Sonntag, 6. April 2025

Verfolgung und Glaubensfreiheit

Ein Zitat

Jörg Niederer steht in der Täuferhöhle bei Bäretswil, da wo sich die Täufer während der Reformation heimlich zum Gottesdienst treffen mussten.
Foto © Sabine Möckli Niederer

"Die Religionsfreiheit umfasst auch das Recht, keiner Religion anzugehören, nicht an einen Gott zu glauben (Atheismus) oder religiöse Annahmen prinzipiell als unentscheidbar zu bewerten (Agnostizismus)."
Wikipedia

Ein Bibelvers - Galater 5,1

"Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind. Bleibt also standhaft und unterwerft euch nicht wieder dem Joch der Sklaverei!"

Eine Anregung

Gestern war ich wieder einmal in der Täuferhöhle Sie liegt versteckt im Wald am Rand der Gemeinde Bäretswil in der Schweiz. Dort also feierten die Täufer:innen heimlich ihre Gottesdienste, immer in Furcht, entdeckt zu werden. Denn Täufer:innen wurden über längere Zeit von den anderen Kirchen und dem Staat verfolgt. Einige von ihnen wurden hingerichtet.

Diese Zeiten sind vorbei. Ich bin froh, dass wir uns in der Schweiz nicht heimlich zum Gottesdienst treffen müssen, sondern bequem in einer geheizten und gut ausgestatteten Kirche. Nur vergesse ich auch nicht, dass es durchaus Christ:innen gibt in anderen Ländern, die ihr Leben riskieren, um Gottesdienste feiern zu können, oder die im Gefängnis landen. An sie will ich auch an diesem Sonntag denken und für sie beten. Überhaupt alle Menschen, die aus Glaubensgründen diffamiert, verfolgt, verstossen inhaftiert oder getötet werden, lassen mich nicht kalt.

Religionsfreiheit ist eine so wichtige Errungenschaft. Wir dürfen sie nicht aufs Spiel setzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 5. April 2025

Versöhnung

Ein Zitat

Jugendliche drücken ihre Solidarität über Grenzen hinaus aus an der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung von 1997 in Graz.
Foto © Jörg Niederer
"Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es." Frère Roger (1915-2005)

Ein Bibelvers - 2. Korinther 5,19

"Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt."

Eine Anregung

Mit der bevorstehenden Pensionierung miste ich auch meine Bücherschränke aus. Dabei kam ich gestern zu den Unterlagen der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung (2EÖV), die 1997 im österreichischen Graz stattfand. Ich durfte im Auftrag der Methodistenkirche daran teilnehmen. "Versöhnung" war das Thema. Nebst den intensiven Gesprächen und Begegnungen denke ich gerne an das abschliessende Fest zurück. Es war eine bunte, fröhliche, tiefgreifende Sache. Besonders viele Menschen aus Rumänien fanden sich dazu ein, nachdem die Visapflicht für dieses einstige Ostblockland weggefallen war.

Wenn ich aus Distanz heute zurückschaue, frage ich mich, wie viel von dieser Aufbruchstimmung und der Hoffnung auf Versöhnung geblieben ist. Die Zeit heile alle Wunden, sagt man. Doch ist es nicht auch so, dass die Zeit so manche Zuversicht zunichte machen kann. Überall sehen wir, wie Grenzen wieder aufgerichtet werden. Strafzölle sind das Thema in den Medien. Invasionsgelüste der Grossmächte bedrohen Freund und Feind. Menschen sterben an Kriegsfronten, darunter viele Zivilist:innen. Missbrauch ist das grosse Thema in den Kirchen. Zugleich verlieren die Religionsgemeinschaften in der westlichen Welt immer mehr an Einfluss.

Was ist von der Versöhnung geblieben? So habe ich mir den Neuanfang und die weitere Entwicklung nicht vorgestellt.

Ich glaube, es ist heute nötiger denn je, dass die Menschen des Glaubens zusammenzustehen, um das Wort von der Versöhnung mitten in der Welt zu leben, gegen alle Trends und Entwicklungen. Lassen wir die theologischen Differenzen beiseite. Das braucht niemand in diesen Tagen, in denen wir zur Hoffnung der Welt beitragen müssen, und dies mit aller Kraft und Ausdauer.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 4. April 2025

Vom Nikolaus und Flösserinnen

Ein Zitat

Auf der Aarebrücke bei Döttingen steht eine Statue des Heiligen Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Flösser.
Foto © Jörg Niederer
"Was nicht kommuniziert wird, ist nicht, und je mehr etwas kommuniziert wird, desto mehr ist es." Vilém Flusser (1920-1991)

Ein Bibelvers - Ezechiel 27.29

"Ruderer verlassen ihre Schiffe. Matrosen und Seeleute bleiben an Land."

Eine Anregung

Für einmal ist es nicht der heilige Nepomuk, dem auf der Brücke bei Döttingen ein Denkmal gesetzt ist, sondern dem bekannten Nikolaus von Myra. Was wie eine seltsame "Dächlikappe" aussieht, ist sein Kopf mit wallendem Bart. Er steht hier unterhalb des Klingnauer Stausees als Schutzheiliger der Flösser. In dieser Funktion wird er in unseren Breitengraden nur noch wenig zu tun haben. Die Flösser sind nahezu ausgestorben. Am Ägerisee gibt es sie noch. Sonst ist die Tradition lediglich in Form historischer Flossfahrten lebendig.

Dem heiligen Nikolaus geht dennoch die Arbeit nicht aus, ist er doch auch Schutzpatron der "Advokaten, Bäcker, Bierbrauer, Weinhändler, Metzger, Steinmetze, Jungfrauen und viele mehr". Interessant an dieser Aufzählung ist, wie die Frauen, von denen es auch Advokatinnen, Bäckerinnen, Bierbrauerinnen, Weinhändlerinnen, Metzgerinnen und Steinmetzinnen gibt, sichtbar werden: als Jungfrauen! Mir scheint, das generative Maskulin kann hier nicht wirklich auf neutrale Weise den Frauen gerecht werden. Nun haben die Frauen auch ihre eigene Schutzheilige. Es ist heilige Jeanne d'Arc, also die Frau, die einen Männerjob in der Armee hatte. Das Flössen war auch Männerarbeit. Sollte es Frauen in diesem Gewerbe gegeben haben, hätten sie die Wahl zwischen dem heiligen Nikolaus und der heiligen Jeanne d'Arc gehabt. Mir würde diese Auswahl nicht behagen. Doch wen würde ich mir als Vorbild und Fürsprecher:in wünschen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 3. April 2025

Gewichtig

Ein Zitat

Gewichte im Turm der Reformierten Kirche Heiden treiben das Schlagwerk und die Turmuhr an.
Foto © Jörg Niederer
"Was wir an Liebe geben, verleiht unserem Leben Gewicht, was wir an Liebe bekommen, erleichtert es." Ernst Ferstl (*1955)

Ein Bibelvers - Hiob 31,6

"Gott soll meine Taten gerecht abwägen, dann wird er meine Unschuld erkennen."

Eine Anregung

Gewichte treiben den Glockenschlag und die Uhr der reformierten Kirche Heiden an. Im besteigbaren Glockenturm sind sie gut zu sehen. Der Messmer erklärte mir bei einer Führung, dass man diese Gewichte nach Änderungen beim mechanischen Geläut deutlich verringern mussten. Genau habe ich nicht verstanden, wie das zusammenhängt. Jedenfalls sind sie auch heutzutage noch nötig, diese Gewichte.

Gewichte als Antrieb: Es ist nicht immer so, dass dich das Schwere zu Boden zieht. Gewichte können dich auch weiterbringen.

In meinem ersten Beruf als Mühlenbauer spielten Gewichte in den Plansichtern eine wesentliche Rolle. Plansichter sind grosse Kästen, in denen auf vielen übereinanderliegenden Sieben das Mahlgut sortiert wird. Zentral angeordnet ist eine grosse Unwucht, welche durch Rotation diesen an elastischen Stangen aufgehängten Sichter in kreisende Bewegung versetzt. Dabei kommt es darauf an, das die Unwucht so präzise austariert wird, dass der Sichter möglichst perfekt rund läuft. Einseitige Belastung würde sonst das ganze System früher oder später zerstören. Als Lehrlinge erlebte ich, wie die Bestückung dieser Unwucht  mit Bleigewichten Chefsache war. Der Abteilungsleiter liess uns nicht an diese Arbeit. Wir durften alles machen, nur das nicht. Es war eben eine gewichtige Sache, in doppelter Hinsicht.

Es kann nun sein, dass mir etwas schwer auf der Seele liegt, oder dass mich eine Sache runterzieht wie eine grosse Last. Dann frage ich mich: Gibt es einen Sinn an dieser Schwere? Soll etwas in Bewegung kommen, in mir oder auch in anderen? Wie gewichtig ist, was gerade geschieht?

Zurück zu den Gewichten im Glockenturm. Ihre Bewegungen sind für das menschliche Auge viel zu langsam. Aber was wir sehen und hören können sind die Glocken, die durch sie zur richtigen Zeit in Schwingungen versetzt werden. Dazu gibt es Videos und Tonaufnahmen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 2. April 2025

Saublume

Ein Zitat

Der Löwenzahn blüht wieder leuchtend gelb.
Foto © Jörg Niederer
"Löwenzahn, Löwenzahn, / fängt jetzt rasch zu blühen an. / Kaum hat er begonnen: / Lauter gelbe Sonnen!" Aus einem Gedicht von Ilona Bodden (1927-1985)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,12

"Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie liess auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war."

Eine Anregung

Der Löwenzahn blüht wieder. Bald wird er Felder und Wiesen gelb färben. Ursprünglich kommt die Pflanze aus Europa und Asien, ist heute aber auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitet. In unserer intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft ist der Löwenzahn allgegenwärtig. Da die Saublume nährstoffreichen Boden liebt, und ihr Nitrat auf gedüngten Wiesen auch willkommen ist, zeigt sie auch den menschgemachten Artenschwund in der Landwirtschaft an. Zugleich ist sie eine in allen Teilen essbare Pflanze, die auch aus gesundheitlichen Gründen zum Beispiel gegen Nierensteine verabreicht werden kann.

Was mir der Löwenzahl aber auch zeigt: Der Frühling lässt nicht mehr locker. Die Sonne scheint nun immer mehr von oben; und auch im Gelb des Löwenzahns von unten.

Hier ein Gedicht von Reiner Kunze (*1933): 


Warum sind Löwenzahnblüten gelb?

Das weiß jedes Kind. 

Weil Löwenzahnblüten Briefkästen sind.

Wer hat die Briefkästen aufgestellt?

Die grasgrüne Wiese.

Sie steckt in die Briefkästen all ihre Grüße.

Wem werden die Grüße zugestellt?

Das weiß jedes Kind.

Briefträger sind Biene und Wind.


Dem Löwenzahn sagt man auch Saublume. Vielleicht nicht nur, weil sie früher als Schweinefutter verwendet wurde, sondern auch, weil dort, wo die Schweine die Weiden mit ihren Ausscheidungen düngen, der Löwenzahn gerne erblüht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 1. April 2025

Warum nackt?

Ein Zitat

Steinmetz-Arbeit am GBS-Gebäude in der Kirchgasse in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Putte ist ein religiöses Symbol, das oft in der christlichen Kunst zu finden ist. Diese Figur zeigt meistens ein junges Engelsgesicht oder kindliches Wesen, das als Verkörperung der Unschuld und Reinheit dargestellt wird." Bibels Kirch

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,7

"Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie banden Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze."

Eine Anregung

Ich wundere mich immer wieder über diese Vorliebe für nackte Kinder in der Kunst. Besonders eigenartig berührt es mich, wenn dann unbekleidete Buben und Mädchen als Verzierung an einem Gewerbeschulhaus zu sehen sind. Das ist ja nun wirklich kein Haus, in dem Kinder, ob bekleidet oder nicht, ein uns ausgehen. Heute sind in diesem Haus die Bauberufe untergebracht. Das gibt einen gewissen Bezug zur Architektur und zu Steinmetzarbeiten.

Auch Kirchen sind bevölkert mit nackten, kindlichen Putten, und auch da wundere ich mich. Sind das die Auswüchse einer Kompensation zeitgenössischer Prüderie; hat das etwas mit pädophilen Neigungen zu tun? Geht es um die Unschuld paradiesischer Nacktheit, wobei in den Darstellungen von Adam und Eva die Genitalien oft verschämt abgedeckt sind, während dies bei kleinen Kindern nicht nötig zu sein scheint?

Wie denkst du über die Nacktheit von Kindern in der Kunst und in der Kirche?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 31. März 2025

Johannes weiblich?

Ein Zitat

Geschnitzte Abendmahlsszene mit weiblich wirkender Person rechts neben Jesus.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts kann geliebt oder gehasst werden, wenn es nicht zuerst verstanden wird." Leonardo Da Vinci (1452-1519)

Ein Bibelvers - Johannes 13,23

"Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte, lag bei Tisch an der Seite von Jesus."

Eine Anregung

Leonardo Da Vinci war wohl der Erste, der eine Person mit weiblichen Zügen in die Darstellung des letzten Abendmahls einfügte. Das geschah zwischen 1494 und 1497, lange nach dem letzten Abendmahl selbst und nach den darüber vorhandenen ältesten Texten der Bibel. Warum also sollte, wie es der Autor Dan Brown und andere behaupten, Da Vinci mehr wissen? Ich denke eher, dass sich der Renaissance-Maler von den Texten der Bibel inspirieren lies, in denen ein Jesusjünger als "Jünger, den Jesus besonders liebte" bezeichnet wird, in denen also ein besonders inniges Verhältnis von Jesus zu - so nimmt man an - Johannes selbst herausgestrichen wird. Falls Johannes wirklich dieser von Jesus geliebte Jünger war, und das ist nicht ganz sicher, dann entspricht dies einem Selbstzeugnis des Evangelisten. Damit haben wir keine besonders gute und sichere Quellenlage, und es bleiben viele unangenehme Fragen offen, wie z.B.: Rühmt sich Johannes hier selbst als der, welcher von allen Jüngern Jesus am nächsten stand?

Interessant ist auch, dass nach Da Vinci eine grosse Zahl an Künstler:innen seiner Interpretation folgten und folgen, und eine Person, meist diejenige auf den Gemälden rechts neben Jesus, mit weiblichen Zügen darstellen. So auch der Holzbildhauer oder die Holzbildhauerin, welche das von mir fotografierte letzte Abendmahl als Miniatur geschaffen hat. Es steht als Schenkung auf einem Fensterbrett in der methodistischen Kapelle Diepoldsau. Da Vinci war also für die spätere Zeit stilbildend. Seit damals spekuliert man über Frauen an der Seite von Jesus, dichtet ihm sogar eine Maria Magdalena als Ehefrau an.

Ob es nun Maria Magdalena ist, die so an die Seite von Jesus gerückt wird, oder der Jünger, den Jesus liebte, also Johannes mit weiblichen Zügen, ist und bleibt unsicher. Eine Provokation war es auf jeden Fall in einer Zeit, in der Geschlechterrollen eindeutig männlich oder weiblich festgeschrieben waren. Genau das beabsichtigte wohl Leonardo Da Vinci: Er wollte gängige Vorstellungen herausfordern. Selbst heute sind Menschen von einem Mann mit weiblichen Zügen irritiert, genauso wie von einer Frau mit männlichen Zügen. Oder dann wird die männliche Vorherrschaft in Kirchen damit begründet, dass Jesus nur Männer als zwölf Apostel um sich gesammelt habe. Genau dies stellt Da Vinci mit seinem letzten Abendmahl vorsichtig in Frage. Es ist bei ihm nur eine Frauengestalt neben elf männlichen Jüngern. Das ging wohl gerade noch als künstlerische Freiheit durch in jener Zeit. Doch seit dem letzten Abendmahl von Da Vinci und dem Evangelium von Johannes kommt man nicht mehr um eine Frage herum: Was wäre, wenn Jesus einen Jünger mit weiblichen Zügen besonders geliebt hat? Für mich die grösste Herausforderung an dieser Frage ist, ob Jesus wirklich einen Jünger mehr geliebt und bevorzugt hat, vor allen anderen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 30. März 2025

Zwei Seiten

Ein Zitat

Blühende Kirschbäume vor der Offenen Citykirche Sankt Jakob in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Man muss viel Liebe investieren, wenn Glaube sich entfalten soll, und man muss viel Freiheit riskieren, wenn die Kirche lebendig bleiben soll." Otto Dibelius (1880-1967)

Ein Bibelvers - Joel 2,1

"Blast ins Widderhorn auf dem Zion! Gebt Alarm auf dem Berg meines Heiligtums! Alle Bewohner des Landes sollen aufgeschreckt werden! Denn der Tag des Herrn kommt, bald ist er da."

Eine Anregung

Jetzt blühen sie wieder, die Kirschbäume. Wenn sie dann auch noch vor so schönem sakralem Gemäuer stehen wie vor der Offenen Citykirche Sankt Jakob in Zürich, schaut man doch gerne hin. 

Doch Fotos erzählen selten die ganze Wahrheit. Wer schon einmal vor dieser Kirche gestanden hat, weiss: So idyllisch ist es nicht, dort am Stauffacher. Wer sich von der Kirche um 180 Grad wegdreht, findet sich vor einer der betriebigsten Tramhaltestellen der Stadt. Auf den vorbeiführenden Strassen brummt der Verkehr, dieweil unweit die Langstrasse mit allerlei mehr oder weniger seriösen Vergnügungen lockt. Dort bei der Kirche trifft sich die Welt der Junkies und Obdachlosen mit den Geschäftsleuten und dem Ausgehvolk.

Ich finde, an keiner anderen Stelle sollte mittendrin die Kirche stehen und einladen zu tiefgründigeren, stilleren Momenten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 29. März 2025

Abheben

Ein Zitat

Ein Höckerschwan fliegt entlang der Thur bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Droben rudert ein Schwan milchweiß schimmernde Bahn, hell das Gefieder von Sternen, zieht er durch himmlische Fernen, rudert nach Traumland voraus, sucht der Glückseligen Haus." Isolde Kurz (1853-1944)

Ein Bibelvers - Sacharja 5,1-2

"Als ich nochmals aufschaute, sah ich eine fliegende Schriftrolle. Der Engel fragte mich: 'Was siehst du?' Ich antwortete: 'Eine fliegende Schriftrolle. Sie ist zehn Meter lang und fünf Meter breit.'"

Eine Anregung

Ich kenne wenige Vögel, die sich für den Abflug so sehr abmühen müssen, wie die Höckerschwäne. Immerhin müssen sie dabei durchschnittlich um die 12-13 Kilogramm Körpergewicht in die Luft hieven. Dazu gehört die lange Anlaufphase, in der sie erst längere Zeit flügelschlagen über das Wasser laufen. Auch in der Luft gewinnen sie nur langsam an Höhe. Das Ganze geht nicht lautlos vonstatten. Weithin hörbar ist ein rhythmisch zum langsamen Flügelschlag passendes Windgeräusch.

Es kommt vor, dass es mir genauso geht wie einem startenden Schwan. Nur langsam komme ich auf Touren, nur langsam hebe ich ab, nur langsam gewinne ich an Zuversicht, nur langsam komme ich dem Himmel näher. Dann lastet die Trägheit auf mir und jeder reale Schritt, jeder Denkschritt verlangt nahezu übermenschliche Kräfte. 

Zugleich ist es eine Zeit grösserer Veränderungen. Ich werde am Ende dieses "Flugs" nicht mehr am Ausgangspunkt sein. Ich werde Neues sehen. Vielleicht stellt sich dann auch die Zufriedenheit ein, die auf dem Weg dorthin so wenig erfahrbar war. Darum ist es gut, sich abzuheben von der Normalität und dem Aussergewöhnlichen auf die Spur zu kommen.

Dem Schwan gelingt dieser Übergang in den Flug bei aller Schwerfälligkeit zugleich kraftvoll und voller Schönheit. Wie ist das, wenn ich mich aufzuschwingen versuche?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 28. März 2025

Marc Chagall in Zürich

Ein Zitat

Das Jakobs- Christus- und Zionsfenster von Marc Chagall im Fraumünster Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Dieses Buch (die Bibel) ist Geschichte und gleichzeitig ist es auch ein Roman, an manchen Stellen ist es reine Poesie. Es ist eine Tragödie, aber oft auch sehr komisch. Nimm zum Beispiel diesen David, er ist nicht so ganz anständig. Er hat ja so viele umgebracht." Marc Chagall (1887-1985)

Ein Bibelvers - Lukas 23,47

"Der römische Hauptmann sah genau, was geschah. Da lobte er Gott und sagte: 'Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter.'"

Eine Anregung

Heute vor 40 Jahren starb Marc Chagall im Alter von 97 Jahren. Seine Werke sind auf der ganzen Welt zu finden, auch in Zürich. Dort besuchen jährlich um die 150'000 Tourist:innen das Fraumünster, um ein Alterswerk des Künstlers zu bestaunen. Damit sie vor den fünf Glasfenster meditieren können, müssen sie fünf Franken Eintritt hinlegen. Das sind die Glasmalereien allemal wert. Ihre Leuchtkraft, die besondere Farbgebung, die Gestaltung der Motive erfüllen das Innerste der Betrachtenden.

Besonders bewegt hat mich, dass Marc Chagall im gekreuzigten Christus das "Sinnbild für die verfolgten und ermordeten Juden schlechthin" entdeckte. Chagall schuf ab den 1930er Jahren zahlreiche Bilder des Gekreuzigten.

Mehr über Marc Chagall und die berühmten Glasmalereien in Zürich erfährt man in einem heute erschienen Beitrag von Jens Bayer-Gimm auf ref.ch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 27. März 2025

Der Sumpfhase

Ein Zitat

Eine Bisamratte schwimmt und taucht in einem Wasserloch entlang der Thur bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Auf Erden herrscht die Liebe, im Himmel die Gnade, nur in der Hölle gibt es Gerechtigkeit." Anaklet II. (1090-1138), Gegenpapst zu Papst Innozenz II.

Ein Bibelvers - Kolosser 3,12+14

"Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft. Wie der Herr euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben! Vor allem aber bekleidet euch mit der Liebe. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt."

Eine Anregung

Die Bisamratte gibt es seit etwa 110 Jahren in Europa. Erstmals hörte ich von meinem Vater von diesen schwimmenden Sumpfhasen, sie gehören zur Gruppe der Wühlmäusen, als wir in Bern unweit der Aare lebten. Damals war ich so etwa 4 Jahre alt.

Dass es sie bei uns gibt, hängt damit zusammen, dass das aus Amerika stammende Tier bewusst und mehrfach in Europa ausgesetzt wurde, aber auch, dass Bisamratten aus Pelztierzuchten ausbüxten und sich rasend schnell über ganz Europa ausbreiteten.

Immer wenn ich Bisamratten sehe, freue ich mich, auch wenn ich weiss, dass sie noch immer als Neozoen und unerwünschte Fremdkörper gesehen werden. Es geht lange, bis etwas nicht mehr als fremder, unerwünschter Teil einer Gesellschaft betrachtet wird, bis es ganz dazugehört. Das gilt für Pflanzen, Tiere und Menschen.

Nun hoffe ich, dass es dereinst im Himmel nicht auch so ist, dass die, die schon da sind, misstrauisch auf die schauen, die neu ankommen. Eher wäre das ein Merkmal, bei dem man an die Hölle denken müsste. Wo aber gehört zwischen solcherart Himmel und Hölle da wohl die Erde hin?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 26. März 2025

Geburten wie Gebete

Ein Zitat

Zwei Blätter eines Busches schmiegen sich im Entstehen eng aneinander, als würden sie betend geboren werden.
Foto © Jörg Niederer
"Bei Knospen denken wir an Blüten; warum nur und nicht zuerst an die Blätter?"

Ein Bibelvers - 2. Mose 25,31

"Mach einen Leuchter aus reinem Gold. Leuchter, Fuß und Schaft sollen aus einem Stück gearbeitet sein, mit Blüten, Knospen und Blättern."

Eine Anregung

Wie Hände in Gebetsform schmiegen sich zwei junge Blätter eines Busches eng aneinander. Ihr Start ins Leben ist voller Schönheit. Nichts stört die Harmonie. Einander halten sie sich aufrecht. Die samtene Oberfläche - ich möchte sie ertasten.

Es ist ein Wunder, das sich in der Natur jedes Jahre millionenfach von neuem ereignet. Die Geburt der Blätter, wie ein Gebet der Bäume und Büsche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 25. März 2025

(Verkehrte) Welt

Ein Zitat

Wassertropfen an einer Knospe.
Foto © Jörg Niederer
"Was bleibt, stiften die Liebenden." Buchtitel eines Buchs von Jörg Zink

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,7+8

"Ihr Lieben, wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott. Und wer liebt, hat Gott zum Vater und kennt ihn. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist Liebe."

Eine Anregung

Worauf siehst du? Auf die Knospe, die den Frühling und das Aufblühen der Natur unverkennbar prophezeit. Oder schaust du auf den Wassertropfen, und wie darin die Welt Kopf steht? Siehst du auf den Hintergrund, auf das, was in einiger Entfernung sich undeutlich verbirgt. Oder siehst du auf das Astwerk, auf das, was auch einige Winter überstehen wird?

Worauf siehst du? Auf all die Chancen in deinem Leben, die sich wie Knospen einer erwachenden Zeit abzeichnen? Schaust du auf das, was in dieser Welt gerade auf dem Kopf steht? Oder schaust du aufs grosse Ganze, auf das, was sich wie ein undeutlicher Hintergrund all deiner Hoffnungen und Ängste für die ferne Zukunft ergeben könnte. Vielleicht schaust du auch auf das, was beständig ist, was bleibt über ein Menschenleben hinaus, so wie die Äste an einem Strauch.

Alles was wir sehen, wird vergehen. Das was bleibt, geschieht dazwischen, geschieht da, wo sich Menschen auf die Liebe besinnen, auf Gott, der Liebe ist, den wir lieben können von ganzen Herzen und mit allem Verstand. Es geschieht, wo wir uns liebevoll den Mitmenschen, den Nächsten zuwenden. Denn was über Raum und Zeit hinaus bleiben wird, "... stiften die Liebenden!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 24. März 2025

Generationentreffen

Ein Zitat

Ein Postauto-Oldtimer und ein Stadtbus treffen sich in Frauenfeld beim Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jahre lehren viele Dinge, die man von Tagen nicht lernen kann." Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882)

Ein Bibelvers - Josua 13,1

"Josua war sehr alt geworden. Da sagte der Herr zu ihm: 'Du bist nun sehr alt geworden. Aber viele Teile des Landes sind noch nicht erobert.'"

Eine Anregung

Früher wurde das Oldtimer-Postauto wohl als gross empfunden. Heute sieht es klein aus neben dem Stadtbus. So ändern sich die Zeiten. 

Früher, als ich noch jung war, empfand ich mich grösser als heute. Heute fallen mir immer mehr Frauen und Männer auf, die mich überragen. Vermutlich sind die Menschen in der Schweiz zwischenzeitlich durchschnittlich wirklich hochgewachsener als früher. Sicher aber ist auch, dass ich kleiner geworden bin.

Vielleicht gilt das auch in übertragener Weise: Früher empfand ich mich als grossartiger und war vielleicht sogar auch grossmäuliger als heute. Doch mit dem Alter werden die Relationen und Ansichten realistischer. Die Erfahrung lehrt, dass ich mich nicht zu ernst nehmen sollte, dass ich niemandem mehr etwas vorzumachen brauche. Macht mich das allgemeinverträglicher?

Liebt die Welt deshalb die Oldtimer, weil sie nicht mehr über sich hinauswachsen wollen, weil sie abgeschlossen haben mit dem Grösser, Schneller, Besser, weil sie nun auf andere Werte setzen, Werte wie gemütlicher, bescheidener, rücksichtsvoller?

Oldtimer scheinen uns oft auch schöner als heutige Fahrzeuge. Sie sind schön gealtert. Für mich ist es erstrebenswert, statt künstlich jung zu bleiben, natürlich und würdevoll alt zu werden. Mal schauen, wie gut es mir gelingt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 23. März 2025

Naherwartung

Ein Zitat

Eine junge Frau wartet am Bahnhof Frauenfeld in der Sonne auf den Bus.
Foto © Jörg Niederer
"Wir müssen lernen, wieder aufzuwachen und uns wach zu halten, nicht durch mechanische Hilfe, sondern durch eine unendliche Erwartung der Morgendämmerung." Henry David Thoreau (1817-1862)

Ein Bibelvers - Matthäus 24,43+44

"Macht euch bewusst: Wenn der Hausherr wüsste, wann der Dieb in der Nacht kommt, würde er wach bleiben. Er würde es nicht zulassen, dass in sein Haus eingebrochen wird. Darum sollt auch ihr jederzeit bereit sein. Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr ihn nicht erwartet."

Eine Anregung

Wieviel Naherwartung ist noch in meinem Leben?

Von Naherwartung spricht man im Zusammenhang mit der Wiederkunft des Messias. Mir scheint, dass je älter ich werde, je mehr verliert diese Naherwartung an Bedeutung und Dringlichkeit. Gut, ich bin auch nicht in einer Notlage, in der ich mir wünschen würde, dass ein Weltenrichter diese beendet.

Warten macht Sinn, wenn das, worauf man wartet, in absehbarer Zeit geschieht. Ich warte immer wieder einmal auf Menschen, auf Züge, auf einen bestimmten, besonderen Tag, auch auf den Klimakollaps. Alles realistische Nah-Erwartungen. Aber DIE Naherwartung schlechthin ist der Geduld gewichen und zu Gedankenspielereien verkommen.

Ein Lied, in dem sich die Naherwartung durch jede Strophe hindurchzieht, wurde von Philipp Friedrich Hiller im Jahr 1767 geschrieben. Der Pfarrer litt an einer schwindenden Stimme, die es ihm unmöglich machte, zu predigen oder seine 11 Kinder zu unterrichten. Also schriebe er Lieder, so auch das Lied "Wir warten dein', o Gottes Sohn". Wie es klingt und von der Naherwartung spricht, kann man sich z.B. hier anhören!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 22. März 2025

Weg der Vielfalt in St. Gallen

Ein Zitat

Zum neuen Weg der Vielfalt in St. Gallen gehört auch der alte Jüdische Friedhof.
Foto © Jörg Niederer
"Viele verschiedene Blumen ergeben einen Strauss." Islamisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Hesekiel 38,23

"Dann werden viele Völker meine heilige Macht mit eigenen Augen sehen. Dadurch werden sie erkennen, dass ich der Herr bin."

Eine Anregung

In St. Gallen gibt es neue einen "Weg der Vielfalt". Er zeigt Orte, die von Vielfalt erzählen und zum Nachdenken über unsere Gegenwart anregen. Themen sind: Frauen und Sexismus; Queer und Homophobie; Kolonialismus und Rassismus; Jüdisches und Antisemitismus; Arbeit, Armut und Soziales; Migration, Asyl und Flucht; Nazis, Frontenbewegung und Weltkriege sowie Behinderung und Ableismus (Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder eingeschränkten Fähigkeiten).

Während in Zürich rassistische und koloniale Zeichen aus der Stadt entfernt werden, will man in St. Gallen offen mit dieser Vergangenheit umgehen. Dazu dient dieser Weg der Vielfalt, der bewusst den Blick auf die bedenklichen und düsteren Seiten aus der Geschichte der Stadt richtet. Aber nicht nur. So finden sich immer auch wieder positive Beispiele von Menschlichkeit und Grossherzigkeit.

Ich werde mich in der kommenden Zeit noch bewusster und aufmerksamer durch die Stadt bewegen, und den einen oder anderen Erinnerungsort bewusst aufsuchen.

Hier geht es zur Webseite, die alle bereits definierten 86 Erinnerungsorte aufführt und auch auf einer Karte genau lokalisiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 21. März 2025

Neue Webseite der Methodistenkirche St. Gallen

Ein Zitat

Die neue Webseite der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen kommt aufgeräumter und übersichtlicher daher.
Foto © Jörg Niederer
"Das Internet ist ein großer Misthaufen, in dem man allerdings auch kleine Schätze und Perlen finden kann." Joseph Weizenbaum (1923–2008) deutsch-amerikanischer Informatiker und Computerkritiker

Ein Bibelvers - Markus 16,15

"Jesus sagte zu den elf Jüngern: 'Geht in die ganze Welt hinaus. Verkündet allen Menschen die Gute Nachricht.'"

Eine Anregung

Seit einigen Tagen ist die neue Webseite der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen aufgeschaltet.

Neu kommt sie aufgeräumter und übersichtlicher daher. Es stehen drei Haupt-Menüpunkte zur Verfügung: "Angebote", "Kontakte und Personen", sowie "Raumvermietung". In Untermenüs zu finden sich die "Gemeindebriefe" und "Predigten".

Die Seite baut sich gegenüber der früheren bedeutend schneller auf. Lange Wartezeiten gehören zur Vergangenheit. Weitere Inhalte der Methodist:Innen von St. Gallen finden sich darüber hinaus auch auf YouTube, Facebook, Bluesky, Instagram, X und Threads.

In den kommenden Wochen mag das eine oder andere noch zur neuen Webseite hinzukommen. Doch für den ersten Eindruck und die Angaben zu einen Besuch in der Kirche, die ihren Standort an der Kapellenstrasse 6 zwischen den Hauptsitzen der Raiffeisenbank, dem Modeunternehmen Akris und dem Hotel Einstein hat, ist alles angerichtet.

Hier geht es zur Webseite der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 20. März 2025

Zum letzten Mal

Ein Zitat

Geschenke zum Abschied meiner Mitarbeit in der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa. Eine CD und feine Schokolade.
Foto © Jörg Niederer
"Niemand muss den lieben Gott spielen und glauben, er müsste 24 Stunden verfügbar sein." Bischof Heinrich Bolleter in seiner Eröffnungspredigt an der Tagung der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa 1997 in Aarau.

Ein Bibelvers - Kolosser 1,3

"Jedes Mal, wenn wir für euch beten, danken wir Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus."

Eine Anregung

Am vergangenen Sonntag ging in Winterthur die Tagung der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa (ZKMSE) der Evangelisch-methodistischen Kirche zu Ende. Zu Ende ging damit für mich auch eine lange Zeit der Mitarbeit in diesem internationalen Gremium.

Seit 1997 durfte ich die alle vier Jahre tagenden Zentralkonferenzen besuchen. Seit 2002 kamen dann auch noch die jährlich stattfindenden Tagungen des Exekutivkomitees hinzu. Anfänglich leitete ich die Arbeitsgruppe Soziale Fragen, dann die Arbeitsgruppe Bischofsamt. Über 11 Jahre hinweg prüfte ich jeweils nach den Tagungen die Protokolle.

In diesen Jahren durfte ich in viele europäische Städte reisen, lernte viele Geschwister auf der ganzen Welt kennen. Acht Jahre vertrat ich die ZKMSE auch in General Board of Church and Society unserer weltweiten Kirche, und wirkte mit an den neuen Sozialen Grundsätzen. Auch staunte ich immer wieder aufs neue über diese vielfältige, inspirierende Gemeinschaft von Christ:innen. Sicher, es gab auch langweilige und ermüdende Momente; auch Spannungen blieben nicht aus. Aber die guten Erinnerungen und Erfahrungen überwiegen bei weitem. Ich wurde reich gesegnet an diesen Treffen.

Mit der bevorstehenden Pensionierung habe ich nun meinen Rücktritt aus allen Aufgaben im Exekutivkomitee und der Zentralkonferenz gegeben. Als Geschenk wurde mir, passend zum diesjährigen Konferenzthema "Schalom mit uns" eine Doppel-CD mit dem Titel "Shalom" und feine Schokolade geschenkt. Diesen Sonntag werden die CDs dann gleich einmal im Gottesdienst in St. Gallen zum Einsatz kommen. Die Schokolade wird nicht ewig halten. Was aber bleibt, ist eine grosse Dankbarkeit.

Kannst du für Erfahrungen und Begebenheiten in deinem Leben dankbar sein?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 19. März 2025

Atheistisch glauben

Ein Zitat

Das Kommunistische Parteihaus in Warschau war Sitz des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, wurde dann zur Börse und gehört heute einer Bank.
Foto © Jörg Niederer
"Als ich den Leuten in Nordirland erzählte, dass ich Atheist sei, stand eine Frau im Publikum auf und fragte: 'Nun gut, aber ist es der katholische oder der protestantische Gott, an den Sie nicht glauben?'" Quentin Crisp (1908-1999)

Ein Bibelvers - Prediger 7,13+14

"Gib acht auf das, was Gott tut: 'Wer kann geradebiegen, was er gekrümmt hat?' Am Glückstag sei guter Dinge, am Unglückstag aber denke daran: Den einen wie den anderen hat Gott gemacht. Deshalb verhalte dich entsprechend. Denn kein Mensch kann herausfinden, was die Zukunft bringt."

Eine Anregung

Gleich dreimal bin ich in der letzten Zeit auf Menschen gestossen, welche den Christ:innen hohe Sympathie entgegenbringen, und sich zugleich als Atheisten oder Nichtglaubende verstehen. 

Beginnen wir mit dem erst kürzlich verstorbenen Peter Bichsel: Von Andres Eberhard lese ich in einem Beitrag von ref.ch über Peter Bichsels Verhältnis zu Gott: "'Ich muss ein religiöser Mensch sein, das habe ich zu akzeptieren, damit habe ich zu leben', schrieb Bichsel als eine Art Fazit. Sein ambivalentes Verhältnis zum Glauben brachte er in späteren Jahren mit unterschiedlichen Worten zum Ausdruck. Einmal sagte er: 'Ich glaube an Gott, aber ich weiss, dass es ihn nicht gibt.' Bei anderer Gelegenheit erklärte er: 'Ich glaube nicht an Gott, aber ich brauche ihn.' In einem seiner letzten Interviews formulierte er es so: 'Ich liebe Gott, aber er liebt mich nicht, weil es ihn nicht gibt.'"
Weiter ist da auch das oft wiederholte Zitat von Peter Bichsel über die Kirche, die ihren Gründer nicht los werden kann. Noch einmal Peter Bichsel, von Andres Eberhard zitiert: "'Der Kirche wird es nicht gelingen, ihren Gründer über Bord zu werfen.' Anders als etwa politische Parteien, die sich kurzerhand neu erfinden können, sei die Kirche auf immer und ewig an Christus gebunden. 'Das macht sie spannend und interessant.'"

Dann wäre da Wolf Biermann. In seinem Buch "Mensch Gott!" schreibt er in seiner gewohnt direkten und herben Sprache in einer Art Vorwort mit der Überschrift "All meine Gläubigkeit": "Und genauso ermutigte der Glaube an Gott auch eine tapfere Schar echter Christen in der DDR zur Insubordination. Solch echte Protestanten und Katholiken wurden von der Partei bevorzugt … verfolgt. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Christenmensch in der DDR zum Menschenschweinehund mutiert, war kleiner als im Westen. Ich erlebte, daß wirklich treue Hirten und echt fromme Schafe – was Wunder! –, daß diese gläubigen Menschen meine natürlichen Verbündeten waren im Kampf gegen den Stalinismus. An welchen Gott, egal welcher Konfession ein Menschenkind glaubt, das soll mich nicht von ihm trennen. Und wenn ich so einen Frommen treffe, der das Markenzeichen seiner Firma demonstrativ vor sich herträgt, dann argwöhne ich skeptisches Lästermaul automatisch: Hoffentlich glaubt dieser Mensch wirklich an seinen auserwählten Gott! Ich jedenfalls, das gebrannte Kind Karl-Wolf Biermann, kann weder an Gott noch an Götter glauben." 

Zuletzt las ich in einem Sonntagszeitung-Interview mit dem Starphilosophen Slavoj Zizek. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Christlicher Atheismus." Hier ein Auszug aus dem Interview: "Wir sollten uns auch auf den subversiven Kern des Christentums besinnen... Ich meine damit nicht diese Vorstellung von Gott als einem guten alten Mann oder einer höheren Macht, die einen glücklichen Ausgang garantiert. Nein diese Idee stirbt am Kreuz. ... die Botschaft des Christentums lautet: Gott kehrt als Heiliger Geist zurück. der Heilige Geist ist eine egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, die völlig frei und für ihr eigenes Handeln verantwortlich sind. Deshalb mag ich ja auch Ihren Typen, also Calvin... Er war ein bisschen totalitär. aber er hat immer auf ein Misstrauen gegenüber den Mächtigen bestanden – und darauf, eine Regierung zu stürzen. Ich denke, ein authentisches Christentum als eine Gemeinschaft der Gleichberechtigten braucht einen neuen Calvin."

Darüber werde ich nun noch etwas weiter nachdenken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 18. März 2025

Gruppenfoto

Ein Zitat

Die Teilnehmenden an der Tagung der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa haben sich vor der Methodistenkirche Winterthur zu einem Foto versammelt.
Foto © Jörg Niederer
"Dieser Moment, wenn du bei einem Gruppenfoto nur dich anschaust und dann sagst: Dieses Foto gefällt mir (nicht)." Quelle unbekannt

Ein Bibelvers - Lukas 9,46

"Es kam aber unter ihnen [den Jüngern] der Gedanke auf, wer von ihnen der Grösste wäre."

Eine Anregung

Sieben Personen wie beim Gruppenbild des Bundesrats auf ein Foto zu bringen ist nicht sonderlich schwierig. Herausfordernder sind die Aufnahmen, auf denen sich an die hundert Personen versammeln. Schon allein alle zur selben Zeit an den Aufnahmeort zu bringen ist schier unmöglich. So frieren sich die Schnelleren die Haxen ab, während die Langsameren noch gemütlich einige E-Mails schreiben oder sich gerade jetzt mit der Person, neben der sie drei Tage lang gesessen haben, zum ersten Mal richtig unterhalten möchten.

Hat man vermeintlich alle da, gilt es, die Gruppe zu organisieren. Bestimmt nehmen dann die Grossen vorne Platz und die Kleinen hinten. Plötzlich funktioniert, was beim Anstehen am Billettschalter nie klappt: Alle stellen sich in einer Reihe auf statt in drei. Also muss man die Gruppe staffeln und an den Seiten deutlich komprimieren. Schlussendlich stehen oder kauern alle richtig, die ersten Fotos sind gemacht, wobei der Fotograf natürlich in den Blumenrabatten zu stehen gekommen ist. Da tauchen zwei drei Nachzügler:innen auf, und wollen nun auch noch aufs Bild.

Im Nachhinein stellt man dann fest: Da hat es Personen, welche zwar da waren, aber - weil sie zuhinterst standen - nur noch mit einer Haarsträhne aufs Bild fanden. Auch sind da die, von denen man nur die eine Gesichtshälfte erkennen kann. Wieder andere können lachen, soviel sie wollen, es sieht auf dem Bild einfach nicht fröhlich aus. Irgendein Witzbold muss dann auch noch zwei Finger hinter den Kopf des Vordermanns halten, so dass es aussieht, als hätte dieser Eselsohren. Und dann gibt es noch die Randerscheinungen, also Menschen, die immer Links- oder Rechtsaussen zu finden sind. Und weil nur alle zu Fotografierenden mit dem Weitwinkelobjektiv der Kamera den Weg aufs Bild fanden, sehen diese am Rand etwas breiter aus als in Wirklichkeit.

So ist es doch auch in der christlichen Gemeinde: Da sind die, welche sich für die anderen gerne die Finger abfrieren, und da sind die, welche immer zu spät kommen. Da sind die, welche sich breitbeinig vorne hinstellen, und die, welche sich möglichst hinter den anderen verstecken. Da sind die, welche nicht auffallen wollen, und die, welche den anderen in der Sonne stehen. Da sind die Fröhlichen und die Traurigen. Da sind die, welche sich hinkauern, damit die anderen auch gesehen werden. Da sind die an den Rändern und die im Zentrum. Und eine Person ist immer auch da, die diese Vielfalt an Menschen versucht zusammenzuhalten, und dabei ab und zu im Fettnäpfchen landet.

Ist es nicht wunderbar (und manchmal zum Verzweifeln) wie verschieden wir sind und doch meist in Christus zu einer Einheit zusammenfinden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen