Montag, 30. September 2024

Blatt vor dem Mund

 Ein Zitat

Bahnwerbung. Beim Blatt vor dem Mund in der Redensart handelt es sich in Wirklichkeit um eine Papier.
Foto © Jörg Niederer
"Ehrliche und offene Menschen verlieren vieles, aber niemals ihr Gesicht." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 2.Korinther 6,11

"Liebe Korinther! Wir haben ganz offen mit euch geredet und lassen euch tief in unser Herz blicken."

Eine Anregung

Bei Teamsportanlässen kann man beobachten, wie die Spielerinnen oder Spieler taktische Anweisungen geben. Dabei halten sie sich nicht selten die Hand vor den Mund, damit niemand vom gegnerischen Team von den Lippen ablesen kann. Da gibt es doch die Redensart: "(K)ein Blatt vor den Mund nehmen". Ich frage mich nun, ob das etwas mit meiner Sportbeobachtung zu tun hat. Nehmen die sportlichen Akteurinnen und Akteure mit der Hand vor dem Mund in übertragener Weise "ein Blatt vor den Mund"?

Ich bin der Sache nachgegangen und habe dabei erfahren, dass es sich um eine Redensart handelt, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Dort hielten sich an Theatern die Schauspielerinnen und Schauspieler bei kritischen oder verletzenden Aussagen papierene Blätter vor den unteren Teil des Gesichts und folglich vor den Mund, damit niemand erkennen konnte, wer gerade spricht. Es ging darum, anonym zu bleiben und doch sagen zu können, was man will, egal, ob es nun genehm ist oder nicht. Ein Blatt nimmt also jemand vor den Mund, der oder die nicht persönlich zu dem stehen will, was er oder sie sagt. Ein häufiger Anwendungsfall ist die üble Nachrede in den Sozialen Medien oder mit Briefen. Üble Nachrede geschieht nicht selten anonym. Es geht folglich bei der Redensart nicht darum, zu verschleiern, was jemand sagt (so wie im Sport), sondern wer etwas sagt.

Nebenbei: Mit dem Blatt eines Baums, wie in der Bahnwerbung, hat die Redensart also nichts zu tun.

Kein Blatt vor den Mund nimmt eine Person, welche zu dem steht, was sie offen und laut ausspricht. In dieser Weise ist auch eine Stelle in der Bibelübersetzung der Guten Nachricht 2018 zu verstehen. Dort wird 2. Korinther 6,11 so übersetzt: "Meine Lieben in Korinth, ich habe kein Blatt vor den Mund genommen! Ich habe euch mein Herz weit geöffnet."

Lieber Paulus, das hast du gut gemacht. Nachahmenswert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 29. September 2024

Es reise, wer trotzdem lacht?

Ein Zitat

Die letzte Tür der Zugskomposition sollte während der Fahrt nicht geöffnet werden.
Foto © Jörg Niederer
"Trage Freude in deinem Herzen und du kannst jeden Moment verzaubern!" Daniela Irrek

Ein Bibelvers - Prediger 7,14

"Am Glückstag sei guter Dinge, am Unglückstag aber denke daran: Den einen wie den anderen hat Gott gemacht. Deshalb verhalte dich entsprechend. Denn kein Mensch kann herausfinden, was die Zukunft bringt."

Eine Anregung

Der Bahnbetrieb nach und von Wien ist nach wie vor unwetterbedingt stark beeinträchtigt und wird es wohl noch über Monate bleiben. Zu Dritt versuchen wir, die Schweiz irgendwie noch vor dem Sonntagmorgen zu erreichen.

In Wien fällt der reguläre Zug Richtung Schweiz aus. Der Ersatzzug hat 35 Minuten Verspätung, die Sitzplatzreservationen haben ihre Gültigkeit verloren. Zum Glück ist in der 1. Klasse genügen Platz.

Kaum setzt sich der Zug mit Ziel Salzburg in Bewegung, werden alle Fahrgäste Zeug:innen eines Telefonanrufs eines wohl älteren Mannes. Im sympathischen Österreicher Dialekt teilt er der Anruferin oder dem Anrufer mit: "Ich sitz jetzt im Zug, aber er fährt nicht. Wenigstens sitze ich hier, aber er fährt nicht." Spätestens jetzt schmunzeln alle im Zug, und schauen sich gegenseitig an. "Wir sind nicht mal bis Wien Meidling gekommen", geht das Telefonat weiter: "Gerade mal zwei Minuten ist er gefahren." Dann nach einer kurzen Pause: "Echt gemütliche Sitze, da kann man übernachten. Ah, jetzt fährt er. Du, jetzt fährt er. Mal schauen, wie lange." Nach diesen Worten herrscht gute Stimmung im Wagon.

Zum Foto: Es ist zuvor im Zug von Budapest nach Wien entstanden. An der hintersten Tür hängt einer der gelben Zettel und vermeldet, dass die Tür nicht benützt werden könne. Für alle, die das nicht von sich aus gesehen haben, ist es ein überlebenswichtiger Hinweis. Ich jedenfalls habe es tunlichst vermieden, auszuprobieren, ob die Tür sich nicht doch öffnen lässt.

Humor, freiwilliger und unfreiwilliger, kann über manche Unannehmlichkeiten hinweg trösten. Ich wünsche euch heute Sonntag gute Momente, voller Heiterkeit und Freude. 

Nun noch die Auflösung der gestrigen Frage: Die Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa, die vom 12.-16. März 2025 in Winterthur tagt, steht unter dem Thema "Schalom mit euch!".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 28. September 2024

Die 24 Stunden von Budapest

Ein Zitat

Delegierte an die Exekutive der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa tauschen sich in Budapest aus über den Stand der Dinge in der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Foto © Jörg Niederer
"Es zeigte sich einmal mehr, dass Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen zentral sind, was Zeit benötigt. Das vergangene Jahr war deshalb für die Reifung dieser Entscheidung sehr wichtig." Bischof Stefan Zürcher zur Zusammenlegung der Evangelisch-methodistischen Kirche in Rumänien und Ungarn zur Jährlichen Konferenz Ungarn-Rumänien

Ein Bibelvers - Römer 15,33

"Der Gott, der Frieden schenkt, sei mit euch allen! Amen."

Eine Anregung

Für genau 24 Stunden treffen sich 18 Delegierte zur Exekutivtagung der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz (ZK) von Mittel- und Südeuropa vom 27. auf den 28. September 2024 in Budapest. Zu dieser ZK gehören rund 30'000 Mitgliedern und Freunden, die in 13 Ländern leben (Albanien, Algerien, Belgien, Frankreich, Nord-Mazedonien, Österreich, Polen, Rumänien, Schweiz, Serbien, Tschechien, Tunesien, und Ungarn).

In offener und vertrauensvoller Atmosphäre, geleitet von Bischof Stefan Zürcher aus der Schweiz, wurden verschiedene Themen behandelt. Die Delegierten hörten von der Reisetätigkeit des Bischofs und liessen sich über den Stand der Überarbeitung der Kirchenordnung informieren. Weiter erfuhren sie mehr über den Weg der tschechischen Methodistenkirche in die Autonomie, und nahmen Demissionen von ZK-Mitarbeitenden zur Kenntnis. Auch die Revision der Statuten des European Methodist Council (EMC) wurde gutgeheissen. Das EMC ist ein Zusammenschluss der meisten methodistischen Kirchen in Europe.

Die Arbeitsgruppe Kirche und Gesellschaft legte einen überarbeiteten Entwurf der Leitlinien für einen verantwortlichen Lebensstil vor, der erneut zu reden gab, aber wohl bereits an der kommenden Zentralkonferenz vom 12.-16. März 2025 in Winterthur angenommen werden könnte.

Genau für diese kommende Zentralkonferenz wurde auch das Thema bestimmt. Zur Auswahl standen: A) "Geschaffen. Für gute Werke" oder B) "Schalom mit euch!" Welches Thema hättest du bevorzugt? Was glaubst du, welches Thema hat sich durchgesetzt? Die Auflösung folgt im Blog vom Sonntag.

Besonders wertvoll war die Zeit, in der man sich gelungene Dinge aus dem kirchlichen Alltag erzählte. Da kam ein bunter Strauss an Mutmachendem zusammen. So macht Kirche viel Freude.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 27. September 2024

Gewerbeausstellung im Regen

Ein Zitat

Kurz vor Eröffnung der WEGA in Weinfelden sieht es noch etwas trostlos aus.
Foto © Jörg Niederer
"Was macht dich glücklich?" Eine der Fragen am WEGA-Stand der Katholischen Kirche Thurgau

Ein Bibelvers - Hiob 12,13-15

"Bei Gott findet man Weisheit und Kraft. Rat und Einsicht kommen von ihm. Wenn er zerstört, baut es keiner mehr auf. Wenn er einsperrt, kommt niemand mehr frei. Wenn er Wasser aufstaut, trocknet der Boden aus. Wenn er es fließen lässt, verwüstet es das Land."

Eine Anregung

Was gibt es Traurigeres als eine Gewerbeausstellung im Dauerregen kurz vor ihrer Eröffnung? Rhetorisch so zu fragen dramatisiert ein Ereignis schon etwas sehr. Es gibt natürlich noch Traurigeres.

Die WEGA, also die für den Kanton Thurgau bedeutende Weinfelder Gewerbeausstellung, hat heute Morgen im Regen die Buden und Zelte geöffnet. Kurz zuvor bin ich über das Gelände gezogen. Etwa lustlos tropften die Planen, erste Brezel lagen verloren in der Auslage. Autos fuhren noch durch die noch nicht von Menschenmassen verstopften Quartierstrassen. Es regnete und einige Rentner - Zeit haben sie ja - begannen die Trophäenjagd entlang der Stände.

Jetzt, wo ich dies schreibe, ist die WEGA sechs Stunden alt und es regnet immer noch. Es soll besser werden mit dem Wetter. Am Sonntag wird es dann erst recht so richtig gut. Dann werde ich noch einmal beruflich Teil dieser Ausstellung.

Um 10.00 beginnt der Gottesdienst der fünf Kirchen Weinfeldens, an dem ich mitwirken werde. Im Festkalender ist dieser Gottesdienst auf und bei der TKB-Bühne als einer der Höhepunkte ausgeschrieben. Das heisst nun nicht, dass das Niveau der Höhepunkte tief ist. Nein, der Gottesdienst ist wirklich etwas Besonderes. Das haben die WEGA-Veranstaltenden aus Erfahrung gelernt. Der WEGA-Gottesdienst steht auf einer Ebene mit dem WEGA-Buebe-Schwinge, der Wahl der Thurgauer Apfelkönigin, der WEGA-Schlagerparade und noch weiteren Attraktionen.

Also es lohnt sich, für diesen Gottesdienst aufzustehen. Er macht Freude. Das ist denn auch das Thema: "Freude! Gioia! Joy!"

Sehen wir uns am Sonntag, 10.00 Uhr bei der TKB-Bühne an der WEGA in Weinfelden? Das würde mir grosse Freude bereiten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 26. September 2024

Herbstmeditation

Ein Zitat

Ein Baum im Salatfeld bei Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Man ist nie zu alt, um in einen Laubhaufen zu springen." Unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 104,19

"Den Mond hast du für die Festzeiten gemacht. Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll."

Eine Anregung

Ein typisches Herbstbild. Die Ambivalenz der Natur. Unkräuter zwischen Salatköpfen. Licht und Schatten. Himmel und Erde. Leben und Tod. Ein üppiges, letztes Aufleuchten. Bald wird die Ernte eingefahren. Was so vital und lebendig, währt nur kurz. Der halbverwelkte Baum dagegen wird wohl auch im nächsten Jahr seinen Schatten werfen. Angeschlagen, aber nicht besiegt.

Was möchte ich sein: Dieser alte Baum, gezeichnet und versehrt, oder ein Salatkopf, jung, saftig, austauschbar und kurzlebig? Bin ich gar das Unkraut, störe ich das schöne Bild, dränge mich ungefragt dazwischen?

Sicher ist: Mein Sommer liegt hinter mir. Es ist Herbst geworden, ganz und gar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 25. September 2024

Zäme-Velo und der Fiirabe-Träff

Ein Zitat

Gabriella Clerc leitet die Projekt-Werkstatt in der Methodistenkirche Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Gemeinsam lässt sich vieles leichter anpacken. Wir unterstützen uns gegenseitig und ermutigen uns. Was uns auf dem Herzen brennt, setzen wir Schritt für Schritt um." Gabriella Clerc von der Projekt-Werkstatt

Ein Bibelvers - Jesaja 40,30+31

"Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen. Aber alle, die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde."

Eine Anregung

Die Projekt-Werkstatt, das sind Angebote, die meist in den Räumen der Methodistenkirche in Frauenfeld stattfinden, und unter dem Label "Kirche anders" verwirklicht wird. Als "Kirche anders" werden Angebote zusammengefasst, welche deutlich abweichen von traditioneller kirchlicher Gemeindearbeit. Dazu gehören nebst der Projekt-Werkstatt auch das Netzkloster, das Gospel Movement Seeland, die Schlagerfamilie, Bärg u Tal und noch mehr.

Die Projekt-Werkstatt wird von Gabriella Clerc geleitet und zusammen mit Menschen aus Frauenfeld und der Umgebung weiterentwickelt. Neuerdings läuft ein Crowdfunding für das Projekt "Zäme-Velo". (Allerdings ist es mir nicht ganz einsichtig, wie ich nun meine Zusagen platzieren kann. Hier müsste auf der Webseite noch nachgebessert werden. Oder dann handelt es sich erst um einen Entwurf, und das Crowdfunding hat noch nicht begonnen.)

Bereits jetzt hat Gabriella Clerc für die Projekt-Werkstatt ein Parallel-Tandem angeschafft. Dieses Zäme-Velo steht für Ausfahrten bereit mit Personen, die angewiesen sind auf eine Begleitperson, um Fahrrad zu fahren. Weitere solche Parallel-Tandems sollen angeschafft werden. 

Ganz aktuell findet am kommenden Freitag, 27. September um 18.15 Uhr am Altweg 15 in Frauenfeld der Fiirabe-Träff statt unter dem Thema: "Öpppis, wo guet tuet". Gabriella Clerc schreibt dazu: "Was macht man, wenn einem die Zeit zwischen den Fingern zerbrösmelt und man nicht einmal dazu kommt, den Flyer für den Fiirabe-Träff zu gestalten? Ganz simpel und clever: man macht das Problem zum Thema des Fiirabe-Träff und schon hat es seine Problematik verloren…😊 Wir alle kennen Dinge, Begegnungen, Strategien oder Erfahrungen, die uns gut tun. An diesem Fiirabe-Träff sammeln wir einen bunten Strauss von solchen 'Wohltuerlis'. Die Resilienz-Forschung zeigt: wer nicht alleine unterwegs ist und über Strategien verfügt die Zuversicht geben, bekommt wieder besser Boden unter die Füsse in oder nach Zeiten der Not."

Alle sind ganz herzlich eingeladen zu diesem Treffen, bei dem es natürlich auch etwas zu Essen und zu Trinken gibt. Auskunft erteilt Gabriella Clerc, Tel./WhatsApp: 079 294 06 33; Email: gabriella.clerc@gmail.com.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe


Dienstag, 24. September 2024

Dem Himmel etwas näher

Ein Zitat

Ein aussergewöhnlicher Grabstein in Form eines LKW-Reifens auf dem Friedhof Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Lehrer hat sich geirrt. Ich werde dafür bezahlt, dass ich jeden Tag aus dem Fenster starre." Spruch an einem Lastwagen

Ein Bibelvers - 5. Mose 4,39

"Heute sollst du es begreifen und dir zu Herzen nehmen: Der Herr allein ist Gott, oben im Himmel und unten auf der Erde. Ausser ihm gibt es keinen anderen."

Eine Anregung

Der Friedhof Chloos liegt in nördliche Richtung erhöht am Waldrand über der Stadt Kloten. Südlich grenzt er an ein ausgedehntes Kleingartenareal.

Wie bei jedem Friedhof, an dem ich vorbeikomme, schaue ich mir die Grabsteine an. Einer fällt besonders auf. Ein LKW-Reifen aus Stein dominiert das Grab von Albert und Lucie Dünki-Wohlgemuth. Manche Friedhofsordnungen verbieten ja solcherlei Skulpturen. Doch hier in Kloten scheint es möglich zu sein.

Zu Hause die Recherche. Ich werde schnell fündig. Bei Albert Dünki-Wohlgemuth handelt es sich um den Gründer der heutigen Dünki Transporte AG. 1953 begann er mit einem einzelnen Lastwagen. Heute sind es 35 Fahrzeuge. Im Familienbetrieb ist schon die dritte Generation am Wirken. Unlängst wurde das Unternehmen vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) als "Regulated Agent" zertifiziert. Damit kann die Dünki Transport AG Luftfracht transportieren, ohne dass diese ihren sicheren Status während des Transports verliert. Ein bemerkenswerter Wettbewerbsvorteil, der wohl auch eine Rolle dabei spielte, als die Hasler Transport Gruppe mit Sitz in Weinfelden die Aktien und damit die Firma im Jahr 2020 übernahm. Der Pressetext dazu ist überschrieben mit "Dem Himmel etwas näher"; eine Anspielung auf das Flughafen-Frachtgeschäft. Denn die Dünki Transporte AG ist der einzige unabhängige Luftfracht-Transporteur im Raum Zürich.

Dem Himmel etwas näher, das wünscht man auch den Verstorbenen auf dem Friedhof Chloos. Bestimmt aber den beiden, die da unter einem schweren LKW-Reifen aus Stein ruhen. 

Das wünsche ich auch uns allen, dass wir heute dem Himmel ein Stück näher kommen dürfen - und, damit kein Missverständnis aufkommt; ich wünsche uns allen ein langes Leben und viele guten Erfahrungen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 23. September 2024

Überfahrtat

Ein Zitat

ie mobile Strassensperre ARMIS ONE schützt die Zufahrten vor Kamikaze-Fahrzeugen.
Foto © Jörg Niederer
"Mit den Menschen ist es wie mit den Autos. Laster sind schwer zu bremsen." Heinz Erhardt (1909-1979), Humorist

Ein Bibelvers - 2. Korinther 11.23-25

Paulus: "Ich war öfter im Gefängnis. Ich habe viel mehr Schläge bekommen. Ich war immer wieder in Lebensgefahr. Von den Juden habe ich fünfmal die 'vierzig weniger einen Peitschenhiebe' bekommen. Dreimal wurde ich von den Römern mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt. Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten. Einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem offenen Meer."

Eine Anregung

Ich habe ein neues Wort gelernt: "Überfahrtat". Neudeutsch nennt man es auch "Vehicle-ramming attack". Seit 2016 wissen alle, was damit gemeint ist. Damals überfuhren in Nizza Attentäter mit Lastwagen Menschen und schossen auf sie. 86 Frauen, Männer und Kinder wurden dabei getötet. In der Folge stellte man in vielen Städten Betonelemente auf, um solche Taten rechtzeitig zu stoppen. Wikipedia führt als erste solche Amokfahrt die Tat der tschechoslowakischen Olga Hepnarová an, die 1973 in Prag mit einem LKW 8 Menschen tötete und 12 weitere verletzte. Für diesen Massenmord wurde sie zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Beim Besuch meiner Mutter in Olten ist mir an der MIO (Messe in Olten) ein mobiler Zufahrtsschutz aufgefallen. Er stammt vom Schweizer Unternehmen "CONSEL". Das Gebilde soll zuverlässig vor Überfahrtaten schützen, und zugleich den Zugang für Notfallfahrzeuge weiter ermöglichen.

Auf der Webseite des Unternehmens wird Olten mit den Worten "Olten machts vor: Mobile Strassensperren statt Betonblöcke" gelobt für die Verwendung der "ARMIS ONE" genannten Sperren. Weiter kann man sich ein Video anschauen, bei dem ein Lastwagen von der Sperre spektakulär abgefangen wird.

Sicherheit ist ein grosses Bedürfnis der Menschen. Doch letzte Sicherheit gibt es nicht. Das wird auch in einer Aufzählung des Paulus deutlich, in der er die Gefahren seines Lebens in der Nachfolge Christi beschreibt. Sicherheit ist nie absolut.

Zurück zur Überfahrtat: Sie kommt auch im übertragenen Sinn vor. Wenn sich jemand wie "überfahren" vorkommt, dann wurde er überrumpelt oder übertölpelt. Genau das, was auch passiert, wenn ahnungslose Festbesuchende buchstäblich "unter die Räder kommen"; sie werden "überrumpelt".

Angesichts dieser schmerzhaften Genauigkeit von Sprache denke ich heute an Menschen, die in Unfälle mit Autos verwickelt wurden. Ihnen, den Opfern des Strassenverkehrs, gilt mein Beten. Möge Gott ihnen besonders nahe sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 22. September 2024

Christus-Frieden

Ein Zitat

Der Friedenspfahl vor der Methodistenkirche in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Friede ernährt, Unfriede verzehrt." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - Johannes 14,27

"Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch nicht den Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und lasst euch nicht entmutigen."

Eine Anregung

Es ist einer von 250'000 Friedenspfählen. Er steht vor der Methodistenkirche in St. Gallen. Heute werden wir ihn mit einem Gottesdienst einweihen. "Möge Friede auf Erden sein", das ist gerade in der heutigen Zeit unser Gebet. Denn wenn es eines gibt, das Mensch ohne Gott nicht erreichen können, dann ist es der Friede.

"Möge Friede auf Erden sein"

Gottesdienst zur Einweihung des Friedenspfahls: Sonntag, 22. September 2024, 10.15 Uhr, Evangelisch-methodistische Kirche, Kapellenstrasse 6, 9000 St. Gallen

Die Predigt wird auch ca. ab 10.30 Uhr per YouTube ausgestrahlt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 21. September 2024

Manifesting

Ein Zitat

Verladene neue Militärfahrzeuge warten auf der Geleisanlage beim Bahnhof Wil auf die Weiterfahrt.
Foto © Jörg Niederer
"Ich manifestiere nicht. Vielleicht bin ich einfach zu faul für positive Gedanken. Auch lehrt mich die Erfahrung, dass meist das Gegenteil von dem geschieht, was man sich wünscht." Lukas Linder, aus: Dusjas Fleischklopse, bref 7/2024 S.17

Ein Bibelvers - Markus 11,22+23

"Jesus antwortete ihnen: Glaubt an Gott! Amen, das sage ich euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: 'Auf, stürze dich ins Meer!', und wenn er dabei in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern fest daran glaubt, dass eintrifft, was er sagt – dann wird es für ihn geschehen."

Eine Anregung

Lukas Linder zitiert in einem Beitrag im "bref" aus einem Artikel von Thomas Ribi in der "NZZ". Darin geht es um ein neues Massenphänomen, um das "Manifesting". Lukas Linder schreibt: "Im Prinzip bedeutet es einfach, dass man etwas bekommt, wenn man stark genug daran glaubt. In den sozialen Netzwerken berichten unzählige Leute, wie sie endlich ihren Traumpartner, den perfekten Job oder ihr Idealgewicht gefunden haben. sie haben es manifestiert. Dabei geht es darum, sich den Wunsch so konkret wie nur möglich vorzustellen, bis man ihn vor sich zu sehen glaubt. Danach kommt die Affirmation. Man wiederholt seinen Wunsch... täglich Dutzende Male, um mit seinen positiven Gedanken das Universum gnädig zu stimmen." (Lukas Linder, aus: Dusjas Fleischklopse, bref 7/2024 S.17)

Für Linder bemerkenswert an dieser Modeerscheinung ist, dass wir es "...beim Manifesting mit einem Aberglauben zu tun haben, der ohne jede Transzendenz auskommt...", also ganz ohne Gott.

Manifesting: Wenn das nur so einfach wäre. Dann könnten alle Ukrainerinnen und Ukrainer gemeinsam den Frieden und die Rückgabe der von Russland gestohlenen Ländereien manifestieren, so lange, bis es eintrifft. Wobei sich wohl eine sehr grosse Mehrheit von Russinnen und Russen genau das Gegenteil durch positives Denken herbeiwünschen würde. Es liefe es auf einen Kampf der positiven Gedanken hinaus, und gewinnen würde das Land, in dem sich mehr Menschen lebhafter und echter das Kriegsziel gedanklich vergegenwärtigen würden. Wenigsten wäre diese Kriegsführung wohl weniger blutig und wenig zerstörerischer.

Wenn es nur so einfach wäre. Doch so einfach ist es nicht. Darum können wir durch Manifesting heute, am Welt-Friedenstag der UNO, den Frieden eben nicht herbeimanifestieren, so schön das auch wäre. Die Realität ist: Seit Kain Abel erschlug, gab es in der Geschichte der Menschheit noch nie den Bruchteil eines Augenblicks, an dem alle Menschen in Frieden zusammengelebt haben. Das liegt daran, dass wir Menschen von uns aus "Frieden nicht können", selbst wenn wir es uns noch so sehr vorstellen, noch so sehr manifestieren.

Wenn es eines gibt, das Mensch ohne Gott nicht erreichen können, dann ist es der Frieden. Krieg, das schafft der Mensch problemlos und ohne himmlische Unterstützung in gnadenloser Regelmässigkeit. Beim Frieden aber stehen wir seit Menschengedenken an. Wenn es also etwas gibt, das wir nur mit Gottes Eingreifen erreichen können, dann ist es Frieden. Auch deshalb werden wir morgen im Gottesdienst in der EMK St. Gallen um Frieden zu Gott beten und dabei den Friedenspfahl (siehe Beitrag vom gestern) beim Kircheneingang einweihen.

"Möge Friede auf Erden sein"


Gottesdienst zur Einweihung des Friedenspfahls: Sonntag, 22. September 2024, 10.15 Uhr, Evangelisch-methodistische Kirche, Kapellenstrasse 6, 9000 St. Gallen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 20. September 2024

Friede, wo bleibst du?

Ein Zitat

Ein Rüstungsbetrieb aus dem Thurgau wirbt an der Berufsmesse um neue Mitarbeitende.
Foto © Jörg Niederer
"Der Friede Gottes will in dir beginnen, du brauchst nicht lange, bis du es entdeckst: was Gott in dich hineinlegt, bleibt nicht innen – Friede, der nach außen wächst. Friede, Friede, Friede sei mit dir." Ausschnitt aus einem Lied von Manfred Siebald

Ein Bibelvers - Johannes 14,27

Jesus: "Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch nicht den Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und lasst euch nicht entmutigen."

Eine Anregung

Als ich gestern in Weinfelden aus dem Zug stieg, stach mir gleich einmal ein Militärfahrzeug ins Auge, das dort im Rahmen einer Ausstellung zu sehen war. Die Ausstellung entpuppte sich in der Folge als Berufsmesse Thurgau. Damit hatte ich nicht gerechnet, dass an einer Messe, die sich an Jugendliche wendet, sich das Militär und die Rüstungsindustrie breit machen. Doch es ist schon folgerichtig, dass sich den jungen Berufsinteressierten auch General Dynamics mit seinen auf Thurgauer Seite des Bodensees produzierten Kriegsgeräten präsentiert. Der Bodensee ist ein Hotspot der Rüstungsindustrie. Gerade in diesen Zeiten hat sie wieder Hochkonjunktur. So will der Nationalrat 4 Milliarden Franken mehr für die Armee freimachen. Gespart werden soll unter anderem bei der Entwicklungshilfe. Die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz müsse angesichts des nahen Kriegsgeschehens wieder hergestellt werden.

Morgen Samstag wird nebst dem Welt-Alzheimertag auch der Welt-Friedenstag der Vereinten Nationen begangen. Das ist die Gelegenheit, am kommenden Sonntag für den Frieden in der Welt zu beten. Dann werden wir in der EMK St. Gallen den Friedenspfahl (siehe Beiträge vom 18. Februar 2024, 24.Februar 2023 und 4. Mai 2022), der schon einige Wochen die Menschen beim Eintritt in die Kirche mit den Worten "Möge Friede auf Erden sein" begrüsst, mit einer gottesdienstlichen Feier einweihen. Es wird eine bescheidene Feier sein, nichts pompöses, brachiales, kein gepanzertes Fahrzeug. Was wir der ganzen Gewalt entgegenstellen können, ist dieser einfache Pfahl, der die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt, einfordert und zuspricht. 

"Möge Friede auf Erden sein"!

Gottesdienst zur Einweihung des Friedenspfahls: Sonntag, 22. September 2024, 10.15 Uhr, Evangelisch-methodistische Kirche, Kapellenstrasse 6, 9000 St. Gallen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 19. September 2024

Schweine

Ein Zitat

Ein inoffizielles Strassenschild warnt beim Neuhof in Leutmerken vor Wildschweinen.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Schwein wälzt sich lieber im Dreck als in Blumen." Altdeutsche Redensart

Ein Bibelvers - 2. Petrus 2,22

"'Ein Hund frisst wieder, was er erbrochen hat.' Und: 'Nach dem Baden wälzt sich ein Schwein wieder im Dreck.'"

Eine Anregung

Zugegeben, aus der Bibel kenne ich schönere Sprichwörter als die beiden, die im 2. Petrusbrief zitiert werden. Doch diese zwei waren mir bisher noch nicht aufgefallen, noch haben sie sich in mein Gedächtnis eingeprägt.

Es ist wohl der langen gemeinsamen Lebenswelt zu verdanken, dass es über die Schweine unzählige Redewendungen gibt. Schon etwa 8000 Jahre vor Christus wurden erste Schweine domestiziert. Doch in den Sprichwörtern kommt das Borstenvieh meist nicht sehr gut weg. Bei Leutmerken wird sogar mit einem inoffiziellen Strassenschild vor freilaufenden Wildschweinen gewarnt. Da sind auch die Felder mit speziellen Elektrozäunen gesichert, damit die Schweinerotten nicht über die schmackhaften Pflanzen herfallen.

Auch in der Bibel kommen die Schweine nicht besser weg. Zwar weiss man heute, dass das Essen von Schweinefleisch für Juden erst so ab dem 5. vorchristlichen Jahrhundert verboten war. In der hellenistischen Zeit wurde es zu einem Bekenntnisakt, entgegen der heidnisch-griechischen Umwelt kein Schweinefleisch zu essen. Zuvor jedoch wurde es als Nutz- und Opfertier auch in Israel geschätzt. Sogar hebräische Personennamen aus der Zeit der priesterlichen biblischen Texte sind bekannt, die wohl mit "Schwein" zu übersetzen sind (1. Chronik 24,15; Nehemia 10,21).

In neutestamentlicher Zeit sind die Schweine dann vollends verpönt. Dass sich Schweine im Schlamm wälzen, wurde als Zeichen ihrer Unreinheit gesehen. Schweine konnten auch gefährlich werden, und das nicht nur für heutige Autofahrer. Ihre Hauern sind tödliche Waffen. Und dann sind Schweine Allesfresser. Sie scheuen auch vor Ass nicht zurück.

Ein altdeutsches Sprichwort lautet: "Et is beter, de Swîne frätet met den Minschen as de Minschen frätet met de Swînen." (Es ist besser, die Schweine fressen mit den Menschen, als dass die Menschen mit den Schweinen fressen.) Da denke ich doch gleich an die Geschichte vom sogenannten "Verlorenen Sohn". Dieser musste, nachdem er allen Besitz verprasst hatte, in einer Zeit der Hungersnot in der Fremde Schweine hüten, und um nicht zu verhungern, aus dem Schweinetrog sein Essen stehlen (Lukas 15,11-32). Schlimmer konnte es damals einem Juden nicht ergehen.

Wer noch mehr erfahren möchte zur biblischen Kulturgeschichte des Schweins, dem oder der empfehle ich diesen Text.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 18. September 2024

Nachdenklich

Ein Zitat

Ein Westafrikanischer Schimpanse im Walter Zoo Gossau.
Foto © Jörg Niederer
"Die Not vereinigt die Gemüter und macht die Menschen tätig und erfinderisch." Gerhard von Scharnhorst (1755-1807)

Ein Bibelvers - Hiob 2,11+13

"Drei Freunde Hiobs hörten von all dem Unglück, das ihn so schlimm getroffen hatte. Sie kamen zu ihm... Dann setzten sie sich zu ihm auf die Erde. Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie da und sprachen kein einziges Wort. Denn sie sahen, wie heftig sein Schmerz war."

Eine Anregung

Würde ein Mensch so dasitzen wie der westafrikanische Schimpanse im Walter Zoo Gossau, man würde sich fragen, welcherlei Laus ihm wohl über die Leber gekrochen sei.

Im Mittelalter war man überzeugt, dass die Leber der Sitz der Leidenschaft und des Temperaments sei. Die Laus dagegen ist klein und unbedeutend. Damit wird diese Redensart klar. Irgend etwas Unbedeutendes lässt die Laune in den Keller sinken. Man könnte auch sagen: Kleine Ursache - grosse Wirkung.

Der Schimpanse jedenfalls macht einen deprimierten Eindruck wie er so dasitzt hinter dem Wasserfall, in sich zusammengekauert, die Arme verschränkt und leer vor sich hinstarrend. Vielleicht ist er auch einfach in Gedanken versunken. Dass Schimpansen denken, soll es geben. Vielleicht trauert er, oder hat eine Depression. Wie man ihn so sieht, möchte man ihn aufheitern, nachfragen, was in so griesgrämig sein lässt.

Vielleicht würde ich, wenn ich könnte, mich auch einfach neben ihn setzten, so wie die Freude Hiobs, als dieser im Elend versank, und erst einmal mitschweigen. Dann würden also ein Affe und ein Mensch nebeneinander so dasitzen, und alle anderen würden sich fragen: Welche Laus ist den beiden wohl über die Leber gekrochen.

Da wird mir doch mit einem Mal klar, warum sich Affen lausen. Das ist Vorbeugung gegen die Einsamkeit, den Frust, die Apathie, die Lustlosigkeit. Auch wir Menschen haben so Strategien, wie wir einander wieder aufmuntern. Also falls man dich "lausen" sollte, lass es mich wissen, dann setze ich mich mal hinter einen Wasserfall, und überlege, was man in deinem Fall so machen könnte. :-)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 17. September 2024

Die Verkündigung ist weiblich

Ein Zitat

Eine predigende Frauengestalt steht auf dem Kanzelhimmel der paritätischen Kirche Peter und Paul in Leutmerken.
Foto © Jörg Niederer
"Die Frau als Pastor kann nicht väterlich sein, aber Gott ist Vater." Der Hamburger Bischof Karl Witte (1893-1966) argumentierte so gegen die Frauenordination

Ein Bibelvers - Römer 16,7

"Grüsst Andronikus und Junia, meine Landsleute, die mit mir im Gefängnis waren. Sie nehmen unter den Aposteln eine herausragende Stellung ein. Auch haben sie schon vor mir zu Christus gehört."

Eine Anregung

Einmal im Jahr geht die Pfarrkleingruppe, zu der ich gehöre, auf Schulreise. In diesem Jahr wandelten wir auf dem Stählibuckweg von Amlikon via Stählibuck nach Frauenfeld.

Eines der ersten Dörfer an diesem Weg war Leutmerken. Der Ort hat seinen Namen nach Liutmar, dem ersten Siedler. In Leutmerken steht die paritätische Kirche Peter und Paul. Geschichtlich bedeutsam ist, dass der Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer einige Zeit lang hier wirkte. Mehr über die Geschichte der Kirche, auch wie sie paritätisch wurde, erfährt man auf der Webseite der Evangelischen Kirche.

Was ich dort nicht gefunden habe: Was ist das über der Kanzel für eine Figur? Die junge Frau mit einem Buch in der Hand, wirkt so, als würde sie predigen. Aufgefallen sind mir die grossen Hände der sonst zierlichen Gestalt. Aber das hat wohl nichts zu bedeuten.

Also: Was oder wer stellt diese Frau dar?

Der Hauswart, der uns vier Pfarrpersonen in der Kirche überraschte, wusste darüber auch nichts Genaueres. Die ihm am meisten einleuchtende Erklärung: Es sei eine allegorische Darstellung der "Verkündigung". Das wäre durchaus möglich.

Sucht man jedoch im Internet nach einer Frau oder Heiligen mit dem Attribut "Buch", wird man zu vielen Bildern geführt, welche die Verkündigung des Engels Gabriel an Maria darstellen. Bei manchen dieser Werke hält Maria ein Buch in der Hand oder liest daraus. Sogar Bilder gibt es, auf denen nur Maria mit dem Buch zu sehen ist. Ist also Maria die Frau auf dem Kanzelhimmel? Dagegen spricht, dass die dort dargestellte junge Frau nicht passiv wirkt, sondern gestikulierend wie eine verkündigende Frau. Um einen Engel kann es sich auch nicht handeln. Da fehlen die Flügel.

Dann wäre da noch die heilige Elvira von Oeren. Sie leitete im 11./12. Jahrhundert als Äbtissin das Kloster Oeren in Trier. Ihre Attribute sind der Hirtenstab und das Buch. Nur, bei der Skulptur in der Kirche Leutmerken gibt es zwar ein Buch, aber keinen Hirtenstab.

Also doch die allegorischen Darstellung der Verkündigung? Möglich. Nur finde ich sonst im Internet nichts, was diese Sicht auf die Frauengestalt über der Kanzel unterstreicht.

Aber vielleicht kennt sich ja jemand der Lesenden besser aus mit kirchlicher Kunst, und kann dieses Rätsel lösen. 

Jedenfalls hat es in der Vergangenheit auch schon unter dem Leutmerker Kanzelhimmel predigende Frauen gegeben. Interessanter Weise ist es aktuell eine katholische Pastoralraum-Leiterin und nicht etwa eine evangelische Pfarrerin.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 16. September 2024

Löwen haben es nicht leicht

Ein Zitat

Berberlöwen-Paar im Walter Zoo Gossau.
Foto © Jörg Niederer
"Das Löwenmaul hat ein Hasenherz." Sprichwort

Ein Bibelvers - Offenbarung 5,5

"Da sagte einer von den Ältesten zu mir: 'Weine nicht! Der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids, hat den Sieg errungen. Er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen.'"

Eine Anregung

Zuerst: Meine YouTube-Predigt von gestern zum Thema "Geistlich entsorgen" wurde umplatziert. Neu findet man sie unter diesem Link

Nun zum Foto. Es wurde am vergangenen Samstag aufgenommen im Walter Zoo. Zu sehen sind zwei der Berberlöwen; ein prächtiges Männchen hinter dem nicht minder eindrücklichen Weibchen.

Zu biblischen Zeiten war der Löwe ein von vielen bewundertes, furchteinflössendes Tier. Kein Wunder, dass der Stammvater Jakob einen seiner Söhne als "jungen Löwen" bezeichnete. Dieser Sohn ist der erstgeborene Juda, der Stammvater von König David auch damit auch von Jesus.

Im Neuen Testament gibt es eine einzelne Stelle, die von Jesus als dem "Löwen aus Juda" spricht. In C. S. Lewis' "Chroniken von Narnia" steht Aslan, der Grosse Löwe, für den Schöpfer und König der Welt. Auch der Film "König der Löwen" zeichnet die Geschichte eines Löwen, der für den Frieden kämpft.

Im Gegensatz zu den Hyänen haben die Löwen ein positives Image. So wundert es nicht, dass Christus als Löwe bezeichnet werden kann. Er ist der, welcher die böse Welt besiegt und den Frieden mit Gott und untereinander bringen wird. 

Im Gegensatz zu den oben erwähnten Filmlöwen geht es den wirklichen Löwen nicht gut. Der Berberlöwe etwa ist in freier Wildbahn ausgestorben. Im Walter Zoo und an anderen Orten wird er in Gefangenschaft gezüchtet und gehalten. So können wir ihn noch bewundern. Der Lebensraum aller Löwen ist heute auf 7 Prozent des einstigen Verbreitungsgebiets geschrumpft. Ohne Schutzbemühungen wäre er wohl bald ausgestorben.

Bad News auch für die Löwen in Palästina. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es sie dort nicht mehr. Das Land des Löwen von Juda ist heute löwenfrei.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 15. September 2024

Geistliches Entsorgen

Ein Zitat

Unrat gehört entsorgt, genauso wie alles, was dich und andere belastet.
Foto © Jörg Niederer
"Busse oder Umkehr ändert nichts bei Gott, aber alles bei dir." Aus der heutigen Predigt!

Ein Bibelvers - Jesaja 55,7

"Der Frevler soll seinen Lebensweg ändern! Wer Böses im Sinn hat, soll seine Pläne ändern und zum Herrn, unserem Gott zurückkehren! Der wird Erbarmen mit ihm haben und ihm reichlich Vergebung schenken."

Eine Anregung

Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag: Fürs Danken gibt es viele Gründe. Auch, dass wir nach christlichem Glauben jederzeit und immer wieder zu Gott umkehren können. Gott steht für Vergebung. Jesus Christus, so heisst es in einem Lied, nimmt die Sünder an. Selbst dann, wenn jemand mit der Bezeichnung "Sünder" nicht viel anfangen kann, ist es so. Gott wartet wie ein liebevoller Vater, wie eine sich sorgende Mutter auf alle seine/ihre Kinder. Wie gesagt: Fürs Danken gibt es viele Gründe.

Mehr dazu erfährt man wieder einmal in einer per YouTube übertragenen Predigt aus der Methodistenkirche St. Gallen. Sie ist so ab 10.30 Uhr zu hören.  

Vor Ort in der Kirche an der Kapellenstrasse 6 sind alle darüber hinaus auch zum Abendmahl eingeladen. Der Gottesdienst beginnen um 10.15 Uhr.

Wer am Morgen verhindert ist, kann auch am Abend den Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Kantone Appenzell und St. Gallen in der Evangelischen Kirche Waldstatt besuchen. Er beginnt um 17.00 Uhr. An diesem Gottesdienst bin ich ebenfalls beteiligt.

Wer weiss, vielleicht sehen wir uns heute. Es würde mich freuen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 14. September 2024

Von der Frau gekettet

Ein Zitat

Wappentafel im 1. Stock des Frauenfelder Rathauses.
Foto © Jörg Niederer
"Da die Welt nicht würdig war, den Sohn Gottes direkt aus den Händen des Vaters zu empfangen, gab er seinen Sohn Maria, damit die Welt ihn von ihr empfangen kann." Hl. Augustinus von Hippo (354-430)

Ein Bibelvers - Markus 3,31

"Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte."

Eine Anregung

Ist das Adam mit dem Feigenblatt, der hier das gespiegelte Stadtwappen von Frauenfeld den Betrachtenden entgegenhält. Es könnte auch irgend ein wilder Mann sein, eine Gottheit der Griechen oder Römer. Urchig sieht der Kerl aus mit seinem Eichenkranz und dem behaarten Körper. 

Diese Darstellung findet sich im 1. Stock des Rathauses in Frauenfeld. Da der Name "Frauenfeld" meint: Feld der (Jung-)Frau (Maria), handelt es sich bei der Frau auf dem Wappen logischerweise um die Jungfrau Maria. Irritierend ist, dass sie als Bürgerfrau dargestellt wird. Maria als verheiratete Frau mit Familie kommt aber auch in der Bibel vor. Anstelle eines Nimbus trägt sie eine goldfarbene Haube.

Mich verunsichert der dunkle Teint der Dame. Zwar passt das zu einer Frau aus dem Nahen Osten. Aber war das wirklich die Idee des Künstlers oder der Künstlerin? Es wäre bemerkenswert, angesichts der blonden Jesuskindchen auf anderen Darstellungen jener Zeit.

An der Kette führt Maria einen roten Löwen. Er stehe für die Habsburger, welche für das Kloster Reichenau als Vögte von Frauenfeld amteten. Noch eines fällt auf: Maria und der Löwe tragen Partnerinnenlook. Sie gehören, so verschieden sie sind, zusammen. Dabei ist klar, wer das Sagen hat. Nicht die Habsburger, sondern das Kloster Reichenau, nicht die weltliche, sondern die kirchliche, göttliche Gewalt.

Man beachte beim Löwen auch die Stellen, die golden ausgezeichnet sind. Symbolisch sind so Gewalt und Sexualität unter Kontrolle der Jungfrau Maria. Es ist die heilige Frau, die den potenten und bedrohlichen (Löwen-)Mann an der Kette führt.

Gut möglich, dass gelegentlich eine Frau auf das Wappen von Frauenfeld zeigte, und zu ihrem Mann sagte: Siehst du wer da Chefin ist?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 13. September 2024

Gemeinsam auf grosser Fahrt

Ein Zitat

Der Walensee weit unten zwischen den Bergflanken, fotografiert von Filzbach aus.
Foto © Jörg Niederer
"Das Herz des Menschen ist sehr ähnlich wie das Meer. Es hat seine Stürme, es hat seine Gezeiten und in seinen Tiefen hat es auch seine Perlen." Vincent van Gogh

Ein Bibelvers - Lukas 8,22

"Eines Tages stieg Jesus mit seinen Jüngern in ein Boot. Er sagte zu ihnen: 'Wir wollen ans andere Ufer des Sees fahren.' So legten sie vom Land ab."

Eine Anregung

Heute gibt es wieder einmal ein Landschaftsbild. Zu sehen ist der tief zwischen den Bergketten eingebettete Walensee. Das Foto ist in Filzbach auf dem Kerenzerberg anlässlich des Altersausflugs der Herisauer und St. Galler Methodistengemeinden entstanden.

An diesem Tag brillierte das Wetter durch maximale Vielfalt. Bei der Schifffahrt auf dem Walensee gab es Sonnenschein, Wind und Wellen, Regen, Kälte und Wärme. Die Wolken veränderten immer wieder von neuem das Landschaftsbild. Kein Moment wurde es langweilig. Vor allem: Trotz ungünstiger Wetterprognose gab es kein Dauerregen und folglich viel zu entdecken. Etwa der gigantische, dreiteilige Seerenbachfall, dessen Kaskaden zusammengenommen mit 585 Metern die dritthöchsten in Zentraleuropa sind. Nur ahnungsweise zeigten sich ob Murg auf der anderen Seeseite die dort gelegenen Edelkastanienwälder, ein nördlicher Sonderfall der sonst südlich zu findenden Baumkulturen. Nicht zu übersehen dagegen war das aufgegebene Bergwerk Lochezen mit seinen riesigen Kalkabbaukavernen. Heute befindet sich dort die einzige Testanlage für Steinschlagnetze der Schweiz. 

Den meisten Passagieren verborgen blieb beim Anlegen des Linienschiffs in Quinten, wie es dem Matrose auf dem schaukelnden Boot zweimal nicht gelingen wollte, das Halteseils anzubringen. Für ihn sprang dann ein weiteres Crewmittglied ein, eine erfahrene Matrosin. Beiden gemeinsam gelang, was einzeln nicht funktionieren wollte.

Gemeinsam ist halt immer besser als einsam. Das gilt nicht nur an Board eines Schiffes. Das gilt auch auf den festen Kirchenschiffsplanken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 12. September 2024

In der Bubble ist kein Trouble

Ein Zitat

Kathrin Bolt, Andrea Scherrer und Bernadette Mock bei ihrem Auftritt in der DenkBar St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Blas dich nicht auf: sonst bringet dich / Zum Platzen schon ein kleiner Stich." Friedrich Nietzsche

Ein Bibelvers - Römer 12,2

"Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht: Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist."

Eine Anregung

Sie sind ein bewährtes Team. Als Kabarett-Ensemble CareBelles sind Kathrin Bolt, Bernadette Mock, Andrea Scherrer und Philipp Kamm schon verschiedentlich erfolgreich aufgetreten. Am vergangenen Sonntag konnte ich endlich ihre neuste Produktion miterleben.

In "Bubble Girls" (Schweizerdeutsch, Länge: 30 Minuten) geht es auf äusserst unterhaltsame Weise um das Leben in der Bubble, der Blase, der eigenen Wohlfühlgruppe, die man nur ungern verlässt; notgedrungen etwa an einer Klassenzusammenkunft. Zuvor regieren die Klischees, die Vorurteile. Da wird gezickt und geschnödet. Zwei verbünden sich gegen die Eine, immer wieder in neuen Koalitionen. Dies alles lustvoll und doch tiefgründig. Virtuos der teils vierstimmige Gesang zu bekannten Hits wie "Barbie Girl". Als "I'm a bubble girl" wird es gekonnt umgedichtet zum Soundtrack des Abends. Ich geniesse die Pointen. Sie sitzen. Die Freude beim frechen Fabulieren überträgt sich schnell aufs Publikum. Es wird gelacht, viel gelacht. Doch wie bei jedem guten Programm entstehen auch Identifikationen mit den verschiedenen Charakteren. Nach den Lachern setzt unwillkürlich das Nachdenken ein.

Etwas nüchtern wird das andernorts so beschrieben: "Es geht um die Frage, wie in krisenhafter Zeit ein gemeinsamer Erfahrungs-und Handlungshorizont über Generationen und Lebensstile hinweg entstehen kann." Mit anderen Worten: Wie finden die reiche Tussi, die SVP-Landwirtin und die alternative Veganerin zusammen. Man kann sich den Antwortversuch (er wird hier nicht verraten) der drei Frauen auf der Bühne weiterdenken und landet dann wohl früher oder später da, wo man sich nur noch schwer aus dem Weg gehen kann.

Als Pfarrer denke ich natürlich auch an das kirchliche Milieu. Da treffen sich (zumindest in der Theorie) sehr unterschiedliche Menschen, die sonst nie zusammen an einem Tisch sitzen würden und trinken beim Abendmahl aus einem gemeinsamen Kelch (wenigsten in der Theorie - da es nach Corona nun doch eher nicht so ist). Dies kaum gedacht, stellt sich aber gleich die Anschlussfrage: Wie verhindert man, dass diese neue Vielfalt selbst wieder zu einer Bubble wird, aus der man sich nur noch schwer lösen will und kann?

Auch wenn mit Kathrin Bolt die Pfarrerin an der reformierten Kirche St. Laurenzen in St. Gallen mitspielt, und der Aufführungsort und Anlass irgendwie kirchlich waren, ist es kein religiöses Stück. Aus meiner Sicht eignet sich die Produktion aber gut, um im kirchlichen Kontext darüber nachzudenken, wie man den Ausweg aus seiner eigenen mehr oder weniger frommen Blase finden könnte. Als Einstieg in eine heiter-ernste Diskussion an einer Kirchensynode oder in einer Ortsgemeinde kann ich mir das Stück gut vorstellen. Danach gehen Verhandlungen und Tischgespräche garantiert fröhlicher, selbstironischer, tiefgründiger und lustvoller weiter als zuvor.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 11. September 2024

Blasphemie

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Totentanz von Emmetten. Heute bestimmen schon Maschinen, welche Menschen getötet werden sollen.
Foto © Jörg Niederer
"Solange noch ein Mensch auf der Erde verhungert, ist jede Waffe eine Gotteslästerung." Heinrich Böll

Ein Bibelvers - Matthäus 12,31

"Darum sage ich euch: Alles kann einem Menschen vergeben werden – jede Schuld und jede Gotteslästerung. Wenn aber jemand den Geist Gottes lästert, dem wird nicht vergeben werden."

Eine Anregung

Was verbindest du mit Lavendel? Vermutlich Duft und Provence, Garten und Bienen. Was verbindest du mit Evangelium? Vermutlich Glaube, Hoffnung Liebe, Gott, Vergebung, Christus, Neuanfangen. 

Was aber, wenn Lavendel und Evangelium für den vielfachen Tod stehen? Denn beides sind auch Namen von Programmen, welche auf der Basis von künstlicher Intelligenz arbeiten, und zwar, um den Krieg effektiver zu machen. "Lavender" und "The Gospel" werden aktuell von Israel im Krieg mit der Hamas eingesetzt. "Lavender" kann in kürzester Zeit mit 90-prozentiger Sicherheit unglaublich viele Menschen, die Feinde sein sollen des israelitischen Staates, identifizieren. Und das Programm "The Gospel" findet mit ähnlicher Treffsicherheit Gebäude und Einrichtungen heraus, welche als Angriffsziele zerstört werden sollten.

Ich frage mich, welch zynischem Menschen in den Sinn gekommen ist, eine Tötungsmaschine "Evangelium", "Frohe Botschaft" zu nennen? Ich empfinde dies als Missbrauch von all dem, woran ich glaube. Frohe Botschaft bedeutet, dass Gott selbst sein Leben gibt aus Liebe zu seiner Welt, dem ganzen Kosmos. Es braucht keine weiteren Opfer oder dergleichen mehr. Aber es bedeutet nicht, dass wir Menschen als Feinde bezeichnen und töten sollen, und dabei zugleich in Kauf nehmen, dass Unschuldige, darunter viele Kinder, das Leben verlieren. Kein Tod, auch nicht der Tod der "Feinde", ist eine "Gute Nachricht".

Ich verwende das Wort "Blasphemie" sehr zurückhalten. Doch angesichts der Benennung eines Kriegsgeräts als "Evangelium" komme ich nicht darum herum, von Gotteslästerung zu sprechen. Auf diese Weise wird Gott und seine Liebe zur Welt in brutalster Weise verunglimpft. Oder wie siehst du das?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Dienstag, 10. September 2024

Dichtelust oder Dichtestress

Ein Zitat

Badende lassen sich zwischen Drahtschmidlisteg und Kornhaus-Silo durchs Schwimmbad Oberer Letten treiben, mitten  in der Stadt Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Habe doch den Mut, auch einmal anders zu sein / Als die meisten Leute um dich her / Wenn sie dich auch alle als nicht ganz normal verschrei′n / Frage du nur: "Was will denn der Herr?" Beliebtes christliches Lied aus den siebziger Jahren.

Ein Bibelvers - 2. Mose 12,37+38

"Dann brachen sie auf und zogen von Ramses nach Sukkot. Ungefähr 600.000 Leute machten sich auf den Weg, die Frauen und Kinder noch gar nicht mitgezählt. Auch viele Nicht-Israeliten zogen mit ihnen sowie eine riesige Herde aus Schafen, Ziegen und Rindern."

Eine Anregung

Anders als beim ehemaligen Waidbad auf dem Käferberg (Siehe Beitrag von gestern!) war am vergangenen Samstag noch einmal richtig viel los beim Schwimmbad Oberer Letten in Zürich. Der letzte heisse Tag des Sommers lockte tausende an und in die Limmat. Die eine schwammen im Fluss, andere sonnten sich dicht gedrängt auf den Mauern und den kleinen Wiesenarealen entlang des Wassers. Hinzu kamen die Spaziergänger:innen und alle, die sich in den zahlreichen Restaurants und Cafés entlang des Kloster-Fahr-Wegs einen kühlen Drink gönnten. Da kamen sich wildfremde Menschen in knappen Badesachen näher als in Vollmontur in einem voll besetzten Zug. Die Stimmung war fröhlich, heiter, ausgelassen. Kein Hinweis auf Dichtestress und Angst vor Fremden.

Und doch: Nicht alle wollen wie auf der Hühnerleiter Leib an Leib ungefragt die  Gespräche der andern belauschen müssen. Es gibt die, welche sich verloren vorkommen in diesem Gewusel an Bademoden. Ihr Traum von einem schönen, erholsamen Sommertag hat mehr zu tun mit einem Bergsee, in dessen eiskaltem Wasser sonst niemand eintauchen möchte.

Menschen sind verschieden. Und so verschieden sind auch die Orten, an denen sie sich wohl fühlen. Menschen sind auch verschieden in den aufeinanderfolgenden Stadien ihres Lebens. Nur wenige ältere Personen konnte ich zwischen dem meist jungen Volk ausmachen.

Die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz verändern sich. Das gilt auch im kirchlichen Kontext. Die einen fühlen sich in Gemeinden mit vielen Menschen wohl, die anderen ziehen intimere kirchliche Begegnungsgelegenheiten vor. Die einen wollen Teil einer grossen Masse sein, anderen wird es Angst und Bang bei so vielen Leuten. Wieder andere kommen nur einmal in eine Kirche, in der sie sofort als Erstbesucher:in erkannt werden. Zu intim ist ihnen ein Setting mit weniger als 50 unbekannten Menschen.

Hinzu kommt: Schwimmst du gerne mit dem Strom, oder willst du gegen die Strömung ankämpfen? Bist du jemand, der sich mitnehmen lässt, oder willst du den Widerstand der anderen austesten? Welches kirchliche Umfeld macht dich glücklich?

Nebenbei: Erkennst du auf der Fotografie die Menschen, die den vielen anderen entgegenschwimmen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen