Freitag, 9. Juli 2021

Die Schleimspur des "Homo Covid-19"

Ein Gedanke

Eine Schnecke kriecht über eine weggeworfene Hygienemaske
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt kein 'weg'. Wenn wir etwas wegwerfen, muss es irgendwo hingehen." Annie Leonard, US-amerikanische Kritikerin

Ein Bibelvers - Philipper 3+8

"Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus."

Eine Anregung

Was denkt sich wohl die kleine Schnecke, während sie über diese weggeworfene Hygienemaske kriecht? "Gefährliches Terrain, da kann mich ja jede Krähe sehen." Weggeworfene Hygienemasken; paradoxer Weise haben die mit Hygiene nichts mehr zu tun. Im Gegenteil. 

Nun, mir ist es im vergangenen Jahr auch schon passiert, dass ich eine Hygienemaske unterwegs verloren habe. Gut, die meisten davon werden absichtlich auf den Boden geworfen. Aber nehmen wir einmal an dass jede*r der 8,67 Millionen Bewohner*innen der Schweiz einmal im Jahr eine Hygienemaske verliert. Das wären pro Tag 23'754 herumliegende Masken auf einer Fläche von 41'285 Quadratkilometern. Werden sie nicht weggeräumt, liegt alle zwei Tage eine Maske mehr pro Quadratkilometer herum, und innerhalb eines Jahres finden sich auf dieser Fläche 210 Hygienemasken. Das ist die übliche Schleimspur des "Homo Covid-19". Ich rechne aber mit dem Drei- bis Vierfachen bei den bewusst auf der Strasse entsorgten Masken, was innerhalb eines Jahres dann zu etwa einer Maske pro Quadratmeter führen würde.

So sieht unsere Corona-Schleimspur aus. Und welche geistliche Schleimspur lassen wir hinter uns zurück. Oder wie es Adam Hamilton einmal in einer Predigt fragte: Was kann diese Gesellschaft aus meinen geistlichen Hinterlassenschaften herauslesen, so wie ein Jäger aus dem Dung oder Kot der Tiere? Und ist das lebensförderlich, oder behindert es das Vertrauen der andern in Gottes Güte?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 8. Juli 2021

Pilgern auf Amerikanisch

Ein Gedanke

Lake Junaluska liegt nur wenige Meilen vom Appalachien Trail entfernt
Foto © Jörg Niederer
"Mögen deine Augen erfüllt von Wundern sein, dein Herz voller Freude und deine Schritte sicher auf deinem Weg mit Gott!" Bone Spur the Chappalachian

Ein Bibelvers - Psalm 37,23+24

"Der Herr achtet auf die Schritte eines Menschen. Gefällt ihm sein Weg, sichert er seinen Tritt. Wenn er stolpert, stürzt er trotzdem nicht. Denn der Herr hält ihn fest an der Hand."

Eine Anregung

Die USA hat keine vergleichbaren Pilgerrouten wie den Jakobsweg. Aber es gibt verschiedene Fernwanderwege. Zu den bekanntesten gehört der Appalachian Trail (AT), der sich über 3500 km durch 14 US-Bundesstaaten zieht. Er folgt einem meist bewaldeten Mittelgebirge, eben den Appalachen.

Seit 2013 gibt es jedes Jahr auf dieser Strecke eine*n Berufswandernde*n, einen Pfarrer bzw. eine Pfarrerin der United Methodist Church. Der oder die AT Chaplain (Kaplan*in) wird von der Holston Conference ausgesandt. In diesem Jahr ist es Pfarrer Chris Estus. Seine Aufgabe: Den Weg zu gehen und gleichzeitig den Menschen unterwegs seelsorglich, geistlich zu dienen.

Wie alle "thru-hiker" - das sind die, welche versuchen in einem Jahr den ganzen Weg zu gehen - hat er einen speziellen Wandernamen, unter dem er bekannt ist: "Bone Spur [Knochenspur] the Chappalachian". Im Mai gestartet ist er bereits 45 Tage unterwegs. Dabei geht er den Weg mit Unterbrüchen, einmal südwärts, dann wieder nordwärts, und weil er dazwischen mit dem Flugzeug unterwegs ist, nennt er seine Unternehmung "Flip Flop [Hin und Her] and Fly Thru Hike". Hier erklärt Bone Spur sich im Auftaktvideo zur Reise: 

Die Tagesvideos sind ein Mix zwischen Landschafteindrücken, Selbstdarstellung und Dokumentation von Begegnungen. Eine der umstrittenen Diskussionsthemen unterwegs scheint die Aussprache von "Appalachian" zu sein. So sind es oft Banalitäten, durch die der Wanderkaplan mit den Leuten ins Gespräch kommt. Doch ein geistlicher Satz zieht sich durch alle Tage und Beiträge. Es ist der Segen, den Bone Spur austeilt: "May your Eyes be full of wonders, your heart full of joy, may your footsteps be firm as you walk with god!"

Die Holston Konferenz betreibt diese Seite für die AT Chaplains!
Hier geht es zu den Videos von Bone Spur auf dem AT!

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 7. Juli 2021

Stefan Schröckenfuchs erklärt die Methodisten

Ein Gedanke

Stefan Schröckenfuchs in Nordmazedonien
Foto © Jörg Niederer
"Für John und Charles Wesley war es ein grosses Anliegen, eben die zu erreichen, die sonst niemand erreicht, denen das Wort Gottes zuzusagen, die es sonst nicht zu hören bekommen." Stefan Schröckenfuchs über die Anfänge der methodistischen Bewegung in England.

Ein Bibelvers - Psalm 47,2+3

"Ihr Völker, klatscht alle in die Hände! Heißt Gott willkommen mit fröhlichem Jubel! Denn der Herr ist der Höchste. Wo er erscheint, verbreitet er Furcht. Er ist ein großer König über die ganze Welt."

Eine Anregung

Was macht aus methodistischer Sicht Mut? Stefan Schröckenfuchs ist Superintendent (Distriktsvorsteher) in der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich. In einer Sendung von ORFIII spricht er über die Schwierigkeiten von christlichen Gemeinschaften in Zeiten von Corona. Dann kommt er aber auch zum Zuspruch, den er in der eigenen Glaubenstradition entdeckt. Dazu erklingt das Lied "Schöpfer der ganzen Welt" von Charles Wesley, vorgetragen von Nozomi Yoshizawa und Kurt Kempf. Stefan Schröckenfuchs: "Das ist für mich ein Hoffnungslied."
Hier geht es zur sehens- und hörenswerten Sendung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 6. Juli 2021

Der Hundesegen aus Wien

Ein Gedanke

Hunde beim Schleitheimer Randenturm
Foto © Jörg Niederer
"Das zärtlichste Wesen auf der ganzen Welt ist ein nasser Hund!" Ambrose Bierce (1842-1914)

Ein Bibelvers - Jesaja 65,10

"Denn Israels Wächter sind blind und merken nichts. Sie sind stumme Hunde, die nicht bellen können. Sie liegen schläfrig herum und wollen ihre Ruhe haben."

Eine Anregung

Auf der Suche nach alten christlichen Gebeten bin ich auf einen Hundesegen gestossen und dann auf die Gebetshaltung bei Hunden.

Bei der Gebetshaltung steht der Hund auf den Hinterläufen, während er die Vorderbeine weit nach vorn streckt und flach auf den Boden drückt. Das kann einerseits eine Aufforderung zum Spiel sein, aber auch ein Anzeichen einer lebensgefährlichen Magendrehung.

Der Hundesegen steht auf einem Codex aus dem 10. Jahrhundert und befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

Was mir auffällt: Der Hund wird darin gesegnet als ein Arbeitstier der Hirten und Bauern. Er wird also nicht um seiner selbst Willen oder als Geschöpf Gottes gesegnet, sondern in seiner Funktion als Hirten- und Wachhund.

Dann werden beim Wolf und Hund explizit beide Geschlechtern erwähnt. Das wirkt richtig modern und geschlechtergerecht. Eine gewisse Hochachtung vor dem Hund ist erkennbar, etwas, das der Bibel fast völlig abgeht.

Wiener Hundesegen
"Christ wurde geboren eher als Wolf oder Dieb,
da war Sankt Martin Christus Hirte.
Der heilige Christ und Sankt Martin der möge beschützen
heute die Hunde, die Hündinnen,
dass ihnen weder Wolf noch Wölfin schaden können,
wohin sie auch immer laufen, sei es Wald oder Weg oder Heide.
Der heilige Christ und Sankt Martin
Die mögen mir sie heute alle gesund nach Haus bringen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 5. Juli 2021

Sentimentale Pfade

Ein Gedanke

Bifangschulhaus Olten, von der Unterführung aus gesehen.
Foto © Jörg Niederer
"Sentimentalität ist, wenn es dir unter die Haut, den anderen aber auf den Geist geht." Fritz-J. Schaarschuh (*1935), deutscher Philologe und Aphoristiker

Ein Bibelvers - 2. Mose 16,3

"Die Israeliten sagten zu ihnen [Mose und Aaron]: 'Hätte der Herr uns doch in Ägypten sterben lassen! Dort saßen wir an den Fleischtöpfen und konnten uns satt essen...'"

Eine Anregung

"sentir, sentier" - im Französischen macht nur ein Buchstaben den Unterschied zwischen dem Wort für "fühlen, empfinden" und dem für "Pfad".

Am Samstag bin ich voller Sentimentalität einen Weg gegangen, den ich - in Olten aufgewachsen - mit vielen Erinnerungen verbinde. Auslöser ist der bevorstehende Verkauf des Elternhauses. Mit einem meiner beiden Brüdern sichtete ich das Wenige, was noch von meinen Eltern da ist.

Ich nahm vom Bahnhof den Weg, den ich als Sonntagschüler wöchentlich in Begleitung meiner Geschwister, Cousins und Cousinen gegangen bin. Da ist immer noch die hässliche Unterführung, die zum Bifangschulhaus führt, der Ort meiner ersten drei Schuljahre. Gewundert habe ich mich, dass es manche Läden und Restaurants noch gibt, und andere, wie die kleine Metzgerei mit ihren Fleischabfällen in den Tonnen am Strassenrand nicht mehr, die Tierhandlung ebenso, in der wir die Fische für unser Aquarium gekauft hatten. Aber diese schäbige, heruntergekommene Quartiergarage, die ist erstaunlicher Weise immer noch da, und davor zwei Stretchlimousinen neben frisch errichteten Bauprofilen. In der Elternwohnung dann die Tapeten und Küchenfliesen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Voll Vintage, und doch jünger, als ich es bin.

Aussen an der Hausmauer ist das altbekannte Strassenschild angebracht. "Friedensstrasse" lautet der Spielplatz unserer kindlichen Cowboy- und Indianerkämpfe.

Später dann sind meine Frau und ich noch über den Engelberg gewandert. Auch hier wählte ich den steilen Gratweg meiner Kindheit, hinauf zur Engelbergweid, und sah seit Jahren wieder einmal diesen markanten Geländebruch zuoberst, sah in meinen Gedanken meinen Hund durch den tiefen Schnee tollen. Und später dann, wie wir Schulabgänger*innen an unserem letzten Sekundarschultag vom Gasthaus beim Fernsehturm - ich sah von meinem Fester zuhause, wie er aus dem Wald emporwuchs - im Dunkel der Nacht hinunterschlenderten und Zukunftspläne schmiedeten. Tempi passati.

Ja, das war einmal. Wie sähe dein sentimentaler Weg aus? Und woran erinnerst du dich wehmütig zurück, wenn du deinen Glaubensweg in Gedanken noch einmal gehst?

Zu so viel Sentimentalitäten passt doch perfekt Doris Days "A Sentimental Journey".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 4. Juli 2021

geHORCHen

Ein Gedanke

Was bewirkt das hören auf Jesus Christus?
Foto © Jörg Niederer
"Nur der Gehorsam dauert, der freiwillig ist." Niccoló Machiavelli (1469 - 1527), italienischer Staatsmann und Schriftsteller

Ein Bibelvers - Matthäus 17,5b

"Da erklang eine Stimme aus der Wolke: 'Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude. Hört auf ihn!'"

Eine Anregung

Im Neuen Testament findet sich ein häufiges Wort, das "hören und handeln" verbindet, und oft mit "gehorchen" übersetzt wird. Und dann gibt es ein Wort, das "vertrauen und gehorchen" miteinander verknüpft.

Unter einem gehorsamen Menschen versteht die Bibel eine Person, welche aus dem Hören auf eine vertrauenswürdige Person handelt.

Der Gottesdienst heute Sonntag in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen wird das erste Begriffspaar "hören und handeln" genauer betrachten. Die Predigt ist mit "geHORCHen" überschrieben. Das andere Begriffspaar "Vertrauen und Gehorchen" wird dann eine Woche später im Zentrum des sonntäglichen Nachdenkens stehen.

Die Predigt steht auf Youtube als Video zur Verfügung. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 3. Juli 2021

Voll Glas

Ein Gedanke

Noch sind die Weingläser leer
Foto © Jörg Niederer
"Ein halbleeres Glas Wein ist zwar zugleich ein halbvolles, aber eine halbe Lüge mitnichten eine halbe Wahrheit." Jean Cocteau, (1889-1963) Schriftsteller

Ein Bibelvers - Psalm 23,5

"Du deckst für mich einen Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haar mit duftendem Öl und füllst mir den Becher bis zum Rand."

Eine Anregung

Also besonders originell ist die Sache mit dem halbvollen oder halbleeren Glas nicht gerade. Und dann gleich noch das "voll" aus der Jugendsprache zu bemühen für eine paradoxe Aussage... Doch wenn es von Reto Nägelin kommt, seines Zeichens Bluespfarrer, und es durch LifeChannel gesendet wird, dann kann man ja einmal hineinhören in die knapp 90 Sekunden Andacht. Und das ist dann wieder richtig gut, in so kurzer Zeit etwas Gute über Gott weiterzugeben.

Hier geht es zum Beitrag über den Füllstand der Gläser: 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Freitag, 2. Juli 2021

Freiwillig ins Gefängnis

Ein Gedanke

Gefängnissicherheit
Foto © Jörg Niederer
"Das größte Unglück im Gefängnis [...] ist, seine Tür nicht zuschließen zu können." Henri Stendhal (1783 - 1842)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 16,23

"Nachdem sie [Paulus und Silas] viele Schläge erhalten hatten, liess man sie ins Gefängnis werfen. Dem Gefängniswärter wurde eingeschärft, sie besonders gut zu bewachen."

Eine Anregung

Schweizer Gefängnisse seien vergleichbar mit Hotelferien, sagt man. Eine Haftstrafe liesse sich locker absitzen, das Strafmass sei sowieso meist zu tief.

Doch wie ist das, wenn man weggesperrt ist, einen Teil seiner Individualität verliert, andere darüber bestimmen, wie der Tagesablauf aussieht? Ich stelle es mir nicht einfach vor. Einzelhaft bedeutet Einsamkeit. Gemeinsam mit andern in einer Zelle bedeutet je nach Zellennachbar*in Stress.

Sicher sollen die Gefängnisse sein, doch wie sicher sind sie für die Gefangenen?

Der Kanton Zürich sucht aktuell für den Testbetrieb des neuen Gefängnisses in Zürich-West (GZW) Freiwillige. Im GZW werden bald Personen inhaftiert, die vorläufig festgenommen worden sind (124 Plätze). Dann entstehen dort 117 neue Plätze für die Untersuchungshaft. Mit dem Testbetrieb soll die moderne Gebäudetechnik geprüft werden.

Das St. Gallen Tagblatt schreibt: "Den Freiwilligen werden alle persönlichen Gegenstände wie Telefon oder Bücher abgenommen. Zudem wissen sie nicht, mit wem sie die Zelle teilen müssen. Nur auf die Leibesvisitation werde verzichtet. Auch könne ein Signalwort vereinbart werden, mit dem die Freiwilligen anzeigen können, dass der Versuch abgebrochen werden soll."

Nun, ich habe mich auf der Webseite des Gefängnisses unverbindlich angemeldet für den Gefängnisaufenthalt während des Testbetriebs im März 2022. Vielleicht denken jetzt einige, wer freiwillig ins Gefängnis wolle, habe es nicht besser verdient. Nach den Sommerferien weiss ich dann mehr, und nach dem März 2022 vielleicht etwas besser, wie "locker" ein Gefängnisaufenthalt in der Schweiz ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 1. Juli 2021

Asterisk und Glottisschlag - oder die Sternchenpause

Ein Gedanke

Sonnen*untergang über Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"'Gaga' ist nur die Energie, die in die (sprachpolitische) Bekämpfung des gesellschaftlichen Wandels gesetzt wird." Christiane Hohenstein, Professorin für Sprachdiversität an der ZHAW

Ein Bibelvers - Matthäus 5,45

"Denn er [der Vater des Himmels] lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen."

Eine Anregung

Der stimmlose glottale Plosiv oder Glottisschlag ist da, und selbst ich werde mit über 60 Jahren endlich darauf aufmerksam. Warum? Weil der Glottisschlag seit 1980 auch zur geschlechtergerechten Sprachentwicklung beiträgt. Zum Beispiel beim Wort "Leser*innen": Bei der Aussprache wird eine kurze Pause beim Sternchen gemacht, um hörbar und in verkürzter Sprache die Leserinnen und Leser, ja überhaupt alle, mit einzuschliessen.

Manche Worte haben verschiedene Bedeutungen wie z.B. Spiegelei. Wird es "Spiegel*ei" ausgesprochen, dann schmeckt es. Wird es "Spiegelei" ausgesprochen, dann ist damit eine Spiegelung gemeint.

Das Gendersternchen ist aktuell ziemlich umstritten. Vielleicht setzt es sich durch, vielleicht verschwindet es wieder. Aber es ist da, und wird zur Freude der einen und zum Ärger der andern verwendet oder nicht.

Spielerisch lässt sich mit Worten und dem Asterisk (dem Sternchen) noch so einiges anstellen. Hier eine kleine Auswahl an Begriffen, die schon Sinn machen: Mondfin*is, Schwe*haus, *enberg, O*, A*, mei*, ge*, *gucker, Morgen*, Aeug*, schu*, mei*, vergel*, lä*, lü*, pfla*, *hagelvoll, mu*, *singer*innen.

Findest du noch mehr solche Wörter?

Dann wäre da noch unser nächster Stern, die Sonne. Die geht bekanntlich für alle Erdbewohner*innen auf.

Ach ja: Was die Glottis ist, kannst du dir hier anschauen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 30. Juni 2021

Grabsteine vor der Haustür

Ein Gedanke

Der alte Jüdische Friedhof mitten in einem Wohnquartier in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Du Frieden schließen willst mit Deinem Feind, dann arbeite mit ihm. Dann wird er Dein Partner." Nelson Mandela

Ein Bibelvers - 5. Mose 34,6

"Er [Gott] begrub ihn [Mose] auch im Land Moab, in einem Tal gegenüber von Bet-Pegor. Bis heute ist die Lage seines Grabes unbekannt."

Eine Anregung

Die Grabsteine stehen seit vielen Jahren auf einem verwilderten Grundstück zwischen Wohnhäusern. Ich rede vom ersten Friedhof befreiter Sklaven in Chattanooga, Tennessee. Beisetzungen fanden dort zwischen 1860 und 1950 statt. Danach wurde der Friedhof sich selbst überlassen mit gelegentlichen Säuberungsaktionen, die nicht selten von Mitglieder der Hurst United Methodist Church ausgingen. Dieser Kirchgemeinde gehört der Friedhof seit 1888. Der Beck Knob Friedhof wurde nun ins Register nationaler Wahrzeichen des Staates Tennessee aufgenommen. Wie bei alle Randgruppen-Friedhöfe gab es dort in der Vergangenheit Entweihungen und Vandalismus. Und mangels Pflege wurde er von einem Wald überwuchert.

Dass dieser Platz nun besser geschützt wird, ist Jeanette Mosely zu verdanken, welche ihre Beziehungen zu den amerikanischen Museen spielen liess. Gary James, der seit 75 Jahren in der malerischen Stadt lebt und ebenso lange Mitglied in der Methodistenkirche ist, betont, dass mit der Aufnahme des Friedhofs ins Register nur ein erster Schritt getan sei. Es brauche noch mehr Einsatz, um die Menschen, die dort bestattet sind, zu würdigen. James: "Viele der Leute, die Sklaven und die Menschen dort oben auf dem Friedhof und meine Großmutter und andere Leute, sie haben eine Menge gearbeitet, um dahin zu kommen, wo wir heute sind". Der Friedhof und die Grabsteine inmitten des Wohnquartiers bleiben nun ein wichtiges Zeugnis aus der Zeit der Rassentrennung, der Segregation.

Hier gibt es ein Video von der Friedhofsfreilegung von 2018. Zu sehen ist auch Gary James. 

Und auf diesem Video sieht man mehr von Gräbern und Umfeld.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 29. Juni 2021

Salomos Pfauen hatten wohl Hände und Füsse

Ein Gedanke

Portrait eines Rad schlagenden Pfaus
Foto © Jörg Niederer
"Ein Mann am Steuer eines Autos ist ein Pfau, der sein Rad in der Hand hält." Anna Magnani, italienische Schauspielerin (1908 - 1973)

Ein Bibelvers - 1. Könige 10,22

"Denn Salomo hatte große Handelsschiffe, die zusammen mit Hirams Schiffen übers Meer fuhren. Alle drei Jahre kamen die Handelsschiffe zurück und brachten Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen."

Eine Anregung

Der Pfau ist das ideale Tier für religiöse Analogien und Fehlinterpretationen. Das Christentum übernahm einige davon aus andern Religionen. So stand der Vogel für die Sonnenverehrung, und dann auch für den Himmel. Weil man annahm, sein Fleisch sei unverweslich, wurde der Pfau zum Symbol der Unsterblichkeit. Weil beobachtet wurde, wie er im Jahresverlauf die Federn verlor und wieder neue bekam, wurde er zu einem Bild der Auferstehung. Die vielen Augen im Federkleid symbolisierten die Allwissenheit von Christus, Gott und der Kirche.

Dass Rad schlagende Pfaue immer wieder weit hallende Schreie ausstiessen, führte zu folgender Erklärung: Immer, wenn der Pfau mitten in seinem eitlen Tanz die hässlichen Füsse bemerkte, hielt der sonst makellos schöne Vogel inne und stiess ärgerlichen Schrei aus. Im Büchlein Physiologus, einer Sammlung mittelalterlicher Tierallegorien, wird dies so auf die Christ*innen übertragen: "Auch du, verständiger Mensch, so du anschaust deine Bestimmung und das Gute, das Gott dir gegeben, freue dich und sei glücklich und frohlocke in deinem Herzen; blickest du aber nach deinen Füßen, das ist: nach deinen Sünden, dann schreie und weine zu Gott, und hasse dein Unrecht wie der Pfau seine Füße, damit du vor dem Bräutigam gerechtfertigt erscheinest."  So ist der Pfau nicht nur ein positives christliches Symboltier, sondern steht auch für die Todsünde "Stolz".

Es ist unsicher, ob in der Bibel der Pfau vorkommt. Ein Importgut von König Salomo mit der Bezeichnung "tukkijjîm" wurde mit dem Pfau gleichgesetzt, wegen der Ähnlichkeit zum einheimischen Namen "tokei" in Sri Lanka. Wahrscheinlicher ist "tukkijjîm" aber ein ägyptisches Lehnwort für Affe, und die importierten Tiere könnten Paviane gewesen sein. Doch sicher ist das nicht, und so kommt auch in neueren Bibelübersetzungen der Pfau an zwei Stellen weiter vor.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 28. Juni 2021

Happy Birthday John Wesley

Ein Gedanke

Ikone von John Wesley in der Wesley Chapel in London
Foto © Jörg Niederer
Die Wendung: "Wir stimmen überein, dass wir nicht übereinstimmen" (agree to disagree) wurde von John Wesley geprägt. Mehr dazu hier!

Ein Bibelvers - Römer 12,9+10

"Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse und haltet am Guten fest. Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern. Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung."

Eine Anregung

Heute jährt sich der Geburtstag von John Wesley zum 318. Mal. Der "Erbauer" und "Evangelist", wie es eine Ikone von ihm in lateinischen und griechischen Buchstaben in der Wesley-Chapel in London festhält, wurde allerdings an einem 17. Juni im Jahr 1703 in Epworth, England geboren. Und doch feierte er ab dem Jahr 1752 seinen Geburtstag an eben diesem heutigen 28. Juni. Grund war eine Kalenderumstellung in England, die bis in die heutige Zeit nachwirkt. Die gregorianische Kalenderreform führte dazu, dass sich das Datum in der damaligen Zeit um 10 oder 11 Tage verschob.

Nicht erstaunlich, dass Wesley die Kalenderreform mitmachte. Pragmatisch wie er war, und auch durchaus offen für wissenschaftliche Erkenntnisse und Modernisierungen folgte er wohl auch von seiner Einstellung her lieber dem neuen, nach dem christliche Papst Gregor benannten Kalender und nicht dem auf Julius Cäsar zurückgehenden julianischen, heidnischen.

Nun wollte ich natürlich wissen, wann mein Geburtstag nach dem julianischen Kalender zu feiern wäre. Auf folgender Webseite lässt sich das ganz einfach berechnen.

Nebenbei erfahre ich so, dass ich im Auenland (Herr der Ringe) am 29. August, einem Dienstag, geboren worden wäre.

Bei der Umrechnung zum jüdischen Kalender klappt es besser auf dieser Seite. 

Hier erfahre ich, dass ich am 16. Aw 5719 zur Welt gekommen bin. Und John Wesley am 14. Tammuz im Jahr 5463.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 27. Juni 2021

Ist Gott besser als gut?

Ein Gedanke

Glasfenster "Die Fusswaschung" von August Wanner in der Augustinerkirche Zürich
Foto © Jörg Niederer
"Gottes Haben ist ein Sein, sein Bewegen Stillstehen, sein Laufen ein Ruhen." Nikolaus von Kues (1401-1464)

Ein Bibelvers - Markus 10,18

"Jesus antwortete: 'Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer dem Einen: Gott.'"

Eine Anregung

Da gab es im ausgehenden Mittelalter einen Mann, Nikolaus von Kues. Der hatte sehr gründlich nachgedacht darüber, wie wir von Gott reden. Seine Erkenntnis nannte er "via negationis". Er knüpfte damit an frühere Philosoph*innen an und war überzeugt, dass wir mit Vorstellungen aus dem Bereich menschlicher Erfahrungen Gott nicht angemessen beschreiben können. Darum könne man von Gott nicht sagen, er sei gut oder er sei schlecht.

In der Logik gilt, dass man nicht etwas als richtig und falsch zugleich bezeichnen kann. Entweder ist es richtig oder dann falsch.

Nikolaus von Kues war nun aber der Meinung, dass Gott mit dieser Logik nicht angemessen beschrieben werden kann. Gott ist schlichtweg mit menschlichen Kategorien nicht zu fassen. Er entzieht sich unserem Verständnis. Man könnte auch sagen: Gott ist immer mehr als wir uns vorstellen können. Er ist jenseits menschlicher Vernunft. Er ist mehr als das, was wir als gut oder schlecht an Gott erleben.

Damit stellt sich die Frage, wie wir wissen können, dass Gott "gut" ist? Eine Antwort ist die Art und Weise, wie Jesus an seinen Mitmenschen handelte. So etwa, als er angesichts des Todes den Jüngern die Füsse wusch.

Mehr auf Youtube!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 26. Juni 2021

Hoffen gegen alle Hoffnung

Ein Gedanke

Bild von der Tempelaustreibung in der Serbisch-Orthodoxen Kirchen Zürich
Foto © Jörg Niederer
"Hoffnung dennoch. / Hoffnung trotzdem. / Hoffnung ungeachtet. / Hoffnung immer noch.

Hoffnung, wo wir aufgehört hatten zu hoffen. / Hoffnung, inmitten ihrer Bedrohung. / Hoffnung mit denen, die unsere Hoffnung nähren. / Hoffnung jenseits aller unserer Hoffnungen.

Hoffnung, die uns über unsere Grenzen hinausführt. / Hoffnung, die sich den Erwartungen widersetzt. / Hoffnung, die in Frage stellt, was wir gewusst haben. / Hoffnung, die einen Weg bahnt, wo es keinen gibt.

Hoffnung, die unsere Angst überwindet. / Hoffnung, die uns ins Leben ruft. / Hoffnung, die uns über den Tod hinaus ergreift. / Hoffnung, die jene segnet, die noch kommen werden."

aus paintedprayerbook.com  (Übertragung: Jörg Niederer)

Ein Bibelvers - Römer 4,18

"Wo es eigentlich keinen Grund zur Hoffnung gab, hat Abraham voller Hoffnung am Glauben festgehalten."

Eine Anregung

Jan Richardson schreib die Worte von der Hoffnung, ausgehend von Römer 4,18. Die Künstlerin, Schriftstellerin und ordinierte Pfarrerin der Evangelisch-methodistischen Kirche ist in Florida geboren und lebt auch dort. Ihre Arbeiten wurden von der Chicago Tribune als "atemberaubend" beschrieben. Themen sind das Angenommensein, die Vorstellungskraft und der Trost. In ihrem neuesten Werk "Sparrow: A Book of Life and Death and Life" verarbeitet sie den plötzlichen Tod ihres Mannes, des Singer/Songwriter Garrison Doles im Dezember 2013.

Und so empfehle ich hier auch einen Song von Garrison Doles. Im Lied "House of Prayer" geht es um das "Haus des Gebets für alle Nationen" und im weiteren Sinn um eine Tempelreinigung. 

Das Foto zeigt ein Gemälde in der Serbisch-orthodoxen Kirche in Zürich. Die Darstellung der Tempelaustreibung schmückt sinniger Weise die Wand hinter dem Ladentisch mit den Devotionalien.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 25. Juni 2021

Umsorgt Sterben ist teuer

Ein Gedanke

Das Sterbehospiz in der Villa Jacob in St. Gallen hat eröffnet
Foto © Jörg Niederer
Im Leben ist jeder und jede einmal tot. / Zuvor sucht die Hoffnung Argumente, stirbt zuletzt. / Gedanken warten darauf, gedacht zu werden. / Menschen suchen Auswege, halten Hände, bis… / ja bis er da ist, der ganz persönliche Karfreitag. / Tränen, letzte Worte, letztes Schweigen, / letzte Blicke, letztes Aufatmen, noch einmal nur… / leben.

Ein Bibelvers - Philipper 1,21

Paulus: "Denn für mich ist Christus das Leben. Und deshalb ist sogar das Sterben für mich ein Gewinn."

Eine Anregung

Menschenwürdig und umsorgt die letzten Tage des Lebens zu verbringen ist für viele Menschen in der Schweiz ein grosses Bedürfnis und eine grosse Sorge. Denn längst gibt es nicht genug bezahlbare palliative Angebote, und entsprechende Hospize sind noch teuer. In St. Gallen sind die ersten Patientinnen und Patienten in die sanierte Villa Jacob eingezogen. Das klassizistische Haus mit den grossen Fenstern und hellen Räumen ist ideal für die professionelle Sterbebegleitung von Menschen. Dabei wäre es beinahe abgerissen worden. Heute steht es 20 Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt, wohin es verschoben wurde, um den Ausbau des Pflegeheims GHG Rosenberg zu ermöglichen.

Wer sich am Lebensabend entscheidet, in diesem Haus zu sterben, muss tief in die Tasche greifen. CHF 8000.- kostet der Monat. Die Krankenkassen kommen nicht für diese Dienstleistung auf.

Diese stossende Situation hat zur Motion "Für eine angemessene Finanzierung der Palliative Care" im Ständerat geführt. Der Text lautet: "Der Bundesrat wird beauftragt, die notwendigen gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, damit eine bedarfsgerechte Behandlung und Betreuung aller Menschen am Lebensende schweizweit gewährleistet ist, unter Berücksichtigung der allgemeinen und spezialisierten Angebote der Palliative Care in allen Versorgungsbereichen, ambulant, stationär sowie an Schnittstellen. Die Kantone sind in geeigneter Weise einzubeziehen." Am 16. Juni 2021 wurde die Motion vom Nationalrat angenommen, nachdem dies im Ständerat schon am 15. Dezember 2020 geschehen war.

Für die von der selbständigen methodistischen Diakonie Bethanien eben erst in den neuen Hauptsitz in Zürich verlegte "Pallivita" kommt diese Motion zu spät. Aus Kostengründen musste das Angebot geschlossen werden. "Ein äusserst trauriger Moment, da eine sehr professionelle und den Menschen in ihrer letzten Lebensphase zugewandte Arbeit nicht mehr angeboten werden konnte", so der Direktor Andreas Winkler in seinem Bericht an die Tagung der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche. Siehe dazu auch: 

Da kann man dem Hospiz in der Villa Jacob nur wünschen, dass seine Dienstleistungen langfristiger gesichert sind. Vorerst ist der Verein Hospiz St.Gallen für 10 Jahre an diesem Standort eingemietet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Donnerstag, 24. Juni 2021

Wenn aus Kirchen Geldmaschinen werden

Ein Gedanke

Die christkatholische Augustinerkirche unweit der Zürcher Bahnhofstrasse
Foto © Jörg Niederer
"Über die Gemüsebrücke gehe ich auf der Suche nach der Karfreitagstrauer in die Altstadt hinüber, erreiche die Augustinerkirche um fünf vor fünf und singe dort in der Lamentationsliturgie so rätselhafte Texte wie 'Nicht Opfer willst du, sonst würd ich sie bringen, Brandopfer sind vor dir nicht angenehm'." Franz Hohler, aus "Spaziergänge", München 2010

Ein Bibelvers - Lukas 16,8b+9

Jesus: "Die Kinder dieser Welt sind schlauer im Umgang mit ihren Mitmenschen als die Kinder des Lichts. Ich sage euch: Nutzt das Geld, an dem so viel Unrecht haftet, um euch Freunde zu machen! Dann werdet ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen, wenn diese Welt zu Ende geht."

Eine Anregung

Voller Körpereinsatz wäre es wohl in einem Fussballspiel. Was wir sehen ist die eingefrorene Szene eines Fouls. Die Bank Julius Bär lässt nahe der Zürcher Bahnhofstrasse der Augustinerkirche keinen Spielraum, macht sich auf der rechten Seite breit und drängt das Gotteshaus aus der Mitte.

Gotteshaus, das war die Kirche zu Beginn ihrer 751-jährigen Geschichte und ist es heute wieder. Einst war sie Teil vom Kloster des Augustiner Bettelordens, errichtet am Rand der Stadt. Viel später dann und bis heute ist sie die christkatholische Kirche von Zürich. Während der Reformation und lange Zeit danach wurde sie gedemütigt, durch den Protestantismus und die Stadtbehörde entweiht und andern Zwecken zugeführt.

Zum einen degradierte man das Langschiff zur Kornschütte, zum Lagerhaus. Der nach Osten ausgerichtete Chor wurde zugemauert, aus der seitlich angebrachten Liebfrauenkapelle eine Münzprägestätte und aus der Jakobskapelle die Schmiede. Noch vorher, nach der reformatorischen Aufhebung der drei Bettelordenskonvente von Zürich im Jahr 1524, zogen im Kloster das Almosenamt und das Ehegericht ein. 

Es dauerte lange, bis in der Folge des Toleranzedikts von 1807 die bis dahin verbotenen katholischen Messen in Zürich wieder erlaubt wurden. 1840 mieteten die Katholiken das Kirchengebäude und bauten es zu ihrem Gotteshaus um. Zugleich wurde aus dem zweckentfremdeten und an die Kirche angebauten Klostergebäude die Universität von Zürich.

Noch einmal erlebte das Kirchengebäude eine Reformation, jene nach dem 1. Vatikanischen Konzil von 1869/70, in dessen Gefolge sich ein Teil der Katholiken von Rom lösten und als Christkatholische Kirche formierten. 1984 erstellte dann die Bank Julius Bär seinen modernen Bau respektlos direkt an die Kirche, ergänzt mit einem Restaurant, das sich beidseits des Kirchenportals breit macht. Aus Chor und Kapellen wurde das christkatholische Kirchgemeindehaus. Wenn sich nach dem Gottesdienst in der Augustinerkirche die Gläubigen zum Kirchenkaffee aufmachen, sagen sie noch heute: "Wir gehen in die Münz", also dahin, wo einst statt gebetet "Geld gemacht" wurde.

Ja, in der Finanzstadt Zürich entkommen selbst einstige Bettelordenkirchen nicht der Bedrängnis durch den schnöden Mammon. Da ist der Modeladen, der sich im unteren Teil des christkatholischen Kirchgemeindehauses eingenistet hat, doch ein ruhigeres Gewerbe als die einstige Schmiede, und dessen Miete eine willkommene Einnahme in die Kirchenkasse.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 23. Juni 2021

SavePlace und Regenbogenkirche: Engagement der Solidarität

Ein Gedanke

Pfarrerin Chae Bin Kim informiert über das Seelsorgenetzwerk SafePlace
Foto © Jörg Niederer
"In unserer Seelsorge wollen wir besonders für dich da sein, wenn du zu der LQBTQIA-Gemeinschaft gehörst und dir Seelsorge wünschst, wenn du mit deiner sexuellen Identität ringst und/oder wenn du Fragen zu 'Sexualität und Christ:in sein' hast." SafePlace

Ein Bibelvers - Matthäus 11,28

Jesus: "Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken."

Eine Anregung

Die anhaltenden Diskussionen zur Frage des Umgangs mit menschlicher Sexualität in der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) hat unter Methodist*innen in der Schweiz zu einer Bewusstseinsbildung geführt, aus der verschiedene Initiativen für Menschen entstanden, welche lesbisch, schwul, bisexuell, trans, intergeschlechtlich oder queer (LGBTQI) sind.

Während auf weltweiter Ebene eine Spaltung der Kirche ob dieser Frage immer wahrscheinlicher wird, und die Generalkonferenz von 2019 die ausgrenzenden Bestimmungen der Kirchenordnung noch verschärft hat, regt sich dagegen gerade in der Schweiz auch Widerstand. Dieser Widerstand ist kreativ und regenbogenbunt.

An der Jährlichen Konferenz (Synode) der Methodisten von vergangener Woche präsentierte Pfarrerin Chae Bin Kim das neue inklusive Seelsorgenetzwerk "SavePlace". Daran beteiligt sind aktuell acht Pfarrpersonen. "SafePlace ist ein Angebot für alle Personen, die sich mit Fragen der menschlichen Sexualität auseinandersetzen und dabei vor Ort keine Gesprächsmöglichkeit haben, um sich mit den aufgeworfenen Fragen, Nöten und Freuden auseinanderzusetzen." So steht es auf der Webseite des Netzwerks.

Schon etwas länger gibt es die Regenbogenkirche an der Mutschellenstrasse 188 in Zürich. Hervorgegangen ist diese Arbeit aus Erfahrungen in der EMK Adliswil. Was dort schon viele Jahre gelebt wird, nämlich ein Miteinander von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Ausrichtung, hat mit der Regenbogenkirche ein klares Profil bekommen. In den Anlässen treffen sich regelmässig zwischen 30 und 60 Menschen und feiern einen inklusiven Gottesdienst.

An der Jährlichen Konferenz wurde das pastorale Team verstärkt. Nebst Pfarrer Daniel Eschbach wirkt nun auch Pfarrer Stefan Zolliker bei der Regenbogenkirche mit. Damit hat diese Arbeit auch die Rückendeckung der leitenden Gremien der Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Dienstag, 22. Juni 2021

Spielen mit Zeit

Ein Gedanke

Kleines Kunstwerk von Christa Wichers als Geschenk an Jubilare
Foto © Jörg Niederer
"Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei." George Orwell (1903-1950)

Ein Bibelvers - Sprüche 25,11

"Wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen, so ist ein Wort, gesagt im rechten Augenblick."

Eine Anregung

Jedes Jahr gibt es an der Jährlichen Konferenz eine Stunde der Jubilarinnen und Jubilare, welche meist länger dauert als die suggerierten 60 Minuten. In diesem Jahr kreierte Christa Wichers passend zum Konferenzmotto "Willkommen zu verweilen" und den Lieblingsplätzen der Gefeierten kleine Kunstwerke aus Holz und Draht.

Unser Empfinden von Zeit ist von Fall zu Fall verschieden. Das eine Mal erleben wir Kurzweile, das andere Mal Langeweile. Wie kommt das?

Geschieht in einer abgegrenzten Zeitdauer viel, haben wir den Eindruck von Spannung und Tempo. Geschieht in der selben Zeitdauer nur wenig, erzeugt dies bei uns Ermüdung und Länge. Was in der Realität nicht geht, nämlich mit der Zeit zu spielen, gelingt scheinbar mühelos durch das Filmen von Bewegungen. Werden beim Filmen pro Sekunde mehr Einzelbilder erzeugt, als danach beim Abspielen gezeigt werden, verlangsamen sich die Bewegungen in der Wiedergabe. Anders herum, wenn weniger Bilder pro Zeiteinheit erfasst werden, wie danach abgespielt werden, sprechen wir von Zeitraffer.

Nehmen wir also eine Jubilarin, einen Jubilaren. Wenn er oder sie sich an Vieles erinnert aus der Vergangenheit, erscheint ihm oder ihr dann die Zeit gedehnt oder gerafft? Das werde ich beim nächsten Besuch im Altersheim herauszufinden versuchen.

Hier einmal der Hinweis auf ein aussergewöhnliches Video von Marco Room: "Playing with Time", also "Spielen mit Zeit" lautet der Titel.

Und auch sein Jubiläumsvideo zum millionsten Abonnenten ist faszinierend.

Aufgenommen wurden die Szenen mit der Hochgeschwindigkeitskamera Chronos 2.1 HD.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 21. Juni 2021

Der Nach-Konferenz-Blues

Ein Gedanke

Was bleibt nach dem Dank? Holzfiguren als Geschenk an Konferenz-Mitarbeitende.
Foto © Jörg Niederer
"Konferenzen = Problemfestspiele." Wolfram Weidner (*1925), dt. Journalist

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 15,6+7a

"Daraufhin versammelten sich die Apostel und die Gemeindeältesten, um über diese Frage zu beraten. Dabei kam es zu einem heftigen Streit."

Eine Anregung

Die Konferenz war bereichernd, herausfordernd und voller Eindrücke und Begegnungen. Je nach Verantwortung war sie auch belastend. Alles ist gut gegangen, es gab manche motivierende Information und Anregung. Das Resümee ist durchaus positiv.

Dann kommt der Tag danach.

Schon in der Bahn nach Hause, noch zusammen mit anderen Delegierten, schleicht sich bei mir eine eigenartige Stimmung ein, eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und Leere: der Nach-Konferenz-Blues. Statt voller Elan zurück an die Arbeit, kostet mich der Weg ins Büro, in die Kirche, grosse Überwindung. Ich bleibe an tausend Kleinigkeiten hängen, ordne unnütze Dinge, lande vor der Glotze, bin mit mir und der Welt unzufrieden, stosse mich schmerzhaft an Details und lande im Selbstmitleid.

Bitte versteht mich nicht falsch: Pfarrer sein ist und bleibt meine Berufung und Leidenschaft. Aber nach der Konferenz ist die Spannung weg, die Freude klein, der Alltag schleppt sich, und leise macht sich das schlechte Gewissen breit, weil ich mich grundlos mies fühle.

Liese sich der Tag nach der Konferenz mit seinem Blues löschen, ich täte es.

Aber dann sage ich mir: Da musst du durch! Und ich rapple mich auf, packe den Post-Konferenz-Blues zur unerledigten Arbeit in die Kiste und mache nach einiger Zeit einmal mehr die Erfahrung, dass er sich - so weggeräumt - erst nach der nächsten Konferenz zurückmelden wird. Dann aber wird er wieder so sicher da sein wie das Amen in der Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 20. Juni 2021

Connexio develop erlangt Steuerbefreiung als gemeinnütziger Verein

Ein Gedanke

Ulrich Bachmann führt in den Bericht von Connexio ein
Foto © Jörg Niederer
"Connexio leistet einen Beitrag an eine friedvolle und gerechte Welt, in der alle Menschen und die Schöpfung in ihrer Würde respektiert werden." https://www.connexio.ch/index.php/uber-uns/

Ein Bibelvers - Prediger 11,1

"Schick dein Brot über die Wasserfläche! Denn nach vielen Tagen wirst du es wiederfinden."

Eine Anregung

Erstmals tagten am Samstagmorgen die beiden Vereine "Connexio develop" und "Connexio hope". Während bei Connexio hope, der als kultischer Verein eingetragen ist, Spenden nicht steuerlich abzugsfähig sind, ist das bei Connexio develop anders. Nach 15 Monaten ging am gestrigen Freitag die Anerkennung der Steuerbefreiung für den gemeinnützigen Verein Connexio develop ein. Damit sind Spenden an diesen Teil von Connexio steuerlich abzugsfähig. Auch wichtig ist diese Anerkennung für die Zewo-Zertifizierung, welche in Kürze erfolgen wird.

Geschäftsleiter Ulrich Bachmann betonte im Verlauf seiner Präsentation, dass die Spendenbereitschaft für Connexio ausserordentlich hoch ist, und dass dies auch von Dritten so wahrgenommen werde. Die Mitarbeitenden von Connexio seien sich dieser Treue der Spender*innen sehr bewusst und danken ganz herzlich.

Im weiteren Verlauf wurde ein Gespräch via ZOOM mit Socheata Chap geführt, der Landeskoordinatorin in Kambodscha. Erstmals wurde für eine entsprechende Position eine einheimische Fachperson durch Connexio angestellt.

Wer mehr über Connexio erfahren möchte, kann auf die Webseite gehen. Dort ist auch eine Online-Spende möglich.

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Heute Sonntag wird der Ordinationsgottesdienst der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika live in den Gottesdienstraum der EMK St. Gallen übertragen. Dieser Gottesdienst beginnt schon um 09.30 Uhr!

Wer nicht in der EMK St. Gallen oder am Tagungsort in Thun dabei sein kann, kann diesen Gottesdienst auch per Youtube von zuhause aus schauen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde