Samstag, 30. November 2024

Wegesleuchten

Ein Zitat

Die Gemeine Wegwarte blüht mitunter bis weit in den Winter hinein.
Foto © Jörg Niederer
"Die Füsschen wurzeln am Boden ein / Zur Blume wurde der Augen Schein. / Sie fühlt’s und fühlt’s wie im Traume, / Sie wartet am Wegessaume." Aus dem Gedicht "Die Wegwarte" von Isolde Kurz (1853-1944)

Ein Bibelvers - Psalm 119,105

"Dein Wort ist eine Leuchte für meinen Fuss und ein helles Licht auf meinem Lebensweg."

Eine Anregung

Das wünsche ich mir an diesem Tag: Das mir am Weg etwas wartet, das Farbe in diese graue, monochronen Zeit bringt. So wie die Gemeine Wegwarte, die mir auch in diesen Tagen noch mit zarten Blüten zuwinkt.

In Schlesien wird diese essbare Pflanze auch "Hundslauf" oder "Wegleuchte" genannt. Schon seltsam, wie diese beiden Benennungen je die Gedanken auf unterschiedliche Wege führen.

Möge uns der Weg auch heute leuchtend hell entgegenkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. November 2024

Kirchen am Rand

Ein Zitat

Erleuchteter, reich mit Ikonen versehener Gottesdienstraum der Rumänisch-orthodoxen Kirche St. Gallen in einem Gewerbehaus bei Abtwil.
Foto © Jörg Niederer
"Alte Kirchen haben trübe Augen." Holländische Redensart

Ein Bibelvers - Jeremia 29,4+5

"So spricht der Herr Zebaot, der Gott Israels! Das ist meine Botschaft für alle in der Verbannung, die ich aus Jerusalem nach Babylon weggeführt habe: Baut Häuser und lasst euch darin nieder! Legt Gärten an und esst, was dort wächst!"

Eine Anregung

Der Standort religiöser Bauten sagt viel aus über Bedeutung oder Ausrichtung der Konfession oder Religion in der Gesellschaft. Kirchen, die den Support des Staates haben, finden sich oft an zentraler Lage. Anders sieht es aus mit Gemeinschaften, denen man nicht so recht über den Weg traut. Aktuell sind es besonders die islamischen Kultusgemeinden, deren unauffällige Moscheen sich nicht selten in Industriequartieren befinden. Auch Kirchen, die dem Glauben eingewanderter Menschen entsprechen, landen oft irgendwo in einem Saal oder Gewerberaum abseits der Sichtbarkeit. So wie auf diesem Bild sich die Rumänisch-orthodoxe Kirche in einem Gewerbehaus an der Peripherie von St. Gallen einmieten konnte. 

"Ausserhalb der Stadtmauern", geduldet, aber nicht geliebt, an den Rand gedrängt, eingeschränkt in den Rechten. Es gab eine Zeit, in der es nur den Staatskirchen erlaubt war, Glockentürme zu unterhalten. Heute sind diese Kirchen selbst unter Druck, und viele müssen beim Glockengeläut zurückstecken.

Es sind diese kleinen Veränderungen die den gesellschaftlichen Wandel begleiten und sichtbar werden lassen. Heute werden die Glaubenswerke in die zunehmende Unsichtbarkeit gedrängt. Dagegen befinden sich die Tattoo-Studios, die sich einst in den schmuddeligen Hafenarealen fanden, mitten in den Citys an bester Lage in den hippen Quartieren.

Nun gibt es aber auch Kirchen, die sich ganz bewusst für die Peripherien entschieden haben. Sie gehen an die Orte, an denen sie den Bedürfnissen der Randexistenzen nahe sind. Ich glaube, das ist genau der Weg, den es einzuschlagen gilt. Dabei geht es nicht mehr um Ansehen oder Sichtbarkeit, sondern um Hinwendung und Wirksamkeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 28. November 2024

Die nackte Heilige

Ein Zitat

Ikone der Heiligen Maria von Ägypten.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Heiliger Mann sah jemand sündigen und weinte bitterlich, indem er sagte: 'Jener heute und ich mit Sicherheit morgen.' Deshalb, wann immer du jemanden vor dir sündigen siehst, verurteile ihn nicht, sondern halte dich selbst für sündiger als er." Aus: Das grosse Gerontikon - Die Sprüche der heiligen Wüstenväter

Ein Bibelvers - Matthäus 7,3

"Du siehst den Splitter im Auge deines Gegenübers. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge?"

Eine Anregung

Die rumänisch-orthodoxe Kirche in St. Gallen ist in Räumen eines Gewerbehauses untergebracht. Dort besuchte ich gestern eine Sitzung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen. Wir tagten umgeben von Heiligenikonen mitten im Kirchenraum. Auf der linken Raumseite fanden sich die weiblichen Heiligen, auf der rechten Seite die männlichen Heiligen.

Maria von Ägypten viel mir auf wegen der aussergewöhnlichen Handhaltung. Sie ist eine der Heiligen, die oft nackt dargestellt wird. 

Die Legende erzählt, dass sie mit 12 Jahren, zur Zeit des römischen Kaisers Konstantin, in Alexandria als Prostituierte zu arbeiten begann. 17 Jahre lang gab sie sich Männern gegen Bezahlung hin. Zu jener Zeit entdeckte die Mutter des Kaisers das heilige Kreuz in Jerusalem. Aus Neugier wollte Maria von Ägypten dieses Kreuz sehen und machte sich auf die Reise. Doch als sie an die heilige Stätte kam, zur zwischenzeitlich über dem Kreuz gebauten Grabeskirche, konnte sie nicht eintreten, obwohl sie es versuchte. Dreimal wurde sie zurückgewiesen, bis sie ihre grosse Schuld erkannte, Busse tat, und so doch noch den Weg zu Christus fand.

Nach diesem Erlebnis zog sie über den Jordan allein in die Wüste, wo sie 47 Jahre lang als Eremitin lebte. Als ihre Kleider nichts mehr taugten, lebte sie nackt weiter, nur von ihrem Haar bedeckt. Da entdeckte sie der Mönch Zosimas, der sich selbst für vollkommen hielt. Doch beim Anblick der ihm spirituell überlegenen nackten Heiligen wurde er sich seiner Sünden wieder bewusst. Statt dass er Maria segnete, bat er nun selbst um ihren Segen. Sie aber wünschte sich, dass er ihr in einem Jahr an Gründonnerstag die heilige Eucharistie austeile. Diese konnte sie jedoch nur empfangen, in dem sie zu Zosimas über das Wasser des Jordans wandelte und danach wieder zurück. Ein weiteres Jahr später lag Maria von Ägypten tot aber unverwest in einem Sarg. Im Sand geschrieben las Zosimas die Bitte, Maria christlich zu bestatten. Während er also noch überlegte, wie er das bewerkstelligen könnte, kam ein Löwe, und erfüllte der heiligen Maria von Ägypten diesen letzten Liebesdienst.

Soweit die Legende. Zweifellos ist die Nacktheit dabei das sich durchziehende Element und Symbol von Sünde und Heiligkeit. Wie sie sich als Prostituierte den Männern hingab, gab sie sich letztlich für Christus hin.

Darauf verweist nun auch die spezielle Geste auf ihrer Ikone. Sie wurde mir gestern von Priester Mihail Adam erklärte. Mit dem Zeigefinger der linken Hand zeigt die Heilige auf die erhobene rechte Handinnenfläche. Das bedeutet: Ich bin bereit, alles wegzugeben, nur nicht den Glauben, das Vertrauen in Christus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 27. November 2024

Vogel des Jahres 2025

Ein Zitat

Ein Rotkehlchen singt in seinem Revier.
Foto © Jörg Niederer
"Robins appear when loved ones are near." (Rotkehlchen erscheinen, wenn geliebte Menschen nahe sind.) Redensart aus England.

Ein Bibelvers - Psalm 71,23

"Meine Lippen sollen jubeln, wenn ich für dich singe – zum Dank für mein Leben, das du gerettet hast."

Eine Anregung

Friedhöfe und Schrebergärten gehören nicht zu seinen Lieblingsplätzen, und sauren Regen mag es auch nicht. Das Rotkehlchen ist Vogel des Jahres 2025. Gewählt wurde es von rund 12'000 Schweizer:innen aus einer Auswahl vom fünf möglichen Vögeln. Weiter dabei waren Schwanzmeise, Grünspecht, Kleiber und Mönchsgrasmücke; alles Vögel, die aktuell nicht gefährdet sind. 

Über das Rotkehlchen habe ich auch schon geschrieben (Beitrag vom 15. Dezember 2021). Damals ging es um die Frage, wie das Rotkehlchen zu seiner "roten" Brust gekommen ist. Allerdings ist diese Brust ja eher orange. Doch Orangebrüstchen klingt halt nicht ganz so gut wie Rotbrüstchen.

Rotbrüstchen, die im Sommer hier bei uns brüten und Junge in einem gut versteckten Bodennest aufziehen, sind nicht die selben, die im Winter unsere Nähe suchen. Die Sommergäste sind im Winter nämlich in den Süden gezogen, während die Wintergäste aus dem hohen Norden in unsere Breiten gekommen sind. Dass die Rotschwänzchen in Winter weniger scheu sind, liegt wohl daran, dass diese gefiederten "Nordländer" in ihrem Sommerquartier Menschen nicht als Gefahr erlebt haben. Zudem suchen sie die Nähe von grösseren Tieren und damit auch den Menschen, weil diese ihre Futtertiere, die Insekten aufscheuchen könnten.

Bei Rotkehlchen singen beide Geschlechter, aber das Nest baut nur das Weibchen. Rotkehlchen kennen ihre Reviernachbarn an ihren Rufen. Fremde Artgenossen werden dagegen heftig attackiert. Auf orange Farbe reagieren sie angriffig, selbst wenn es sich dabei um den "roten" Bart eines Mannes handelt. Noch ein Detail: Bei den Rotkehlchen sind es die Weibchen, die das Reisefieber häufiger packt als die Männchen. Was auch für alle Rotkehlchen gilt: Sie baden täglich.

Wenn ich mich früh morgens auf den Weg zur Arbeit mache, dann höre ich in dieser Jahreszeit tatsächlich Vögel singen. Das Rotkehlchen ist immer mit dabei. Es schon in der ausklingenden Nacht zu hören ist mir Motivation für den ganzen Tag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 26. November 2024

Verkalktes und Getünchtes

Ein Zitat

Das Industrierelikt des Kalk-Brennofens von Torrazza am Luganersee.
Foto © Jörg Niederer
"Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht." Theodor Fontane (1819-1898)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 23,3+4

"Da sprach Paulus zu ihm: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Du sitzt da und richtest mich nach dem Gesetz und lässt mich schlagen gegen das Gesetz? Aber die dabeistanden, sprachen: Schmähst du den Hohenpriester Gottes?"

Eine Anregung

Von ihm gab es sogar einmal eines jener SJW-Hefte, auf welche wir in der Primarschule früher so scharf gewesen sind: Der Kalk-Brennofen von Torrazza. Er steht nahe bei der engsten Stele des Luganersees, bei der Seeenge von Lavena (Siehe Beitrag vom 15. Oktober 2024). 

Der Lost Place erinnert mich an Szenarien aus Videospielen aber auch an ein Mural in Frauenfeld (Beitrag vom 10. August 2023).

Der Kalk-Brennofen ist ein Übrigbleibsel einstigen Kalksteinabbaus am Monte Caslano. Ende des 18. Jahrhunderts gab es dort noch sechs Brennöfen nach altem System. Als Relikt ist davon noch als einziger die Kalk-Brennanlage von Torrazza übrig. Sie ist bereits eine ausgeklügelte Weiterentwicklung. Darin konnte gebrannter Kalk fast wie am Fliessband produziert werden. Der Prozess fand bei bis zu 1500º Celsius statt. Pro 24 Stunden konnte man 10 bis 15 Tonnen Kalk brennen, wobei der Holzverbrauch bei 0,6 Tonnen pro Tonne produzierten Kalkes lag. Der Ofen produzierte hauptsächlich Stückkalk, Kalkhydrat und Düngemittel.

Gebrannt wurde bis 1950. 1976 wurde auch der Kiesabbau im Steinbruch eingestellt. Seit 1989 gehört das Areal der Gemeinde von Caslano. Wer darüber mehr erfahren will, kann eine interessante Arbeit in italienischer Sprache von Roland Hochstrasser aus dem Internet herunterladen, die reich illustriert ist und somit auch aufschlussreich für Italienischunkundige.

Kalk ist in unserer Zeit ein unverzichtbarer Rohstoff, der bei der Stahl- und Glasherstellung, bei der Abwasserreinigung, beim Kampf gegen saure Böden, und noch in vielen anderen Bereichen Verwendung findet. In der Landwirtschaft wird Kalk als Düngemittel gebraucht oder als Unterstützung des Knochenaufbaus den Futtermitteln beigefügt. 

Auch aus biblischen Zeiten kennen wir die Verwendungen von Kalk. In Babylon waren Wände des Königspalasts mit Kalk verputzt (Daniel 5,5). Auch wurde nach 5. Mose 27,2-4 und Josua 8,32 die Steine, auf die das Gesetz Gottes geschrieben wurde, mit Kalk grundiert. Jesaja 33,12 nimmt die Hitze und das Feuer beim Kalk-Brennvorgang auf, um Gericht anzukündigen.

Bekannt ist auch der Vorwurf von Jesus an die Gesetzeslehrer und Schriftkundigen, sie würden getünchten, also mit Kalk verputzten Gräbern gleichen. Von aussen seien sie schön anzusehen, doch inwendig voller Totengebeine (Matthäus 23,23-28). In die selbe Richtung, als Beschimpfung, ist auch die Aussage 'du getünchte Wand' von Paulus an die Adresse des Hohepriesters zu verstehen.

Ob ich je einmal jemandem sage, er sei wie eine getünchte Wand - ich vermute eher nicht. Obwohl, da gibt es schon einige, die viel Wert auf Äusserlichkeiten legen, aber in ihrer denkerischen Beweglichkeit als verkalkt bezeichnet werden könnten. Wobei: Selbst zählt man sich bestimmt nicht zu dieser Gattung Mensch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 25. November 2024

fliessendes

Ein Zitat

Bild "fliessendes" von Ute Klein im zentralen Empfang des Kantonsspitals Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Malen ist ein brüchiges, ambivalentes Nachdenken über innere und äussere Lebensprozesse." Ute Klein (*1965)

Ein Bibelvers - Amos 5,24

"Vielmehr soll das Recht wie Wasser strömen und Gerechtigkeit wie ein Bach, der nie versiegt."

Eine Anregung

Mit Kunst im öffentlichen Raum ist es so eine Sache. Der Sinn davon erschliesst sich nicht immer über das Vordergründige hinaus. Oft scheint mir ein Bild nur deshalb da zu sein, damit etwas da ist.

Diese Malerei von der Amriswiler Künstlerin Ute Klein im zentralen Empfang des Kantonsspitals Frauenfeld hat mir, als ich es gesehen habe, irgendwie gut getan. Das allein ist schon Grund, dem Werk Beachtung zu schenken. Im Spital tut es besonders gut, wenn etwas dir bei all dem, was nicht gut tut, gut tut.

"fliessendes" heisst das Werk. Die geflossene Farbe sei als Sinnbild auf "den Lebenslauf und das Fliessen in Lebensprozessen" zu verstehen. Mich erinnert das Bild entfernt an einen bunten Fisch, von denen es im Kantonsspital ja auch lebende Tiere zu sehen gibt (Siehe Beitrag vom 16. November 2024). Aber dann sehe ich wieder das Mäandern eines Flusses auf einer weiten Ebene. Das Werk soll die Betrachtenden "zu Ruhe und Konzentration" führen. Damit ist sicher nicht das letzte Wort gesprochen. Doch viel mehr brauche ich gar nicht, als dass mir etwas, das ich sehe, gut tut. Genau darauf kommt es letztlich an: Dieses Bild tut mir gut.

Ich wünsche dir, dass dir heute auch irgendetwas oder irgendjemand gut tut.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 24. November 2024

Abschied in der Spitalkapelle

Ein Zitat

Die Kapelle des Kantonsspitals Frauenfeld befindet sich zuoberst im 9. Stock des markanten kubischen Neubaus.
Foto © Jörg Niederer
"Es mag ein seltsames Prinzip sein, als erste Anforderung in einem Krankenhaus zu formulieren, dass es den Kranken nichts anhaben soll." Florence Nightingale (1820-1910)

Ein Bibelvers - Sprüche 16,24

"Angenehme Reden sind wie flüssiger Honig, süß für den Gaumen und gesund für den Körper."

Eine Anregung

Fünfzig Stunden habe ich im Kantonsspital Frauenfeld verbracht für die Entfernung eines Nierensteins. Zum Abschluss dieser Zeit besuchte ich heute Morgen die Kapelle im 9. Stock des Neubaus. 

Diese Kapelle ist meist frei zugänglich und ausgesprochen ästhetisch gestaltet. Jeden Sonntag findet dort ein Gottesdienst statt. Den ersten Teil heute morgen konnte ich am hausinternen Radio verfolgen, dann kam die Visite.

2020 schrieb der damalige Spitalseelsorger Markus Aeschlimann über diesen Raum: "Dieser ganz besonders gestaltete Raum lässt einen beim Betreten still werden. Er ist ganz aus Holz gestaltet, was viel Wärme ausstrahlt. Vorne aber befindet sich eine grosse Scheibe, die das Licht von einem schmalen Lichthof einfallen lässt. Dieser ist begrenzt durch eine Wand in hellem Blau. Ins Blau sind kleine Kristalle eingelassen, die im Licht funkeln. Das gibt dem Raum eine grosse Weite und Stille. Der begrenzte Kapellenraum öffnet sich in die Weite der Transzendenz: Wir sind umgeben von diesem Unergründlichen, aus dem das Leben kommt und getragen ist." 

In diesem Raum also habe ich dankbar Abschied genommen vom Ort der Kranken. Dankbar für die gute Pflege, die sorgfältige Behandlung durch Ärzt:innen, den ausgezeichneten Service, für die vielen Menschen, welche für mich gebetet haben, für die angenehme Leidensgemeinschaft mit meinem Mitpatienten Werner und für die Besuche der Familie. Ein sinniger Ort ist dieser Raum der Stille für den Abschluss meiner stationären Zeit im Spital. Ich bin sicher, dort oben auf dem Spitaldach werde ich nicht zum letzten Mal gewesen sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 23. November 2024

Schöne Erinnerungen

Ein Zitat

Die verblühte Gelbe Skabiose im Botanischen Garten Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein bisschen Kranksein ist manchmal ganz gesund." Rudolf Virchow (1821-1902)

Ein Bibelvers - Jeremia 17,14

"Heile mich, Herr, dann bin ich geheilt! Hilf mir, dann ist mir geholfen! Denn du bist der Grund für mein Lobgebet."

Eine Anregung

Nach dem Gespräch mit dem Facharzt im Spital Frauenfeld besuchte ich den Botanischen Garten. Es gab kaum Blüten, und doch viel zu entdecken. So wie auf dem Foto sieht die am Stängel getrocknete Gelbe Skabiose aus. Eine Augenweide mitten im Novemberwind. 

Gerade bin ich wohl wieder im Spital, vielleicht aber auch nicht, je nach dem, wie es gestern gelaufen ist. Danke an dieser Stelle für alle Gebete.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 22. November 2024

Der bärtige Jesus am Baldachin

Ein Zitat

Trinitarische Gottesdarstellung am Baldachin der St. Martinskirche in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Wer Gott in Jesus Christus nicht findet, der findet ihn nimmermehr, er suche ihn, wo er wolle." Martin Luther (1483-1546)

Ein Bibelvers - Johannes 10,30

Jesus: "Ich und der Vater sind eins."

Eine Anregung

Die römisch-katholische Kirche St. Martin in Olten hat mehr Sitzplätze als die St. Ursenkathedrale in Solothurn, ist aber erst gut 120 Jahre alt. Nach langer Zeit besuchte ich wieder einmal das Innere der zweitürmigen, neuromanischen Pfarrkirche. Vor dem Chor findet sich ein grosser steinerner Baldachin. Oben an diesem Baldachin befindet sich dieser auf dem Foto zu sehende bärtige Kerl.

So auf den ersten Blick hätte ich gesagt, dass hier Gott im Himmel dargestellt wird, so wie ihn sich Kinder vorstellen; wallendes graues Haar mit langem Bart. Doch da stehen links und rechts die Buchstaben "IC" und "XC", also das Christogramm. Ist da jetzt Christus gemeint, oder ist es Gott? Oder soll das gar nicht so genau unterschieden werden, so im Sinn: "Ich [Christus] und der Vater [Gott] sind eins"?

Auch den Heilige Geist mache ich aus. Er wird uns als Taube, die vom Himmel kommt, auf einem Teller präsentiert. Damit, und mit dem Dreieck hinter dem Bärtigen sind die Kennzeichen der Trinität vollständig versammelt. Hinzu kommt noch das Pax-Christi-Symbol und zwei Friedenstauben mit Ölzweigen im Mund. Eine Anspielung auch an die Taube, die Noah die Hoffnung über den Wassern der Sintflut zurückbrachte. Wasser gibt es auch auf diesem bildlichen Potpourri.

Mir stellt sich einmal mehr die Frage, wie ich mir Gott, Christus, den heiligen Geist und die Trinität vorstellen soll. Auf diese Weise jedenfalls nicht. Zu sehr erinnert mich diese Darstellung an Bilder, die ich aus den Blättchen der Kinder-Gottes-Sekte kenne, oder auch von den Zeugen Jehovas. Jehova steht denn auch als Wort im Chor zuoberst an der Kuppel der St. Martinskirche. Dazu vielleicht später noch ein Beitrag in diesem Blog.

Wie stellst du dir Gott vor?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 21. November 2024

Die richtige Zahl

Ein Zitat

Liedertafel in Kirchenraum der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Mathematik ist das Alphabet, mit dessen Hilfe Gott das Universum beschrieben hat." Galileo Galilei (1564-1642)

Ein Bibelvers - 1. Mose 5,31

"Er [Lamech] starb im Alter von 777 Jahren."

Eine Anregung

Jeden Monat ändere ich die Vorlage für diesen Blog. Jedes Mal stelle ich mir die Frage, an welchem Tag ich das am Zeitsparendsten tun soll: Am 1. des Monats oder am 2. des Monats. Grund ist meine Faulheit. Ich möchte im Monatsverlauf beim Datum so wenige Zahlen ändern müssen wie nur möglich. Also kommt es darauf an, wie oft die Eins oder die Zwei in den Zahlen und Ziffern von 1-31 mindestens einmal zu finden sind. Steht da nun schon die Eins vom 1. des Monats, dann muss ich für den 11. des Monats nur noch eine weitere Eins ergänzen. Das gleich gilt beim 13. des Monats. Da muss ich lediglich die Drei ergänzen. Ab dem 20. des Monats wird das dann anders. Da muss ich die Eins löschen und die Zwei und die Null eintragen. Jetzt wäre es wohl besser, wenn da eine Zwei vom 2. des Monats statt der Eins stehen würde. Was also ist zeitsparender: Wenn da den ganzen Monat lang schon eine Eins steht oder eine Zwei?

Das Ergebnis hat mich überrascht. Denn entscheidend ist der Unterschied bei den Monaten mit 31 Tagen. Da kommt die Eins in 13 Zahlen und Ziffern vor, die Zwei aber nur in 12. Beim Februar findet sich die Zwei je nach Schaltjahr 10 oder 11 mal. Die Eins dagegen ist 12 mal zu finden in den Zahlen und Ziffern von 1-28 oder 1-29.

Aufs Jahr gesehen lohnt sich zwar der Wechsel der Vorlage am 1. des Monats (weil dann für die Zahlen und Ziffern der weiteren Tage des Monate schon eine Eins dasteht). Aber auch dann muss ich lediglich acht- bis neunmal eine Zahl weniger oft schreiben oder ändern als bei einem Wechsel der Vorlage am 2. des Monats.

Bis hierher mitgekommen? Dann hast du meinen Applaus verdient. Du gehörst zu den Menschen, die sich viel Zeit nehmen für absolut nebensächliche Rationalisierungsüberlegungen. Allein dieser Beitrag hat wohl den zeitlichen Vorteil dieser Zahlenspielerei auf Jahre hinaus ad Absurdum geführt. Aber manchmal braucht es halt ein Nachdenken über solche Nichtigkeiten, um glücklich zu bleiben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 20. November 2024

Erster Schnee

Ein Zitat

Frühmorgendliches Schneetreiben in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Hast du zwei Schneeschaufeln zu Hause stehen, kannst du, wenns schneit, paarschippen gehen." Monika Kühn-Görg

Ein Bibelvers - Sprüche 26,1

"Wie Schnee im Sommer und Regen zur Erntezeit, so wenig passt Ehre zu einem Dummen."

Eine Anregung

Früher, als Kind, war es ein Ereignis, wenn es zum ersten Mal schneite. Noch aus der pflotschigsten Pracht haben wir Schneebälle geformt, und sie auf mehr oder weniger bewegliche Ziele geworfen. 

Heute in der Früh viel in Frauenfeld für diese Wintersaison der erste Schnee. Die Freude darüber hält sich nach über 60 Jahren in Grenzen. Es ist ja schon schön, wenn Land- und Ortschaft in Weiss erstrahlen, selbst unter bleigrauem Wolkenhimmel. Gerade der Kontrast ist besonders reizvoll. Dumm nur, dass Schnee auch rutschig ist. In St. Gallen habe ich beobachtet, wie ein Mann mit Arm- und Körperverrenkungen gerade noch einen Sturz verhindern konnte.

Nun beginnt also erneut mein Versuch, sturzfrei durch den Winter zu kommen. Erinnere ich mich noch an die Stellen, die auf meinen Wegen besonders heimtückisch sind? Wo ich schon am Boden lag, weiss ich noch genau. Aber die Stellen ungewollter Jazztanzeinlagen verdränge ich regelmässig über den Sommer.

Winter ist für mich eine ambivalente Zeit. Und wenn ich es mir genau überlege, freue ich mich mehr über den letzten Schnee, als dass ich mich über den ersten freue. Wie sieht das bei dir aus?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. November 2024

Der Eisheilige im Stadion

Ein Zitat

Ein Mann reinigt mit der Eisbearbeitungsmaschine das Eis auf der Kunsteisbahn Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Putzen ist l’art pour l’art. Saubermachen gehört ins Reich der Notwendigkeit." Walter Ludin (*1945), Schweizer Journalist und Theologe

Ein Bibelvers - Psalm 119,45

"Und durch ein weites Land werde ich gehen. Denn ich habe deine Anweisungen gesucht."

Eine Anregung

Vor Jahren nahm sich ein Pfarrkollege eine Auszeit und wurde für ein Jahr im Sommer zum Bademeister und im Winter zum Eismeister. Damals fuhr er mit der Eisbearbeitungsmaschine über das Eis der Anlage in Uzwil.

Die Reinigung des Kunsteises mit diesem Spezialfahrzeug erfolgt auf der ganzen Welt in etwa den selben Bahnen, als gäbe es einen unsichtbaren, vorgegebenen Weg. Erst wird der Rand entlang der Banden gereinigt. Danach wird auf der Innenseite der so entstandenen Spur eine weitere Fahrzeugbreite in glänzendes Eis verwandelt. Nach dieser zweiten Runde erfolgt nun die Halbierung des Eisfeldes. Das Fahrzeug dreht nur noch halb so breite Runden, wobei nach jeder Runde der Fahrweg um die Fahrzeugbreite verschoben wird, bis die letzte Spur an Kunsteis gereinigt und erneuert ist. Jeweils vor einer Richtungsänderung verlangsamt das Fahrzeug das Tempo, um auf der Geraden dann wieder zu beschleunigen. Der Abschluss dieses Wegs ist individuell. Beim letzten Mal, als ich der Reinigung zusah, drehte der Fahrer eine schnelle kleinstmögliche Runde, um dann das Eisfeld an der dafür vorgesehenen Stelle zu verlassen.

Mich erinnert dies an das kreisförmige Labyrinth von Chartres (Sie dazu auch den Beitrag vom 13. März 2022). Der Weg führt von aussen über viele Windungen ins Zentrum. Dort angekommen, hat man die gesamte Fläche des Kreises begangen. Ein meditativer Prozess, bei dem man sich nicht auf das Ziel konzentrieren muss, weil man sowieso dorthin kommt. Es geht um den Weg.

Eisreinigung als meditativer Prozess. Der Fahrer, ein Heiliger, ein Mystiker auf dem Eis; ein Eisheiliger?

Auch zuhause kenne ich Arbeiten, bei denen es darum geht, die gesamte Fläche abzudecken. Beim Staubsaugen etwa, oder beim Fegen und Wischen. Pilgrimage at home. Eine säkulare Reise ins Zentrum des Glaubens. Am Ende glänzt dann alles wieder und ist bereit für neue Lebensspuren.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 18. November 2024

Kältekugeln

Ein Zitat

Eine Asterblüte hat sich an dem kalten Novembermorgen eingerollt.
Foto © Jörg Niederer
"Alte Leute sitzen gerne warm." Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 36,22

"Weil es im neunten Monat kalt ist, sass der König im Winterhaus des Palastes. Vor ihm stand ein Becken mit Kohlen. Darin brannte ein Feuer."

Eine Anregung

Jetzt beginnt die Zeit für das Kältekugeln. So wie die Blüte der Aster sich einrollt, kleinmacht, versucht, die noch vorhandene Wärme gegen den kalten Wind zu verteidigen, so rolle auch ich mich ein, mache mich klein, verringere die Oberfläche. Ein warmer Pullover hilft, ein heisser Tee, ein gutes Buch, die letzten Sonnenstrahlen; all das wird kombinierte Behaglichkeit. Meine Denken dreht sich, bewegt mich, richtet sich auf Innenwelten. Ich horche den Worten, die kommen und gehen, sehe Bilder vorbeiziehen. Ich lasse zu, dass ich nicht alles kontrollieren kann, konzentriere mich auf die Restwärme, freue mich am übriggebliebenen Licht.

Kältekugeln bedeutet, sich krümmen vor Freude über das Geschenk des Lebens.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 17. November 2024

Im Katzenhimmel

Ein Zitat

Eines meiner letzten Fotos von Hank, einem rötlich gefärbten Kater, der einige Zeit auch in unserer Wohnung lebte.
Foto © Jörg Niederer
"Eine dösende Katze ist das Abbild perfekter Seligkeit." Jules Champfleury (1821-1889)

Ein Bibelvers - Hiob 10,12

"Leben und Liebe hast du mir eingehaucht. Du hast dafür gesorgt, dass ich lebendig bin."

Eine Anregung

Nun ist er im Katzenhimmel, wenn es denn diesen geben sollte.

Hank kam zusammen mit Chester aus einer Tierauffangstation in unsere Wohnung. Mit den beiden störten bald zwei Katzenkisten, ein riesiger Katzenbaum, eine zusätzliche Plexiglasabschrankung am Balkongeländer und noch weiteres Zeug mein Wohlbefinden. Zumindest waren es Katzen, die nie einen Vogel fangen geschweige denn eine Maus töten konnten. Aufgrund einer ansteckenden Krankheit waren sie ausserhalb von Wohn- und Balkonfläche nicht erwünscht. Gut, einmal versuchten sie, auf der Aussenseite des Hauses vom einen Fenstersims zum nächsten zu kommen. Hank gelang es problemlos, doch Chester verlor das Gleichgewicht und segelte vier Stockwerke tief für wenige Minuten in die unbekannte weite Welt. 

Hank, der ausser von mir von allen liebevoll "Hanky" genannt wurde (ich nannte ihn "Katze"), war nicht von der Sorte, die sich dir ans Bein wirft. Er gehörte zu den zurückhaltenden, einzelgängerischeren Typen. Das wiederum versöhnte mich mit der Zeit mit diesem Hausgast. Und dann sein Blick! Als würde er dir mitten in die Seele schauen, (was er vermutlich auch tat, und darum mehr von mir wusste, als ich selbst).

Dann zogen die beiden Katzen mit ihrem Besitzer in eine eigene Wohnung. Was war ich froh. Aber die beiden Schnurrhaarträger fehlten mir bald auch irgendwie.

Am Freitag ist Hank nun heimgegangen, einem Tumor erlegen. Vor drei Wochen habe ich ihn das letzte Mal besucht. Unsere drei Söhne waren wieder einmal gemeinsam an einem Ort, eben da, wo Hank wohnte. Eine gute Gelegenheit, sie alle zusammen zu treffen. Das hatte irgendwie auch den Charakter eines Krankenbesuchs bei Hank, dem geheimnisvollen, reservierten, philosophisch wirkenden, faszinierenden Kater.

Hank gehörte zur Familie meines Sohnes. Entsprechend schwierig war der Abschied. Da wurde auch über die Beisetzung in einem Urnengrab gesprochen. Manche mögen nun sagen, das sei übertrieben bei einer Katze. Doch geht es wirklich um die Katze? Geht es nicht darum, selbst Frieden zu schliessen damit, dass alles, was lebt, auch wieder stirbt, dass alles was kommt, auch wieder geht?

Hank ist nun im Katzenhimmel, wenn es denn diesen geben sollte. Er hat es verdient. Er, der nie einer Maus oder einem Vogel ein Haar, eine Feder krümmte. Er, der genau wusste, wann er mich in Ruhe lassen sollte, und wann nicht.

Ich muss sagen, diese Katze, jetzt wo sie nicht mehr da ist, fehlt auch mir.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 16. November 2024

Kaiserbuntbarsch im Kantonsspital

Ein Zitat

Zuchtform des Kaiserbuntbarsches mit der lateinischen Bezeichnung Aulonocara marmelade cat in einem Aquarium des Kantonsspitals Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Der entwischte Fisch ist immer der größte." Japanische Redensart

Ein Bibelvers - Jona 2,1

"Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang. Und Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches."

Eine Anregung

Ich hatte gestern Vormittag reichlich Zeit, den Buntbarschen zuzuschauen, welche in der Patientenaufnahme des Kantonsspitals Frauenfeld in einem Aquarium herumschwammen. Ich wartete auf die Vorbesprechung einer Operation, die nächste Woche nötig wird.

Wie ich so den Fischen zuschaute, wie sie den Patienten zuschauten, meinte ich, Mitleid in ihren Blicken zu entdecken. Es gibt ja schon Zeiten, in denen ich gerne ein stummer Fisch wäre. Doch meist bin ich ganz zufrieden mit meiner menschlichen Existenz.

Übrigens: Diese Zuchtform des Kaiserbuntbarsches ist ein sogenannter Maulbrüter. Er gibt seinen Jungfischen Schutz in seinem Schlund. Bei aller Vaterliebe bin ich von Herzen froh, dass das bei uns Menschen anders ist. Ich würde ständig befürchten, mich und den Nachwuchs zu verschlucken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 15. November 2024

Was ist denn das?

Ein Zitat

Ein seltsames Objekt steht im Garten eines Hauses im österreichischen Rankweil.
Foto © Jörg Niederer
"Mir ist lieber, in einer von Geheimnissen umgebenen Welt zu leben als in einer, die so klein ist, dass mein Verstand sie begreift." Ralph Waldo Emerson (1803-1882), US-amerikanischer Geistlicher

Ein Bibelvers - 1. Korinther 4,1

"Dafür soll man uns halten: für Diener von Christus und Verwalter von Gottes Geheimnissen."

Eine Anregung

Ich stehe vor einem Rätsel. Hätte ich doch nur vor Ort nachgefragt, was das für ein seltsames Ding ist. Es steht im Garten eines Einfamilienhauses im österreichischen Rankweil. 

Ist das ein Regenwassersammler? Die Bildsuche bei Google zeigt dazu lediglich Sirenenabdeckungen an. Das aber ist es bestimmt nicht, und auch keine Feng-Shui-Pollerleuchte. Eine überdimensionierte Vogeltränke kann es auch nicht sein. Vielleicht ein stillgelegter Decoständer für Blumen und Pflanzen. Es sieht nach UFO aus, aber zu fliegen scheint es nicht. Hat es etwas mit der Heizung zu tun? Versteckt sich da ein Horchposten ins All?

Also ich kann mir aus diesem Ding keinen Reim machen. Aber vielleicht weiss ja jemand von euch, was das sein könnte. Ich bin für alle Anregungen dankbar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 14. November 2024

Goldfarn

Ein Zitat

Ein Wedel des Gewöhnlichen Frauenfarns im Herbst von mir per Photoshop goldig eingefärbt.
Foto © Jörg Niederer
"Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter aussieht." Ernst Bloch (1885-1977), Philosoph

Ein Bibelvers - Psalm 118,8

"Es ist besser, beim Herrn Zuflucht zu suchen, als sich auf Menschen zu verlassen."

Eine Anregung

Sein Geruch soll Flöhe vertreiben: Der Gewöhnliche Frauenfarn. Vor Jahren, in der Zeit der analogen Fotografie, lichtete ich im Herbst einen dürren Wedel ab, der auf dem entwickelten Bild durch den Blitzgebrauch silbrig aufleuchtete. Höchste Zeit einmal ein Farnwedel zu fotografieren, der goldig aus dem Waldgestrüpp hervorsticht. Auch diesmal entstand die überraschende Farbgebung beim Entwicklungsprozess, allerdings wie es sich gehört bei einer digitalen Belichtung, in Photoshop.

Ist das nun schöner als die Wirklichkeit? Wie heisst es doch: "Erlaubt ist, was gefällt".

Bekanntlicherweise wird nun aber in Goethes "Torquato Tasso" - von dort stammt diese Redensart - Tasso von Prinzessin Leonore von Este darauf hingewiesen, dass in der Wirklichkeit daran "ein einzig Wort" sich ändern muss, so dass es heisse: "Erlaubt ist, was sich ziemt"

Damit stellt sich die Frage nach der Moral. Darf gefallen, was sich nicht gehört?

Bei der Einfärbung einer Fotografie mag das ja noch angehen mit dem Gefallen. Doch wie ist das beispielsweise in der Politik. Wie viel Fälschung und Täuschung ist hier zulässig?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 13. November 2024

Also sprach Bellavista

Ein Zitat

Kafi Sali beim Bahnhof Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Fast jeder Mensch ist, wenn er mit anderen diskutiert, aufgrund eines Mangels an Vernunft völlig davon überzeugt, als einziger im Besitz der Wahrheit zu sein." Luciano de Crescenzo

Ein Bibelvers - Sprüche 14,23

"Wer viel arbeitet, wird für seine Mühe belohnt. Wer nur redet, hat nichts davon."

Eine Anregung

Heute Mittwoch, 08.30 Uhr: Die drei Methodistenpfarrer mit Wohnort Frauenfeld treffen sich im Kafi Sali zur Plauderstunde. Das geschieht so alle zwei, drei Monate. Ich bin auch dabei. Meine Krankschreibung sieht vor, dass ich mich bewege. Der Nierenstein soll herausgerüttelt werden. Darüber sprechen wir drei auch kurz bei Espresso und Gipfeli. Aber dann noch über vieles mehr, über Gottesdienste, über kirchliche Gemeinden und wie sie sich an ihrem Lebensende präsentieren, über die EU und die Schweiz, über 100 Weisen den Advent zu feiern, über die Pfarrversammlung, über die Zeitschrift "Kirche und Welt", über die USA und was uns da wohl blüht, über Deutschland und was uns da wohl blüht.

Mir kommt ein Buch von Luciano De Crescenzo in den Sinn: "Also sprach Bellavista". Beim Diogenes-Verlang wird der Inhalt so beschrieben: "Gennaro Bellavista, pensionierter Gymnasiallehrer, ist ein Weiser aus Napoli. Wie einst Sokrates auf dem Marktplatz von Athen, spricht er mit seinen Mitbürgern in Neapel: zu Salvatore, dem Hilfsportier, zu De Crescenzo, dem Ingenieur, zu Luigino, dem Hauspoeten, zum Dottore Palutto. (Donnerstags allerdings nicht, da bleibt er in seinem Bade- und Denkzimmer und empfängt keine Besucher.) Die Gespräche im Hause Bellavista drehen sich um Politik und Essen, um Anarchie und Müßiggang, finden statt zwischen Kabale und Kaffee. Sie sind bunt und voller Anekdoten, sind hochgradig unterhaltsam, und doch enthalten sie einen roten Faden: Bellavistas Theorie von den widerstrebenden Prinzipien der Liebe, die alles zusammenhält, und der Freiheit, die zum Auseinanderstreben drängt."

Nun frage ich mich: Wer von uns dreien hier im Frauenfelder Plauderzentrum ist Bellavista, und wer der Hilfsportier Salvatore?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 12. November 2024

Sichtbarkeit und Wirksamkeit

Ein Zitat

Von der Kirche von Teufen ragt nur die Spitze aus dem Nebelmeer, während die stillgelegte Methodistenkapelle ganz zu sehen ist.
Foto © Jörg Niederer
"Wie wolltest du dich unterwinden, / Kurzweg die Menschen zu ergründen. / Du kennst sie nur von aussenwärts. / Du siehst die Weste, nicht das Herz." Wilhelm Busch (1832-1908)

Ein Bibelvers - Offenbarung 7,9+10

"Danach sah ich eine große Menschenmenge, die niemand zählen konnte. Es waren Menschen aus allen Nationen, Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen. Die standen vor dem Thron und vor dem Lamm. Sie trugen weisse Gewänder und hielten Palmzweige in ihren Händen. Und sie riefen mit lauter Stimme: 'Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.'"

Eine Anregung

Von der Reformierten Kirche in Teufen ragt gerade noch die Turmspitze aus dem Nebelmeer. Auch zu sehen ist rechts auf dem Bild die ehemalige Kapelle der Methodisten. Heute befindet sich eine Wohnung in diesem Gebäude.

Paradox: Die Kirche, die man sieht, hat ihre einstige Funktion und Wirksamkeit verloren. Die andere Kirche, die scheinbar untergegangen ist, wird nach wie vor für das benutzt, wozu sie gebaut wurde; zur Sammlung der Glaubenden und zur Anbetung Gottes.

Der Nebel kann die Sicht nehmen, nicht aber die Wirkung. Darüber werde ich an diesem Tag nachdenken. 

Hier noch ein Hinweis für Schnellentschlossene. Heute besuchen wir eine Moschee. Frau Elvira Zukanovic wird uns das Gotteshaus der Bosnisch-islamischen Gemeinschaft in St. Gallen näher bringen. Treffpunkt ist um 14.50 Uhr bei der Stami an der Winkelbachstrasse 7 in der Stadt St. Gallen. Siehe dazu auch den Flyer!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 11. November 2024

Das kleine Wunder am Wegrand

Ein Zitat

Foto © Jörg Niederer
"Die Liebe ist wie der Tau, der auf Nesseln wie auf Lilien fällt." Schwedische Redewendung

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,28

"Gott soll dir Tau vom Himmel schenken und deinem Boden Fruchtbarkeit, Korn und Wein im Überfluss!"

Eine Anregung

Das Foto ist im vernebelten Wald entstanden. Da gibt es diese Alltäglichkeiten, die bei genauerer Betrachtung trotz trüben Aussichten Freude bereiten. So wie die glitzernden Tautropfen auf Grashalmen. Man beachte, wie die kleinen, perfekt runden Tropfen auf feinen Härchen der Pflanze balancieren. Schon nur dies zu betrachten, tut gut.

Möge der heutige Tag und das, was wir erleben, uns allen gut tun. Im Kleinen, oder auch im Grossen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 10. November 2024

Ich bin fremd, nehmt ihr mich auf?

Ein Zitat

Die Kirche von Teufen versteckt sich im Nebelmeer.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin hier in einem fremden Land. Ich muss sehr vorsichtig sein und auf mich aufpassen. Ich habe kein Geld, um mich behandeln zu lassen." Aus Venezuela nach Chile geflüchtete Maria Cedeno in einem Beitrag auf SRF

Ein Bibelvers - Lukas 10,33+34

"Aber dann kam ein Samariter dorthin, der auf der Reise war. Als er den Verwundeten sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn."

Eine Anregung

Die Kirche in Teufen taucht immer wieder einmal aus dem Nebel auf, um dann erneut fast ganz zu verschwinden.

Hast du heute schon mehr von deiner Kirche gesehen? Zum Beispiel auf dem Weg zum Gottesdienst.

In der Methodistenkirche St. Gallen treffen sich an diesem Sonntag um 10.30 Uhr Menschen aus fünf verschiedenen Gemeinden, um gemeinsam der Frage nachzugehen: "Ich bin fremd, nehmt ihr mich auf?" (Flyer).

Musikalisch wird Singer-Songwriter Carsten Dahmann auftreten. Von Connexio dem Hilfswerk der Methodistenkirche, werden gleich vier Fachleute dabei sein: Geschäftsführer Ulrich Bachmann; Monika und David Brenner - sie haben mehrere Jahre in Südamerika gewirkt; und Nicole Gutknecht, Fachfrau für Begegnungen und Kommunikation.

Der Morgen beginnt mit einen inspirierenden Gottesdienst. Nach dem selbst mitgebrachten Mittagessen und dem offerierten Dessert gibt es vier spannende Workshops. Der Anlass endet um ca. 15.00 Uhr.

Die Methodistenkirche findest du an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Wir freuen uns auf alle Teilnehmenden.

Am Anlass wird eine Kollekte erhoben, welche bestimmt ist für die "Zukunft für Migrant:innen in Chile".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 9. November 2024

Parkplatz Beerdigung

Ein Zitat

Bei Adelboden Oey steht das Vogellisi auf dem kleinen Kreisel, gemeinsam mit einem Wegweiser zu einer Beerdigung.
Foto © Jörg Niederer
"Das Leben ist kein Parkplatz." Titel eines Buches von Dir Rühl

Ein Bibelvers - 1. Mose 24,56

"Haltet mich nicht auf! Der Herr hat meiner Reise Erfolg geschenkt. Lasst mich ziehen! Ich muss zurück zu meinem Herrn."

Eine Anregung

Von der legendären Adelbodner Persönlichkeit Vogellisi habe ich auch schon geschrieben. An dem Tag, an dem ich diesmal das Kreiseldenkmal bei Oey fotografiert habe, weist dort ein Wegweiser zur Beerdigung. 

"Beerdigung Vogellisi", wie soll ich das nun verstehen? Wird das Vogellisi beerdigt? Der Blick der Holzskulptur weist zum Himmel. Soll das eine Anspielung sein, dass wer auf dem Friedhof landet, zugleich Himmelsaussichten hat? Auch möglich: Soll ich den leicht nach unten zeigenden Wegweiser zur Beerdigung gleich dem Vogellisi nicht weiter beachten, und statt dessen den Blick zu den Bergen erheben? 

Friedhof und Freiheit beginnen beide mit dem selben Buchstaben. Was will mir das sagen?

Nun geht es in der Folge dieses Schilds ja gar nicht zum Friedhof, sondern zum Beerdigungsparklatz. Die Beerdigung als Parkplatz? Die Gräber als letzte Parkfelder des Lebens?

Zuletzt: Sind das jetzt ernst zu nehmende Fragen, oder Gedankenspielereien, die ich schnell wieder vergessen kann?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 8. November 2024

Farbverteilung

Ein Zitat

Bildschirmhintergrund auf dem Computer eines Pfarrkollegen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich könnte jemanden mitten auf der 5th Avenue in New York erschiessen und doch keine Wähler verlieren. Ist das nicht unglaublich?" Donald J. Trump

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 2,2

"Betet auch für die Könige und alle übrigen Machthaber. Denn wir wollen ein ruhiges und stilles Leben führen – in ungehinderter Ausübung unseres Glaubens und in Würde."

Eine Anregung

Das Foto zeigt den Bildschirm-Hintergrund eines Kollegen. Immer wieder ist er auf dem Beamer zu sehen, an diesem Tag nach den Wahlen in den USA. Viel Rot, wenig Blau. Unwillkürlich denke ich an die Verteilung der Wahlergebnisse auf die verschiedenen Bundesstaaten der USA: viele rote, republikanische Bundesstaaten, einige blaue, demokratische.

In ungefähr der selben Zeit lese ich das folgende Gebet, geschrieben von der Präsidentin des GBCS (General Board of Church and Society) und Pfarrerin Allison Mark, sowie dem Generalsekretär des GBCS Bischof Julius C. Trimble:

"Geist des lebendigen Gottes, leite uns auf dem Weg des Friedens, halte uns auf dem Pfad der Gerechtigkeit und dem Weg der Liebe für die ganze Menschheitsfamilie.

Wir beten für diejenigen, die heute weinen, da unsere Wahlen Gewinner und Verlierer kennen.

Die Hoffnung auf ein solidarischeres und geeinteres Land bleibt unser Gebet, und dass das Evangelium und die Kirche Heilung und Hilfe für die bringen, die es am Nötigsten haben."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Donnerstag, 7. November 2024

Eine Kerze anzünden

Kerzenbilder am Fenster des Tagungsraums können symbolisch mit Flammenbildern angezündet werden.
Foto © Jörg Niederer
Ein Zitat

"Zwei Kerzen unterhalten sich: 'Ist Wasser eigentlich gefährlich?' 'Davon kannste ausgehen.'"


Ein Bibelvers - 2. Samuel 22,29

"Ja, du selbst, Herr, bringst Licht in mein Leben. Der Herr macht alles Dunkle um mich hell."

Eine Anregung

In einer Kirche eine Kerze anzünden um an einen lieben Menschen zu denken und für ihn zu beten, ist ein schöner Brauch. Pfarrerin Nicole Becher hat am Tagungsort der Pfarrversammlung der Evangelisch-methodistischen Kirche genau das auf originelle Weise umgesetzt.

An den Fenstern wurden Kerzen ohne Flammen aus transparentem Material aufgeklebt. Die Flammen selbst sind ebenfalls aus diesem transparenten Material und liegen in einer Schale bereit. Mit ihnen können nun die Kerzen entzündet werden, indem eine bildliche Flamme an der richtigen Stelle bei einer der Kerzen angebracht wird.

Viele der Pfarrpersonen haben auf diese Weise eine Kerze angezündet und damit Gebetsanliegen sichtbar gemacht. Ich finde, das ist eine sehr schöne Umsetzung dieses alten Brauchs, in einer frischer neuer Weise.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen