Donnerstag, 9. Februar 2023

Predigende Cowboys

Ein Zitat

Gemälde von John Wesley, wie es in der Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Zürich hängt.
Foto © Jörg Niederer
"Herr, bewahre die Kirche davor, dass sie Kirchenbänke, Chöre, Orgeln oder Instrumentalmusik und ein Gemeindeamt haben will, wie andere weltlich gesinnte Kirchen um sie herum!" Peter Cartwright (1785-1872), berühmter methodistische Circuit Rider

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 13,4-6a

"Der Heilige Geist schickte Barnabas und Saulus auf den Weg. Sie reisten nach Seleukia. Von dort fuhren sie mit dem Schiff nach Zypern weiter. In Salamis angekommen, verkündeten sie das Wort Gottes in den jüdischen Synagogen. Als Helfer hatten sie noch Johannes bei sich. Dann reisten sie über die ganze Insel bis nach Paphos."

Eine Anregung

In der Zentralverwaltung der Evangelisch-methodistischen Kirche besteigt John Wesley schon seit Jahren ein Pferd. Jedes Mal, wenn ich an diesem Gemälde vorbei die Treppe hochsteige, denke ich, jetzt sollte er dann einmal oben ankommen, um dieser eher unbequemen Haltung zu entgehen.

Und nun auch noch das. Eine Frau erzählt mit Wesley-Perücke, Talar und Pferd von den Circuit-Ridern. Die Frau heisst Madeline White und ist verantwortlich für die Kommunikation der Jährlichen Konferenz von Virginia, USA.

Was sie in einem sehenswerten Videobeitrag erzählt, ist durchaus interessant. Es geht um die Zeit ab Ende des 17. Jahrhundert, als methodistische Prediger die USA auf dem Rücken der Pferde bereisten und die Menschen für Christus zu gewinnen versuchten.

So erfährt man im Video, dass das am Film beteiligte Pferd Jimmy heisst (Ich weiss, das ist nicht so wichtig aber nett). Weiter erklärt uns Madeline White, dass die Circuit Rider massgeblich dazu beigetragen haben, dass die Methodisten zur grössten Glaubensrichtung in den USA wurden. Circuits bestanden aus zwei oder mehr Kirchen, welche von den berittenen Pfarrern im Auftrag ihrer Kirche reihum jährlich besucht wurden. Dabei versuchten sie auch neue Gemeinden zu gründen, predigten im Freien oder auch in Privathäusern.

Zu sehen sind im Video historische Fotos von solchen Predigern. Viel Reisegepäck hatten diese nicht dabei, da sie sozusagen "auf den Pferden" lebten. Bibel, Gesangbuch und Gebetsbuch in "Taschenbuchversionen" waren aber immer mit dabei. Zudem erfuhren durch die Circuit Rider Menschen am Ende der neuen Welt, was alles auf der Erde und in ihrem Land geschah.

Heute gibt es die Circuits oder Bezirke immer noch, und sie werden noch immer von Pfarrpersonen bedient, die von Bischöfinnen und Bischöfen dorthin gesandt werden. Das dazu nötige Reisen geschieht natürlich nicht mehr auf Pferderücken.

Übrigens: John Wesley war vom Reiten sehr überzeugt. Als er gefragt wurde, ob er sich auch vorstellen könne, zu Fuss zu gehen statt zu reiten, meinte er kurz und knapp: "Nein".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 8. Februar 2023

Wutort Bahnhof

Ein Zitat

Der Bahnhof Stadelhofen ausserhalb der Berufsverkehr-Zeiten.
Foto © Jörg Niederer
"Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen." Kurt Tucholsky (1890-1935)

Ein Bibelvers - Matthäus 21,12

"In Jerusalem ging Jesus in den Tempel. Er jagte alle Leute hinaus, die im Tempel etwas verkauften oder kauften. Die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer stieß er um."

Eine Anregung

Der Ort, von dem die meisten aggressive Kurznachrichten (Tweets) abgesetzt werden, ist der Bahnhof. Auch auf Brücken und an Bushaltestellen neigen Menschen zu virtuellen Wutausbrüchen. Das ergab ein Forschungsprojekt des Kyoto Institute of Technology in den Städten London und San Francisco. Dass gerade Bahnhöfe und Busstationen Orte von Frust-Tweets sind, könnte mit Verspätungen von Zug, Tram und Bus zusammenhängen. Warum aber Brücken zu den Ärger-Hotspots gehören, ist weitgehend unklar.

Nun könnte dies in der Schweiz ja ganz anders sein. Vielleicht wüten bei uns die Menschen eher in grosser Höhe auf aperen Skipisten, oder in überfüllten Restaurants. Vielleicht kommen sie in Kirchen in Rage (das ist gar nicht so abwegig, ist doch Jesus selbst im Tempel besonders wütend geworden), beim Fahrradfahren, oder auf Autobahnen im Feierabendverkehr? Denn bei uns sind die öffentlichen Verkehrsmittel sauber und pünktlich (wenigstens pünktlicher als an den meisten anderen Orten auf der Welt). Folglich gibt es wenig Grund für getippte Wutausbrüche auf Bahnhöfen.

Wo gehst du mit deiner Wut hin? Gibt es Orte, wo dich der Frust garantiert überfällt und nicht mehr loslässt?

Aber auch: Wo bist du ganz und gar glücklich, ausgeglichen und in jeder Hinsicht dankbar?

Darüber denke ich heute einmal nach. Vielleicht besuche ich dazu einen Bahnhof... Dann höre ich mir wieder einmal das Mani-Matter-Lied von den Bahnhöfen an, an denen der Zug jeweils schon abgefahren ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Februar 2023

Vogel auf dem Kopf

Ein Zitat

Eine Möwe an der Sihl in Zürich lässt sich auf dem Kopf von Urs Heinz Aerni nieder.
Foto © Jörg Niederer
"Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern." Martin Luther

Ein Bibelvers - 5. Mose 22,6+7

"Folgender Fall: Du bist unterwegs und findest ein Vogelnest, sei es auf einem Baum oder in einem Erdloch. In diesem Nest liegen Küken oder Eier und die Vogelmutter sitzt auf den Küken oder den Eiern. Dann darfst du nicht beide zusammen herausnehmen, die Mutter und die Küken! Lass die Vogelmutter unbedingt fliegen! Nur ihre Jungen kannst du dir nehmen. Dann wird es dir gut gehen und du wirst ein langes Leben haben."

Eine Anregung

Erst fiel mir der seltsam geformte Rollkoffer auf, der bei jedem kleinen Absätzchen gefährlich ins Schlingern kam. Wahrscheinlich ein Geschenk von der Ehefrau, dachte ich mir, darum muss er das unpraktische Ding jetzt hinter sich herziehen. An der Sihl strebte er dem Ufer zu, stütze sich aufs Geländer und schaute hinunter zum Wasser.

Abgelenkt verlor ich ihn einen Augenblick aus den Augen und folgte dem Flug einer Lachmöwe. Sie landete keinen Meter weit weg vom Mann auf dem Geländer. Weitere Lachmöwen in ihren hellen Winterkleider reihten sich auf, flankierten den Mann. Dann setzte sich doch tatsächlich eine der Möwen ohne Scheu auf dessen Kopf, flog wieder auf und stellte sich erneut in die ergrauten Haare. Ich fotografierte die aussergewöhnliche Szene mit dem Mobiltelefon, worauf mir der Mann seine Telefonnummer zurief und um die Bilder bat.

Auf WhatsApp erfuhr ich dann mehr. Sein Bildchen neben dem Namen war eine schöne Zeichnung mit einem Mann, auf dessen Kopf ein Vogel Platz genommen hatte. Ich staune!

Stöbernd auf des Mannes Webseite wird mir bewusst, dass ich nicht nur einige schräge, zutrauliche Vögel abgelichtet habe, sondern auch einen richtigen Tausendsassa. Urs Heinz Aerni war einst unterwegs als Störbuchhändler und in dieser Funktion Gast bei Aeschbacher. Er beschreibt sich als Journalist, Kommunikationsberater, Texter, ist an einer Agentur für Kulturschaffende beteiligt. Der 1962 in Baden geborene  Hobby-Ornithologe kann für Vogelspaziergänge gebucht werden, philosophiert darüber, ob Vögeln trauern oder lügen, ist beteiligt am Buch "Aves / Vögel - Charakterköpfe", tritt mit bekannten Persönlichkeiten wie Hanspeter Müller-Drossart und Mona Vetsch auf, gibt Magazine und Bücher heraus, und, und, und... 

Ich bin fasziniert... von den zutraulichen Möwen ebenso wie von Urs Heinz Aerni.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. Februar 2023

Gnadenraum

Ein Zitat

Raubwürger auf der Allmend Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Der Einsatz für den Schutz des Klimas, der Kampf gegen Armut und die Arbeit für den Frieden ist nicht der Feind der Gnade Gottes, sondern der Raum, in dem sich die Gnade Gottes offenbart." Christoph Sigrist, Pfarrer im Grossmünster Zürich

Ein Bibelvers - Psalm 8,7

"Die Werke deiner [Gottes] Hände hast du ihm [dem Menschen ] anvertraut. Alles hast du ihm zu Füßen gelegt..."

Eine Anregung

Christoph Blocher soll bei einem Interview mit der NZZ gesagt haben: "Die wichtigsten Ereignisse, die Geburt und der Tod, liegen nicht in unserer Hand. Wann es eine Apokalypse gibt, entscheiden nicht wir." Folglich sei alles Gnade.

Wer jedoch aus solchen Aussagen ableitet, dass man gegen die Zerstörung der Welt nichts tun könne und folglich auch nichts tun solle, sagt nur die halbe Wahrheit. Christoph Sigrist, Pfarrer im Grossmünster Zürich erinnert in einem Beitrag an die Aussage von Psalm 8,7 und hält fest: "'Es ist alles Gottes Gnade' das heisst: Geburt und Tod liegen in Gottes Hand. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit. 'Alles ist dem Menschen unter die Füsse gelegt' (Psalm 8,7) heisst aber: Die Verantwortung gegenüber allen Leben, das geboren wird und stirbt, liegt in der Hand des Menschen. Das ist die andere Hälfte der Wahrheit." Anders gesagt: Dass wir auf dieser Erde leben können, verdanken wir Gott. Wie diese Erde aber aussieht, hat viel damit zu tun, wie wir mit ihr umgehen.

Für mich ist der Raubwürger (siehe Foto!) ein Beispiel dafür, wie wir Menschen die Lebensräume je nachdem lebensförderlich oder lebensfeindlich gestalten. Noch vor 40 Jahren brütete dieser hübsche, amselgrosse Vogel auf den naturbelassenen Wiesen in den Dornenhecken. Wie der Neuntöter erbeutete er Insekten und kleine Säuger und spiesste sie als Vorrat auf Dornen auf. Heute ist er nur noch Wintergast. Die intensive Landwirtschaft hat ihm den Lebensraum weitgehend genommen. Auf der Allmend in Frauenfeld findet er noch ein winterliches Auskommen. So sieht man ihn dort über den Wiesen rüttelnd in der Luft stehen oder von einem Pfosten, einem hohen Strauch, nach Beute Ausschau halten.

Dass so viele Vögel bei uns verschwinden, ist nicht Schicksal, sondern menschgewollt. Was wir Menschen dabei zerstören, können wir nicht Gott anlasten, auch nicht fatalistisch seiner freien Gnade, seinem freien Willen. Wir gestalten die Erde, auf der wir leben.

Dazu erinnert Christoph Sigrist auch an ein Glaubensbekenntnis aus Indonesien. Darin heisst es: "Ich glaube an Gott, der Liebe ist und der die Erde allen Menschen anvertraut hat... Ich glaube an die Macht der Gewaltlosigkeit, an die schöpferische Geistkraft Gottes, die den Frieden verheißt und will, dass alle Menschen das Leben haben und es in Fülle haben."

Mich erinnert dieses Bekenntnis stark an das Soziale Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche, in dem es heisst: "Wir bezeugen, dass die natürliche Welt Gottes Schöpfungswerk ist. Wir wollen sie schützen und verantwortungsvoll nutzen." Und im dazugehörigen Wechselgebet heisst es: "Dies ist der Tag: Gott sorgt sich um die Bewahrung der Schöpfung, will Heilung und Heil allen Lebens und weint über die Ausbeutung der Erde. Und wir mit Gott."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. Februar 2023

Klopfgeräusche

Ein Zitat

Ein Schwarzspecht fliegt weiter zum nächsten Baum.
Foto © Jörg Niederer
"Sogar der Specht verdankt seinen Erfolg der Tatsache, dass er seinen Kopf benutzt." Woody Allen

Ein Bibelvers - Matthäus 7,7

Jesus: "Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch aufgemacht!"

Eine Anregung

Ein Schwarzspecht macht den Abflug, nachdem er zuvor heftig das Holz beklopfte. Der grosse Vogel hat Power. Wenn er hämmert, klingt das weiter und lauter als etwas beim Buntsprecht.

Mir ist heute, als ich ihn so ausdauernd klopfen hörte, ein Kanon in den Sinn gekommen, den wir in der Sonntagschule sangen und zu Hause jeweils auf einer Langspielplatte anhören durften. Der einfache Text ist von Jesus. Vieles daran wurde fürs Lied nicht verändert.

Zu meinem Erstaunen habe ich dieses Lied, gesungen vom Wetzlarer Kinderchor, auf Youtube gefunden. Auch für meine heutigen Ohren (es sind ja immer noch die selben!) klingt es immer noch so süss. Ein Sonntagslied.

Heute um 10.15 Uhr findet ein Lobpreis- und Anbetungsgottesdienst in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen statt. Der Gottesdienst wird nicht online übertragen. Aber ihr alle seid herzlich vor Ort willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 4. Februar 2023

Die kalte Pracht

Ein Zitat

Der Alpstein, vom Hohen Kasten aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Nur immer rein in die gute Stube." Redensart

Ein Bibelvers - Sirach 43,1+2

"Wie herrlich ist der Himmel anzuschauen! Wie klar und prachtvoll ist sein Gewölbe! Die Sonne verkündet’s bei ihrem Aufgang. Wie bewundernswert ist dieses Gestirn, das Gott, der Höchste, geschaffen hat!"

Eine Anregung

Spiralförmig reihen sich markante Erhebungen vom Hohen Kasten, wo das Foto entstanden, zum Säntis und weiter: Glogger, Hüser, Hochhus, die zackigen Chrüzbärge, Ruchbühl, Altmann, Säntis, Schäfler und die Ebenalp mit dem weltberühmten Äscher. Ist es nicht eine wahre, kalte Pracht. Winter, wie man ihn sich wünscht. 

Hätte jemand vor ein-, zweihundert Jahren von "kalter Pracht" gesprochen, hätte er oder sie dabei etwas ganz anderes gemeint. Es wäre um die "gute Stube" gegangen, ein nicht bewohntes, unbeheiztes Zimmer in einer Bürgerwohnung oder einem Bauernhaus. Dieses Zimmer war besonders nobel und schön eingerichtet, eben prachtvoll, und bestimmt, um Besucherinnen und Gäste zu empfangen. Nur für solche besonderen Anlässe wurde der Raum beheizt. Sonst war er eben die "kalte Pracht"

Noch weiter zurück verstand man unter Pracht (mittelhochdeutsch "braht") Lärm. Wahrigs Herkunftswörterbuch stellt eine Verwandtschaft zum lateinischen Wort "suffragium", "Beifall" fest. Dann würde es bei "Pracht" um einen positiven, zustimmenden Lärm gehen, etwa so, wie Neal Dimanond im Hit "What a beautiful noise, coming up from the street..." (Welch schöner Lärm klingt von der Strasse herauf) aus dem Jahr 1976 von spielenden Kindern und brummenden Autos singt.

Kein Wunder, hat "Pracht" für uns eine zustimmende Bedeutung. Auch wenn wir mit "kalter Pracht" längst schon eine stille und eindrückliche Winterlandschaft beschrieben, und nicht mehr eine unbeheizte gute Stube.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. Februar 2023

Fliegende Meerjungfrauen und ein nackter Tschütteler

Ein Zitat

Skulptur an der Hauptpost der Stadt St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Die Post ist die Trösterin des Lebens, denn sie verwandelt Abwesende in Gegenwärtige." Voltaire (1694-1778)

Ein Bibelvers - Römer 16,22

"Ich, Tertius, grüße euch ebenfalls. Ich habe diesen Brief im Dienst des Herrn für Paulus niedergeschrieben."

Eine Anregung

Ich habe mich redlich bemüht, den Sinn herauszufinden. Erfolgreich war ich nicht. Es ist ein bisschen so, wie bei Paracelsus. Er schriebe in logischen Sätzen, aber inhaltlich bleibt er unverständlich bis mehrdeutig.

Aber zur Sache. Die von 1911-1915 im Jugendstil erbaute Hauptpost in St. Gallen weist eine Reihe von Steinmetzarbeiten auf, darunter auch die abgebildete Skulptur. Drei Meerjungfrauen mit Engelsflügeln tragen eine grosse Kugel. Dazwischen finden sich zwei Knaben, der eine mit einem Fussball (?), der andere mit einem posthornähnlichen Blasinstrument.

Das muss ja – habe ich mir gedacht – irgendetwas mit der Post zu tun haben. Es erinnert mich ein bisschen an das Weltpostdenkmal in Bern. Aber dann doch wieder nicht. Erst dachte ich an Engel, aber was soll der schneckenförmig aufgerollte Schwanz der Wesen?

Weil sich zu diesem Kunstwerk wirklich kaum etwas finden lässt im weltweiten Web, nicht einmal ein Foto gibt es davon (bis jetzt!!), darf ich wohl einfach ein wenig spekulieren.

Die Post liefert in die ganze Welt. Das könnte mit der grossen Kugel zuoberst dargestellt sein. Die Post tut dies zu Luft und zu Wasser. Darum diese zwitterhaften Engelswesen; oder sind es Meerjungfrauen? Der nackte Junge rechts bläst wohl in ein Posthorn. 

Nun wird es schwierig. Was bitte schön hat ein nackter Fussballer mit der Post zu tun. Ist es, weil die Mannschaft des FC St. Gallens einst mit dem Postauto zu den Auswärtsspielen reiste? War der Sohn des Posthalters ein Tschütteler? Testete die Post die Beförderung der Briefpost in Fussbällen, die von Briefträger zu Briefträger gespielt wurden? Und waren die Briefträger damals wirklich nackt? Fragen über Fragen! 

Es könnte aber auch eine in Stein gemeisselte Prophezeiung sein auf den Jahre später beliebten FC Sangalle-Fussballer Tranquillo Barnetta. Ein bisschen gleicht der Junge mit dem Ball ja auch diesem herausragenden Mittelstürmer. (Ich meine bei der Ähnlichkeit natürlich die Gesichtszüge und nicht den Körperbau.)

Die Skulptur bleibt für mich ein Stein mit sieben Siegeln. Wenn mir diesbezüglich niemand auf die Sprünge hilft, werde ich mir wohl ab jetzt jeden Morgen, wenn ich vom Bahnhof St. Gallen zur Hauptpost hinüberschaue, den Kopf zerbrechen, was Barnetta und die drei hübschen Unterwasserengel miteinander zu tun haben. Also: Bitte befreit mich aus dieser Amphibolie!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. Februar 2023

Eiskalt und ewig.

Ein Zitat

Baumpilze in einen Mantel aus Eis.
Foto © Jörg Niederer
"Ich werde noch lange als Wiederholung weiterleben." Ruedi Carrell (1934-2006), Niederländischer Showmaster

Ein Bibelvers - 1. Johannes 5,11+12

"Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben bekommen wir durch seinen Sohn. Wer mit dem Sohn verbunden ist, hat das Leben bekommen. Wer nicht mit dem Sohn Gottes verbunden ist, hat auch das Leben nicht bekommen."

Eine Anregung

An einem Baum haben Wasser und Kälte die Pilze mit einem Eismantel überzogen. Im Obst- und Weinbau lässt man die Blüten genauso künstlich mit einem Eispanzer überziehen, um die Pflanzen vor Frost zu schützen.

Dieses Konservierungsverfahren hilft einigen Tieren auch durch den Winter. Zitronenfalter und nordamerikanische Waldfrösche lassen sich einfrieren, ebenso einige Fische und sogar Alligatoren. Letztere halten dabei die Schnauze mit den Nasenlöcher über die Eisdecke, um weiteratmen zu können.

Was bei Tieren funktioniert, teils weil sie ein Frostschutzmittel im Blut haben, klappt bei Menschen nicht. Zwar lassen einige ihren Kopf oder den ganzen Körper nach dem Tod für viel Geld tieffrieren, in der Hoffnung, dass sie in naher oder ferner Zukunft wieder ins Leben zurückgeholt werden können.

Ewiges Leben durch Kryokonservierung ist eine sehr unsichere Sache. Ewiges Leben durch Vertrauen in Jesus Christus ist eine weitere Option. Auch dabei ist viel Glauben im Spiel. So soll es auch sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 1. Februar 2023

Wer ist Schöpfungsleiter?

Ein Zitat

Gerade Schilfhalme verwandelt der spiegelnde Zürichsee in faszinierende Wellenlinien.
Foto © Jörg Niederer
"Wir bezeugen, dass die natürliche Welt Gottes Schöfpungswerk ist. Wir wollen sie schützen und verantwortungsvoll nutzen. Wir stehen ein für das Recht und die Pflicht aller Menschen zum Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft beizutragen." Aus dem Sozialen Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Lukas 21,25+26

Jesus: "Zeichen werden zu sehen sein an der Sonne, dem Mond und den Sternen. Auf der Erde werden die Völker zittern. Sie werden weder aus noch ein wissen vor dem tosenden Meer und seinen Wellen. Die Menschen werden vor Angst vergehen. Sie warten auf die Ereignisse, die über die ganze Welt hereinbrechen werden. Denn sogar die Mächte des Himmels werden erschüttert werden."

Eine Anregung

"Das kann doch nur Gott sein", war mein erster Gedanke, als ich die E-Mail-Adresse schoepfungsleiter@emk.de sah. Schöpfungsleiter; wer sonst könnte zu Recht diesen Titel für sich in Anspruch nehmen. Hatte ich in den Tiefen des weltweiten Internets endlich doch noch eine E-Mail-Adresse von Gott gefunden?

Doch dann wurde mir klar: Das richtige Fragewort zu "Schöpfungsleiter" ist nicht "wer?" sondern "was?". Was ist die Schöpfungsleiter? Antwort gibt eine Webseite. Da heisst es: "Die SchöpfungsLEITER ist ein ökofaires Zertifizierungsprogramm, das Kirchengemeinden, Institutionen und Einrichtungen helfen soll, ihre Arbeit vor Ort schöpfungsgemäß weiterzuentwickeln."

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die Schöpfungsleiter hilft über neuen Sprossen zu den drei Themenbereichen "Bibel, Gemeinde, Welt" hinweg die kirchliche Arbeit so zu gestalten, dass sie umweltverträglicher wird. Dazu gibt es Anregungen, Materialien und Beratungen durch eine Fachstelle.

Theologisch wird die Schöpfungsleiter mit Bezug auf das Soziale Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche (Siehe oben beim Zitat!) so beschrieben: "Ökofaire Zertifizierungen, die mit vielen Tabellen, Auswertungen und Aktionen arbeiten, gibt es schon. Das Programm der SchöpfungsLEITER setzt deshalb bewusst bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem persönlichen Glauben und der eigenen Gottesbeziehung an. Umweltschutz soll in der Beziehung zu Gott und seinem Auftrag für die Gestaltung und Bewahrung Schöpfung erkannt werden."

Ich bin sicher, dem obersten Schöpfungsleiter gefällt diese Schöpfungsleiter. Mir jedenfalls macht sie Mut, als Christ der Umwelt und den Menschen immer sorgfältiger und sorgtragender zu begegnen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 31. Januar 2023

Kommt zu Tisch und feiert!

Ein Zitat

Für eine gute Tischgemeinschaft braucht es nicht viel. Und teuer muss es auch nicht sein. Mittagessen während einer Schulung in der Methodistenkirche Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Kommt zu Tisch! Feiert, lacht, freut euch! Gott ist mit uns!" Markus Jung, Methodistischer Superintendent vom Distrikt Nürnberg

Ein Bibelvers - Matthäus 9,13

Jesus: "Überlegt doch einmal, was es bedeutet, wenn Gott sagt: 'Barmherzigkeit will ich und keine Opfer!' Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder."

Eine Anregung

Die Evangelisch-methodistische Kirche Deutschland veröffentlicht jeweils einen "Impuls zur Woche". In diesen Tagen kommt der Impuls von einem Mann, mit dem ich schon auf den Jakobsweg war. Nun, zusammen sind wir nicht weit gekommen. Gerade einmal von St. Gallen nach Herisau. Markus Jung, Superintendent vom Distrikt Nürnberg und seine Partnerin sind dann noch weitergezogen. Auch ich bin später den gleichen Weg auch noch weitergepilgert.

Markus Jung schreibt über die Tischgemeinschaft, und wie sie uns Jesus vorlebte. Das war immer wieder eine offene Runde, an der Menschen ohne Ansehen der Person teilnehmen konnten. Ich finde seine Gedanken lesenswert. Und auch die Gebetsanliegen werden mich diesen Tag begleiten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 30. Januar 2023

Entsorgungseinrichtungen

Ein Zitat

In einer Kirche liegen der Gebetstraum und die Toilette direkt nebeneinander. Entsorgungsstellen auf die eine oder andere Weise.
Foto © Jörg Niederer
"Ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einung der Unterschied der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer Person und einer Hypostase vereinigt." Lehrgrundlage der orthodoxen, der katholischen, der anglikanischen und der protestantischen Kirchen seit dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451.

Ein Bibelvers - Lukas 2,7

"Maria brachte ihren ersten Sohn zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe. Denn sie hatten in der Herberge keinen Platz gefunden."

Eine Anregung

Die Raumzuordnung ist gelegentlich Inspiration für Fantasie und philosophische Gedanken. So, wenn der Gebetsraum in einer Kirche direkt neben der Toilette zu finden ist. Beides auf die eine oder andere Art Entsorgungseinrichtungen. Am einem Ort sitzt man vor dem Thron des Höchsten, am andern auf dem "Thron" des kleine Mannes, der kleinen Frau. Das eine mal entledigt man sich materieller Sorgen, das andere Mal bringt man Sorgen im Gespräch vor Gott. Erleichterung ist in beiden Fällen zu erwarten. Unterschiedlich gehandhabt werden sollte eine Mehrfachnutzung der Räume. Während Gebete auf dem stillen Örtchen keine Probleme verursacht – im Gegenteil, sollte im Raum der Stille diese Doppelnutzung möglichst vermieden werden.

Während im einen Raum mit Jesu Anwesenheit gerechnet wird, bringt man das Klo nicht in Verbindung mit Gottes Sohn (abgesehen davon, dass in Letzterem in christlichen Familie oft religiöse Sprüche und Zeitschriften zu finden sind). Bei Dorothee Sölle las ich von den frühen Kirchenvätern, dass einige von ihnen die Meinung vertraten, dass Jesus, der Sohn Gottes, nicht von menschlichen Gefühlen wie Leiden geplagt worden sei, entgegen dem, was die Evangelien über ihn an menschlichen Regungen wie Hunger, Durst, Angst, Liebe und Zorn aufzählen. Klemens von Alexandrien (ca. 150-215) war sogar der Meinung, dass Jesus keine Verdauung und Ausscheidung der Speisen kannte.

Das göttliche Kind, "in Windeln gewickelt" (Lukas 2,12) mag als romantische Weihnachtsvorstellung angehen, doch über den periodisch anfallenden Inhalt von göttlichen Windeln will man nicht zu sehr nachdenken. Bis heute fällt es vielen Menschen schwer, die "Zwei-Naturen-Lehre", also die Lehre, dass Jesus "wahrer Mensch und wahrer Gott" ist (festgeschrieben 451 auf dem Konzil von Chalcedon), so zu verstehen, dass Jesus beides war: ganz menschlich und ganz göttlich. Etwa banal gesagt: Viele können sich Jesus Christus gut auf dem Thron Gottes vorstellen, aber nur schwerlich auf der Toilette.

Wie geht es dir mit der Vorstellung, dass Jesus all die körperlichen Regungen gehabt hat, die du peinlichst vor der Öffentlichkeit verbirgst? Oder anders gefragt: Glaubst du, dass Gott in Jesus Christus ganz Mensch geworden ist?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 29. Januar 2023

Corona lässt grüssen

Ein Zitat

Der Abendmahlstisch an der Distriktstagung der Evangelisch-methodistischen Kirchen Nordostschweiz in Klingenberg.
Foto © Jörg Niederer
Normalität ist, wenn du beim Wort "Corona" an ein Bier denkst.

Ein Bibelvers - Lukas 24,30+31

"Später ließ er [Jesus] sich mit ihnen [zwei Jüngern] zum Essen nieder. Er nahm das Brot, dankte Gott, brach das Brot in Stücke und gab es ihnen. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, und sie erkannten ihn."

Eine Anregung

In diesen Tagen höre ich immer wieder eine ganz bestimmten Einleitung: "Nach drei Jahren zum ersten Mal wieder...", heisst es dann, könne der Anlass XY wieder stattfinden. Corona lässt grüssen. Gestern am der Distriktstagung der Methodistinnen und Methodisten aus der Nordostschweiz forderte der Distriktsvorsteher Serge Frutiger die Anwesenden auf, sich beim Segen an den Händen zu halten. "Das darf man ja jetzt wieder..." meinte er. Corona lässt grüssen. In Weinfelden haben die Verantwortlichen gerade entschieden, Abendmahl wieder so durchzuführen wie vor der Pandemie. Corona lässt grüssen. Kaum ein Anlass, an dem nicht in der einen oder andern Art an die vergangene Zeit der Pandemiebekämpfung erinnert wird. Damit zeigt sich deutlich, dass wir noch nicht in der Normalität angekommen sind. Corona ist nicht mehr die alles bestimmende Krankheit, aber sie lebt immer noch weiter in unseren Köpfen und bestimmt weiterhin unser Denken. 

Ich freue mich schon auf die Zeit, in der Corona auch weitgehend aus unserer Rhetorik verschwunden sein wird, und das Selbstverständliche wieder ganz selbstverständlich ist. Ob dann die Sonntagsgottesdienste, die in der Pandemiezeit selbst dann stattfinden konnte, als viele anderen Freizeitaktivitäten ruhen mussten..., ob dann diese Sonntagsgottesdienste wieder zu den exotischen Nischenprogrammen einiger weniger Frommen werden? 

Heute wird es in der Methodistenkirche St. Gallen keine Youtube-Übertragung des Gottesdienstes geben. Ein bisschen so, wie noch vor der Coronazeit. Wer also dabei sein möchte, sollte um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 vorbeischauen. Es geht um die Tischgemeinschaft, also um "Gemeinschaft", und nicht um Isolation. Corona lässt grüssen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 28. Januar 2023

Lachen über Tiere

Ein Zitat

Graugänse dösen auf einem Bein im Wasser vor sich hin.
Foto © Jörg Niederer
Wer blau ist, steckt meist tief in der Tinte.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 20,9+10

"In der Fensteröffnung saß ein junger Mann namens Eutychus. Als Paulus so lange sprach, wurde er vom Schlaf übermannt. Er stürzte im Schlaf aus dem dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot. Paulus ging hinab. Er warf sich über ihn, nahm ihn in die Arme und sagte: 'Beruhigt euch – er lebt noch!'"

Eine Anregung

Die Graugänse haben sich zum Schlafen an einen sicheren Ort neben dem Aarekanal am Neuenburgersee zurückgezogen. Für Betrachtende sieht es lustig aus, wie sie auf einem Bein im Wasser stehend vor sich hindösen. Ob es bei den Gänsen Rechtsfüssler und Linksfüsser gibt? Indem sie ein Bein anziehen und den kälteempfindlichen Kopf unter das Gefieder stecken, halten sie sich warm. 

Aus Sicht von uns Menschen können Tiere recht komisch und lustig wirken. Jährlich beteiligen sich daher Naturfotografinnen und Naturfotografen an einem Wettbewerb: der Comedy Wildlife Photography Awards ist immer wieder Quelle für Freude und Glück. Zu entdecken gibt es Kurioses aus der Tierwelt. 

Mir scheint, eines der stärksten Argumente für einen Schöpfergott ist dessen Schalk, den wir in diese wunderbaren Geschöpfe entdecken können. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 27. Januar 2023

Von der Dummheit und dem Verrat

Ein Zitat

Turm des Verrats (ganz rechts) in der Stadtmauer von Estavayer-le-Lac.
Foto © Jörg Niederer
Heere verheeren verheerend.

Ein Bibelvers - 1. Samuel 24,2+3

"Als Saul von der Verfolgung der Philister zurückkam, erreichte ihn die Nachricht: 'Pass auf, David ist jetzt in der Gegend von En-Gedi!' Da nahm Saul 3000 Mann mit sich, es waren die besten Soldaten aus ganz Israel. Mit ihnen machte er sich auf die Suche nach David, der mit seinen Leuten bei den Steinbock-Felsen war."

Eine Anregung

Die Geschichte wiederholt sich. In frühen Zeiten der Eidgenossenschaft verstand man sich gut mit den Burgundern und bezog das lebenswichtige Salz aus deren Salinen von Salins. (Da denke ich doch gleich an das russische Gas!). Noch am am 22. Mai 1467 besiegelten die Eidgenossen mit Herzog Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen einen Freundschaftsvertrag. Doch dann verbündete sich der Burgunderherzog Karl am 9. Mai 1469 im Vertrag von Saint-Omer (Da kam ich auf meiner Reise zu Fuss von Frauenfeld nach London vorbei) mit den Österreichern gegen die Eidgenossen. Darauf schlossen die Eidgenossen 1470 mit dem Hauptgegner der Burgunder, dem französischen König Ludwig XI., einen Neutralitätspakt.

Durch die Hinrichtung eines burgundischen Landvogts brach 1474 der Burgunderkrieg im Elsass aus. 1476 belagerten die Burgunder die Stadt Murten. Doch die vereinten Streitkräfte der Eidgenossen bezwangen in der Schlacht zu Murten am 22. Juni 1476 das feindliche Heer. Ein Jahr später endeten dann die Burgunderkriege mit kompromissreichen Friedensschlüssen und Landabtretungen.

In Estavayer-le-Lac am Neuenburgersee erinnert der "Turm des Verrats" an diese Wirren. Auf der Fotografie ist er ganz rechts zu sehen. Jedoch ist es nicht mehr der originale Turm aus dem Jahr 1475, als die Eidgenossen die Stadt eroberten. Dass der Turm so heisst, ist mit einer sagenhaften Überlieferung verbunden. So sollen die Wächter auf dem Turm, mutlos geworden unter den Angriffen der Eidgenossen, panikartig den Turm verlassen haben. Dabei vergassen sie die zur Flucht benutzte Strickleiter einzuholen. Nun hatten die Eidgenossen ein leichtes Spiel, drangen über diesen Turm in die Stadt ein, plünderten sie und besetzten das Schloss. 

Verrat spielt in den biblischen Texten oft eine Rolle. Der berühmteste Verrat ist dabei zweifellos der von Judas Iskariot, der Jesus den jüdischen Behörden auslieferte.

Unser Verständnis von Verrat beinhaltet bewusstes Handeln gegen die Interessen der befreundeten oder verbündeten Menschen. So gesehen war der Verrat von Estavayer-le-Lac wohl eher ein Akt der Feigheit oder Dummheit. 

Nun frage ich mich: Was kommt in meinem Leben und Handeln öfters vor: Feigheit, Dummheit oder Verrat?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 26. Januar 2023

Fernsehkrimis unter Beobachtung

Ein Zitat

Polizeikotrolle 2011 in Balzers
Foto © Jörg Niederer
"Die schlimmste Kriminalstatistik gab es zu Kains Zeiten; auf einen Schlag löschte der Bursche ein Viertel der Menschheit aus." Gabriel Laub (1928-1998)

Ein Bibelvers - 2. Samuel 12,9+10

Natan zu König David: "Warum hast du das Wort des Herrn verachtet? Warum hast du getan, was er verurteilt: Den Hetiter Urija hast du mit dem Schwert getötet und dann seine Frau geheiratet. Ja, du hast ihn durch das Schwert der Ammoniter aus dem Weg geräumt. So soll jetzt das Schwert für alle Zeit gegen dein Haus gerichtet sein..."

Eine Anregung

Das ganze Fernsehprogramm ist eine nicht enden wollende Abfolge von Krimis. Dabei geht es um Gerechtigkeit und Spannung, um ein sofagestütztes Schaudern vor den menschlichen Abgründen, und der etwas naiven Litanei, dass schon alles gut kommt, selbst wenn am Ende alle tot sind. 

Nach jahrelangem Krimikonsum sind mir einige Dinge aufgefallen, die in diesem Chambre immer wieder vorkommen. Hier eine ungeordnete Auswahl: 

  1. In jedem Krimi sagt eine Fahnderin oder ein Polizist den Satz: "Wir stellen hier die Fragen."
  2. Kein Fahnder fühlt sich in seiner Arbeit befangen, selbst wenn der eigene Sohn oder die Mutter verdächtigt wird.
  3. Wird ein Polizist suspendiert, macht er privat trotzdem weiter.
  4. Kommissare entlassen sich nach Verletzungen immer vorzeitig und immer gegen den Willen der Ärzte aus dem Spital.
  5. Ein Wachmann vor dem Spitalzimmer ist kein Hindernis.
  6. Die lokale Kriminalpolizei und das Sondereinsatzkommando harmonieren nie gut zusammen.
  7. Bedroht eine Täterin eine Geisel, legen die Polizisten jeweils die Waffen auf den Boden, um die Situation zu beruhigen.
  8. Bei Entführungen gehen Angehörigen nie von sich aus zu Polizei.
  9. Ist Gift im Spiel, riecht es immer nach Bittermandeln.
  10. Ein von Fahndern zu Fuss Verfolgter rennt jeweils so davon, dass er einem gemütlich wartenden Polizei in die Arme läuft.
  11. Die Polizisten dringen mit der Begründung "Gefahr in Verzug" und ohne Durchsuchungsbefehl in jeder Gebäude ein.
  12. Jede Polizistin und jeder Polizist kann ganz locker jedes Haustürschloss mit zwei Sicherheitsnadeln aufbrechen.
  13. Ist der Täter noch im Haus, wird der ihn suchende Polizist über kurz oder lang niedergeschlagen.
  14. Wenn ein Fall zu einfach gelöst wurde, ist der Krimi wohl noch nicht zu Ende. 
  15. Irgendeinmal fällt in jedem Krimi der Satz: "Wir müssen noch irgendetwas übersehen haben."
  16. Spielt ein Pfarrer eine Hauptrolle, ist er immer der Täter. 
  17. Am Ende ist garantiert die unverdächtigste Person die Täterin oder der Täter.
Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 25. Januar 2023

Für gute Vorsätze ist es nie zu spät

Ein Zitat

Die Allmend von Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Aber ich habe gehört, dass diese Methodisten durch nichts zu halten sind, wenn sie die Grille erst mal im Kopf haben - viele werden ganz und gar verrückt von ihrer Religion." Gasthauswirt Cassons Person in George Eliots Roman "Adam Bede"

Ein Bibelvers - Markus 12,12

"Die führenden Priester, Schriftgelehrten und Ratsältesten hätten Jesus am liebsten verhaften lassen. Aber sie fürchteten sich vor der Menge. Sie hatten verstanden, dass er in dem Gleichnis von ihnen gesprochen hatte. Sie ließen ihn in Ruhe und gingen weg."

Eine Anregung

Gerade sind mir wieder gute Vorsätze in die Hände gekommen, und da das neue Jahr noch jung ist, und eine Sinnes- und Lebensänderung allezeit erfolgen kann, will ich sie gerne hier aus dem Amerikanischen übersetzt wiedergeben: 

"In diesem Jahr werde ich mich bemühen, mehr wie Jesus Christus zu werden. Darum werde ich...  

  • mit Sündern abhängen. 
  • fromme Menschen in Aufregung versetzen. 
  • Geschichten erzählen, die zum Nachdenken anregen. 
  • mich mit unbeliebten Menschen befreunden. 
  • freundlich, liebevoll und barmherzig sein. 
  • kleine Nickerchen auf Booten halten."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Dienstag, 24. Januar 2023

Kein Dichtestress

Ein Zitat

Ein Schwarm Erlenzeisige bedienen sich dichtgedrängt an den Früchten einer Erle.
Foto © Jörg Niederer
Ist "Mensch" ein Schimpfwort unter Tieren?

Ein Bibelvers - Matthäus 12,33

Jesus: "Entweder ein Baum ist gut, dann sind auch seine Früchte gut. Oder ein Baum ist schlecht, dann sind auch seine Früchte schlecht. Denn an seinen Früchten könnt ihr einen Baum erkennen."

Eine Anregung

Im "Gasthaus Erle" sind alle Tische besetzt. Es geht geschäftig zu und her unter den versammelten Erlenzeisigen. Dicht an dicht, in allen Lagen, mitunter kopfüber, bedienen sie sich an den winterlich braun gewordenen Früchten dieses Birkengewächses. Wo den sonst, wenn man doch nach dem Charakterbaum des Sumpfs, der Erle, benannt ist.

Erlenzeisige treten gerade im Winter scharenweise auf. So kommt es schon einmal vor, dass gut 200 Vögelchen über einen Baum herfallen. Dichtestress gibt es bei den Erlenzeisigen also nicht. Die lieben es, in Grösstfamilie zu leben. Sie ernähren sich übrigens sehr gesund und überwiegend vegetarisch. Nur gelegentlich vergreifen sie sich an Insekten. Vielleicht haben sie damals im Nest von den Eltern zu viele Blattläuse und Raupen vorgesetzt bekommen und sich folglich in der Pubertät zu Körnerpickern entwickelt.

Ich weiss, ich interpretiere allzu Menschliches in diese farbige hübsche Schar hinein.

Ab wann es Erlenzeisigen zu bunt wird, weiss ich nicht. Wann es mir zu eng und zu laut wird, das weiss ich dagegen sehr wohl. Ab wann bekommst du Dichtestress? Hat es für dich in der Kirche eher zu viele oder zu wenige Menschen? Stören dich im Gasthaus die Essgeräusche der andern? Kannst du noch den Kopfstand? Wie viele Erlenzeisige sind auf dem Bild zu diesem Beitrag zu sehen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 23. Januar 2023

Schräge Vögel

Ein Zitat

Ein Gänsesäger-Weibchen posiert für ein spezielles Portrait.
Foto © Jörg Niederer
"Der Teufel ist ein Pflanzenfresser, er hat Hufe und Hörner." Georges Léopold Chrétien Frédéric Dagobert, Baron de Cuvier (1769-1832)

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,21+22

"Da sagte Isaak zu Jakob: 'Komm doch näher, mein Sohn, damit ich dich betasten kann. Bist du mein Sohn Esau oder nicht?' Jakob trat an seinen Vater Isaak heran. Der betastete ihn und sagte: 'Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände.'"

Eine Anregung

Ist sie nicht eine ganz besondere Dame? Das Gänsesäger-Weibchen zeigt sich von der schönen Seite. Man beachte die frisch geputzte Schwingen, den strubbeligen Kopf und die feinen Sägezähne, die dem Vogel zu seinem deutschsprachigen Namen verholfen haben. Bei uns sind die Gänsesäger die grössten Entenvögel. Es gibt etwa 600-800 Brutpaare, und doch ist dieser schöne Fischjäger und Tauchvogel potentiell gefährdet.

Ein anderer schräger Vogel ist mir gestern begegnet. Es begann damit, dass ich in der Morgendämmerung beim Bahnhof St.Gallen einen Storch klappern hörte. Verwundert schaute ich hoch in die Richtung, aus welcher das Geräusch kam. Da war aber weit und breit kein Adebar zu sehen. Später dann klapperte der Storch wieder, diesmal direkt vor meinem Bürofenster. Draussen sass lediglich eine Rabenkrähe zuoberst auf der Eiche und schaute zu mir herunter. Dann öffnete sie den Schnabel und krächzte nicht etwa, sondern klapperte, wie es die Störche tun. Das intelligente Tier (Rabenkrähen verwenden Werkzeuge) ahmte das Begrüssungsritual der Störche perfekt nach: Selbst das Anschwellen und Abschwellen des Klapperns war deutlich zu hören. Ich war fasziniert.

Ob die Rabenkrähe einfach Spass daran hat, andere Vogellaute nachzumachen? Ob sie sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann? Haben wir es mit einem Fan des Storchs zu tun?

Auch Menschen geben sich immer einmal wieder für etwas anderes aus, als sie sind. Oder sie eifern äusserlich und in der Sprache ihren Idolen nach. Da frage ich mich, ob ich nicht auch ab und zu jemand anderes sein möchte, unzufrieden bin mit mir selbst? Oder bin ich gar ein schräger Vogel, und sollte alles tun, um genau das zu bleiben: ein schräger Vogel?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 22. Januar 2023

Salz für die Welt

Ein Zitat

Das Salz im Saldome der Saline Ryburg wird als Reserve für den Streudienst auf winterlich eisigen Strassen verwendet.
Foto © Jörg Niederer
"Salz ist nicht zuerst eine Frage des guten Geschmacks, sondern des Überlebens." (Ein zentraler Satz aus der Predigt von heute Sonntag)

Ein Bibelvers - Matthäus 5,13

Jesus spricht: "Ihr seid das Salz der Erde: Aber wenn das Salz nicht mehr salzt, wie kann es wieder salzig werden? Es ist nutzlos! Also wird es weggeworfen und von den Menschen zertreten."

Eine Anregung

Der Saldom der Saline Ryburg hat einen Durchmesser von 93 Metern und eine Höhe von 31 Metern. Das erfährt man auf der Webseite. Er wurde ab April 2004 errichtet und im August 2005 nach einjähriger Bauzeit in Betrieb genommen. Die Halle hat mit 80'000 Tonnen Salz eine rund doppelt so hohe Kapazität wie eine normale Lagerhalle, verbrauchte durch ihre an die Kugelform angenäherte Bauart jedoch nur halb so viel an Baumaterialien. Das dort gelagerte Salz wird vorwiegend für den winterlichen Streudienst verwendet.

Salz ist lebensnotwendig. So lebensnotwendig wie die Erfahrung von Gottes Liebe. In diesem Zusammenhang bezeichnet Jesus seine Nachfolgerinnen und Nachfolger als "Salz der Erde".

Wie das gemeint ist, das ist Inhalt der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Vor Ort beginnt der Gottesdienst um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6. Auf Youtube kann die Predigt ab 10.30 Uhr angehört werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 21. Januar 2023

Orgel und Wort

Ein Zitat

In der St.Galler Kirche St. Laurenzen wird gerade die Orgel ausgebaut, um sie quadrofonisch zu erweitern.
Foto © Jörg Niederer
"Dene wos guet geit, giengs besser / Giengs dene besser wos weniger guet geit / Was aber nid geit, ohni dass′s dene / Weniger guet geit wos guet geit" Mani Matter (1936-1972)

Ein Bibelvers - Jesaja 1,17

"Lernt, Gutes zu tun, sucht das Recht! Weist den Unterdrücker in die Schranken! Verhelft dem Waisenkind zum Recht! Zieht für die Witwe vor Gericht!"

Eine Anregung

Heute Abend um 19.15 Uhr gibt es in der Kirche St. Laurenzen und der Kathedrale in St. Gallen eine Premiere. Erstmals begehen die Römisch-katholische Kirche, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Christkatholische Kirche und die Evangelisch-methodistische Kirche die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen mit einem OrgelWort.

Der musikalische Schwerpunkt beginnt in der Kirche St. Laurenzen aber ohne Orgel. Diese wird zurzeit abgebaut und im Lauf des Jahres zu einer Weltneuheit ausgebaut; eine quadrofonischen Orgel. Folglich wird in diesem Jahr Kirchenmusiker Bernhard Ruchti die Anwesenden auf dem Flügel verzaubern. Nach einer haben Stunde wird das OrgelWort in der Kathedrale fortgesetzt, in der dann Domorganist Willibald Guggenmos sein grosses Können an der Orgel zeigen wird. 

Mit der Musik kontrastieren Texte aus der Bibel, aus Liedern und aus der Dichtung zeitgenössischer Künstler. Zentral ist dabei ein Text aus dem Buch Jesaja: "Tut Gutes, sucht das Recht!". Diese Worte werden in verschiedenen Kombinationen zu hören sein. Die Texte lesen die Pfarrerin Kathrin Bolt, Dompfarrer Beat Grögli, der neue Pfarrer der Christkatholische Kirche Peter Grüter und Pfarrer Jörg Niederer. 

Gegenüber dem St. Galler Tagblatt erklärte Kathrin Bolt den Wechsel vom gemeinsamen Gottesdienst zum OrgelWort wie folgt: "Das Besondere an diesem neuen Projekt ist, dass die beiden Kirchen keine Einheit vortäuschen, die es nicht gibt, sondern dass sie auf Augenhöhe etwas Neues entstehen lassen... Wir wollen die Musik ökumenisch verbinden." 

Du bist herzlich zu diesem besonderen Anlass eingeladen: Er beginnt um 19.15 Uhr in der Kirche St. Laurenzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde