Freitag, 4. April 2025

Vom Nikolaus und Flösserinnen

Ein Zitat

Auf der Aarebrücke bei Döttingen steht eine Statue des Heiligen Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Flösser.
Foto © Jörg Niederer
"Was nicht kommuniziert wird, ist nicht, und je mehr etwas kommuniziert wird, desto mehr ist es." Vilém Flusser (1920-1991)

Ein Bibelvers - Ezechiel 27.29

"Ruderer verlassen ihre Schiffe. Matrosen und Seeleute bleiben an Land."

Eine Anregung

Für einmal ist es nicht der heilige Nepomuk, dem auf der Brücke bei Döttingen ein Denkmal gesetzt ist, sondern dem bekannten Nikolaus von Myra. Was wie eine seltsame "Dächlikappe" aussieht, ist sein Kopf mit wallendem Bart. Er steht hier unterhalb des Klingnauer Stausees als Schutzheiliger der Flösser. In dieser Funktion wird er in unseren Breitengraden nur noch wenig zu tun haben. Die Flösser sind nahezu ausgestorben. Am Ägerisee gibt es sie noch. Sonst ist die Tradition lediglich in Form historischer Flossfahrten lebendig.

Dem heiligen Nikolaus geht dennoch die Arbeit nicht aus, ist er doch auch Schutzpatron der "Advokaten, Bäcker, Bierbrauer, Weinhändler, Metzger, Steinmetze, Jungfrauen und viele mehr". Interessant an dieser Aufzählung ist, wie die Frauen, von denen es auch Advokatinnen, Bäckerinnen, Bierbrauerinnen, Weinhändlerinnen, Metzgerinnen und Steinmetzinnen gibt, sichtbar werden: als Jungfrauen! Mir scheint, das generative Maskulin kann hier nicht wirklich auf neutrale Weise den Frauen gerecht werden. Nun haben die Frauen auch ihre eigene Schutzheilige. Es ist heilige Jeanne d'Arc, also die Frau, die einen Männerjob in der Armee hatte. Das Flössen war auch Männerarbeit. Sollte es Frauen in diesem Gewerbe gegeben haben, hätten sie die Wahl zwischen dem heiligen Nikolaus und der heiligen Jeanne d'Arc gehabt. Mir würde diese Auswahl nicht behagen. Doch wen würde ich mir als Vorbild und Fürsprecher:in wünschen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 3. April 2025

Gewichtig

Ein Zitat

Gewichte im Turm der Reformierten Kirche Heiden treiben das Schlagwerk und die Turmuhr an.
Foto © Jörg Niederer
"Was wir an Liebe geben, verleiht unserem Leben Gewicht, was wir an Liebe bekommen, erleichtert es." Ernst Ferstl (*1955)

Ein Bibelvers - Hiob 31,6

"Gott soll meine Taten gerecht abwägen, dann wird er meine Unschuld erkennen."

Eine Anregung

Gewichte treiben den Glockenschlag und die Uhr der reformierten Kirche Heiden an. Im besteigbaren Glockenturm sind sie gut zu sehen. Der Messmer erklärte mir bei einer Führung, dass man diese Gewichte nach Änderungen beim mechanischen Geläut deutlich verringern mussten. Genau habe ich nicht verstanden, wie das zusammenhängt. Jedenfalls sind sie auch heutzutage noch nötig, diese Gewichte.

Gewichte als Antrieb: Es ist nicht immer so, dass dich das Schwere zu Boden zieht. Gewichte können dich auch weiterbringen.

In meinem ersten Beruf als Mühlenbauer spielten Gewichte in den Plansichtern eine wesentliche Rolle. Plansichter sind grosse Kästen, in denen auf vielen übereinanderliegenden Sieben das Mahlgut sortiert wird. Zentral angeordnet ist eine grosse Unwucht, welche durch Rotation diesen an elastischen Stangen aufgehängten Sichter in kreisende Bewegung versetzt. Dabei kommt es darauf an, das die Unwucht so präzise austariert wird, dass der Sichter möglichst perfekt rund läuft. Einseitige Belastung würde sonst das ganze System früher oder später zerstören. Als Lehrlinge erlebte ich, wie die Bestückung dieser Unwucht  mit Bleigewichten Chefsache war. Der Abteilungsleiter liess uns nicht an diese Arbeit. Wir durften alles machen, nur das nicht. Es war eben eine gewichtige Sache, in doppelter Hinsicht.

Es kann nun sein, dass mir etwas schwer auf der Seele liegt, oder dass mich eine Sache runterzieht wie eine grosse Last. Dann frage ich mich: Gibt es einen Sinn an dieser Schwere? Soll etwas in Bewegung kommen, in mir oder auch in anderen? Wie gewichtig ist, was gerade geschieht?

Zurück zu den Gewichten im Glockenturm. Ihre Bewegungen sind für das menschliche Auge viel zu langsam. Aber was wir sehen und hören können sind die Glocken, die durch sie zur richtigen Zeit in Schwingungen versetzt werden. Dazu gibt es Videos und Tonaufnahmen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 2. April 2025

Saublume

Ein Zitat

Der Löwenzahn blüht wieder leuchtend gelb.
Foto © Jörg Niederer
"Löwenzahn, Löwenzahn, / fängt jetzt rasch zu blühen an. / Kaum hat er begonnen: / Lauter gelbe Sonnen!" Aus einem Gedicht von Ilona Bodden (1927-1985)

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,12

"Die Erde brachte frisches Grün hervor und Pflanzen, die Samen tragen. Sie liess auch Bäume wachsen mit eigenen Früchten und Samen darin. Und Gott sah, dass es gut war."

Eine Anregung

Der Löwenzahn blüht wieder. Bald wird er Felder und Wiesen gelb färben. Ursprünglich kommt die Pflanze aus Europa und Asien, ist heute aber auf der ganzen Nordhalbkugel verbreitet. In unserer intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft ist der Löwenzahn allgegenwärtig. Da die Saublume nährstoffreichen Boden liebt, und ihr Nitrat auf gedüngten Wiesen auch willkommen ist, zeigt sie auch den menschgemachten Artenschwund in der Landwirtschaft an. Zugleich ist sie eine in allen Teilen essbare Pflanze, die auch aus gesundheitlichen Gründen zum Beispiel gegen Nierensteine verabreicht werden kann.

Was mir der Löwenzahl aber auch zeigt: Der Frühling lässt nicht mehr locker. Die Sonne scheint nun immer mehr von oben; und auch im Gelb des Löwenzahns von unten.

Hier ein Gedicht von Reiner Kunze (*1933): 


Warum sind Löwenzahnblüten gelb?

Das weiß jedes Kind. 

Weil Löwenzahnblüten Briefkästen sind.

Wer hat die Briefkästen aufgestellt?

Die grasgrüne Wiese.

Sie steckt in die Briefkästen all ihre Grüße.

Wem werden die Grüße zugestellt?

Das weiß jedes Kind.

Briefträger sind Biene und Wind.


Dem Löwenzahn sagt man auch Saublume. Vielleicht nicht nur, weil sie früher als Schweinefutter verwendet wurde, sondern auch, weil dort, wo die Schweine die Weiden mit ihren Ausscheidungen düngen, der Löwenzahn gerne erblüht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 1. April 2025

Warum nackt?

Ein Zitat

Steinmetz-Arbeit am GBS-Gebäude in der Kirchgasse in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Putte ist ein religiöses Symbol, das oft in der christlichen Kunst zu finden ist. Diese Figur zeigt meistens ein junges Engelsgesicht oder kindliches Wesen, das als Verkörperung der Unschuld und Reinheit dargestellt wird." Bibels Kirch

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,7

"Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie banden Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze."

Eine Anregung

Ich wundere mich immer wieder über diese Vorliebe für nackte Kinder in der Kunst. Besonders eigenartig berührt es mich, wenn dann unbekleidete Buben und Mädchen als Verzierung an einem Gewerbeschulhaus zu sehen sind. Das ist ja nun wirklich kein Haus, in dem Kinder, ob bekleidet oder nicht, ein uns ausgehen. Heute sind in diesem Haus die Bauberufe untergebracht. Das gibt einen gewissen Bezug zur Architektur und zu Steinmetzarbeiten.

Auch Kirchen sind bevölkert mit nackten, kindlichen Putten, und auch da wundere ich mich. Sind das die Auswüchse einer Kompensation zeitgenössischer Prüderie; hat das etwas mit pädophilen Neigungen zu tun? Geht es um die Unschuld paradiesischer Nacktheit, wobei in den Darstellungen von Adam und Eva die Genitalien oft verschämt abgedeckt sind, während dies bei kleinen Kindern nicht nötig zu sein scheint?

Wie denkst du über die Nacktheit von Kindern in der Kunst und in der Kirche?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen