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Freitag, 10. Juni 2022

Gegen den Tod im Mittelmeer - Beim Namen nennen

Ein Zitat

Die ersten Namen von verstorbenen Flüchtlingen werden aussen an der Kirche St. Laurenzen aufgehängt.
Foto © Jörg Niederer
"Im Jahr 2022 (Stand: 15. Mai 2022) starben bisher 689 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer. Seit dem Jahr 2014 waren bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 24.023 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken." statista

Ein Bibelvers - Psalm 137,1

"An den Kanälen von Babylon, da saßen wir und weinten, als wir an den Zion dachten."

Ein Anregung

Auch in diesem Jahr findet die Aktion "Beim Namen nennen" in St. Gallen statt. Seit 1993 sind über 48'000 Menschen auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Am 17./18./19. Juni setzten engagierte Menschen dagegen ein Zeichen.

Erneut wird die Gedenkaktion "Beim Namen nennen" durchgeführt für die mehr als 48 000 Flüchtlinge, die beim Versuch nach Europa zu flüchten, gestorben sind. Im Flyer finden sich sämtlicher Information über die Aktion.

Ziel ist, während 24 Stunden die Namen der Verstorbenen zu verlesen, über 25'000 Namen von den Verstorbenen auf Stoffstreifen zu schreiben und rund um die St. Laurenzenkirche aufzuhängen.

Es brauchen noch ganz viele helfenden Hände. Auf dieser Webseite erfährt man, wie das geschehen kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 9. Juni 2023

Beim Namen nennen

Ein Zitat

In den letzten beiden Jahren (2021 + 2022) wehten tausende von Namensbänder von auf der Flucht verstorbenen Menschen an der Fassade der Kirche St. Laurenzen in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich erinnere mich an diesen Tag. Ich denke an diesen Tag, den Tag, als wir aus dem Mittelmeer gerettet wurden, den Platz, an dem jeder und jede von uns sterben kann, zu jedem Zeitpunkt. Das ist kein sicherer Ort. Es ist ein risikoreicher Ort, ein Risiko." Malick Jeng, Flüchtling

Ein Bibelvers - Jona 2,4

"In die Tiefe hattest du mich geworfen, mitten in den Strudel der Meere hinein. Wasserströme umgaben mich. Alle deine Wellen und Wogen – sie schlugen über mir zusammen!"

Eine Anregung

In den letzten beiden Jahren (2021 + 2022) wehten tausende von Namensbänder von auf der Flucht verstorbenen Menschen an der Fassade der Kirche St. Laurenzen. In diesem Jahr findet die Aktion "Beim Namen nennen" in St. Gallen dezentral in vielen Kirchen statt. In der Methodistenkirche St. Gallen wird der Gottesdienst des nächsten Sonntags ganz im Zeichen dieser traurigen und für die europäischen Länder beschämenden Realität stehen. Seit 1993 sind über 51 000 Kinder, Frauen und Männer an der EU-Aussengrenze oder in einem der Transitländer gestorben. Gerade beraten die Regierungsvertreter Europas über weitere Verschärfungen und Grenzsicherungen. Doch all das führt nur wieder zu weiteren Ertrunkenen, Erschossenen und misshandelten Menschen.

Aus diesem Grund werden in der Feier am Sonntag um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 einige der auf der Flucht getöteten Menschen in Erinnerung gerufen, indem ihre Namen und ihre Schicksale laut ausgesprochen wird. Weiter werden wir auch für auf der Flucht Verstorbene Namensbändel erstellen.

Wie traumatisch die Situation für die Flüchtenden ist auf dem Weg über das Mittelmeer, zeigen gleich zwei Projekte des Fotografen und Filmemachers César Dezfuli. Unter der Überschrift "Passengers" portraitierte er die 118 geretteten Flüchtlinge aus einem Boot, das im Jahr 2016 20 Kilometer vor Libyens Küste treibend aufgefunden wurde. 

Im Film "Banjul to Biella" wird dann einer dieser Geretteten, Malick Jeng aus Gambia genauer vorgestellt und eindrücklich in Szene gesetzt.

Über die Aktion "Beim Namen nennen" in St. Gallen gibt ein Flyer Auskunft, aber auch die Webseite der Römisch-Katholischen Kirche. 

Impressionen aus dem Jahr 2021 findet man in diesem Video.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 9. Juni 2024

Umkehr in der Asylpolitik

Ein Zitat

Jeder einzelne Zettel um die Kirche St. Laurenzen in St. Gallen steht für einen auf der Flucht nach Europa getöteten Menschen.
Foto © Jörg Niederer
"Seit 1993 sind mehr als 60'000 Babys, Kinder, Frauen und Männer, gestorben beim Versuch, nach Europa zu flüchten." Beim Namen nennen

Ein Bibelvers - 5. Mose 10,18+19

"Gott verhilft Waisen und Witwen zu ihrem Recht. Er liebt die Fremden und versorgt sie mit Nahrung und Kleidung. Darum sollt auch ihr die Fremden lieben. Denn ihr wart selber Fremde im Land Ägypten."

Eine Anregung

Es schmerzt, von all den Menschen zu hören, die irgendwo auf der Flucht nach Europa in den Fluten der Meere verschwunden sind. Jede einzelne Frau, jeder einzelne Mann, jedes Kind wird mit Namen genannt oder als besonderer Mensch sichtbar gemacht. Es sind unglaublich traurige Schicksale, welche in St. Gallen in der St. Laurenzen-Kirche an der Aktion "Beim Namen nennen" nicht vergessen werden.

In der Flüchtlingspolitik läuft gerade so Vieles grundfalsch. Aus christlicher Sicht halte ich eine Asylpolitik für inakzeptabel, welche auch nur einen toten Menschen in Kauf nimmt. Und doch sind es Tausende, die jedes Jahr das Leben an den Grenzen Europas lassen. Es braucht nicht weitere Verschärfungen, nicht noch besser bewachte Grenzen, nicht noch mehr Abschreckung, nicht noch mehr Bollwerk Europa. Es braucht eine Umkehr, ein U-Turn, eine totale Kehrtwende. Es braucht endlich eine humane Asylpolitik. Es braucht vor allem offenere Herzen.

Vom Umkehren handelt heute auch der Gottesdienst in der Methodistenkirche Weinfelden. Alle sind um 10.00 Uhr herzlich an die Hermannstrasse 10 eingeladen. Und wer nicht aus dem Haus kann, der kann zur selben Zeit den Gottesdienst auf Musig24.tv schauen. Auch da ist der U-Turn das entscheidende Thema.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 6. Juni 2021

"Beim Namen nennen" - Ein Zeichen gegen die Hartherzigkeit

Ein Gedanke

Zettel mit Namen verstorbener Flüchtlinge flattern im Wind
Foto © Jörg Niederer
"Hätten wir die Leute einfach ertrinken lassen, würde ich jetzt wohl nicht vor Gericht stehen. Das ist schäbig und eine Gefahr für die Demokratie." Claus-Peter Reisch, 2018 Kapitän der "Lifeline"

Ein Bibelvers - Psalm 69,2-4

"Hilf mir, Gott, das Wasser steht mir bis zum Hals. Ich bin versunken in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. In Wassertiefen bin ich geraten, und die Flut reisst mich fort. Ich bin erschöpft von meinem Rufen, meine Kehle brennt, meine Augen ermatten, da ich harre auf meinen Gott."

Eine Anregung

Wollte eine einzelne Person alle Namen und Schicksale der 44'000 bestätigten, auf der Flucht nach Europa verstorbenen Menschen aufschreiben, bräuchte sie dafür 34 Tage ohne Unterbruch.

Auch an diesem Sonntag soll dieser Menschen im Rahmen der Aktion "Beim Namen nennen" gedacht werden. Das geschieht in St. Gallen primär in der und um die Kirche St. Laurenzen. Der Gottesdienst um 10.30 Uhr wird per Livestream auch in die Evangelisch-methodistische Kirche übertragen. Vorgängig um 10.15 Uhr wird dort Pfarrer Jörg Niederer einige Bilder und Gedanken vom Anlass weitergeben.

Am Gottesdienst in St. Laurenzen mitwirken werden Constanze Broelemann, Seelsorgerin auf der Sea-Watch; die Pfarrpersonen Chika Uzor, Birke Müller und Hansruedi Felix; sowie die Musiker*innen Jeannine Frommenweiler, Gesang; Roman Rieger, Saxophon; Sadio Cissokho, Kora und Bernhard Ruchti Orgel und Flügel. Der Gottesdienst kann auch von Zuhause aus mitgefeiert werden: https://www.ref-sg-live.ch/

Einen kleinen Eindruck von gestrigen Samstag bekommt man durch meinen kurzen Clip: https://youtu.be/42y9236lTLg

Flyer zum Anlass: https://www.kathsg.ch/kcfinderimg/files/Namen_nennen_sg_21_def_low.pdf

Webseite: https://www.kathsg.ch/DE/180/BeimNamennennen.htm

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 11. Juni 2023

Wider den Tod an den Grenzen

Ein Zitat

Wasser kann Leben und Tod bedeuten.
Foto © Jörg Niederer
"Jeder einzelne der vielen Toten ist ein unverwechselbarer, einmaliger Mensch, von seinen Eltern beweint, von seinen Kindern vermisst, von seinen Lieben geliebt." Annette Kurschus, Schirmherrin von "Beim Namen nennen" in Deutschland

Ein Bibelvers - 2. Mose 3,7+8

"Der Herr sprach: 'Ich habe die Not meines Volks in Ägypten gesehen. Die Klage über ihre Unterdrücker habe ich gehört. Ich weiß, was sie erdulden müssen. Deshalb bin ich herabgekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu befreien. Ich will mein Volk aus diesem Land führen.'"

Eine Anregung

Am 21. März 2021 starb das zweijährige Mädchen Nabody aus Mali an einem Herzstillstand im Spital auf Lanzarote. Zuvor war es 5 Tage lang auf einem Boot von Dhaka (Mauretanien) unterwegs gewesen. Sie war nur eine von vielzuvielen Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben um genau dieses Leben gekommen sind. 

Heute Sonntag denken wir an sie und weiter Unglückliche, die an den Grenzen der Europäischen Union ihr Leben liessen. Der Gottesdienst um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen steht ganz im Zeichen der Aktion "Beim Namen nennen" (Siehe Beitrag vom 9. Juni 2023!). Wasser kann Leben bedeuten. Wasser ist das Element der Taufe. Wasser bedeutet aber auch Tod und Untergang. So wie bei Nabody, die den Weg über das Wasser nicht überlebte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 10. Mai 2022

Fliehen vor dem Tod

Ein Zitat

"Die Menschen sind plötzlich nicht mehr fremd und das macht die ganze Situation noch viel unerträglicher." Aussage zu den Kurzbiografien von auf der Flucht getöteten Menschen.

Ein Bibelvers - Jeremia 48,19

"Stellt euch an den Weg, ihr Bewohner von Aroer, und haltet Ausschau! Fragt den Flüchtling und die Frau, die entkommen ist: 'Was ist denn passiert?'"

Ein Anregung

Frosch in einem Teich des Robenhauserriets
Foto © Jörg Niederer
"Sei kein Frosch!" heisst eine Redensart. Frösche sind Fluchttiere. Sie haben allen Grund dazu. Ihnen wird vielfältig nachgestellt. Wehren können sie sich kaum. Also gilt es, das Weite zu suchen, oder eben den Boden des Teichs, um sich dort zu verstecken.

Bei einem Gespräch von kirchlichen Mitarbeitenden aus verschiedenen Kirchen stellten wir uns der Frage, wie wir im Krieg handeln würden. Ich wäre wohl ein Frosch. Ich würde zu den Menschen zählen, die das Weite suchen, die dem Elend der Gewalt zu entfliehen versuchten. Lieber Gut und Geld verlieren, als das Leben? So denke ich heute, während ich in Sicherheit lebe. Wie es dann wirklich ist... wer weiss das schon.

Eine Flucht kann nur erfolgreich sein, wenn das nicht alle tun. Ohne Widerstand, ohne den Mut der andern gäbe es wohl keinen Ort auf der Welt, an dem ein Mensch in Frieden leben könnte.

Jeden Tag fliehen Menschen. Seit 1993 sind auf der Flucht nach Europa 48'000 Menschen ertrunken oder wurden auf andere Weise getötet. Am 17./18./19. Juni wird in St. Gallen bei der Aktion "Beim Namen nennen" an deren Namen und Leben erinnert. Dazu werden wieder viele Helferinnen und Helfer gesucht. Also sei kein Frosch und mach mit!

Nachdenkliches von Markus Nagel zur Flucht von Menschen und zur Frontex-Abstimmung gibt es in seinem aktuellen Blog zu lesen. Der Schreiber arbeitet im Ausschuss Kirche und Gesellschaft der Evangelisch-methodistischen Kirche mit. Auch hier ist eine Entscheidung gefordert. Also: Sei kein Frosch!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 5. Juni 2021

"Beim Namen nennen" - 24 Stunden für die Flüchtlinge

Ein Gedanke

Einzelschicksale, auf kleinen Zetteln festgehalten
Foto © Jörg Niederer
"Europa ist – anders als viele behaupten – keine Festung und es darf niemals eine werden." Jean-Claude Juncker am 13. September 2017

Ein Bibelvers - Psalm 69,15+16

"Rette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich gerettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den Wassertiefen, dass die Wasserflut mich nicht fortreisse und die Tiefe mich nicht verschlinge, noch der Brunnen seinen Mund über mir schliesse."

Eine Anregung

Fast 400 mal habe ich Schicksale unbekannter Flüchtlinge auf schmalen Zetteln erfasst. Vielleicht 300 mal habe ich als Todesursache "ertrunken" hingeschrieben, einige Male stand "erschossen" da, darunter auch Kleinkinder und Frauen, oder "im Minenfeld zwischen Syrien und der Türkei umgekommen". Auch "zu Tod geprügelt" wurden Flüchtende oder als blinde Passagiere über Bord geworfen. Insgesamt sind es mehr als 44'000 solche Einzelschicksale, an die heute ab 11.30 Uhr auf dem Bärenplatz und in und um die Kirche St. Laurenzen in St. Gallen erinnert wird. Eine halbe Stunde dauert die einleitende Schweigerunde auf dem Bärenplatz. Dann werden 24 Stunden lang die Namen der auf der Flucht Verstorbenen und ihre Schicksale verlesen und zugleich rund um die Kirche sichtbar gemacht. Jede volle Stunde gibt es einen "Glockenschlag" bei dem 5 Minuten lang berührende Beiträge das Elend und die Verantwortung von Menschen thematisieren.

Der Gottesdienst am Sonntag um 10.30 Uhr in der Kirche St. Laurenzen mit der Pfarrerin Constanze Broelemann, welche als Seenotretterin auf der Sea Watch 4 war, wird auch in den Gottesdienstraum der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen übertragen.

Europas Grenzen sind zu Todesfallen geworden. Der Umgang mit den auf der Flucht Verstorbenen ist organisiert, ein Zusammenspiel von Forensiker*innen, Fahnder*innen und Totengräber*innen. Davon erzählen berührende Bilder des Fotografen Max Hirzel.

Vor den Augen der Stadtbesucher*innen wird ein Mahnmal des menschlichen Versagens entstehen. Ich werde die schiere Masse an Fluchtschicksale wohl lange nicht mehr vergessen können.

Flyer zum Anlass: https://www.kathsg.ch/kcfinderimg/files/Namen_nennen_sg_21_def_low.pdf

Webseite: https://www.kathsg.ch/DE/180/BeimNamennennen.htm

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 13. Mai 2024

Menschenwürde für Flüchtende

Ein Zitat

Stürmische Brandung an der türkischen Mittelmeerküste.
Foto © Jörg Niederer

"'Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, das Ziel der Unterweisung.' Grossartiges wird über die Liebe gesagt: Sie ist das Wesen, der Geist, das Leben aller Tugend. Sie ist nicht nur das erste und grosse Gebot, sondern sie ist alle Gebote in einem. 'Was gerecht ist, was rein ist, was liebenswert oder ehrenwert ist; sei es eine Tugend oder ein Lob,' das alles ist eingefasst in dieses eine Wort — Liebe."
John Wesley in der Lehrpredigt "Die Beschneidung des Herzens"

Ein Bibelvers - 1. Mose 12,10

"Im Land Kanaan brach eine Hungersnot aus. Da zog Abram nach Ägypten, um sich dort als Fremder niederzulassen. Denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land."

Eine Anregung

Gestern habe ich den Bericht von einem Mann gesehen, der sich bei der Bewältigung von Krisen ausgezeichnet hat, insbesondere bei der Rettung von Flüchtenden über das Mittelmeer. Dieser Mann beschrieb, wie er sich vor der Möglichkeit fürchtete, Menschen, etwa Kindern zu begegnen, die vor seinen Augen ertrinken, ohne dass er würde helfen können. Da habe ich mir gedacht, ich lese einmal, was die neuen Sozialen Grundsätze über den Umgang mit Flüchtenden sagen. Sie wurden an der diesjährigen Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Charlotte angenommenen.

Die vorläufige deutschsprachige Übersetzung der Sozialen Grundsätze hilft zwar beim Verstehen des englischen Originals, hat aber diverse sprachliche und orthografische Mängel. Diese versuche ich im von mir wiedergegebenen Text zu korrigieren. Es handelt sich also nicht um eine von den deutschsprachigen Zentralkonferenzen autorisierte Version.


Grundrechte und Freiheiten

G. Migranten, Immigranten und Flüchtlinge

Wir bekräftigen die Würde, den Wert und die Rechte von Migranten, Immigranten und Flüchtlingen, einschließlich vertriebener und staatenloser Menschen. Wir stellen fest, dass die Welt heute mit einer noch nie dagewesenen Krise hinsichtlich der Vertreibung einer sehr grossen Zahl von Menschen konfrontiert ist. Die Gründe sind fortwährende Kriege und weiterer Feindseligkeiten, ausländische Interventionen, weitverbreitete Hungersnöte, die globale Erwärmung und der Klimawandel sowie das Versagen von Nationalstaaten, ihre Bevölkerung ausreichend zu schützen und für sie zu sorgen.

Wir sind uns bewusst, dass vertriebene Menschen besonders gefährdet sind, da ihnen ihr Übergangsstatus oft nur wenig Schutz und Vorteil bietet und sie so Ausbeutung, Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt sind. Wir fordern Methodistinnen und Methodisten auf, Flüchtlinge, Migranten und Immigranten in ihren Gemeinden willkommen zu heißen und sich zu verpflichten, ihnen konkrete Unterstützung anzubieten, einschließlich der Hilfestellung bei der Bewältigung restriktiver und oft langwieriger Immigrationsverfahren, sowie ihnen beizustehen bei der Sicherstellung der Lebensmittelversorgung, Unterkunft, Ausbildung, Arbeit und mit weiteren Formen der Unterstützung. 

Wir lehnen alle Gesetze und Massnahmen ab, die versuchen, vertriebene Menschen und Familien aufgrund ihres Status als Migranten, Immigranten und Flüchtlinge zu kriminalisieren, zu entmenschlichen oder zu bestrafen. Darüber hinaus verurteilen wir Versuche, vertriebene Menschen zu inhaftieren und sie unter unmenschlichen und unhygienischen Bedingungen festzuhalten. Wir wenden uns gegen Richtlinien, welche Familien auseinanderreissen, besonders indem Eltern von ihren minderjährigen Kindern getrennt werden, und wir lehnen profitorientierte Gefangenenlager für solche Zwecke ab.


Wer sich für Flüchtlinge einsetzen möchte, kann in St. Gallen und anderen Städten zum Beispiel an der Aktion "Beim Namen nennen" mitwirken. Sie findet vom 8. bis 9. Juni statt. Dabei wird an all die Menschen erinnert, denen auf der Flucht über das Meer das Leben genommen wurde. Weiter kann auch eine Petition an den Bundesrat unterschrieben werden. Ein Übersichtsflyer steht auch zur Verfügung. 

Übrigens: Die Sozialen Grundsätze sind in keiner Weise rechtlich verbindlich, sondern als Anleitung zu einer im Glauben an Christus begründeten Lebensführung zu verstehen. Ihre Geschichte begann vor mehr als 100 Jahren mit dem ersten Sozialen Bekenntnis, das durch die Bischöfliche Methodistenkirche formuliert wurde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 17. Mai 2022

Spurloses auf Fluchtspuren

Ein Zitat

Bildausschnitt aus der reformierten Zeitschrift bref zur Rubrik 'Kuratiert von Patrick Streiff'
Foto © Jörg Niederer
"Nicht alle schaffen den Weg..." Samuel, ein Flüchtling aus Biel

Ein Bibelvers - Psalm 77,17+20

"Die Wasser sahen dich, Gott. Die Wasser sahen dich und bebten... Durch das Schilfmeer führte dein Weg und dein Pfad durch gewaltige Wasser. Doch niemand hat deine Spuren erkannt."

Ein Anregung

"bref" heisst das Magazin der Reformierten. In jeder der Ausgaben stellt eine Person ein Kunstobjekt vor. Meist sind es Personen, welche schon beruflich viel damit zu tun haben. So wurde in der Ausgabe 2/2022 der künstlerische Leiter am Theater Gessnerallee in Zürich, Armin Kerber, für diese Rubrik "Kuratiert von..." angefragt. Und in der allerneusten Ausgabe ist es Köbi Gantenbein, der Verleger von Hochparterre, der Zeitschrift für Architektur und Design. 

Dazwischen, in der Ausgabe 3/2022, kuratiert einer, den man nicht dem Kunstbetrieb zuordnen würde. Bischof Patrick Streif zeigt ein Aquarell von Samuel, einem Flüchtling, den seine Frau und er in der methodistischen Gemeinde in Biel kennengelernt hatten. Wohltuend geht es in seinem Beitrag nicht um die Avantgarde der Kunst, sondern um einen Menschen, der seine oft schwierigen Erfahrungen mit dem Malen von Bildern verarbeitet.

Das im Heft vorgestellt Bild von Samuel ist ein Geschenk an den Bischof, und hängt nun in Ehepaar Streiffs Wohnung an der Wand. Es ist farbenfroh. Dazwischen finden sich Linien; die meisten - ja alle - ziehen sich nicht über die gesamte Breite des Aquarells. Samuel selbst erklärte es Patrick Streiff: "Das sind die Spuren der Flüchtlinge, die durch die Wüste und über das Meer ziehen... Nicht alle schaffen den Weg, darum verschwinden manche Spuren im Nirgendwo. Eine der Spuren gehört zu mir."

Genau diesen auf der Flucht "verschwunden" Menschen ist die Aktion "Beim Namen nennen" gewidmet. Mehr zur St. Galler Ausgabe findet sich auf dieser Webseite.


Bei den Methodistinnen und Methodisten in St. Gallen kann in dieser Woche jeweils von 14-20 Uhr die Ausstellung mit Fotos und Bildtafeln von Peter Frei besichtig werden. Am Mittwoch um 14.30 Uhr wird der Fotograf selbst anwesend sein, und Einblicke geben in sein Schaffen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 6. April 2024

Weissling gendern

Ein Zitat

Ein Grünader-Weissling sitzt neben einer Papageientulpe auf einem Efeu-Ehrenpreis.
Foto © Jörg Niederer
"Gendern: Macht es oder lasst es - aber regt euch bitte nicht auf!" Aus einem Beitrag in der Zeitschrift "Brigitte"

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte."

Eine Anregung

Der Grünader-Weissling ist ein sehr häufiger Schmetterling, auch Raps-Weissling genannt. Er trägt, wie so vieles, das Suffix "-ling". Überall, wo dieses Suffix angehängt wird, wird das Substantiv männlich. So kann es also sein, dass ein weiblicher Schmetterling mit einem männlichen Wort bezeichnet wird.

Oder nehmen wir das Adjektiv "schön". Mit dem Suffix -ling ergibt das "Schönling". "Die Frau ist ein Schönling!", kann man in der deutschen Sprache nicht sagen. Also muss auch eine weibliche Form her, zum Beispiel "Schönlingin". Klingt doof, gibt es aber. Belegt ist etwa "die Günstlingin" oder "die Lieblingin". Beim weiblichen Schmetterling könnten wir also von einer Grünader-Weisslingin sprechen. Nur, diese Redeweise ist doch etwas in die Jahre gekommen - sie stammt aus dem 18./19. Jahrhundert - was einmal mehr zeigt, dass die Sprache im steten Wandel ist.

In der Sprache versucht man immer auch, Wirklichkeit abzubilden, was meist nur ansatzweise gelingt. Das Gendern ist nichts anderes als ein Versuch, weniger ausgrenzend zu sprechen und zu schreiben. Was dabei herauskommt, klingt für viele seltsam, so wie es seltsam (in mehrfacher Hinsicht) klingen würde, wenn ich meiner Frau "Lieblingin" sagen würde. Aber falsch ist die Motivation dahinter nicht. Im Gegenteil, sie folgt einem zutiefst christlichen Gedanken: dass kein Mensch, kein Lebewesen, nichts Kreatürliches ausgeschlossen werden darf als Teil von Gottes geliebter Welt. Alles muss richtig benannt werden. Jedem Lebewesen den richtigen Namen, die richtige Bezeichnung. Damit zeigt man Respekt.

Und so gendere ich jetzt einmal frischfröhlich beim Schmetterling, von dem ich gerade nicht weiss, ob es Männchen oder Weibchen ist. Beim Flattermann oder der Flatterfrau auf dem Foto handelt es sich um ein:e Grünader-Weissling:in auf einer/einem Efeu-Ehrenpreis:in neben einer Papageientulpe. (Schon habe ich wieder ein Genderproblem. Es gibt in der deutschen Sprache nur "die Tulpe" und nicht "der Tulper". Stöhn!).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. Februar 2023

Möwe fotografiert, Bildband erhalten

Ein Zitat

"AVES VÖGEL Charakterköpfe" ist ein aussergewöhnliches Buch mit Fotos von Tom Krausz und Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere Tierliebe gilt heute den Individuen; aber darauf können wir uns nichts einbilden, das geschieht aus der Not." Professor Dietmar Schmidt in: Tom Krausz, Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni, "AVES VÖGEL Charakterköpfe", München und Hamburg 2020, S. 15

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19+20a

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte. Also gab der Mensch ihnen Namen..."

Eine Anregung

Weil ich unter den vielen tausend Lachmöwen die eine entscheidende fotografierte, wurde mir als Preis ein besonders schönes Buch überreicht. Ich hatte also Glück, dass ich genau den richtigen Vogel ablichtete. Einmalig war dieser Moment auch weil ich dort in Zürich an der Sihl wohl kaum wieder sagen könnte, welche Lachmöwe es gewesen war, die mir nun Lese- und Sehvergnügen bereitet mit einem Buch, in dem zwar viele Vögel vorkommen, aber keine Lachmöwen. 

Gut, auch mit dieser Möwe hätte es nicht eine solche Wendung genommen, wäre sie nicht just im rechten Moment auf dem Kopf eines Mannes gestanden. Es wäre wohl auch anders herausgekommen, hätte dieser Kopf nicht einem bekannten Journalisten und Buchautor gehört, einem überaus kreativen Vogelliebhaber. Nichts wäre aus dem Buch geworden, wäre das Foto von Urs Heinz Aerni – so heisst dieser Journalist – mit der Möwe auf dem Kopf nicht in einer grossen Zürcher Zeitung erschienen, was wiederum eine kleine Kettenreaktion an Verdankungen auslöste, beim Journalisten mit Wein und bei mir mit dem Bildband von Portraits gefiederter Charakterköpfen. 

Ich bin fasziniert von Tom Krausz' Fotografien. Geniale Tiere, genial festgehalten. Physiognomien, Gesichtszüge von grosser Eindringlichkeit, nicht farbig schrill wie ein Teil der Vogelwelt, sondern in klassischem Schwarzweiss, so dass die Formen, der Blick, die Strukturen offensichtlich Verborgenes erkennbar hervortreten lassen. Zu jedem abgebildete Vogel gibt es Texte von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni. Diese haben es in sich, es geht augenzwinkernd und philosophisch zu, Schwarzweiss gedruckt und doch weit mehr als Licht und Schatten. 

Dann wäre da noch auf einer der ersten Seiten diese Buches ein biblischer Bezug in den Gedanken von Professor Dietmar Schmidt zu entdecken. Er schreibt vom "adamitischem Reflex". Gemeint ist die "...Szene, in der Adam, der erste Mensch, die Tiere um sich versammelt, um ihnen Namen zu geben - und um im Akt der Benennung seine Herrschaft über das Tierreich zu proklamieren".

Wir Menschen haben einen Drang, alles zu ordnen und zu benennen. Auch einige Vögel, die Raben etwa, können in ihrer Sprache uns Menschen als Gattung von andern Tieren unterscheiden. Selbst zwischen Mensch und Mensch differenzieren sie, erkennen Gesichter, ordnen den Individuen Eigenschaften zu. "Sie sehen uns an..." schreibt Elke Heidenreich als Allererstes im Buch.

Individualisierung: In einer Mail habe ich Urs Heinz Aerni gefragt, ob die Möwe ihn schon vor dem Foto gekannt habe. Er antwortete (augenzwinkernd?): "...ja, der Vogel heißt Eduard".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 6. Mai 2025

Rapsfeld und Krieg

Ein Zitat

Ein Rapsfeld unter blauem Himmel beim Nussbaumersee steht in voller Blüte.
Foto © Jörg Niederer
"Selten ist in Europa überall Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus." Carl von Clausewitz (1780-1831)

Ein Bibelvers - 2. Petrus 1,2

"Ich wünsche euch Gnade und Frieden in immer größerem Mass. Sie werden euch zuteil durch die Erkenntnis Gottes und unseres Herrn Jesus."

Eine Anregung

Früher dachte ich mir nicht viel, wenn ich ein blühendes Rapsfeld unter blauem Himmel betrachtete. Heute kommt mir unweigerlich die Ukraine in den Sinn, und damit der Krieg, die Angst der Menschen in den Städten und an den Frontlinien. Ich denke an Schmerzen und Tod, an Gewalt und Zerstörung. Ich sehe vor dem inneren Auge Menschen, die dieses Elende verursacht haben, und deren Namen ich nicht nennen will; aber auch Freunde und Bekannte auf der Flucht und im Exil.

Wann wohl werde ich bei dieser Orgie in Gelb und Blau wieder unbeschwert dankbar sein können?

Beten wir für Frieden auf der ganzen Welt! Suchen wir den Frieden, wo immer er sich finden lässt!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen