Donnerstag, 16. Dezember 2021

Es ist ein Stadtwald aufgepoppt

Ein Zitat

Ausgestopfter Eichelhäher im Indoorwald an der Neugasse in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Tauche ein in friedliches Grün und schenke Dir diesen Zeit-für-Dich-Moment. Wie gut Stille tut. Weihnachten darf kommen." Aus dem Werbeflyer zum StadtWald

Ein Bibelvers - Offenbarung 8,1

"Als das Lamm das siebte Siegel öffnete, wurde es still im Himmel, etwa eine halbe Stunde lang."

Ein Anregung

Alle Jahre wieder im Dezember poppt in der Stadt St. Gallen die Stille auf. Nein - natürlich nicht wirklich, und nicht flächendeckend. Aber ein Ladenlokal in der Neugasse 40 trotz der allgemeinen Geschäftigkeit und bildet einen kleinen Raum der besinnlichen Ruhe. 

In diesem Jahr ist es eine Naturoase, die zum Verweilen einlädt. Das geschieht in einem Innenraum, mit Maske und Desinfektionsmittel. Letzteres riecht denn auch schon einmal nach Tannennadeln. Beim Eintreten in diesen abgedunkelten Raum wähnt man sich in einem Indoorwald. Was mir auffällt: Es ist nicht still. Vögel zwitschern aus Lautsprechern, ich höre Stimmgemurmel von weiteren Gästen. 

Niemand hat sich auf die Baumstammhocker gesetzt. Die Aufenthaltsdauer der Passantinnen und Passanten ist eher kurz, so 5-10 Minuten. Daran ändern auch die zahlreichen schriftlichen Anregungen nicht viel. Vermutlich werden Tannzapfen mitgenommen. Kinder werden auch über die ausgestellten Pelze streicheln, um herauszufinden, wie sich das eine oder andere Waldtier anfühlt. Ich lausche dem Regen in einem der schmalen Räume, versuche die Tropfen zu unterscheiden. Auch wird aufgefordert, den aufwändig gestalteten Waldboden barfuss zu betreten. Wer das wohl ausprobiert? 

In einer Ecke sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Als ausgestopfte Tiere teilen sie sowieso das gleiche Los. Dass auch eine Eule nahe ihrer Beute, einem Singvögelchen, sitzt, will wohl hinweisen auf den in der Bibel verheissenen endzeitlichen Frieden aller Geschöpfe.

Hinter dieser Aktion steckt die "Katholische Kirche im Lebensraum St. Gallen". Sonst fehlt jeder Hinweise auf eine "religiösen" Motivation zu dieser Installation.

Beim Verlassen der Waldillusion treffe ich wieder auf eine junge Frau, die Passantinnen und Passanten auf diesen Hort der "klingenden Stille" hinweist. Sie fragt, ob es mir gefallen hat und wünscht mir einen gesegneten Tag. Dann erfasst mich ein Menschenstrom und spült mich fort von diesem "Kraftort im Advent".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


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