Donnerstag, 31. Oktober 2024

Drei Hände

Ein Zitat

Ikone der Gottesmutter mit den drei Händen. Kopie, "geschrieben" von Hedi Fussenegger.
Foto © Jörg Niederer
"Wie Jesus durch Maria das Menschliche lernt, so lernt Maria durch ihren Sohn das Göttliche... Wir werden, was wir schauen." Peter Dyckhoff

Ein Bibelvers - Lukas 22,50+51

"Und einer von ihnen schlug nach einem der Männer, die dem Hohepriester unterstanden. Er hieb ihm das rechte Ohr ab. Aber Jesus sagte: 'Hört auf damit!' Er berührte das Ohr und heilte den Mann."

Eine Anregung

Ikonen werden geschrieben, nicht einfach so hingemalt. Das gilt auch für die Kopie der "Panagia Tricherusa", der Gottesmutter mit den drei Händen von Hedi Fussenegger, die im Verlauf eines Ikonen-Malkurses in St. Gallen entstanden ist. Das Original befindet sich heute im serbisch-orthodoxen Kloster Hilandar auf dem Berg Athos in Griechenland. Es ist eine der wichtigsten serbisch-orthodoxen Ikonen. 

Ursprünglich war die dritte Hand eine Votivgabe. Sie ist unten links auf dem originalen Heiligenbild befestigt.

Der Legende nach zugeschrieben wurde die Ikone und die dritte Hand dem heiligen Johannes von Damaskus (650-754). In der Folge des Bilderstreit soll ihm als Verteidiger der Ikonen von einem Kalifen oder bilderfeindlichen (ikonoklastischen) Kaiser die rechte Hand abgehackt worden sein. Bei der Meditation vor dem Ikonenbild der Gottesmutter sei sie ihm wieder nachgewachsen. Auf dieses Geschehen verweist die dritte Hand auf der Ikone.

Interessant finde ich auch eine weitere Legende zur Panagia Tricherusa. Im Kloster Hilandar soll die Ikone auf wundersame Weise immer wieder von ihrem Platz auf dem Altar auf den Stuhl des Abts gewandert sein, bis sie von den Mönchen als Abt anerkannt wurde. Noch heute gibt es in diesem Kloster keinen (anderen) Abt.

Auch ein anderer Heiliger wird mit drei Händen dargestellt: Der heilige Kasimir (1458-1484), dessen Reliquien im Dom von Vilnius zu finden sind. Die eine seiner zwei rechten Hände wollte der Künstler einst übermalen. Doch sie sei immer wieder von neuem sichtbar geworden, und konnte auch in der Folge nicht überdeckt werden. Heute steht seine dritte Hand symbolisch für die Grossherzigkeit des gerechten Heiligen.

Ich habe mich auch wieder an ein Mural des Streetart-Künstler "Dome" erinnert, das ich fast jeden Tag beim Überqueren des Frauenfelder Bahnhofsplatzes betrachten kann (Siehe Beitrag vom 11. August 2023!). Dort stellt der Künstler ein doppeltes Mädchen mit überzähligem Arm dar. Vielleicht ist dieser dritte Arm nicht nur eine Anspielung auf durch künstliche Intelligenz erzeugte überzählige Elemente auf gefälschten Bildern, sondern auch eine Hinweis auf die "Panagia Tricherusa", die dreihändige Muttergottes. So gesehen hätte der Künstler mit seinem Mural der Frauenfelder Bevölkerung ein eigenwillig interpretiertes religiöses Fresko untergejubelt, in einer Zeit, in der Christliches immer mehr aus dem öffentlichen Raum verschwindet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 30. Oktober 2024

Arbeiten und Zuschauen

Ein Zitat

Müllabsaugung bei den Bushaltestellen in der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Müll ist die Pest eines überverpackten Zeitalters." Fritz P. Rinnhofer (1939 - 2020), Marketing- und Verkaufsmanager

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,19

"Im Schweiße deines Angesichts wirst du Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst. Denn aus ihm bist du gemacht: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück."

Eine Anregung

Das ist ein Foto zur Aussage: "Arbeiten ist schön, ich könnte stundenlang zuschauen". Allerdings ging die Müllabsaugung und Reinigung der Müllsammler ausgesprochen speditiv, so dass die Haltestelle in St. Gallen früh am Morgen schnell wieder ihrem eigentlichen Zweck überlassen werden konnte: Dem Einsammeln von Passantinnen und Passanten zum Abtransport per Bus.

Ich will heute besonders für die städtischen Angestellten beten, welche dafür sorgen, dass Mülleimer nicht überquellen und die Strassen und Gehwege sauber daherkommen.

Gott sei Dank für die "Müllfrauen" und "Müllmänner"!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 29. Oktober 2024

Geben und Nehmen

Ein Zitat

Am Erntedankfest bringen Menschen Früchte und Gemüse auf mit und legen sie auf den Altartisch.
Foto © Jörg Niederer
"Geben macht reich, festhalten arm." Eva von Tiele-Winckler (1866-1930), Gründerin des Diakonissenhauses "Friedenshort"

Ein Bibelvers - Sprüche 21,13

"Wer sein Ohr vor dem Hilferuf eines Armen verschließt, der erhält auch keine Antwort, wenn er selbst ruft."

Eine Anregung

Das Leben besteht aus Geben und Nehmen. Zu einigen Zeiten überwiegt das Nehmen. Doch immer ist da auch ein Geben mit dabei. Das Kleinkind zeigt durch Lebensfreude und Lachen, wie sehr es das Geben der Eltern schätzt. Über lange Zeit geben wir im Beruf unsere Expertise und unsere Arbeitskraft, manche geben auch alles, damit wir Anteile in Form von Lohn zurückbekommen. 

Geben und Nehmen ist nicht fair verteilt. Manche nehmen sich unglaublich viel heraus, andere geben mehr, als sie verkraften können.

Es ist eine Kunst, Geben und Nehmen in ein Gleichgewicht zu bringen. Besonders in reichen Ländern ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, zu geben. Auf Reisen nehmen wir die Gastfreundschaft anderer Kulturen natürlich in Anspruch. Aber sind wir selbst in gleicher Weise gastfreundlich? Wir konsumieren über das Weltverträgliche hinaus. Andere überleben gerade so mit dem, was ihnen gelassen wird.

Das Austeilen der Starken sieht anders aus als das Geben der Schwachen. Letztere haben kaum Chancen, sich an den Fleischtöpfen der Welt satt zu essen. Dort schmausen die Starken bis sie nicht mehr genug bekommen können.

Es ist eine Kunst, Geben und Nehmen in ein Gleichgewicht zu bringen. Das wusste man schon immer. Schwer ist es für Menschen, die weniger als genug haben. Schwer ist es für Menschen, die mehr als genug haben.

Geben und Nehmen ist eine alltägliche Übung, die uns nicht selten überfordert; bestimmt aber fordert sie uns heraus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 28. Oktober 2024

Schnecken - mehr als Delikatessen

Ein Zitat

Haarschnecken haben sich unter einem herbstlichen Blatt versteckt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Spirale steht für Ewigkeit. Sie kann ins Unendliche weitergezogen werden. Selbst im Universum ist dies Form zu finden. Wir leben auf einem Planeten in einer Spiralgalaxie." Aus der Predigt "Schneckengleichnisse"

Ein Bibelvers - Römer 1,20

"Denn sein [Gottes] unsichtbares Wesen ist seit der Erschaffung der Welt erkennbar geworden – und zwar an dem, was er geschaffen hat. Es ist seine ewige Macht und seine Göttlichkeit."

Eine Anregung

Ich komme noch einmal auf Schnecken zu sprechen. Das für mich aktuell schönste Foto von Schnecken ist per Zufall entstanden. Auf einer Wanderung habe ich innegehalten, und dabei drehte ich, ohne es zu wollen ein Herbstblatt um. Eine winzigkleine Haarschnecke hatte sich darunter versteckt. Erst zuhause bemerkte ich dann auch noch das zweite Exemplar an diesem herbstlichen Blatt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie von Haarschnecken gehört. Wie schön, dass es in Gottes Natur immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, selbst im Herbst (des Lebens).

Ein Nachtrag zum Erntedank-Gottesdienst über Schnecken von gestern in der Methodistenkirche St Gallen. Heute entdeckte ich zufällig einen SRF-Beitrag aus der Serie "Unsere wilden Freunde" (Dokumentationen in anderen Landessprachen) über Schecken aus dem Jahr 2020. Der Beitrag in französischer Sprache ist deutsch untertitelt und bietet sehr interessante Einblicke in das Leben unserer Mollusken.

Wer lieber meine Predigt "Schneckengleichnisse" nachlesen möchte, kann das auf der Webseite der EMK St. Gallen tun.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 27. Oktober 2024

Erntedank mit Schnecken

Ein Zitat

Baby-Schnecke auf Maschendrahtzaun.
Foto © Jörg Niederer
"Schnecken bevorzugen sterbende (welke) und tote Pflanzen. Wie die meisten Vegetarier können auch sie grüne Pflanzen, die hauptsächlich aus Wasser und Zellulose bestehen, nicht selbst verwerten" Quelle: Naturmuseum Olten

Ein Bibelvers - Psalm 148,7.9+10

"Von der Erde her – lobt den Herrn... Lobt ihn, ihr Berge und Hügel, ihr Obstbäume und Zedernwälder, ihr Raubtiere und alles Vieh, ihr Kriechtiere und gefiederten Vögel."

Eine Anregung

Am Erntedankfest eine Predigt über Schnecken! Das löst erst einmal Befremden aus bei den Personen, denen ich es erzähle. Sind das nicht die Tiere, welche Ernten vernichten und unser Gemüse fressen?

Meist denken die Personen dabei an die Spanische Wegschnecke (Siehe Beitrag vom 19. Oktober). Aber es gibt in der Schweiz 254 einheimische Arten. Davon sind 51 im Wasser zuhause. 168 Arten gehören zu den Gehäuseschnecken und 35 sind Nacktschnecken. Die überwiegende Zahl dieser Schnecken sieht man kaum einmal in einem Gemüsegarten oder auf einem Gemüsefeld. Viele von ihnen stellen sogar den Schädlingen unter den Schnecken nach. So frisst die Weinbergschnecke die Eier der Spanischen Wegschnecke. Der Tigerschnegel jagt sie sogar und frisst sie auf.

Bei der Humusbildung erfüllen Schnecken, genauso wie die Würmer, wichtige Aufgaben bei der Zersetzung von organischem Material.

Was aber noch entscheidender ist: Die Bibel sieht auch in umstrittenen Tieren Geschöpfe Gottes. Schon das ist Grund, ihm auch für dieses kriechende Getier zu danken.

Eben zum Beispiel beim Erntedankfest, heute um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6. Anschliessend offerieren die Kinder ihre selbst gekochte Suppe. Alle sind herzlich eingeladen.

Übrigens: Wer nun einmal selbst Schnecken der Schweiz bestimmen möchte, kann das tun auf der Webseite Schneckenchecken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 26. Oktober 2024

Himmel-Hölle, evangelisch gelesen

Ein Zitat

Fresko von Lombardo und Cristoforo da Seregno im Oratorium von Morcote.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere Sprache ist eindringlich, wenn unser Tun redet. Ich beschwöre euch daher: lasst doch euren Mund verstummen und eure Taten reden." Antonius von Padua (1195-1231)

Ein Bibelvers - Lukas 5,10

"Jesus sagte zu Simon: 'Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!'"

Eine Anregung

Auf halbem Weg hinauf zur Kirche von Morcote steht ein Gebetshaus an einem alten Saumpfad nach Lugano. Es gehörte wohl einst zu einem Hospiz der Mönche des Antonius. Im Inneren findet sich das hier abfotografierte Fresko, Mitte des 15. Jahrhunderts geschaffen von Lombardo und Cristoforo da Seregno. Es handelt sich wohl um ein Ablassbild, das für ein Fischerdorf sehr passend die Verstorbenen zeigt, wie sie in den Netzen der Teufel festhangen und dort auch herausgerettet werden können durch die Gaben der Lebenden. So steht in der Kapelle auch ein Kasten, in dem "Almosen für die Seelen im Fegefeuer" eingeworfen werden können.

Auch als Allegorie des Jüngsten Gerichts kann dieses Werk gelesen werden, oder als Kampf von Himmel und Hölle um die Seelen der Verstorbenen.

Mir als evangelischem Christ kommt sofort auch die Metapher von den Menschenfischern in den Sinn. Simon Petrus, der Fischer, wir mit dieser Beauftragung von Jesus in seine Nachfolge gerufen.

Es bräuchte nur wenig Änderungen am Fresko für diese Leseart. Die Dämonen wären in meinem Bild ausgetauscht gegen die Fischer-Jünger Jakobus, Johannes, und Simon Petrus. Diese halten kein Fang- sondern ein Rettungsnetz in den Händen, an dem sie Menschen aus dem Abgrund ihrer Verstrickungen herausretten. Schlussendlich werden die Geretteten durch Engel voller Freude dem Himmel entgegengetragen, ganz im Sinn von Lukas 15,7: "Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern."

So also sähe mein gedanklicher Minibildersturm aus: Befreit von den Dämonen. Ach ja, und Gott würde bei mir auf dem Fresko auch nicht aussehen wie Maharishi Mahesh Yogi, diesem 2008 verstorbene indische Guru vom Seelisberg.

Wie Gott bei mir aussehen würde? Schwierige Frage!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 25. Oktober 2024

Wohin geht die Reise?

Ein Zitat

Ein Personenzug hat den Bahnhof Lugano durchfahren in Richtung Norden.
Foto © Jörg Niederer
"Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige." Lucius Annaeus Seneca (gestorben 65 n. Chr.)

Ein Bibelvers - Sprüche 14,15+16

"Unerfahrene Menschen glauben jedes Wort. Ein Kluger aber überlegt jeden seiner Schritte. Der Weise ist vorsichtig und meidet Gefahr. Der Dumme verrennt sich und fühlt sich sicher."

Eine Anregung

Ich setze mich in ein leeres Abteil. Gegenüber, auf der anderen Seite des Mittelgangs, sitzt ein etwas seltsam gekleidete Frau mit einem Einkaufswagen. Sie schaut mich neugierig lachend an, ja mustert mich, und fragt dann: "Sind sie am Wandern?" Meine etwas flapsige Antwort: "Bis jetzt noch nicht. Aber es wird dann schon noch irgendwohin gehen." Darauf meint sie trocken: "Ja, irgendwohin geht es immer!"

Später will sie mich dann noch mit einer hinzugestiegenen älteren Frau verkuppeln. Aber das ist eine andere Geschichte. 

"Ja, irgendwohin geht es immer!" Diese Aussage hat mich bis heute begleitet. "Irgendwohin geht es immer." Aber wohin geht es? Wohin führt mein Lebensweg? Wohin führt der Weg jener Frau? Irgendwohin, das ist ja klar. Aber auch dahin, wo sie und wo ich hin wollen? 

"Irgendwohin geht es immer." Später an diesem Tag bin ich dann an dem Ort vorbeigekommen, an dem meine Vorfahren zuhause waren. Das Woher wäre damit geklärt. Das Wohin ist noch offen. Ich bin gespannt. Ich weiss ja jetzt: "Irgendwohin geht es immer."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 24. Oktober 2024

Auf dem Kastanien-Kreuzweg

Ein Zitat

Eine kreuzförmig aufgeplatzte Edelkastanie.
Foto © Jörg Niederer
"Wie seltsam kreuzen sich doch die Wege des Lebens!" Hans Christian Andersen (1805-1875)

Ein Bibelvers - Lukas 23,26

"Die Soldaten führten Jesus zur Hinrichtung. Unterwegs hielten sie Simon von Kyrene an, der gerade vom Feld zurückkam. Sie luden ihm das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrug."

Eine Anregung

Wer mit der Absicht hinausgeht, um Kreise zu entdecken, wird nach kurzer Zeit feststellen: Es gibt sie überall. Fenster, Bälle, Kugeln in Skulpturen, Eicheln und ihre Kelche, Kürbisse, Äpfel, die Sonne am Himmel, der Mond, der Buchstabe O, auch Tische in Gaststätten. 

Wer mit der Absicht hinausgeht, um Kreuze zu entdecken, wird nach kurzer Zeit feststellen: Es gibt sie überall. Natürlich Wegkreuze und die Kreuze auf Kirchtürmen; aber auch durch die Anordnung von Fenstern gebildete Kreuze, dann die Kreuze zwischen den Pflastersteinen, der Schlitz der Kreuzschrauben, die Schwerter in den Händen der Helden auf dem Kriegsdenkmal, die Strassenkreuzungen, das Schweizerkreuz auf den Flaggen, die Musterung auf der Kreuzspinne, der kreuzförmige Kreuzkümmel, die Kreuzanhänger um den Hals der Passanten, die Tätowierung am Hinterkopf des Vordermannes. Selbst die Früchte der Edelkastanien zerplatzen kreuzförmig.

Heute lade ich dich ein, einmal aufmerksam durch den Tag zu gehen und nach Sternen zu suchen, ja nach den Sternen zu greifen, dort wo es dir möglich ist.

Ich kann damit zu Hause beginnen. Da stehen die ersten Zimtsterne auf dem Tisch, eingeschlagen in adventlich bedrucktem Cellophan. Nur irgendwie schmecken sie noch nicht so recht nach Weihnachten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 23. Oktober 2024

Kerzenleuchten

Ein Zitat

Eine junge Frau zündet in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano eine Gebetskerze an.
Foto © Jörg Niederer
"Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft! / So scheint die gute Tat in arger Welt." William Shakespeare (1564–1616)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,3

"Gott sprach: 'Es soll Licht werden!' Und es wurde Licht."

Eine Anregung

Einfache Rituale. Vieles an Kirchen funktioniert nicht mehr. Aber so eine Kerze anzünden, das geht noch. Vielleicht verbunden mit einem Gebet. Vielleicht auch nicht. Ein stilles Tun. Selbst dann, wenn es im Menschen schreien sollte. Wie heissen jene, für die die Kerzen flackern? Was erwarten die, welche so an sie denken? 

Einfache Rituale. Vielleicht verbunden mit einem Versprechen. Vielleicht auch Sinnbild der Leere. Vielleicht ein Dank, der da im Halbdunkel lichtelt.

Ich stelle mir vor: Da kommt einer, und bläst die Kerzen alle aus, als stünden sie auf einer Geburtstagstorte. Sind dann auch die Gebete, Versprechungen und die Leere wie weggeblasen?

Ich stelle mir vor, dass ich sitzen bleibe, bis meine Kerze erlischt. Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf? Worauf achte ich? Welche Gefühle und Bilder überfallen mich?

Ich kneife die Augen zusammen. Die Flammen werden zu unsteten Sternen. Ich starre durch sie hindurch, bis jedes Licht zweimal leuchtet. Hindurchsehen durch alle Sorgen. Hindurchsehen, durch das Vordergründige. Den Durchblick bekommen, das möchte ich.

Und wieder tritt jemand hinzu, entfacht eine weitere Kerze. Sie leuchtet. Darauf kommt es an. Dass Licht werde. Wie am jüngsten Tag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 22. Oktober 2024

Grill den Lorenzo

Ein Zitat

Fresko des heiligen Laurentius in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Dreht mich um auf die andre Seit, denn auf dieser bin ich schon so weit." St. Laurentius von Rom (gestorben 258 n. Chr.)

Ein Bibelvers - Markus 10,21

"Jesus sah ihn an. Er gewann ihn lieb und sagte zu ihm: 'Eins fehlt dir noch: Geh los, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. So wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir!'"

Eine Anregung

Die Kathedrale San Lorenzo in Lugano trägt den Namen dieses Heiligen. Da müsste ein Fresko oder eine Plastik oder ein Bild vom Heiligen Laurentius doch auch in besagter Kirche zu finden sein. Nun, ich glaube, dass es sich bei diesem abfotografierten Fresko um besagten christlichen Märtyrer handelt. Zumindest passen einige der noch sichtbaren Attribute ganz gut zum Heiligen, wenn auch das eindeutigste, der Eisenrost, nicht mehr zu erkennen ist. Weiter habe ich St. Laurentius noch in einem kleinen, zentralen, runden Bild an der Kathedralendecke ausgemacht, dort mit besagtem Rost.

Die Heiligenlegende erklärt, was es mit diesem Eisengitter auf sich hat.

Der Heilige Laurentius lebte zur Zeit des römische Kaisers Valerian. Diesen gelüstete nach den Kirchenschätzen, und so liess er Papst Sixtus II. enthaupten. Dann rief er den Archidiakon Laurentius zu sich und verlangte von diesem die Herausgabe des Kirchenschatzes. Laurentius bat um drei Tage Bedenkzeit, ging in die Schatzkammer, holte das Kirchenvermögen hervor und verteilte es an die Mitglieder der christlichen Gemeinde von Rom (nach anderer Quelle an die Armen). Mit einer Schar von Armen, Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen trat er wieder vor Kaiser Valerian und bezeichnete seine Begleitung als "den wahren Schatz der Kirche". Kaiser Valerian war nicht erfreut und liess ihn foltern und schlussendlich auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Die letzten Worte von Laurentius an den Kaiser sollen gelautet haben: "Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein."

Logisch also, dass man St. Laurentius auf Darstellungen am sichersten am Eisenrost identifiziert, sofern dieses Attribut noch zu erkennen ist. 

Bei der Recherche zum Heiligen bin ich auf ein Bier gestossen, das nach St. Laurentius benannt ist. Der Märtyrer sei auch der Schutzheilige der Brauer, so heisst es auf der Webseite der Bülacher St. Laurentius Craft Beer Brauerei. Laurentius ist in Bülach Stadtheiliger. Auf dem Wappen der Stadt ist denn auch der Eisenrost abgebildet. Nun wissen wir also, wo der Eisenrost hingekommen ist, der dem Laurentius in der Kathedrale San Lorenzo in Lugano fehlt. Die Bülacher haben ihn.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 21. Oktober 2024

Seeadler im Thurgau

Ein Zitat

Am Hugiweiher bei Frauenfeld pausiert ein einjähriger Seeadler auf seinem Zug.
Foto © Jörg Niederer
"Wer will dem Adler die Bahn vorschreiben, wenn er die Schwingen entfaltet und stürmischen Flugs sich zu den Sternen erhebt?" Georg Büchner (1813-1837)

Ein Bibelvers - 2. Mose 19,3+4

"Da rief ihm der Herr vom Berg aus zu: 'Sag es dem Haus Jakob! Verkünde es den Israeliten: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe. Euch aber habe ich wie ein Adler auf Flügeln getragen und hierher zu mir gebracht.'"

Eine Anregung

Seit zwei Tagen kann am Hugiweiher bei Frauenfeld ein Seeadler beobachtet werden. Statistisch schwanken dessen Sichtungen in der Schweiz zwischen keinem bis 3 Tieren pro Jahr. In Frauenfeld ist es die allererste Beobachtung des grössten europäischen Greifvogels.

Der Adler ist nicht beringt. Er kommt somit nicht aus der französischen Zuchtstation am Genfersee. Heute Morgen habe ich mir dieses beeindruckende Wildtier angesehen können.

Solche besonderen Beobachtungen ziehen immer viele Vogelkundlerinnen und Vogelkundler an. Es ist also gerade einiges los rund um den Hugiweiher.

Seeadler sind mit einer Flügelspannweite von bis zu  2,4 Metern deutlich grösser als der bei uns oft zu sehende und auch schon beachtlich grosse Rotmilan. Seine Hauptnahrung sind bis fünf Kilogramm schwere Fische, aber auch Vögel und Säugetiere bis zur Grösse einer Graugans. Für die Berufsfischerei sind Seeadler nützlich, weil sie für Unruhe unter den Kormoranen sorgen. Der Seeadler in Frauenfeld ist wohl etwa einjährig und auf dem Zug in den Süden ans Meer oder zu einem bewaldeten See.

Beim Betrachten dieses eindrücklichen Vogels verstehe ich, warum Adler in der Bibel immer wieder in positiver Weise für Gottes Kraft und Stärke steht, aber auch für Kraft und Vitalität der Menschen, die durch Gottes Eingreifen bewirkt wird. (Psalm 103,5).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 20. Oktober 2024

Saftige Beute

Ein Zitat

Blässhuhn auf dem Ägelsee bei Frauenfeld mit Apfel.
Foto © Jörg Niederer
"Fällt der Apfel reif ins Maul, dann beiss zu und sei nicht faul." Redensart

Ein Bibelvers - Hohelied 7,9

"Ich denk: Auf die Palme will ich klettern, nach ihren süßen Früchten will ich greifen. Deine Brüste sind wie Weintrauben für mich. Dein Atem duftet wie frische Äpfel."

Eine Anregung

Gewusst habe ich es nicht, dass Blässhühner auch an Äpfeln Freude finden. Bis ich auf dem Ägelsee diese Szene beobachten und in einem kurzen kurzen Filmchen festhalten konnte.

Dem Blässhuhn war es ernst. Sobald ein anderer Vogel in seine Nähe kam, spiesste es den Apfel auf und trug ihn davon. Saftige Beute teilt man nicht.

Heute Sonntag wünsche ich allen auch saftige Beute oder etwas Ebenbürtiges. Das könnte ja auch bei einem Besuch in der Kirche der Fall sein. Wer weiss, vielleicht ist die Predigt so süss wie ein bekömmlicher Apfel!

Den kurzen Film mit dem Blässhuhn und dem Apfel gibt es hier zu sehen. Danke, wenn ihr ihn liked oder kommentiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 19. Oktober 2024

Ich mag dich (nicht)

Ein Zitat

Eine Spanische Wegschnecke auf einem Kiesweg.
Foto © Jörg Niederer
"Das Gute bewegt sich wie eine Schnecke, aber das Übel hat Flügel." Sprichwort aus Indien

Ein Bibelvers - Psalm 58,9

"Sie [Frevler und Mächtige] sollen wie eine Schnecke im Schleim zerfließen."

Eine Anregung

Die Spanische Wegschnecke ist die bei Gärtner:innen wohl unbeliebteste Schnecken überhaupt. Sie kann massive Schäden anrichten an Kulturpflanzen. Daran ist der Mensch aber auch zu einem grossen Teil selbst schuld. Erstens wurde die Spanische Wegschnecke bei uns als "blinde Passagierin" in Lieferungen von landwirtschaftlichen Produkten und/oder durch den Tourismus eingeschleppt. Zweitens hat man die Kulturpflanzen von Stoffen freigezüchtet, welche diese Schneckenart meidet. In Wildpflanzen sind diese Stoffe noch enthalten, folglich zieht die Schnecke unser Gemüse vor und lässt es sich gut gehen in den Schrebergärten. 

In der Schweiz werden erste Vorkommen dieser Schnecke seit 1956 vermutet. Da sie aber kaum zu unterscheiden ist von weiteren 50 Arten der Wegschnecken, weiss man das nicht so genau.

Würde die Spanische Wegschnecke nicht gelegentlich in grosser Zahl auftreten und dann alles fressen, was so in einem gepflegten Blumen- und Gemüsegarten wächst, wäre sie sogar nützlich. Denn sie frisst auch Ass und Pflanzen, und beschleunigt so die Bildung von neuer Erde. Selbst tote Artgenossen werden dabei nicht verschmäht.

In der Bibel wird die Schnecke wortmalerisch "shablul" genannt und kommt nur an einer Stelle vor, im Psalm 58,9. Dort ist sie ein Bild für die Selbstzerstörung der Mächtigen und Ungerechten. Man dachte wohl, dass die Schnecke sich zusehends in Schleim auflöst, bis nichts mehr von ihr übrig bleibt.

Der Schneckenschleim wird seit einigen Jahren auch in der Kosmetik als Antiaging verwendet. Er soll die Haut fein, straff und jugendlich halten. Tröstlich also, dass das Tier, das uns das Gemüse wegfrisst, wenigsten für eine gepflegtes Aussehen sorgt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 18. Oktober 2024

Stillstand

Ein Zitat

Ein winzigkleiner, filigraner Pilz, wohl ein Helmling, wächst im Güttinger Eichenwald.
Foto © Jörg Niederer
"Wir müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen." Mahatma Gandhi (1869-1948)

Ein Bibelvers - Psalm 62,2

"Bei Gott schweigt meine Seele still. Von ihm kommt die Hilfe, die ich nötig habe!"

Eine Anregung

Ich habe das kleine weisse Pünktchen auf dem sonst von Brauntönen domminierten, lichtarmen Waldboden nur gesehen, weil ich stehen geblieben bin. In der Dynamik des Wanderns wäre mir der kleine Pilz, wohl ein Helmling, nie aufgefallen.

Tags zuvor bin ich wieder einmal auf einer der wenigen Hochgeschwindigkeitsstrecken der Schweiz mit annähernd 200 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Während die Welt im Bahnwagon, da wo wir sassen, sich kaum veränderte, entschwand das Draussen zusehends der Wahrnehmung. Unglaublich viele Dinge wurden, wie schon Reinhard Mey sang "nichtig und klein". So war es nicht weiter schlimm, dass die Bahn lange Zeit durch die Dunkelheit eines Tunnels raste und keine Blicke freigab auf das Sein und Vergehen da draussen.

Nun frage ich mich: Reicht es, das Grosse und Ganze zu sehen? Reicht es, mit meist beachtlicher Geschwindigkeit unsere Wege zurückzulegen? Bei der Einführung der Bahn diskutierte man noch, ob die "hohe" Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometer nicht lebensbedrohlich sei für den menschlichen Körper, der dazu doch gar nicht geschaffen sei. Heute scheint mir, dass wir in anderer Weise uns und die Welt der Geschwindigkeit opfern. Vor lauter Übersicht sehen wir die feinen und filigranen Zusammenhänge nicht mehr. Wir eilen am Leben und seiner Vielfalt vorbei. Diese wird in unseren menschlichen Augen denn auch immer gleichgültiger. Es kommt nicht mehr darauf an, dass dieser kleine Pilz noch da ist; weil wir ihn schon gar nicht mehr sehen. Die Flasche, aus dem fahrenden Auto geworfen, wird von den Personen im Fahrzeug nicht mehr gesehen. Für den Bauern, auf dessen Weide sie zerschellt ist, oder für die Passantin, die auf dem Spaziergang daran vorüber geht, sind ihre Scherben dagegen sichtbar und ärgerlich, mitunter sogar gefährlich. 

So gesehen sind Staus auf den Strassen ein Segen. Sie unterbrechen unsere Bewegung und lassen uns den Ort und unsere wirklichen Bedürfnisse wenn nicht erkennen, so doch wenigsten erahnen. Da sehen wir dann diese hässlichen Strassenränder, die wir mit unserer Mobilität verbrochen haben, spüren unsere Launen, und in manchen Situationen den Harndrang fern einer Toilette (eine weitere Sache, zu der man besser still steht oder still kauert).

Still stehen. Still sein. Sehen. Hinhören. Riechen. Spüren. Das ist es, was wir wohl mehr denn je brauchen.

Wir benötigen Stillstand.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 17. Oktober 2024

Pettirosso e Castagno dolce

Ein Zitat

Das Wappen der Gemeinde Sorengo bei Lugano, Tessin.
Foto © Jörg Niederer
"Der Kastanienbaum ist sehr warm, hat aber doch grosse Kraft, die der Wärme beigemischt ist, und er bezeichnet die Weisheit. Und was in ihm ist und auch seine Frucht ist sehr nützlich gegen jede Schwäche, die im Menschen ist." Hildegard von Bingen (1098-1179)

Ein Bibelvers - Jesaja 32,16

"Im ganzen Land herrschen Recht und Gerechtigkeit: Das Recht ist in der Wüste zu Hause und die Gerechtigkeit im fruchtbaren Land."

Eine Anregung

Ausgesprochen passend ist das Wappen von Sorengo. Die Gemeinde in Nachbarschaft zu Lugano wird darauf durch einen stilisierten Edelkastanienbaum dargestellt, umgeben von vier Vögeln, welche unschwer als Rotkehlchen zu erkennen sind.

Selven gehören zum Tessin. Die Esskastanie war der Brotbaum der Südschweiz. Jetzt im Herbst finden an verschiedenen Orten der Region Erntefeste statt, die nach dieser süssen und essbaren Kastanie benannt sind. Die Anlässe heissen Sagra della Castagna oder Castagnata oder Festival della Castagna.

Das Tessin steht auch wie kein anderer Kanton der Schweiz für Sonne. Im Wappen von Sorengo hat der Kastanienbaum denn auch eine sonnige Gestalt mit strahlenförmig angeordnete Blätter.

Unzweifelhaft ist dieser Landesteil gut beschrieben mit der Farbe "grün". Wälder, Gärten, Parks und Kulturland erzählen in allen Schattierungen von grosser Fruchtbarkeit.

Seit diesem Jahr ist auch das Rotkehlchen, oder wie es auf italienisch heisst, "il pettirosso" mein Charaktervogel des Tessins. Überall war es in diesem Herbst zu hören und gelegentlich auch zu sehen. Wir waren an nicht einem Ort, an dem der kleine Vogel mit der roten Brust nicht sein Lied gesungen hätte. Die Rotkehlchen gehören für mich nun untrennbar zum Tessin, mehr noch als der Hausrotschwanz, der aktuell ebenfalls in noch grösserer Zahl angetroffen werden kann als die allgegenwärtigen Touristen.

So gesehen hat der Ort Sorengo bei der Beschreibung der Tessiner Lebenswelt mit seinem Wappen sprichwörtlich "den Vogel abgeschossen".

Übrigens: Wusstest du, dass es für die Stadt Zürich eine Stadtkarte der öffentlich zugänglichen Edelkastanienbäume gibt: https://www.stadtzuerchermaroni.ch/.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 16. Oktober 2024

Mein erster Heiratsantrag

Ein Zitat

Aussicht vom Monte Brè.
Foto © Jörg Niederer
"Einzeln sind wir Worte, zusammen ein Gedicht." Georg Bydlinski

Ein Bibelvers - Sprüche 18,22

"Wer eine Frau gefunden hat, hat das Glück gefunden. Der Herr hat’s gut mit ihm gemeint." (Gilt natürlich auch anders herum: "Wer einen Mann gefunden hat...")

Eine Anregung

Der Monte Brè wird gerade von der SBB als Berg mit der schönsten Aussicht beworben. Abschliessend zu unserer Zeit in Lugano bestiegen wir ihn und fanden uns mit einem Mal in einer zauberhaften Situation. Es war mein erster Heiratsantrag, den ich..., aber lest doch einfach weiter. 

Paare habe ich ja schon das eine oder andere Mal getraut, einzelne Personen auch schon mehrfach. Aber das hier war etwas anderes. Oben, etwa an dem Ort, an dem man die Aussicht geniessen kann über das Ristorante auf den Luganersee und die Berge, liess sich ein junges Paar von einer älteren Frau ablichten. Soweit nichts Aussergewöhnliches.

Nachdem die Frau, wohl eine Touristin wie wir, gegangen war, fragte mich der junge Mann unvermittelt, ob ich ihn und seine Begleitung mit seinem Mobiltelefon filmen könne. Ich willigte ein. Erst standen sie Arm in Arm da, doch der junge Mann begann in einer Tasche zu nesteln und kniete sich dann unvermittelt in bekannter Haltung nieder. Jetzt wussten alle Bescheid. Einen Augenblick fürchtete ich, die Filmaufnahme könne eventuell aus irgend einer Fehlmanipulation heraus nicht begonnen haben. Doch alles war gut. Und so filmte ich erstmalig einen Heiratsantrag, einen der hoffentlich bleibendsten Erinnerungen des jungen Paars, da wo die Tessiner Aussicht am Schönsten ist. Den Ring an ihrem Finger habe ich dann auch gesehen, und ja, die Braut hat ja gesagt. Also vorerst und hoffentlich für die nächsten 60 Jahre alles gut und Grund zu grosser Freude.

Unten in Lugano meinte dann Sabine, nun könne ich mich ja den dort zahlreichen Liebespaaren anbieten als Filmer ihres Trauantrags. So im Sinn: "Warum filmen wir nicht gleich jetzt euren Heiratsantrag, ich wäre dazu bereit, habe ich doch gerade mein Gesellenstück dazu abgeliefert."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 15. Oktober 2024

Engstellen

Ein Zitat

Die Seeenge von Lavena ist an der schmalsten Stelle 20 Meter breit. An keinem anderen Ort ist der Luganersee schmaler.
Foto © Jörg Niederer
"Jede Bedrängnis ist nur ein Engpass zu einer Weite." Josef Müller

Ein Bibelvers - Psalm 31,9

"Du hast mich nicht dem Feind überlassen. Du hast mir weiten Raum gegeben, wo ich mich frei bewegen kann."

Eine Anregung

Der Monte Caslano liegt südlich des Flughafens Agno, etwa auf Höhe vom Grenzort Ponte Tresa. Vor etwa 10.000 Jahren war er noch eine Insel, bis die Magliasina mit ihrem Geschiebe den nördlichen Teil zwischen damaligem Ufer und Insel aufschüttete und so Raum schuf für den heutigen Ort Caslano. Das Besondere am Monte Caslano ist aber etwas anderes: Die südwestlich vom Berg gelegene Seeenge von Lavena. Der Luganersee ist dort mit 20 Metern so schmal wie an keinem anderen Ort. Früher gehörte der Berg und das Umland zu Mailand. Heute verläuft mitten durch die Seeenge die Landesgrenze zwischen Italien und der Schweiz, wobei die natürliche Wasserstrasse nach dem italienischen Ort benannt ist.

Engstellen führen dazu, dass man sich von beiden Seiten nahe kommen kann. Aber sie können auch einengen. Das Schöne an Seeengen ist, dass sie in die Weite führen.

Wie ist das, wenn du dich eingeengt erlebst? Sind es die Vorzeichen kommender Entfaltung und Weite? Sind es Lebenszeiten, in denen du wie durch einen Geburtskanal zu neuen Ufern aufbrichst?

Ich wünsche dir, dass die Engstellen in deinem Leben dich nicht einzwängen, sondern dir den Weg weisen zu vielen guten Möglichkeiten, Begegnungen und Erfahrungen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 14. Oktober 2024

Vertrauensvolle Sicherheit

Ein Zitat

An der provisorischen Bushaltestelle in Sorengo bei Lugano wurden die Haltestellentafel und der Sitzbank mit einem Strick aneinander gebunden.
Foto © Jörg Niederer
"Wer andern gar zu wenig traut, hat Angst an allen Ecken; wer gar zu viel auf andre baut, erwacht mit Schrecken." Wilhelm Busch (1832-1908)

Ein Bibelvers - Psalm 118,8

"Es ist besser, beim Herrn Zuflucht zu suchen, als sich auf Menschen zu verlassen."

Eine Anregung

Sorengo ist eine ruhige Nachbarsgemeinde von Lugano. Dort kamen wir an einer provisorischen Bushaltestelle vorbei. Eine ebenfalls provisorische Haltestellentafel informiert darüber. Daneben steht eine einfache Sitzbank, wie man sie oft bei Festanlässen im Freien aufstellt. Auffällig daran ist das blaue Seil, mit dem die Bank an die Stange gebunden ist. Oder ist die Stange an die Bank gebunden?

Nun bietet das Seil keinen grossen Schutz davor, dass jemand die Bank losbinden und davontragen könnte. Der Knoten garantiert nicht sonderlich grosse Diebstahlsicherheit. Soll das Seil also lediglich dafür sorgen, dass die Bank weder von Wassermassen noch von heftigem Sturmwind weggeweht oder davongeschwemmt wird? Will man die Schilderstange und die Bank auf diese Weise sanft aneinanderbinden, wie das doch auch bei Beziehungen ungleicher Paare versucht wird? War da einfach ein blaues kurzes Seil zu viel im Lager, und statt es wegzuwerfen hat man für das verschupfte Ding einen sinnvollen Einsatzzweck gesucht?

Man kann die so vorliegende provisorische Bushaltestelle drehen und wenden wie man will. Eines bleibt: Das alles ist eine sehr vertrauensvolle Weise, für Sicherheit zu sorgen. Sympathisch, dass für einmal keine Ketten zum Einsatz kommen und auch sonst der Bevölkerung zugetraut wird, dass sie mit dieser Situation umzugehen weiss. 

In Sorengo gilt: Lasst Seile des Vertrauens und der Hoffnung sprechen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 13. Oktober 2024

Ein Wimmelbild in der Franziskanerkirche

Ein Zitat

Fresko von Bernardino Luini in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Gerechtigkeit ist nur in der Hölle, im Himmel ist Gnade, und auf Erden ist das Kreuz." Gertrud von Le Fort (1876-1971)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 3,15

"Ihr habt den getötet, der das Leben bringt. Doch Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen."

Eine Anregung

1524 malte der bedeutende lombardische Künstler Bernardino Luini (gestorben 1532) in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano auf der Lettnerwand ein Wimmelbild mit Szenen der Passion Christi. Auf den 110 Quadratmetern beginnt die Geschichte "oben links mit Christus am Ölberg, fährt mit der Dornenkrönung in der Loggia fort und rechts davon mit der Kreuztragung. Im Zentrum im Vordergrund ist die Kreuzigung zu sehen. Im Hintergrund rechts folgen die Beweinung Christi, der Ungläubige Thomas in der Loggia und oben rechts Christi Himmelfahrt." (Quelle: Offiziellen Bildbeschreibung).

Die Fülle an zu Entdeckendem auf diesem Fresko nach der Schule von Leonardo da Vinci mag manchen Gottesdienstbesuchenden in seiner Kontemplation unterstützt haben. Warum soll das nicht auch noch heute funktionieren? Wie etwa hat der Künstler die Haltung der beiden links und rechts von Jesus gekreuzigten Menschen herausgehoben? Entdeckst du auch die beiden Hunde auf dem Bild? Und wo ist ein Skorpion zu finden? Auch meine ich, dass da auch eine Katze im Getümmel entdeckt werden kann.

Noch eine kleine Sache: Auf einer Fahne steht: "S.P.Q.R." Die Abkürzung steht für "Senatus populusque Romanus", auf Deutsch "Senat und Volk von Rom". Damit weitet der Künstler die Verantwortung am Tod Christi auf Menschen aus, deren Herkunft auf das Imperium Romanum zurückgeht, was hier wohl als "alle Menschen" (und nicht nur die Juden) zu verstehen ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 12. Oktober 2024

Wasserwege

Ein Zitat

"Du kannst keinen Ozean überqueren, in dem du einfach nur aufs Wasser starrst." (Tagore, Philosoph, 1861-1941)

Ein Bibelvers - Jesaja 49,10

Wanderweg unter Wasser auf der Alpe Vicania, zwischen Morcote und Carona.
Foto © Jörg Niederer
"Sie leiden weder Hunger noch Durst. Gluthitze und Sonne können ihnen nichts anhaben. Denn ich leite sie voller Erbarmen und führe sie zu frischen Wasserquellen."

Eine Anregung

Der Schiffsverkehr auf dem Luganersee ist tourismusbedingt noch in vollem Gang. Von diesen Wasserwegen schreibe ich aber nicht. Selten bin ich so oft auf Wanderwegen unterwegs gewesen, durch die sich Wasserbäche ihren Weg bahnen. Wie auf dem Foto, das zugegebenermassen verwackelt ist, so sieht es schon seit einigen Tagen gerade auch auf der Via Gottardo bei Lugano aus (man beachte das Bergweg-Zeichen rechts im Vordergrund). Dank dichter Schuhe ist das kein grosses Problem. Nur hinfallen sollte man besser nicht. Die Tessiner Pilzsammler - wir haben bisher nur Männer getroffen - freuen sich sichtlich darüber, wachsen gerade an und in diesen Bächen beachtliche Mengen an Speisepilzen.

Lustig wird es, wenn Spazierende in Turnschuhen versuchen, trockenen Fusses durch die Wanderweg-Fliessgewässer zu kommen. Da wird von Stein zu Graspolster gehüft, und manchmal spritzt es verdächtig stark, begleitet von spitzen Schreien.

Auch heute werden wir wieder auf solchen Wasserwegen unterwegs sein. Es ist nicht gerade der See Genezareth. Für einmal gelingt es aber sogar mir, "auf dem Wasser" zu gehen und trockenen Fusses den erweiterten Strand (sprich das Gebirge) zu erreichen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 11. Oktober 2024

Auf dem Bellenio

Ein Zitat

Aussicht gen Süden vom Monte San Salvatore bei Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Seit 1890 bringen wir Sie von Paradiso ins Paradies … und zurück." Werbebotschaft zur Standseilbahn auf den Monte San Salvatore bei Lugano.

Ein Bibelvers - Psalm 103,4

"Er führt dein Leben aus der Todesnähe. Er schmückt dich mit einer Krone – sie besteht aus Güte und Barmherzigkeit."

Eine Anregung

Schon schräg, was da alles so geglaubt wurde. So wanderten bereits um das Jahr 1200 Pilger auf den Bellenio. Sie waren überzeugt, dass Christus auf diesem Berg Zwischenhalt gemacht habe bei seiner Himmelfahrt.

Damals im Jahr 1213 verkaufte Herr von Vallugano (Nomen est Omen!), seines Zeichens Bischof von Como, den Berg an das luganesische Kapitel von San Lorenzo. Die Kapelle, die damals schon auf dem markanten Berg stand, war dem Heiligen Salvatore geweiht. Darum heisst der Berg heute nicht mehr Bellenio. Die Standseilbahn führt folglich in zwei Abschnitten auf den Monte San Salvatore.

Doch der Berg wechselte noch einmal den Besitzer. Diesmal ging er als Schenkung an die "Erzbruderschaft des Guten Todes und Gebets". Das geschah 1680. 

Die Erzbruderschaft begleitete einst zum Tod Verurteilte auf dem Weg zur Hinrichtung und sorgte danach für eine anständige Bestattung. Wesentlich für den Orden war und ist auch das Gebet für ein gutes und vorbereitetes Sterben aller Menschen. Speziell an dieser Bruderschaft ist auch, dass sie weisse Kutten aus grob gearbeiteten Stoffen trugen. Die Kapuze bedeckte das ganze Gesicht. Für die Augen gab es kleine Aussparungen. Ich stelle mir das Erscheinungsbild ein wenig wie beim Ku Klux Klan vor. 

Vertreter der Erzbruderschaft sind mir auf dem Gipfel des Monte San Salvatore nicht begegnet. Jedoch gibt es von dort oben eine Aussicht, die Ihresgleichen sucht. Und ganz zuoberst, da gab es auch Stechfliegen, was die Aussicht wieder ein wenig trübte. Ob es für die Bekämpfung dieser Plagegeister auch eine Erzbruderschaft gibt?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 10. Oktober 2024

Clay, Steve und Konrad in Porza

Ein Zitat

Das Grab von Formel-1-Rennfahrer Clay Regazzoni auf dem Friedhof in Porza.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin einfach ich selbst. Ich bin kein Draufgänger." Steve Lee (1963-2010), Leadsänger von Gotthard

Ein Bibelvers - 1. Petrus 1,24 (Bibelvers beim Eingang zum Friedhof in Porza)

"Denn es heißt: 'Alle Menschen sind wie Gras. Und ihre ganze Herrlichkeit ist wie eine Wiesenblume. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt. Aber das Wort des Herrn bleibt für alle Zeit.'"

Eine Anregung

Ein gesichtsloses Haupt - die Dornenkrone sagt alles. Mehr braucht es nicht. Die Plastik von Jesus findet sich auf dem Grab des 2006 verstorbenen Vizeweltmeisters in der Formel 1, Clay Regazzoni. Er starb 67-jährig bei einem Unfall auf Italiens Strassen, der bis heute nicht ganz aufgeklärt ist.

Das Grab findet sich auf dem Friedhof von Porza, unweit der Stadt Lugano. Porza liegt am Fernwanderweg Via Gottardo, auf dem wir wieder unterwegs sind. Dazu passt auch ein anderes Grab von einem weiteren, durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Menschen. Seinetwegen hörte sich heute meine Frau Musik der Rockgruppe Gotthard an. Steve Lee liegt unweit von Clay Regazzoni auf diesem Friedhof begraben. Bei einer Pause auf ihrer Motorradtour bei Mesquite im US-Bundesstaat Nevada fuhr 2010 ein Lastwagenfahrer mit seinem Brummer  in die stehenden Motorräder. Eines davon traf den Leadsänger tödlich.

Noch immer hat Steve Lee viele Fans, was man an den zahlreichen Gegenständen auf dem Grab erkennen kann. Die meisten davon sind wohl am Todestags der Schweizer Rockgrösse, dem 5. Oktober, hier abgelegt worden.

Porza. Es gibt noch weitere Geschichten. Hier findet sich das Museum von Erich Lindenberg (1938–2006), ein bedeutender Kunstmaler und Bruder von Rockmusiker Udo Lindenberg.

Dass Sandro Bertaggia (*1964), ein bedeutender Schweizer Eishockeyspieler, hier lebt, wo er einst selbst Tore schoss wie nun sein Sohn Alessio Bertaggia, ist naheliegend.

1970 verstarb in Porza Werner Kollath 78-jährig. Kein Ruhmesblatt für den Ort war dieser Arzt und nationalsozialistische Rassenhygieniker.

Noch ein brauner Geselle trieb in dem Ort sein Unwesen und liegt nun auf dem selben Friedhof bestattet wie Steve und Clay: Nino Rezzonico, am 5. März 1900 in Turin geboren, war der Gründer der Tessiner Faschistischen Bewegung. Es war im Frühjahr 1956, als der legendäre deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer ausgerechnet (und wohl unwissend) die Villa von Nino Rezzonico mietete, um sich im Tessin aus gesundheitlichen Gründen etwas auszuruhen. Das konnte nicht gut gehen. Die Presse bekam Wind von der Sache, und Adenauer hatte ein währschaftes weiteres Problem zu den anderen, die in damals plagten.

In Porza blieb Adenauer denn auch nur zwei Tage. Schneematsch und eine bescheidene Heizung sollen ihn vertrieben haben. In der Folge verbrachte er weitere unangenehme Tage im Hotel Monte Verità bei Ascona. Danach war Adenauer nie mehr ferienbedingt in der Schweiz. Wer kann es ihm verübeln.

Was ich aber zur Ehrrettung von Porza sagen kann: Im Gemeindehaus arbeiten sehr freundliche Menschen. Da kehrten wir ausserplanmässig zu einem Toilettenhalt ein, und bedanken uns an dieser Stelle ganz artig für diese herzliche Form der Gastfreundschaft.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Glaubenskrise

Ein Zitat

Bronze aus dem Kreuzweg-Zyklus in der Chiesa di San Carlo Borromeo in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Damals habe ich begonnen, durch die Bibel wie durch eine Landschaft zu stolpern. Wo ich nicht durchkam, kam ich nicht durch. Manchmal rannte ich dagegen an oder ging beleidigt weg. Wo es schön war, hielt ich mich lange auf, wo es fremd war, hockte ich und wartete." Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht, Reinbek b. Hamburg 2024, 6. Auflage, S. 209

Ein Bibelvers - Hiob 38,12+13

"Hast du jemals in deinem Leben dafür gesorgt, dass ein neuer Tag anbricht? Hast du der Morgenröte ihren Platz gezeigt, dass sie an den Rändern der Erde aufleuchtet und die Frevler von ihr vertreibt?"

Eine Anregung

Irgendwo in der Mitte wollte ich nicht mehr weiterlesen, habe es dann aber doch getan. Zum Glück. Was Esther Maria Magnis schreibt in ihrem Buch "Gott braucht dich nicht", ist berührend und fordernd. Vordergründig geht es um die Krebserkrankung und den Tod des Vaters. Für die jugendliche Esther führt das in eine Glaubenskrise gigantischen Ausmasses; so wie es in der Bibel von Hiob erzählt wird. Absolut ehrlich setzt sich die junge Frau mit sich selbst auseinander, eine Achterbahnfahrt des Glaubens. Totale Desillusionierung, Abstürze in die Teilnahmslosigkeit, in die Selbstaufgabe. Dann wieder schiesst sie wie ein Korken, der in tiefen Wassern losgelassen wird, hoch über alles hinaus. Einige Zeit spricht sie nicht mit Gott, weil dies Gott klein mache. Irgendwann findet sie sich wieder, kann Gott glauben auf eine existenzielle Art, die keine Plattitüden zulässt.

Im Buch stehen dann Sätze wie: "Vielleicht hielt Gott damals die Luft an. Vielleicht hatte er seine Brust tief eingezogen und mir davor einen neuen Platz eingeräumt, an dem ich mich frei bewegen konnte - frei von ihm, sofern man das als Mensch überhaupt kann."

Oder: "Die Erde mit dem Menschen - aufgeblüht wie ein Kaktus, der nur einmal blüht - fällt in sich zusammen - niemand wird darum wissen."

Oder: "Und erlebe zum ersten Mal die Verzweiflung, dass man sich selbst nicht löschen kann. Dass man sich als Träger seines Lebens aushalten muss."

Oder: "Und dieses Schweigen werde ich nie vergessen. Heute denke ich manchmal, dass in seinem [Gottes] Schweigen eine Macht liegt... die wir uns gar nicht vorstellen können." 

Oder: "Und wenn du schreist: 'Es gibt keine Wahrheit', dann beweis mir die Wahrheit an dem Satz, und wenn du es nicht kannst, dann geh zurück in die Gräber und zersetz die Leiber, die wirklich tot sind, aber nicht meinen Geist..."

Oder: "Jede Religion, die Blut an den Händen hatte und das nicht verdrängte, schien mir vertrauenswürdig. Denn mich interessierte keine blanke Idee, ich wollte die Wirklichkeit - mit Gott." 

Oder: "Dieses Buch hier, das ich schreibe, ist voll von Müll und halbfertigen Gedanken - und das, obwohl ich es wage, von Gott zu erzählen." 

Der Glaube nach dem Glaubensverlust ist tiefer und absolut fordernd. Das erlebt sie noch einmal, ganz zum Schluss des Buches. Kurz zuvor schreibt sie: "Gott ist schrecklich. Gott brüllt. Gott schweigt. Gott scheint abwesend. Und Gott liebt in einer Radikalität, vor der man sich fürchten kann." 

Das ist kein Wohlfühlbuch. Zuweilen ist es auf eine gute Art vulgär. Das ist ein Bekehrungsbuch für Glaubende. 

Zitate aus: Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht, Reinbek b. Hamburg 2024, 6. Auflage

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen