Montag, 20. November 2023

Umkehrbotschaft und Letzte Generation

Ein Zitat

Im Forenbachtobel hat ein durch Sturmtief Frederico umgeworfener Baum eine Fussgängerbrücke beinahe unpassierbar gemacht.
Foto © Sabine Möckli
"Der gefährlichsten Eingriff in den Strassenverkehr ist der motorisierte Strassenverkehr selbst."

Ein Bibelvers - Markus 1,14+15

"Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, ging Jesus nach Galiläa und verkündete dort die Botschaft Gottes. Er sagte: 'Die Zeit ist gekommen, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!'"

Eine Anregung

Aktuell bemüht sich die Weltgemeinschaft, der sogenannten "Letzten Generation" recht zu geben. Je stärker sich Verantwortliche echauffieren über deren illegalen Protestaktionen und je mehrheitlich sich diese Gesellschaft nur mit Lippenbekenntnissen von den fossile Brennstoffen verabschiedet, desto klarer wird, dass der Moment einer echten Umkehr und damit einer Abkehr von einem global lebensbedrohlichen Zustand zu spät erfolgen könnte.

Als meine Frau dieses Wochenende im Forenbachtobel an diese Brücke (siehe Foto!) kam, welche von einem durch Sturmtief Frederico umgeworfenen massiven Baum schwer beschädigt worden war, dachte ich bei mir: Genauso sieht es im Moment aus. Der Steg ist gerade noch passierbar, wenn man sich den dünn macht oder kriecht. Aber wer will sich schon Einschränken oder gar den Realitäten beugen?

Was die Letzte Generation tut, ist in Wirklichkeit das, was die politischen Verantwortungsträgerinnen und -träger tun sollten. Die Umkehr mit aller Kraft anstreben und diesen unattraktiven Weg aus der Misere dem Stimmvolk plausibel machen. Doch kein Politiker und keine Politikerin kann es sich leisten, der Gesellschaft reinen Wein einzuschenken, wenn dieser sauer und unbekömmlich schmeckt. Schnell würde er oder sie ersetzt durch jene, welche opportunistisch ihr Fähnlein nach dem Wind hängen. Darum malt die Politik den durch fossile Energieträger menschgemachten Klimawandel schön, oder sucht die Sündenböcke bei der Opposition. Echte Umkehr sieht anders aus.

Dabei ist der Moment der Umkehr besonders herausfordernd, um nicht zu sagen: gefährlich. Wie ein riesiger Supertankern ist die Weltgemeinschaft auf dem Weg in eine Richtung. Sie abzubremsen, oder in eine andere Richtung zu bewegen ist nur mit viel Kraft und Willen möglich. Wenn nun aber der Raum, den es für dieses Wendemanöver braucht, schon unterschritten wurde, dann reicht weder Wille noch Kraft aus, und wir enden auf den Klippen, die wir vor 150 Jahren anvisiert haben. Das gilt umso mehr, als der aktuelle Wille moderat und die Kraft bescheiden ist.

"Kehrt um!" das war die entscheidende Botschaft von Jesus Christus. Umkehren bedeutet, sich auf die "Frohe Botschaft", auf eine erfreuliche Zukunft auszurichten. Im Umkehren, in einem totalen Sinnes- und Lebenswandel liegt begründete Hoffnung für diese Welt, in der wir gerade leben. Wer aber nur zögerlich und halbherzig umkehrt, wird der "Letzten Generation" und deren apokalyptischen Befürchtungen recht geben.

Darum: "Kehrt um!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 19. November 2023

Glaubensmittelpunkt

Ein Zitat

Fresken über die Passion und Verherrlichung von Jesus Christus in der Kirche Buch bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben steht die St. Sebastianskapelle mitten im Dorf und verleiht der Ortschaft seit je einen besonderen Reiz." Aus Urs Elsner/Hans Peter Mathis: St. Sebastianskapelle in Buch bei Frauenfeld, Bern 1993

Ein Bibelvers - Johannes 11,25+26

"Da sagte Jesus zu ihr: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt'."

Eine Anregung

Das Dorf Buch, südlich des Hüttwilersees in einer sanften Mulde gelegen, ist klein und unscheinbar. Wer von Aussen an die dortige St. Sebastianskapelle tritt, ahnt nichts von den Schätzen, die sich in diesem Gotteshaus befinden. Es sind Wandmalereien, die um 1320 entstanden sind, in der sogenannten Manessezeit, aber erst 1938 wiederentdeckt wurden.

Tritt man durch die Seitentür ein, steht man gegenüber einem wandfüllenden, mehrteiligen Fresko der Passion und Verherrlichung Christi. Zwei Dinge, die mir auffallen. Juden sind auf diesen Gemälden leicht an spitzen, trichterförmigen Hüten zu erkennen. Und dann werden die Misshandlungen von Jesus besonders hässlich und brutal dargestellt.

Kreuz und Auferstehung sind die identitätsstiftenden Merkmale des Christentums. Daran kommt man an keinem Sonntag und in keiner Kirche vorbei. Auch heute nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 18. November 2023

Bluegrass in Weinfelden

Ein Zitat

Rosi und Kent Miller spielen Bluegrass-Musik.
Foto © Rosi und Kent Miller
"Da ich aus der Bluegrass-Szene komme, verstehe ich Familienharmonien sehr gut." Marty Stuart, Country-Sänger

Ein Bibelvers - Psalm 150,1+4

"Halleluja. Lobt Gott in seinem Heiligtum! Lobt ihn in seiner starken Himmelsburg! ... Lobt ihn zur Handtrommel und tanzt im Kreis! Lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenmusik!"

Eine Anregung

Ein besonderer musikalischer Leckerbissen erwartet die Gäste am Nachmittags-Bluegrasskonzert der Zweierformation "The Millers" am kommenden Dienstag, dem 21. November 2023 um 14.30 Uhr an der Hermannstrasse 10 in Weinfelden. Rosi und Kent Miller gehören zu den Menschen, die sich sehr um diese Musik aus der nordamerikanischen ländlichen Kultur in der Schweiz bemüht haben und regelmässig selbst auftreten. Der Anlass ist öffentlich und geeignet für alle Altersgruppen, richtet sich aber speziell an alle, die schon zu den 55+ gehören. 

Wer gerne einen Augenschein nehmen möchte, was ihn an diesem Nachmittag erwartet, kann sich durch ein eindrückliches Video informieren lassen. Und dann ist auch der Flyer gut für weitere Informationen. Wir freuen uns auf viele Konzertteilnehmende.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 17. November 2023

Corona-Revival

Ein Zitat

Ein positive Corona-Antigen-Schnelltest.
Foto © Jörg Niederer
"Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen." Slavo Zizek, Philosoph

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

All die drei Corona-Pandemiejahre und sicher an die 15 Coronatests lang erlebte ich nie die eigene Erkrankung. Ich gebe zu, den Schnelltests habe ich dabei immer misstraut und nicht mehr recht geglaubt, dass sie auch wirklich die Krankheit anzeigen können. Doch dann kamen heftige Symptome, Hustenreiz, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen. Innerhalb weniger Minuten war klar: Corona ist auf Besuch bei mir und meinem Sohn und hat uns erst einmal ins Bett verbannt. Es ist auch die Wiedergeburt von Isolation, FFP2-Masken und Desinfektionsmittel. Meine Frau geht mir aus dem Weg, ist sie doch die einzige im Haushalt, welche keine Symptome zeigt. Auch werweise ich, wo die Ansteckung geschehen sein könnte. Es dreht sich also gerade alles um die Krankheit. Termine fallen flach, so flach wie ich selbst.

Da greife ich gerne auf einen Ausschnitt eines Coronagebets von Ursula Schumacher zurück: 

"...unsere Befürchtungen, unsere Hoffnungen, unsere Ängste, tragen wir vor dich. Du hast gesagt, dass du unsere Gebete hörst. Du hast gesagt, dass wir unsere Sorgen auf dich werfen dürfen. Du hast gesagt, dass du bei uns bist alle Tage bis ans Ende der Welt – auch in dunklen Zeiten. Wir vertrauen dir. Wir legen die Menschen, die wir lieben, in deine Hand: Segne sie und behüte sie. Und wir bitten dich, schenke uns Kraft und Zuversicht und beschütze uns in dieser Zeit. Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 


Donnerstag, 16. November 2023

Alt und fröhlich werden

Ein Zitat

Ein alter Mann geht einige Schritte zu Fuss. Er tut das, was er noch kann. Das zeichnet die weisen alten Menschen aus.
Foto © Jörg Niederer
"Es widerfuhr mir, dass mich ganz unverhofft ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam, so dass ich in keiner Weise bezweifeln konnte, dass Er in meinem Innern weilte oder ich ganz in Ihm versenkt war." Theresa von Avila (1515-1582)

Ein Bibelvers - Hiob 32,9

"Wer viele Jahre vorzuweisen hat, ist noch lange nicht klug. Wer ein ehrwürdiges Alter erreicht hat, ist noch lange nicht im Recht."

Eine Anregung

Beten sei "das Verweilen bei einem Freund". Das sind die Worte der Theresa von Avila, eine in der katholischen Kirche als bedeutende Heilige verehrte Mystikerin und Karmeliterin.

Folgende Anekdote ist von ihr überliefert: Teresa von Avila beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. "So behandle ich meine Freunde", antwortete ihr der Herr. Teresa entgegnete: "Darum hast Du auch nur so wenige."

Die Vollkommenheit schien ihr, wie später dann den ersten methodistischen Christen, am Herzen zu liegen, schrieb sie doch eine Anleitung zur Kontemplation mit dem Titel "Weg der Vollkommenheit". Darin heisst es: "Denn unser Leib hat einmal den Fehler, dass er umso mehr Bedürfnisse entdeckt, je mehr er gepflegt wird."

Über das Älterwerden oder Altsein schreibt sie in ihrem wohl bekanntesten Gebet: 

"O Herr, bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehme zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."

Zu dieser tiefsinnigen und zugleich humorvollen Auseinandersetzung mit dem Altern passt auch die folgende Aussage von ihr: "Gott will, dass der Mensch seinen Spass hat."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 15. November 2023

Den Blick nicht abwenden

Ein Zitat

Das Denkmal der Frauen des 2. Weltkriegs in London.
Foto © Jörg Niederer
"Der Segen Gottes-der-Heiligen richte euch auf und mache euch groß. Der Segen Gottes-der-Gerechten mache euer Herz weit, denn ihr seid vor Gott genug." Annette Jantzen

Ein Bibelvers - Jeremia 15,18

"Warum nimmt mein Leiden kein Ende? Warum ist meine Wunde so tief, dass sie nicht heilen kann? Eine Täuschung bist du [Gott] für mich. Du bist wie Wasser, von dem man nicht weiss, ob es da ist oder nicht."

Eine Anregung

Unlängst wurde mir von Maria B. das folgende eindrückliche Gebet der Theologin Dr. Annette Jantzen zugesandt. Dass Gott den Blick nicht abwendet angesichts all des Unrechts und der Gewalt, das lässt hoffen. Möge bald Frieden werden.

Zum Foto: Spät erst wurde den Frauen des 2. Weltkriegs in England ein Erinnerungszeichen gesetzt. Das Denkmal wurde von John W. Mills entworfen und steht in London. Frauen sind immer wieder Leidtragende in Kriegen, dazu viele Kinder. Gott aber war und ist der Gott dieser Frauen. 

"Gott, du meine Gottheit,
wie sollen wir beten?
Du Gottheit Hagars und Saras,
du Gottheit Rebekkas, Leas und Rahels,
wie groß muss deine Trauer sein
deine unendlich große Trauer über das Sterben der Unbewaffneten.
Tut es dir manchmal leid, dass du uns ins Dasein gerufen hast?
Wie kannst du leben mit ihrem Tod?
Wir hingegen, wir können das besser, als uns lieb ist,
der Schmerz ist zu groß für uns.
Aber beim Beten können wir nicht ausweichen,
nicht den Bildern, nicht den Nachrichten deiner vielen Kinder.
Unser Gebet muss sie aushalten können,
doch wie Worte finden für so viel Herzzerreißen?
Wir versuchen, Wort für Wort dir entgegenzubeten,
beten in die Sprachlosigkeit hinein,
Leuchtzeiten der Friedfertigkeit zu entzünden
in den dunklen Ahnungen vor dem, was kommen mag.
Du wachst bei allen, deren Leben so verheert wurde,
du wachst bei den zutiefst Verletzten, du wachst bei den Toten.
Du schläfst nicht, du wendest deinen Blick nicht ab,
und in diesen Blick hinein bekennen wir den Unfrieden unserer Welt,
und bitten dich um Frieden
für heute, für die kommende Nacht und für die Dauer der Tage."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 14. November 2023

Kein Vortritt in die Kirche

Ein Zitat

Strassenszene an der Wassergasse vor der Methodistenkirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt zwei Arten von Fussgängern - die schnellen und die toten." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 4. Mose 20,14

"Bitte erlaube uns, durch dein Land zu ziehen! Wir werden deine Felder und Weinberge nicht betreten und kein Wasser aus einer deiner Quellen trinken. Wir bleiben auf der königlichen Strasse und verlassen sie nicht, weder nach rechts noch nach links. Wir bleiben auf ihr, bis wir dein Land durchquert haben."

Eine Anregung

Wer die Methodistenkirche in St. Gallen durch den unteren Ausgang an der Wassergasse verlässt, wird wohl gleich die Strasse auf einer flächig farbmarkierten Stelle hinüber zum Trottoire überqueren. Noch nicht lange her befand sich hier ein Fussgängerstreifen. Warum wurde dieser ersetzt durch diese Farbfläche auf der Strasse, und was bedeutet das für die Strassenverkehrsteilnehmenden?

Gelbe oder weisse Fussgängerstreifen bedeuten immer, dass Fussgängerinnen und Fussgänger vortritt haben. Bei den Farbmarkierungen ist das aber nicht mehr so. Diese zeigen lediglich an, wo jemand die Strasse überqueren soll. Die auf dem Foto eingefangene Szene, wo sich eine Frau mit Rollator noch auf der farbig markierten Strasse befindet, während ein Gewerbeauto bereits an ihr vorbeirauscht, zeugt zwar von wenig Rücksicht, ist aber kein Vergehen des Autofahrers. Das wäre es gewesen bei einem Fussgängerstreifen.

Farbmarkierungen wollen einfach die Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmenden erhöhen, da wo sich Fussgänger und Autofahrer kreuzen. Mit anderen Worten: Man hat also uns, die wir zu Fuss in die Kirche gehen, an dieser Stelle vor der Kirche den Vortritt genommen.

Wer Genaueres wissen möchte, wird bei diesem Espresso-Beitrag von Radio SRF gut informiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. November 2023

Unausweichlich

Ein Zitat

Trauerstatue in der alten Urnenhalle des Friedhofs Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist unsere Lebensaufgabe, nicht war? Uns auf die Rückkehr zu Gott vorzubereiten." Erika K. R. Stalcup

Ein Bibelvers - Kolosser 2,12

"In der Taufe wurdet ihr mit ihm [Christus] begraben. Mit ihm wurdet ihr auch auferweckt. Denn ihr habt an die Kraft Gottes geglaubt, der Christus von den Toten auferweckt hat."

Eine Anregung

In der aktuellen Theologie für die Praxis (48. Jahrgang 2022), die von der Theologischen Hochschule Reutlingen herausgegeben wird, finden sich auch der Beitrag "Unserer Sterblichkeit ins Auge sehen" meiner Kollegin Erika K. R. Stalcup. Darin geht es um eine gesunde Haltung gegenüber dem Tod in der Liturgie. Hier einige Zitate aus diesem Text, der erstmals im Rahmen des Internationalen Worship Forums der Evangelisch-methodistischen Kirche vom 15. Oktober 2022 als Vortrag gehalten wurde. 

  • "Was ist falsch daran, alt zu sein? Und warum ist der Tod so stigmatisiert?"
  • "Manche befürchten, dass schon die blosse Erwähnung des Todes ihren eigenen Tod herbeiführen wird."
  • "'Haben Sie Angst vor dem Tod?' Ich weiss nicht, ob sie [diese Frage] wirklich als Lackmustest für den christlichen Glauben taugt, aber ich glaube, dass sie eine wesentliche Frage ist, die wir als Teil unserer christlichen Reise verhandeln müssen. Was ist der Sinn des Lebens ohne den Tod?"
  • "Über den Tod zu sprechen ist eines der 'gegenkulturellsten' Dinge, die wir heutzutage tun können."
  • "Was ist falsch daran, vergessen zu werden?"
  • "...im Gespräch mit einem Freund wurde mir plötzlich klar, dass meine Vorstellung vom Himmel aus blondhaarigen, hellhäutigen, Harfe spielenden Engeln bestand. Ich selbst habe weder blondes Haar noch helle Haut. Mein eigenes Bild vom Himmel schloss mich aus, ganz zu schweigen von 98 Prozent der Weltbevölkerung."
  • "Als Lazarus starb, weinte Jesus. Diese Tränen zeugen von einem Gott, der ganz und gar menschlich ist, der die Traurigkeit und den Kummer erlebt hat, die wir alle beim Tod derer empfinden, die wir lieben."
  • "Ich habe einmal ein Gebet gelesen, in dem es in etwa hiess: 'Oh Gott, hilf mir zu lernen, wie ich den Tag beenden kann, sonst weiss ich nicht, wie ich sterben soll.'"
  • "Das ist unsere Lebensaufgabe, nicht war? Uns auf die Rückkehr zu Gott vorzubereiten." 

Sonntag, 12. November 2023

Weise sein

Ein Zitat

Griechenland gilt als Ort vieler weiser Menschen. Säulen im Asklepieion auf der Insel Kos.
Foto © Jörg Niederer
"Weisheit ist die Anerkennung der eigenen Grenzen" Paul Tillich (1886-1965)

Ein Bibelvers - Jakobus 3,13

"Wer von euch ist weise und klug? Der soll es durch seinen guten Lebenswandel zeigen und in weiser Bescheidenheit handeln."

Eine Anregung

Heute geht es im Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen um die Weisheit. Von manchen Menschen wird ja gesagt, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Oder dann wir sie uns mittels Nürnberger Trichter eingeflösst. Beides ist nicht ernst gemeint. Doch was ist Weisheit, so wie sie die biblischen Schriften beschreiben? Dieser Frage gehen wir an diesem Morgen nach und landen dabei auch beim Stein der Weisen.

Den Ausführungen kann man ab 10.30 Uhr auf Youtube folgen. Wer vor Ort dabei sein will, ist auf 10.15 Uhr an die Kapellenstrasse 6 eingeladen. Wir freuen uns auf alle Begegnungen, auch anschliessend beim Kirchenkaffee.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 11. November 2023

O Jemine

Ein Zitat

Die Grosselterngeneration hatte ihre eigenen christlichen Modeworte.
Foto © Familie Niederer

"Wer gerne mal angerufen werden möchte, braucht nur in die Badewanne zu gehen."
Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 2. Mose 20,7

"Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen! Denn wer das tut, den wird der Herr bestrafen."

Eine Anregung

O Jemine, heute beginnt wieder das närrische Treiben. "O Jemine" ein Ausruf, der mir nach vielen Jahren wieder einmal begegnet ist, bei der Vorbereitung einer Sonntagschulstunde über biblische Redensarten und Sprichwörter. O Jemine war ein Ausruf meiner Grossmutter. Nebst "Jegerli, Jegerli" hörte ich sie auch gelegentlich "Herrje" sagen. Alle drei Exklamationen vermeiden es, "Gott" oder "Jesus" auszusprechen. Denn der Name Gottes darf gemäss biblischen Texten nicht missbraucht werden. So behalf man sich mit abgewandelten Ausrufen. "Jesus" wurde zu "Jegerli", etwa in der Bemerkung: "Jegerlis, Jegerlis, b'hüet-is Gott". "Herr Jesus" wandelte sich durch Zusammenzug der beiden Worte zu "Herr-je". "O Je-mine" entstand in gleicher Weise aus der Formel "O Jesus Domine".

In diesen Aussagen begegnet mir eine Frömmigkeit, die achtungsvoll und zugleich verspielt mit den Glaubenssätzen der Bibel umgegangen ist. So möchte ich weiter unterwegs sein. Achtungsvoll und zugleich verspielt, selbst beim närrischen Treiben dieser Tage.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 10. November 2023

Beten für den Frieden

Ein Zitat

Gräber auf dem jüdischen Friedhof im aargauischen Endingen.
Foto © Jörg Niederer
"Möge Gott mit dem Volk und Land Israel auf diesem Weg durch das Tal des Todesschattens sein, wenn es seine Toten betrauert, sich zu schützen sucht und daran arbeitet, die schreckliche Erschütterung des nationalen Lebens zu heilen." Bischof Harald Rückert in der Zeitschrift Unterwegs 23/2023, S. 24

Ein Bibelvers - Johannes 14,27

Jesus: "Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch nicht den Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und lasst euch nicht entmutigen."

Eine Anregung

In der Nacht von gestern auf heute jährte sich die Reichskristallnacht. Mit diesem Pogrom begann die beispiellose Verfolgung der Jüdinnen und Juden durch den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler, die im Holocaust mit 6 Millionen ermordeten jüdischen Menschen gipfelte. 

Seit vor einem Monat die Hamas nach Israel eindrangen und in grausamster Weise über 1400 Zivilisten ermordete und weitere 240 Menschen verschleppten, was zum aktuellen Nahostkrieg führte mit bereits mehreren tausend weiteren Toten im Gazastreifen, hat der Antisemitismus deutlich an Fahrt zugelegt.

Aus diesem Grund empfehle ich, dem Aufruf zum Gebet vom evangelisch-methodistischen Bischof Harald Rückert zu folgen. Er schreibt: 

"Bitte beten Sie mit mir 

  • für die Menschen in Israel, die von diesem Terrorangriff massiv geschockt sind;
  • für alle, die geliebte Menschen verloren haben oder deren Angehörige vermisst werden;
  • für alle, die selbst verletzt wurden oder deren Zuhause zerstört wurde;
  • für diejenigen, die als Geiseln genommen wurden und um ihr Leben fürchten;
  • für die, die politische und militärische Verantwortung tragen, dass ihre Reaktionen nicht weiter eskalieren, sondern dem gerechten Frieden dienen;
  • für die palästinensische Zivilbevölkerung, die selbst furchtbar zu leiden hat;
  • für alle, die Hilfe leisten, trösten, Hoffnung weitergeben und trotzig-unbeirrt Gottes Schalom, den umfassenden Frieden, den nur Gott schenken kann, bezeugen." (aus der Zeitschrift "Unterwegs 23/2023". Seite 24)

Donnerstag, 9. November 2023

Hängend nicht hängen gelassen

Ein Zitat

Zwei an einem Tandem-Gleitschirm fliegt dem Landeplatz von Interlaken entgegen. In der Ferne erkennt man die Niesenkette.
Foto © Jörg Niederer
"Noch nie ist jemand mit dem Himmel zusammengestossen." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 139,5

"Von hinten und von vorn hast du [Gott] mich umfasst und hast deine Hand auf mich gelegt."

Eine Anregung

Zwischenhoch. Blauer Himmel über Interlaken. Gleitschirmpilotinnen und -piloten verdienen sich den Lebensunterhalt mit Passagierflügen. Im Minutentakt segeln sie dem Harder entlang. Action darf auch sein. Im Spiralflug geht es steil nach unter. Dann wird der wilde Ritt abgefangen, ausgeschaukelt. Ich stelle mir vor, wie den Mitfliegenden das Blut in den Adern stockt.

Interlaken ist ein Gleitschirmmekka. Hier wird der Traum vom Fliegen eine kurze Zeit lang Wirklichkeit. Ich schaue zu. Von unten, vom Balkon im 4. Stock des Hotel Artos'. Dann senken sich plötzlich die elektronisch gesteuerten Fensterstoren hinter mir mit lautem Surren. Schnell wechsle ich ins Haus, will nicht auf den Balkon ausgesperrt werden. Ob ich in dieser Nacht vom Fliegen träume?

Gott, in Gedanken fliege ich mit. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Von da oben überschaue ich die kleine Welt. Ich blicke hinab, denke mir, dass auch du hinabsiehst, zu uns. Du lässt uns nicht aus den Augen. Nicht, wenn es rund geht, wenn es steil nach unten geht, wenn wir ausschaukeln. Wohin der Wind uns weht, da bis du schon. Von allen Seiten umgibst du uns. Du lässt keine und keinen von uns allein hängen. Das zu wissen, tut gut. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 8. November 2023

Pfarrbild und Berufung

Ein Zitat

Der Nebel gibt den Blick frei auf ein kleines Stück Gebirge.
Foto © Jörg Niederer
"Wo die Bedürfnisse der Welt mit deinen Talenten zusammentreffen, dort liegt deine Berufung." Aristoteles (384-322 v.Chr.)

Ein Bibelvers - Amos 3,8

"Der Löwe hat gebrüllt! Wer wird sich da nicht fürchten? Gott, der Herr, hat geredet! Wer wird da nicht zum Propheten?"

Eine Anregung

Einen Moment lang reisst der Nebel auf und gibt den Blick frei auf die Berge bei Interlaken. Wenig ist zu sehen, viel ist zu erahnen.

An der Pfarrweiterbildung geht es um das Bild der Pfarrperson. Verschiedene Ansätze werden vom Referenten Holger Eschmann vorgestellt. Pfarrpersonen als professionelle Theolog/innen; Pfarrpersonen als Geistliche; Pfarrpersonen als Gemeindeleitende; Pfarrpersonen als Motoren der Gemeindeentwicklung. Das fünfte Modell sieht Pfarrpersonen als Teamplayer, welche gleich alle schon genannten Bereiche abdecken sollen. Die Pfarrperson also als eierlegende Wollmilchsau, als ein geistliches Schnabeltier, welches Eier legt, die Jungen säugt seinen Pelz zur Kirche trägt und mit Entenschnabel Frohbotschaft schnattert? Lichtet sich bei diesen Überlegungen der Nebel? Gibt er den Blick frei auf eine idealisierte Pfarrperson? Wie gross ist die so entstehende Überforderung? 

Fragen steht im Raum: Warum bist du Pfarrperson geworden und was bringt dich dazu, diese Berufung weiterzuleben?

Warum bist du Christ oder Christin geworden, und warum bleibst du es weiterhin?

Warum gehst du in die Kirche, und warum wirst du es auch weiterhin tun?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Dienstag, 7. November 2023

Königskerzenschwarz

Ein Zitat

Ausschnitt eines Fruchtstands der Königskerze, auf einer Buntbrache beim Ort Nussbaumen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens und die Erinnerung an viele schöne Stunden sind das grösste Glück auf Erden." Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 15,37+38

"Und was du säst, ist ja nicht die ausgewachsene Pflanze. Du säst nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen oder von irgendeiner anderen Pflanze. Aber Gott gibt ihm die Gestalt, die er vorgesehen hat. Und zwar jeder Samenart ihre eigene."

Eine Anregung

Heute wäre mein Bruder 62 Jahre alt geworden. Doch soweit ist es nicht mehr gekommen. Das Foto dieser Königskerze auf einer Buntbrache beim Dorf Nussbaumen scheint mir da passend zu sein. Die Samenkapseln dichtgedrängt, sind schwarzgebrannt. Einzelne gelbe Blüten trotzen dem Herbst, dem Tod, Farbtupfer ab. Der Schein aber trügt. Fruchtbar sind nicht die späten Blüten an der Pflanze. Fruchtbar sind die düsteren Samenkapseln, die aus den Blüten des Sommers geworden sind. Könnte es also sein, dass gerade die dunklen Momente neues Leben bedeuten, weit über das Tragische und Traurige hinaus?

Gott, vielleicht hätten wir heute seinen Geburtstag gefeiert. Nun aber erinnert der Tag schmerzhaft an die Vergänglichkeit. Vielleicht hätte es Blumen geregnet zum Wiegenfest. Nun aber kann ich nur hoffen, dass da eine Saat aufgehen wird, eine lichte Frucht heranreifen kann, paradox geboren in den dunklen Schicksalszeiten. So will ich warten und vertrauen. Du hast das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Montag, 6. November 2023

Das Bäumchen und der Neubau

Ein Zitat

Das Bäumchen zuoberst am Neubau steht für die Fertigstellung des Rohbaus und das erfolgte Richtfest.
Foto © Jörg Niederer
"Segnend und gütig mög‘ alle Zeit / Gott behüten dies Heim vor Leid. / Frohsinn und Eintracht und Seelenfrieden / sei immer des Hauses Bewohnern beschieden." Ausschnitt aus einem (Auf-)Richtspruch anlässlich einer Aufrichte

Ein Bibelvers - Psalm 127,1

"Wenn nicht der Herr das Haus baut, nützt es nichts, dass sich die Bauleute anstrengen. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, nützt es nichts, dass der Wächter wachsam bleibt."

Eine Anregung

Der Rohbau ist fertig, der Dachstuhl gesetzt oder das Flachdach betoniert. Jetzt kommt die "Aufrichte" gefeiert nach alten Bräuchen und Traditionen. Einer dieser Bräuche, welcher auf das 14. Jahrhundert zurückgehen soll, ist das Setzten des Richtbaums, meist ein Nadelbäumchen, zuoberst auf dem Dachstuhl. Dieser "Richtbaum" ist somit älter als der Weihnachtsbaum. Doch warum gibt es diesen Brauch mit dem Richtbäumchen? Genaueres weiss niemand. Da wird vom Hauszauber aus der Glaubenswelt vorchristlicher Zeiten fabuliert. Die Germanen glaubten, dass die Bäume beseelt seien und heilig. Mit dem Anbringen eines künstlichen Baumwipfels zuoberst am Haus habe man versucht, diese Geister, deren Bäume man ja für den Neubau hatte fällen müssen, wieder zu beschwichtigen. Doch diese Ansichten sind spekulativ und setzten eine ungebrochene Tradition bis in die Zeit der Germanen voraus.

Jedenfalls laufen solche Aufrichtfeste nach bestimmtem Schema ab, bei dem der letzte Nagel eingeschlagen wird, Trinksprüche fallen und geleerte Gläser vom Dach geworfen werden, damit sie am Boden zerschellen (Scherben bringen Glück). Das Bäumchen wird als Symbol für Festigkeit, Standhaftigkeit und Langlebigkeit sowie für langes Leben der Bewohnenden (immergrüner Nadelbaum) angebracht. Dann folgt der Richtschmaus zur Arbeitszeit, damit alle daran teilnehmen können, welche am Bau mitgewirkt haben.

Vielleicht war die Sache mit dem Richtbäumchen aber auch viel banaler. Vielleicht dachte sich ein Zimmermann, während er Balken zuschnitt, dass man mit den abgehauenen Tannenspitzen noch etwas anfangen könnte, die da nun alle an einem Haufen auf die Verbrennung warteten. So setzte er kurzerhand einen davon zuoberst aufs Dach. Das gefiel den Bauleuten, und so begann eine Tradition und füllte sich nach und nach mit Sinn, der heute, Jahrhunderte später, nach und nach wieder in Vergessenheit gerät.

Es scheint, dass auch heute noch der Wunsch nach so etwas wie einer säkularen Neubausegnung besteht. Darum gibt es auch Gebete für diesen Anlass.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 5. November 2023

Teilen

Ein Zitat

Die Abendmahlskelche stehen bereit.
Foto © Jörg Niederer
"Er [Christus] teilt sein Brot, er gibt sein Blut, / heilt Kranke, macht die Armen satt; / er lehrt uns lieben, macht uns Mut / mit dem zu teilen, der nichts hat." Aus dem Lied: "Die Kirche Christi lebt und bleibt...". Text von Fred Pratt Green (Deutsch: Sebastian Meisel)

Ein Bibelvers - Hebräer 13,16

"Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Denn das sind die Opfer, die Gott gefallen."

Eine Anregung

Teilen ist keine einfache Sache. Besonders wenn eine Person viel hat, das er oder sie teilen könnte. Davon handelt der heutige Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen. Passend dazu wird auch Brot und Traubensaft geteilt.

In der Kirche ist niemand aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. In der Welt sieht es dagegen ganz anders aus. Gerade wieder gibt die Zeitschrift "Bilanz" einen Überblick über die dreihundert reichsten Frauen und Männer der Schweiz. Wieviel Reichtum verträgt eine solidarische Gesellschaft? Und: Hatte Jesus eine Ahnung von Wirtschaft? Mehr dazu ab 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen.

Zuvor, um 09.40 Uhr sind die Kinder dran. Sie erhalten eine halbe Stunde interessante Einblicke in die Sprachenwelt der Bibel. Und auch anschliessend geht es spannend weiter mit Basteln und Gestalten. Eingeladen sind alle Mädchen und Jungen bis 12 Jahre.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 4. November 2023

Ein Blumenstrauss

Ein Zitat

Gelbe Rosen in einem Blumenstrauss.
Foto © Jörg Niederer
"Blumen sind das Lächeln der Natur. Es geht auch ohne sie, aber nicht so gut." Max Reger (1873-1916)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,12

"Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie ließ auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war."

Eine Anregung

Für heute gibt es Blumen. Gelbe Rosen aus einem Strauss. Solche Blumen gibt es zu besonderen Anlässen, als Liebeserweis, als Geburtstagsgruss, bei Arbeitsbeginn und Arbeitsende, an Weihnachten, bei Kranken- und anderen Besuchen, und auch zum Abschied eines Lieben Menschen. Blumen gehören zum Raumschmuck, und besonders schön sind sie im Garten, in Zeiten, in denen es trüber wird um uns herum. 

Gott, lass mich wie ein Blumenstrauss sein, Farbenpracht ins Leben der andern bringen, zu einem guten Duft beitragen, Verunsicherten einen Wert geben, Trost spenden und Liebeszeichen sein. Amen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Freitag, 3. November 2023

Kinder

Ein Zitat

Platzsparend geparkte Kinderautos stehen für das Kleinkinderprogramm bereit.
Foto © Jörg Niederer
"Man darf nicht verlernen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen." Henry Matisse (1869-1954)

Ein Bibelvers - Römer 8,4

"Alle, die sich von diesem Geist [Gottes] führen lassen, sind Kinder Gottes."

Eine Anregung

Wollen Kinder knallige Farben? Wollen wir Kinder, die knallige Farben wollen? Wann wächst sich diese Lust nach Buntheit wieder aus? Einmal über der Schwelle der Adoleszenz scheint davon wenig übrigzubleiben. Ausser im Sport. Dort bleibt es knallig. Sport ist wohl die Fortsetzung des Kinderspiels. Retten wir da unsere Kindheit hinüber ins Erwachsenenalter? Wie sähe die Welt aus, in der Kinder die Farbgebung der Häuser, Schulen und Freizeitanlagen bestimmen würden? Würden sich darin Erwachsene noch wohl fühlen? Auch möglich: Dass die Spielzeugindustrie die Farben bestimmt. Rosa für Mädchen, Blau für Jungen.

Jedenfalls dürfen Kinder noch, was bei Erwachsenen verpönt ist oder infantil daherkommt. Kinder dürfen die Welt interpretieren, sie sich so gestalten, wie sie ihnen gefällt. In gewissen Grenzen haben Kinder Narrenfreiheit. Von kindlicher Unbeschwertheit würde ich nun aber auch nicht reden. Die Bedürfnisse sind früh schon da, Weinen gehört zur Zeit der Kindheit dazu.

Gott, wie war es, als ich noch ein Kind war? Damals war alles neu. Alles wollte ich so können, wie die Grossen. Ich fiel hin, und stand wieder auf. Tränen und Lachen wechselten sich ab. Buntstifte - je mehr, desto besser. Ein Apfelschnitz, und das Glück kehrte ein. Herumrennen war ein Hochgenuss. Und wenn etwas schief ging, der Trost der Eltern war mir sicher. Schenke mir Gott an jedem Tag etwas von dieser kindlichen Selbstverständlichkeit der Lebensfreude! Lass mich immer wieder das Glück erfahren, dein verspieltes Kind zu sein und zu bleiben. Amen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Donnerstag, 2. November 2023

Mütter

Ein Zitat

Eine ältere Frau fährt ganz allein auf einem Karussell.
Foto © Jörg Niederer
"Gebt mir betende Mütter und ich rette die Welt." Augustinus von Hippo (354-430)

Ein Bibelvers - Matthäus 18,3

"Dann sagte Jesus: 'Amen, das sage ich euch: Ihr müsst euch ändern und wie die Kinder werden. Nur so könnt ihr ins Himmelreich kommen.'"

Eine Anregung

Meine Mutter liebte Karusselle. Wahrscheinlich beneidete sie uns Kinder, wenn wir an den Jahrmärkten darauf mitfahren durften, während sie daneben auf das Ende unseres Vergnügens warten musste. Doch dann kam dieser Moment, als sie wieder Platz nahm in der Kutsche, und die Welt sich zu drehen begann. War es ihr ein wenig peinlich, wieder in die Rolle eines Kindes zu schlüpfen? Ich vermute, das Bild entstand in den Ferien in Holland. Also unter Umständen, in denen man auch einmal "ausbrechen" durfte und die Konventionen nicht in gleicher Weise beachtet werden mussten.

Meine Mutter hat mich die Freude am Leben gelernt. Ihre Gebete begleiten mich noch heute durch die Zeit. Ich erinnere mich an Bastelstunden zuhause, daran, wie wir Kastanien gesammelt haben, um sie im Tierpark als Futter zu verkaufen. Unzählige Blumengestecke hat sie in die Kirche mitgenommen und auf den Altartisch gestellt. 

Heute ist sie nebst einem Schwager die einzige aus ihrer Generation, die noch lebt. Ich bin sicher, könnte sie, dann würde sie immer noch auf einem Karussell mitfahren.

Gott, wie eine Mutter begleitest du mich. Meine ersten Bewegungen hast du erlebt wie eine Schwangere. Am ersten Schultag sahst du meine Unsicherheit. Voller Bewunderung hast du meine Fortschritte beobachtet. Genervt habe ich dich auch, doch deine Liebe blieb. Gott, wie eine Mutter begleitest du mich nun durch eine Zeit, in der es Mut und Selbstverleugnung brauchen würde, sich in eine Karussell-Kutsche zu setzen, wieder ein Kind zu werden. Danke Gott für meine Mutter, die das getan hat. Amen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 1. November 2023

Väter

Ein Zitat

Ein junger Mann lässt sich in der Türkei mit einem antiken Fotoapparat ablichten.
Foto © Jörg Niederer
"Vater werden ist nicht schwer, / Vater sein dagegen sehr." Wilhelm Busch (1832-1908)

Ein Bibelvers - Matthäus 6,9

"Unser Vater im Himmel, dein Name soll geheiligt werden."

Eine Anregung

Türkei, um 1950. Ein junger Mann lässt sich von einem Fotograf mit altertümlicher Kamera ablichten. Ein anderer Mann schaut zu. Wer gut hinsieht, erkennt im Haus die Umreisse einer weiteren Person.

Der junge Mann, der sich hier fotografieren lässt, ist mein Vater. Mehrere Monate verbrachte er als Monteur für Bühler Uzwil in der Türkei. Dort wurden zu jener Zeit Mühlen eingerichtet. Damals gab es mich noch nicht. Mein Vater seinerseits wusste noch nicht, dass er einmal drei Söhne haben würde, dass er die meiste Zeit seines Lebens in Olten zu Hause sein würde, dass er im hohen Alter an Demenz erkranken würde. Das, und noch viel mehr wusste er damals noch nicht.

Mein Vater hat mich mehr geprägt, als ich dachte. Mehrheitlich positiv habe ich ihn erlebt. Er war ein guter Vater, und wenn ich ihn so ansehe auf diesem alten Foto, kann ich verstehen, dass meine Mutter sich in ihn verliebte. Nur der Schnauz, der war nicht in ihrem Sinn und musste weg.

Heute bin ich Vater. Was wohl meine Söhne einmal von mir sagen werden? 

Gott, Vater werden ist das Einfachste am Vatersein. Du musst es wissen, bist du doch selbst Vater. So jedenfalls hat es dein Sohn Jesus Christus uns nahegebracht. Als Vater kam ich gelegentlich an meine Grenzen. Doch meist waren und sind es gute Erfahrungen, die ich mit meinen Söhnen machen durfte und darf. Danke für diese Geschenke des Lebens. Ich bitte dich: Sei heute ganz nahe bei den Vätern und leite sie in ihrem Umgang mit den Kindern. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen