Donnerstag, 7. Dezember 2023

Himmel über Zürich

Ein Zitat

Regisseur Thomas Thümena äussert sich zu seinem Film "Himmel über Zürich".
Foto © Jörg Niederer
"Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, in London, wo William Booth die Heilsarmee gründete, war Karl Marx damit beschäftigt, sein Hauptwerk 'Das Kapital' zu schreiben. Beides je verschiedene Versuche, die Not der Menschen zu adressieren." Regisseur Thomas Thümena sinngemäss an der Filmvorschau "Himmel über Zürich" im Kino Kinok in St. Gallen

Ein Bibelvers - Johannes 12,8

Jesus: "Arme wird es immer bei euch geben. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch."

Eine Anregung

Der Titel des Films ist gut gewählt. Das Portrait von Menschen am Rand der Gesellschaft spielt unter dem Himmel von Zürich. Für die Randständigen selbst ist dieser einmal bewölkte, einmal winterliche, dann wieder sonnig blaue Himmel von Zürich nicht selten ihr Dach über dem Kopf. Für die Heilsarmee ist der Himmel in geistlicher Hinsicht die Botschaft, die sie durch ihren sozialen Einsatz aber auch durch Worte vermitteln; ein Ort der Hoffnung. Die Heilsarmee mit ihren rund 3000 Mitgliedern in der Schweiz ist ihrerseits selbst randständig, wäre wohl nicht der Rede oder eines Filmes wert, wenn da nicht diese besondere Zuwendung zu den Ärmsten und Bedürftigen gelebt wird. Das geschieht besonders in Zeiten, in denen bei uns im Westen das Religiöse und die Armut privat versteckt werden. Doch wer sehen will, wird beides sehen.

Regisseur und Drehbuchautor Thomas Thümena wollte nicht mehr wegschauen, und so ist ein berührender Film entstanden über Menschen in der Heilsarmee und, woran man bei der Heilsarmee nie vorbeikommt, über Armutsbetroffene mitten unter uns. Davon handelt der Film. Anhand von einigen Protagonistinnen und Protagonisten wird ein Bild gezeichnet von einerseits gelebter Fürsorge und Nächstenliebe, andererseits von grosser Not. Der Film lebt von den portraitierten Menschen, vom Heilsarmee-Offiziersehepaar Fredi und Mirjam Inniger, von den Armutsbetroffenen Jack, Kheira, Josef und Jürg. Alle haben sie ihre Herkunft, ihr Schicksal, ihre Höhepunkte und Tiefschläge und ihren Glauben. "Himmel über Zürich" ist ein berührender und verstörender Film. Er stört die oberflächlich heile Welt und ist darum auch so wichtig.

Corinne Riedener hat auf www.saiten.ch mehr dazu geschrieben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Fliegende Weihnachtskugeln

Ein Zitat

Eisvogel-Weibchen in den Murgauen Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
Das 11. Gebot lautet: Du sollst nicht aufhören zu staunen!

Ein Bibelvers - Markus 7,37

"Die Leute gerieten völlig außer sich vor Staunen und sagten: 'Wie gut ist alles, was er [Jesus] getan hat!'"

Eine Anregung

Hast du die Weihnachtskugeln schon hervorgenommen? Oder bringt sie dir heute der Nikolaus? Diese glitzernden und schillernden Dekorationsobjekte sind ja schon bemerkenswert. In St. Gallen kann man sie in allen Variationen und für alle Jahreszeiten einkaufen. Natürlich gibt es auch den Eisvogel als Deko-Schmuck, wobei er gerade ausverkauft ist. 

Ich darf immer wieder über das Original staunen. Es leben gerade einige Eisvögel entlang der Murg in Frauenfeld. Wenn sie pfeilschnell im Tiefflug über das Wasser schwirren, gleichen sie fliegenden Weihnachtskugeln. Nur viel schöner, weil lebendiger. Das auf dem Foto abgebildete Weibchen (erkennbar an dem orangen unteren Schnabelteil) wohnt direkt unter einem Tannenbäumchen. Irgendwie passend im Advent.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 5. Dezember 2023

Was Gott bäckt, das ist wohlgetan...

Ein Zitat

Schottische Hochlandrinder beim Wiederkäuen in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Jedes Werden in der Natur, im Menschen, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt." Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Ein Bibelvers - Psalm 100,5

"Der Herr ist gut, für immer bleibt seine Güte und seine Treue von Generation zu Generation."

Eine Anregung

Die Geschichte ist von einem gewissen Cory Sayer. Gelesen habe ich sie vor einiger Zeit in einem weitergeleiteten Beitrag eines US-amerikanischen Kollegen. 

"Ein Pfarrer bat einen älteren Bauern in Latzhose, das Morgengebet für das Frühstück zu sprechen. 'Herr, ich hasse Buttermilch', begann der Bauer. Der Pfarrer öffnete ein Auge, um den Bauern anzusehen und sich zu fragen, worauf das hinauslaufen würde.
Der Bauer betete laut weiter: 'Gott, ich verabscheue Schweineschmalz.' Nun wurde der Pfarrer zunehmend besorgter.
Ohne eine Pause zu machen, fuhr der Bauer fort: 'Und guter Gott, du weisst, dass ich mit Weissmehl nicht viel anfangen kann'. Der Pastor schaute sich im Raum um, und sah, dass er nicht der Einzige war, der sich ob diesem Gebet unwohl zu fühlen begann.
Dann fügte der Bauer hinzu: 'Aber Herr, wenn meine Frau Buttermilch, Schweineschmalz und Mehl zusammenmischt und backt, dann liebe ich die warmen, frische Kekse, die sie aus dem Ofen zieht. Also, guter Gott, wenn Dinge auftauchen, die uns nicht gefallen, wenn das Leben schwer wird, wenn wir nicht verstehen, was du uns sagen willst, dann schenke uns Geduld, bis du mit dem Mischen fertig bist. Was dabei für unser Leben durch dich herauskommt, wird mit Sicherheit sogar besser werden als die sonst unübertrefflichen Kekse meiner Frau. Amen.'"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. Dezember 2023

Verflucht gesegnet

Ein Zitat

Vom Perron auf dem Bahnhof Olten sieht man hinüber zum Restaurant Flügelrad.
Foto © Jörg Niederer
"Leb dein Leben jeden Tag / Lebe so wie du es magst / Leb für jemand, den du liebst / Für den du immer alles gibst / Leb, als wär's dein letzter Tag" - Nino de Angelo im Lied: "Gesegnet und Verflucht"

Ein Bibelvers - 5. Mose 11,26+27

"Seht, ich stelle euch heute vor die Wahl zwischen Segen und Fluch: Segen erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, befolgt. Ich habe es euch heute verkündet."

Eine Anregung

Irgendwo in überfüllten Wagon der Bahn steigt ein etwa 30-jähriger Mann ein. Er bleibt bei den Türen stehen. Nein er bleibt nicht stehen. Er tigert von einer Seite zu anderen. Das Down-Syndrom zeichnet seine Gesichtszüge. Er ist ganz bei sich, beginnt mit rauer, verwaschener Stimme zu singen. Die Artikulation ist wenig präzise. Erst mit der Zeit beginne ich zu verstehen. Er singt, als wäre kein Mensch im Zug. Er sing, und kein Mensch im Zug verlangt von ihm, dass er damit aufhöre. Allmählich verändert sich die Stimmung, entspannt sich, wird heiter. Die Frau mir gegenüber lächelt. Immer wieder hören wir den Refrain, wobei der Mann all seine Emotionen in die Worte legt: "Gesegnet und verflucht" singt er. Immer wieder: "Gesegnet und verflucht / Gefunden und gesucht / In Flammen und erfroren / Gewonnen und verloren". Nicht gerade ein adventliches Lied. Und doch wird es Licht im Abteil, irgendwo im überfüllten Wagon eines Zugs, auf dem Weg von "Gesegnet" nach "Verflucht". In Wirklichkeit waren wir Fahrgäste aber schon einige Zeit in anderer Richtung unterwegs. Wir waren auf dem Weg von "Verflucht" nach "Gesegnet".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 3. Dezember 2023

Christbaum - Lebensbaum

Ein Zitat

Der Weihnachtsbaum auf dem Domplatz in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Am Baum des Lebens wachsen viele Augenblicke. Jeder einzelne davon ist kostbar." Jochen Mariss

Ein Bibelvers - Offenbarung 2,7

"Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt: 'Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, dem gebe ich vom Baum des Lebens zu essen. Das ist der Baum, der in Gottes Paradies steht.'"

Eine Anregung

Wir feiern den 1. Advent. Nun stehen wieder überall die erleuchteten Christbäume in den Parks und an den Strassen. Lebensbäume sind es, meist immergrünes Nadelgehölz. Was es mit den Bäumen des Lebens auf sich hat, dem wird heute Morgen in der Methodistenkirche St. Gallen in der gottesdienstlichen Feier nachgegangen. 

Vor Ort geht es um 10.15 Uhr los. Auf Youtube kann man die Predigt ab 10.30 Uhr miterleben oder auch später anschauen. Für Kinder von 3-10 Jahren beginnt der Sonntagmorgen schon um 09.40 Uhr mit der Sonntagschule und danach wird gebastelt und gespielt. 

Im Anschluss an Gottesdienst und Kinderprogramm, so ca. um 11.30 Uhr, sind alle zu Spaghetti und Tischgemeinschaft eingeladen.

Wir freuen uns über alle, welche mit dabei sind am Kapellenweg 6 in St. Gallen oder auch per Internet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 2. Dezember 2023

Dranbleiben an der Hoffnung

Ein Zitat

Pfarrerin und Bethesda-Diakonisse Christa Frey erfüllte viele Menschen in ihrem Dienst mit Freude und Hoffnung. (Bild: Auszug aus dem Film "Dranbleiben an der Hoffnung" von Philipp Eyer)
Foto © Philipp Eyer und Bethesda Basel

"Ich wusste überhaupt nicht was eine Schwester ist. Ich hatte mir eine Nonne vorgestellt, die immer nur betet."
Sr. Emmi Spörri ist 1959 als Diakonisse in die Schwesterngemeinschaft Bethesda eingetreten.

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 5,23

"Gott, der Frieden schenkt, mache euch ganz und gar zu Heiligen. Er bewahre euch unversehrt an Geist, Seele und Körper. Denn es soll an euch nichts auszusetzen sein, wenn unser Herr Jesus Christus wiederkommt."

Eine Anregung

Wer den Film "Dranbleiben an der Hoffnung" von Philipp Eyer zum 100-Jahr-Jubiläum der Bethesda-Schwesterngemeinschaft anklickt, für den oder die öffnet sich ein Adventsfenster der hoffnungsvollen Art. Die Diakonissen von Bethesda Basel wahren Vorreiterinnen, lebten und wirkten und verstanden ihren Dienst ganzheitlich, setzten sich für Leib, Seele und Geist der Menschen ein, die sie pflegten und begleiteten. Im Film erfährt man über Geschichte und Lebensweise der noch verbliebenen 19 Diakonissen viel Zukunftsweisendes. Das gilt gerade auch, weil sich die Frauen in Tracht und weisser Haube, einst Kleidung der gutbürgerlichen, verheirateten Frau, bewusst sind, dass es sie einmal nicht mehr geben wird. Von den einst über 100 Diakonissen sind die meisten verstorben. So auch Schwester Christa Frey, an welche man sich in St. Gallen gerne zurück erinnert. Dort diente sie in der Methodistenkirche einige Jahre lang als Pfarrerin in der Tradition der Schwesternschaft Bethesda.

Vor 20 Jahren haben sich die Diakonissen entschieden, keine neuen Schwestern in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Bis heute wissen sie sich aber berufen und zu den Menschen gesandt. Schwester Vroni Hofer über diese Berufung: "Es bleibt ein Geheimnis. Eine Berufung kann man letztlich nicht erklären. Es ist ein Geheimnis zwischen Gott und dem Menschen, der mit Gott lebt."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 1. Dezember 2023

Adventskalender mit Dialekt-Weihnachtsliedern

Ein Zitat

Die evangelisch-methodistische Kirche in Huttwil, als es die Gemeinde noch gab.
Foto © Jörg Niederer
"Die Adventszeit ist eine Zeit, in der man Zeit hat, darüber nachzudenken, wofür es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen." Gudrun Kropp

Ein Bibelvers - Römer 8,25

"Wir aber hoffen auf etwas, das wir noch nicht sehen. Darum müssen wir geduldig warten."

Eine Anregung

Musikalisch kann ich kaum mit einer anderen Person mithalten, geschweige denn mit dem Musiker Christof Fankhauser. Doch eines haben wir gemeinsam. Seine Wohnadresse ist mir sehr gut bekannt. Sie war für drei Jahre auch meine Adresse, als ich Pfarrer in Huttwil war.

Zum Auftakt in den Advent verweise ich gerne auf den Adventskalender von Christof Fankhauser. Das besondere daran: An jedem Tag gibt es ein bekanntes Weihnachtslied in Mundart. Wer einfach so hören möchte, wie zum Beispiel das Lied "Macht hoch die Tür" auf Schweizerdeutsch klingt, findet hier einige geschenkte Beispiele.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 30. November 2023

Der erste Schnee

Ein Zitat

Raubwürger im Schneetreiben
Foto © Jörg Niederer
"Viel Regen, wenig Schnee, tut Äckern und Bäumen weh." Bauernregel

Ein Bibelvers - Jeremia 18,14+15

"Schmilzt etwa der Schnee auf den Gipfeln des Libanon? Versiegt ein Bach, der aus dem Gebirge gespeist wird? Doch mein Volk handelt verkehrt und vergisst mich."

Eine Anregung

Der erste Schnee. Die ersten Flocken. Nichts Ernstes. Weisse Punkte, vom Wind getragen. Schon sind sie wieder vergangen. Der erste Schnee, er ist zum Schnee von gestern geworden.

Als Jeremia im Namen Gottes sprach, da waren die Gipfel des Libanon noch weiss vom Schnee. Was einst rhetorische Frage war, die es mit "Nein" zu beantworten galt, verlangt heute Zustimmung. Ja, der Schnee schmilzt weg auf dem Libanon. Und nicht nur dort. Selbst Bäche aus dem Gebirge versiegen heutzutage. Klimawandel. Menschgemacht, durch übermässigen Verbrauch fossiler Brennstoffe. 

Könnten da zur Abwechslung die Menschen nicht für einmal umdenken und richtig zu handeln beginnen, sich auf Gott besinnen und seiner Bestimmung als Geschöpfe folgen? Dem schneegleichen Raubwürger würde es gut bekommen, so wie allem Leben auf der Erde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 29. November 2023

Melancholie

Ein Zitat

Morgenstimmung bei der Einmündung der Aare in den Rhein.
Foto © Jörg Niederer
"Ich sass auf einem Steine / und deckte Bein mit Beine, / Den Ellenbogen stützt ich auf / Und schmiegte in die Hand darauf / Das Kinn und eine Wange. / So grübelte ich lange: / Wozu auf Erden dient dies Leben? ..." Walther von der Vogelweide (um 1170-1230)

Ein Bibelvers - 1. Samuel 16,15+16

"Da sprachen Sauls Leute zu ihm: 'Du weisst, dass es ein böser Geist ist, durch den Gott deine Stimmung verfinstert. Unser Herr braucht nur etwas zu sagen, deine Knechte stehen bereit. Wenn du es willst, suchen wir einen Mann, der auf der Harfe spielen kann. Wenn dann der böse Geist Gottes über dich kommt, gleitet seine Hand über die Saiten. Und gleich wird es dir besser gehen.'"

Eine Anregung

Es sei die Krankheit der Mönche, hiess es im Mittelalter. Katholiken sahen darin zur Zeit der Gegenreformation die Krankheit der Protestanten. Luther selbst sei oft in tiefe Depression verfallen. Was die Melancholie mit Humor zu tun hat, erschliesst sich einem erst, wenn man sich bewusst macht, dass Humor im Lateinischen "Feuchtigkeit" bedeutet. Seit den alten Griechen bis zur Entdeckung des Blutkreislaufs im Jahr 1628 glaubten die Menschen, dass das Leben von viererlei Körpersäften, viererlei Humoren bestimmt werde. Ein Körpersaft davon sei die Schwarze Galle. Altgriechisch wird sie "Melancholia" genannt, was wörtlich "Schwarzgalligkeit" bedeutet. Ein Übermass dieses Körpersafts sei dafür verantwortlich, dass Menschen in Trübsal verfallen würden. Das wiederum, so die Gelehrten, habe verschiedene Ursachen. Rufus von Ephesos (80-150 n.Chr.) führte die Melancholie auf das ständige Nachdenken über Geometrie zurück. Auch der islamische Arzt Isḥāq ibn ʿImrān (gestorben um 901 n.Chr.) sah in der übertrieben praktizierten geistigen Arbeit die Ursache dieser Gemütskrankheit.

Theophrast (371-287 v.Chr.) jedoch konnte der Melancholie auch Positives abgewinnen. Sie sei die Voraussetzung für den "göttlichen Wahnsinn". Man könnte in diesem Zusammenhang auch von "göttlicher Genialität" sprechen. Genies müssen folglich irgendwie verrückt sein, melancholisch und depressiv.

Hier schliesst sich der melancholische Kreis. Mit dem "Göttlichen" finden wir uns wieder bei den Genies der Theologie und Kontemplation, bei den Mönchen und den protestantischen Theologen, allen voran Martin Luther.

Mir stellen sich dazu einige Fragen. Ziehen wir uns Melancholikerinnen und Melancholiker heran, wenn wir den Kindern Geometrie beibringen und sie zum Nachdenken motivieren? Muss, wer tiefsinniges Wissen über Gott ergründet, ein wenig wahnsinnig sein? Müsste Gott nicht selbst melancholisch werden ob all der frustrierten und Trübsal blasender Menschen auf der Erde? Ist Melancholie ansteckend oder vom Wetter abhängig?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 28. November 2023

Kann es denn wirklich sein...

Ein Zitat

Sonnenaufgang im Thur-Vorland bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Eine rhetorische Frage ist eine Art von Frage, die keine Antwort erwartet oder verlangt." aus: textcortex.com

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,1

"Die Schlange war schlauer als alle anderen Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: 'Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem der Bäume im Garten essen dürft?'"

Eine Anregung

Simon Enzler, der Kabarettist aus dem Appenzell, echauffiert sich in einem seiner Programme über Leserbrieffloskeln. Besonders die oft verwendete einleitende rhetorische Frage: "Ist es denn wirklich möglich, dass..." bringt ihn richtiggehend in Rage. Da werde gefragt, ob es denn wirklich möglich sei, dass einige Jugendliche am Bahnhof herumlärmen würden. Natürlich sei das möglich, der Leserbriefschreiber habe es doch selbst erlebt. Ja, wozu diese Frage? Es komme ja auch keinem in den Sinn, zu fragen: Kann es denn wirklich sein, dass an jedem Morgen die Sonne aufgeht?

Warum eigentlich nicht? Sind wir uns denn so sicher, dass an jedem Morgen die Sonne von neuem aufgehen wird? Weil es in der Vergangenheit mehrere Milliarden Jahre lang so gewesen ist, muss es ja nicht so weitergehen. Es könnte also durchaus sein, ja wissenschaftlich ist es sogar garantiert sicher, dass es zum Tag kommen wird, an dem aus Erdperspektive die Sonne nicht mehr aufgehen wird.

So frage ich: Kann es den wirklich sein, dass an jedem Morgen die Sonne aufgeht? Die Antwort: Nein. Aber vorläufig und auf einige hundert Menschengedenken hinaus ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie es noch tun wird. Es ist eben schon Gnade, dass uns die Sonne in einer lebensförderlichen Weise scheint.

Frage: Kann es denn wirklich sein, dass du dafür Gott heute noch nicht gedankt hast?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. November 2023

Hirtenhandwerk

Ein Zitat

Hirtin und Hirte, unterstützt von zwei Hunden, führen eine Schafherde bei der Pferdereitbahn Frauenfeld auf eine neue Weide.
Foto © Jörg Niederer
"Alles übrige Hirtenamt in der Kirche Jesu Christi setzt nicht neben den guten Hirten einen zweiten und dritten, sondern lässt allein Jesus den guten Hirten der Gemeinde sein. Er ist der 'Erzhirte' (1 Petrus 5, 4), es ist sein Hirtenamt, an dem die 'Pastoren' teilnehmen, oder sie verderben das Amt und die Herde." Dietrich Bonhoeffer

Ein Bibelvers - Johannes 10,11

Jesus: "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe."

Eine Anregung

Das Bild vom guten Hirten ist eines der eingängigsten der Bibel, und das, obwohl Schafhirtin oder Schafhirte in der Schweiz ein sehr seltener Beruf ist, der meist durch Expads ausgeübt wird, also Fachkräfte aus dem Ausland. Auch die Schäferhunde und die Herdenschutzhunde sind meist fremdländische Errungenschaften. Wenigsten die Schafe sind mehrheitlich einheimische Zuchten.

So kommt es bei Schafherden zu einer Analogie mit der Wirtschaft. Ein einheimischer Wirtschaftszweig wird durch ausländische Chefs geleitet. Der Verdienst mag im Schafbusiness allerdings eher bescheidener ausfallen als bei einer Grossbank oder im Rohstoffhandeln.

Wo verorte ich mich im Bild von der Schäferei? Gehöre ich zu den Tieren, welche die Stimme des Hirten kennen und ihr vertrauen? Als Pfarrer werde ich oft auch in der Rolle eines Hirten (lat. Pastor = Seelenhirt) gedrängt, der sich aufopfernd um seine "Gemeindeschäfchen" kümmert. Da aber Jesus selbst sich nach dem Evangelium des Johannes als der gute Hirte bezeichnet, fällt mir wohl eher die Rolle des Hirtenhundes zu. Solche Hütehunde bei ihrer Arbeit zu beobachten ist überaus faszinierend. Kaum wahrnehmbare Signale des Hirten lassen sie komplexe Aufgaben erledigen. Sie halten die Herde unermüdlich zusammen, sorgen für ein kompaktes und geordnetes Vorangehen, und auf Wunsch nehmen sie sich schon auch einmal einzelner Tiere an. Geht es mit der Herde über eine Strasse, sichern sie den Weg, indem sie so lange dort stehenbleiben, bis auch das letzte Schaf aus der Gefahrenzone ist. Zudem sind sie treu der Hirtin oder dem Hirten ergeben und lieben ihre Arbeit. Müssiggang kennen sie nicht.

Ein Schatten jedoch fällt auf diesen Vergleich zwischen Hirtenhunden und Pfarrpersonen. Als Papst Gregor in den Jahren 1231-1233 den Dominikanerorden beauftragte, die Häresien zu bekämpfen, waren diese als Inquisitoren überaus erfolgreich (wenn man dem so sagen will). Auch stammt das im Mittelalter am weitesten verbreitete antijüdische Werk aus der Feder eines Dominikaners. Diese Verwicklungen in die Verfolgung religiöser Minderheiten brachten den Dominikaner den Titel "Domini canes" ein, "Gottes Hunde". Hinter dieser Verfolgung von Glaubensabtrünnigen steht der Versuch, eine reine christliche Herde zu bewahren oder zu schaffen. Die Abweichler galt es zurückzuholen in den Schoss von Mutter Kirche, was sie oft nicht vor dem Scheiterhaufen bewahrte, wohl aber, nach der Lehre der Kirche, vor der Ewigen Verdammnis.

In dieser Tradition sehe ich mich gar nicht. Mein Ziel ist nicht dir reine Gemeinde. Schwarze Schafe gilt es zu integrieren und nicht auszusondern. Verlorene Schafe verdienen laut Gleichnis von Jesus (Lukas 15) gar eine Vorzugsbehandlung.

Vielleicht bin ich in diesem Bild einer idyllischen Pastorale ein Leithammel. Johann Christoph Adelung schreibt in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart vom 1811 zum Leithammel: "...in der Landwirthschaft, ein abgerichteter, gemeiniglich mit einer Glocke versehener Hammel, welcher vor der ganzen Herde hergehet, dem Schäfer oder dessen Hunde auf den ersten Wink folget, und dadurch die ganze Herde leitet". Darin finde ich mich als Pfarrer nun auch wieder nicht so recht, vor allem wegen der Glocke um den Hals!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 26. November 2023

Ewigkeitssonntag

Ein Zitat

Plastik von Vater mit Kind auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Mit Gott geht das Leben immer weiter. Egal was kommt." Klaus Seibold

Ein Bibelvers - 1. Johannes 3,2

"Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar. Wir wissen jedoch: Wenn es offenbar wird, werden wir Gott ähnlich sein. Denn dann werden wir ihn sehen, wie er ist."

Eine Anregung

Ein Vater trägt ein Kind auf seinem Arm. Ein schönes Bild. Macht es einen Unterschied, wo diese Skulptur steht? Ich denke schon. Auf einem belebten Platz in der Innenstadt ist die Botschaft eine andere als da, wo ich sie vorgefunden habe: Auf dem Friedhof Meisenhard in Olten, unweit der Urnengräber.

Heute, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, denken wir an die Verstorbenen des vergangenen Jahres. Vielleicht besuchen wir deswegen einen Gottesdienst. Oder wir gehen auf den Friedhof, ans Grab. Der Verlust ist noch kaum verarbeitet. Da tut es gut, sich die Verstorbene oder den Verstorbenen in den Armen Gottes vorzustellen. Wie ein Kind liebevoll getragen vom Vaters, oder auch geborgen im Schoss einer Mutter.

Gott, in der Trauer und im Sterben suchen wir deine Nähe. Halte uns fest, ganz nah bei dir. Erleuchte uns in den dunklen Stunden des Lebens. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Samstag, 25. November 2023

Der Lebensfreude auf der Spur

Ein Zitat

Die vom Bildhauer Peter Thommen geschaffene Skulptur aus Laufener Kalkstein auf dem Kirchhof Liestal.
Foto © Jörg Niederer
"Ich suche mit Hilfe von Skulpturen und Bildern organische und architektonische Formen, die an lebende und gelebte Bewegungen erinnern und in ihrer Art überall existieren können, im Kleinen wie im Grossen." Peter Thommen (*1960), Bildhauer und Restaurator

Ein Bibelvers - Prediger 3,18-22

"Ich dachte darüber nach, was mit den Menschen ist: Gott wird mit ihnen ins Gericht gehen. Und dann müssen sie erkennen: Dem Vieh sind sie gleich! Am Ende ergeht es den Menschen wie dem Vieh. Beide trifft ein und dasselbe Geschick. Wie die einen sterben, so sterben auch die anderen. Alle beide haben ein und denselben Atem, durch den Gott sie am Leben erhält. Nichts hat der Mensch dem Vieh voraus. Denn alle beide sind Windhauch! Alle gehen an ein und denselben Ort, von dem es heißt: 'Alle sind aus Staub und kehren zum Staub zurück.' Und was ist mit dem Lebensatem nach ihrem Tod? Wer kann denn wissen, ob er beim Menschen nach oben steigt, bei den Tieren dagegen zur Erde sinkt? Da erkannte ich: Es gibt kein größeres Glück für den Menschen, als dass er sich seines Lebens freut. Ja, das ist sein Anteil."

Eine Anregung

Morgen Sonntag wird in den Kirchen landauf, landab der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres gedacht.

Auf dem Kirchhof vor der Stadtkirche Liestal steht eine Skulptur des Lausener Künstlers Peter Thommen. Sie erinnert mich an den oben zitierten Bibeltext aus dem Buch Prediger. Der Künstler hat den Kalkstein aus Laufen so bearbeitet, als würde er eine Vielzahl von Fossilien bergen. Doch da gibt es diese Irritation. Nicht nur Tiere und Pflanzen aus einem bestimmten Erdzeitalter sind dargestellt, Fisch, Vögel und anderes, sondern auch versteinerte Skelette von Menschen. Es sieht so aus, als wären die Tiere und Menschen in einem Moment, alle gemeinsam ums Leben gekommen.

Der Bildhauer schreibt über sein Schaffen: "Ich suche mit Hilfe von Skulpturen und Bildern organische und architektonische Formen, die an lebende und gelebte Bewegungen erinnern und in ihrer Art überall existieren können, im Kleinen wie im Grossen. Dadurch stellt sich immer die Frage nach dem wirklichen Sinn des Lebens oder wie wir diesen wahrnehmen." Genau das ist auch die Fragestellung des biblischen Buchs Prediger. Was ist der Sinn des Lebens? Die Antwort: Dass du dich deines Lebens freust, solange es dir geschenkt ist!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 24. November 2023

Kirchliche Ausfahrt

Ein Zitat

Anschrift an Garagentor mit schmiedeeisernem, christlichem Symbol in der Altstadt von Liestal.
Foto © Jörg Niederer
"Bei der nächsten Ausfahrt bitte wenden." Anweisung von Navigationsgeräten

Ein Bibelvers - Lukas 11,24-26

Jesus: "Wenn ein böser Geist einen Menschen verlässt, irrt er in trockenen Steppen umher. Er sucht nach Ruhe, aber er findet sie nicht. Dann sagt er sich: 'Ich will in mein altes Haus zurückkehren, aus dem ich ausgezogen bin.' Er geht zurück und findet es sauber und aufgeräumt vor. Da macht er sich auf und bringt noch sieben weitere böse Geister mit."

Eine Anregung

Das Symbol setzt sich zusammen aus einem Doppelkreuz in der Tradition der Ostkirche mit seinen zwei unterschiedlich langen Querbalken, darauf das Andreaskreuz (der Legende nach sei an einem solchen Kreuz der Jesusjünger Andreas hingerichtet worden) und einer angedeuteten Schlange am Fussende des Kreuzes. Letztere steht dafür, dass Christus die Sünden und das Böse durch den Kreuztod gesühnt hat, dass er der Schlange den Kopf zertreten hat.

Diese spezielle Kombination hängt an einem Garagentor, das gegenüber dem reformierten Kirchgemeindehaus in Liestal zu finden ist. Ein weiteres Indiz, dass das schmiedeeiserne Symbol wohl auf die Kirche und die Christenheit verweist.

Nehmen wir einmal an, wir stehen vor der kirchlichen Garagenausfahrt. Diese soll jederzeit freigehalten werden. So steht es auf einem improvisiert angebrachten Anschlag.

Die Kirche soll die Möglichkeit haben, jederzeit aus sich selbst auszufahren, hinauszugehen, dahin, wo die Menschen strömen. "Auf die Strasse gehen" bedeutet in manchen christlichen Kreisen, die frohe Botschaft den Menschen weitersagen, die nicht mehr in die Kirche kommen, damit sie durch diese Botschaft überzeugt und überführt wieder in die Kirche kommen.

Da ist aber ein Unterschied zwischen dem, was man jederzeit tun können möchte, und dem, was man tut. Dass ich etwas jederzeit tun möchte, bedeutet nicht, dass ich es auch jederzeit tue. Und so wird die Kirche wohl nur selten aus sich ausfahren, und das ist schade. Es ist ein bisschen zum aus der Haut fahren. Denn so ist die Kirche immer weniger bei den Menschen, immer weniger da, wo das Leben den pseudoliturgischen Ritualen der Marktwirtschaft folgt und sich verliert. Stattdessen feiert sie hinter den Kirchmauern. Auch wenn diese Feiern "einfahren" sollten, haben sie ihre Bedeutung für die Gesellschaft weitgehend verloren. Denn auch wenn die Ausfahrt, die jederzeit freigehalten werden soll, auch eine Einfahrt ist, bedeutet das nicht, dass da jederzeit jemand auch in die Kirche einfahren möchte. 

Also, was ist zu tun?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 23. November 2023

Nützlich

Ein Zitat

Rainfarn-Phazelie als Gründüngung auf einem Feld.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn du fleißig bist wie eine Biene, stark wie ein Bär, arbeitest wie ein Pferd, nach Hause kommst und müde bist wie ein Hund, dann solltest du mal zum Tierarzt gehen, vielleicht bist du ja ein Kamel." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 2. Mose 25,3-7

"Darin besteht die Abgabe, die entrichtet werden soll: Gold, Silber und Bronze, violette, purpurrote und karmesinrote Wolle, feines Leinen und Ziegenhaar, rot gefärbte Widderfelle, festes Leder und Akazienholz, Öl für den Leuchter, Balsam für das Salböl und für duftendes Räucherwerk, Karneolsteine und andere Ziersteine für den Priesterschurz und die Brusttasche."

Eine Anregung

Immer öfters sieht man im Herbst die violetten Felder der Rainfarn-Phazelie (Phacelia tanacetifolia). Die Pflanze kommt aus Kalifornien und wird in Europa seit 1832 kultiviert. Sie eignet sich als Bienenweide, Futterpflanze, Schädlingsbekämpfung oder Gründüngung (bzw. Violettdüngung).

Die Rainfarn-Phazelie kann Hautirritationen bei empfindlichen Menschen hervorrufen. Das ist jedoch nun nicht gemeint mit Schädlingsbekämpfung, obwohl der Mensch ja schon auch Schädling im grossen Stil sein kann. Phacelia tanacetifolia zieht Insekten an, welche sich von Blattläusen ernähren. Rainfarn-Phazelien werden daher als Begleitpflanze neben von Blattläusen befallene Kulturen angepflanzt. Flächig gesät unterdrückt sie unerwünschte Begleitvegetation. 

Besonders faszinierend finde ich, dass die Rainfarn-Phazelie, angesät zwischen den Reihen junger Obstbäume, deren Sterblichkeit bei schwerem Frost um die Hälfte verringert. Auch das Wachstum junger Apfelbäume wird durch sie unterstützt.

So wünsche ich uns allen, dass wir ein bisschen werden wie die Rainfarn-Phazelie in einem Obstgarten: Dass wir uns gegenseitig unterstützen in unserem Wachsen, Werden, und Erstarken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 22. November 2023

Unter einem Dach

Ein Zitat

Haus mit zwei Eingangstüren in Endingen.
Foto © Jörg Niederer
"Die wie eine Legende vermittelten Deutungsangebote entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einem einzigartigen Symbol. Die Doppeltür wurde so zu einem Sinnbild für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft." www.doppeltuer.ch

Ein Bibelvers - 5. Mose 21,23b

"Du darfst das Land nicht unrein werden lassen. Der Herr, dein Gott, hat es dir ja gegeben. Es soll dein Erbbesitz sein."

Eine Anregung

Zwei fast identische Türen bilden den Zugang zu einem Haus. Wohlgemerkt: es handelt sich nicht um einen Eingang mit grosser Doppeltür. Zu den beiden Türen führt eine gemeinsame Treppe. Das Haus bräuchte von der Grösse her auch nicht zwei Eingänge, einer würde gut für alle Bewohnenden ausreichen.

Wir befinden uns in Endingen. Das Aargauer Dorf und sein Nachbarsort Lengnau waren lange Zeit die einzigen Orte, an denen sich Jüdinnen und Juden in der Schweiz niederlassen durften. In den beiden Gemeinden lebten aber vor der Zwangsansiedlung der Juden auch schon christliche Bürgerinnen und Bürger. Da liess es sich nicht vermeiden, dass Angehörige beider Religionen unter einem Dach im selben Haus wohnten, was Jüdinnen und Juden durch ihre Religion oder durch die behördliche Gesetzte verboten war. Man behalf sich mit zwei Zugängen zum selben Haus. So nach dem Motto: Wer nicht durch die selbe Tür tritt, befindet sich auch nicht im selben Haus. (Vielleicht war es aber auch ganz anders.)

Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen und Philosophien kann kompliziert sein. Aber mit Phantasie und etwas gutem Willen finden sich Lösungen, Wege und Türen.

Ewiger, schenke uns Zugänge, die es uns ermöglichen, in aller Verschiedenheit unter einem – unter deinem – Dach zu leben. Amen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Dienstag, 21. November 2023

EearthKeeper

Ein Zitat

Blick zum Säntis beim Naturschutzgebiet Nussbaumersee.
Foto © Jörg Niederer
"Der Fokus der EarthKeepers auf Umweltrassismus hat mir geholfen, darüber nachzudenken, dass die Kirche auf Land steht, welches den Menschen gestohlen wurde, die hier seit Generationen leben. Viele Menschen wissen das, wollen aber nicht darüber sprechen." Pfarrer Paul Mitchell aus Walla Walla, Washington

Ein Bibelvers - Amos 5,23+24

Gott spricht: "Lasst mich in Ruhe mit dem Lärm eurer Lieder! Auch euer Harfenspiel mag ich nicht hören! Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt."

Eine Anregung

Das global wirkende Missionswerk (Board of Global Ministries) der Evangelisch-methodistischen Kirche mit Sitz in Atlanta, USA bildet seit 2019 Personen aus zu sogenannten EarthKeepers (Erdbewahrende). In diesem Jahr verzeichnet der Kurs eine Rekordbeteiligung von 57 Frauen und Männer. In den teilweise Online erfolgenden Lektionen wird den Teilnehmenden vermittelt, wie sie sich für die Bewahrung der Schöpfung in ihrem konkreten Lebensumfeld einsetzten können. Weiter werden die EarthKeepers bei der Umsetzung der verschiedenen Projekten unterstützt. Dabei geht es etwa um ökologische Verbesserungen an der kirchlichen Infrastruktur. Nicht selten steht aber auch der Umweltrassismus und die Umweltgerechtigkeit im Zentrum, etwa beim Einsatz für und durch Ureinwohnerinnen und Ureinwohner.

Ein eindrückliches Beispiel dazu gibt es aus Cheswold im Bundesstaat Delaware. In dem Städtchen setzte sich RuthAnn Purchase, die Programmmanagerin für die kulturelle Kartierung des Lenape Stammlands, dafür ein, dass ein alter Friedhof der Lenape-Ureinwohner gereinigt und mit einheimischen Pflanzen versehen wurde. In der Folge wurden mit Hilfe der Pfadfinder und weiteren Freiwilligen auch ein Stück Land, das an den Fluss Leipsic grenzt und den Ureinwohner gehört, nach und nach ökologisch aufgewertet und zugänglich gemacht. Damit erhielten die Lenape erstmals seit langem wieder direkten und eigenen Zugang zum Fluss. Dies ist auch darum bemerkenswert, weil die Lenape einst eng verbunden mit dem Wasser lebten und die nordöstlichen Wasserwege befischten und befuhren. Dem Stamm wurde durch die ökologische Aufwertung nebenbei einen Weg zu seiner Herkunft, Geschichte und Bestimmung eröffnet.

Mehr Informationen zu den EarthKeppers gibt es in einem kirchlichen Bericht und auf einer Kommunikationsplattform zu Creation Care der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 20. November 2023

Umkehrbotschaft und Letzte Generation

Ein Zitat

Im Forenbachtobel hat ein durch Sturmtief Frederico umgeworfener Baum eine Fussgängerbrücke beinahe unpassierbar gemacht.
Foto © Sabine Möckli
"Der gefährlichsten Eingriff in den Strassenverkehr ist der motorisierte Strassenverkehr selbst."

Ein Bibelvers - Markus 1,14+15

"Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, ging Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Botschaft Gottes. Er sagte: 'Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!'"

Eine Anregung

Aktuell bemüht sich die Weltgemeinschaft, der sogenannten "Letzten Generation" recht zu geben. Je stärker sich Verantwortliche echauffieren über deren illegalen Protestaktionen und je mehrheitlich sich diese Gesellschaft nur mit Lippenbekenntnissen von den fossile Brennstoffen verabschiedet, desto klarer wird, dass der Moment einer echten Umkehr und damit einer Abkehr von einem global lebensbedrohlichen Zustand zu spät erfolgen könnte.

Als meine Frau dieses Wochenende im Forenbachtobel an diese Brücke (siehe Foto!) kam, welche von einem durch Sturmtief Frederico umgeworfenen massiven Baum schwer beschädigt worden war, dachte ich bei mir: Genauso sieht es im Moment aus. Der Steg ist gerade noch passierbar, wenn man sich den dünn macht oder kriecht. Aber wer will sich schon Einschränken oder gar den Realitäten beugen?

Was die Letzte Generation tut, ist in Wirklichkeit das, was die politischen Verantwortungsträgerinnen und -träger tun sollten. Die Umkehr mit aller Kraft anstreben und diesen unattraktiven Weg aus der Misere dem Stimmvolk plausibel machen. Doch kein Politiker und keine Politikerin kann es sich leisten, der Gesellschaft reinen Wein einzuschenken, wenn dieser sauer und unbekömmlich schmeckt. Schnell würde er oder sie ersetzt durch jene, welche opportunistisch ihr Fähnlein nach dem Wind hängen. Darum malt die Politik den durch fossile Energieträger menschgemachten Klimawandel schön, oder sucht die Sündenböcke bei der Opposition. Echte Umkehr sieht anders aus.

Dabei ist der Moment der Umkehr besonders herausfordernd, um nicht zu sagen: gefährlich. Wie ein riesiger Supertankern ist die Weltgemeinschaft auf dem Weg in eine Richtung. Sie abzubremsen, oder in eine andere Richtung zu bewegen ist nur mit viel Kraft und Willen möglich. Wenn nun aber der Raum, den es für dieses Wendemanöver braucht, schon unterschritten wurde, dann reicht weder Wille noch Kraft aus, und wir enden auf den Klippen, die wir vor 150 Jahren anvisiert haben. Das gilt umso mehr, als der aktuelle Wille moderat und die Kraft bescheiden ist.

"Kehrt um!" das war die entscheidende Botschaft von Jesus Christus. Umkehren bedeutet, sich auf die "Frohe Botschaft", auf eine erfreuliche Zukunft auszurichten. Im Umkehren, in einem totalen Sinnes- und Lebenswandel liegt begründete Hoffnung für diese Welt, in der wir gerade leben. Wer aber nur zögerlich und halbherzig umkehrt, wird der "Letzten Generation" und deren apokalyptischen Befürchtungen recht geben.

Darum: "Kehrt um!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 19. November 2023

Glaubensmittelpunkt

Ein Zitat

Fresken über die Passion und Verherrlichung von Jesus Christus in der Kirche Buch bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben steht die St. Sebastianskapelle mitten im Dorf und verleiht der Ortschaft seit je einen besonderen Reiz." Aus Urs Elsner/Hans Peter Mathis: St. Sebastianskapelle in Buch bei Frauenfeld, Bern 1993

Ein Bibelvers - Johannes 11,25+26

"Da sagte Jesus zu ihr: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt'."

Eine Anregung

Das Dorf Buch, südlich des Hüttwilersees in einer sanften Mulde gelegen, ist klein und unscheinbar. Wer von Aussen an die dortige St. Sebastianskapelle tritt, ahnt nichts von den Schätzen, die sich in diesem Gotteshaus befinden. Es sind Wandmalereien, die um 1320 entstanden sind, in der sogenannten Manessezeit, aber erst 1938 wiederentdeckt wurden.

Tritt man durch die Seitentür ein, steht man gegenüber einem wandfüllenden, mehrteiligen Fresko der Passion und Verherrlichung Christi. Zwei Dinge, die mir auffallen. Juden sind auf diesen Gemälden leicht an spitzen, trichterförmigen Hüten zu erkennen. Und dann werden die Misshandlungen von Jesus besonders hässlich und brutal dargestellt.

Kreuz und Auferstehung sind die identitätsstiftenden Merkmale des Christentums. Daran kommt man an keinem Sonntag und in keiner Kirche vorbei. Auch heute nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 18. November 2023

Bluegrass in Weinfelden

Ein Zitat

Rosi und Kent Miller spielen Bluegrass-Musik.
Foto © Rosi und Kent Miller
"Da ich aus der Bluegrass-Szene komme, verstehe ich Familienharmonien sehr gut." Marty Stuart, Country-Sänger

Ein Bibelvers - Psalm 150,1+4

"Halleluja. Lobt Gott in seinem Heiligtum! Lobt ihn in seiner starken Himmelsburg! ... Lobt ihn zur Handtrommel und tanzt im Kreis! Lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenmusik!"

Eine Anregung

Ein besonderer musikalischer Leckerbissen erwartet die Gäste am Nachmittags-Bluegrasskonzert der Zweierformation "The Millers" am kommenden Dienstag, dem 21. November 2023 um 14.30 Uhr an der Hermannstrasse 10 in Weinfelden. Rosi und Kent Miller gehören zu den Menschen, die sich sehr um diese Musik aus der nordamerikanischen ländlichen Kultur in der Schweiz bemüht haben und regelmässig selbst auftreten. Der Anlass ist öffentlich und geeignet für alle Altersgruppen, richtet sich aber speziell an alle, die schon zu den 55+ gehören. 

Wer gerne einen Augenschein nehmen möchte, was ihn an diesem Nachmittag erwartet, kann sich durch ein eindrückliches Video informieren lassen. Und dann ist auch der Flyer gut für weitere Informationen. Wir freuen uns auf viele Konzertteilnehmende.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen