auf dem Kopf

Ein Zitat

Eine Möwe an der Sihl in Zürich lässt sich auf dem Kopf von Urs Heinz Aerni nieder.
Foto © Jörg Niederer
"Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern." Martin Luther

Ein Bibelvers - 5. Mose 22,6+7

"Folgender Fall: Du bist unterwegs und findest ein Vogelnest, sei es auf einem Baum oder in einem Erdloch. In diesem Nest liegen Küken oder Eier und die Vogelmutter sitzt auf den Küken oder den Eiern. Dann darfst du nicht beide zusammen herausnehmen, die Mutter und die Küken! Lass die Vogelmutter unbedingt fliegen! Nur ihre Jungen kannst du dir nehmen. Dann wird es dir gut gehen und du wirst ein langes Leben haben."

Eine Anregung

Erst fiel mir der seltsam geformte Rollkoffer auf, der bei jedem kleinen Absätzchen gefährlich ins Schlingern kam. Wahrscheinlich ein Geschenk von der Ehefrau, dachte ich mir, darum muss er das unpraktische Ding jetzt hinter sich herziehen. An der Sihl strebte er dem Ufer zu, stütze sich aufs Geländer und schaute hinunter zum Wasser.

Abgelenkt verlor ich ihn einen Augenblick aus den Augen und folgte dem Flug einer Lachmöwe. Sie landete keinen Meter weit weg vom Mann auf dem Geländer. Weitere Lachmöwen in ihren hellen Winterkleider reihten sich auf, flankierten den Mann. Dann setzte sich doch tatsächlich eine der Möwen ohne Scheu auf dessen Kopf, flog wieder auf und stellte sich erneut in die ergrauten Haare. Ich fotografierte die aussergewöhnliche Szene mit dem Mobiltelefon, worauf mir der Mann seine Telefonnummer zurief und um die Bilder bat.

Auf WhatsApp erfuhr ich dann mehr. Sein Bildchen neben dem Namen war eine schöne Zeichnung mit einem Mann, auf dessen Kopf ein Vogel Platz genommen hatte. Ich staune!

Stöbernd auf des Mannes Webseite wird mir bewusst, dass ich nicht nur einige schräge, zutrauliche Vögel abgelichtet habe, sondern auch einen richtigen Tausendsassa. Urs Heinz Aerni war einst unterwegs als Störbuchhändler und in dieser Funktion Gast bei Aeschbacher. Er beschreibt sich als Journalist, Kommunikationsberater, Texter, ist an einer Agentur für Kulturschaffende beteiligt. Der 1962 in Baden geborene  Hobby-Ornithologe kann für Vogelspaziergänge gebucht werden, philosophiert darüber, ob Vögeln trauern oder lügen, ist beteiligt am Buch "Aves / Vögel - Charakterköpfe", tritt mit bekannten Persönlichkeiten wie Hanspeter Müller-Drossart und Mona Vetsch auf, gibt Magazine und Bücher heraus, und, und, und... 

Ich bin fasziniert... von den zutraulichen Möwen ebenso wie von Urs Heinz Aerni.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. Februar 2023

Gnadenraum

Ein Zitat

Raubwürger auf der Allmend Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Der Einsatz für den Schutz des Klimas, der Kampf gegen Armut und die Arbeit für den Frieden ist nicht der Feind der Gnade Gottes, sondern der Raum, in dem sich die Gnade Gottes offenbart." Christoph Sigrist, Pfarrer im Grossmünster Zürich

Ein Bibelvers - Psalm 8,7

"Die Werke deiner [Gottes] Hände hast du ihm [dem Menschen ] anvertraut. Alles hast du ihm zu Füßen gelegt..."

Eine Anregung

Christoph Blocher soll bei einem Interview mit der NZZ gesagt haben: "Die wichtigsten Ereignisse, die Geburt und der Tod, liegen nicht in unserer Hand. Wann es eine Apokalypse gibt, entscheiden nicht wir." Folglich sei alles Gnade.

Wer jedoch aus solchen Aussagen ableitet, dass man gegen die Zerstörung der Welt nichts tun könne und folglich auch nichts tun solle, sagt nur die halbe Wahrheit. Christoph Sigrist, Pfarrer im Grossmünster Zürich erinnert in einem Beitrag an die Aussage von Psalm 8,7 und hält fest: "'Es ist alles Gottes Gnade' das heisst: Geburt und Tod liegen in Gottes Hand. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. 'Alles ist dem Menschen unter die Füsse gelegt' (Psalm 8,7) heisst aber: Die Verantwortung gegenüber allen Leben, das geboren wird und stirbt, liegt in der Hand des Menschen. Das ist die andere Hälfte der Wahrheit." Anders gesagt: Dass wir auf dieser Erde leben können, verdanken wir Gott. Wie diese Erde aber aussieht, hat viel damit zu tun, wie wir mit ihr umgehen.

Für mich ist der Raubwürger (siehe Foto!) ein Beispiel dafür, wie wir Menschen die Lebensräume je nachdem lebensförderlich oder lebensfeindlich gestalten. Noch vor 40 Jahren brütete dieser hübsche, amselgrosse Vogel auf den naturbelassenen Wiesen in den Dornenhecken. Wie der Neuntöter erbeutete er Insekten und kleine Säuger und spiesste sie als Vorrat auf Dornen auf. Heute ist er nur noch Wintergast. Die intensive Landwirtschaft hat ihm den Lebensraum weitgehend genommen. Auf der Allmend in Frauenfeld findet er noch ein winterliches Auskommen. So sieht man ihn dort über den Wiesen rüttelnd in der Luft stehen oder von einem Pfosten, einem hohen Strauch, nach Beute Ausschau halten.

Dass so viele Vögel bei uns verschwinden, ist nicht Schicksal, sondern menschgewollt. Was wir Menschen dabei zerstören, können wir nicht Gott anlasten, auch nicht fatalistisch seiner freien Gnade, seinem freien Willen. Wir gestalten die Erde, auf der wir leben.

Dazu erinnert Christoph Sigrist auch an ein Glaubensbekenntnis aus Indonesien. Darin heisst es: "Ich glaube an Gott, der Liebe ist und der die Erde allen Menschen anvertraut hat... Ich glaube an die Macht der Gewaltlosigkeit, an die schöpferische Geistkraft Gottes, die den Frieden verheißt und will, dass alle Menschen das Leben haben und es in Fülle haben."

Mich erinnert dieses Bekenntnis stark an das Soziale Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche, in dem es heisst: "Wir bezeugen, dass die natürliche Welt Gottes Schöpfungswerk ist. Wir wollen sie schützen und verantwortungsvoll nutzen." Und im dazugehörigen Wechselgebet heisst es: "Dies ist der Tag: Gott sorgt sich um die Bewahrung der Schöpfung, will Heilung und Heil allen Lebens und weint über die Ausbeutung der Erde. Und wir mit Gott."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. Februar 2023

Klopfgeräusche

Ein Zitat

Ein Schwarzspecht fliegt weiter zum nächsten Baum.
Foto © Jörg Niederer
"Sogar der Specht verdankt seinen Erfolg der Tatsache, dass er seinen Kopf benutzt." Woody Allen

Ein Bibelvers - Matthäus 7,7

Jesus: "Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch aufgemacht!"

Eine Anregung

Ein Schwarzspecht macht den Abflug, nachdem er zuvor heftig das Holz beklopfte. Der grosse Vogel hat Power. Wenn er hämmert, klingt das weiter und lauter als etwas beim Buntsprecht.

Mir ist heute, als ich ihn so ausdauernd klopfen hörte, ein Kanon in den Sinn gekommen, den wir in der Sonntagschule sangen und zu Hause jeweils auf einer Langspielplatte anhören durften. Der einfache Text ist von Jesus. Vieles daran wurde fürs Lied nicht verändert.

Zu meinem Erstaunen habe ich dieses Lied, gesungen vom Wetzlarer Kinderchor, auf Youtube gefunden. Auch für meine heutigen Ohren (es sind ja immer noch die selben!) klingt es immer noch so süss. Ein Sonntagslied.

Heute um 10.15 Uhr findet ein Lobpreis- und Anbetungsgottesdienst in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen statt. Der Gottesdienst wird nicht online übertragen. Aber ihr alle seid herzlich vor Ort willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 4. Februar 2023

Die kalte Pracht

Ein Zitat

Der Alpstein, vom Hohen Kasten aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Nur immer rein in die gute Stube." Redensart

Ein Bibelvers - Sirach 43,1+2

"Wie herrlich ist der Himmel anzuschauen! Wie klar und prachtvoll ist sein Gewölbe! Die Sonne verkündet’s bei ihrem Aufgang. Wie bewundernswert ist dieses Gestirn, das Gott, der Höchste, geschaffen hat!"

Eine Anregung

Spiralförmig reihen sich markante Erhebungen vom Hohen Kasten, wo das Foto entstanden, zum Säntis und weiter: Glogger, Hüser, Hochhus, die zackigen Chrüzbärge, Ruchbühl, Altmann, Säntis, Schäfler und die Ebenalp mit dem weltberühmten Äscher. Ist es nicht eine wahre, kalte Pracht. Winter, wie man ihn sich wünscht. 

Hätte jemand vor ein-, zweihundert Jahren von "kalter Pracht" gesprochen, hätte er oder sie dabei etwas ganz anderes gemeint. Es wäre um die "gute Stube" gegangen, ein nicht bewohntes, unbeheiztes Zimmer in einer Bürgerwohnung oder einem Bauernhaus. Dieses Zimmer war besonders nobel und schön eingerichtet, eben prachtvoll, und bestimmt, um Besucherinnen und Gäste zu empfangen. Nur für solche besonderen Anlässe wurde der Raum beheizt. Sonst war er eben die "kalte Pracht"

Noch weiter zurück verstand man unter Pracht (mittelhochdeutsch "braht") Lärm. Wahrigs Herkunftswörterbuch stellt eine Verwandtschaft zum lateinischen Wort "suffragium", "Beifall" fest. Dann würde es bei "Pracht" um einen positiven, zustimmenden Lärm gehen, etwa so, wie Neal Dimanond im Hit "What a beautiful noise, coming up from the street..." (Welch schöner Lärm klingt von der Strasse herauf) aus dem Jahr 1976 von spielenden Kindern und brummenden Autos singt.

Kein Wunder, hat "Pracht" für uns eine zustimmende Bedeutung. Auch wenn wir mit "kalter Pracht" längst schon eine stille und eindrückliche Winterlandschaft beschrieben, und nicht mehr eine unbeheizte gute Stube.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. Februar 2023

Fliegende Meerjungfrauen und ein nackter Tschütteler

Ein Zitat

Skulptur an der Hauptpost der Stadt St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Die Post ist die Trösterin des Lebens, denn sie verwandelt Abwesende in Gegenwärtige." Voltaire (1694-1778)

Ein Bibelvers - Römer 16,22

"Ich, Tertius, grüße euch ebenfalls. Ich habe diesen Brief im Dienst des Herrn für Paulus niedergeschrieben."

Eine Anregung

Ich habe mich redlich bemüht, den Sinn herauszufinden. Erfolgreich war ich nicht. Es ist ein bisschen so, wie bei Paracelsus. Er schriebe in logischen Sätzen, aber inhaltlich bleibt er unverständlich bis mehrdeutig.

Aber zur Sache. Die von 1911-1915 im Jugendstil erbaute Hauptpost in St. Gallen weist eine Reihe von Steinmetzarbeiten auf, darunter auch die abgebildete Skulptur. Drei Meerjungfrauen mit Engelsflügeln tragen eine grosse Kugel. Dazwischen finden sich zwei Knaben, der eine mit einem Fussball (?), der andere mit einem posthornähnlichen Blasinstrument.

Das muss ja – habe ich mir gedacht – irgendetwas mit der Post zu tun haben. Es erinnert mich ein bisschen an das Weltpostdenkmal in Bern. Aber dann doch wieder nicht. Erst dachte ich an Engel, aber was soll der schneckenförmig aufgerollte Schwanz der Wesen?

Weil sich zu diesem Kunstwerk wirklich kaum etwas finden lässt im weltweiten Web, nicht einmal ein Foto gibt es davon (bis jetzt!!), darf ich wohl einfach ein wenig spekulieren.

Die Post liefert in die ganze Welt. Das könnte mit der grossen Kugel zuoberst dargestellt sein. Die Post tut dies zu Luft und zu Wasser. Darum diese zwitterhaften Engelswesen; oder sind es Meerjungfrauen? Der nackte Junge rechts bläst wohl in ein Posthorn. 

Nun wird es schwierig. Was bitte schön hat ein nackter Fussballer mit der Post zu tun. Ist es, weil die Mannschaft des FC St. Gallens einst mit dem Postauto zu den Auswärtsspielen reiste? War der Sohn des Posthalters ein Tschütteler? Testete die Post die Beförderung der Briefpost in Fussbällen, die von Briefträger zu Briefträger gespielt wurden? Und waren die Briefträger damals wirklich nackt? Fragen über Fragen! 

Es könnte aber auch eine in Stein gemeisselte Prophezeiung sein auf den Jahre später beliebten FC Sangalle-Fussballer Tranquillo Barnetta. Ein bisschen gleicht der Junge mit dem Ball ja auch diesem herausragenden Mittelstürmer. (Ich meine bei der Ähnlichkeit natürlich die Gesichtszüge und nicht den Körperbau.)

Die Skulptur bleibt für mich ein Stein mit sieben Siegeln. Wenn mir diesbezüglich niemand auf die Sprünge hilft, werde ich mir wohl ab jetzt jeden Morgen, wenn ich vom Bahnhof St. Gallen zur Hauptpost hinüberschaue, den Kopf zerbrechen, was Barnetta und die drei hübschen Unterwasserengel miteinander zu tun haben. Also: Bitte befreit mich aus dieser Amphibolie!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. Februar 2023

Eiskalt und ewig.

Ein Zitat

Baumpilze in einen Mantel aus Eis.
Foto © Jörg Niederer
"Ich werde noch lange als Wiederholung weiterleben." Ruedi Carrell (1934-2006), Niederländischer Showmaster

Ein Bibelvers - 1. Johannes 5,11+12

"Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben bekommen wir durch seinen Sohn. Wer mit dem Sohn verbunden ist, hat das Leben bekommen. Wer nicht mit dem Sohn Gottes verbunden ist, hat auch das Leben nicht bekommen."

Eine Anregung

An einem Baum haben Wasser und Kälte die Pilze mit einem Eismantel überzogen. Im Obst- und Weinbau lässt man die Blüten genauso künstlich mit einem Eispanzer überziehen, um die Pflanzen vor Frost zu schützen.

Dieses Konservierungsverfahren hilft einigen Tieren auch durch den Winter. Zitronenfalter und nordamerikanische Waldfrösche lassen sich einfrieren, ebenso einige Fische und sogar Alligatoren. Letztere halten dabei die Schnauze mit den Nasenlöcher über die Eisdecke, um weiteratmen zu können.

Was bei Tieren funktioniert, teils weil sie ein Frostschutzmittel im Blut haben, klappt bei Menschen nicht. Zwar lassen einige ihren Kopf oder den ganzen Körper nach dem Tod für viel Geld tieffrieren, in der Hoffnung, dass sie in naher oder ferner Zukunft wieder ins Leben zurückgeholt werden können.

Ewiges Leben durch Kryokonservierung ist eine sehr unsichere Sache. Ewiges Leben durch Vertrauen in Jesus Christus ist eine weitere Option. Auch dabei ist viel Glauben im Spiel. So soll es auch sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. Februar 2023

Wer ist Schöpfungsleiter?

Ein Zitat

Gerade Schilfhalme verwandelt der spiegelnde Zürichsee in faszinierende Wellenlinien.
Foto © Jörg Niederer
"Wir bezeugen, dass die natürliche Welt Gottes Schöfpungswerk ist. Wir wollen sie schützen und verantwortungsvoll nutzen. Wir stehen ein für das Recht und die Pflicht aller Menschen zum Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft beizutragen." Aus dem Sozialen Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Lukas 21,25+26

Jesus: "Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. Auf der Erde werden die Völker zittern. Sie werden weder aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen. Die Menschen werden vor Angst vergehen. Sie warten auf die Ereignisse, die über die ganze Welt hereinbrechen werden. Denn sogar die Mächte des Himmels werden erschüttert werden."

Eine Anregung

"Das kann doch nur Gott sein", war mein erster Gedanke, als ich die E-Mail-Adresse schoepfungsleiter@emk.de sah. Schöpfungsleiter; wer sonst könnte zu Recht diesen Titel für sich in Anspruch nehmen. Hatte ich in den Tiefen des weltweiten Internets endlich doch noch eine E-Mail-Adresse von Gott gefunden?

Doch dann wurde mir klar: Das richtige Fragewort zu "Schöpfungsleiter" ist nicht "wer?" sondern "was?". Was ist die Schöpfungsleiter? Antwort gibt eine Webseite. Da heisst es: "Die SchöpfungsLEITER ist ein ökofaires Zertifizierungsprogramm, das Kirchengemeinden, Institutionen und Einrichtungen helfen soll, ihre Arbeit vor Ort schöpfungsgemäß weiterzuentwickeln."

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die Schöpfungsleiter hilft über neuen Sprossen zu den drei Themenbereichen "Bibel, Gemeinde, Welt" hinweg die kirchliche Arbeit so zu gestalten, dass sie umweltverträglicher wird. Dazu gibt es Anregungen, Materialien und Beratungen durch eine Fachstelle.

Theologisch wird die Schöpfungsleiter mit Bezug auf das Soziale Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche (Siehe oben beim Zitat!) so beschrieben: "Ökofaire Zertifizierungen, die mit vielen Tabellen, Auswertungen und Aktionen arbeiten, gibt es schon. Das Programm der SchöpfungsLEITER setzt deshalb bewusst bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem persönlichen Glauben und der eigenen Gottesbeziehung an. Umweltschutz soll in der Beziehung zu Gott und seinem Auftrag für die Gestaltung und Bewahrung Schöpfung erkannt werden."

Ich bin sicher, dem obersten Schöpfungsleiter gefällt diese Schöpfungsleiter. Mir jedenfalls macht sie Mut, als Christ der Umwelt und den Menschen immer sorgfältiger und sorgtragender zu begegnen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde