Sonntag, 9. März 2025

Krokus am Sonntag

Ein Zitat

Krokusmeer in einem Garten in Rafz.
Foto © Jörg Niederer
"Es blüht, es blüht / kommt alle her, ihr Leute / Der Krokus blüht / so wunderschön / und macht euch / eine Freude.
Der Krokus / läut das Frühjahr ein / in seinen bunten Farben / Er blüht, er blüht / Der Sommer / muss noch warten."
Gerhard Ledwina (*1949)

Ein Bibelvers - Jeremia 17,7

"Segen dagegen für den Menschen, der auf den Herrn vertraut und dessen Zuversicht der Herr ist!"

Eine Anregung

Der Krokus hat, wie viele Pflanzen, auch symbolische Bedeutungsebenen. So wird der Frühlingsblüher, ein Schwertliliengewächs, mit Licht, Liebe, Hoffnung, Tod und Wiedergeburt, sowie Unsterblichkeit und Vergänglichkeit zugleich in Verbindung gebracht.

Wenn ich es mir so überlege, passt diese schöne Blume mit diesen Bedeutungen wunderbar zum Sonntag, dem Tag, an dem wir der Liebe, dem Licht, der Hoffnung und der Ewigkeit Raum geben dürfen. 

Ich wünsche allen einen vom Lebenslicht gesegneten Sonntag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 8. März 2025

Frauen

Ein Zitat

Selbstbewusste junge Trachtenfrau am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2010 in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer

"Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte."
Hillary Clinton (*1947)

Ein Bibelvers - 1. Samuel 25,32+33

"Da sagte David zu Abigajil: 'Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Er hat dafür gesorgt, dass du mir heute begegnet bist. Gelobt sei deine Klugheit! Du sollst gesegnet sein, weil du mich heute vor Schuld bewahrt hast. So habe ich kein Blut vergossen und mich nicht mit eigener Hand gerächt.'"

Eine Anregung

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. Entstanden vor dem 1. Weltkrieg sollte er der Gleichberechtigung und dem Wahlrecht für Frauen sowie der Emanzipation von Arbeiterinnen Vorschub leisten. 

Bis heute gibt es immer noch Gesellschaften, welche die Frauen systematisch von Entscheidungen ausschliessen. Die MeToo-Bewegung hat weiter aufgezeigt, dass Männer auch in aufgeklärten Gesellschaften sich gegenüber Frauen Ungeheuerlichkeiten herausgenommen haben und es wohl immer noch tun.

Ich freue mich sehr, dass ich in einer Kirche arbeite, welche die Gleichstellung von Männern und Frauen weitgehend umgesetzt hat. So wurde der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz von der Fachstelle UND im Jahr 2023 zum 2. Mal das Prädikat "Familie UND Beruf" ausgestellt. Was das im Detail bedeutet, kann man auf der Webseite der Kirche nachlesen. 

Mir gefällt, dass in dieser Kirche die Zugänglichkeit zu allen kirchlichen Ämtern und Berufsfeldern für Frauen und Männer in gleicher Weise gewährleistet ist. Das ist nur ein kleiner Teil von dem, was die EMK für ihre angestellten Mitarbeitenden unternimmt, für Arbeit und Familie, für Frau und Mann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 7. März 2025

Windräder und weitere Strassen

Ein Zitat

Martin Neukomm und Markus Tofalo beantworten Fragen der Besuchenden am Ethik-Talk nach Aschermittwoch in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Selbstfahrende Autos, in denen keiner sitzt, sind noch weniger effizient als Autos, in denen nur eine Person sitzt." Markus Tofalo in einer Antwort am Ethik-Talk nach Aschermittwoch in St. Gallen

Ein Bibelvers - Markus 2,2

"Daraufhin strömten so viele Menschen herbei, dass der Platz nicht ausreichte – nicht einmal draußen vor der Tür. Jesus verkündete ihnen das Wort Gottes."

Eine Anregung

Eingeladen von den der Christlichen Sozialbewegung KAB und der Ökumenischen Kommission GFS (Gerechtigkeit, Frieden, Schöpfungsbewahrung) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen SG/AR/AI hörten sich rund 60 Besucherinnen am Ethik-Talk nach Aschermittwoch 2025 in der Stadt St. Gallen zwei unterhaltsam vorgetragene und inhaltlich erhellende Referate vom Zürcher Baudirektor und Vizepräsident des zürcherischen Regierungsrats Martin Neukom und vom St. Galler Verkehrspolitiker der GLP Markus Tofalo an. Wie inhaltlich spannend und zukunftsweisend die beiden unterschiedlichen Referate waren, zeigte sich auch daran, dass es nie schwer viel, den Worten der Referenten zu folgen. Auch die anschliessende Fragerunde wurde rege benutzt.

Während Markus Tofalo sich für eine zukunftsgerichtete Stadt-Verkehrspolitik stark machte, gerade jetzt, nachdem der Autobahnausbau abgelehnt worden ist, zeigte Martin Neukom auf, wie Realpolitik funktioniert, und wie man dennoch den angestrebten Zielen sehr nahe kommen kann. Das zumindest gelang in Zürich mit einem Gesetz, welches den Übergang von fossilen zu nachhaltigen, CO2-neutralen Heizungen bei Sanierungen regelt. Weiter machte er deutlich, dass erst ein Mix aus erneuerbarer Energiegewinnung zielführend sein kann. So brauche es, um vor allem die Stromlücken im Winter abzudecken die Windkraft. Neukom geht von etwa 1000 Windkraftanlagen für die Schweiz aus.

Um seine Ziele zu erreichen, achtet Martin Neukom auf fünf Prinzipien: 1. Zuhören. 2. Eine positive Einstellung zu Menschen mit anderen Haltungen. 3. Sich selber nicht zu ernst nehmen. 4. Anschlussfähig argumentieren. 5. Nicht übertreiben.

Weiter betonte er, dass nicht nur der Klimaschutz wichtig sei, sondern zunehmend auch Anpassungen an den Klimawandel, wobei Wasser immer eine entscheidende Rolle spiele. Entweder habe es zu wenig Wasser, oder dann zu viel davon. Zuviel Wasser könnte in Zürich entlang der Sihl und beim Hauptbahnhof zu Milliardenschäden führen. Aus diesem Grund wurde mit dem Bau eines Entlastungsstollens begonnen, der das Wasser aus der Sihl bei Hochwasser direkt in den Zürichsee leitet.

Daran knüpfte Markus Tofalo an, als er in seinen Ausführungen aufzeigte, dass der Bau von Verkehrstunnels mit Abstand am meisten CO2 zur Folge habe. So würde die Erstellung des Zubringers Güterbahnhof und Liebeggtunnel ca. 450'000 Tonnen CO2 ausstossen, soviel, wie täglich 20'000 Fahrten mit Verbrenner-Autos auf dieser Route während 105 Jahren. Aus diesem Grund solle man Tunnels nur bauen, wenn es gar keine andere Lösung gäbe, etwa - und das meinte er schmunzelnd - bei einem Entlastungsstollen als Hochwasserschutz. 

Im Referat von Markus Tofalo erfuhr man viel über Varianten der Verkehrsführung bei Tunnelsanierungen, über verschiedene Varianten der Verkehrsbewältigung, wobei er in St. Gallen vor allem im Fahrradverkehr viel Ausbaupotential sieht; über Pförtneranlagen, welche die Fahrzeit in die Stadt nicht verlängern, sondern dadurch lediglich die Wartezonen verschoben werden; dass Tempo 30 innerorts und Tempo 80 (nicht aber Tempo 60) auf Autobahnen den Strassenraum optimal nutzen und so den Verkehrsfluss erhöhen. 

Weiter betonte er, dass der Verkehrsflaschenhals, der entsteht bei der Einfahrt in eine Stadt, nicht durch weiteren Strassenausbau vor der Stadt beseitigt werden könne. Er plädierte für eine generelle Mobilität, bei der alle Verkehrsmittel aus einem Topf finanziert würden, wobei jeweils die effektivste Lösung umgesetzt werden soll.

Eine der Fragen an Markus Tofalo war denn auch, ob selbstfahrende Fahrzeuge etwas beitragen würden für die Reduktion des Verkehrsaufkommens. Sowohl er wie auch Martin Neukom waren da eher skeptisch. Tofalo meinte denn auch: Dann kommt zum allgemeinen Verkehrsaufkommen auch noch der Verkehr von leeren Fahrzeugen hinzu.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 6. März 2025

Big Five oder Small Five?

Ein Zitat

Eine gelbe Schwertlilie zählt Andreas Grau, Autor von "Botanikwandern" zu den Big Five unter den Pflanzen des Tieflands.
Foto © Jörg Niederer
"Die Beispiele zeigen: Es macht Spass, auf Wanderungen, Touren usw. etwas Originelles zu 'sammeln'. … Ornithologen notieren sich ganz genau, was ihnen vors Okular flattert und welche Pilgerin oder welcher Pilger würde wohl an einem Pilgerstempel vorbeigehen, ohne ihn in den Pilgerpass zu drücken." Andreas Grau in "Botanikwandern - Wege zur Blütenpracht im Frühling"

Ein Bibelvers - Matthäus 23,11+12

Jesus: "Wer unter euch am größten ist, soll euer Diener sein. Wer sich selbst groß macht, wird von Gott niedrig und klein gemacht werden. Und wer sich selbst niedrig und klein macht, wird von Gott groß gemacht werden."

Eine Anregung

In Wanderführer "Botanikwandern" von Andreas Grau schlägt der Autor vor, dass man doch die Big Five im Pflanzenreich suchen solle. Dabei unterscheidet er vier Regionen: Tiefland, Voralpen/Jura, Alpen, sowie Süd- & Ostalpen bzw. Süd-CH. In jedem der vier Gebiete nennt er fünf Pflanzen, die man in der Schweiz gesehen haben muss.

Für das Tiefland nennt er die Schwanenblume, die Drachenwurz, der Frauenschuh, die Weisse Seerose und die Schwertlilie (Sibirische oder Gelbe).

Für die Voralpen und den Jura führt er Alpenrose, Arnika, Türkenbund, Feuerlilie und Aurikel auf.

In den Alpen sind es das Edelweiss, die Alpen-Aster, zwei Steinbrechsorten, der Alpen-Enzian und das Männertreu.

Für die Süd- & Ostalpen sowie die Süd-Schweiz nennt er als besonders sehenswert den Himmelsherold, den Alpen-Goldregen, die Alpen-Pech-Nelke, das Heilglöckchen und das Frauenhaar-Farn. 

Noch habe ich nicht alle die Blumen und Pflanzen gesehen. Es gibt also noch Neues zu entdecken.

Das Konzept der Big Five könnte man auch auf kirchliche Figuren ausweiten. Wie würden sich wohl die Big Five der Heiligen zusammensetzen? Müsste man da auch "Regionen" unterscheiden, etwas die katholische, die protestantische, die freikirchliche und die ökumenische Tradition? Wahrscheinlich würde man nicht um die Heiligen Jakobus, Franziskus und Maria herumkommen.

Wer wäre für dich noch eine Grosse oder ein Grosser der Heilsgeschichte? Wobei, darf man das denn, wo doch Jesus ganz andere Kriterien anwendet bei menschlicher Grösse? Vielleicht wären hier die Small Five angemessener, also die geringsten Fünf.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 5. März 2025

Aschekreuz to go

Ein Zitat

In einem Fass mit Kreuzen brennt ein Feuer über der Asche.
Foto © Jörg Niederer
"Die Narretei ist nun vorbei, der Alltag kehrt mit Stille ein. Ein Aschekreuz, so fein, so sacht, erinnert uns an neue Kraft." Quelle unbekannt

Ein Bibelvers - Hiob 42,6

"Darum bereue ich meine Worte und finde Trost, so wie ich hier in Staub und Asche sitze."

Eine Anregung

Aschermittwoch. An diesem Tag kann man auf den Strassen von St. Gallen ein Aschekreuz empfangen. "Aschekreuz to go" nennt sich dieser Versuch, den christlichen Glauben wieder nahe zu den Menschen zu bringen. Dahinter steht die Römisch-Katholische Kirche. 

Da kommt die Frage auf, wie die Spendung des Aschekreuzes in den evangelischen Kirchen gehandhabt wird. In der protestantischen Kirche war es lange Zeit unüblich, an Aschermittwoch den Glaubenden ein Aschekreuz auf die Stirn zu zeichnen. Wohl aber ist der Aschermittwoch ein Tag der Besinnung mit Busse und Fasten. 

Methodistische Kirchen kommen aus der Tradition der Anglikanischen Kirche. In den USA gehört daher die Spendung des Aschekreuzes zum Kirchenjahr dazu. Ein Zitat dazu: "John Wesley, der Gründer des Methodismus, betonte die Bedeutung von Umkehr und Erneuerung im christlichen Leben. Seine Lehren über die vorbereitende, rechtfertigende und heiligende Gnade stimmen mit den Themen der Fastenzeit überein und machen den Aschermittwoch zu einem kraftvollen Moment, um sich erneut dem Streben nach Heiligkeit zu widmen."

So gibt es denn auch methodistische Liturgien für den Gottesdienst an Aschermittwoch, in denen die Spendung des Aschenkreuzes vorgesehen ist. In einer solchen Liturgie heisst es: 

"Liebe Geschwister in Christus

Die ersten Christen haben mit großer Hingabe die Tage des Leidens und der Auferstehung unseres Herrn begangen. Es wurde zum Brauch in der Kirche, dass vor dem Osterfest eine vierzigtägige Zeit der geistlichen Vorbereitung stattfand. Während dieser Zeit wurden die zum Glauben Bekehrten auf die Heilige Taufe vorbereitet.

Es war auch eine Zeit, in der Personen, die schwere Sünden begangen und sich von der Gemeinschaft des Glaubens getrennt hatten, durch Busse und Vergebung versöhnt und wieder in das Leben der Kirche aufgenommen wurden. Auf diese Weise wurde die ganze Gemeinde an Barmherzigkeit und Vergebung erinnert, die im Evangelium von Jesus Christus verkündet werden und an die Notwendigkeit, dass wir alle unseren Glauben erneuern müssen.

Ich lade dich daher im Namen der Kirche ein, eine heilige Fastenzeit zu halten: durch Selbstprüfung und Reue, durch Gebet, Fasten und Entsagung und durch das Lesen und die Betrachtung des heiligen Wortes Gottes.

Um einen rechten Anfang der Reue zu machen, und als Zeichen für unsere sterbliche Natur, lasst uns jetzt vor unserem Schöpfer und Erlöser niederknien." 

 Es folgt die Danksagung mit Asche:

"Allmächtiger Gott, du hast uns aus dem Staub der Erde erschaffen. Gib, dass diese Asche für uns ein Zeichen unserer Sterblichkeit und Reue ist, damit wir uns daran erinnern, dass uns nur durch deine Gnadengabe das ewige Leben geschenkt wird; durch Jesus Christus, unseren Erlöser. Amen." 

Dann wird die Asche ausgeteilt. Der Pfarrer oder die Pfarrerin und alle anderen Helferinnen und Helfer nehmen vor der Gemeinde Platz und fordern die Gemeinde mit Worten oder Gesten auf, nach vorne zu kommen. Die Gottesdienstleitenden tauchen einen Daumen in die Asche und machen auf der Stirn eines jeden ein Kreuz.

Also auch evangelische Christen zumindest methodistischer Prägung kennen das Aschekreuz auf der Stirn.

Ich wünsche allen einen gesegneten Aschermittwoch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 4. März 2025

Tierisch gut

Ein Zitat

Osterhasen im Verkaufsregal eines grossen Einkaufszentrums.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt wohl nur wenig Tiere, die uns für Menschen halten." Alfred Edmund Brehm (1829–1884)

Ein Bibelvers - Psalm 148,1.9-10

"Halleluja. Vom Himmel her – lobt den Herrn: Lobt ihn, ihr Berge und Hügel, ihr Obstbäume und Zedernwälder, ihr Raubtiere und alles Vieh, ihr Kriechtiere und gefiederten Vögel."

Eine Anregung

Alle Jahre wieder, noch bevor die Fastenzeit begonnen hat und Ostern noch mehr als 40 Tage entfernt ist, findet der Osterhase tausendfältig den Weg in die Einkaufszentren. In immer neuen Dekorationsvarianten buhlen die Langohren um den werten Käufer, die werte Käuferin. Osterhasen werden dabei vermenschlicht, tragen lustigen Kleidchen, sind hübsch zurechtgemacht mit Brille und Spazierstock und mit Kratten voller Eier am Rücken.

Nun empfindet ein Dekorhase nichts, und so ist ihm diese Vermenschlichung ziemlich egal. Bei lebenden Tieren dagegen ist das anders. Wenn kleine Hunde wie Puppen daherkommen, dann ist das wohl für die Vierbeiner im besten Fall unverständlich, im schlimmsten Fall eine Qual.

Das Gegenteil von Vermenschlichung ist bei Tieren nicht die Entmenschlichung, sondern dass man ihnen allerlei Fähigkeiten nicht zutraut. Können Tiere trauern, können sie lügen, können sie miteinander sprechen, können Fische leiden, können sie zählen? Nur weil aus menschlicher Sicht manche Gefühlsregung nicht ersichtlich ist oder von Menschen noch nicht an Tieren beobachtet wurde, werden diese Fähigkeiten den Tieren abgesprochen. Dabei liegen solche Fehlurteile wohl oft an der Beobachtungsgabe von Menschen und nicht an der Fähigkeit von Tieren. Etwa, wenn nur für den Menschen "der aufrechte Gang" behauptet wurde, wobei doch jedes Huhn diese Fähigkeit auch beherrscht und zudem noch das Fliegen aus eigener Kraft.

Inzwischen aber gibt es verschiedene Forschungsergebnisse, die so manches, was einst nur dem Menschen zugesprochen wurde, nun auch bei Tieren erforscht und entdeckt haben. Etwa Fremdsprachenerkenntnisse. Diese wurden bei unterschiedlichen Vogelarten entdeckt, die in gemeinsamen Schwärmen ins Winterquartier und wieder zurück fliegen. Offensichtlich können sie sich unterhalten und Informationen etwa über geeignete Rastplätze austauschen. Weiter können Fische Menschen unterscheiden und Elefanten können trauern. Land- und Wasserschildkröten helfen einander aus der misslichen Rückenlage wieder in den sicheren Stand, und Störche signalisieren einander, wo es gute Futterplätze hat, was Ameisen und Bienen übrigens auch können. Schmetterlinge erinnern sich gar an ihr Raupendasein. Selbst Mikroorganismen, so klein, dass sie milliardenweise in unseren Organen leben, tauschen miteinander Informationen aus.

Bei all dem denke ich mir: So einmalig sind wir Menschen nicht, wie wir das gerne hätten.

Vielleicht entdecken wir in nicht allzu weiter Zukunft, dass es auch bei den Tieren und Pflanzen religiöse Gefühle gibt. Es würde mich nicht wundern.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 3. März 2025

Bald fertig lustig

Ein Zitat

Ein Narr überschüttet einen Zuschauer am Umzug der Oltner Fasnacht mit Konfetti.
Foto © Jörg Niederer
"Rosen am Montag als Asche am Mittwoch." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - 2. Mose 34,28

"Mose blieb 40 Tage und 40 Nächte auf dem Berg bei dem Herrn. Er ass kein Brot und trank kein Wasser. Er schrieb die Worte des Bundes auf die Tafeln. Das sind die Zehn Worte."

Eine Anregung

Fasching kommt von "Fastenschank" und meint den letzten Ausschank von alkoholischen Getränken vor der Fastenzeit. Fastnacht oder Fasnacht bezieht sich auf die Nacht vor der Fastenzeit. Karneval könnte vom Lateinischen carrus navalis kommen und dann einen schiffartigen Wagen auf Rädern meinen, oder auch vom Lateinischen carne vale! was "Fleisch leb wohl" bedeuten würde. Auch das hätte mit der anbrechenden Fastenzeit zu tun, die sich als Passionszeit über 6 Wochen bis Ostern hinzieht.

Die Fastnacht ist ein untrügliches Zeiten dafür, dass nun bald aus christlicher Sicht eine besonders wichtige, heilige Zeit beginnt. 

Während die Fasnacht immer noch von allen Bevölkerungsschichten begannen wird, ist das Fasten der Passionszeit und deren Bedeutung am Schwinden. Das heisst auch, da ist etwas, das zusammengehörte, auseinandergebrochen. Tradiert wird das Ausgelassene, Fröhliche, das Süsse. An das Schwere, Bedrückende, Schmerzhafte will man sich dagegen immer weniger erinnern.

Andererseits ist es noch immer in vielen engeren christlichen Gemeinschaften verpönt, an die Fasnacht zu gehen. Dabei gehört doch beides zusammen. Die ausgelassene Freude, und die Erinnerung und Trauer.

Wie hast du es mit der Fasnacht, und wie mit dem Fasten aus religiösen Gründen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 2. März 2025

Wanderschuhe am Nagel

Ein Zitat

Vier Paar Schuhe hängen in einem Baum beim Bahnhof Diessenhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bete, dass ihr alle eure Schuhe abends weit unter das Bett stellt, damit ihr am nächsten Morgen davor niederknien müsst, um sie zu finden. Und während ihr da so kniet, dankt Gott für seine Gnade und Erbarmen und Verständnis. Wir bleiben alle hinter seinen Erwartungen zurück." Denzel Washington (*1954)

Ein Bibelvers - 2. Mose 3,4+5

"Der Herr sah, dass Mose vom Weg abbog und sich die Erscheinung ansehen wollte. Da rief ihn Gott mitten aus dem Dornbusch: 'Mose, Mose!' Er antwortete: 'Hier bin ich!' Gott sprach: 'Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus! Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.'"

Eine Anregung

Etwas ist zu Ende gegangen. Vier Paar Schuhe hängen im Baum und damit auch am sprichwörtlichen Nagel. Die Anstrengung an den Füssen der einstigen Besitzenden ist den Gehwerkzeugen anzusehen. Sohlen haben sich gelöst, Profile sind abgelaufen. Werktage liegen hinter ihnen, Arbeit, Staub und Schmutz. Nun ruhen sie friedlich. Wind versetzt sie in sanfte Schwingungen. Es ist Schuh-Sonntag geworden. Der Schweiss darf trocknen, das "Gschmäckle" sich verflüchtigen.

Sein wie man ist und sein möchte, auch dafür steht der Sonntag.

Wie sähen Schuh-Gebete aus? Würden sie vom Straucheln erzählen? Von festem Halt auf schlammigem Grund? Von der pflegenden Hand? Wäre die Rede von harten Asphaltabschnitten und federweichen Moorpfaden? Nun da der Schuhsonntag gekommen ist, ist Freiheit und Weitsicht. So ist der Sonntag.

Zuletzt noch dies: Gestern (Siehe Blogbeitrag vom 1. März 2025) erzählte ich vom Abschiedsfest für Matthias Wenk im Domzentrum St. Gallen, und von der Interpretation eines bekannten Werks von Johann Sebastian Bach durch die Cityseelsorgenden Ann-Kathrin Gässlein und Roman Rieger. Mit deren Zustimmung habe ich das Video davon nun auf Youtube stellen dürfen. Viel Freude beim Reinhören.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Samstag, 1. März 2025

Gehen, um zu bleiben

Ein Zitat

Matthias Wenk mit Zeitschrift bref und in Papier eingepackter Schokoladepfeife.
Foto © Jörg Niederer
"Wie man beten soll, das steht in der Bibel; und was man beten soll, das steht in der Zeitung." Karl Barth (1886-1968)

Ein Bibelvers - Psalm 119,103

"Wie süss schmeckte mir dein Wort, noch süßer als Honig in meinem Mund."

Eine Anregung

Dass Matthias Wenk von der katholischen Cityseelsorge St. Gallen von der katholischen zur reformierten Kirche wechseln wird, davon haben die Medien schon ausführlich berichtet. Der Stadt St. Gallen bleibt Wenk treu. In Zukunft arbeitet er in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St. Gallen Centrum in einem Teilzeitpensum, und weiterhin in der Cityseelsorge, diesmal aber der evangelischen. 

Gestern fand eine kleine Abschiedsfeier im Domzentrum statt. Die Kolleginnen und Kollegen der Cityseelsorge bereiteten ihm einen berührenden und fröhlichen Abschied mit Würsten aus seiner früheren und aktuellen Heimat, mit Kuchen, Wein und weiteren Getränken, und vor allem mit Worten, Symbolen und Musik. 

Roman Rieger, Erika Miskos-Fritschi, Ann-Kathrin Gässlein, Chika Usor und Oliver Bischof beriefen sich dabei nicht auf die 14 Nothelfer-Heiligen der katholischen Tradition, sondern auf "Heilige" ökumenischer und evangelischer Provenienz.

Als erstes überreichte ihm Chika Usor eine handgefertigte afrikanische Tasche, um all die Abschiedsgaben fassen zu können.

Der Reigen der Heiligen begann mit Dietrich Bonhoeffer, dessen Brautbriefe aus der Zelle 92 Matthias Wenk in Buchform überreicht wurde.

Weiter ging es nicht mit dem evangelischen, aber dem Evangelisten (!) Johannes und einer WortLicht-Kerze.

Unbekannt dagegen ist der Schreiber oder die Schreiberin von Psalm 119. Sein oder ihr Vergleich von Wort Gottes und Honig schaffte die Möglichkeit, Matthias Wenk Honig zu überreichen. In diesem Zusammenhang erfuhr man auch, dass das Lieblingswort des scheidenden Cityseelsorgers "Stille" ist.

Unter den evangelischen Heiligen durfte natürlich auch der pfeifenrauchende Karl Barth nicht fehlen. Die drei Pfeifen, die Matthias Wenk erhielt, sind jedoch aus Schokolade und damit ein andersgearteter Genuss.

Die Pilgerin und Heilige Egeria schrieb über ihre Reise in den Sinai ein Tagebuch. Etwas, das auch Matthias Wenk mit dem Geschenk eines 6-Minuten-Tagebuchs nahegelegt wurde auf seinen kommenden Pilger- und Kirchenreisen.

Der Verweis auf den Bibelübersetzer und Reformatoren Martin Luther erinnerte seinerseits an die Wichtigkeit der griechischen Sprache für das theologische Arbeiten in einer evangelischen Kirche. Passend gab es dazu ein 2-Minuten-Sprachtrainer des biblischen Griechisch.

William Tyndale war in England der erste Bibelübersetzer, eine Guttat, die ihm am 6. Oktober 1536 im Alter von 42 Jahren das Leben kostete. Er wurde hingerichtet. In Erinnerung an ihn erhielt Matthias Wenk eine Tasse mit Stichworten zu wichtigen Bibelstellen und dazu natürlich auch Teebeutel.

An Martin Luther King und seine berühmte Rede vom 28. August 1963 (I have a dream...) erinnert ein Plakat, extra angefertigt für Matthias Wenk.

Als neunter evangelischer Heiliger wurde der unkonventionellen Pfarrer, Autor und Politiker Klaus Schädelin genannt. Sein offenes Haus und mehr wird in einer Ausgabe der nun für Matthias Wenk "verbindlichen" reformierten Zeitschrift bref erinnert.

Mit diesen 9 "Heiligen" ausgestattet folgte der Höhepunkt. Johann Sebastian Bach, zehnter "Heiliger" in dieser Serie, gab Ann-Kathrin Gässlein und Roman Rieger die Möglichkeit, gemeinsam das Stück "Jesus bleibet meine Freude" zu interpretieren. Hier geht es zum Video!

All dies und viele Gespräche an diesem Abend zeigen die Wertschätzung, die Matthias Wenk entgegengebracht wird, genauso wie auch den Respekt für seinen Entscheid, die Kirche zu wechseln. Und immer schwang in den Gesprächen die begründete Hoffnung mit, dass die Zusammenarbeit über Kirchengrenzen hinweg mit dem rührigen Theologen und Praktiker weitergehen darf.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Freitag, 28. Februar 2025

Grösste Flüchtlingsaufnahme der Schweizer Geschichte

Ein Zitat

Das Bourbaki-Denkmal vor der Römisch-Katholischen Kirchen in Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Soldaten! Ihr müsst aus diesem Kampfe nicht nur siegreich, sondern auch ohne Tadel hervorgehen … Deshalb stelle ich die Kinder, die Frauen, die Greise und die Diener der Religion unter Euren Schutz. Wer Hand an eine wehrlose Person legt, entehrt sich selbst und schändet seine Fahne. Die Gefangenen und besonders die Verwundeten verdienen umso mehr Eure Rücksichtnahme und Euer Mitleid, als ihr euch oft mit ihnen im selben Lager befunden habt …" Guillaume Henri Dufour (1787-1875)

Ein Bibelvers - Lukas 10,33+34

"Aber dann kam ein Samariter dorthin, der auf der Reise war. Als er den Verwundeten sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn."

Eine Anregung

Luzern hat das Bourbaki-Panorama und Weinfelden das Bourbaki-Denkmal. Es steht bei der katholischen Kirche, und erinnert an die Internierung von 500 französischen Armeeangehörigen im damals 2600-Seelen-Städtchen. Zum Vergleich: Müsste die Stadt Zürich mit ihrer aktuellen Wohnbevölkerung von 448'664 Menschen eine vergleichbare Flüchtlingszahl heute aufnehmen, wären es 86'281 Menschen. Auf fünf Einwohner käme ein Internierter.

Grund dieser hohen Zahl an ausländischen Soldaten im Thurgau war die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg, und die damit im Winter 1871 verbundene Internierung der französische Ostarmee in der Schweiz, die unter dem Kommando von General Bourbaki stand. Die Internierung, so heisst es auf der Webseite des Roten Kreuzes "...war ein Meilenstein in der Geschichte der schweizerischen Neutralitätspolitik. Innerhalb von weniger als 72 Stunden überquerten 87'847 französische Soldaten die Grenze. Dabei handelte es sich zweifellos um die grösste Flüchtlingsaufnahme in der Schweizer Geschichte".

Diese Armeeangehörigen wurden in der ganzen Schweiz, nicht aber im Tessins, auf die Gemeinden verteilt. Verpflegt wurden sie durch die ansässige Bevölkerung. In Weinfelden untergebracht waren sie im Schulhaus. Auch arbeiten durften oder mussten die Soldaten unmittelbar bei ihrer Ankunft, meist auf den umliegenden Bauernhöfen.

Das Bourbakidenkmal ist beschriftet: Darauf steht: "Zur Erinnerung der im Februar & März 1871 in hier verstorbenen 10 Internierten der Bourbakischen Armee." Einer starb an Pocken, sieben an Typhus, einer an Ruhr und einer an Lungenentzündung. Da der Friedhof bei der Kirche mit einheimischen Verstorbenen überfüllt war, wurden sie auf der Schützenwiese beigesetzt.

Mehr über die damaligen Herausforderungen Weinfeldes mit den Soldaten aus Frankreich erfährt man in einem illustrierten Bericht von Martin Sax.

Man merke: Am Anfang der schweizerischen Neutralitätspolitik stand die grösste Aufnahme von Fremden in der Schweiz. Und dann dies: Schon damals gab es in Weinfelden Probleme mit der Friedhofsordnung (Siehe Beitrag vom 14. Januar 2025).

Zur Schweizerischen Identität gehörte nicht die Rückweisung Fremder und die Begrenzung der Einwanderung, sondern eine unglaubliche Hilfsbereitschaft für Notleidende. Heute steht diese humanitäre Tradition auf dem Spiel. Es stellt sich die Frage: Wollen wir wirklich immer noch den unter die Räuber Gefallenen helfen (siehe Lukas 10,29-37)?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 27. Februar 2025

Tageszeitengebete bei sich zuhause

Ein Zitat

Der ehemalige Klosterkomplex der Lazariter im Gfenn bei Dübendorf.
Foto © Jörg Niederer
"Jeden Morgen ereignet sich im Kleinen Ostern, leuchtet der Ostermorgen in unser Leben hinein. Jeden Morgen drängt Gott alle Kälte und Dunkelheit zurück, wälzt den Stein vom finsteren Grab und erschafft uns neue Zukunft." Aus dem Donnerstagmorgen-Tageszeitengebet auf der Webseite LebensLiturgien.

Ein Bibelvers - Matthäus 28,5

"Der Engel sagte zu den Frauen: 'Fürchtet euch nicht! Ich weiss: Ihr sucht Jesus, der gekreuzigt wurde.'"

Eine Anregung

Tageszeitengebete werden vorwiegend in Klöstern praktiziert. Ausserhalb dieser geistlichen Zentren ist es nicht so einfach, sich dazu die Zeit zu nehmen und konzentriert bei der Sache zu sein. Die Webseite "LebensLiturgien" bietet da Hilfestellung.

Die Tageszeitengebete dieses Angebots bestehen aus einem Satz von drei meditativen Andachten für jeden Wochentag, und einer Andacht für den Sonntag. Jede Woche wiederholen sich die Gebete und Lesungen und treffen auf einen einmaligen Tag.

Mehr Vielfalt bieten die Morgengebets-Podcasts. Aktuell kommen die Anregungen dazu aus dem Leben von Martin Luther King. Auch da sind die "Informationsbeiträge" eingebettet in Lesungen und Gebete. 

Sebastian Steinbach, evangelischer Pfarrer in Hirsau schreibt dazu: "Wir hoffen, dass LebensLiturgien dir dabei hilft, dein Denken und Tun heilsam zu unterbrechen, innerlich zur Ruhe zu kommen und dich mit Gott zu verbinden. Sei gesegnet!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 26. Februar 2025

Verblassende Erkenntnisse

Ein Zitat

Teile vom Passionszyklus in der Lazariterkirche Gfenn. Die Geisselung Jesu.
Foto © Jörg Niederer
"Erst im tiefen Leid erkennt man, wer man wirklich ist." Marie Antoinette (1755–1793)

Ein Bibelvers - Johannes 19,1

"Daraufhin ließ Pilatus Jesus abführen und auspeitschen."

Eine Anregung

In keiner katholischen Kirche darf der Passionszyklus oder auch der Kreuzweg fehlen. Die Besinnung auf die zentrale Bedeutung der Leiden Christi und seiner Hinrichtung am Kreuz wird auf vertraute oder auch ganz neue Weise den Besuchenden in den Kirchen vor Augen gemalt.

So auch in der Lazariterkirche Gfenn bei Dübendorf. In dieser Kirche fand man Fragmente mittelalterlicher Gemälde. Vom dabei abgebildeten Passionszyklus ist nicht mehr viel übriggeblieben. Am besten zu erkennen ist die Szene der Geisselung Jesu. Da ist Jesus, an eine Säule gefesselt, als würde er sie umarmen. Die Geisselung selbst ist nicht mehr zu erkennen. Ich sehe allein Jesus. Hilflos, ausgeliefert, duldend.

Zwei Gedanken kommen mir dazu: Nur zu gern verdrängen wir Schmerzhaftes, Belastendes. Es ist, als solle die Erinnerung daran vergehen. Doch Fragmente davon drängen manchmal wieder ans Licht, ins Sichtfeld.

Die Leiden der unter die Räuber und Sünder gefallenen, wir können sie aus der warmen Stube eines Rechtstaats nicht wirklich verstehen. Vielleicht wollen wir sie auch nicht verstehen. Wir sehen sie, sehen sie wie Christus, gefesselt. Sie sind den Wohlhabenden, Starken, Mächtigen ausgeliefert, denen die das Sagen haben. Was das aber wirklich bedeutet, können wir nicht ergründen, es sei denn wir geraten selbst in diese bedrohliche Abhängigkeit. So sehen wir den gefesselten Christus in Menschen, die uns begegnen, ohne aber wirklich die Abgründe dahinter zu erkennen. Die Geissler sehen wir nicht, die ungerechten Richter sehen wir nicht.

Der andere Gedanke ist tröstlicher. Da ist in dieser Lazariterkirche von der ganzen Passion alles verblasst, bis auf diesen leidenserwartenden Jesus. Er ist gut zu erkennen. Er ist geblieben. Er ist als einziger noch da. Nicht der lehrende und heilende Christus, sondern der ausgelieferte, schmerzgefasste Jesus.

Genau so ist Christus mir ganz nahe, auch und gerade in Momenten meiner Hilflosigkeit. Dann ist er da, sagt mir: "Das stehen wir gemeinsam durch." Vielleicht auch: "Das stehe ich an deiner Stelle durch."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 25. Februar 2025

Von ganz jung bis ganz alt

Ein Zitat

Im mit der Venus gekrönten Schauspielhaus Zürich befindet sich auch ein Venen-Zentrum.
Foto © Jörg Niederer
"Im Haus der Tränen lächelt Venus nicht." William Shakespeare (1582-1616)

Ein Bibelvers - Jakobus 1,11

"Wenn die Sonne emporsteigt, kommt mit ihr die Hitze und lässt das Gras verdorren. Dann fällt die Blüte ab und von ihrer Schönheit bleibt nichts übrig. So wird auch der Reiche vergehen, noch während er seinen Geschäften nachgeht."

Eine Anregung

Das Schauspielhaus von Zürich, auch Pfauen genannt, wird zentral gekrönt mit der Venus, wie sie soeben dem Meer entsteigt. Die römische Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit hat in Aphrodite eine griechische Vorläuferin. Diese, so der Mythos, sei aus dem Schaum geboren, der sich bildete, als der abgeschnittene Geschlechtsteil des Uranus ins Meer gefallen sei. Mit der Venus sind wir also ganz am Anfang des prallen Lebens und ganz bei der jugendlichen Schönheit.

Nun ist aber im Schauspielhaus seltsamerweise auch ein Venenzentrum untergebracht. Und damit sind wir bei typischen Altersbeschwerden. Stichworte sind Krampfadern, nächtliche Wadenkrämpfe, Besenreiser, geschwollene schwere sowie offene und schmerzende Beine.

So gesehen ist am Schauspielhaus Zürich in mahnender Weise der Weg von der Venus zum Venenzentrum, von der blühenden Jugend zur welkenden Last des Alters, von der Vitalität und Potenz zur Krankheit und Erschlaffung vorgezeichnet. Es geht abwärts im Leben. Einst oben die Venus, nun unten der Doktor, der verspricht, sich um die Venen zu kümmern.

Es fehlt nur noch, dass am Schauspielhaus das bekannte Theaterstück "Der eingebildete Kranke" von Molière aufgeführt wird. Das wäre wohl das Tüpfelchen auf dem i an dieser Fassadengeschichte.

Wünschen wir uns doch heute ein bisschen mehr Venus, und viel weniger Venenzentrum.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 24. Februar 2025

Streit vom Zaun brechen

Ein Zitat

Eine Holzzaunlatte mit Neuschneehaube.
Foto © Jörg Niederer
"Baue einen Zaun um die Thora. Unterscheide zwischen zeitbedingter und zeitloser Wahrheit; wage es, die eine zu verändern und die andere zu bewahren." Talmud

Ein Bibelvers - Lukas 14,23

"Da sagte der Herr zu ihm: 'Geh hinaus aus der Stadt auf die Landstraßen und an die Zäune. Dränge die Leute dort herzukommen, damit mein Haus voll wird!'"

Eine Anregung

Wenn jemand einen Streit vom Zaun bricht, dann geht es aus heiterem Himmel und ohne grosse Vorbereitungsphase los mit der Auseinandersetzung.

Ursprünglich jedoch wurde die Redensart neutral verwendet. "Etwas vom Zaun brechen" besagte, dass etwas leicht verfügbar sei, so wie die Latten an den Zäunen. Doch bereits Martin Luther verwendete die Aussage vom Streit, der vom Zaun gebrochen wird, in seinen Schriften.

Vermutlich eigneten sich Zaunlatten ausgezeichnet, um aufeinander einzuschlagen. Ähnlich, wie wenn heute Pflastersteine oder Glasflaschen als Wurfgeschosse dienen, waren Zaunlatten überall verfügbar.

Beim Gartenzaun speziell ist, dass aus einer Schutzvorrichtung ein schlagendes Argument werden kann. Wie leicht wird etwas Gutes missbraucht. Wie schnell verwandelt sich der Frieden in Krieg, die Eintracht in Zwietracht, die Liebe in Hass.

Wie wäre es, wenn wir heute und in den folgenden Tagen und Wochen statt Streit vom Zaun zu brechen dem Frieden einen Schutzzaun bauen? Ich meine keine undurchdringbare, intransparente Grenze, sondern ein luftiger, mit Durchlässen versehener, raumgestaltender Gartenzaun, über den die Kinder klettern und die Erwachsenen einander die Hand reichen können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 23. Februar 2025

Was bleibt?

Ein Zitat

Die Lazariterkirche Gfenn bei Dübendorf sieht wie eine Festung aus.
Foto © Jörg Niederer
"Ohne Glauben ist nichts möglich. Mit ihm ist nichts unmöglich." Mary McLeod Bethune (1875-1955)

Ein Bibelvers - Jakobus 2,14

"Meine Brüder und Schwestern! Was nützt es, wenn jemand behauptet zu glauben, sich der Glaube aber nicht in Taten zeigt?"

Eine Anregung

Höchste Zeit, auf meinen Kollegen Pfarrer Stefan Gerber vom gms Studen hinzuweisen. Besonders an einem Sonntag passt das gut. Da kann man sich einen seiner interessanten Podcasts anhören. In seinem neusten Beitrag "Finde deine Wachstumsspur" geht er der Frage nach, was wir in unserem Leben hinterlassen. Ist es nur eine Einstellung, dann bleibt nicht viel. Aber worauf kommt es dann an. Dazu wird von Stefan Gerber der biblische Autor Jakobus hinzugezogen - aber natürlich, wie es sich für einen Methodisten gehört, auch John Wesley. Mehr verrate ich nicht. Unterhaltsam ist seine Rede auf jeden Fall.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 22. Februar 2025

Abstraktes aus der Natur

Ein Zitat

Ein von heimlichen Geschöpfen stark zersetzter Baumstumpf entfaltet seine Schönheit.
Foto © Jörg Niederer
"Die Natur ist zugleich Buch und Schrift, Märchen, Gemälde und Lied." Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Ein Bibelvers - Psalm 92,6

"Wie großartig sind doch deine Werke, Herr. Was du planst, hat einen tiefen Sinn."

Eine Anregung

Spechte, Schnecken, Käfer, Pilze und Maden haben sich zusammengetan und ein veritables Kunstwerk geschaffen. Der Baumstumpf wurde ausgehöhlt, durchlöchert, und farblich umgestaltet. Abstrakte Kunst ist aus dem einst planmässig gewachsenen Baum geworden. Die Bearbeitung geht weiter, bis vom Baumstrunk nichts mehr übrig bleibt, ausser Erde, aus der andere Geschöpfe ihre Kraft schöpfen.

Kreislaufwirtschaft, Hand- beziehungsweise Mundwerk aus dem Tier- und Pflanzenreich: Nichts geht verloren, nicht einmal die Schönheit im Vollzug der Verwandlung. Was ich sehe, ist ein Loblied auf die zweckmässige, chaotisch und kreative Schönheit der Natur; Schöpfung im Schöpfungsprozess.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 21. Februar 2025

Atelier-Zauber

Ein Zitat

Sammelsurium in einer Werkstätte in Diepoldsau.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist kein Buchhalter. In seiner Bilanz eines Lebens zählt auch, was sich nicht rechnet." Karl-Heinz Karius (*1935)

Ein Bibelvers - Philipper 3,13

"Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt."

Eine Anregung

Ich liebe es, in alte Werkstätten zu schauen. Diese Mischung aus Ordnung und Willkür, von alt und noch älter, dieses kreative Chaos eines Ateliers ist herzerfrischend. Die Gegenstände scheinen keine grosse Bedeutung zu haben, und doch werden sie nicht weggeräumt, bleiben da, wo sie liegen geblieben sind. Ich sehe sie mir gerne an, die alten Hobel, die Stechbeitel einer Schreinerwerkstätte, den antiken Drehbank mit den Eisenspänen und den skurrilen Objekten aus Schrauben, zusammengeschweisst Jahre zurück als Übungsobjekte eines Ausbildungsgangs. Ich liebe es, in Fragmente und Nippes einzutauchen. Da sind so viele Erinnerungen, so viele Geschichten verborgen.

Oft sieht eine Biografie nach einigen Jahrzehnten genau so aus. Eine Mischung aus Ordnung und Willkür, ein kreatives Chaos, in dem Dinge einfach bleiben, weil wir sie aus irgendwelchen sentimentalen Gefühlen nicht loswerden können. Wir hängen an diesen nur für uns selbst wertvollen Erinnerungen. Sie erzählen unsere Geschichte. Wären sie nicht, wir wären nicht die Person geworden, die wir heute sind.

Wie dankbar können wir doch sein für all die bedeutenden und unbedeutenden Momente in unserem Leben. Da gab es Gewichtiges und Federleichtes. Noch ist es nicht fertig, das Sammelsurium des Lebens. "Sammelsurium" kommt übrigens aus dem Niederdeutschen "sammelsur" und meinte ursprünglich ein "saures Gericht aus gesammelten Speiseresten". So etwas mundet nicht immer, und ist doch genau das, was ein Leben auszeichnet: Ein fröhlich-kreatives Durcheinander aus sauren und bekömmlichen Momenten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 20. Februar 2025

Ein dunkles Kapitel mehr

Ein Zitat

Ein Zollbeamter steht an der Landesgrenze bei Laufenburg und kontrolliert im Jahr 1991 die Grenzgänger:innen.
Foto © Jörg Niederer
"Im Winter haben sie mir die Hosensäcke zugenäht. Es hiess: 'Wenn du arbeitest, hast du warm'." Zitat eines Verdingkindes in der Ausstellung "Enfances volées – Verdingkinder erzählen"

Ein Bibelvers - 5. Mose 11,26-28a

"Seht, ich stelle euch heute vor die Wahl zwischen Segen und Fluch: Segen erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, befolgt. Ich habe es euch heute verkündet. Fluch erwartet euch, wenn ihr das Gebot des Herrn, eures Gottes, nicht befolgt."

Eine Anregung

Wer zurückschaut auf einige dunkle Kapitel der schweizerischen Geschichte, wundert sich, wie kritiklos durch Behörden und Gesellschaft in der Vergangenheit Menschen Leid angetan wurde. Gerade jetzt wieder zeigt dies eine Ausstellung im Historischen Museum in Bern, welche die führsorglichen Zwangsmassnahmen thematisiert. Mindestens 10'826 Menschen haben bis heute vom Staat Wiedergutmachung angefordert. Es hat lange gedauert, bis 2013 die damalige Bundesrätin Simonetta Sommaruga sich bei den Betroffenen im Namen der Regierung entschuldigte.

Menschen, die wie Carl Lutz unter Lebensgefahr Zehntausende Juden vor dem Tod bewahrten, wurden nicht etwas von den Schweizer Behörden gelobt, sondern im besten Fall nicht beachtet, im schlechtesten Fall für ihr humanitäres Eingreifen bestraft.

Für unzählige in der Schweiz Schutz suchende Juden bedeutete dagegen die Rückweisungspolitik der Schweiz im 2. Weltkrieg den Tod in Konzentrationslagern.

Dann sind da die Kinder der Landstrasse. Bis 1970 wurden Kinder den Fahrenden weggenommen und in Heime und Pflegefamilien gesteckt. Ebenfalls in diese Richtung gehen die Adoptionen von Kindern aus dem Ausland. Oft wurden sie ihren Müttern weggenommen und abgekauft, um den Bedarf im Westen zu decken.

Noch weiter zurück liegen Hexenverbrennungen. Andersgläubige wurden hingerichtet.

In all diesen Fällen kristallisierte sich mit der Zeit heraus, wie absolut falsch und menschenverachtend dieses Vorgehen der Schweiz war, wie sehr dadurch Menschen zu Unrecht und teils wider besseres Wissen entwürdigt wurden. Die Bitten um Entschuldigungen sind gekommen, aber meist Jahre später, mit oft nur bescheidener finanzieller Wiedergutmachung an die Opfer.

Ich bin sicher, dass die Zeit kommen wird, in der sich Schweizerinnen und Schweizer entschuldigen müssen für das, was wir in diesen Tagen den Flüchtenden antun. Ich schäme mich dafür, wie wir in einem der reichsten Länder herziehen über Fremde und Flüchtende, als wären sie an ihrem Leid selbst schuld und nur da, um uns auszunehmen. Das Reden von "Grenzen dichtmachen" und über "Remigration" zeigt, wie eine Gesellschaft nicht davon wegkommt, immer wieder auf die Schwächsten einzuschlagen, unter Verkennung der eigentlichen Probleme unserer Zeit. Über die Hartherzigkeit unserer Tage wird man wohl einmal den Stab brechen und Bücher schreiben darüber, wie dunkel doch der Umgang mit Fremden gewesen ist, wie sehr man den Tod von Tausenden allein schon im Mittelmeer in Kauf genommen hat, wie "selbstlos" man Hilfesuchenden die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Da wünschte ich mir von den Christenmenschen eine deutliche, klare Absage an die Unmenschlichkeit und an die Profitgier auf Kosten der Ärmsten.

Auch wenn es wohl viele heute nicht für möglich halten, aber die Geschichte lehrt uns, dass auch wieder Zeiten kommen werden, in denen der Wind dreht, in denen es unsere Söhne und Töchter sein werden, welche ihrer Heimat beraubt an verschlossenen Grenztoren stehen werden, beraubt durch Regierungen und Schlepper, missbraucht von Kriminellen.

In der Ausgrenzung der Fremden ist der Same gelegt für die Ausgrenzung unserer Kinder. Doch dort, wo wir einander annehmen, ist der Same gelegt für die Fürsorge, die man unseren Kindern entgegenbringen wird. Fluch und Segen werden uns heute vorgelegt. Was wir einander antun, setzt den Massstab.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 19. Februar 2025

Themenweg für Pfarrersleute

Ein Zitat

Wegweiser zu wichtigen Zielen und auf bedeutende Wege beim Bahnhof Flawil.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin nicht gescheitert - ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben." Thomas Alva Edison (1847-1931)

Ein Bibelvers - Römer 16,1+2

"Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe. Sie ist Diakonin der Gemeinde in Kenchreä. Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es sich für Heilige gehört. Und gebt ihr alle Unterstützung, die sie braucht. Denn sie hat sich ihrerseits für viele Menschen eingesetzt, so auch für mich."

Eine Anregung

Der in Flawil ausgeschilderte Grenzweg führe auf meist bestehenden Wanderwegen über 22 Kilometer möglichst nahe der Gemeindegrenze entlang. Der Schoggiweg wiederum verbindet als Themenweg den Bahnhof Flawil mit der Schokoladenfabrik Maestrani. Zum dazugehörigen Chocolarium kann man aber auch mit dem Postauto gelangen. Der Lindensaal wird als "repräsentatives Gebäude an zentraler Lage" beschrieben, was man vom Friedhof Flawil eher nicht sagen kann. Es bleibt noch der "Buureweg" (Bauernweg). Er wurde als Themenweg 2013 eröffnet. Davon gibt es auch einen kleinen Film von der Einweihung. Es sei eine leichte Wanderung im Voralpengebiet. 

Da frage ich mich, wo der Themenweg für meine Berufsgruppe bleibt. Als Strassenbezeichnung gibt es den Pfarrweg an etlichen Orten. Aber ein Weg, der das Berufsumfeld von Pfarrpersonen aufzeigt, ist mir noch nicht bekannt. Ein solcher Weg könnte an sozialen Einrichtungen wie Notschlafstellen, Altersheimen, Spitäler sowie an Kirchen und Kirchgemeindehäusern vorbeiführen. Natürlich müsste dieser Weg kupiert sein, Höhepunkte und tiefe Täler aufweisen, in die Studierstuben führen und dahin, wo man im Sommer schon einmal Alpgottesdienste im Freien abhält. Auch müsste dieser Weg irgendwie in sich führen. Falls es da dann auch noch eine theologische Hochschule hätte, wäre das gar nicht schlecht und die Bibliothek dürfte auch nicht fehlen.

Aber vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass es noch keinen Themenweg für Pfarrpersonen gibt. Oft orientieren sich solche Weg an Dingen, die am Verschwinden sind, oder mit denen wir nostalgische Erinnerungen verbinden. Davon ist der Pfarrberuf ja noch weit entfernt. Oder?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 18. Februar 2025

Wehrhaft über den Tod hinaus

Ein Zitat

Akantusblättrige Eberwurz im Winter.
Foto © Jörg Niederer
"Treue gegen sich selbst und Gütigkeit gegen Andere: Darin ist alles befasst." Konfuzius (551–479 v.Chr.)

Ein Bibelvers - 5. Mose 7,9

"So erkenne nun: Der Herr, dein Gott, er ist Gott. Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund. Die ihn lieben und seine Gebote befolgen, erfahren seine Güte noch in tausend Generationen."

Eine Anregung

Akanthos ist altgriechisch und bedeutet "der Dornige". Die Akantusblättrige Eberwurz ist genau das: dornig. Dabei bleibt sie sich treu. Selbst die abgestorbenen, wettergeschwärzten Blätter bleiben wehrhaft. Ein pflanzlicher Igel, der sich nicht leicht ergibt.

In blühendem Zustand kann man sie auf dieser Webseite betrachten. Dort ist auch beschrieben, wie die Blume als Wetterzeigerin genutzt werden kann.

Wenn sich jemand treu bleibt, ist das grundsätzlich eine gute Sache, ausser es ist ein Mensch, der sich vorwiegend durch schlechte Eigenschaften definiert. Sich treu bleiben bedeutet, ich kann mich mit mir identifizieren, ich muss nicht so tun, als wäre ich eine andere Person. Ich bin mit mir im Reinen. Es stimmt, wie ich gerade lebe.

Bin ich mir selbst treu? Kann ich vor Menschen und Gott zu mir stehen. Oder ist es nötig, dass ich mich "selbstoptimiere", besser mache, als ich bin?

Wie treu bin ich mir selbst?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen