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Montag, 24. Januar 2022

Ein Juwel im Winter - der Eisvogel

Ein Zitat

Eisvogel auf dem Stadtgebiet von Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Wie der Eisvogel erschaffen wurde zum Fische fangen und der Schmetterling zum Nektar saugen, so ist der Mensch zur Kontemplation bestimmt und zur Liebe zu Gott…" Ernesto Cardenal (1925-2020)

Ein Bibelvers - Matthäus 13,44

Jesus: "Das Himmelreich gleicht einem Schatz, der im Acker vergraben ist: Ein Mann entdeckte ihn und vergrub ihn wieder. Voller Freude ging er los und verkaufte alles, was er hatte. Dann kaufte er diesen Acker."

Ein Anregung

Es ist ein kleiner, tropisch anmutender Schatz im Grau und Braun des Januars. Ein Schatz, nach dem viel suchen und zunehmend fündig werden. Der Eisvogel. Weil er so selten geworden ist, wollen ihn alle fotografieren. Man könnte von einem Modetrend unter den Tierfotografinnen und -fotografen sprechen. Abgesehen von Hunden und Katzen werden gerade von keinem anderen Tier mehr Aufnahmen in den sozialen Medien gepostet. Nun folge also auch ich diesem Brauch, und zeige mit dieser eher dürftigen Aufnahme, dass ich den Eisvogel gesehen habe. In diesem Fall ist er mir an einem viel frequentierten Ort in Frauenfeld vor die Linse geflogen.

Die zunehmenden Beobachtungen des Eisvogels haben wohl auch mit dem Klimawandel zu tun. Denn dank des wärmeren Wetters bleiben mehr Kleingewässer im Winter eisfrei, und so findet der bunte Jäger auch im Winter seine Beute, kleine Fische. In der Folge sterben in der kalten Jahreszeit weniger Tiere an Nahrungsmangel, was auch Vogelzählungen belegen.

Die Vogelwarte Sempach weiss Mythologisches zu erzählen vom kleinen, heimlichen lebenden Sturztaucher. "Nach einer französischen Sage kam er zu seiner Farbenpracht, weil Noah ihn mit dem Auftrag, nach Festland Ausschau zu halten, fliegen liess. Wegen eines heftigen Sturms musste der Eisvogel so hoch fliegen, dass die Sonne unter ihm lag. Dabei nahm die Oberseite die Farbe des blauen Himmels an, die Unterseite färbte sich durch die Glut der Sonne rot."

Und damit wären wir bei einem weiteren Phänomen des Klimawandels. Nicht nur der Eisvogel nimmt an Zahl zu. Leider auch die Unwetter.

Die Fischchen jagt der Eisvogel von einem Ansitz aus, von dem er sich kopfüber ins Wasser stürzt, den Fisch ergreift und auf dem schnellsten Weg wieder auftaucht, sodass das Gefieder möglichst wenig nass wird, und er in der Folge noch fliegen kann. Anders als etwa die gleichgrosse Wasseramsel kann der geschickte Jäger im und unter dem Wasser nicht schwimmen.

Man beachte auch den entrindenden Teil des Astes, auf dem der Eisvogel sitzt. Daran schlägt der geschickte Jäger seine Beute tot, bevor er die Fischchen kopfüber schluckt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 15. Februar 2022

Der königlicher Fischer

Ein Zitat

Fliegender Eisvogel
Foto © Jörg Niederer
"Angeln ist die einzige Art von Philosophie, von der man satt werden kann." Peter Bamm, deutscher Schiffsarzt, Chirurg, Journalist und Schriftsteller (1897-1975)

Ein Bibelvers - Markus 1,17

"Jesus sagte zu ihnen [den Fischern Simon und Andreas]: 'Kommt, folgt mir! Ich mache euch zu Menschenfischern!' Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm."

Ein Anregung

Auf Deutsch nennt man ihn Eisvogel. In Frankreich und Italien wird er "Martinsfischer" genannt. und im Englischen ist es der "Königsfischer"

Der schillernde Vogel bleibt auch im Winter, bei Eis und Schnee in unseren Breiten. Kein Wunder, dass der leuchtende Farbfleck im Weiss und Grau dieser Zeit öfter wahrgenommen wird als im farbenreichen Sommer. Eben ein Vogel im Eis.

Auch dass er in England Königsfischer genannt wird, ist nicht verwunderlich bei seinem prunkvollen Federkleid, und Fischen - ja das kann er. 

Aber warum "Martinsfischer" in Frankreich und Italien? Es gibt da eine weiter hergeholte und zugleich plausible Erklärung. Im Französischen nennt man den Mauersegler "martinet". Diese Vögel kommen so um das Fest des Heiligen Martin (11. November) auf ihrer Reise nach Afrika in Nordfrankreich vorbei. Daher wurde er dort "MARTINet" genannt. Nun könnte es gegen Ende des 16. Jahrhunderts gewesen sein, dass man die Bezeichnung "martinet" des einen flinken Vogels auf die Bezeichnung des andern übertrug, ergänzt durch den Hinweis auf seine Fischerkünste. Also ein "martinet", ein "Mauersegler", der fischen kann.

Auf Rätoromanisch wird der Eisvogel "pestgaderin" genannt (von "pestgader" = Fischer).

So gibt es beim Eisvogel gleich mehrere Verbindungen zur Religion. Da wäre der heilige Martin, und da wären die Fischer in der Jüngerschaft von Jesus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Donnerstag, 13. Oktober 2022

Ein eiskalter Killer

Ein Zitat

Der Eisvogel mit einem gefangenen Fischchen, das er nun gleich durch Schlagen an den Ast töten wird.
Foto © Jörg Niederer
"Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der bemüht sich, selbst in kleinen Dingen wie dem Niedertreten des Grases schonungsvoll zu sein." Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein Bibelvers - 1. Mose 9,3+4

Gott zu Noah und allen Menschen: "Alles, was sich regt und lebt, soll eure Nahrung sein. Bisher waren es nur Pflanzen, nun gebe ich euch alles zu essen. Nur Fleisch, in dem noch Blut und damit Leben ist, dürft ihr nicht essen!"

Ein Anregung

Gleich noch einmal ein Vogel. Das Lieblingstier vieler Fotografinnen und Fotografen. "Eisi" werden sie verniedlichend von einigen genannt und Geschichten über sie erzählt vom Warten und Hoffen, dass er sich zeigen möge.

Gestern war ich in La Sauge. Zusammen mit dem angrenzenden bernischen Gebiet "Fanel" ist dieser Teil der Grand Cariçaie am südöstlichen Neuenburgersee bei der Mündung des Broyekanals das Nonplusultra der Ornithologinnen und Ornithologen. An keinem anderen Ort in der Schweiz können mehr Vogelarten in freier Natur beobachtet werden.

Dort im BirdLife-Zentrum kann aus einer Beobachtungshütte heraus ganz bequem der Eisvogel bewundert werden. In unserem Fall kam dann auch noch ein Rehbock mit nur einem Geweihende auf Visite. Das war der Moment, als der Eisvogel sich aufs Dach des benachbarten Beobachtungsbaus setzte und wohl die Beobachter beäugte.

Ja, sie sehen wunderschön aus, die Eisvögel. Zugleich sind sie ausgezeichnete Jäger und Fischliebhaber. "Eisi" ist, um es unverblümt zu sagen, ein eiskalter Killer. Nie wird aus diesem Vogel ein Vegetarier oder Veganer. Immer wird er den Fischen und Fröschen und Molchen nachstellen und sie zum Töten an einen Ast schlagen. Danach schlingt er seine Beute kopfüber als Ganzes  hinunter. 

Für den Fisch ist das nicht besonders bekömmlich. Doch Fische sind ja auch keine Engel, haben sie doch selbst wohl manchem Lebewesen ein Ende bereitet. Aber so ist die Natur: Fressen, und gefressen werden.

Ganz ehrlich, ich weiss nicht, wie das gehen soll: Zu leben, ohne anderem Leben das Leben zu nehmen. Aber vielleicht hat jemand, der dies liest, eine Idee?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 2. August 2024

Leichte Momente

Ein Zitat

Der Kleine Eisvogel saugt an den Doldenblüten einer Wald-Engelwurz.
Foto © Jörg Niederer
"Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiss wie Wolken schmecken." Novalis (1772–1801)

Ein Bibelvers - Markus 7,14+15

"Dann rief Jesus die ganze Volksmenge wieder zu sich. Er sagte zu ihnen: 'Hört mir alle zu und versteht mich richtig! Nicht das, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen. Vielmehr macht ihn das unrein, was aus dem Menschen herauskommt.'"

Eine Anregung

Seine Unterseite ist schöner als seine Dorsalansicht. Fliegend sieht man ein weisses V auf braunem Grund sich von Flügelende zu Flügelende erstrecken. Der kleine Eisvogel gehört zu den geschützten Schmetterlingsarten. Seine Nahrung findet er meist an feuchten Bodenstellen und im Tierkot. Auch saugt er den Honigtau von Blattläusen auf. Nur selten ernährt er sich von Blütennektar. Das er hier auf einer Wald-Engelwurz sitzt, sieht man nicht so oft.

Wie sagte doch schon Jesus: "Nicht das, was wir in den Mund stecken, macht und schmutzig." Mindestens dieser Teil seiner Aussage trifft aus menschlicher Sicht auf diesen Falter zu.

Dir wünsche ich, dass die Mitmenschen deine verborgenen schönen Seiten sehen können. Weiter wünsche ich dir, dass man dich nicht darauf reduziert, wovon du lebst und wie viel du verdienst. Wertvoll ist jedes Lebewesen, allein schon nur deshalb, weil es da ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 6. Dezember 2023

Fliegende Weihnachtskugeln

Ein Zitat

Eisvogel-Weibchen in den Murgauen Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
Das 11. Gebot lautet: Du sollst nicht aufhören zu staunen!

Ein Bibelvers - Markus 7,37

"Die Leute gerieten völlig außer sich vor Staunen und sagten: 'Wie gut ist alles, was er [Jesus] getan hat!'"

Eine Anregung

Hast du die Weihnachtskugeln schon hervorgenommen? Oder bringt sie dir heute der Nikolaus? Diese glitzernden und schillernden Dekorationsobjekte sind ja schon bemerkenswert. In St. Gallen kann man sie in allen Variationen und für alle Jahreszeiten einkaufen. Natürlich gibt es auch den Eisvogel als Deko-Schmuck, wobei er gerade ausverkauft ist. 

Ich darf immer wieder über das Original staunen. Es leben gerade einige Eisvögel entlang der Murg in Frauenfeld. Wenn sie pfeilschnell im Tiefflug über das Wasser schwirren, gleichen sie fliegenden Weihnachtskugeln. Nur viel schöner, weil lebendiger. Das auf dem Foto abgebildete Weibchen (erkennbar an dem orangen unteren Schnabelteil) wohnt direkt unter einem Tannenbäumchen. Irgendwie passend im Advent.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 9. Januar 2022

Fliegen, fliegen und nochmals fliegen

Ein Zitat

Die Mittelmeermöwe im Jugend-/Winterkleid. Dahinter eine Lachmöwe im Winterkleid.
Foto © Jörg Niederer
"Der Möwe gleich im Fluge / möchte ich getragen werden / von den Schwingen / getragen in die Lüfte / wo Gedanken kein Ballast." Karl Miziolek (1937-2021), österreichischer Hobbypoet

Ein Bibelvers - Jesaja 60,8+9

"Was schwebt da wie Wolken heran? Was fliegt herbei wie Tauben zu ihrem Schlag? Es ist eine Flotte, die von den Inseln her kommt, an ihrer Spitze die großen Handelsschiffe. Sie bringen deine Söhne aus der Ferne herbei und sind mit Silber und Gold beladen. Das geschieht zum Ruhm des Herrn, deines Gottes, denn der Heilige Israels hat dich herrlich gemacht."

Ein Anregung

Darf ich vorstellen: Die Mittelmeermöwe (Larus michahellis), die einzige brütende Grossmöwe in der Schweiz. So eine Mittelmeermöwe im Winter macht das Schwäbischen Meer doch gleich viel wärmer. Gesichtet haben wir das Tier in seinem Jugend-/Winterkleid bei Altenrhein. Ein weiteres Exemplar im Prachtkleid sass nicht weit davon auf einem anderen Poller. Die bräunliche Möwe hat mir aber besser gefallen. Nicht immer ist, was als prachtvoll gilt, wirklich auch prächtiger als das Gewöhnliche, Alltägliche. 

Auf unserer gestrigen Wanderung über den Buechberg zum Rheinspitz und weiter beehrten uns noch andere Tier. Grün- und Buntspecht kamen kurz vorbei. Der Zaunkönig huschte durch die Hecken. Silber- und Graureiher stakten umher; zwei Störche standen still. Wieder einmal flog ein Eisvogel davon.

Und dann wird in Altenrhein ja auch noch motorisiert geflogen, aber längst nicht so elegant wie es die Enten über Wasserstellen vorzeigen. 

Bei mir bedeutete "fliegen", dass ich mich zweimal auf schlüpfriger Wiese ungewollt im Dreck wiederfand. Also ein durchaus gelungener Ausflug - in jeder Hinsicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 7. September 2024

Bald ist Weihnachten

Ein Zitat

Eine grosse Weihnachtskerze vor einem Haus in Frauenfelder Ortsteil Osterhalden.
Foto © Jörg Niederer
"Ich wünsche dir Zeit, um in Erinnerungen von gestern zu schwelgen; Zeit, um hier und heute zur Ruhe zu kommen und Zeit, um neue Pläne für morgen zu schmieden." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 119,130

"Das Tor zu deinen [Gottes]Worten leuchtet hell. Hindurchzugehen bringt Unerfahrene zur Einsicht."

Eine Anregung

Vor zwei Tagen sah ich erstmals in diesem zweiten Halbjahr einen Eisvogel, einen Dunkelwasserläufer und eine dekorative Weihnachtskerze im Überformat. Alles an einem einzigen Tag. Am exotischsten, so kam es mir vor, war die Weihnachtskerze. Sie passte einfach noch nicht in die Jahreszeit.

In 109 Tagen ist Weihnachten. Hast du die Geschenke schon gekauft? In meinem Bekanntenkreis beginnen manche damit in den Sommerferien.

Für alle, welche sich schon auf Weihnachten freuen, hier ein (un)passendes Gedicht von Theodor Fontane: 

"Noch ist Herbst nicht ganz entflohn, / aber als Knecht Ruprecht schon / kommt der Winter hergeschritten, / und alsbald aus Schnees Mitten / klingt des Schlittenglöckleins Ton.

Und was jüngst noch, fern und nah, / bunt auf uns herniedersah, / weiß sind Türme, Dächer, Zweige, / und das Jahr geht auf die Neige, / und das schönste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn, / heute bist du uns noch fern, / aber Tannen, Engel, Fahnen / lassen uns den Tag schon ahnen, / und wir sehen schon den Stern."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Donnerstag, 17. August 2023

Lebensverlust in der Schweiz

Ein Zitat

Das Banner zur Unterstützung der Biodiversität und der entsprechenden Volksinitiative hängt neu am Bürofenster der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage. Wenn wir sie nicht schützen, werden wir die Konsequenzen teuer bezahlen müssen - nicht nur finanziell, sondern auch in Bezug auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden." Urs Leugger-Eggimann, Geschäftsleiter von Pro Natura

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19+20

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte. Also gab der Mensch ihnen Namen: allem Vieh, den Vögeln am Himmel und allen Tieren auf dem Feld."

Eine Anregung

Gestern postete ich hier ein Bild von einem Bruchwasserläufer. Auch vorgestern sah und fotografierte ich einen Eisvogel. Immer wieder kann ich hier Aufnahmen von auch seltenen Wildtieren zeigen. Man könnte also meinen, dass die Natur in der Schweiz noch in Ordnung ist. Aber der Schein trügt. In keinem anderen Land Europas steht es so schlecht um die Biodiversität wie in der Schweiz. Hier gibt es am meisten bedrohte Arten. Nur 5,9% der Landfläche stehen unter strengem Naturschutz. Weltweit sollte es ein Drittel der Erdoberfläche sein, auf dem die Biodiversität den Vorrang hat. Nur schon eine kurze Reise über die Landesgrenze nach Deutschland und Frankreich verändert die Situation. Dort kann man Tieren begegnen, die in unserem Land verschwunden sind. Ursache ist die intensive, industrialisierte Landwirtschaft bei uns.

Seit 1900 gingen Trockenwiesen, Auen und Moore in der Grössenordnung eines Fünftels der gesamten Landesfläche verloren. Und nicht nur, dass wir am wenigsten Schutzgebiete ausweisen. Die Hälfte der verbliebenen Lebensräume für Tiere und Pflanzen sind gefährdet.

Nun kann man sich fragen, ob es die Artenvielfalt überhaupt braucht. Ginge es nicht auch mit weniger? Warum soll man den Roi de Doubs, einen Fisch, den es nur in diesem Grenzgewässer zu Frankreich und in manchen französischen Flüssen gibt, erhalten? Gerade ein einziges Weibchen konnte man in diesem Jahr fangen, um damit eine Zucht aufzubauen. Würden wir es merken, wenn dieser Fisch nicht mehr da wäre?

Die Schöpfung müssen wir als artenreiche Familie vorstellen. Alle sind in einer undurchschaubaren Dynamik und Interaktion miteinander verbunden. Stirbt nun eines dieser Familienmitglieder, verändert das die Familienbalance. Das verlorene Familienmitglied erfüllt nicht mehr seine Funktion. Eine Lücke muss nun ausgefüllt werden von den anderen Familienmitgliedern. Irgendeinmal ist das nicht mehr möglich. Dann bricht das soziale Gefüge zusammen, die Familie verliert ihren Zusammenhalt, geht unter. Natürlich gibt es in jeder Familie Veränderung. Neue Familienmitglieder kommen hinzu. In der Natur ist das auch so. Doch das, was in der Schweiz aktuell geschieht, ist so dramatisch, dass man es mit Krieg vergleichen könnte. Wir sind weitgehend unbemerkt dabei, unseren Lebensraum und unsere biologischen Grundlangen zu zerstören.

In der Politik wird aktuell die Biodiversität und die erneuerbare Energiegewinnung (CO2-Reduktion) gegeneinander ausgespielt. Das ist sehr kurzsichtig. Beides muss Hand in Hand gehen. Denn z.B. die Renaturierung von Moorlandschaften vermag zehnmal mehr Treibhausgase zu binden als ein natürlicher Wald. Zugleich sind diese Flächen besonders artenreich.

Darum unterstützen auch Christinnen und Christen die Biodiversitätsinitiative. Weil wir mitverantwortlich sind für Gottes Schöpfung. Darum hängt bei mir am Bürofenster in St. Gallen nun auch ein Banner, das auf die Wichtigkeit der Artenvielfalt hinweist. Was wir darüber hinaus auch noch tun können in der Kirche und in den eigenen Gärten und Lebensräumen, darüber kann man sich von der "oeku Kirchen für die Umwelt" beraten lassen. Eine andere christliche Organisation, die sich für dieses Anliegen einsetzt, ist die Organisation A Rocha. Sogar das Radio SRF porträtierte die "Fischlichristen" bei ihrer Arbeit für die Schöpfung in einem Beitrag mit dem Weltraumphysiker André Galli.

Der Schutz der Schöpfung ist ein christlich-jüdisches Uranliegen. Wir sind gefordert, besonders heute, besonders hier in der Schweiz.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 4. Oktober 2021

Tiere und der heilige Franziskus

Ein Zitat

Portrait eines Huhns aus Strass bei Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Gott wünscht, dass wir den Tieren beistehen, wenn es vonnöten ist. Ein jedes Wesen in Bedrängnis hat gleiches Recht auf Schutz." Franz von Assisi (1181-1226)

Ein Bibelvers - Matthäus 10,29

Jesus: "Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Ein Anregung

Ich habe mich unter all den Tieren, die ich gestern gesehen habe, für dieses Huhn-Portrait entschieden. Zur Auswahl für den heutigen Gedenktag des heiligen Franziskus standen eine Kreuzspinne, eine Feuerlibelle, eine Heuschrecke, diverse Enten und Rallen, Krähen, Rote Milane, Amseln, Schottische Hochlandrinder, Hauskatzen, und der Eisvogel. Letzterer leider nur in einer sehr bescheidenen Aufnahme. Er wäre natürlich auch passend gewesen zum Franziskus-Gedenktag. Der Heilige aus Assisi hat ja bekanntlich auch den Vögeln gepredigte. 

Mir gefällt die markante Gesichtspartie des Huhns, sein scharfer Blick, die fein sich verästelnden Halsfedern. Ob es wohl auch Hühner dabei haben wird bei den landauf, landab stattfindenden Tiersegnungen? Dass sie am Franziskus-Gedenktag stattfinden, ist naheliegend, eben weil Franziskus ein früher Grüner war, der Tieren, Pflanzen und Gestirnen begegnete, als gehörten sie zur eigenen Familie. Wobei die im engeren Sinn eigene Familie doch eher weniger Freude an seiner Heiligkeit und gewählten Armut hatten. 

Nun denn, wer sein Schwester- oder seinen Brudertier segnen lassen möchte, kann z.B. in St. Gallen um 19.00 Uhr bei der ökumenischen Haldenkirche mit Kein-, Zwei-, Vier- oder Nochmehr-Beinern vorbeikommen und ihn in einer gottesdienstlichen Feier segnen lassen. Da der Anlass ohne Zertifikat durchgeführt wird, braucht es eine Anmeldung. 

Eine Frage sei aber noch erlaubt: Gilt der Segen auch dem Schlachtvieh, und wie lauten die Worte an diese Tiere?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 27. Juni 2023

In einer kleinen Stadt

Ein Zitat

Autor Usama Al Shahmani, fotografiert nach seiner Joggingrunde.
Foto © Jörg Niederer
"Jeder Mensch wird mit einer verborgenen Krone auf dem Kopf geboren. Aber nur Menschen mit grossem Glück können ihre Krone entdecken." Arabische Weisheit

Ein Bibelvers - Sprüche 16,7

"Gefallen dem Herrn die Wege eines Menschen, dann versöhnt er auch seine Feinde mit ihm."

Eine Anregung

In einer kleinen Stadt wie Frauenfeld läuft man sich schon gelegentlich über den Weg. Das besonders dann, wenn man im Café, über dem der irakisch-thurgauische Schriftsteller wohnt, den frühen Morgen bei einem Frappé an der gleissenden Sonne ausklingen lässt. Auch mache ich nicht ungefragt Fotos von Prominenten und bin auch nur mit ganz wenigen von ihnen per Du. Doch bei Usama Al Shahmani ist das anders. Ich kenne ihn, seit er 2019 in der Methodistenkirche aus seinem Erstling vorgelesen hat.

Am vergangenen Samstagmorgen kam er gerade von einer Joggingrunde zurück, und als er meine Kamera auf dem Tischchen sah, bat er mich, ihn zu fotografieren. So kam zu den Aufnahmen von Reh, Hase, Fuchs und Eisvogel nun auch noch ein Autor dazu. Dann sprachen wir über Religion, über Bestattungsriten, über Bücher (wer hätte das gedacht!), über Familie, und schon ging jeder wieder für sich seine Wege.

Nun habe ich gelesen, dass Usama Al Shahmani am Mittwoch, 28. Juni wieder einmal in St Gallen lesen wird. Sein neustes Buch "Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt" wird im Mittelpunkt stehen, wenn er im Open-Art-Museum an der Davidstrasse 44 zu Gast sein wird. Um 19 Uhr beginnt der Anlass.

Auch in seinem neusten Werk bleibt der Autor, der als Flüchtling in die Schweiz kam, seiner Erfahrungswelt verpflichtet. Im Roman geht es - wie es in der Ausschreibung der Lesung heisst - um die "Verwüstungen einer Kindheit und Jugend in Diktatur und Krieg, vom Exil und dem Verschwinden einer Welt, die einst Heimat war."

Wäre ich am Mittwoch nicht selbst unterwegs in einer fremden Welt, würde ich bestimmt bei dieser Lesung vorbeischauen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen